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Pressezeit (3): Die Blumendebatte
Eine Online-Kritik von Anis Hamadeh, 2006
Kapitel 1
English

Kapitel 1: Interview mit Fritz Edlinger - Der Antisemitismusvorwurf - Rezensionen - Einige Links


- Interview mit Fritz Edlinger -

AH: Herr Edlinger, wie bekannt wurde, haben Sie Ihre Meinung über das Buch "Blumen aus Galiläa" nach seiner Herausgabe relevant geändert. Geschah dies auf äußeren Druck hin oder hatten sie Dinge überlesen oder wie kann man sich das vorstellen?

FE: Als ich den englischen Text des Buches zum ersten Mal gelesen habe, hatte ich ein äußerst ambivalentes Gefühl. Zum einen war ich vom Stil Israel Shamirs beeindruckt, mir gefielen auch seine Aufsätze über kulturelle, kulturhistorische und folkloristische Details Palästinas. Zum anderen gefiel mir persönlich die religiöse Schlagseite mancher seiner Beiträge nicht, besondere Probleme machten mir seine mitunter aggressiv anti-jüdischen Aussagen. Nach längeren Überlegungen und Konsultationen mit dem Verleger entschlossen wir uns trotz aller Für und Wider eine deutsche Übersetzung herauszubringen, allerdings ohne einige der massiv anti-jüdischen Passagen. Mich beeindruckten seine Schilderungen des alten von den zionistischen Siedlern inzwischen großteils vernichteten Palästina derart, dass ich mich also zur Herausgabe des Buches entschloss, auch auf die Gefahr hin, dass die eine oder andere Passage dennoch Anstoß erregen wird.

Ich war also auf eine gewisse Aufregung vorbereitet, dennoch hat mich dann das Ausmaß etwas überrascht. In diesem Zusammenhang möchte ich aber doch erwähnen, dass es zunächst monatelang überhaupt keine negativen Reaktionen gegeben hat. Dann hat aber eine massive Kampagne eingesetzt, es wurde eine Reihe von Zitaten kreuz und quer durch Europa geschickt, was letztlich von einigen antifaschistischen und pro-israelischen Organisationen aufgegriffen wurde. Dass - wie bei derartigen Kampagnen üblich - viele der verbreiteten Zitate vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen sind und dass manche der Aktivisten das Buch nie selbst zur Hand genommen hatten, war für mich nicht neu. Es war für mich persönlich, der ich mich seit mehr als 25 Jahren für die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes einsetze, auch nicht neu, als Antisemit diffamiert zu werden. Ich hatte bereits vorher des Öfteren die Wucht der von "politische korrekten" Lobbyisten geschwungenen Antisemitismuskeule verspürt. Diesmal kam es aber besonders dicht und auch von Seiten, wo ich das nicht erwartet hatte.

Unter all diesen Eindrücken habe ich also den Text nochmals und nochmals gelesen und habe tatsächlich entdeckt, dass manche Passagen eigentlich so nicht akzeptabel sind. Zusätzlich wurde ich im Laufe dieser wirklich unangenehmen und mühsamen Auseinandersetzungen auch mit Aktivitäten und Facetten des Charakters von Israel Shamir konfrontiert, die mir vorher nicht bekannt gewesen sind. Es hat in der Tat manche äußerst fragwürdige politische Verbindungen und dürfte auch persönlich ein eher problematischer Typ sein. Wie Sie ja wissen, habe ich dies öffentlich eingestanden und mich von diesen Passagen distanziert, und auch in meinem eigenen Wirkungsbereich der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen das Buch zurückgezogen. Aus meiner Sicht ist das mehr als genug, ich bin kein Faschist, um öffentliche Buchverbrennungen zu organisieren.

AH: Wie später noch gezeigt werden wird, gibt es sehr scharfe Ablehnungen dieses Buches und seines Autors in der Öffentlichkeit. Es erhält Etiketten wie "Eine der übelsten Hetzschriften nach 1945". Vor allem der Antisemitismus-Vorwurf erscheint durchgängig bei den Kritikern. Es scheint, als sage die Rezeption mehr aus als das Buch selbst. Finden Sie das auch?

FE: Zum Antisemitismusvorwurf gegen das Buch habe ich bereits Stellung genommen. Ich akzeptiere, dass manche Passagen antisemitisch sind oder zumindest so interpretierbar sind. Ich möchte mich jedoch nicht allzu tief in die Debatte über jüdischen Antisemitismus bzw. jüdischen Selbsthass involvieren. Dafür gibt es weitaus Berufenere.

Sie haben aber sicherlich Recht, dass die Art und Weise der gesamten Kampagne bereits als solches höchst interessant ist. Wie bereits zuvor erwähnt, habe ich mehrfach die Erfahrung gemacht, dass sich Menschen gegen das Buch, dessen Autor, gegen mich und den Verleger gewendet haben, ohne überhaupt das Buch gelesen zu haben. Ja manche haben nicht einmal die selektive Zitatensammlung gekannt sondern nur von parteiischen Journalisten und oder Wissenschaftlern verfasste Pamphlete. Auch der Zusammenhang zwischen der politischen Situation im Nahen Osten und dem (hier geht es vor allem um den sogenannten neuen) Antisemitismus wurde von manchen Debattenteilnehmern schlichtweg geleugnet. Jenes Komitee, welches z.B. gegen meine Teilnahme an einer Veranstaltung an der UNI-Graz mobilisiert hat, hat in einer persönlichen Aussprache mit mir schlichtweg erklärt, dass sie vom israelisch-palästinensischen Konflikt nichts wissen und dazu daher nichts sagen können, sie seien einfach gegen jegliche Art des Antisemitismus, alles andere sei ihnen egal. Auf meinen Hinweis, dass man sich das nicht ganz so einfach machen können, und dass sie Gefahr laufen, eine bestimmte Rolle in der Strategie der israelischen Regierung, welche alle Angriffe gegen ihre völkerrechtswidrige Besatzungspolitik als antisemitisch diffamiert, zu spielen, hat man gebetsmühlenartig immer dieselben Parolen von sich gegeben. In diesem Zusammenhang ist es auch nicht überraschend, dass die Etikettierung von der "übelsten antisemitischen Hetzschrift seit 1945" aus der Schreibstube eines absolut pro-israelischen Dokumentationszentrums in Wien stammt.

Also zusammenfassend: In dem Buch finden sich sicherlich antisemitische Passagen oder zumindest solche, die als solcher interpretierbar sein mögen. Derartiges verbreitet zu haben, mag man mir als Fehler anlasten. Dass es aber leider vielen, welche gegen dieses Buch so wie gegen andere israelkritische und/oder anti-zionistische Bücher mobilisiert und polemisiert haben, darum gar nicht geht, ist für mich eine andere unbestreitbare Erfahrungstatsache. Diesen Lobbyisten geht es schlicht und einfach darum, die unhaltbare Politik Israels zu vertuschen und von deren Verbrechen abzulenken.

AH: Warum wollten Sie die Dortmunder Erklärung unterschreiben und was war die Reaktion?

FE: Ich wollte diese Erklärung vor allem deswegen unterschreiben, weil ich damit meine persönliche Solidarität mit jenen Initiativen und Personen in Deutschland, welche genau gegen diese Instrumentalisierung des Antisemitismus im Interesse der israelischen Politik auftreten, zum Ausdruck bringen wollte. Gerade die jüngsten Ereignisse (Prozess Melzer-Broder, Kampagnen gegen Rupert Neudeck und Ludwig Watzal etc.) zeigen doch deutlich auf, wie höchst notwendig es ist, diesem Gesinnungsterror der "Politisch Korrekten" entschieden entgegen zu treten..

Ich war daher einigermaßen überrascht, als der Promotor der Dortmunder Erklärung mir mitteilte, dass er meine Unterschrift nicht akzeptiere, da er mir im Mindesten die Verbreitung von antisemitischem Gedankengut vorwirft. Ob er zu diesem Zeitpunkt "Blumen aus Galiläa" selbst gelesen hatte oder sich nur auf Informationen aus zweiter und dritter Hand bezog, entzieht sich meiner Kenntnis. Mich hat diese Ablehnung überrascht, höchst unangenehm berührt hat mich aber der apodiktische Ton sowie die Forderung, wonach meine Unterschrift eventuell doch akzeptiert werden könne, wenn ich eine ausführliche Distanzierung von Israel Shamir und dem Buch "Blumen aus Galiläa" verfasste. Nun, ich kenne Herrn Steinberg nicht persönlich, aber der Mann scheint doch eine etwas merkwürdige Auffassung von Toleranz, Meinungsfreiheit und Diskussionskultur zu haben. Diese Forderung erscheint mir eine Kreuzung von kirchlichem und parteipolitischem Obrigkeitsdenken zu sein. Ich dachte mir eigentlich, dass beides kulturgeschichtlich bereits hinter uns liegt, zumindest hier in Mitteleuropa.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch über eine Erfahrung berichten, die ich im Laufe der Jahre mehrfach machen musste: Wenn es um Israelkritik geht, habe ich wiederholt festgestellt, dass jüdische Freunde, deren Judentum für sie selbst, aber auch für unsere persönliche Beziehung absolut kein Thema war, sich plötzlich merkwürdig reserviert verhalten. Ich habe dafür einige Erklärungen, die durchaus auch auf nicht-zionistische Juden anwendbar sind. Diese reichen von einem mitunter extrem starken Milieudruck (es ist sicherlich auch für säkulare nicht-zionistische Juden keine Freude, von Zionisten und/oder gläubigen Juden ständig als Verräter oder dergleichen diffamiert zu werden) bis hin zu einer vorauseilenden Selbstzensur. Ich habe auch bei sehr israelkritischen Juden selbst schon die Erfahrung machen müssen, dass sie sehr wohl differenzieren, wer da Kritik an Israel übt. Offensichtlich wird Nicht-Juden (noch dazu wenn diese aus Österreich oder Deutschland kommen) ein niedrigeres Maß an Israelkritik zugestanden als man für sich selbst in Anspruch nimmt. Ich war bereits des Öfteren mit der überraschenden Situation konfrontiert, dass sehr israelkritische Juden meine Kritik zurückgewiesen oder zumindest relativiert haben. Es ist nicht auszuschließen, dass auch diese Zurückhaltung etwas mit einem mehr oder minder bewusst ausgesprochenen Antisemitismusvorwurf bzw. -vorbehalt zu tun hat. Offensichtlich gilt hier das Prinzip "Quod licet Iovi not licet bovi".

AH: Was sind für Sie die zentralen Fragen in der Blumendebatte?

FE: Für mich gibt es da vor allem zwei zentrale Fragen: Die Auseinandersetzung über Antisemitismus und jüdischen Selbsthass sowie die Frage der politischen Instrumentalisierung des Antisemitismus im Interesse der israelischen Besatzungspolitik.

Zur Frage des Antisemitismus möchte ich dem bereits vorhin Gesagten eigentlich kaum mehr etwas hinzufügen. Aufgrund meiner eigenen politischen Sozialisierung (Ich komme aus der linken Sozialdemokratie und habe im Zuge meiner politischen Schulung in den Sechziger Jahren die radikale Ablehnung von Faschismus jeglicher Art gewissermaßen mit der politischen Muttermilch aufgesogen; ich bekenne mich auch heute noch zu Parolen wie "Wehret den Anfängen" und "Nie wieder Krieg" und lehne Antisemitismus und jegliche andere Art des Rassismus auf das Entschiedenste ab!) halte ich mich persönlich eigentlich für ziemlich immun gegenüber jeglicher Art des Antisemitismus, ob alt oder neu. Ich muss aber einschränkend hinzufügen, dass ich doch ziemliche Probleme mit der von den einschlägigen "Fachautoritäten" in den letzten Jahren entwickelten Theorie des sogenannten neuen Antisemitismus habe. Die einschlägigen Definitionen sind derart vieldeutig und unklar, dass man mehr oder minder je nach Gutdünken den Kreis der neuen Antisemiten sehr weit ausdehnen kann. Man hat das ja vor nicht allzu langer Zeit mit dem vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung vorgelegten Definitionsversuch für Antisemitismus gesehen. Ich plädiere also in diesem Zusammenhang dafür, dass man sich auf die harten Fakten des alten Antisemitismus (also Verherrlichung des Nationalsozialismus, Holocaustleugnung, verschiedene Aspekte des alten christlichen Antisemitismus etc.) beschränkt, und alle anderen neuartigen Definitionen dem Reich der unwissenschaftlichen Spekulation überlässt.

Zur höchst spannenden Auseinandersetzung über jüdischen Antisemitismus und jüdischen Selbsthass kann und will ich nichts sagen. (Obwohl ich als Schüler von Bruno Kreisky, dem man selbst all das vorgeworfen hat, einige Beobachtungen beizusteuern hätte.)

Damit komme ich zur zweiten zentralen Frage, die in der Blumendebatte eine Rolle spielt: Die politische Instrumentalisierung des Antisemitismus. Ich habe bereits einige Male erwähnt, dass dies für mich persönlich die wirklich spannende Frage ist. Denn hier geht es, wenn Sie mir diesen legeren Ausdruck verzeihen, an's Eingemachte. Hier geht es um die politische Realität. Es ist ja inzwischen eine Binsenweisheit, dass das politische Establishment in Israel und ein beträchtlicher Teil der internationalen jüdischen Organisationen den Antisemitismusvorwurf als Waffen gegen alle Kritiker der israelischen Expansions- und Besatzungspolitik verwenden. Selbst dort, wo keine wie immer gearteten antisemitischen Argumentationen verwendet werden, wird - siehe die Theorie des "neuen Antisemitismus" - sofort die Keule des Antisemitismusverdachtes geschwungen. Da ich seit mehr als 25 Jahren mit Israel/Palästina zu tun habe, kann ich auch bereits einige historische Vergleiche anstellen. Und eine Tatsache steht für mich außer Zweifel: Je ärger die israelische Besatzungspolitik und demzufolge auch ihr Grad an Völkerrechtswidrigkeit wurde, desto stärker wurde die Waffe des Antisemitismusvorwurfes eingesetzt. Nun hat die israelische Landraub- und Besatzungspolitik unter Arik Sharon zweifellos ihren Höhepunkt erreicht, sodass es natürlich auch eines entsprechenden propagandistischen Ausgleichs bedarf. Neben der (weitgehend von Israel geschaffenen und den USA akzeptierten) verbreiteten These, wonach es auf palästinensischer Seite eben keinen Gesprächspartner gäbe, ist das Antisemitismusargument das weltweit wichtigste Vehikel zur Durch- und Umsetzung der israelischen Politik. Es besteht für mich also ein klarer Zusammenhang zwischen Art und Ausmaß der israelischen Politik und der Intensität und Häufigkeit des Einsatzes der "Antisemitismuswaffe". Dies war für mich auch im Zusammenhang mit der Blumendebatte eindeutig festzustellen.

Noch eine kurze Bemerkung im Zusammenhang mit der merkwürdigen Debatte mit Herr Steinberg: Vieles war ihm wichtig, er präsentierte zuletzt eine bereits kaum mehr übersehbare Liste an Zitaten und Distanzierungsforderungen, aber den Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um das Buch und der israelischen Politik hat er ebenfalls nicht gesehen oder nicht sehen wollen, zumindest hat dies in der Korrespondenz mit mir absolut keine Rolle gespielt.

AH: In einem Ihrer letzten Artikel plädierten Sie für "Dialog statt Ausgrenzung", auch in Hinsicht auf die Hamas, die die Wahlen gewonnen hat. Welche Art von Dialog meinen Sie damit?

FE: Lassen Sie mich zunächst feststellen, dass ich ein unbedingter Anhänger des Prinzips bin, politische Konflikte sowohl im innerstaatlichen wie auch im internationalen Bereich mit gewaltlosen politischen Mitteln lösen zu wollen. Ich bin also entschieden gegen Gewalt, von wem immer diese auch ausgeübt wird. Gewalt löst keine Konflikte, sie schafft nur weitere. Und was für den einen legitime Gewaltanwendung für einen "guten Zweck" ist, stellt für den anderen Terror dar. Das hat auch vor kurzem wieder die ergebnislos verlaufene Debatte im Rahmen der Vereinten Nationen bewiesen. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ein Schulbeispiel dafür, wie man mit Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sich dadurch von einer Lösung der dem Konflikt tatsächlich zugrunde liegenden Fragen nur noch weiter entfernt.

Mit meinem Appell "Dialog statt Ausgrenzung" habe ich mich zunächst auf die Europäische Union bezogen. Diese hat in ihren ersten Reaktionen auf den überraschend klaren Wahlsieg der Hamas bei den Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat die Hamas gleich mit einigen unabdingbaren Forderungen konfrontiert. Man müsse sich vom Terror distanzieren, das Existenzrecht des Staates Israel anerkennen und mehr oder minder auch gleich Oslo und die Road Map anerkennen. Auf eine ähnlich ultimative Forderung an die israelische Regierung, ab sofort keinen Staatsterror in Form von Luftangriffen auf palästinensische Städte und Dörfer sowie in Form von sogenannten gezielten Tötungen auszuüben, warte ich noch heute. Auch kein einziges Wort darüber, dass Israel sich - den einschlägigen UN-Resolutionen folgend - sämtlich 1967 besetzten Gebiete räumen und damit die Voraussetzung zur Gründung eines lebensfähigen palästinensischen Staates schaffen solle. Dies war eine völlig einseitige und provokative Stellungnahme, die dem - angeblich von der EU so hochgehaltenen - Prinzip der friedlichen Konfliktlösung konträr widerspricht. Es ist besteht absolut kein Zweifel daran, dass sich Hamas verändern wird müssen, um einen Friedensdialog führen zu können. Aber das Gleiche gilt für Israel! Man kann keinen Dialog erwarten, wenn man von vorneherein einen der beiden Partner ausgrenzt. Die EU ist damit unglücklicherweise jenem Muster der Ausgrenzung und Schaffung unnötiger Feindbilder gefolgt, welches seit Jahrzehnten für das völlige Scheitern jeglicher israelisch-palästinensischer Friedensgespräche verantwortlich ist. In dem Maße wie sich die Palästinenser ihren Gesprächspartner auf der israelischen Seite nicht aussuchen können, wird Israel und die gesamte Welt nicht umhinkommen, jene Kräfte auf palästinensischer Seite anzuerkennen, welche aus demokratischen Wahlen als Vertreter des palästinensischen Volkes hervorgegangen sind, und dies ist nun einmal - ob uns das passt oder nicht - die Hamas. Sollte man nicht endlich dieses demokratische Grundprinzip anerkennen und dem palästinensischen Volk nicht endlich ein Mindestmaß an Autonomie und Entscheidungsfreiheit einräumen, ist es aus meiner Sicht leider zu erwarten, dass ein neues blutiges Kapitel in der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konfliktes aufgeschlagen wird.

AH: Sehen Sie Beziehungen oder Parallelen zwischen der Blumendebatte und der derzeitigen Karikaturendebatte?

FE: Ohne jetzt allzu sehr in die Tiefe gehen zu wollen, so gibt es doch einige Parallelen. Um nur einige zu nennen: das Vorhandensein von Tabus und das bewusst provokative Brechen derselben, die Schaffung und Vertiefung von Feindbildern, die Schaffung von Doppelstandards oder auch die Nutzung von Fehlern/Fehlentwicklungen der jeweils anderen Seite für eigene Zwecke. Über allem steht aber die Unkultur des Einander-Nicht-Zur-Kenntnisnehmen-Wollens und der Dialogverweigerung.

Als Sozialist liegen mir religiöse Angelegenheiten nicht besonders am Herzen und ich fühle mich den Werten der Aufklärung sehr verpflichtet. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist aber im gegenständlichen Fall nicht der eigentliche Kern des Problems, dieser ist vielmehr eine bewusst herbeigeführte Konfrontation. Die ganze Aktion des dänischen Blattes "Jyllands-Posten", welches ganz offensichtlich ein ultrarechtes rassistisches Machwerk ist und welches die Veröffentlichung von angeblich antichristlichen Karikaturen abgelehnt hat, stellte eine von langer Hand geplante Aktion dar. Somit versteckt sich hinter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit eine skandalöse rassistische volksverhetzende und ausländerfeindliche Aktion. Und diese ist auf das Schärfste abzulehnen, Meinungsfreiheit und Toleranz hin oder her. Man sollte auch nicht das politische Umfeld außer Acht lassen: Die seit vielen Jahren regierende Rechtsregierung in Dänemark verfolgt wohl eine der ausländerfeindlichsten Politiken überhaupt. Sie ist charakterisiert von der Schaffung von Feindbildern und von bewussten Provokationen. Wenn sich da der dänische Ministerpräsident - viele Monate nachdem die Karikaturen erschienen sind und einige Monate nachdem er das Gespräch mit den arabisch-islamischen Botschaftern abgelehnt hat - für die ganze Aktion entschuldigt, so ist das im höchsten Maße unglaubwürdig. Hier wird eine bewusste Politik der Ausgrenzung und Diskriminierung betrieben. Insofern gibt es jede Menge Ähnlichkeiten zum israelisch-palästinensischen Konflikt und letztlich auch zur Blumendebatte.

Die gewalttätigen Reaktionen gegen europäische Institutionen in verschiedenen islamischen Staaten stellen eine absolut unverständliche Überreaktion dar und sind daher vehement zu verurteilen. Jene islamischen Politiker, welche diese Aktionen befürwortet ja geradezu provoziert haben, sind aber besonders zu verurteilen. Die meisten davon missbrauchen religiöse Gefühle für eigennützige Interessen der Machterhaltung. In diesem Zusammenhang möchte ich aber betonen, dass sich viele islamische Politiker durchaus verantwortungsbewusst verhalten haben, indem sie die außer Kontrolle geratene Gewalt der Straße scharf verurteilt haben. Ich kann und will aber auch nicht darüber hinweg sehen, dass es auch in Europa genügend skandalöse (hier hat sich der französische Innenminister Sarkozy wieder einmal besonders hervorgetan) aber auch lauwarme, das eigentliche Problem negierende und verharmlosende, Stellungnahmen gegeben hat. Angesichts der monatelangen Vorgeschichte, der fremdenfeindlichen Politik Dänemarks und der klaren Tendenz der gesamten EU zu einer rigideren Fremdenpolitik reichen verbale Entschuldigungen und Appelle zur Mäßigung- wie sie z.B. auch seitens der österreichischen EU-Präsidentschaft gemacht worden sind - einfach nicht mehr aus. Hier steht auch die gesamte Außen-, Sicherheits-, Nahost- und letztlich auch Fremdenpolitik der EU mit zur Debatte. Und diese ist ja wirklich alles andere als tolerant, verständnisvoll und kooperativ. Auch hier wieder eine klare Parallele zur Blumen- bzw. zur Nahostdebatte: Auch hier kann man sich oft des Eindruckes nicht erwehren, dass es sich um einen Dialog von Tauben handelt.

Es gäbe hier noch viel zu sagen, z.B. die Frage inwieweit diese weitgehend doch unkontrollierte Explosion auch Ausdruck eines ganz unreligiösen Minderwertigkeitskomplexes der arabisch-islamischen Menschen ist. Aber eines, auch wenn es unmittelbar mit der Blumendebatte nichts zu tun, möchte ich zum Abschluss - nicht zuletzt auch zur Vermeidung von mehr oder minder bewussten Missverständnissen - doch noch sagen: Natürlich ist es falsch, für diese jüngste Konfrontation die alleinige Schuld bei Europa zu suchen. Einige wenige arabische Kommentatoren haben den Mut gehabt, auch auf die eklatanten Fehler und Schwächen des Islam als Religion bzw. der islamischen Staaten hinzuweisen. Solange sich der Islam in seiner großen Mehrheit als starre und seit Jahrhunderten unveränderte Theokratie darstellt und die ideelle und politische Rechtfertigung für diktatorische Staaten, inhumane Gesetzesauslegungen und terroristische Verirrungen gibt, wird er ein gewisses Maß an Mitschuld an der weitverbreiteten gesellschaftspolitischen und kulturellen Misere in der islamischen Welt nicht von sich weisen können. Und das genau ist die eigentlich spannende Frage: Wann und unter welchen Bedingungen wird der Islam endlich den Ballast an mittelalterlichen Vorstellungen und Vorschriften über Bord werfen und einen Beitrag zur Emanzipation und gesellschaftlichen Weiterentwicklung der Muslime leisten? Dazu gibt es Ansätze in der weltweiten islamischen Gemeinschaft ("Umma") aber mehr noch nicht. Der Westen aber, der sich da in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal als geistig und politisch total überlegen geriert hat, sollte sich hier doch etwas zurück nehmen und sich seines hohen Maßes an Mitschuld an der gegenwärtigen Situation im Orient bewusst werden. Deshalb klingen auch die meisten noch so verständnisvoll und ausgleichend klingenden Erklärungen europäischer Politiker so hohl und unglaubwürdig.



- Der Antisemitismusvorwurf -

(11.02.06) Ich saß am Rechner und übersetzte die letzten Sätze des Interviews mit Fritz Edlinger ins Englische. Es kam mir vor wie die Eröffnung beim Pool-Billard, wenn die Kugeln angestoßen werden und sie sich bunt über den Tisch verteilen. Der wiederkehrende Diskurs über den Antisemitismusvorwurf... Die Menschenrechtlerin Felicia Langer hat in den letzten Jahren oft darüber geschrieben, und vor den Gefahren gewarnt. Jamal Karsli hat ein Buch mit viel Quellenmaterial zu dem Thema verfasst, es liegt mir vor. Die meisten Nahost-Diskursteilnehmer, die ich kenne, inklusive Israel Shamir, thematisieren den Antisemitismusvorwurf und sehen ihn oft als umstritten an. Auch ich habe eine längere Quellenstudie mit 400 Beispielen aus der deutschen Presse angefertigt und in diesem Rahmen Vorträge in Düsseldorf und an der Uni Leipzig gehalten.3

Es scheint nach wie vor nur ein geringes Bewusstsein darüber zu bestehen, dass der Antisemitismusvorwurf (auch) immer dann öffentlich erscheint, wenn die israelische Gewaltpolitik konsequent abgelehnt und kritisiert wird. Als gehöre die Besatzung und die Unterdrückung zum Existenzrecht des jüdischen Staates. So wird der Antisemitismusvorwurf (auch) zu struktureller und kultureller Gewalt im galtungschen Sinne. Auch als Pazifist ist man nicht gegen solche Vorwürfe gefeiht. So steht z.B. über mich im Internet: "Trotz seiner Aktivität für den Friedensprozeß in Nahost bezieht er oft einseitig Stellung für die Palästinenser. Begriffe wie 'Antisemitismus' bereiten ihm Probleme. (Antisemitismus-Essay) Auch hantiert er mit Begriffen wie dem 'Rechtspopulismus', als ob er diese rechtfertigen möchte. Bei ATTAC gehört er zu denjenigen, der mit Verve für eine Verurteilung der Israelis eintritt und sich damit selbst dem Vorwurf des Antisemitismus aussetzte."4.

Quod licet Iovi... was dem Jupiter erlaubt ist... non licet bovi... ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt... Israel hat (schon lange) ein Existenzrecht, Palästina nicht. Israel hat eine Armee und Atomwaffen, Palästina nicht. Juden dürfen einwandern, die Millionen palästinensischen Flüchtlinge dürfen trotz UNO-Resolutionen nicht in ihre Heimat zurück. Jüdische Israelis haben eigene Gesetze, Palästinenser nicht. Über Angriffe auf Juden wird berichtet, über Angriffe auf Palästinenser viel seltener. Vergleichen Sie selbst, indem Sie einen Monat lang neben Ihrer Tageszeitung die Schlagzeilen auf www.TheHeadlines.Org lesen.

Es gehört, wie unser amtierender Außenminister soeben wieder formulierte, zur deutschen "Staatsraison", die Existenz Israels zu sichern, inklusive der Übertretungen von internationalem und Menschenrecht. Man wird von seinen eigenen Politikern dazu verführt, Unrecht mitzutragen. Wenn man dazu nicht bereit ist, wird man leicht als Terrorist oder Antisemit angesehen und behandelt. Wenn aber Israel sich den jüdischen Staat nennt (den Staat aller Juden) und eine jüdische Armee und Regierung hat, dann ist es angesichts der israelischen Einstellung gegenüber Gewaltverübung nicht verwunderlich, wenn es auch judenkritische Statements gibt, nicht nur israel- und zionismuskritische. Wie solche Statements im einzelnen zu bewerten sind, ist eine zweite Frage.

Im Fall Israel Shamirs fallen vor allem die Widersprüche innerhalb seines Buches "Blumen aus Galiläa" auf. Zum Beispiel finden wir dort den Satz: "Diskriminierung gegen Juden ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch die falsche Strategie." (S. 211) Nur zwei Sätze weiter steht da aber: "Wenn die Juden als Banker Erfolg haben, sollte das Bankensystem neu organisiert werden, bis der Erfolg von Bankern Geschichte ist. (...) Wenn Juden in den Medien erfolgreich sind, sollten die Medien demokratisiert werden (...)". Ich sehe hier einen krassen Widerspruch. Bevor näher auf den Inhalt des Buches eingegangen wird, folgen zunächst einige aktuelle Einschätzungen über das Buch aus der deutschen Presse und der Internet-Presse.



- Rezensionen -

(18.02.06) Zwei aktuelle Artikel bzw. Rezensionen zum Buch "Blumen aus Galiläa" und zu seinem Autor Israel Shamir sind in der deutschen Presse zu finden, einmal in der linken Wochenzeitung "Freitag" von Ludwig Watzal und einmal in der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" von Friedrich Romig, beide sind datiert auf den 10.02.2006.5 Ludwig Watzal schreibt über Shamir: "Mit der zunehmenden Brutalität während der Al-Aqsa-Intifada Ende September 2000 tauchte sein Name 2001 im israelisch-palästinensischen Diskurs auf. Unmittelbar darauf folgten erste kritische Stimmen im Internet, die Shamir eine 'antijüdische', ja sogar 'antisemitische' Einstellung attestierten." Ludwig hebt zwar positiv hervor, dass Shamirs Buch philosophischen, theologischen, literarischen und gesellschaftspolitischen Sachverstand zeigt und Einblicke in die palästinensische Kultur und Geschichte gibt, jedoch würden einige Formulierungen "judeophobes, verschwörungstheoretisches und antisemitisches Denken" offenbaren. Im weiteren folgen Details über Shamirs "fragwürdige Rolle" im Diskurs. Laut Wikipedia und der Website Answers.com habe Shamir Verbindungen zur Neo-Nazi-Szene und "faschistischen Sympathisanten" wie Horst Mahler, Martin Webster, David Irving und David Duke. Es wird darüber berichtet, dass Shamir der Organisation "Deir Yassin Remembered" angehört und dass einige Juden und Araber die Organisation wegen ihm verlassen haben, etwa Michael Warschawski, Lea Tsemel, Jeff Halper. Auch Ali Abunimah (Electronic Intifada) und Hussein Ibish, Pressesprecher des "Amerikanisch-Arabischen Antidiskriminierungskomitees", haben bereits 2001 vor ihm gewarnt, wegen seiner antijüdischen und rassistischen Statements, zum Beispiel dem Vorwurf des kollektiven Christusmordes. Die in Mailand lebende Journalistin Susanne Scheidt wirft ihm Rechtfertigung und Mystifizierung des Nationalsozialismus und des Hitler-Regimes vor, etwa der Nürnberger Gesetze. Shamir schade dem Anliegen der Palästinenser, weil er seine Zuhörerschaft gezielt desavouiere, indem er sie genau in die Ecke bugsiere, in der sie die israelische Propaganda und ihre US-amerikanischen Unterstützer haben wollten, in der antisemitischen nämlich. Watzal schreibt: "Dass Shamir nicht bereit ist, Fragen zu seiner Identität, seinen Motiven und Kontakten zur rechtsextremen Szene zu beantworten, musste der Autor dieses Artikels feststellen, als er ihm Anfang Oktober 2005 einige Fragen dazu stellte. Barsch wies er sie als 'unverschämt' zurück." Am 23. Februar 2005 habe Shamir vor dem "House of Lords" in London gesprochen und dort die "jüdische Herrschaft" angegriffen. Der Artikel endet mit den Worten: "Mit diesen anti-jüdischen Obsessionen zeigt Shamir nicht nur seine judeophobe Haltung, sondern fügt auch der progressiven israelischen und palästinensischen Gemeinschaft und ihrem Anliegen großen Schaden zu. Sie jedenfalls haben ihre Zusammenarbeit mit ihm beendet. Wer dies immer noch nicht begriffen hat, sind viele Palästinenser und einige jüdische Intellektuelle."

Der Artikel legt also nahe, dass man nicht mit Israel Shamir zusammenarbeiten sollte. Dies ist ein zentrales Fazit, das von einer größeren Anzahl von Networkern gezogen, aber selten genauer definiert wird. Was bedeutet "zusammenarbeiten"? Wir kommen später ausführlicher zu diesem Punkt. Zu erwähnen ist, dass Ludwig Watzal acht Monate zuvor eine Rezension des Buches "Blumen aus Galiläa" im selben Medium veröffentlicht hatte.6 Diese beginnt mit: "Es gibt immer wieder Israelis, die sich aus moralisch-ethischen Gründen dem nationalen Konsens verweigern, indem sie die Menschrechtsverletzungen und die brutale Unterdrückung der Palästinenser mutig anprangern. Zu ihnen gehört Israel Shamir, der 1947 in Novosibirsk geboren wurde und 1969 nach Israel kam. Als Soldat einer Fallschirmjägereinheit kämpfte er im Yom Kippur-Krieg 1973. Lange Zeit verlief sein Leben in Israel unspektakulär. Er übersetzte den Talmud, James Joyce, Homer und andere Klassiker ins Russische. Er arbeitet für das israelische Radio, und schreibt für einige Zeitungen in Israel, Russland und Japan." Dass er die Einstaat-Lösung favorisiert, sich gegen den Antisemitismusvorwurf als Waffe ausspricht, dass er die Gewalt der Siedler anprangert, steht da. Auch der Konflikt zwischen Judentum und Christentum wird thematisiert, allerdings moderater: "Shamir vertritt die These, dass sich die Welt zurück ins Mittelalter bewege und Israel dabei seine 'feindselige Haltung gegenüber dem Christentum wieder aufleben lässt'. Als Beleg dafür zitiert er einen Vorfall, bei dem ein Soldat aus seinem Merkava Panzer eine Rakete auf die Madonnenstatue auf der Kirche der Heiligen Familie in Bethlehem abfeuerte." Die Rezension endet mit: "Das Buch ist eine freimütige Darstellung Israels und seiner Politik, die viele so nicht sehen und wahrhaben wollen." Ähnlich wie Fritz Edlinger distanziert sich Ludwig Watzal also nachträglich von Shamir. Watzal schreibt im oben zusammengefassten Artikel: "Als Rezensent dieses Buches (Freitag 22/2005) war ich überrascht, dass es auch israelische Antisemiten gibt, hatte aber als Deutscher Skrupel, einem Israeli Antisemitismus vorzuwerfen."

Ganz anders die Rezension in der Jungen Freiheit. Ironischerweise wird Shamir in dieser rechten Zeitung "Israels Michael Moore" genannt. Sie beginnt mit: "Es gibt wenige Bücher, welche die Tragik des nun bald sechzigjährigen Krieges in Palästina mit soviel spürbarer Wärme, historischem Wissen und einprägsamer, bildhafter Illustration ausleuchten wie die 'Blumen aus Galiläa' von Israel Shamir." Der Autor geht darauf ein, dass das Buch umstritten ist und charakterisiert Shamir so: "Shamir sieht im zionistischen Judaismus und seiner Lehre vom 'auserwählten Volk' den eigentlichen Grund für die von Israel am laufenden Band verübten menschen- und völkerrechtlichen Verbrechen." Dies scheint mir eines der Scharniere zu sein zwischen erlaubter und unerlaubter Kritik am Judentum, denn was in diesem Zitat gesagt wird, enthält nachprüfbare Elemente und nachvollziehbare Argumente. Man muss dem inhaltlich nicht zustimmen, um anzuerkennen, dass es sich bei diesem Sachverhalt um eine diskutierbare Frage handelt. Romig geht dann auf den Antisemitismusvorwurf ein, den Shamir als eine neue Form des Rassismus bezeichne, etwa in den Kampagnen der Anti-Defamation League. Dann diese ZOG-Geschichte: "Shamir steigert seine Polemik derart, daß er Washington, ähnlich wie das Westjordanland, den Irak oder Afghanistan, sogar zu einem von israelisch-zionistischen Terroristen besetzten Territorium erklärt. Der von ihm für diesen Tatbestand verwendete Terminus 'ZOG' ('Zionist Occupied Government') hat inzwischen auch Eingang in die politische Debatte in den USA gefunden. Im Hebräischen ist 'Zog' überdies der Fürst der Finsternis und der Zerstörung: 'Zog herrscht in ZOG'." Dafür wurde Shamir in der Internetgemeinde häufiger - und vielleicht etwas überproportional - angegriffen. Ein weiteres Scharnier zwischen erlaubter und unerlaubter Kritik zeigt sich am Ende der Rezension: "Shamir ist überzeugt - und damit stimmt er in Israel höchstens mit den ultraorthodoxen Juden überein -, daß der Staat Israel als Produkt des Zionismus in Palästina kein Existenzrecht habe. Solange Israel als Staat existiert, gebe es im Nahen Osten keinen Frieden. Shamir hängt der idealistischen, vielleicht sogar naiven Vorstellung an, die ein Zusammenleben von Juden und Palästinensern in einem gemeinsamen Staat für eine friedliche Perspektive hält." Hier wird das Signal- und Gebetsmühlenwort des "Existenzrechts des Staates Israel" explizit genannt... und bestritten. Ein gewalttätiger Staat habe in dieser Form kein Existenzrecht.

Dass eine rechte Zeitung Shamir nicht so ablehnt wie eine linke, heißt nicht, dass Shamir rechts ist. Man muss hier sehr genau hinkucken. Meiner Einschätzung nach hat sich Shamir vom Links/Rechts-Denken verabschiedet und gehört zu keinem oder zu beiden. Wenn er Lagern zugehörig ist, dann dem "pro-Palästinensischen", dem "anti-Zionistischen", dem "anti-Jüdischen".7 Zumindest sind das Begriffe, mit denen man in diesem Diskurs besser arbeiten kann als mit Rechts und Links. Ich denke auch, dass die "Mystifizierung des Nationalsozialismus" eher von den Rezipienten ausgeht als von Shamir, nur dass Shamir die automatische Ablehnung und Verteufelung des "Rechten" nicht mitmacht. Die Behauptung, dass Shamir gemeinsame Sache mit "den Nazis" macht, sollte man sehr kritisch betrachten. Über David D. Perlmutter, der das Dritte Reich verherrlicht hat, schreibt Shamir: "Solche Tagträumer sollten gewissenhaft aus dem Erziehungssystem entfernt werden, denn sie sind nichts als unbekehrte Nazis." (Blumen, S.153) Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das geheuchelt ist. Er meint das so. Gleichzeitig ist er der Meinung, dass heutige rechte Parteien nicht nationalsozialistisch im damaligen Sinne sind, wie er mir gegenüber auf eine Frage aus diesem Bereich geantwortet hatte. Über rechte Positionen weiß man in der deutschen Öffentlichkeit insgesamt eher wenig, da diese selten in den Diskurs gelangen. Meist werden nur Stereotypen transportiert wie Ausländerfeindlichkeit, landesbezogene Identität (Nationalismus) und Nazisymbolik bzw. -Nachfolgerschaft. Heute gibt es zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten faktisch einige Berührungspunkte, etwa in der USA-kritischen Einstellung. Auch die Befürwortung von militärischer Gewalt als politischem Mittel existiert bei beiden Extremen. Besonders im vorliegenden Diskurs ist die Betrachtung durch die Rechts/Links-Brille nicht hilfreich, da in zentralen Fragen die jeweiligen Profile verschwimmen.



- Einige Links -

(25.02.2006) Im Bus las ich weiter in dem fesselnden Buch "Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern" von Ludwig Watzal (Aufbau Taschenbuch-Verlag, 2. Auflage 2002). Ludwig war überrascht, dass ich ein Autogramm hinein haben wollte, aber er wusste auch nicht, dass ich ein eigenes Regalbrett für Bücher habe, deren Autoren ich persönlich kenne. In den meisten sind Autogramme. Er hielt kürzlich einen guten Vortrag hier an der Uni Mainz, über Palästina nach den Wahlen. Wir sprachen außerhalb des Vortrags auch über Shamir und Ludwig erwähnte seinen bevorstehenden Artikel im Freitag.

Der Bus hielt am Bismarckplatz, ich stieg aus und schlappte die paar Meter bis nach Hause. Warum fiel es mir so schwer, die Blumendebatte weiter zu schreiben? Es war, als schleppte man sich durch kniehohen Schnee, bei widrigem Wetter. Normalerweise gab es bei mir einen Drang zu schreiben. Wenn es überhaupt geschrieben werden soll, dann nichts wie los! Zu Ende bringen! Um schnell wieder für Neues bereit zu sein. Nicht immer ging es so, das stimmte wohl. Die nächsten Seiten der Blumendebatte allerdings waren bereits konzipiert, sie wollten nur nicht heraus... Ein paar Hintergrundlinks stehen auf dem Plan, dann ein Leserbeitrag, der sich auf Shamir und Gilad Atzmon bezieht, gefolgt von der Auseinandersetzung mit Shraga Elam, der sich vehement dagegen ausgesprochen hat ... wogegen genau, muss erst noch geklärt werden. Meine eigenen Erfahrungen mit Shamir stehen danach auf dem Programm.

Erst später kann das Buch selbst besprochen und untersucht werden. Der Autor ist derart umstritten, dass das Aussprechen seines Namens allein bei manchen Personen ausreicht, um Ablehnung hervorzurufen. DIESES Phänomen muss zumindest annähernd analysiert werden, bevor man sich inhaltlich mit dem Buch auseinandersetzen kann. Hier zunächst einige weitere Links zum Thema:8

Scharfe Kritik am Buch "Blumen aus Galiläa" und der Veröffentlichung auf Deutsch zum Beispiel bei dem Journalisten Karl Pfeifer bei Hagalil am 22.08.05 Linke Antisemiten gibt es nicht? und in "Die Jüdische" vom 16.12.2005: Fritz Edlinger von jüdischen Journalisten verfolgt?, auch von Gudrun Eussner, in ihrem Artikel vom 17.09.05: Israel Shamir und andere antisemitische Blumen aus Galiläa. In englischer Sprache bei Oliver Kamm, 12.09.05: "Israel Shamir" again. Genannt werden häufiger die Rezension von Donja Noormofidi in: Falter 47/2005 und der offene Brief von "Mayday" an den Rektor der Karl Franzens Universität Graz wg. Edlinger vor dem 10.11.05. Im Netz findet sich auch ein Statement von Hannes Hofbauer vom Promedia Verlag vom 27.07.05 über Israel Shamir, Blumen aus Galiläa/ Antisemitismus. Das Interview bei "Muslim-Markt" mit Fritz Edlinger, Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen, 18.9.2005.

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Fußnoten:

3: "Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung" (2004): www.anis-online.de/1/essays/14/index.htm, dazu Vorträge beim Symposion in Düsseldorf (museum kunst palast, 27.02.05): "Deutschland, Israel und Palästina: Geschichte und Gegenwart kollektiver Verdrängung." (Uni Düsseldorf, Prof. Dr. Wolfgang Dreßen) und an der Uni Leipzig (Prof. Georg Meggle, Ringvorlesung "Deutschland, Israel, Palästina", 30.05.05): "Eine deutsch-palästinensische Identität": www.uni-leipzig.de/%7Edip/index.php?id=57 (mp3). (zurück)
4: http://nahost.mindwiki.de/Anis_Hamadeh - Anm.: Aus Attac bin ich ausgetreten. (zurück)
5: Ludwig Watzal: "Der Journalist und das 'Imperium'. Rätselraten um die Identität des Israel-Kritikers und Sachbuchautors Israel Shamir", freitag 06, 10.02.2006, URL: www.freitag.de/2006/06/06061502.php; - Friedrich Romig: "Israels Michael Moore. Nahost: Israel Shamir ergreift Partei für die Palästinenser". Junge Freiheit, Ausgabe 7/06; 10.2.06, Seite 15, www.jungefreiheit.de (zurück)
6: Ludwig Watzal: "'Die echten und die falschen Juden.' Der israelische Publizist Israel Shamir kritisiert sein Land" . Freitag 22, 03.06.2005, www.freitag.de/2005/22/05221501.php (zurück)
7: In dem Artikel "Satanische Bilder" (2006) schreibt Shamir allerdings an einer Stelle: "wir, die Linken und Liberalen", siehe www.israelshamir.net/English/Satanic.htm (dt. Üb.: Hanne Pfiz-Soderstrom, www.nationalanarchismus.org) (zurück)
8: Dieser bibliografische Absatz wird bis zum Abschluss der Studie voraussichtlich noch erweitert werden. (zurück)
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