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Alice Miller in Gaza
Anis Hamadeh 31.07.14

Die Forscherin Alice Miller ist durch ihre Untersuchungen von Kindheitstraumata weltbekannt geworden. Ein Dutzend ihrer Bücher ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Miller zeigt die Mechanismen, mit denen Opfer zu Tätern werden können, und ebenso die Allgegenwart, ja Zwangsläufigkeit dieser Gefahr. Der Große schlägt den Kleinen und der gibt es irgendwann an die eigenen Kinder weiter, wenn er den Kreis nicht durchbricht. Miller (selbst jüdisches Opfer) untersuchte auch die Nazi-Generation in Deutschland, um nachzuvollziehen, wie es in Deutschland zu einem genozidalen Rassismus kommen konnte. Heute sind die Ergebnisse Millers Standardwissen, niemand stellt ihre Grundthesen prinzipiell in Frage.

Als ich sie im Rahmen einer kleinen Korrespondenz fragte, warum sie nie etwas über Palästina geschrieben hat, wo sich jüdische Opfer niedergelassen hatten, um das Land in Besitz zu nehmen, antwortete sie, dass sie keine Interviews mehr gebe - es war kurz vor ihrem Freitod. Tatsächlich schrieb sie in einem ihrer Bücher etwas über Israel, aber nie schrieb sie über den Einfluss der Nazis auf die jüdischen Opfer und nie über Palästinenser. Als ich ihr von der Herkunft meines Vaters erzählte, kam ihr sofort der Gedanke, dass ich doch Eltern von Selbstmord-Attentätern interviewen könnte. Die Tatsache, dass auch Israelis diesen psychologischen Mechanismen unterliegen, hat Frau Miller nie angesprochen, wahrscheinlich nicht einmal gemerkt. Dass jüdische Opfer zu Tätern werden können, ist bei uns in Deutschland immer noch ein Tabu. Millers Thesen gelten also überall, bloß nicht im Fall Israel.

Aber ist es wirklich ein Zufall, dass es in Israel etwa 60 Rassengesetze gibt? Immerhin hatten die Zionisten - siehe z.B. die Analysen von Lenni Brenner - schon damals die Nürnberger Rassengesetze akzeptiert und teilweise mit den Nazis zusammengearbeitet, um Juden nach Palästina zu bekommen. Wie kann man das ignorieren? Ist die Westbank kein Lebensraum im Osten? Leben die Palästinenser nicht inzwischen in Ghettos? Gibt es keine Angriffe auf die selbstdefinierten Feinde Israels? Gibt es keine Blut-und-Boden-Mentalität in Israel? Benehmen sich Soldaten, Siedler und Politiker nicht wie eine Herrenrasse, die über terroristische Untermenschen herrscht? Nein? Und was ist Gaza, wenn nicht ein genozidaler Vernichtungskrieg? Es gibt kein Friedens-Szenario für Israel, denn Israel hat keinen Vorschlag für einen dauerhaften Frieden. Israel läuft auf den Endsieg zu, so wir wir damals. Die Kernpunkte der nationalsozialistischen Ideologie finden sich in Israel wieder, nicht vereinzelt, sondern systematisch. Sogar in Dokumentarfilmen brüsten sich Geheimdienstchefs damit, Nazi-Methoden zu verwenden.

Seit 1947 und vorher hören wir von zionistischen Soldaten, wie sie sich vorstellen, gegen Nazis zu kämpfen, während sie Palästinenser töten und enteignen. Wir lassen uns das nicht mehr gefallen, sagen sie. Aber die Nazis sind schon lange fort. Um sich aus der Opferrolle zu winden, die man in Israel bereits im Kindergarten eingeimpft bekommt, wird man zum Täter. Wer Täter ist, kann kein Opfer mehr sein. Genannt wird das der "wehrhafte Jude". Die Palästinenser leben in dem Land seit Menschengedenken. Sie dürfen keine Armee haben und keine Waffen, damit Israel sie leichter totschießen kann. Jeden Monat verlieren sie Land, das von Israel gestohlen wird. Israel wird geleitet von Mördern und Dieben und das ist kein Geheimnis. Wer eine Mauer auf dem Boden des Nachbarn baut, ist ein Dieb. Wer systematisch Kinder erschießt, ist ein Mörder. Da können die Israelis und ihre Freunde lange auf die Hamas zeigen, wie vorher auf Arafat etc., das ändert gar nichts.

Wir haben in Deutschland einen Schlussstrich unter unsere Nazi-Vergangenheit gezogen, aber das darf nicht sein! Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was das Böse an den Nazis war, und dies müssen wir bekämpfen. Was stattdessen geschieht sind Bekenntnisse ohne Sinn und Verstand bei gleichzeitiger Unterstützung Israels. Das ist der Schlussstrich, er wird ironischerweise untermauert vom Bekenntnis, dass es nie einen Schlussstrich geben darf. Der Schlussstrich, das ist zum Beispiel das Verbot, Nazivergleiche anzustellen. Das darf man nicht, weil wir über die Nazizeit nicht sprechen, sondern Bekenntnisse absondern. (Außer wenn wir mit "Nie-wieder-Auschwitz" einen neuen Krieg führen wollen.) Die Nazis waren Außerirdische, die eigentlich nichts mit uns Deutschen zu tun hatten, aber dennoch bestehen wir darauf, die Größten zu sein. Unsere Verbrechen an den Juden waren die schlimmsten, niemand kann uns den Weltmeistertitel im Bösen streitig machen. Man redet gar nicht erst darüber. Schlussstrich.

Tatsache ist, dass Deutschland sich nicht schon wieder damit herausreden kann, nichts gewusst zu haben. Deutschland kann sich auch nicht ewig an der Israel-Lüge festhalten, nach der Israel sich verteidigt. Jeder sieht, dass Israel sich nicht verteidigt, sondern Aggressor ist. Israel hat nicht einmal seine Grenzen definiert! Die Politiker, Journalisten und Intellektuellen in Deutschland, die heute Israels Vernichtungspolitik unterstützen oder auch nur dulden, werden zur Rechenschaft gezogen werden. Gabriel etwa, der nur Minister werden konnte, weil er seine Israelkritik zurückgenommen und sich expressis verbis dem Zentralrat der Juden in Deutschland untergeordnet hat. Das wird nicht vergessen. Nichts wird vergessen. Auch nicht die ungestraft agierenden Zündler und Rassisten, die man in Gesellschaften findet wie dem Zentralrat, der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft, den Antideutschen, dem BAK Schalom und den entsprechenden Hetz-Medien. Die angeblich Antisemitismus anprangern und doch nur gegen Muslime und Israelkritiker hetzen wollen.

Der Vergleich mit den Nazis ist notwendig, er ist keine Polemik oder besondere Beleidigung. Es ist heute wichtig, endlich zu verstehen, was in der Nazizeit passiert ist. Die Vorfälle stehen eben nicht außerhalb der Geschichte, sind nicht einzigartig und wurden nicht von Außerirdischen verübt. Und wir Deutsche sind viel weniger besonders als wir es vielleicht sein wollen.

Dieser Artikel erschien am 13.08.14 auch in der Neuen Rheinischen Zeitung (NRhZ) unter www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20647 und auf Othersite.org

Alice Miller in Gaza
Anis Hamadeh 31.07.14

The researcher Alice Miller became worldwide known for her investigations of childhood traumas. A dozen of her books is translated into thirty languages. Miller shows the mechanisms, with which victims can turn to perpetrators, and she shows the ubiquity, even the inevitability of this danger. The big hits the small who in turn will transmit it to the own children if the circle does not get interrupted. Miller (a Jewish victim herself) also examined the Nazi generation in Germany in order to understand how Germany could develop such a genocidal racism. Today, Millers findings are standard knowledge, and nobody questions her basic theses in principle.

When I asked her during a small correspondence why she never wrote anything about Palestine, where Jewish victims had settled to seize the land, she answered that she would give no more interviews - it was shortly before her voluntary death. As a matter of fact, she did write something about Israel in one of her books, but she never wrote about the influence of the Nazis on the Jewish victims and never about Palestinians. When I told her about the origins of my father, she instantly thought I could interview parents of suicide bombers. The fact that Israelis, too, are prone to these psychological mechanisms, was never mentioned by Ms. Miller, she probably never even noticed that. That Jewish victims can turn to perpetrators is something that still is taboo in Germany. So Millers theses are valid everywhere, except for the case of Israel.

But is it really a coincidence that there are about sixty race laws in Israel? Let's not forget that the Zionists - see, e.g. the analyses by Lenni Brenner - back then did accept the Nuremberg race laws and partly collaborated with the Nazis to bring Jews to Palestine. How can we ignore that? Is the Westbank not a kind of "living space in the East"? Do the Palestinians by now not live in ghettos? Are there no attacks on the self-defined enemies of Israel? Is there no blood-and-soil mentality in Israel? Do soldiers, settlers and politicians not act like a master race, ruling over terrorist subhumans? No? And what is Gaza, if not a genocidal war of destruction? There is no peace scenario for Israel, because Israel does not have a suggestion for a lasting peace. Israel is running toward the final victory, just like we did. The major points of the national socialist ideology can be found in Israel, not as isolated cases, but systematically. Even in documentary films secret service bosses boast with their skills in using Nazi methods.

Since 1947 and before we hear from Zionist soldiers how they imagine to fight Nazis while killing and dispossessing Palestinians. We won't take it anymore, they would say. But the Nazis are long gone. In order to get out of the victim role - a role people in Israel are conditioned into as early as in kindergarten - they become perpetrators. He who is a perpetrator cannot be a victim anymore. They call it the "vigilant Jew". The Palestinians have lived in this country ever since the watermelon. But they must have no army and no weapons, so that Israel can more easily shoot them dead. Every month they lose land that is stolen by Israel. Israel is run by murderers and thieves, this is not a secret. When you build a wall on the soil of your neighbor, you are a thief. When you systematically shoot children, you're a murderer. Israelis and their friends can spend a long time pointing to Hamas, like before on Arafat, that changes nothing at all.

We in Germany have drawn a final stroke under our Nazi past, but this must not be! We must confront ourselves with what the evil thing in the Nazis was, and then we must fight it. What happens instead are avowels without any meaning or sense and a simultaneous support for Israel. This is the final stroke, it ironically gets confirmed by the avowal that there can never be a final stroke. The final stroke, that is, for example, the ban of Nazi comparisons. We must not do that, because we do not speak about the Nazi time, we only excrete vows. (Except when we want to launch a new war with the slogan "Never again Auschwitz".) The Nazis were extraterrestrials, basically not having anything to do with us Germans, but we still insist to be the greatest. Our crimes against the Jews were the most vicious, nobody can dispute that we own the world championship of evil. We won't even start talking about it. Final stroke.

Fact is that Germany cannot again find excuses to say we didn't know. Also, Germany cannot eternally cling to the Israel lie, according to which Israel defends itself. Everybody sees that Israel is not defending itself, but is an aggressor. Israel did not even define its borders! The politicians, journalists and intellectuals in Germany, who support or merely tolerate Israel's policy of destruction today, will be taken to account. Like Gabriel, who could become minister only because he recanted his criticism of Israel while subordinating explicitly to the Central Council of the Jews in Germany. This will not be forgotten. Nothing will be forgotten. Neither the inflamers and racists that act with impunity in groups like the Central Council, the German Israeli Society (DIG), the anti-Germans, BAK Schalom and the respective agitating media; those who pretend to decry anti-Semitism, but in the end just want to agitate against Muslims and Israel critics.

The comparison with the Nazis is necessary, it is not polemics or a special insult. It is important to understand today at last what happened in the Nazi period. The events do not stand outside history, they are not unique, and they were not committed by extraterrestials. And we Germans are much less special than we might want to be.

This article also appeared on DissidentVoice.org and on http://en.beirutme.com/alice-miller-gaza/ (Beirut Center for Middle East Studies)

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