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Pressezeit (3): Die Blumendebatte
Eine Online-Kritik von Anis Hamadeh, 2006
Kapitel 7
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Kapitel 7: Exkurs über autoritäres Verhalten

- Exkurs über autoritäres Verhalten -

(11.07.2006) Was genau ist eigentlich autoritäres Verhalten? Wie schlimm ist es und was kann man dagegen tun? Zur autoritären Situation (S) gehören die gleichen Komponenten wie zur Gewaltsituation, die wichtigste davon ist das Opfer. Ohne Opfer (A) keine autoritäre Situation. Im typischen Fall ist da auch Person oder Gruppe (B), die sich autoritär verhält. (Fußnote: Im Galtungschen Begriff der "strukturellen Gewalt" hingegen findet man den Fall von Gewaltsituationen ohne personelle Täter.) Ferner gehört ein Akt (C) zur Situation, der die Relation zwischen (A) und (B) beschreibt. Oft gibt es noch eine Bezugsgruppe (D), innerhalb derer der Akt geschieht. Diese Gruppe (D) kann mehrschichtig und komplex sein: Nehmen wir an, ein Lehrer schlägt einen Schüler in der Klasse mit einem Stock auf die Finger. Dann ist (D1) die Schulklasse, (D2) die Lehrerschaft, (D3) die Schulbehörde, (D4) die Regierung, und auch (D5) die Familien der Schüler, (D6) die Öffentlichkeit.

Es sind die Elemente (C) und (D), an denen sich die Geister scheiden. Bei (C) ist es die Frage: Was definiert einen Akt als autoritär? Bei (D) ist es noch komplizierter, denn die Bezeichnung "(D)" setzt eine Gruppe voraus. Im Fall der Schulklasse ist die Gruppendefinition leicht, aber in vielen Fällen identifizieren sich Individuen nicht mit Gruppen, schon gar nicht, wenn es einen Konflikt gibt. Es liegt also die Frage zu Grunde, welche Individuen zur Situation (S) gehören, in welchem Maße und aus welchen Gründen. Aber selbst im Fall der Schulklasse liegt der Fall nicht leicht: Gehören die Mitschüler zum Element (A), weil sie ebenso von Schlägen bedroht sind, oder gehören sie sogar zum Element (B), weil sie ihrem Kameraden nicht beistehen?

Der Gewaltdiskurs, von dem der Diskurs über autoritäre Situationen ein Teil ist, kann nie objektiv erfasst werden, weil er immer auf subjektiven Urteilen beruht. Das wichtigste Element der Situation erlangt seine Relevanz durch sein subjektives Empfinden von Erniedrigung, Hemmung, Unrecht und Schmerz. Würde (A) dies nicht empfinden, gäbe es keine Situation (S). Oft ist es (B), der genau dies behauptet. Nehmen wir als Beispiel für (S) die Besatzungssituation in Palästina. Dies ist eine autoritäre Situation, weil einer Gesellschaft (A) entgegen dem Völkerrecht und entgegen dem Menschenrecht die Freiheit geraubt wird. Die Besatzer (B) erkennen aber die Situation nicht an, da sie (A) nicht als Opfer in einer Gewaltsituation sehen. Das gesamte Szenario ist im Kopf von (B) überlagert von einem anderen Szenario, in diesem Fall das Antisemitismus-Szenario. Die Weltöffentlichkeit (D) verhält sich wie im vorigen Absatz beschrieben.

Was definiert einen Akt als autoritär? Ist es selbstgerechtes Entscheiden auf Kosten von anderen? Ist zum Beispiel das Schreiben der Blumendebatte ein autoritärer Akt? Ich erwähne das, weil diese Frage im Raum zu stehen scheint. Ich habe selbst entschieden, die Studie zu schreiben und es gibt möglicherweise Personen, die sich dabei als Opfer fühlen. Ist dann auch Enthüllungsjournalismus autoritär? Und Journalismus insgesamt, denn es gibt immer Leute, die sich so fühlen, als ginge es auf ihre Kosten. Um diesen Fragen näher zu kommen, möchte ich den Fokus auf die letzte der drei Eingangsfragen richten: Was kann man gegen autoritäres Verhalten tun?

Die Schüler in der Klasse können zum Direktor gehen oder zu ihren Eltern und dort erzählen, dass ihr Kamerad vom Lehrer geschlagen wurde. Das ist die plausibelste Lösung und sie wird vom Mainstream (theoretisch) unterstützt. Worin genau besteht diese Lösung? Sie besteht darin, dass der Fall öffentlich gemacht wurde. Die Person oder Gruppe (B), die sich autoritär verhält, meidet die freie Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Das ist ja gerade das typische an (C)-Akten: (B) setzt seine Meinung bzw. sein Verhalten durch, ohne Widerspruch oder Kritik zu dulden. "Das wird jetzt so gemacht und fertig!"

Obrigkeiten entstehen häufig durch Krisensituationen. Wir kennen das Phänomen, dass zum Beispiel in Kriegen die Dämonisierung eines Feindes dazu führt, dass ganze Gesellschaften aus einer Mischung von Pflichtbewusstsein und Angst die Loyalität zur Gruppe höher stellen als alles andere. In Deutschland hieß es einmal: "Deutschland, Deutschland über alles". Die Lenkung des öffentlichen Bewusstseins auf einen irrationalen und gefährlichen Feind ist auch die Basis des "Kriegs gegen den Terror". Die Öffentlichkeiten schauen nicht mehr darauf, was eigentlich los ist, sondern sie konzentrieren sich auf den Feind, so wie er sich ihrem Bewusstsein darstellt. An den Beispielen der USA und Großbritanniens sehen wir, wie Jahr für Jahr die Bürgerrechte weiter eingeschränkt werden und auch bei uns gibt es diese Tendenz. Es ist die Angst, die die Bürger das alles mitmachen lässt, die Angst vor Terror.

Eines der typischen Argumente in autoritären Situationen ist, dass man Dinge nicht aus der Gruppe in die Öffentlichkeit tragen soll, um dem Feind keine Freude zu machen. Dies gilt nicht nur für Staaten, ich habe es in eigenen Gruppenerfahrungen oft genug gehört. Mir ist diese Haltung fremd. Immerhin ist es hinsichtlich der Palästinenser in Deutschland ganz ähnlich: Man darf bestimmte Dinge nicht beim Namen nennen, weil sich sonst die Nazis freuen. So argumentiert zum Beispiel Werner Rätz von Attac, mit dem ich eine längere Auseinandersetzung hatte. Attac unterdrückt so die palästinensischen Rechte. Dies ist nur ein Beispiel, in allen Parteien in Deutschland geht es so.

Es gibt weitere typische Argumente in autoritären Situationen: "Man muss beide Seiten betrachten; ich mag dich und ich mag auch die andere Seite: Das müsst ihr unter euch ausmachen." Dieses Balance-Argument unterstützt autoritäre Situationen, weil der rechtliche Aspekt ausfällt. Es ist zum Beispiel ein Eckpfeiler der deutschen Außenpolitik gegenüber Israel und Palästina. Oder das beliebte: "Das geht mich nichts an. Belästige mich nicht mit deinen privaten Fehden." Der rechtliche und der politische Aspekt fallen aus, die angesprochene Person entzieht sich der Situation. Dies kann zu Recht geschehen und es kann zu Unrecht geschehen. Verkompliziert wird der Diskurs dadurch, dass manchmal dieselben Personen, die im Verhalten eines Staates oder einer Gesellschaft Autoritäres deutlich erkennen können, dasselbe Verhalten mit Rechtfertigungsstrategien wie oben genannt abwehren, sobald es ihre persönliche Lebenssphäre erreicht und nicht mehr ein abstraktes, intellektuelles Problem ist.

In solchen Fällen ist es sinnvoll, das eigene Verhalten zu reflektieren. Die Basis meines politischen Schreibens ist der Konflikt mit meiner Familie, der 1998 auf den Tisch kam und bis 2005 dauerte. Die Frage nämlich, warum ich erst mit 31 Jahren meine kreativen Fähigkeiten ausbilden konnte und nicht schon viel früher, ließ mich die Vergangenheit neu erkennen, was auch mit Kritik an den Eltern verbunden war. Die Folge war gesellschaftliche Isolation und massive Versuche, mich als irrational darzustellen und sogar physisch wegzusperren. Es handelte sich dabei - ein weiteres Erschwernis im Diskurs - weitgehend um unbewusste Prozesse. Die Familie war sich nicht darüber bewusst, dass sie meine Rechte nahm, sie hatte Angst vor mir und deutete dies um in eine Angst um mich, mit der sie all diese Dinge vor sich rechtfertigten. Mir war klar, dass nur eine Stimme der Vernunft von Außen die Situation in ihrer Gänze vermitteln konnte. Als ich die nicht fand, trat der politische Aspekt immer mehr in den Vordergrund, denn es musste etwas Grundsätzliches in unserer Gesellschaft schief laufen, wenn Isolation und Verfolgung die Folge von Klärungsversuchen ist. Ich hatte starke Selbstzweifel, aber sie hielten nicht stand. Da hat sich mein Begriff von autoritärem Verhalten ausgebildet. Die Fülle der Erfahrungen mit einzelnen Menschen gewährte mir Einblick in grundsätzliche Mechanismen. Nach ein paar Jahren dann wurden mir auch die weltpolitischen Zusammenhänge deutlich, besonders im Israel-Konflikt und im "Krieg gegen Terror", denn es sind überall dieselben Mechanismen. Ich fand, dass es um diese Mechanismen geht und schrieb alles darüber auf, was ich konnte, um zu verstehen und das Gelernte weiterzugeben. Dabei bediente ich mich der unterschiedlichsten Ausdrucksformen: Musik, Literatur, Journalismus, Polemik (heute nicht mehr so), Malerei, Dialog.

In der prägenden Situation mit der Familie war es das Schreiben, das mich beschützt hat. (Ebenso wie es mich verwundbar machte, aber ich schreibe nun mal.) Wenn ich in ähnliche Situationen geriet, verhielt ich mich ähnlich. Wenn ich spüre, dass der Diskurs verzerrt wird durch eine Obrigkeit, die ihre Meinung auf Kosten Dritter durchsetzt, ohne dabei zuzuhören, wenn ein Dogma und Tabu entsteht, wenn Menschen dämonisiert werden, wenn die eigenen Ängste in den Vordergrund gestellt werden und als Rechtfertigung von Brüchen des eigenen Kodex verwendet werden, wenn ein Schweigen entsteht und eine Unrechtssituation dadurch in die Vergangenheit gepresst wird, dann schreibe ich meistens. Ich halte damit einige Details fest, die sonst vergessen werden. Es ist mir nicht möglich, diese Lebensart auf bestimmte Gruppen zu beschränken, weder in der Dimension "kleine Gruppe vs. Weltpolitik" noch in der Dimension "Wir vs. die anderen". Bestimmt habe ich selbst auch Fehler gemacht und werde es weiterhin tun. Ich bilde mir auch nie endgültige Meinungen von Personen, weil sich alle Menschen verändern, zumindest die Möglichkeit dazu haben. In den acht Jahren meines Schaffens habe ich mich ziemlich verändert, weil ich viele Dinge durch mich hindurch gelassen habe. So haben sich bleibende Grundsätze gebildet. Und ich will weiter! Die Situation, die in der Familie entstand, ist dabei keineswegs aufgelöst. Kein Hahn kräht danach, was mein Schicksal war. Damit muss ich mich zunächst abfinden. Mir ist nur gelungen, mich zu entziehen. Ich weiß also, wie schwer es ist, sein Recht gegen eine Obrigkeit einzufordern, sobald sich eine gebildet hat. Es sind Kräfte, die Freiheiten über die Maßen einschränken.

Es bleibt die Frage, wie (C)-Akte aufgelöst werden können. Sie ist ebenso schwer zu beantworten wie die Frage, wie Konflikte gelöst werden können. Es liegt an uns selbst, die Entscheidungen zu treffen, die wir für richtig halten. Wenn wir uns der Frage allerdings nicht stellen, dann herrscht das Gesetz des Dschungels. In der Weltpolitik zeigt sich das ebenso wie im Kleinen. Ich weiß nicht, was Sie darüber denken, aber ich gebe mich damit nicht zufrieden.
                                  hoch