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SAMIR 6
Guten Morgen, die Menschenrechte bitte...
von Anis Hamadeh, 12. Juli 2005
Englisch

Eines Morgens, als Samir sich mit dem Kaffeebecher in der Hand an den Rechner setzte, fiel ihm eine Email auf, die er von mehreren Networkern erhalten hatte. Die Überschrift lautete: "Die palästinensische Zivilgesellschaft ruft zum Boykott, zur Desinvestition und zu Sanktionen gegen Israel auf, solange bis es das Internationale Recht und die universellen Prinzipien der Menschenrechte einhält." Schnell las er den Inhalt des Aufrufs. Die Palästinenser forderten ihr Menschenrecht. Da es über all die Jahre nicht möglich gewesen war, Israel zur Einhaltung des Rechts zu bewegen, würde, ähnlich wie in Südafrika, nur ein Boykott zum Frieden führen können. Konkret gefordert wurde das Ende der Besatzung und der Kolonisierung arabischen Landes und der Abbau der Mauer, die Anerkennung der Grundrechte der arabisch-palästinensischen Bürger Israels auf volle Gleichberechtigung und die Anerkennung, der Schutz und die Förderung der Rechte palästinensischer Flüchtlinge auf Rückkehr zu ihrem Land und Eigentum, wie es in der UNO-Resolution 194 vereinbart wurde. Der Aufruf war unterschrieben von fast zweihundert palästinensischen Organisationen, Samir kannte mindestens die Hälfte der Namen auf der Liste.

Er ging mit dem Kaffee zum Fenster und dachte daran, dass dieser gewaltlose Boykottaufruf vielen Deutschen und vielen Israelis in der Seele weh tun würde, sie würden ihn abscheulich finden. Sie würden nicht verstehen, warum ihr Land Israel so stark abgelehnt werden konnte, denn sie hatten ein positives Bild von Israel im Kopf. Dann dachte Samir an seine Familie, der er vor Jahren von den Problemen mit den Eltern erzählt hatte, als er die Familie noch wieder zusammenbringen wollte. Die Kritik an den Eltern hatte ihnen in der Seele weh getan, sie fanden es abscheulich und wurden wütend, als sie es hörten. Sie hatten nicht verstehen können, warum die Eltern so stark abgelehnt wurden, denn sie hatten ein positives Bild von ihnen im Kopf.

Samir seufzte. Hier in Deutschland konnte man einen solchen Boykottaufruf gegen Israel oder gegen Eltern nicht öffentlich vertreten, man wurde dann eher selbst boykottiert. Es ging dabei nicht um die rechtliche Situation, sondern darum, dass bestimmte Leute und Dinge einfach jenseits der Kritik standen. Die deutsche Gesellschaft KONNTE sich nicht gegen Israel aussprechen, weil es dann wieder gegen Juden gehen würde, also in den Nationalsozialismus hinein. So dachten seltsamerweise viele Leute, besonders in der Öffentlichkeit. Ebenso KONNTE man sich in Deutschland und anderswo nicht gegen die Elterngeneration aussprechen, weil die Elterngeneration der Jugendgeneration das Leben geschenkt hat, sie durchgefüttert und ihr Studium bezahlt hat. Es spielte also faktisch keine Rolle, was die Eltern noch taten, sie waren nun einmal, wie sie waren und würden sich nicht ändern. Man musste sich zumindest mit ihnen arrangieren.

Draußen war es heiß, ein herrlicher Sommertag. Samir schaltete den Fernseher ein und sah einen Bericht über das antike Alexandria. In der Ptolemäerzeit war es der progressivste Ort der Welt gewesen, mit einer unglaublichen Bibliothek und kulturellen Vielfalt. Samir liebte die Geschichte. Es gab so viele Dinge in der Welt zu entdecken, so viel zu tun in dieser kurzen Lebensspanne. Aber die Menschen saßen auf ungelösten Konflikten und konnten sich nicht auf die Schönheit der Welt konzentrieren. Sie würden es bestimmt gern, doch es gab eine Massenarbeitslosigkeit, es gab Terrorismus, es gab Klimakatastrophen, es gab Aids. Samir fühlte sich betrogen. Er sah die Massenarbeitslosigkeit nicht als ein Problem, das man "lösen" konnte, denn es war bereits vor vierzig Jahren absehbar, dass unser Wirtschaftssystem darauf hinauslief. Man hatte sich einfach nicht darum gekümmert, genau wie sein Vater sich einfach nicht darum gekümmert hatte, dass er gar nicht das Geld hatte, um seinen Sohn in der Firma einzustellen, nur hatte er es nicht zugeben wollen und so war es zwangsläufig zu schweren Problemen gekommen.

Er ging ins Badezimmer und übergab sich. Wenn es eines gab, das die deutsche Gesellschaft nicht wollte, dann war das die Rückkehr in die Nazizeit. Wenn es etwas gab, das Samir selbst nicht wollte, dann war es dasselbe. Ein übermütiger konservativer Journalist hatte ihm einmal erklärt, dass es in Deutschland nicht mehr dazu kommen könne, weil wir eine freie Presse hätten. Viele Leute schienen zu denken, dass allein mangelnder Judenhass das Gegenteil von Nationalsozialismus war. Wieder musste er sich übergeben. Er hatte sich mit den Mechanismen der Nazi-Ideologie beschäftigt. Ohne Zweifel war die industrielle Ermordung der Juden das Schlimmste, was historisch aus dieser Ideologie erwachsen war. Aber die Nazi-Ideologie brauchte nicht unbedingt Juden, sie brauchte einen Begriff von Nicht-Ariern. Noch genauer gesagt: Sie brauchte Nichtwirs. Wir gegen die anderen, die Nichtwirs. Das war die zentrale Botschaft der Nationalsozialisten. Es war ein obrigkeitsstaatliches Klassensystem, in dem Gehorsam verlangt wurde. Das Staatsgebiet wurde durch Eroberungen erweitert, es gab rassistische Gesetze, Verfolgung, Vertreibung, Enteignung, Ermordungen und Kriege. Rassistische Arroganz, In-Group-Arroganz.

Samir hatte sich von seinen Eltern getrennt, weil er genug hatte von der Arroganz, den Ungerechtigkeiten und Lügen. Er wollte nichts mehr damit zu tun haben, es war eklig. Natürlich hatten die Palästinenser Recht mit ihrem Boykottaufruf. Genauso wie seine Eltern erst jetzt überhaupt verstehen konnten, dass sie etwas falsch gemacht hatten, wo Samir sich angewidert abgewendet hatte, genauso würde auch Israel erst dann beginnen zu verstehen, wenn die Welt laut Nein sagte. Nein zu rassistischen Gesetzen, Verfolgung, Vertreibung, Enteignung, Ermordungen und Kriegen. Nein zum obrigkeitsstaatlichen Klassensystem, Nein zu militärischen Eroberungen.

Sein Magen war jetzt fast leer. Was sollte er tun? Er war Deutscher, er kannte Rassismus und er wusste auch, was familiäre Macht war. Er musste das ablehnen, denn es führte zu bösen Situationen. Er konnte sich als Deutscher nicht so verhalten. Eine Networker-Freundin hatte ihm geraten, eine Therapie zu machen, um mit seinem Familienkonflikt zurecht zu kommen. "Warum rätst du den Palästinensern nicht auch, in eine Therapie zu gehen?" hatte Samir zurückgefragt und zur Antwort erhalten, dass man dies nicht vergleichen könne, weil eine Gruppe andere Möglichkeiten habe, sich bei Ungerechtigkeiten zu solidarisieren. Da verstand Samir, wie tief dieses Zwei-Klassen-System in der Gesellschaft verankert war. Denn natürlich gab es keinen Unterschied des Unrechts, nur weil jemand allein und nicht in einer Gruppe war.

Ein Boykott gegen Israel. Samir spülte seinen Mund aus und setzte sich in den Sessel, um sich zu erholen. Man konnte Israel nicht boykottieren, weil man so etwas nicht tat. Der Status Quo war der, dass Palästinenser Menschen zweiter Klasse waren. Man sagte ihnen: Ihr könnt (in unabsehbarer Zeit) einen (nicht lebensfähigen) Staat haben, aber dafür dürfen die Flüchtlinge nicht zurück. So als würde man sagen: Ihr dürft Stroh essen, aber ihr dürft nicht schlafen. Sie hatten die Menschenrechte noch nicht, mussten sie sich erst verdienen. Beweisen, dass sie Menschen waren. Er fragte sich, wie der Mainstream diese offensichtliche Ungerechtigkeit rationalisierte. Wie er es schaffte, so kaltblütig zu sein.

Er erinnerte sich daran, wie die Gesellschaft reagierte, wenn jemand sich gegen seine oder ihre Familie auflehnte. Vielleicht gab es gleiche Muster. Im Lauf der Zeit hatte er vier Leute kennen gelernt, die von ihrer Familie wegen mangelnder Loyalität in die Psychiatrie gebracht worden waren oder wo zumindest der Versuch gemacht wurde. Der Akt der Isolation wurde damit begründet, dass der Kritiker kein gesunder Mensch war, kein normaler Mensch war, kein Mensch war. Die Kritik wurde nicht als Kritik ernst genommen, sondern als Krankheit. So musste man sich nicht inhaltlich damit auseinandersetzen. Aber das waren Extremfälle gewesen, meistens reichte es aus, die Kritik für eine Weile zu ignorieren, bis sich die Emotionen des Kritikers anstauten und entluden. Dann konnte man sagen, dass der Kritiker aus Emotionen heraus handelte und also irrational war. Es kam bei all dem darauf an, dass Eltern jenseits der Kritik standen, aber das wollte der Mainstream nicht wahrhaben. Er dachte sich tausend Dinge aus, um zu einer anderen Lösung zu kommen.

Mit Palästina war es ganz ähnlich. Der Mainstream fand immer etwas, das Palästinenser irrational erscheinen ließ. Nein nein, das waren doch keine Kritiker, das waren eher Extremisten, Terroristen, Fanatiker, Hassprediger, Israelfeinde, Unzivilisierte, und so weiter. Deshalb konnte man auch so kaltblütig mit ihnen umgehen. Vielleicht wollten sie gar nicht ihre Menschenrechte, sondern waren in Wirklichkeit gegen Juden. So wie bei diesem Boykott. Wenn Israel boykottiert würde, würden sich doch die Nazis freuen. Also ging es nicht. Wenn Palästinenser Menschen wären, würden sich doch die Nazis freuen, weil sie es für sich interpretieren würden. Es gab gute Gründe dafür, warum die Dinge so waren, wie sie waren.

Samir hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden. Er hatte Fehler gemacht, andere hatten Fehler gemacht, die Dinge waren, wie sie waren. Zu seinem Schicksal gehörte, dass er Veränderung wollte und sich nicht einschüchtern ließ. Er hatte sich von der Gesellschaft ein wenig zurückgezogen, weil er nicht mehr so oft verletzt werden wollte. Es gab derzeit keine andere Möglichkeit. Wenn man ihm nicht zuhörte, konnte er nicht bleiben, dieses Schweigen schmerzte ihn. Er kannte außerdem die Gefahr, die von ihm selbst ausgehen konnte, wenn er sich bei anderen Leuten unverstanden fühlte. Er wollte zurück in den Garten und hoffte, dies bald zu können und den Schmerz hinter sich zu lassen. Er war sich sicher, dass es Wege dahin gab. Das Wichtigste war zu wissen, wo man stand und warum und Samir wusste, wo er stand und warum.

ENDE DES SECHSTEN TEILS


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