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SAMIR 3
Demütigung führt zu Entfremdung
von Anis Hamadeh, Juni 2005
Englisch

"Hast du uns etwas zu sagen?" Seine Stimme war ruhig, kontrolliert, bestimmt. Joana runzelte die Augenbrauen. Was ging hier vor? "Was meinst du?" fragte sie verwirrt. Sie sah Muhammad an, dann Heinz, suchend. "Du kannst es jetzt sagen oder wir bitten Tony und Basim dazu." Noch immer wusste Joana nicht, worum es überhaupt ging. Hastig lief sie die letzten Stunden in ihrer Erinnerung zurück. Sie war zur Firma gefahren, hatte vorher mal wieder stundenlang den Autoschlüssel gesucht. Übermüdet war sie auch, denn die vergangenen Wochen waren dramatisch. Auch dies war nicht ungewöhnlich für Joana, schon seit dem letzten Sommer ging es drunter und drüber.

Zuerst hatte sie in einem Büro für ein mittleres Unternehmen in Westdeutschland gearbeitet, nachdem in ihrer Heimat Leipzig so viel schief gegangen war. Durch Bekanntschaften traf sie jemanden, der sie einstellte. Sie war immer noch kräftig, immer noch sexy und wollte arbeiten. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Firma in Westdeutschland ihr kein Geld zahlte, bis sie nach drei Monaten buchstäblich mittellos auf der Straße stand. Dort fand sie Muhammad in elender Verfassung und erbarmte sich ihrer. Er nahm sie mit nach Haus, wo seine Frau ihr erst einmal eine warme Mahlzeit brachte. Joana aß, ruhte sich aus und erzählte dann und erzählte, während Muhammad und seine Frau Brigitte aufmerksam und mitfühlend zuhörten. Joana ging es danach besser. Sie brauchte jemanden, zu dem sie Vertrauen fassen konnte, nach all diesen Enttäuschungen. Früher hatte sie ein Haus gehabt, einen Mann und Kinder. Aus dem Traum wurde nichts, die Kinder, heute erwachsen, blieben im Osten und Joana traf diesen Mann aus dem Westen und versuchte einen neuen Start, wollte vieles vergessen und noch einiges erreichen.

Zum ersten Mal seit längerem fühlte sie sich wieder wohl, hier bei dem Ehepaar. Acht Monate war das jetzt her. Für die beiden im Haus war es eine nette Abwechslung und sie mochten die etwas flippige, offene, herzliche Art von Joana. Da genügend freie Zimmer vorhanden waren, ließen sie sie sich erst einmal erholen. Ein solcher Mensch sollte eine Chance bekommen, da waren sich Brigitte und Muhammad einig. Nach einiger Zeit überließ er ihr dann die Dachwohnung, die er im Ort besaß. Joana musste irgendwo bleiben und nahm dankbar an, wenn die Wohnung auch schon seit Monaten leer gestanden hatte und zunächst nicht sehr einladend war. Muhammad füllte ihr den Kühlschrank und half ihr aus. Eines Tages hatte er sogar ein Bett und einen Schlafzimmerschrank für sie gekauft. Joana hatte nicht danach gefragt, sie wollte es eigentlich auch nicht, denn sie hatte noch Möbel im Osten und traf solche Entscheidungen auch gern selbst. Das ärgerte Muhammad zwar etwas, aber er sagte nichts. Er sagte auch nichts, als Joana sich manchmal tagelang nicht meldete und auch nicht zu Besuch kommen wollte, obwohl er sie gern gesehen hätte.

Joana liebte es, Auto zu fahren. Es gab Wochenenden, an denen sie kurzerhand zu ihrer Tochter fuhr oder an andere entfernte Orte. Sie musste manchmal einfach raus, fliehen vielleicht, verarbeiten vielleicht. Den Punkt suchen, an dem das Leben feststeckte. Ihre Hände brauchten Bewegung, sie musste doch arbeiten. Sich beschäftigen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie gearbeitet, in Büros und im Außendienst. Einmal hat sie sogar auf kurzfristige Anfrage eine ganze Nacht lang in der Bar von Tony ausgeholfen, obwohl sie so etwas vorher noch nie gemacht hatte. 30 Euro hatte sie dafür bekommen. Das war, als sie bereits in der Firma war. Sie wollte natürlich nicht umsonst wohnen, auch wenn Muhammad darauf bestanden hat. Also fuhr sie in Muhammads Firma und machte sich dort nützlich. Sie wollte sowieso arbeiten, sollte sie da mit einem schlechten Gewissen in der Wohnung hocken? Mit Tony, Basim und Heinz kam sie gut zurecht und Arbeit war genug da.

"Im Lager fehlt Ware." Muhammads Stimme war ruhig, kontrolliert, bestimmt. Basim und Tony waren inzwischen ins Büro gekommen und saßen um Joana herum, um ihr mitzuteilen, dass sie der Ansicht waren, dass Joana regelmäßig Ware aus dem Lager gestohlen hat. Seit einigen Wochen würden sie die Stückzahlen bestimmter Produkte beobachten und sie seien nach dem Ausschlussprinzip zu dem Ergebnis gekommen, dass nur Joana in Frage komme.

Joana saß da wie in einem Traum oder einem Film. Sie fiel aus allen Wolken. "Wir haben Ware in deiner Tasche gefunden", fuhr Muhammad fort. "Aber die ist doch aufgeschrieben als Eigenbedarf. Brigitte hat es mir gegeben und Samir", erwiderte sie schnell, während es sie zunehmend irritierte, dass ihre Tasche geöffnet worden war. Muhammad und Heinz standen auf und gingen mit ihr zur Abschreibliste, die Samir kürzlich neben dem Fotokopierer eingerichtet hatte. Tatsächlich, die Ware war dort mit dem heutigen Datum aufgeschrieben. "Wieso bekomme ich als Chef das nicht mit, warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?" Muhammad war noch immer wütend. Er war enttäuscht darüber, dass er ausgerechnet von Joana bestohlen wurde, der er so viel Gutes getan hatte.

"Du hast dir doch von Basim Geld geliehen", fuhren die vier Männer fort, als sie wieder im Büro saßen. Joana bestritt das. Basim hatte ihr kürzlich etwas Geld zugesteckt, das stimmte wohl. Es wäre schon in Ordnung so, sie solle nicht darüber reden. Da hatte sie es genommen. Auch Muhammad hatte ihr hin und wieder etwas gegeben, für Sprit und nur so. Sie hatte es angenommen, warum denn nicht? Sie arbeitete auch, machte Kaffee, oft war auch am Wochenende etwas zu tun.

Samir betrat das Büro, nach etwas suchend. "Wenn ich Geld brauche, dann würde ich euch doch fragen", sagte Joana und Samir sah sie gedankenverloren an. Er hatte gefunden, was er suchte und ging pfeifend wieder ins Lager, wo er gerade an den Regalen schraubte. In den letzten Wochen hatte er viel geschafft, endlich war Platz im Lager und man stolperte nicht mehr alle fünf Meter über etwas. Man fand jetzt auch Dinge wieder. Samir fragte sich, wie Basim und Tony hier in den vergangenen drei Jahren überhaupt hatten arbeiten können. Er selbst war erst seit ein paar Monaten hier. Nachdem er sich nach fünf Jahren des Streits mit seinen Eltern wieder vertragen hatte und außerdem dringend einen Job brauchte, fragte er, ob er vielleicht in der Firma gebraucht würde. Man könnte ja die Energien zur Abwechslung mal verbinden, statt sie gegeneinander zu gebrauchen. Abu Samir, wie Samirs Vater Muhammad auch genannt wurde, war begeistert und stimmte sofort zu. Auch Brigitte fand, dass es eine gute Idee sei. So traf Samir auch Joana.

Die beiden hatten sich von Beginn an gut verstanden. Es war nicht viel los in der Stadt und Joana half Samir beim Umzug. Sie kauften Teppiche und strichen die Wände. Am Liebsten wäre Joana gleich mit eingezogen, es gefiel ihr gut in Samirs neuer Wohnung. Er spielte Gitarre und war irgendwie anders als die Leute aus der Umgebung. Für einen Moment vergaß sie ihre Sorgen und freute sich ebenso wie Samir darüber, dass sie zusammen arbeiten konnten und einander als Freunde hatten. "Dream-Team", meinte Heinz anerkennend. Joana und Samir hatten schon bei der Renovierung der Wohnung gemerkt, dass sie beide gern aktiv und produktiv waren und sich gegenseitig Kraft gaben.

In letzter Zeit hatte sich das Verhältnis leicht abgekühlt. Samir beschäftigte, dass Joana diese Aussetzer hatte. Einmal vergaß sie ihre Jeansjacke mit Brieftasche beim Frisör und kam dann in eine Polizeikontrolle. Typisch! Oder sie fuhr Hals über Kopf zu ihrer Tochter, weil die Probleme hatte, und kam völlig entnervt und geschlaucht zurück. Handy liegen lassen. Autobatterie. Überhaupt Autogeschichten. Dann lief das Klo mehrmals über, sie hatte etwas Falsches hineingetan. Ebenso der Herd, der ihr neulich einen Kurzschluss verursacht hatte. Es war irgendwie der Wurm drin. Und Samir kam nicht mehr an sie heran. Noch am Wochenende hatte er seinen Eltern gesagt, dass er Joana nicht erreiche und sich im Moment etwas über sie ärgere, da sie nicht reagiere. Joana hatte Samirs Mutter Brigitte vor ihrer überstürzten Abreise in den Osten ein Aquarell gemalt, das war noch feucht, als Samir es zusammen mit dem Kuchen übergab, wie Joana es gewünscht hatte. Er hatte Joana ein Buch gekauft, "Die Prophezeihungen von Celestine", weil er ihr helfen wollte und dieses Buch viele Antworten hatte. Er las ihr daraus vor und sie wusste es auch zu schätzen, doch schafften sie es nur bis zur Seite 40. Im Moment hatte sie Besuch von einem Bekannten auf der Durchreise und damit wieder keine Zeit.

Samir schraubte das letzte Regalblech fest und sammelte die Werkzeuge zusammen. Es hatte etwas Befreiendes für ihn, Ordnung zu schaffen. Auf dem Weg zum Waschbecken begegnete ihm eine völlig verheulte Joana im Flur, die nach draußen wollte. Sie erkannte Samir durch die Tränen und drehte sich zu ihm hin. "Sie sagen, dass ich geklaut habe." Dann heulte sie wieder. Es war nicht das erste Mal, dass Samir mit solchen dramatischen Äußerungen von Joana zu tun hatte, aber was hatte sie da gesagt? Er fragte noch einmal nach und sprach mit ihr. Sie hielt es jedoch nicht lange aus, entschuldigte sich und lief davon. In Samirs Kopf drehte sich alles. Wie betäubt ging er ins Zimmer des Vaters und sah ihn an. "Na", sagte Muhammad wissend, "was hat Joana dir erzählt?"

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"Es handelt sich um ein besonderes Verhältnis. Sie hat ja auch den Schlüssel von deinen Eltern und dein Vater hat auch oft ihren Kühlschrank gefüllt." Heinz versuchte Samir zu besänftigen. "Wir haben daraus gelernt. So etwas wird nicht wieder passieren." Er wünschte sich sehr, mit Samir zu arbeiten, denn Samir arbeitete sauber, systematisch und schnell. Man konnte mit ihm auch über religiöse Fragen sprechen. Das Verhältnis war gut und immer offen gewesen, was wiederum Samir sehr sympathisch fand. "Heinz, wenn er in ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung geht und nach gestohlener Ware sucht, ohne sie zu fragen oder zu informieren, dann ist das Einbruch. Ebenso das Öffnen ihrer Handtasche." Samir war ungehalten. Er hatte erfahren, dass sein Vater unmittelbar vor dem gestrigen Verhör in Joanas Wohnung gewesen war. Joana sagte, dass Muhammad sich von ihr mittags in der Firma verabschiedet hatte mit den Worten, er gehe zum Steuerberater. Muhammad erklärte später, er sei dann noch zur Bank gegangen und da sei ihm spontan eingefallen, dass er noch den Sicherungskasten in Joanas Wohnung wegen des Herds überprüfen musste. Das lag auf dem Weg. Er habe vergessen gehabt, sie vorher anzurufen.

Samir schämte sich für seinen Vater. Wenn im Lager gestohlen wurde, dann musste man das doch zusammen besprechen. Da hatten sich die vier Männer ohne sein Wissen und ohne Joanas Wissen wochenlang Gedanken gemacht und es für sich behalten. Und plötzlich explodierte die Sache so. Inzwischen hatte Muhammad gemerkt, dass sein Verdacht nicht zu beweisen war. Er entschuldigte sich bei diesem zweiten Gespräch auch bei Joana. Die ging dann auch nicht gleich wieder fort, sondern arbeitete zunächst weiter, was Samir anerkennend zur Kenntnis nahm. Nach einigen Stunden aber kam sie auf Samir zu und meinte, dass sie doch erst mal gehen müsse und das alles verarbeiten. Samir sprach weiter mit Heinz: "Für mich sieht es so aus, als hättet ihr gerade einen Schuldigen gebraucht und euch den Schwächsten gesucht. Der Klassiker." Heinz widersprach. Er zählte auf, was Joana alles falsch gemacht hat und dass sie nah am Wasser gebaut sei. "Das stimmt wohl, aber was hat das mit der Beschuldigung zu tun? Und mit dem Einbruch?" Samir schüttelte den Kopf.

Es folgte eine Phase der Abwesenheit von der Firma sowohl von Joana als auch von Samir. Samir hatte immer noch keinen richtigen Arbeitsvertrag, weil durch einen Übersetzungsfehler in einem Vertrag im Februar eine größere Geldmenge gebunden wurde, die dem kleinen Betrieb zu schaffen machte und auf ihm drückte. Joana erschien nicht mehr in der Firma, weil sie die Demütigungen der letzten Tage erst langsam verstand und Muhammad nicht mehr vertrauen konnte, trotz seiner knappen Entschuldigung. Sie fühlte sich auch noch immer verdächtigt und Samir konnte das nicht entkräften, denn er hatte selbst in der Firma gehört, dass es immer noch offene Punkte geben solle. Sie sei vor einigen Wochen mit Ware von Tony gesehen worden, die sie angeblich für die Website fotografieren wollte und hätte sich dabei auffällig verhalten. Als Tony im Februar die Firma zum Essen eingeladen hatte, hatte er Joana und Samir nicht eingeladen. Tony sprach nicht viel und sah einem nicht in die Augen, wenn er einem die Hand gab.

Samirs Energieniveau sank rapide. In den ersten beiden Nächten konnte er kaum Schlaf finden. Sein Trauma war wieder aufgebrochen. Abu Samir hatte mit Joana genau dasselbe gemacht, was er früher mit ihm gemacht hatte. Nur ohne körperliche Gewalt. Er hatte es also wieder getan, bestätigt. Er tat es also immer noch. Samir schämte sich fürchterlich für seinen Vater.

Jahrelang hatte er versucht, ihm zu erklären, dass Demütigungen zu Entfremdung führen. Und dass man Menschen nicht kaufen kann. Nun beging Muhammad vor seinen Augen einen Einbruch, ein Mobbing und eine Lüge, ohne verstehen zu wollen, dass er das nicht durfte. Seine Mitarbeiter schwiegen und rationalisierten, dass sich Joana sowieso dauernd in einer Opferrolle sah und dass sie im Grunde alle ausnutze. Vielleicht hatte sie Samir verhext. Es waren vier Männer, mit denen man Pferde stehlen konnte, oder musste. Auch Brigitte sagte Samir zu dem Thema nur: "Na, hat sich Joana wieder eingekriegt?" Muhammad klagte schon seit Monaten darüber, dass er keine Miete bekomme. Dass Joana in der Firma arbeite sei ja schön und gut, aber es sei ein anderer Topf. Bei seinem letzten Gespräch mit ihm sagte Samir, dass er ihm die Geschichte mit dem Sicherungskasten nicht abnehmen könne. "Tja", meinte Muhammad nur und zuckte mit den Schultern, "ich habe mich entschuldigt, was soll ich denn noch machen?" Darauf Samir: "Aber ich kann dir nicht mehr vertrauen." Wieder ein Schulterzucken.

Das Problem für Samir war nicht nur der Einbruch, das Mobbing und die Lüge, vielmehr konnte Samir seinem Vater nun auch andere Dinge nicht mehr glauben, Dinge, die er in der Vergangenheit gesagt hatte. Dass er sich an die Gewalt, die er seinem Sohn angetan hat, nicht mehr erinnern konnte.

In den folgenden Wochen kristallisierte sich heraus, dass Joana unter diesen Umständen nicht mehr in die Firma kommen konnte und dass auch Samir für zwei Wochen Abstand brauchte. In die Firma ging er nur noch einmal und sah kurz seinen Vater. Sie führten ein sehr ruhiges, kurzes Gespräch, in dessen Verlauf Samir fragte: "Warum geraten wir immer wieder so aneinander?" Muhammad zuckte mit den Schultern. "Ich habe wirklich Grenzen, über die ich nicht kann", fuhr Samir fort, "ich kann nicht alles mitmachen." Heinz vertrat inzwischen den Standpunkt, dass Joana nicht mehr zurückkommen solle. Dass die Sache vorbei sei. Es sei nie im Gespräch gewesen, dass Joana hier fest arbeiten solle. Dies hatte Samir von seinem Vater allerdings anders gehört. Heinz wollte auch seine Tochter in den Betrieb bringen, stellte das aber nicht in einen kausalen Zusammenhang.

Während der Fall für Muhammad, Heinz, Basim und Tony abgeschlossen war, blieben Joana und Samir jeweils zu Haus, wobei sich der Druck auf die beiden erhöhte, da sie für die Zukunft sorgen mussten und nun von der Geldquelle abgeschnitten waren, für die sie gearbeitet hatten. Bevor Samir die Stadt wegen eines Termins verließ, schrieb er Muhammad und Heinz eine Email, in der er fragte, warum das Resultat der Aktion für Joana so war, als wäre sie schuldig, obwohl sie doch nicht geklaut hat, wie festgestellt werden konnte. Muhammad hatte Joana inzwischen brieflich mitgeteilt, dass sie ab sofort eine Miete von 350 Euro zu zahlen habe und dass ihre Behauptungen falsch seien. In seiner Mail schrieb Samir, dass sein Gewissen ihm verbiete, solche Dinge mitzutragen, und dass die Situation erst dann als geklärt gelten könne, wenn Joana in diesem Fall ihre Seelenruhe habe, gerade noch als einzige Frau unter Männern. Wenn es nicht anders ginge, dann müsse Samir die Geschichte eben aufschreiben, um zu verdeutlichen, was hier passiert ist. Bei solch schweren Regelverstößen mit Folgen könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Als Samir in die Stadt zurückkam, rief er Joana an, um die Lage zu peilen. Sie hatte Beruhigungsmittel genommen und konnte nicht zu ihm fahren. Einige Tage zuvor hatte sie einen Unfall verschuldet, als sie aus der Einfahrt ein Auto rammte. Sie war kurz im Krankenhaus mit einem Schock gewesen, völlig mit den Nerven runter. "Warum tut er das?" heulte sie in den Hörer und meinte damit nicht den Unfall, sondern den Vorfall. Sie hatte inzwischen das Wohnungsschloss ausgewechselt. Samir erklärte ihr, dass er seinen Vater schon lange kenne und wisse, dass er sich schon immer Schwächere gesucht hat und dass er selbst diese Rolle jahrzehntelang habe spielen müssen. Dass er deshalb viel Schmerz erlebt und ihn verlassen hatte. Joana hörte zu und ihre Tränen flossen nicht mehr. "Bedenke auch bitte", sagte Samir, "dass es hier nicht nur um dich geht. Er spricht hier auch mit mir, bloß dass er mit mir so eine Nummer nicht mehr durchziehen kann. Nun erwartet er mein Einverständnis, dass er sich nach Belieben jemand anderen suchen darf für sein Drama. Deshalb müssen wir jetzt zusammenhalten. Du kannst natürlich bei mir einziehen, solange es dauert. Vermutlich werde ich die Stadt wieder verlassen müssen, vielleicht kannst du meine Wohnung dann übernehmen." Samir redete lange mit Joana. Er machte sich Vorwürfe, sie fast eine Woche allein gelassen zu haben. Ihre psychische Verfassung war ganz schlecht. Heinz habe sie wegen eines Gesprächs angerufen, als sie im Krankenhaus war. Als sie sagte, dass sie am Montag in die Firma kommen wolle, wenn Samir auch dabei ist, um noch einmal über alles zu sprechen, lehnte Heinz ab. Auf Samirs Ankündigung, die Geschichte aufzuschreiben, falls das zur Klärung der Situation nötig sei, reagierte Heinz entsetzt. "Ich habe leider das Gefühl, dass Deine Emotionen nicht zulassen, den Sachverhalt objektiv zu beurteilen." Wenn er ihnen Bedingungen stelle, sei das Erpressung. Samir solle nicht zur Firma kommen, bevor das geklärt sei, sondern vorher mit den beiden sprechen.

Auf dieses Gespräch konnte er wohl verzichten, es war klar, was los war. Sie schoben es auf seine Emotionen, genau wie bei Joana. Sein Bestehen auf einer gerechten Auflösung der Situation wurde Erpressung genannt. Er sollte sich hier zur Gruppe bekennen, seine Loyalität beweisen. Er sollte lernen, was im Leben wichtig war. War ihm eine blonde Heulsuse aus dem Osten vielleicht wichtiger als eine berufliche Zukunft? Wichtiger als sein eigener Vater? Wichtiger als die finanzielle Grundsicherung? Er dachte an den Koranvers, in dem steht, dass man die Eltern immer ehren muss. Auf diesen Vers hatte sein Vater hingewiesen, als der Sohn ihm klarmachen wollte, dass die beiden sich wegen seiner Gewalt entfremdet hatten. Es hatte sich also nichts geändert. Samir würde diese Geschichte schreiben und sich dann akut nach einer neuen Erwerbsquelle umsehen müssen.

Und Joana? Sie brauchte nur ein bisschen Heimat, dann würde sie schnell wieder auf dem Damm sein. Erst mal musste sie aus der Wohnung raus und einen Job finden. Die beiden würden ins Ungewisse gehen müssen und sich gegenseitig helfen. "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall." Samir lachte ins Telefon. "Übrigens ist so ähnlich der Irakkrieg entstanden." "Wirklich?" fragte Joana. - "Oh ja, nicht nur der."

ENDE DES DRITTEN TEILS

Weiter in Teil 4: "Durch die Zeit wächst eine Blume"

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