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SAMIR 4
Durch die Zeit wächst eine Blume
von Anis Hamadeh, 25. Juni 2005
Englisch

Samir lief barfuß auf dem Rasenpfad durch den Garten, den er vor einigen Jahren angelegt hatte. Er führte bis hin zum Meer. Alle möglichen Arten hatte er hier angepflanzt, manche im Freien, manche unter dem Sicherheitsglas. Er blieb vor einer Gruppe von Mumienrosen stehen, die in Blüte stand, ebenso wie die anderen Rosen seit ein paar Tagen ihre Blüten öffneten, auch die Azaleen und Rhododendren. Hier im Eingangsbereich des Gartens war der Boden sehr fruchtbar und brachte Obstbäume und Gemüse hervor. Samir hatte verschiedene Pfade angelegt, auf denen er sich bewegte, je nach dem, in welcher Stimmung er sich befand. Heute früh war er mit einer großen Wasserflasche im Rucksack aufgebrochen, denn er wollte den ganzen Weg bis zum Strand gehen. Dort gab es eine Höhle, die für Samir eine besondere Bedeutung hatte. Er konnte dort mit seinen Ahnen sprechen.

Überall in diesem Garten gab es versteckte Winkel und besondere Plätze. Die Vormittagssonne war bereits heiß geworden, als Samir den schattigen Teich erreichte, den er den Silberteich nannte, weil er, wenn das Licht günstig war, in silbernen und goldenen Farben leuchtete. Er setzte sich auf den Steg, kühlte seine Füße und zündete sich eine Zigarette an. Es war windstill und durch die Blätter der umliegenden Bäume blitzten weißgelbe Sonnenstrahlen. Würde es ihm gelingen, Kontakt aufzunehmen? Er horchte in sich hinein und spürte seine Last, seine Fragen und die Zweifel, die ihn zu dieser Reise motiviert hatten. Auch die Hoffnung spürte er, die in zu dieser Reise veranlasst hatte. Denn seit ein paar Tagen fühlte sich Samir mit seinem Schicksal wieder verbunden. Was auch immer dies für ein Schicksal sein mochte, er lebte jedenfalls nicht daran vorbei, das merkte er wieder. Und wollte mehr darüber wissen.

Auf der nächsten Etappe seines Weges begegnete er dem markierten Bambus. Viele Orte des Gartens hatte er mit Farben und Zeichen versehen, teils um nachahmend an seiner Umgebung teilzuhaben, teils um Kunst daraus zu machen. Samir liebte Kunst. Auf dieser Strecke waren Bambuspflanzen in Abständen von etwa fünfhundert Metern angelegt. Es war ein wiederkehrendes Motiv, das ihn heute daran erinnerte, wie sich Situationen wiederholten, während man auf seinem Weg ging. Zunächst blieb Samir bei jedem Bambus stehen und horchte in sich hinein. Irgendwann begann er aber, sich darauf zu konzentrieren, wie er sich in den Zwischenräumen zwischen den Bambuspflanzen fühlte, wenn er sie durchschritt. In seiner Familie war er auch immer wieder an dieselbe Stelle gekommen, in den Konflikt gekommen. Er hatte den Konflikt nicht lösen können und war jedes Mal weitergegangen, bis er wieder an dieselbe Stelle kam. Er war nicht im Kreis gelaufen, denn es war jedes Mal anders weitergegangen, doch in den Konflikt kam er immer wieder, mit allem Schmerz und aller Not, die das mit sich brachte.

Mit jedem seiner Schritte wurde Samir leichter. Er spürte Freiheit unter dem klaren sonnigen Himmel. Da waren keine Fesseln mehr an seinen Füßen. Doch bevor er die Höhle erreichen würde, musste er noch einige Schatten aus seinem Bewusstsein verbannen. Sein Geist war abgelenkt von den Erstaunlichkeiten seines Vaters, Darth Vader. Samir wusste jetzt, dass sein Vater verloren war, schon lange verloren gewesen war. Seit Neuestem verlangte er von Joana eine rückwirkende Miete seit letztem August. Samir hatte bis heute nicht erfahren, was Joana eigentlich vorgeworfen wurde und warum Darth Vader nicht wenigstens ihre Arbeitszeit verrechnete. Immerhin hatte sie in der ganzen Zeit für ihn gearbeitet, wobei Darth selbst ihr eine schnellstmögliche Anstellung in Aussicht gestellt hatte. Auch die Wohnung war seine Idee gewesen, nicht ihre. Er hatte die ganze Zeit über Grauzonen geschaffen, in denen Joana abhängig gehalten wurde (, die es sich hat gefallen lassen, was allerdings keine gute Entschuldigung war). Nie hatte Darth von sich aus klare Verhältnisse geschaffen. Mit Samir wollte er es auch so machen und hatte ihn tiefer und tiefer in sein Loch gezogen, bis hin zu Schwarzgeldzahlungen im Mai, just als er Joana ebenso massiv wie unberechtigt des Diebstahls bezichtigt hatte. Samir hatte sich aus seinen Fängen gelöst, bevor es zu spät war. Er holte die Wasserflasche hervor, nahm einen Schluck und befeuchtete seinen Nacken, Gesicht und Füße. Da war kein Vertrauen mehr zwischen ihm und Darth. Nach all dem glaubte er ihm gar nichts mehr.

Am nächsten Bambus ließ er sich auf die Knie fallen und nahm trockene Erde auf, die er aus seiner Hand rieseln ließ. Sein Geist war getrübt, weil er wollte, dass der Patriarch fiel. Er wollte eine neue Welt aufbauen und in dieser Welt gab es keinen Platz für Gewalttäter. Gleichzeitig war ihm klar, dass ihn diese Einstellung von der Gesellschaft entfernen konnte. Darth Vader wurde von der ganzen Familie geschützt ebenso wie von seinen Untertanen in der Firma. Er wurde auch von der Gesellschaft geschützt. Samir hatte jahrelange Erfahrung damit, wie die Gesellschaft darauf reagierte, wenn man sie damit konfrontierte. Es perlte ab wie Wasser von einer Regenjacke. Er musste mit seinen Ahnen sprechen!

Als er das Dickicht des Waldes erreicht hatte, war der Nachmittag bereits angebrochen. Die Nacht würde lang werden, Samir wollte eine Mahlzeit einnehmen. Am Vormittag hatte er Früchte und Beeren auf dem Weg gesammelt und gleich gegessen. Nun suchte er sich einen starken Ast und brach ihn aus dem Baum heraus. Aus seiner Tasche holte er eine Schnur sowie Pfeilspitzen, die er vorbereitet hatte und ein Messer. Innerhalb von Minuten hatte er sich einen Bogen und zwei Pfeile gebaut. Hinter dem Wald lag in einer Senke die Hütte, von dort aus konnte man bei gutem Wetter die Brandung hören. Dort wollte er seine Mahlzeit zubereiten. Samir bewegte sich lautlos durch den Wald und fand einige Pilze, die er einsteckte. Er hielt seine Nase in die Luft und suchte dann wieder den Boden ab. Für einen Moment war ihm, als sei er nicht allein, als wären die anderen bei ihm. Er drehte sich unwillkürlich um, doch da war niemand. Samir setzte sich an einen Baum und holte ein ockergelbes Farbpigment aus der Tasche, das er mit etwas Wasser anrührte. Er bemalte damit seine Stirn, Wangen, Brust, Arme und Beine. Es folgte eine rotbraune Farbe, die er ebenfalls anlegte und eine dunkelgraue. Danach versah er auch den Baum mit farbigen Zeichen, betrachtete ihn lange und bemalte dann den Bogen und die Pfeile. Wieder schien es ihm, als sei er nicht allein, doch da war niemand sonst.

Plötzlich hatte er eine Wahrnehmung und drehte den Blick fließend nach links. Es war ein Hase, er stand etwa fünfzig Meter entfernt, reglos und aufmerksam, er hatte Samir aber nicht gewittert. Nach ein paar Sekunden senkte der Hase den Blick und schnüffelte am Boden herum. Der Mann sah ein letztes Mal auf den Baum, strich über seine Rinde und bewegte sich dann mit großer Langsamkeit und in geduckter Haltung in Richtung des Hasen, ohne ihn dabei auch nur für einen Moment aus den Augen zu lassen. Wie eine Schlange kam Samir näher und folgte dem Hasen in den Wald...

Da waren nur er, die anderen und das Tier. Es war ein großes Tier, sie würden tagelang davon leben können. Aus dem Fell wollte er Schuhe machen für seine Frau, die zu Hause auf ihn wartete. Das Paar, das sie jetzt trug, war schon alt geworden und sie würde sich darüber freuen. Er hörte Trommeln aus der Ferne, sie sollten die Jäger ermutigen und ihnen Erfolg bringen. Samir rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf. Da waren keine anderen, da waren auch keine Trommeln. Vor ihm verschwand der Hase in einem Gebüsch. Der Mann war jetzt nur noch sieben Meter von dem Tier entfernt. Er richtete sich hinter einem Baum auf und spannte den Bogen. Während er sich mit unendlicher Langsamkeit um den Baum drehte und den Pfeil in immer genauere Position brachte, konnte er das Fell des Tieres durch die grünen Blätter hindurch sehen. Gleich würde es wieder hervorkriechen und weiterhoppeln. Der Jäger schloss die Augen und sprach zu dem Geist des Hasen. Anders als bei den Menschen hatte nicht jedes einzelne Tier einen Geist, sondern die gesamte Art hatte einen einzigen Geist, der in jedem Individuum gleich war. Er bat den Geist des Hasen um Erlaubnis, ihn zu schießen, um seinen Hunger zu stillen und wusste genau, wann er die Augen wieder öffnen musste. Das Tier hoppelte gelangweilt aus dem Gebüsch und wurde sofort von dem Pfeil erlegt. Es sank zusammen und war tot. Der Jäger trat heran, dankte dem Hasengeist für die Gabe und machte sich ohne Umschweife daran, das Tier auszunehmen und oben am vormaligen Bogen mit der Schnur zu befestigen, die er am unteren Ende gelöst hatte. Mit diesem Bündel erreichte er die Senke. Er schnitt die Vorderläufe an den Gelenken ein und band sie außen an die Hütte. Dann zog er mit Kraft das Fell ab, suchte Feuerholz zusammen und bereitete den Hasen zu, mit Salz. Dazu aß er die Pilze. Er dachte an die Höhle, die er am Abend erreichen würde.

Selbst wenn es ein Mörder ist, muss man ihm die Tür aufmachen, wenn es ein Familienmitglied ist... Samir erinnerte sich an die Worte von Darth Vader und fragte sich, wie lange dieses Denken schon in den Köpfen seiner Ahnen sein mochte. Er würde zwar nicht ausschließen, die Tür für einen Mörder zu öffnen, aber dieser Satz war wirklich seltsam, so als könnte man damit Dinge tolerieren, die nicht tolerabel waren. Würden sie überhaupt mit ihm reden? Er hatte über seinen Vater geurteilt. Allein das. Er hatte das klingonische Kriegerethos verletzt. Dies war nicht nur das palästinensisch-klingonische Ethos, das gern mit den Umständen der Besatzung erklärt wurde, oh nein, dies betraf ebenso das deutsch-klingonische Ethos, eine feine, verborgene Sehnsucht nach den Beats älterer Zeiten, die Samir nicht entgangen war.

Er wollte lieber an den Garten denken, in dem er frei war und den er gestalten konnte, wie er wollte. Hier wohnte weit und breit niemand. Samir sprach selten von "seinem" Garten, weil der Ort keine Grenzen hatte. Er ging über in Wälder, Wiesen und Strand und überall hatte Samir seine Spuren hinterlassen, Räume gestaltet, Objekte geschaffen, Kanäle gezogen und Pflanzen ausgesucht. Die Tiere reagierten manchmal auf seine Kunst. Ganz ohne Mühe hatte er sich in dem Gebiet bewegt und einfach das getan, was er wollte. Irgendwann hatten sich Strukturen ergeben, die er miteinander verband und ergänzte. In dieser Natur hatte er starke Inspirationen erfahren und unmittelbar zurück nach außen gebracht. Manchmal wünschte sich Samir, einen Kopfmenschen hierher in diesen Garten zu entführen und ihm diese ganze Pracht sinnlich vorzuführen. Er würde ihm die Gegend zeigen wie ein Museumsführer, wie ein Touristenführer. Sehen Sie nur, würde er sagen, hier kann man sich wohl fühlen. Und der touristische Kopfmensch würde bestimmt zustimmen. Ja, würde Samir dann sagen, es ist ein wunderbarer Ort. Und das hat alles mit Vernunft überhaupt nichts zu tun! Und der Kopfmensch würde etwas zum Nachdenken haben.

Der Jäger saß satt im Schatten in der Nähe der Feuerstelle und reinigte das Hasenfell mit Wasser aus dem Brunnen. Er würde es hier zurücklassen, so wie den Rucksack, wenn er sich zum letzten Stück des Weges aufmachen würde. Aber jetzt war er noch zu faul. Er streckte die Beine aus und döste. Während sein Geist durch den Garten lief, lächelte sein Körper bei geschlossenen Augen. Er wollte immer in diesem Garten sein, hier war die Harmonie des Lebens hergestellt. Es war eine reale Welt, nicht so wie die meisten anderen, in denen Gewalt die Luft zerstört hatte, wie er es nannte. Andere Welten mochten ähnlich aussehen, ähnlich riechen und ähnlich schmecken, aber normalerweise wurden dort Spannungen aufgebaut, wodurch die Kunst nicht frei fließen konnte. Der gesamte spirituelle Verkehr wurde behindert, so, als wäre ständig das Telefon besetzt oder als würde es abgehört. Die Menschen gaben ihre Natürlichkeit auf, weil sie glaubten, dass sie es so tun mussten. Sie sahen sich sehnsuchtsvoll Filme an, aber das war Samir zu abstrakt. Es war ihm bereits zu abstrakt, Gott für die Mahlzeit zu danken, obwohl seine Spiritualität monotheistisch geprägt war. Das Ganze war für ihn Eins, es war Gott. Je stärker seine Inspirationen waren, desto stärker tendierten sie dazu, alle Dinge zu verbinden zu einem zu machen, zu einem Unendlichen. Gott war nicht getrennt von der Welt und Samir war nicht getrennt von Gott.

Er löschte die Glut, band sich die Wasserflasche an den Gürtel und steckte das Feuerzeug in die Hosentasche. Weiter ging die Reise. Auch in dieser Senke und darum herum hatte er Blumen gepflanzt und Orte gestaltet. Einiges davon war bereits verwittert, anderes, wie die Objekte aus aufgetürmten Steinen, stand noch da wie früher. Schon bald erreichte er die grasigen Hügel, die in Sanddünen übergingen. Auf dem Hügel stehend kam ihm die Luft des Meeres entgegen. Er hörte aus der Ferne Möwen rufen. War er nicht ganz früher schon einmal hier gewesen? Hatte nicht hier einst ein Dorf gestanden, mit Häusern aus Stein und Schafherden, die über die Hügel zogen? War nicht dort hinten ein Hafen gewesen und war er nicht selbst mit Schiffen von dort losgezogen und wieder zurückgekehrt? Samir wusste es nicht, ihm kamen schemenhafte Gesichter in den Sinn, die er nicht zuordnen konnte.

Bevor er die Grotte betrat, ließ sich Samir vom Ozean die Farbe vom Körper waschen. Der ganze Strand war menschenleer, der Sand noch heiß im Abendlicht. Hier in der Bucht war durchaus Platz für ein paar Schiffe, aber es waren keine da. Nichts, keine Angler, keine Gespräche, überhaupt keine von Menschenhand geschaffene Sache. Samir war ein Teil dieser Welt wie die Wellen um ihn herum und der Sand unter seinen Füßen. Die letzten Sonnenstrahlen trockneten ihn, dann betrat er die Höhle und entzündete die Fackeln, die in er in einem Loch in der Wand deponiert hatte. Die Grotte hatte mehrere Räume, Samir hatte sie erkundet, als er zum ersten Mal hier war. Es war ein magischer Ort. Der Raum, in dem er jetzt die Fackeln verteilte, war mit feinem Sand ausgelegt. An seiner Frontseite war eine Wand mit Malereien, die aus einem anderen Jahrtausend stammten. Der Mann strich mit den Fingern über die Wand, die fast glatt war und einen heimeligen Geruch an sich hatte. Ohne den genauen Grund dafür zu kennen, wusste Samir, dass an diesem Ort vor Urzeiten schon die Menschen Kontakt zu den Ahnen hergestellt hatten. Welches Geheimnis war das, das die Urmenschen kannten? Oder war es in Wirklichkeit nur Spinnerei und Einbildung? Eine rauschhafte Übertreibung und grobe Missdeutung von angeblichen Zeichen. Könnte sein. Wie aber stand es mit dem Erleben der beteiligten Personen? Da war subjektiv etwas, etwas Substanzielles, oder vielleicht nicht?

Mit der rechten Ferse schlug Samir einen Rhythmus in den Sand. Um diesen Ort zu öffnen, musste er ihn bewegen. Sich in die Trance begeben. Mit jedem vierten Schlag summte Samir einen Ton, den er modulierte, bis er auf den Hall in der Höhle abgestimmt war. Er experimentierte mit dem Ton, fügte einen Auftaktton dazu und ließ den Rhythmus auf seinen Kopf übergehen, der jetzt wie im Tanz nach vorn und zurück ruckte. Er sah wieder die Schafherden auf den saftigen Hügeln und einige Menschen am Rand, die sich zu unterhalten und zu scherzen schienen. Er zoomte sich näher heran und erkannte, dass er selbst einer dieser Leute war. Er trug Sandalen und ein sandfarbenes Gewand, auf seinem Kopf lag ein Tuch. Sein Alter Ego war ungefähr sechzig Jahre alt, er zeichnete mit einem schmalen Stock etwas unter sich in den Boden. Zwei Kinder saßen um ihn herum, die dazwischenriefen. Er sprach mit den Kindern. Samir konnte in seiner Vision nicht erkennen, was da auf den Boden gezeichnet wurde. Plötzlich hob der andere den Blick, als hätte er etwas bemerkt. Ohne dass seine Lippen sich bewegten, sprach der andere: "Wir sind vor vielen tausend Jahren hier her gekommen und es liegen noch viele tausend Jahre vor uns." Sein Gesichtsausdruck war kraftvoll und gelassen. Samir konnte in seine Augen sehen, sie waren klar und aufgeräumt. Lange sah er hinein, saugte sich fest an diesem Bild, wollte diese Augen nie mehr vergessen. Es war Befreiung darin, es war Heimat darin. "Durch die Zeit wächst eine Blume." Die Hügel verschwanden, die Schafe huschten weiß über die Erde und zerstreuten sich. Die Gegend zog an ihm vorbei, er drehte sich, fand den Ton wieder und stieß ihn rhythmisch aus, ihn dieses Mal als Bremse verwendend, bis er sich wieder in die von Fackeln erleuchtete Höhle zurückbrachte und erschöpft zu Boden fiel.

Dies musste einer seiner Vorfahren gewesen sein, dachte Samir. Er hatte nicht wirklich mit ihm sprechen können… oder doch? War es nicht, als hätte der andere ihm erzählt, dass es auch andere Zeiten gegeben hat, Zeiten, in denen es diese Spannung in der Luft nicht gab? Damals, als die Menschen ihre Impulse noch hinterfragten und sie noch nicht leugneten. Als sie Wahrheit noch im Kontrollverlust der Trance suchten und nicht in der vermeintlichen Kontrolle eines selbst geschaffenen Koordinatenkreuzes. Selbst die Heiligen Schriften waren in Trancen entstanden, ohne Kontrollverlust wäre so etwas gar nicht denkbar. Wie sollte man die Religion verstehen können, wenn man sie an Worten und Riten festnagelte und versuchte, die Welt in ein Schema zu pressen und sie ihrer Lebendigkeit zu berauben, aus Furcht vor einer Strafe, die keiner so genau erklären konnte? Jedes Buch, so dachte Samir, war eine Abstraktion, es konnte verwendet werden, um damit um die Ecke zu denken und alles Mögliche zu rechtfertigen. Dafür war das Buch nicht da, Samir war sich sicher. Er wollte es erlebend verstehen, er wollte die Welt, sich selbst und in all dem Gott erleben, anstatt über ihn zu lesen. Der Weg war noch weit.

Als Samir zurück in der Stadt war, zog er einen Anzug an und ließ sich die Haare schneiden. Er sprach über die Dinge, über die auch die Stadtbewohner sprachen und antwortete artig auf die Frage, ob Künstler nicht immer auch große Egoisten seien. Aber lieber erzählte er von einem Garten, der gerade in Blüte stand, und einem Gärtner, der dort lebte.

ENDE DES VIERTEN TEILS

Weiter in Teil 5: "Der Tag, an dem die Angst verschwand"

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