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Pressezeit (3): Die Blumendebatte
Eine Online-Kritik von Anis Hamadeh, 2006
Kapitel 2
English

Kapitel 2: Gilad Atzmon - Shraga Elam - Israel Shamir - Reflexion über Rassismus





- Gilad Atzmon -

(12.03.06) Aufgrund seiner Umstrittenheit werden Äußerungen über das Buch "Blumen aus Galiläa" stets auch als Bekenntnisse für oder gegen das Buch und seinen Autor gewertet. Das ist auch ein Grund für die zögerliche Entwicklung der vorliegenden Studie. Wirklich interessant ist nämlich nicht das Einnehmen einer Lager-Position, sondern die Betrachtung der Frontlinien und des Umgangs der Diskursteilnehmer miteinander. Auf diese Weise lässt sich der Konflikt überhaupt nur verstehen. Mit einer solchen Einstellung allerdings wird man den bestehenden Erwartungshaltungen kaum gerecht und findet seine Hauptmühe in der Erklärung und Rechtfertigung. Wozu kann eine solche Betrachtung sonst dienen als zur Qualifizierung von Lagern? Nun, zur Überwindung von Konflikten. Selbst wenn sich nämlich eine große Anzahl von Networkern darin einig ist, Shamir und seine Schriften auszugrenzen und zu tabuisieren, ob berechtigt oder unberechtigt, gibt es auch eine Anzahl ernst zu nehmender Personen, die das nicht tut, weil sie Shamir anders liest und durch den Fokus auf andere Merkmale ein unterschiedliches Bild von ihm hat. So entsteht eine Polarisierung. Polarisierungen dieser Art dürfen meiner Ansicht nach nicht einfach so stehen bleiben. Sie referieren immer auf gesellschaftliche Probleme, die überwunden werden können und sollen.

Betrachten wir also einige Leute, die Shamir gegenüber nicht ablehnend sind. Auf der Linkseite von Shamirs Homepage (www.israelshamir.net) steht Gilad Atzmons Homepage (www.gilad.co.uk) ganz oben in der Rubrik "Friendly sites". Gilad Atzmon ist Jazzmusiker, Schriftsteller und Journalist. Gilad bekennt sich zu seiner Freundschaft zu Israel Shamir und wird öfter in einem Atemzug mit ihm genannt. Die Süddeutsche Zeitung druckte am 08.03.04 eine Rezension von Atzmons erstem Buch "Anleitung für Zweifelnde" und schrieb über ihn: "Heute ist er einer der führenden Jazz-Saxofonisten weltweit." Und: "Atzmon besitzt eine Hassliebe zu Israel." Gilad war Soldat in der israelischen Armee (wie auch Shamir) und gehört heute zu den schärfsten Kritikern des jüdischen Staates. Neben seiner künstlerischen Arbeit schreibt er Artikel und Essays zu aktuellen Themen.

Anfang des Jahres erreichte mich ein langes Interview mit, in dem Gilad sich als "Kritiker der jüdischen Identität und des Zionismus" bezeichnet. Das Interview heißt "Schönheit als politische Waffe" und wurde im Dezember 2005 von Manuel Talens geführt. Es steht im Netz auf englisch, französisch, italienisch und spanisch. Die deutsche Version steht unter www.israel-palaestina.de/Artikel/Schoenheit-als-politische-waffe-gilad-atzmon.pdf. Darin: "Sind Sie ein Antisemit? GA: Nein, mit Sicherheit nicht. Ich behaupte, dass Israel, als es sich selbst explizit zum Staat des jüdischen Volkes erklärt hat, das auf Kosten der indigenen Palästinenser getan hat. Jede Kriegshandlung gegen Juden kann deshalb unter den Bedingungen des 'politischen Kampfes' verstanden werden. Das heißt nicht, dass eine solche Handlung legitim ist." In diesem Statement ist die Frage nach der Existenz und Verantwortlichkeit eines jüdischen Kollektivs angesprochen, eine Frage, die in unseren Öffentlichkeiten weit weniger harmlos ist als Spekulationen über ein muslimisches Kollektiv. Gilad thematisiert auch die Holocaust-Debatte. Hier ein Ausschnitt:

"Ich leugne nicht den Holocaust oder die Judenverfolgung durch die Nazis. Aber ich bestehe darauf, dass Holocaust wie Zweiter Weltkrieg als historisches Ereignis behandelt werden und nicht als religiöser Mythos. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust ist voller Widersprüche und Diskrepanzen. Wichtige Fragen bleiben unbeantwortet. Warum haben die US-Amerikaner nicht Auschwitz angegriffen? Warum haben sie mit der Invasion der Normandie bis Juni 1944 gewartet? Und haben sie das dann nicht nur getan, weil Stalin nach Europa vorrückte? Warum haben die Alliierten deutsche Städte zerbombt und nicht logistische Einrichtungen oder militärische Ziele? Sie wollten doch nur Hitler nicht dabei stören, Stalin zu bekämpfen. Warum haben die USA Hiroshima und Nagasaki ausgelöscht? Haben sie das nicht getan, weil die Roten gerade Japan den Krieg erklärt hatten und sie das im Pazifik gestört hätte? Es ist klar, dass eine genauere Untersuchung des Zweiten Weltkriegs ans Licht bringen würde, dass aus anglo-amerikanischer Perspektive Stalin die größere Bedrohung war als Hitler. Die Geschichte des Holocaust ist dazu da, diese ebenso einleuchtende wie beunruhigende Interpretation zu unterdrücken. Die entscheidende Frage ist: Warum dürfen wir dieses historische Kapitel nicht mit akademisch-wissenschaftlichen Methoden untersuchen? Die Antwort ist einfach: Der Holocaust wird von den meisten Juden und Anglo-Amerikanern als neue westliche Religion betrachtet."

Am selben Tag, dem 08.01.06, erreichte mich eine Ankündigung des neuen Buches
"Nicht gegen mein Gewissen" von der bekannten Menschenrechtlerin Felicia Langer. Im Gespräch mit Hans-Dieter Schütt sagt Felicia Langer: "Gottlob hat die Geschichte es geschafft, befangene, vorsichtige Deutsche zu entwickeln. Die Welt hat einen entsetzlich hohen Preis dafür bezahlt. Aber ich möchte Ihnen sagen, dass die Deutschen gerade wegen ihrer Vergangenheit besonders klar und deutlich den Mund dort aufmachen sollten, wo Menschenrechte verletzt werden... Wenn Israel die Kritiker seiner Politik gegenüber Palästinensern in die Nähe des Antisemitismus rückt, dann ist das ein Vergehen an den Opfern des Holocaust. Sie werden unredlich benutzt. So eine Haltung kann den wirklichen Antisemitismus nur fördern. Was eine ganz schreckliche Logik ist."

Der Leser, von dem ich das Gilad-Interview bekam, schrieb mir: OK, Anis, ich habe deine Blumendebatte gelesen. Wie ich verstehe, fühlst du dich dazu notgedrungen, dich zu "distanzieren".9 Dabei musst du wissen, wenn du es nicht weißt, dass diese Gudrun Eussner, die übrigens auch in Südfrankreich lebt, eine (...) ist, die alle möglichen Leute lang und breit ganz einfach verleumdet. Ihre Quellen sind die üblichen französischen ultrazionistischen Homepages. (...) Wieso sollen Nicht-Juden geniert sein, da wo nicht nur Shamir und Atzmon, sondern auch Paul Eisen, Jeff Blankfort, Elias Davidsson, Lasse Wilhelmson, Leibovici, Israel Shahak, Mo´se Saltiel und viele andere so genannte "self-hating Jews" überhaupt nicht mehr geniert sind. Als Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess in Jerusalem berichtete, war ihre Hauptkritik folgende: Eichmann hätte wegen Verbrechen an der Menschheit prozessiert werden sollen, und nicht wegen Verbrechen an den Juden. Das setzte eine enorme Hetzkampagne gegen sie in Gang von Seiten der Zionisten (sie war doch selber Zionistin), die sie eben als "selbst-hassende Jüdin" beschimpften.

(...) Was ist mit der Meinungsfreiheit? Wovon genau haben die Leute Angst? Wieso kann jedermann sich total frei über Muslims, über Kommunisten, über die katholische Kirche, über die Türken usw. äußern, nicht aber über Juden?

Deborah Lippstadt, die einen Prozess gegen David Irving gewonnen hat, hat gerade gefordert, dass Irving aus dem Knast freigelassen wird, wo er in Österreich steckt, und zehn Jahre Gefängnis riskiert. Sie meint, dass sie am First Amendment festhält und nicht will, dass Irving ein Märtyrer wird. Also, meine Einstellung ist ganz einfach:
1░ - Juden sind keine Sonderkategorie, die von irgendwelcher Kritik absolviert werden sollten, unter dem Vorwand des Holocausts
2░ - Die Palästinenser sind letztlich Opfer von Hitler und nicht seine Nachfolger oder gar Komplizen, wie manche Zionisten versuchen zu vermarkten
3░ - Es gibt kein jüdisches Volk, keine jüdische Nation und die europäischen Juden sind in ihrer Mehrheit keine Semiten, sondern Khazars. Das hat der Linguist Eugen Weixel nachgewiesen in seinen sehr tiefgehenden Studien zur Yiddischen Sprache.
4░ - Was Paul Eisen sagt ist, dass der Holocaust zur neuen Religion der säkularisierten, gottlosen Juden geworden ist. Und was Gilad sagt zu den atheistischen, säkularisierten, meistens linken Juden ist ungefähr das Gleiche. Wie kann man mit einer solcher Selbstklarheit nicht übereins sein? Was ist genant daran? Das heißt wohl nicht gleich, dass man den Holocaust verneint, oder doch?

Bemerkung von Sabine Y.: Es geht nicht, einfach zu sagen: "Es gibt kein jüdisches Volk". Es mag sein, dass viele Juden keine Semiten sind und dass Juden aus vielen verschiedenen Ländern kommen. Es gibt aber offensichtlich eine Gruppe, die sich als Juden fühlt und offenbar auch als Volk. Und man kann einer Gruppe nicht einfach ihre Existenz absprechen. Man kann diese Gruppe dann natürlich für das, was sie tut, wie sie sich anderen Gruppen und Personen gegenüber verhält, verantwortlich machen und gegebenenfalls kritisieren.
Bemerkung von Anis: Ich stimme Sabine zu. Zu Paul Eisen siehe den Essay "Groups and Criticism". Einiges, was Paul Eisen sagt, halte ich für diskriminierend. Anderes ist gut.

Meine persönlichen Erfahrungen mit Gilad sind positiv, auch wenn wir nicht überall übereinstimmen. Seine Jazz-CD "Exile", die Gilad mir zusammen mit seinem Buch "Guide to the Perplexed" freundlicherweise geschickt hat, gefällt mir sehr. Mit dem Buch konnte ich nicht so viel anfangen. Erst wollte ich eine Rezension dazu schreiben, aber irgendwie ist es nicht meine Art Buch. Der wesentliche Unterschied zwischen Gilad und auch Shamir und mir ist, dass Gilad und Shamir zu Beginn des US-Krieges gegen den Irak betonten, dass das militärische Gleichgewicht im Nahen Osten durch Saddams Irak wichtig sei. Als Verfechter der Gewaltlosigkeit kann ich mit diesem Argument nicht viel anfangen. Es ist 20tes-Jahrhundert-Denken, nicht 21stes. Sicher ist es lohnend, auch die Einstellung Gilads zum Judentum zu analysieren, doch wird das an dieser Stelle zu viel. Im Kapitel 3 wird es jedoch um Shamirs Einstellung zum Judentum gehen.



- Shraga Elam -

(21.03.06) Der Bruch mit Shraga im Februar hat mich ziemlich mitgenommen. Shraga Elam ist israelischer Friedensaktivist und Recherchierjournalist in Zürich mit den Spezialgebieten Nahostkonflikt und Zweiter Weltkrieg, Autor von "Hitlers Fälscher" und Co-Autor von "Die Schweiz am Pranger. Banken, Bosse und die Nazis".
10 Über mehrere Jahre hinweg habe ich "Shraga's Room" auf Anis Online betreut und seine Web-Bibliografie erstellt. Als er das Interview mit Fritz Edlinger gelesen hat, ließ Shraga kurzerhand seinen Room schließen. Besonders, weil andere Networker das Interview gut fanden. In einer Mail vom 14.02.06 schrieb er an die Networkerin K: "Wenn Edlinger sich als Opfer einer unberechtigten Kampagne ansieht und so lese ich sein Interview, so ist sein halbpatziges 'Geständnis' nicht überzeugend. Seine Behauptung, dass er gegen Rassismus immun sei, ist wirklich übel. Das gibt's gar nicht. Das können nur Rassisten, denen ihr eigener Rassismus nicht bewusst ist, behaupten. Wir müssen uns ständig prüfen und hinterfragen." Leider hatte ich nie den Eindruck, dass Shraga sich prüft und hinterfragt. Vielmehr bricht er schnell alle Brücken ab, wenn ihm etwas nicht gefällt und bildet sich seine Selbstreflexion offensichtlich mehr ein als dass er sie tatsächlich lebt. Das ist zumindest meine Erfahrung über die Jahre.

Widersprüchlich dieser Absatz aus derselben Mail: "Vor Jahren war Shamir Mitglied einer internationalen Mailingliste, die hauptsächlich mit antizionistischen Juden besetzt war. Einige meine FreundInnen wollten Shamir loswerden und ich verteidigte sein Recht dort zu bleiben. Dies obwohl schon damals ich seine Linie als widerlich empfand. Es war dort eine Diskussions- und keine Aktionsgruppe." Derselbe Shraga Elam, der Networker auf ihre Haltung zu Shamir beobachtet und verurteilt, verteidigt Shamirs Recht, in einer Mailingliste dabei zu sein. Wenn aber andere Shamir nur thematisieren, schreitet Shraga ein.

Über mich schrieb Shraga in einer Rundmail vom 12.02.06: "Anis wollte es nicht kapieren, dass es nicht um Ausrutscher geht. Es sind keine verständlichen wenn auch überflüssigen Übertreibungen wie es beispielsweise Hajo (Meyer, A.H.) macht. Bei Hajo ist für mich keine böse Absicht zu erkennen. Hajo unterscheidet zwischen einer humanistischen Strömung und einer rassistischen schlimmen Strömung im Judentum. Bei Shamir hingegen geht es um pauschale Urteile gegen das Judentum, Talmud usw. Shamir betreibt eine konsequente anti-jüdische Hetze, welche nicht nur in diesem Buch zu finden ist. Diese Tatsache wird übrigens von Edlinger im Unterschied zu Ludwig nicht richtig thematisiert. Es ist eine seltsame Auslegung der Demokratie, die Anis betreibt. Ich will nicht mit solchen Rassisten wie Shamir zu tun haben. Es geht gar nicht um seine Meinungsfreiheit. Es geht um die Frage, ob die Palästina-Solidaritätsbewegung zusammen mit Neo-Nazis und ihren Freunden arbeiten soll, auch wenn nicht alles ihrer Kritik gegen Israel und die zionistische Lobby falsch ist."

Es geht Shraga aber schon um "Formulierungsunterschiede" im Zusammenhang mit Aussagen über Juden: "Ich mache viel diese Erfahrung, dass vor allem Nichtjuden diese Unterschiede nicht merken. Ich will diesen Leute dann nicht unbedingt böse und bewusste rassistische Absichten unterstellen, sondern einfach Unkenntnisse und Mangel einer gewissen Sensibilität." Non licet bovi... Ich denke, dass auch für Shraga das Wort eines Juden über Juden prinzipiell mehr zählt als das Wort eines Nicht-Juden. Genau wie Fritz Edlinger es gesagt hat. Nur er als Jude kann demnach richtig einschätzen, was antisemitisch ist. Nichtjuden sind in Unkenntnis und unsensibel. Hier zementiert Shraga die jüdische Diskurshoheit, die andernorts auch zu Menschenrechtsverletzungen führt. Deshalb sage ich, dass dem Diskurs durch Gutmenschen wie Shraga Elam nicht geholfen ist. Er ist, wenn es darauf ankommt, manchmal mehr Teil des Problems als Teil der Lösung.

Und von wegen: "Anis wollte es nicht kapieren, dass es nicht um Ausrutscher geht." Ich weiß, dass es bei Shamir nicht um Ausrutscher geht, daher habe ich mich bereits im August 2004 öffentlich sichtbar dahingehend geäußert, dass Shamir Juden diskriminiert und dass ich dies ablehne. An dieser Meinung hat sich nichts geändert. Nein, Shraga möchte die Hoheit des Diskurses für sich. Es ist mehr eine Ego-Sache als alles andere, auch wenn er es geschickt hinter (Schein-)Argumentationen versteckt. Ich glaube nicht einmal, dass Shraga es merkt.

Shraga hat das Blumenbuch nicht gelesen: "Ich muss zugeben. Ich habe Shamirs Buch nicht gelesen und habe es nicht vor. Ich habe dafür genug Texte von Shamir gelesen, um zu wissen, dass er eine antijüdische Hetze betreibt. Hetze, die immer schlimmer wird. Auch wenn dieses Buch keine antijüdischen Passagen beinhaltet hätte, was aber nicht der Fall ist, ist es ein gravierender Fehler ein Buch von solchem Autor herauszugeben. Würdest Du ein Buch von Horst Mahler zu irgendeinem Thema herausgeben?" Es geht Shraga also nicht in erster Linie um Sachverhalte, sondern um Stigmata. Das ist einfach unsachlich und undemokratisch.

Monatelang habe ich die Blumendebatte aufgeschoben wegen Shraga. Beim ersten Versuch, diese Studie zu schreiben, bekam ich Mails von ihm und auch anderen, die mich eingeschüchtert haben. Ich würde "der Sache" schaden, hieß es. Ich erinnere ihn an seine Ex-Frau, schrieb Shraga verächtlich und unsachlich. Ich nahm die Texte zunächst wieder aus dem Netz. Heute bin ich froh, dass ich die Blumendebatte schreibe und auch, dass Shraga keinen Einfluss mehr auf mich hat. Wenn es nämlich für ihn wichtig wird, schreckt er auch vor autoritärem Verhalten nicht zurück. Ich habe es ja selbst erlebt. Er hat sich mit Thomas Steinberg gegen Fritz Edlinger verbündet und eine Widerrede wurde unterbunden. Dies halte ich für einen falschen Ansatz. "Ich will wirklich weder mit Anis noch mit Edlinger zu tun haben", schreibt Shraga, der mich einst für den Satz "Die Juden feiern Hanuka" rügte, da er rassistisch sei.

Vielleicht bemerken auch andere Networker beim Lesen dieser Zeilen, dass Shraga Elam sie eingeschüchtert und manipuliert hat. Das wäre ein Fortschritt. Seine hervorragenden Gedanken, die er ja auch hat, bleiben davon unberührt.





- Israel Shamir -

(27.03.06) Der Tag fing nicht gerade besonders gut an. In meinen Emails fand ich ein aktuelles Newsweek-Interview mit Chibli Mallat, derzeit Präsidentschaftsanwärter im Libanon. Er war ein Anwalt der Menschenrechte und ich habe ihn unterstützt. Im Interview fand ich dies: "Frage: Für Präsident George W. Bush ist die Verbreitung der Demokratie noch immer der Hauptpunkt seiner Außenpolitik. Stärkt Sie das? Mallat: Ich unterstütze seine Politik mit ganzem Herzen. Wir Aktivisten in der Menschenrechtsgemeinde haben seit Jahren die Demokratie gewollt, und jetzt, wo die Amerikaner sie einbeziehen, werden wir nicht umkehren."11 Kann mir mal jemand sagen, wie man ein Anwalt für die Menschenrechte sein und gleichzeitig Mr. Guantanamo unterstützen kann? Das ist wie ein Vegetarier, der Fleisch isst. Seufz. OK, sprechen wir über Shamir.

Ähnlich wie Chibli begegnete ich Shamir im Internet. Hintergrund ist, dass Journalismus eine Art Hobby von mir ist. Außerdem ist die eine Sache, die ich am Medienzeitalter wirklich mag, die sofortige Kommunikation. Oft können Leute, die in den Medien auftreten, aufgefunden und angesprochen werden. Einmal hörte ich im Radio einen Bericht über den ägyptischen Professor Nasr Abu Zaid. Während meiner Studienzeit in der Islamwissenschaft hatte ich nur ihn und über ihn gelesen. In der Networking-Phase meines Lebens bemerkte ich eine Atmosphäre von Fortschritt und Optimismus in seiner Stimme. So kontaktierte ich ihn und wir machten ein Online-Interview. Mit Shamir war es ähnlich. Im September 2002 las ich seinen Artikel "Das Märchen von den zwei Staaten".12 Dies war das erste Mal, dass ich bewusst mit einer Analyse der Ein-Staat-Idee konfrontiert war. Sie hatte eine zwingende Logik. Sie widersprach allem, was ich wusste. Dabei ist der Artikel eine etwas polemische Reaktion auf Uri Avnerys Position der beiden getrennten Staaten, Israel und Palästina. Polemik interessierte mich nicht, sondern die Sache. Die Zwei-Staaten-"Lösung" schafft nicht die rassistische (oder wie auch immer man sie nennen möchte) Segregation ab, es löst nicht die Situation der fünf Millionen Flüchtlinge, und der vorgesehene "Staat" Palästina ist nicht lebensfähig. Die Probleme mit den Siedlern und mit dem Wasser sind in einem einzigen Staat leichter angehbar. Auch wenn die Idee des einen demokratischen Staates in diesen Tagen nicht gerade populär ist, bleibt sie doch die einzige umfassende Lösung, die einzige dauerhafte Lösung.

Es war leicht, Shamir zu erreichen und das Interview verlief angenehm und fruchtbar. Ich spürte, dass Shamirs Hintergrund ein ausgesprochen weiter und kreativer war. In diesem Interview, wie zu vielen anderen Anlässen, ist Shamir nicht über Rote Linien gegangen. Aus dem Verständnis des Mainstreams heraus gesehen. Er spricht nicht immer nur über "die Juden".

Einige Zeit später wurden mir Shamirs Zuweisungen Juden betreffend bewusst. Ein Donnerwetter an Kritik rollte über ihn hinweg. Electronic Intifada - ein moderner Onlinedienst - analysierte, dass er der palästinensischen Sache schaden würde. Shraga sagte das auch und es überzeugte mich. Wichtige Mailinglisten wie al-Awda verbannten ihn. Zunächst hatte ich gedacht: Wahrscheinlich übertreiben die, aber bei genauerem Hinsehen fand auch ich, dass er über Rote Linien geht. Bewusst, meine ich. An diesem Punkt wendeten sich die meisten Networker von ihm ab. Und an diesem Punkt begann ich mich zu fragen, warum dieser Zusammenprall geschieht und was es mit Shamirs Zuweisungen auf sich hat. Immerhin hatte ich ihn positiv erfahren. Es gab für mich keinen Zweifel daran, dass aus seinen Schriften Humanismus spricht, also verstand ich diese Sache mit "den Juden" nicht. So ging ich im April 2003 wieder auf ihn zu und wir führten eine Online-Diskussion bis zum Juli.13

Das Ergebnis war etwas unbestimmt. Mein Gehirn konnte die Widersprüche nicht auflösen. Die beiden wichtigsten Punkte blieben offen: die Sache mit den Juden und Shamirs Beteiligung oder Nichtbeteiligung an Nazi-Bewegungen. Mittlerweile hatte ich mehr von ihm gelesen und die Argumente gegen ihn verfolgt. Ich machte eine Notiz oben auf die betroffenen Seiten von Anis Online, die besagt, dass ich die Art ablehne, in der er Juden diskriminiert und dass ich ihn nicht in einer verantwortlichen Position sehen möchte. Etwas später verließ ich die Gruppe "Ein demokratischer Staat", als ich hörte, dass Shamir in den Vorstand gewählt worden war. Da war für mich eine Grenze. Ich tat dies nicht auf äußeren Druck hin, sondern weil ich Teile seines Anti-Judaismus als gefährlich erachte. Sie können manichäische Monster erwecken, Dualismen des Wir/die Anderen. Gleichzeitig habe ich nicht aufgehört, ihn mit "Lieber Shamir" anzusprechen, da ich auf einer anderen Ebene eine Sympathie spüre, die ich nicht leugnen möchte. Eine andere Grenze. Es ist eine schwierige Situation.

Außerdem verweisen seine anti-jüdischen Äußerungen auf etwas Verstecktes. Etwas jenseits der Politik. So war damals mein Eindruck. Ich wusste, dass der Fall noch nicht abgeschlossen war, dass wir uns wiedertreffen würden. Ich erinnere mich daran, dass ich ganz schön wütend auf Shamir war. Ich fühlte mich betrogen. Hatte Hoffnungen in ihn gesetzt und dann vermasselte er es durch die Verwendung von gemeinen Stereotypen. So verloren wir uns eine Zeit lang aus den Augen. Bis zum Fall Edlinger. Oder nein, da war vorher noch etwas.

Ich entdeckte Alice Miller. Das war letztes Jahr. Seitdem habe ich alle ihre zwölf Bücher gelesen und ihre Homepage unter den Link zu den Menschenrechten verlinkt, auf der Frontseite von Anis Online. Ich halte Alice Miller für die wichtigste Wissenschaftlerin des zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts.14 Wenn Sie etwas über die Quellen der Gewalt wissen möchten, lesen Sie ihre Bücher! Als ich davon absorbiert war, begegnete ich auch ihrem Buch "Der gemiedene Schlüssel". Darin fand ich eine Nietzsche-Analyse, bei der ich unwillkürlich an Shamir denken musste. Alice Miller fragt: Warum hat Nietzsche so viel Schande über die Frauen und die Religion gehäuft? Sie erinnern sich, Sachen wie: "Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht", und dieser Mist. - Um es kurz zu sagen: Nietzsche war in seiner Kindheit und darüber hinaus von Frauen umgeben, die ihn quälten, die er aber liebte, weil sie seine Familie waren, sein Zuhause, seine Identität. In seinem inneren Selbst konnte er sie nicht kritisieren. Also kritisierte er ALLE Frauen AUSSER seine Familie, die sein Leiden verursacht hatte. Hier dachte ich blitzartig an Shamir, Shamir und die Juden.

Ich weiß nicht, wie er es aufnehmen wird, aber ich konfrontiere Shamir mit dieser Assoziation. Mal sehen, was passiert. Denn ich möchte es verstehen. Leute brauchen Erklärungen. Shamir nennt Dinge, die klar als Hinweise auf Gruppenverhalten identifiziert werden können, besonders auf Machtkonstellationen, jüdisches Verhalten. Wir werden in Kürze detailliert auf diese Dinge eingehen. Ich möchte nur klarstellen, dass die Leute Erklärungen brauchen und dass sie gezwungen sind, Arbeitshypothesen zu haben.

Es ist kein Zufall, dass ich den Begriff der Roten Linien verwendet habe. Ich erinnere mich an eine Szene, wo ich für einige Tage einen anklagenden Text auf der Frontseite meiner Homepage hatte, der an die Regierung von Schleswig-Holstein gerichtet war. Das war, nachdem ich meinen Universitäts-Job verloren hatte. Ich hatte darauf bestanden, über bestimmte Themen zu sprechen, aber das wurde abgelehnt. Heute bin ich mir nicht sicher, ob der erwähnte Text ganz falsch war, aber ich weiß, dass es nicht funktioniert hat. Es hat meine Nerven beruhigt, aber es war nicht erfolgreich, politisch gesehen. Ich erinnere mich genau daran, dass Shamir diese Rebellion gefallen hat, und dass er einer der wenigen war, die mir da folgen konnten. Es war eine Rote Linie, es hat nicht funktioniert und mit etwas Erfahrung lernt man, dass es nicht funktioniert. Man kann immer noch über solche Linien gehen, es ist nicht immer falsch. Aber man weiß dann, was man tut. Man spürt eine Verantwortung.

Am 18.08.2005 wurde Shamir im Fernsehen interviewt, auf Sat1, in der Sendung "Kulturzeit". Wie ich später hörte, hatten die Redakteure Ludwigs ersten Artikel über Shamir im Freitag gelesen und ihn daraufhin eingeladen. Später erklärten sie öffentlich, dass sie Shamir nicht wieder einladen werden. Es war ihnen peinlich. Das Interview selbst war gut. Ich habe es gesehen. Es war das erste Mal, dass ich Shamir gesehen habe, bis auf zwei Online-Fotos.

Zwischenzeitlich habe ich das Blumenbuch gelesen. Nach einigen abschließenden Bemerkungen und Kommentaren folgt eine Besprechung des Buches in Kapitel 3. Das Ergebnis von Kapitel 3 wird nicht sein, dass es anti ist. Das ist bereits bekannt. Wir werden vielmehr das Buch dazu bringen, uns seine Geheimnisse zu erzählen. Auf der Suche nach einer Erklärung, um den Widersprüchen auf den Grund zu gehen.





- Reflexion über Rassismus -

(31.03.2006) Man erkennt bereits am Wort, dass "Rassismus" schwer zu definieren ist. Was ist eine Rasse? Dies ist kein moderner Begriff. Geht es um Diskriminierung? Kein viel besserer Begriff: Diskriminierung ist Griechisch für Unterscheidung. Es handelt sich bei der Sache um ein Paradox, das nämlich, wonach die Leute alle unterschiedlich sind und gleichzeitig alle gleich. Wir sind alle etwas Besonderes, also ist niemand etwas Besonderes. Wir haben eine Identität, aber es ist unhöflich, sie auszuleben. Wir leben in Gruppen, aber wir wollen die Verantwortung nicht tragen. Gesellschaften sind unterschiedlich, aber je mehr man versucht, dieses Phänomen zu analysieren, desto mehr rinnt es einem durch die Finger. Es gibt Stereotypen von vielen Gesellschaften auf dem Markt, Zuschreibungen aller Art. Einige davon sind harmlos, andere können zu gewalttätigen Handlungen aufstacheln, wie wir bei den Muhammad-Karikaturen sehen konnten. Einige der Stereotype bilden das (kulturelle) Fundament klassischen Feinddenkens, von der Antike über die Versklavung Afrikas und allen bekannten Formen des Kolonialismus und Imperialismus, eine Gesellschaft, die über eine andere herrscht oder den Versuch macht, bis zum Kalten Krieg und der derzeitigen Vergewaltigung der arabisch-islamischen Welt unter dem Etikett des Anti-Terrorismus.

Analytisch gesehen braucht das Rassismus-Szenario die folgenden Komponenten:
1. Ein Opfer. Jedes Szenario aus der Domäne der Gewalt ist durch das Opfer charakterisiert. Wo kein Opfer, da keine Gewalt.
2. Eine Zuschreibung. Das Opfer bekommt ein Etikett zugeschrieben. Ein klassisches Beispiel aus der Geschichte ist, dass Juden und Schwarze durch ein Gesetz die Zuschreibung erfahren haben, eine niedrigere Rasse zu sein. Daher wurden sie als Rasse getrennt.
3. Eine Umgebung, in der die Zuschreibung funktioniert. Das kann eine Schulklasse sein, in der die anderen Schüler an die Notwendigkeit der Segregation glauben oder es kann eine Regierung sein, wenn sie die Segregation anordnet. Die Umgebung ist der komplexeste Faktor.
4. Ein Täter. Jemand, der die Zuschreibung äußert. Wenn diese Person oder Gruppe in einer Machtposition ist, steigt sein Wert im Szenario. Zum Beispiel Ahmedinedschad oder Bush, wenn sie über den Westen reden, beziehungsweise über den Terrorismus.

Ein Problem ist, dass es auch harmlose Fälle gibt, die denselben vierteiligen Rahmen aufweisen. Das Quarantäne-Szenario etwa hat dieselbe Struktur. (1) ist der Infizierte, (2) ist die Zuschreibung der Infektion, (3) ist die Öffentlichkeit, (4) ist z.B. ein Arzt. Damit soll gezeigt werden, dass die Struktur dieses Szenarios nicht per se "böse" ist. In einigen Fällen ist sie gerechtfertigt.

Ein größeres Problem ist, dass - wie wir übereingekommen sind - Gruppen eine Verantwortung tragen. Daher ist diese Verantwortung der Gruppe per Definition zugeschrieben. Zum Beispiel, wenn eine Gruppe einen Mord begeht und dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Wenn die Zuschreibung mit der Verantwortlichkeit zusammenfällt, gibt es in dem Szenario kein Opfer mehr.

Darüber hinaus erfasst die oben-genannte Formel die signifikanten Phänomene des Philo-Rassismus nicht hinreichend. Dies sind besondere Fälle, weil das Opfer und der Täter in diesem Szenario versteckt sind. Durch die Zuschreibung von stereotypen positiven Merkmalen zu Gruppen können diese gewalttätige Extreme ausbilden, ohne eine kritische Rückmeldung erwarten zu müssen. Eine solche positive Zuschreibung ist "Gruppe A ist immer zu Unrecht zum Opfer gemacht worden." Jetzt wird Gruppe A nicht mehr kritisiert, weil sie sich als Opfer fühlen würde. Die Opfer von Gruppe A bleiben daher unentdeckt.

Zuschreibungen sind nicht immer etwas Schlechtes oder etwas Gutes, sie sind Teil unseres natürlichen Denkens. Um eine Gruppe überhaupt als Identität wahrnehmen zu können, braucht man Aussagen über die Gruppe, und das sind immer Zuschreibungen. Daher liegt die Gefahr eher im Lagerdenken, denn dort werden Zuschreibungen zu Feindbildern. Feindbilder wiederum aktivieren Aggressionen in den vielen Menschen, die sich mit dem entsprechenden Szenario identifizieren. So wird Guantanamo ebenso möglich wie gewalttätige Massenveranstaltungen in arabischen Ländern wegen des Karikaturenstreits.

Für die Öffentlichkeit in meiner Umgebung ist es extrem schwer anzuerkennen, das "der Andere" nicht notwendig gut oder böse ist. Als ich mit der Rubrik "Pressezeit" begonnen habe, geschah das aufgrund eines Artikels in der Süddeutschen Zeitung über "den Araber". Die Grundaussage war, dass wir im Westen dazu neigten, uns den Araber wie Omar Scharif in dem Film "Lawrence von Arabien" vorzustellen, was sich aber als falsch herausstellte, sodass wir ihn uns jetzt als Bin Laden vorstellen, denn das ist der einzige andere Araber, den wir kennen... Es ist anzuerkennen, dass ein solches Denken existiert. Wir können darüber lachen, wir können die Köpfe schütteln, aber wir können es nicht ignorieren. Und wenn solche Vorstellungen über Araber auf dem Markt sind, dann können wir sicher sein, dass dies nicht die einzigen sind, die eine Sonderbehandlung erfahren. Es ist eine bekannte Tatsache, dass Deutschland eine "besondere Beziehung" zu Juden hat. Im Kontext mit ausgeprägtem Lagerdenken ist das eine gefährliche Sache, egal, ob es sich dabei um Anti- oder Philo-Semitismus handelt.

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(01.04.06) Kommen wir nun zu einigen Kommentaren, die mich inzwischen erreicht haben. Der Journalist aus Hamburg, der freundlicherweise bereits in früheren Pressezeiten Kommentare beigesteuert hat, schreibt: "Lieber Anis, Das ist ein äußerst verwickelter Streit. Der Schamir spielt so absichtlich und unberechenbar mit dem Feuer judenfeindlicher Ressentiments, dass ich im vorgegebenen Rahmen - als Deutscher in Deutschland - keine noch so geringe Gemeinschaft mit ihm möchte. Ich könnte ihm allenfalls zugute halten, dass dort, wo er herkommt - ich meine Russland - viele Juden nichts dabei finden, mit Antisemiten Tee zu trinken und zu diskutieren oder rumzualbern, wie auch umgekehrt. Ich habe von dort die Redensart gehört: 'Menschen sind wir doch alle, und miteinander reden kann man doch immer'. Man findet dort auch nichts dabei, ein bisschen zu provozieren und zu erschrecken, sondern kultiviert dies mitunter geradezu. Ich verkenne nicht einen gewissen Charme dieser Lebensweise, akzeptiere aber für mich, dass wir hier in Deutschland leben und dass es vor diesem Hintergrund sehr wohl auch gute Argumente gibt, jede Gemeinschaft mit judenfeindlichen Provokateuren konsequent zu meiden.

'Die Juden feiern Chanuka' ist rassistisch? Das muss ich mir merken. Natürlich ist es falsch. 'Juden feiern Chanuka' wäre richtig. Manche tun es, manche lassen es. Auch 'Mormonen feiern Chanuka' klingt zwar total daneben, könnte aber dennoch richtig sein. Vielleicht gibt es ja zwei, die es tun. 'Juden feiern Weihnachten' könnte auch stimmen. Der Seligmann zum Beispiel soll nichts dagegen haben. Ich hatte bei Springer eine jüdische Kollegin, die keinesfalls Chanuka, sondern wohl nur Jom Kippur feierte. 'Juden essen Schweinebratwürste' ist übrigens auch richtig: Diese Kollegin jedenfalls tat es, und sicher ist sie damit nicht die einzige. Aber Rassismus setzt doch voraus, dass eine verallgemeinernde Aussage in irgendeiner Weise einen herabsetzenden Inhalt hat. Das vermag ich beim Satz 'Die Juden feiern Chanuka' nicht zu erkennen. Vielleicht fehlt es mir an der nötigen Sensibilität."

Dieser Journalist, so sollte ich anfügen, gehört zu den wenigen, die in ihren Veröffentlichungen Kritik am Staat Israel präzise formulieren. Auch den Philo-Rassismus kennt er natürlich. Nur geht es im Hanuka-Satz um etwas anderes. Als ich ihn einst als Beispielsatz konstruierte, hatte ich eine Linie im Kopf wie: Die Juden feiern Hanuka, die Christen Weihnachten und die Muslime 'Iid al-Fitr.

Besonders an diesem Beispiel lässt sich zeigen, dass man dem Phänomen von Rassismus besser durch die Prototypen-Theorie versteht als durch definitorische Versuche.
15 Stellen wir uns beispielsweise einen Pfau vor, einen Kolibri, eine Amsel, ein Huhn, einen Pinguin und eine Eule. Wenn uns jemand nach einem typischen Vogel fragt, werden wir wahrscheinlich auf die Amsel zeigen. Der Pinguin mag ein Vogel sein, aber kein typischer. Was macht die Amsel zum typischen Vogel? Dies ist die Frage der Prototypen. Sie gilt auch für Rassismus. Es gibt typische Formen von Rassismus und weniger typische. Philo-Rassismus gehört zu den letzteren und wird daher oft übersehen. Eine befreundete Journalistin aus München schreibt über das Gilad-Zitat: "Das Interview mit Gilad und deine zitierten Stellen gehen mir zu weit, er kritisiert die Anglo-Amerikaner mehr für die Verbrechen des Holocaust als die Deutschen! Allerdings hat Stalin tatsächlich noch ein paar Millionen mehr Leute auf dem Gewissen als Hitler. Bei Hitler waren es, glaube ich, 50-60 Millionen, bei Stalin nooch mal 10 Millionen mehr. Warum kritisiert Gilad nur die Anglo-Amerikaner, nicht die Deutschen und Stalin? Oder die Japaner? Er ist mir zu unsachlich." Gilad antwortete darauf in einer Email mit den Worten: "Das ist einfach: Stalin ist tot und Hitler auch, Anglo-Amerikaner sind noch da, im Irak, Afghanistan und hinter Israel." Ich denke, dass dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, sich von Lagerdenken zu lösen und allgemeine Standards als Grundlage der Betrachtung zu nehmen. Dies ist ja auch in der Neuformulierung der Menschenrechte nach dem Zeiten Weltkrieg geschehen, nur dass die Menschenrechte nicht konsequent überwacht werden, sondern innerhalb des Lagerdenkens. Solange nur ein paar Staaten ein paar der Menschenrechte einhalten müssen, bleibt der Diskurs verzerrt.

Weiter zu Kapitel 3




Fußnoten:

9: Dies bezieht sich auf eine frühere Version der Blumendebatte, wurde aber im Text gelassen, da es zeigt, dass nicht nur mangelnde Distanzierung auf Unmut stößt, sondern auch zu viel Distanzierung. (zurück)
10: Als Jamal Karsli damals von Guido Westerwelle aus der FDP gekickt wurde, war der Anlass eine Email, in der Israel aus Expertenmund "Nazi-Methoden" vorgeworfen wurde. Jamal hatte diese Mail in den FDP-Vorstand versendet. Der Experte war Shraga Elam. Für einige Zeit stand er mit Jamal in Kontakt. Manche Networker berichteten mir, dass Shraga Elam gern von einem Networker zum anderen zieht und nirgends lange bleibt. Man sollte seine Ex-Frau einmal dazu befragen. (zurück)
11: Newsweek, March 24, 2006: "From Dreamer to Contender. Even though a national election isn't scheduled, human-rights activist Chibli Mallat is running for president. And his chances of winning are looking better all the time." by Stephen Glain. URL: www.msnbc.msn.com/id/11998664/site/newsweek/ Mallat interview on Anis Online: www.anis-online.de/1/orient-online/mallat2.htm. Nasr Abu Zaid interview: www.anis-online.de/1/orient-online/abuzayd.htm (zurück)
12: www.israelshamir.net/English/Tale_of_Two_States.htm (zurück)
13: www.anis-online.de/1/m/archiv/2003_israelshamir.htm (zurück)
14: Leider hat Dr. Miller nie über Palästina gesprochen. Ich fragte sie einige Male danach. Nur einmal in einer Email erwähnte sie die Idee, Familien von Selbstmord-Attentätern zu interviewen. Vor einigen Tagen schrieb sie mir, dass sie keine weiteren Bücher schreiben wird und dass sie es als nutzlos erachtet, weitere Interviews zu geben. Daher wird die folgende Interviewfrage nie beantwortet werden: "Ihre Analyse von Hitlers Persönlichkeit ist beeindruckend. Sie argumentieren, dass das "schwarze" Erziehungssystem im Deutschland des 19ten und frühen 20sten Jahrhunderts es ermöglicht hat, dass sich diese mörderische Persönlichkeit durchsetzen konnte. Auch die unermessliche Gewalt von Deutschen gegen Juden und andere Sündenböcke wurde so möglich. Über die traumatischen Folgen des Genozids schreiben sie in dem Stück "Margot und Lilka" im Buch "Abbruch der Schweigemauer", besonders S. 47 - 52. Dort steht etwas über (israelische) "Soldaten, die schließlich sterben müssen, weil sich ihre Befehlshaber weigern, sich zu erinnern." Wenn nun das Trauma des Genozids nach wie vor virulent und nicht überwunden ist, bedeutet das doch, dass auch die Nachfahren der Opfergruppe wieder zu schwerer Gewalt greifen. Warum sind Sie nicht den Schritt gegangen, die palästinensische Tragödie unter diesem Aspekt zu betrachten? Er liegt auf der Hand. Haben Sie Angst davor? Warum?" (zurück)
15: Siehe zum Beispiel George Lakoff (1990): Women, Fire, and Dangerous Things (zurück)
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