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SAMIR 5
Der Tag, an dem die Angst verschwand
von Anis Hamadeh, 01. Juli 2005
Englisch

Samir lief durch seine Erinnerung und durch das Damaskustor in Jerusalem. Er schlenderte durch die Altstadt, sah sich die Auslagen der Händler an, die Anwohner, die Touristen, die Sicherheitsleute. 6000 Jahre Geschichte hatte dieser Ort erlebt, dies war kaum vorstellbar. Viele Plätze gab es hier in Jerusalem, an die Samir sich erinnern konnte. Die alte Hippie-Herberge, in der er einst für ein paar Tage geblieben war. Die Wohnung der deutschen Professorin, wo ein Treffen mit der Studentengruppe stattgefunden und man über die Architektur und Ornamentik des Felsendoms gesprochen hatte. Samir hatte auch die Aufführung eines Stücks von Kafka gesehen, im Hakawati-Theater. Kafka auf Arabisch, das war eine erstaunliche Erfahrung gewesen. Bei einem anderen Besuch saß er Wasserpfeife rauchend mit seinem Kumpel Albert in den Straßen der Altstadt. Alberts Vater war Altertumshistoriker und sie hatten einen Rundgang mitgemacht und sich die Geschichte der Stadt erklären lassen. Auch durch eine unterirdische Wasseranlage waren sie gegangen, barfuß durchs Wasser, unter der Stadt. Samir hatte "Somewhere over the Rainbow" angestimmt, weil die Akustik phantastisch war. Als Albert und er so in der Gasse saßen und Backgammon spielten, hörte Samir plötzlich eine altvertraute Stimme, die seinen Namen rief. Es war Emma, eine jüdische Engländerin, mit der er in Alexandria studiert und die er seit Jahren nicht gesehen hatte. Eine zufällige Wiederbegegnung. Mit ihr verabredete er sich für den Abend.

Emma ging mit ihm durch einen kleinen Pfad, den Samir weder kannte noch wiederfinden würde, wenn er noch einmal hier wäre. Sehr lange liefen sie nicht, dann erreichten sie den Westteil der Stadt. Dort gab es eine Fußgängerzone, Straßenmusikanten und westliche Imbiss-Restaurants. Von dieser Welt hatte Samir bislang nichts gewusst. Er hatte schon gewusst, dass es auch ein jüdisches Jerusalem gibt, aber nicht, wie es dort war. Hatte es vielleicht verdrängt, wollte nicht daran denken, weil damals viele einheimische Menschen gehen mussten, damit der neue Staat entstehen konnte. Heute lebten siebzig Prozent der Palästinenser außerhalb des Landes und sie durften nicht zurück in ihre Heimat, auch wenn das internationale Recht es so vorsah. Deshalb ging Samir nicht mit derselben Unbeschwertheit durch die Straßen von Westjerusalem, auch wenn er diesen Teil der Stadt faszinierend und inspirierend fand. Besonders mit Emma neben ihm, die ständig etwas Lustiges im Sinn hatte und keck die Konventionen sprengte, wenn sie sich zum Beispiel als Frau in ein arabisches Café setzte, ohne mit der Wimper zu zucken oder wenn sie vor ihren jüdischen Freunden betont positiv über Araber sprach. Sie erzählte auch schon mal einen Witz, der bei der einen oder anderen Gruppe auf Entsetzen stoßen konnte.

Als er mit Emma durch Westjerusalem spazierte, bemerkte Samir, dass die Mülleimer auf der Fußgängerzone oben vergittert waren, damit keine Bomben hineingesteckt werden konnten. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, dass auch die israelische Gesellschaft, nicht nur die palästinensische, mit gewichtigen Ängsten lebte. Auch die vielen Checkpoints und Sperrungen wiesen darauf hin. Oft hatte es gewalttätige Anschläge gegeben, hier und in anderen Städten des Landes. Die Bevölkerung war sensibel geworden für jede verdächtige Bewegung. Es war die Furcht vor Gewalt und sogar die Furcht, die Existenz zu verlieren. Dennoch war viel Leben in den Straßen von Westjerusalem und die Menschen hatten einen Alltag.

Samir durchquerte den Park auf dem Weg zu seiner Wohnung, war aber in Gedanken noch in Jerusalem. Was hielt ihn eigentlich davon ab, wieder ins Land zu fahren? Ihm wurde bewusst, dass er schon lange nicht mehr da gewesen war, weder in Jerusalem noch sonstwo im Land. Dabei kannte er so viele Leute dort: seine Familie in Nablus und die ganzen Leute, die er in den letzten Jahren über das Internet kennen gelernt hatte, Muslime, Christen, Juden. Eigentlich sollte er jetzt wieder hinfahren, dachte er, und all die Leute besuchen. Mit ihnen reden und Reportagen schreiben, die Kommunikation öffnen und Leute zusammenbringen. Es gab einige israelisch-palästinensische Gruppen, die sich für ein friedliches Miteinander einsetzten, Friedensdörfer und Kultur-Initiativen, Institutionen wie Givat Haviva. Es gab Inseln der Begegnung und künstlerische Auseinandersetzungen. Da waren genügend Ansatzpunkte, um weiterzukommen.

Er stieg die Treppe zu seiner Wohnung hinauf und kramte in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel, obwohl er damit gerade erst die Haustür aufgeschlossen hatte. Warum zog es ihn nicht wieder hin ins Heilige Land? Hatte er keine Sehnsucht? In den letzten Wochen war ihm klarer geworden, dass es unsichtbare Mauern gab, die ihn daran hinderten zu fahren. Er musste darüber nachdenken, denn am Wochenende würde er wieder mit Ari und Sarah auf der Bühne stehen und sich für die Verständigung zwischen Palästinensern, Israelis und Deutschen einsetzen. Er wollte, dass der Krieg zu Ende ging. Dass die Wunden heilten, die in den Gesellschaften entstanden waren.

Mit diesen Gedanken im Kopf nahm er den Telefonhörer in die Hand und rief Ari an. "Kennst du das auch", fragte er ihn, "wenn man manchmal vor seiner eigenen Gruppe Angst bekommt? Nicht die Art von Angst, bei der man sich unter dem Bett versteckt und sich an seinen Teddybären klammert, sondern ich meine die Art, die dazu führt, dass man den Kontakt zu Leuten nicht pflegt, die einem eigentlich wichtig sind. Wenn da zu viele Dinge sind, über die nicht gesprochen wird." Ari überlegte eine Weile. Samir wusste nicht genau, warum er Ari gefragt hatte, aber er wollte keinen Palästinenser fragen und auch keinen Deutschen. Dann sagte Ari: "Ich bin wahrscheinlich nicht repräsentativ, weil auch ich schon lange außerhalb des Landes lebe. Aber Sarah und ich fahren fast jedes Jahr hin und leben bei den Menschen dort. Es gibt durchaus solche Problempunkte, besonders zwischen der Kibbuzbewegung und den konservativen Likud-Leuten. Ich bin im Kibbuz aufgewachsen, meine Erziehung war humanistisch. Wir haben gelernt, dass man andere Menschen mit Respekt und Toleranz behandelt, egal welche Hautfarbe oder Religion sie haben. Deshalb bin ich zum Beispiel auch gegen die Siedlungen und gegen die Besatzung. Der Staat Israel ist dabei für mich etwas Positives, weil er Heimat und Sicherheit für mich bedeutet, trotz aller Probleme, die es sicherlich gibt. Ich sehe viele Errungenschaften meines Landes, was Wissenschaft und Kultur angeht."

Noch einmal setzte sich Samir in Gedanken ins Flugzeug und flog in das Land. In seiner Hand war ein Geigerzähler, ein Messinstrument, das knackende Laute von sich gab, wenn Spannung und Gewalt in der Luft lagen. Je näher er kam, desto lauter und intensiver wurden die Geräusche. Am Flughafen angekommen, konnte er in dem Lärm kaum die Anweisungen der Sicherheitskräfte verstehen. Hier war überall Spannung und Verdächtigung. Man fragte ihn, wo genau er hin wollte und wieso und warum. Man durchsuchte ihn, weil er verdächtig war, so wie jeder. Unwillkürlich begann auch er zu verdächtigen und misstrauisch zu sein. Diese Sicherheitsbeamten waren vielleicht zuvor Soldaten gewesen und mit Panzern in arabische Städte gefahren. Doch der Geigerzähler hörte nicht auf, Alarm zu schlagen, selbst als Samir nach Stunden durch die von Blüten geschwängerte Luft gefahren und in Nablus angekommen war. Er spürte Angst.

Samir war überzeugt davon, dass zum Frieden mehr gehörte als ein paar Entscheidungen von Politikern. Es gehörte ein Menschenbild dazu, eine Mentalität, eine Bereitschaft. Der Schmerz, den er in der Stadt seiner Verwandten unter der Oberfläche gespürt hat, war enorm und mit Worten kaum zu beschreiben. Viele Bewohner der Stadt mussten diesen Schmerz von sich trennen, um emotional überleben zu können. Dadurch verloren sie den Kontakt zu ihrem eigenen Selbst. Es war ein Teufelskreis. Man konnte ihn nicht auflösen, indem man sich auf eine einzige Gruppe konzentrierte, man musste das Prinzip der Angst überall gleichzeitig zu Bewusstsein bringen. "Unter der Besatzung ist es sehr schwer zu überleben", hatten ihm Leute aus Nablus zu Recht gesagt, "Hoffnungslosigkeit und Armut machen unsere Gesellschaft kaputt. Ist es da notwendig, dass du die palästinensische Gesellschaft kritisierst? Wir haben so viel verloren und sind auch jetzt nicht frei. Der Druck von außen ist sehr groß. Wir stehen unter Kriegsrecht und haben kaum Handlungsspielraum." Samir wusste das. Er konnte aber diese Ängste nicht ignorieren, denn sie standen für etwas Allgemeines, etwas Wichtiges.

Mit Ari lief Samir an der Mauer entlang, an der Mauer, die zwei Gesellschaften trennen sollte. Sie sprachen nicht. Sie gingen zusammen, mal auf der einen Seite der Mauer und dann wieder auf der anderen Seite. Als Ari sagte, er sei vielleicht nicht repräsentativ, dachte Samir, er sei es noch weniger. Aber wer war in diesem Konflikt schon repräsentativ? Natürlich, in der Hauptsache ging es um die Leute, die dort lebten und die von den politischen Verhältnissen unmittelbar betroffen waren. Aber auch die sahen ihre jeweiligen Ausschnitte und auch die lebten mit Konstrukten und interpretierten die Nachrichten individuell. Außerdem wünschten sie sich, dass die Welt dazu beiträgt, dass es zum Frieden kommt, denn allein schafften sie es nicht. Dies zumindest war eine Meinung, der sich weite Teile auf beiden Seiten anschließen konnte.

In seiner Wohnung angekommen schaltete Samir den Fernseher ein und sah, wie die israelische Armee die illegalen Siedlungen im Gazastreifen räumte. Wann würde es zum Frieden kommen? Was musste geschehen, damit es einen wirklichen Frieden gab? Die Meinungen zu diesem Thema gingen weit auseinander, auch zwischen Samir und Ari. Eines allerdings glaubte Samir beisteuern zu können, um zu erklären, was ein Leben ohne Angst bedeuten konnte und warum Frieden eine Situation war, die für jeden und jede Freiheit bedeutete. Es war eine Vision, ein Bild, das ihm einmal im Traum erschienen war und das er nie mehr vergessen konnte.

Es war in Jerusalem. Aus der ganzen Welt waren Menschen zusammengekommen, um das größte Fest zu feiern, das die Menschheit jemals gefeiert hat. Nicht nur in der Altstadt und im Westteil der Stadt, nein, die Feiern breiteten sich über das gesamte Land aus und wurden über Satellit in die Welt übertragen. Überall spielten Musikgruppen und lasen Dichter, man aß und trank, diskutierte und schrieb, in den Straßen tanzten die Menschen. Es war der Tag, an dem die Sicherheitsängste überwunden waren. Immer wieder hatten sich nämlich einige Leute aus den gegnerischen Gruppen Gedanken über die Kernpunkte des Konflikts gemacht und Wege entwickelt, um sie systematisch und ohne Gewalt zu lösen. Man hatte einen einheitlichen Maßstab gefunden, nach dem man die gewalttätigen Extremisten aller beteiligten Seiten in die Mitte zurückbringen und nach dem man seine Ängste sinnvoll hinterfragen konnte. Die meisten der Extremisten gingen ganz von allein zurück, als sie sahen, dass sie keinen Boden mehr für ihre Ideen hatten. Es blieben ein paar Unverbesserliche zurück, mit denen man aufgrund der überwältigenden Mehrheitsmeinung leicht fertig wurde. Es stellte sich heraus, dass immer weniger Sicherheitsmaßnahmen nötig wurden und dass sich die gesamte Lage dadurch entspannte und immer weiter entspannte. Das Jerusalemer Fest kam dadurch ganz von selbst in Bewegung. Es war der Tag, an dem die Angst verschwand. Wie ein Schleier fiel sie von den Leuten ab und vor ihren Augen zeigten sich Horizonte, die kaum jemand geahnt hatte. Die Energien, die jahrzehntelang gegeneinander gerichtet waren, befruchteten sich jetzt und brachten eine neue Welt hervor. Für diesen Tag, so dachte Samir, wollte er sich bereit machen und damit beginnen, seine eigenen Ängste zu hinterfragen. Der Tag, an dem die Angst verschwinden würde, war der Tag, an dem aus Stacheldraht Notenlinien wurden. Von diesem Tag wollte er berichten, denn es war ein großer Tag.

ENDE DES FÜNFTEN TEILS
Weiter in Teil 6: "Guten Morgen, die Menschenrechte bitte..."

Zur Übersicht: Samirs Abenteuer



Anmerkung:

Buch Micha (um 750 v. Chr.), Kapitel 4,1-5
Das kommende Friedensreich Gottes
"In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 3Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet. Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!"
Vergleiche auch: Jesaja 2,2-4 / Lukas 24,47

Danke Pfarrer Dr. Ulrich Luig aus Mainz für den Hinweis.
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