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SAMIR 2
Opfer, die zu Tätern wurden
von Anis Hamadeh, Mai 2005
Englisch

Der Sommer ging schon in den Herbst, als eines Abends Samir am Fenster stand und dabei zusah, wie sich die Wolken über der Hanse-Metropole zusammenzogen. War da nicht ein leises Donnern zu hören gewesen? Er öffnete das Fenster ein Spalt weit und lauschte zwischen den Stadtgeräuschen umher. Die klebrige Außenluft mischte sich in leisen Schüben in das Zimmer, nachdem sie Samirs Gesicht passiert hatte. Er stand ganz still da, lauerte. Ein Riss, ein entferntes Krachen, steigende Luftfeuchtigkeit. Sein großer Zeh begann auf dem Parkettboden zu schaben. Wie lange noch? Zehn Minuten? Dreißig?

Samir schloss das Fenster und holte die weite hellgraue Mikrofaserhose aus dem Schrank. Auch die Regenjacke in derselben Farbe, die er über das T-Shirt zog. Schon schnürte er die Sportschuhe zu und war durch die Wohnungstür verschwunden.

Es war bereits dunkel draußen, warme Luft kam schubweise um die Hecke und brachte kühle Tropfen mit. Es würde also auch Wind geben, herrlichen Wind! Im Gehen öffnete er die Arme, um das Wetter besser spüren zu können. Auf der Straße war fast niemand. Samir beschleunigte seine Schritte, als könne er dadurch die Naturgewalten ermutigen. Er wollte ein großes Wetter, dafür war er hier, er wollte, dass die heiße Luft vom Regen zerfetzt wird, dass mächtige Donnerwolken ihr Konzert gaben. Er wollte es spüren. Er wollte seinen Dämon rufen und mit ihm ringen.

Warum sind die Dinge so geschehen, wie sie geschehen sind? Welche Ursachen hat das Unrecht, warum kommt es zu Konflikten? Was war das für ein Dämon, mit dem wir zu kämpfen hatten?

Samir gelangte zum Isebek-Kanal an der Hoheluftbrücke und beobachtete eine steigende Frequenz von Regentropfen, während eine Bö die Straße heraufkam, in Begleitung eines Blitzes. Er hob die Augenbrauen, da folgte bereits das satte, ausgiebige Donnern. "Ihr habt gegessen vom Baum der Erkenntnis", sagte der Wind. Samir nickte. Er lief die Isestraße entlang, unter der U-Bahn-Brücke. Er wollte dem Bösen widerstehen, dafür musste er es erkennen.

Samir fürchtete sich davor, über das Böse nachzudenken. Was, wenn er zu dem Schluss kam, dass es ihn selbst betraf und sein eigenes Verhalten? Hatte er nicht schon genug gelitten? Von der Seite trafen ihn die Wassergüsse am Bein und er atmete die gekühlte Luft in seine Lungen, gekühlte Luft wie aus der Wasserpfeife.

Lange hatte er in seinem Vater einen Mann gesehen, der bestimmte Dinge nicht wahr haben wollte. Dessen Aussagen zuweilen zweifelhaft und dessen Handlungen nicht immer nachvollziehbar waren. Es waren seine Mangelhaftigkeiten, bei denen Samir sich aufgehalten hatte. Was aber war mit der Schicht darunter? Samir erinnerte sich an ein Gespräch mit seinem Onkel Fauzi in Nablus. Der hatte in einer kleineren Runde erwähnt, dass Sidi, also Großvater, auch hart bestrafen konnte. Nur dieses eine Mal und ganz kurz hatte der Junge von der dunkleren Seite seines Großvaters gehört. Dieser Anhaltspunkt war es letztlich, der Samirs Vaterbild veränderte. Plötzlich ergaben Dinge einen Sinn, die vorher keinen gehabt zu haben schienen. Sein Vater musste früher in derselben Situation gesteckt haben wie er. Nun sah er in seinem Vater einen kleinen Jungen, der von seinem Vater geschlagen wurde. Dieser kleine Junge konnte nicht verstehen, warum er das erleiden musste, aber er lernte, damit zu leben. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, seinen Vater dafür zu verurteilen, eben weil es der Vater war ...

Samir verließ den Schutz der Brücke und ging mitten in das Wetter hinein. Er kehrte um, wollte denselben Weg im Nassen noch einmal gehen. Mit seinen Bewegungen versuchte er, die Elemente um ihn herum anzufeuern und gleichzeitig in sich aufzunehmen. Es war kein unangenehmer Regen, sondern ein reinigender. Samir verstand die wenigen Passanten nicht, denen er begegnete, weil sie hastig einen Zufluchtsort suchten. Spürten diese Menschen denn nicht die erfrischende Kraft, die hier verströmte und lediglich aufgesammelt werden musste?

Durchflutet von der Energie des Gewitters versetzte sich Samir in die Lage dieses kleinen Jungen, der so schrecklich behandelt worden war, ohne dies je wirklich realisiert zu haben. Er musste dieses Gefühl der Erniedrigung und des Schmerzes als einen Teil der normalen Welt aufgefasst und nicht weiter darüber nachgedacht haben. Wie würde es mit diesem Jungen weitergehen? Wohin sollte er mit dem Schmerz? Samir bog in den Eppendorfer Weg ein. Er war nun vollständig durchnässt, doch es war nicht kalt. Die Straße war leer, er konnte sich ganz den Gewalten hingeben, sie mit allen Sinnen erfassen und sich zu ihnen bewegen.

Wohin mit dem Schmerz? Dieser Junge würde seinen Vater irgendwann verlassen, doch der Schmerz würde bleiben. Er würde erwachsen werden, eine Arbeit aufnehmen, sein Glück versuchen. Denn er wollte sich ja endlich entfalten, sein wahres Selbst aus dem Stein des Lebens meißeln und polieren, seiner Erfüllung entgegengehen. Er findet eine Frau und gründet eine Familie. Als sein eigener Sohn aus dem Kleinkindalter gewachsen ist, dringen plötzlich immer wieder pochende Gedanken aus fernen fremden Zeiten in seinen Kopf. Er wird aggressiv, versteht selbst den Grund nicht, doch braucht er jetzt dringend ein Ventil. Und da geschieht es.

Nun liegt sein eigener Sohn dort in der Ecke, schmerzverkrümmt und wimmernd von den Hieben und Tritten. Der Mann geht in sein Zimmer und denkt zurück an seinen Vater, den er nicht verstehen konnte. Nun hatte er es auch getan, nun konnte er seinen Vater auf eine Weise verstehen. Zwar ist der Schmerz nie weggegangen, jedoch der Bund zwischen Vater und Sohn schien gewahrt zu sein.

Samir konzentrierte sich auf den platschenden Regen und stachelte ihn auf, indem er innerlich formulierte, dass er bis zu dieser Stufe noch leicht mithalten konnte. Ob der Regen wohl schon am Ende seiner Kräfte war? Ein Donnergrollen von vorn erregte seine Aufmerksamkeit. Er blickte in die Richtung, als mehrere mächtige Blitze den Himmel öffneten, der die ganze Stadt verschlingen zu wollen schien.

Samir reckte sich mit seinem ganzen Körper auf und streckte sich dem Himmel entgegen, dass er ihn aufnehmen solle. Er war nun ganz mit seinem Vater verschmolzen, ging durch die Wolken und folgte genau seinen Spuren. Er spürte, wie er jetzt im Herzen des Problems stand und suchte instinktiv nach einer Sache, die er sich als einen Hebel vorstellte, den er umlegen konnte, um die Maschine zu stoppen. Er war durch ein Zeitfenster gefallen und konnte die Vergangenheit ändern. Nicht die äußeren Geschehnisse, die konnte kein Mensch nachträglich verändern. Aber die Denkweisen und die daraus resultierenden Handlungsmuster, auf die hatte er jetzt direkten Zugriff.

Er hatte damit seinen Vater verstanden, ohne dabei selbst zum Täter werden zu müssen. Samir spürte, dass dies ein wichtiger Punkt war. Komm schon, alter Junge, sagte er zu sich selbst, geh weiter nach vorn. Na los doch! Er schlenderte durch die feuchten Wolken und konzentrierte sich. Was war das für eine seltsame Wahrheit, die er hier am Schopf gepackt hatte? Dies war mehr als ein Einzelschicksal, dies war ein Mechanismus, der Opfer mit offenen Wunden zu Tätern machen konnte.

Samir kannte beides: den Schmerz und die Aggression, die aus dem Schmerz geboren wird. Er hatte sich gewehrt gegen beides, doch konnte er beides nicht loswerden. Das war ihm in diesem Augenblick sehr bewusst, da er auf den Wolkenspuren seines Vaters wandelte und sah, wieviel Ähnlichkeit die Erfahrungen der beiden hatten, wie viel Verständnis und Nähe zwischen den beiden bestand. Samir bemerkte, dass er in seinem Leben ganz andere Vorstellungen von Nähe und Verständnis entwickelt hatte als sein Vater. Das war eine andere Art von Verständnis, wenn man dieselbe Scheiße erlebt hatte. Das war eine andere Art von Nähe als die, die Samir von der Liebe her kannte.

Er fand sich in der Nähe des Isebek-Kanals wieder und wusste aufgrund des Getöses um ihn herum nicht genau, ob er dort lag, saß oder stand. Der Himmel hatte ihn wieder ausgespuckt. Er war ein Gestrandeter, ein Geretteter, ein Entkommener. Sein Kopf war an der linken Stirnseite aufgeschlagen, das würde eine Narbe geben. Einen himmlischen Schmiss. Samir lachte und betrachtete, wie das Blut vom Regen sofort weggespült wurde und sich hellrot verflüchtigte. Er hielt sich am Geländer fest, leicht in den Knien zitternd, und atmete mehrmals tief durch.

Er resümierte, dass Opfer nicht zwangsläufig zu Tätern wurden, denn er hatte soeben einen alternativen Weg gefunden, um die Aggressionen zu bewältigen. Es gab also Alternativen. Langsam stapfte er weiter. Im folgenden Blitz meinte Samir erkennen zu können, dass es einen Riss gab zwischen der trivialen Beobachtung der Kette der Gewalt, bei der sich immer der nächstschwächere gesucht wurde, um die Aggression weiterzutragen auf der einen Seite und der Tragweite der Erkenntnis, dass es einen Mechanismus gab, der Opfer systematisch in die Gefahr brachte, selbst zu Tätern zu werden, auf der anderen Seite. Täter vielleicht minderer Delikte als denen, denen sie selbst zuvor zum Opfer gefallen waren. Und doch Täter. Menschen, die übersahen, dass sie nicht einfach tun durften, was sie wollten, nur weil sie ihre Handlungen begründen konnten. Solche Menschen konnten auch Kriege mittragen, die eine parallele Dramaturgie aufwiesen.

Was für ein harter Schlag für alle Opfer, denn sie müssen zusätzlich die Last der inneren Täterabwehr tragen. Müssen sich zusätzlich anstrengen, um auf dem richtigen Kurs zu bleiben. Nicht wie die, die nie geschlagen worden sind. Die eine unbeschwerte Kindheit hatten. Die haben es leicht, auf der Bahn zu bleiben. Sie besitzen diesen Stachel nicht, der sie quält in der Nacht, der an ihnen zieht.

Warum hatte man nichts von all dem gehört? In der Schule, in der Familie, im Fernsehen? Warum wurde man nicht gewarnt? Wenn wir an Opfer dachten, dann gehörte dieses Element nicht zu unserem Assoziationsfeld. Dieses Merkmal, diese Gefahr, die Samir in sich selbst jetzt so deutlich wahrnehmen konnte, sie schien einfach so mitzulaufen, nicht fassbar zu sein, ein Geheimnis zu sein.

Er ging jetzt auf der Hoheluftchaussee in Richtung Grindelhof. Das Wetter hatte noch nicht nachgelassen. Wie konnte man Opfer sein und gleichzeitig Täter? Wie sollte man eine solche Person behandeln, als Opfer, als Täter, neutral, mal so mal so, wie? Wie mit ihnen sprechen? Er passierte das große Kino, das den Wassermassen trotzte, und ihm fiel der Film "Uhrwerk Orange" ein, ein Klassiker, in dem ein brutaler Täter im zweiten Teil dieselben Qualen erlitt, die er selbst anderen zugefügt hatte. Dies führte zu seiner Läuterung.

Samir lief und lief, stemmte sich den Winden entgegen. Er brauchte seinen Vater nicht dieselben Qualen spüren zu lassen, denn der Vater hatte sie ja bereits erfahren. Samir machte es anders, er gab all dem Schmerz nachträglich einen Sinn. Keine Berechtigung, aber wenigstens einen Sinn. Etwas musste nämlich damit geschehen, damit der Stachel aus der Wunde treten konnte.

Im Land seiner Väter gab es viel Gewalt, überdurchschnittlich viel Gewalt. Denn zusätzlich zu den Familientragödien gab es dort den alten Konflikt zwischen Juden und Arabern, zwischen jüdischen Israelis und arabischen Palästinensern. Dieser Konflikt war so schwerwiegend, dass er in Hunderttausende von Familien eingriff und sie mit Hass konfrontierte. Auch die Juden brauchten damals nach dem Zweiten Weltkrieg einen Sinn, um weiterleben zu können und sie fanden ihn in der Idee eines sicheren Judenstaates und der Vorstellung eines wehrhaften Bürgers dieses Staates. Alles andere war damals sekundär oder irrelevant gewesen. Wie aber sah das heute aus, mit dem Wissen, das wir heute hatten?

Samir dachte an seinen Vater. Wie sollte er mit ihm nun umgehen? Musste er sich überhaupt Gedanken darüber machen oder würde es sich von selbst ergeben? Er fühlte wieder Nähe, nach all den Jahren der Entfremdung. Er ahnte, dass die Situation nicht so aussichtslos und verfahren war, wie sie schien. Der Regen ließ nach. Innerhalb von Minuten wurde es ganz still. Samir schüttelte sich das Wasser aus der Kleidung, hielt kurz inne und kehrte dann zurück nach Haus. Als er einschlief, stellte er sich eine pfirsichgelbe Sonne vor, wie sie heiß über der Stadt aufging. Vielleicht schon morgen.

ENDE DES ZWEITEN TEILS

Weiter in Teil 3: "Demütigung führt zu Entfremdung"

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