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Offener Brief an Sigmar Gabriel wegen Palästina
Anis Hamadeh, 15.03.2012

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
lieber Sigmar Gabriel,

Ihre Nahostreise hat viele Gemüter in verschiedene Richtungen bewegt. Sie sprachen sich für einen Dialog mit der Hamas aus, stellten fest, dass die Siedlungspolitik für einen Frieden hinderlich ist und äußerten sich deutlich zur Segregationspolitik Israels während Ihres Besuchs in der palästinensischen Stadt al-Khalil (Hebron). Auf Facebook erklärten Sie Ihren Zorn so: "Wir tun weder uns noch unseren Freunden in Israel einen Gefallen, wenn wir unsere Kritik immer nur in diplomatischen Floskeln verstecken."

Solch klare Worte sind selten bei einem deutschen Politiker und ich glaube, dass Sie damit auf die Situation reagiert haben, die sich Ihnen am Ort zeigte, und dass keine Agenda hinter diesem Satz steht. Sie sind ernsthaft besorgt und auch wütend, so wie viele Deutsche. Deshalb schreibe ich Ihnen.

Als ich 2004 mit dem Duo Rubin auf der musikalisch-literarischen "Salam-Schalom"-Deutschlandtournee unterwegs war, unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Rau und mit Unterstützung der großartigen und viel zu früh verstorbenen Dagmar Schmidt, da spürte ich bei jedem Publikum einen großen Wunsch nach Frieden in Nahost. Der Riesen-Applaus galt nicht nur uns Künstlern, sondern war hauptsächlich Manifestation einer Hoffnung gewesen. Heute, acht Jahre später, ist die Lage noch schlimmer geworden.

Ich denke heute, dass ein Fortschritt erst dann beginnen kann, wenn Medien und Politiker damit aufhören, Israel stereotyp als Opfer darzustellen, das sich verteidigt. Eine Mauer auf dem Land des Nachbarn zu bauen ist keine Verteidigung, es ist ein Angriff, ebenso wie die Erweiterungen der Siedlungen und die Zerstückelung der Westbank, die das öffentliche Leben lahmlegt und die Ökonomie zerstört hat, was auch für die Blockade in Gaza gilt. Die israelischen Militär-Aktionen in Gaza, der Westbank, Jerusalem, dem Libanon und an anderen Orten werden oft "Verteidigung" genannt, aber sie sind es selten. Was ist das für eine Gesellschaft, die Menschen ohne Anklage und ohne Gerichtsverfahren tötet und dabei ohne weiteres den Tod weiterer Personen in Kauf nimmt, die zufällig im selben Auto sitzen oder neben dem Verdächtigen stehen? Ist das Demokratie? Wenn wir eine solche Politik der "gezielten Tötung" in Deutschland anwenden würden, dann hätten wir auch bald Terrorismus. Es ist eben nicht so, dass die da unten anders ticken. Die ticken genau wie wir.

Auf Facebook schrieben Sie gestern auch: "Israel ist der einzige Staat der Welt, dessen Nachbarn sein Existenzrecht in Frage stellen. Meine Freunde spüren das seit Jahren täglich im Kibbuz Magen an der Grenze zu Gaza, wo die israelische Bevölkerung seit Jahren durch Raketenangriffe aus den palästinensischen Gebieten terrorisiert wird." - Dazu ist zu sagen, dass Israel der einzige Staat der Welt ist, bei dem der Begriff "Existenzrecht" überhaupt benutzt wird, ein Begriff, den es weder im Völkerrecht gibt noch in der sonstigen politischen Praxis. Dass die Nachbarstaaten Israel nicht besonders mögen (abgesehen vom jordanischen König), hat ja gute Gründe. Und was den Terrorismus angeht, so ist zu fragen, wo der denn herkommt. Diese Frage stellen unsere Medien und Politiker nicht und sie sprechen nur selten von "Widerstand". Gaza ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt. Warum dürfen die Menschen dort ihren Hafen nicht benutzen? Wieso dürfen sie nicht reisen? Weshalb dürfen sie keine Gäste empfangen, wann sie wollen? Und zu allem Überfluss werden sie beschossen. Ich war Webmaster für das Free Gaza Movement während der ersten, erfolgreichen Durchbrechungen der Blockade 2008 und wäre Delegationsleiter eines Kulturboots geworden, wenn Israel den Gazastreifen nicht angegriffen und 1400 Menschen getötet hätte. Das war keine Verteidigung, ebenso wenig wie die jüngsten Vorfälle.

Lieber Herr Gabriel, Sie wissen, dass Israel keine definierten Grenzen und keinen Friedensplan hat. Die Wikileaks-Affäre ("Palestine Papers") hat das noch einmal sehr deutlich gezeigt. Sie wissen wahrscheinlich auch, dass es seitens der Araber - nicht nur der Palästinenser - seit vielen Jahren einen plausiblen Plan gibt für zwei Staaten auf den Grenzen von 1967. (Dass Oslo keinen gerechten Frieden bringen konnte, hat sogar Clinton später eingeräumt.)

Außerdem spricht man stets fälschlich von "beiden Seiten", so als hätten die Palästinenser eine Armee und Waffen, einen Staat und eine Regierung, aber all das gibt es nicht. Es gibt stattdessen eine große israelische Armee auf der einen Seite und eine palästinensische Zivilgesellschaft auf der anderen. Palästina und seine Führung für die Taten extremistischer Gruppen verantwortlich zu machen ist ungefähr so logisch wie Deutschland und Willy Brandt für die Taten der RAF im Ausland verantwortlich zu machen.

Sie nennen sich einen Freund Israels und ich denke, dass Sie so wie ich spüren, dass Israel sich mit seiner Politik selbst zerstört. Und dass irgendwann der Punkt kommt, an dem man die Schraube nicht mehr zurückdrehen kann. Dies ist bestimmt eine der Motivationen für Sie, sich in den letzten Tagen zu Nahost zu äußern. Die berechtigte Angst deutscher Medien und Politiker besteht darin, dass es zu einem Anstieg von Judenhass kommt, wenn wir aufhören, die Staatsräson über die Fakten zu stellen. Besonders, da sich Israel anmaßt, für alle Juden in der Welt zu sprechen und damit alle Juden in sein gewalttätiges Spiel einbindet. Darüber muss endlich geredet werden.

Natürlich, ich weiß, was passiert, wenn man darüber spricht. Einige Hardliner werden sich echauffieren und der berühmte Vorwurf wird fallen. Ich muss das Wort gar nicht schreiben, es ist klar, welcher Vorwurf gemeint ist. Er ist allgegenwärtig. Einige Politiker, Denker, Künstler und Journalisten haben das zu spüren bekommen und schwere berufliche und persönliche Nachteile erfahren müssen. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Auch der Umkehrschluss ist gültig: Wer die Ziele der israelischen Armee unterstützt, der kann leicht gesellschaftlich aufsteigen. Angela Merkel hat daher kurz vor ihrer Wahl zur Kanzlerin Israel ganz besonders gelobhudelt. Es ist eine Machtfrage, keine Faktenfrage. So kann zum Beispiel die amerikanische Außenministerin Syrien wegen der Angriffe auf Zivilisten scharf verurteilen und fast zeitgleich Israels Angriff auf Zivilisten in Gaza nicht nur tolerieren, sondern die Menschen in Gaza scharf verurteilen. Ebenso widersprüchlich ist es, wenn ein Staat, der selbst Atombomben hat, Krieg gegen den Iran führen will, weil der Iran ihn mit nicht vorhandenen Atomwaffen bedrohe. Wer bedroht denn da wen?

Man muss nicht studiert haben, um die Situation zu verstehen. Es ist eine klassische Unterdrückungssituation. Ich sage das nicht als jemand, der große Sympathien für Palästina hat, trotz des fantastischen Essens, der Gastfreundschaft und einiger Freunde. Im Moment habe ich möglicherweise sogar mehr jüdische Freunde im Land als arabische. Mein Vater ist in der Nähe von Jenin geboren, meine Mutter in Königsberg, ich in Hamburg. Mein Vater hat mich gewalttätig misshandelt, immer mal wieder, während meiner gesamten Schulzeit, und die Familie beschützt ihn bis heute, sodass er nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das ist zunächst einmal mein Palästina (allerdings auch mein Deutschland). Mein Palästina, das ist meine Cousine, die in der Westbank gegen ihren Willen innerhalb der Verwandtschaft verheiratet wurde. Es ist eine patriarchalische und konservative Gesellschaft, eine autoritäre, korrupte, kontrollierende und oft feige Gesellschaft. Ähnlich wie bei uns :-) Aber was auch immer man gegen Palästina sagen kann, es bleibt festzuhalten, dass es sich um Menschen handelt und dass diese Menschenrechte haben. Ebenso gilt das internationale Recht für sie. Noch nie ist Israel für eine schlimme Tat angemessen verurteilt worden, deshalb ändert sich auch nichts, seit, sagen wir, den unprovozierten und illegalen militärischen Enteignungen und Vertreibungen von 1948, vor und während der unilateralen Staatsgründung auf einem Gebiet, das viel größer war als von der UNO vorgesehen.

Natürlich können auch Sie oder die SPD oder Deutschland oder Europa das nicht allein richten und ich will Ihnen bestimmt nicht sagen, was Sie tun sollen, oder Ihnen gute Ratschläge geben. Doch möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich als Bürger den Parteien und Medien in Deutschland stark misstraue, und zwar ganz wesentlich wegen dieser Konstellation. Und wenn unsere Öffentlichkeit zum vermeintlichen Wohl Israels lügt und dies funktioniert, warum sollte sie dann nicht auch in anderen Fällen lügen? - Außerdem möchte ich mir erlauben, Ihnen ein (selbst gezeichnetes) Postkartenset "Before their Diaspora" zukommen zu lassen, welches kolorierte Szenen aus Palästina vor der Gründung Israels zeigt. Vielleicht inspiriert Sie das.

Mit besten Grüßen und Wünschen
Ihr
Anis Hamadeh

Links:
1. Vortragstext Uni Leipzig "Eine deutsch- palästinensische Identität" (2005): www.anis-online.de/1/essays/_p/Uni-Leipzig.pdf (PDF)
2. Tagebuch Shalom-Salam-Tournee: www.anis-online.de/1/orient-online/koenige/intro.htm
3. "Before their Diaspora"-Bilder: www.anis-online.de/2/artclub/beforetheirdiaspora.htm
4. Gaza-Chronologie 19.06.-27.12.2008: www.anis-online.de/1/essays/gazachronologie.htm
5. Der Palästina-Express, aktuelles Kabarettprogramm: www.anis-online.de/1/orient-online/palestine_express/0.htm

Open Letter to Sigmar Gabriel about Palestine
Anis Hamadeh, March 15, 2012

Dear Chairman of the German SPD party Sigmar Gabriel,

your Middle East journey has caused quite a stir in many people and this in different ways and directions. You suggested a dialogue with Hamas, asserted that the settlement policy is obstructive to peace and you took a clear stand regarding Israel's segregation policy during your visit in the Palestinian city of al-Khalil (Hebron). On Facebook you explained your enragement with the words: "We neither do ourselves a favor nor our friends in Israel, if we always hide our criticism behind flowery diplomatic phrases."

Such clear words are rare for a German politician and I think you have reacted directly to the situation at hand, rather than following an agenda with this sentence. You are seriously worried and angry, too, like many Germans. This is why I write you this letter.

When I was touring Germany with the Duo Rubin on the musical and literary "Salam Shalom" tour in 2004, under the patronage of Federal President Rau and with the support of the wonderful Dagmar Schmidt, who passed away much too early, I noticed a keen desire for peace in the Middle East in every audience. The big applause was not only meant for us artists, but it was mainly the manifestation of a hope. Today, eight years later, things have become even worse.

Today I think that a progress can only start when media and politicians stop stereotyping Israel as a victim in self-defense. Building a wall on the land of the neighbor is not a defense, it is an attack, as are the expansions of the settlements and the fragmentation of the West Bank, paralyzing public life and destroying the economy, something just as true for the Gaza siege. The Israeli military actions in Gaza, in the West Bank, Jerusalem, Lebanon and other places are often called a "defense", but they seldom are a defense. What kind of society kills people without charge or trial, accepting without further ado the death of others, who happen to sit in the same car or to stand next to the suspect? Is this democracy? If we applied such a policy of "targeted killing" in Germany, we would soon have terrorism, too. For it is just not true that folks over there have a different mindset. They think just like us.

You also wrote on Facebook yesterday: "Israel is the only state in the world whose neighbors question its right to exist. My friends in the Kibbuz Magen near the border to Gaza have been feeling this for years on a daily basis. It is a place where the Israeli population has been terrorized for years by rocket attacks coming from the Palestinian territories." - One has to add here that Israel is the only state in the world for which the term "right to exist" is used at all, a term which is neither common in international law nor in any political practise. There are good reasons for the neighboring states to dislike Israel - the Jordanian king is a special exception. And when we talk about terrorism we have to ask about its origins and roots. Our media and politicians do not pose this question and they rarely talk about "resistance". Gaza is one of the most densely populated areas in the world. Why mustn't people there use their harbor? Why mustn't they travel? Why mustn't they receive guests whenever they want? And to top all that they are shot at. I was webmaster for the Free Gaza Movement during the first, successful breaks of the siege in 2008 and would have been delegation leader of a cultural boat, if Israel had not attacked the Gaza Strip, killing 1400 people. That was not an act of defense, just as the most recent incidents were not.

Dear Herr Gabriel, you know that Israel neither has defined borders nor a peace plan. The Wikileaks affair ("Palestine Papers") is another clear proof of that. You probably also know that for many years there has been a plausible plan for two states within the borders of 1967 on the part of the Arabs - not only the Palestinians. (Oslo could not bring a just peace, even Clinton admitted that later on.)

Moreover, people wrongly speak about "both sides", as if the Palestinians had an army and weapons, a state and a government, but there is nothing of all this. Instead, there is a huge Israeli army on the one side and a Palestinian civil society on the other. To hold Palestine and its leadership responsible for the deeds of extremist groups is about as logical as holding Germany and Willy Brandt responsible for the deeds of the RAF (Rote Armee Fraktion) abroad.

You call yourself a friend of Israel's and I think you sense just like me that Israel is destroying itself with its policy. And that at some stage things cannot be stopped or controlled anymore. Surely this will be one of the motivations for your recent remarks on the Middle East. There is a justifiable fear in German media and politicians concerning the possible increase of hatred of Jews as soon as we cease to regard the reason of state to be more important than the facts. Especially, as Israel arrogates to speak on behalf of all Jews in the world, thus including all Jews in its violent game. This is something we finally have to talk about.

Of course, I know what happens when we talk about it. Some hardliners will get worked up about it and the notorious reproach will appear. I do not even have to write down the word; it is clear which reproach is meant here. It is omnipresent. Some politicians, thinkers, artists and journalists felt the effects and had to go through severe professional and personal losses. I know this from my own experience. The reverse is also valid: whoever supports the goals of the Israeli army can easily ascend socially. This is why Angela Merkel praised Israel with special verve shortly before she was elected chancellor. It is a matter of power, not a matter of facts. So, for example, the US Secretary of State can harshly condemn Syria for its attacks on civilians and almost simultaneously not only tolerate Israel's attack on civilians in Gaza, but harshly condemn the people in Gaza! The same degree of contradiction shows when a state, that owns atomic bombs, seeks to make war against Iran, because Iran allegedly threatens this state with non-existent atomic bombs. So who is threatening whom?

One does not have to have a degree in order to understand the situation. It is a classic case of oppression. I am not saying this as someone who is full of sympathy for Palestine, despite the fantastic food, the hospitality and some friends. At the moment I may even have more Jewish friends in the country than Arab ones. My father was born close to Jenin, my mother in Königsberg, I in Hamburg. My father violently abused me, time and time again, during all my years in school, and the family is protecting him until this day, so that he cannot be held responsible. This is my Palestine to begin with (and my Germany, for that matter). My Palestine, that is my cousin who was married against her will within the family in the West Bank. It is a patriarchic and conservative society, an authoritarian, corrupt, controlling and often coward society. Not so different from ours :-) But whatever one can bring up against Palestine, it needs to be made clear that these are people and that they have human rights. International law also applies to them. Never has Israel been adequately convicted for a bad deed, this is why nothing changes since, say, the unprovoked and illegal military confiscations and expulsions of 1948, before and during the unilateral formation of the state on a territory much bigger than envisioned by the UN.

Of course you or the SPD or Germany or Europe alone cannot put this right and I surely do not want to tell you what to do or give you sound advice. But I want to inform you that, as a citizen, I profoundly distrust political parties and media in Germany, considerably because of this constellation. And if our public lies for the putative well-being of Israel and if this works, then why should it not lie in other cases, too? - I would also like to take the liberty of sending you a set of (self-made) "Before their Diaspora" postcards that show colored scenes from Palestine before the formation of Israel. Maybe it inspires you.

With best regards and wishes
Yours
Anis Hamadeh

Links:
1. Diary Shalom-Salam Tour: www.anis-online.de/1/orient-online/koenige/eintro.htm
2. "Before their Diaspora" pictures: www.anis-online.de/2/artclub/beforetheirdiaspora.htm
3. Gaza Chronology 19.06.-27.12.2008: www.anis-online.de/1/essays/gazachronologie.htm
4. The Palestine Express, current cabaret program: www.anis-online.de/1/orient-online/palestine_express/0.htm

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