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Mazin Qumsiyeh: "Die israelische Armee ist hinter mir her"
Eskalation der israelischen Repression in Palästina (03.03.2010)

Die israelische Armee marschierte in der Nacht des 2. März in Mazin Qumsiyehs Viertel in Beit Sahour ein, einen Vorort von Bethlehem. Sie holte seine Mutter aus dem Schlaf, seine Frau und seine Schwester. Schwer bewaffnete Soldaten riegelten während dieser "Operation" Straßen ab. Als seine Familie die Tür öffnete, verlangten sie Mazin Qumsiyeh zu sehen. Ihnen wurde gesagt, dass er in die USA gereist sei. Hier antwortet er auf die Fragen von Silvia Cattori. (Englisches Original unter www.silviacattori.net/article1130.html, deutsche Übersetzung: Anis Hamadeh)

Mazin Qumsiyeh ist ein unermüdlicher Aktivist für die Menschenrechte in Palästina. Er kehrte in sein Heimatdorf Beit Sahour in der von Israel besetzten Westbank zurück und unterrichtet an den Universitäten von Bethlehem und Birzeit. Zuvor unterrichtete er an den Universitäten von Tennessee, Duke und Yale. Er ist Präsident des "Palestinian Center for Rapprochement Between People" in Beit Sahour, einem Vorort von Bethlehem. Qumsiyeh ist Autor von "Sharing the Land of Canaan: Human Rights and the Israeli-Palestinian Struggle" (2004) und sowohl ein Menschenrechtsaktivist als auch ein Wissenschaftler mit einer langen Liste von Publikationen im Fach Genetik.

Silvia Cattori: Es heißt, dass Israel mit Härte gegen gewaltlose Proteste vorgeht. Können Sie etwas zum Hintergrund dieser Situation sagen?

Mazin Qumsiyeh: Den zivilen gewaltlosen Widerstand gegen das zionistische Kolonialprojekt in Palästina gibt es schon länger als 120 Jahre. Er steigerte sich unter der britischen Besatzung zwischen 1917 und 1947. Noch bedeutender wurde er unter der unmittelbaren zionistischen Besatzung von 1948 bis heute. Die sichtbarsten Ereignisse dieser Art fanden zum Beispiel in den Aufständen zwischen 1987 und 1991 statt, als friedliche Demonstranten einer Politik des Beine Brechens ausgesetzt waren, der Schießereien, Häuserzerstörungen und anderem. Mit der faktischen Beendigung des bewaffneten Widerstands 2006, als die Hamas im politischen Prozess aktiv wurde und zu den anderen Haupt-Gruppierungen trat, verblieb der zivile oder Volkswiderstand als einzige Form des Widerstands, die dem Status Quo der endlosen Besatzung bedrohlich werden konnte. Daher verstärkten die israelischen Behörden den Druck auf alle Formen des zivilen Widerstands. Sie verhafteten Dutzende der führenden Aktivisten, drangsalierten und schlugen weitere Aktivisten, und in mehreren Fällen verletzten und töteten sie friedliche Demonstranten.

Silvia Cattori: Wie viele Palästinenser sind in israelischen Gefängnissen?

Mazin Qumsiyeh: Es gibt mehr als 11000 politische Gefangene in israelischen Gefängnissen. Hunderte von ihnen werden in so genannter Administrativhaft gehalten, was bedeutet, dass sie Monate und manchmal Jahre in Haft verbringen, ohne überhaupt einem israelischen Militärrichter vorgeführt zu werden (, von dem sie dann unfair behandelt werden können).

Silvia Cattori: Was geschah in Beit Sahour, das zu einer ähnlich spannungsgeladenen Situation wie in Bil'in führte?

Mazin Qumsiyeh: Beit Sahour hat eine lange und illustre Geschichte des zivilen Widerstands, die 1919 begann. Das Dorf ist zu 70 Prozent christlich und zu 30 Prozent muslimisch. In den Aufständen von 1987 entschlossen sich die Dorfbewohner (alle Dorfbewohner) für die Taktiken des zivilen Ungehorsams. Dazu gehörte das Wegwerfen von Identitätskarten, die von Israel ausgestellt waren, die Weigerung, Steuern zu zahlen, die Verweigerung von Zusammenarbeit usw. Das Dorf wurde dann wiederholt vom israelischen Militärcamp "Shdema" aus angegriffen, das am Dorfrand gelegen und den Anwohnern als "Ush Ghrab" bekannt ist.

Am 28. Dezember 2000 luden Dorfbewohner Internationale ein, zum Camp zu marschieren, darunter auch Israelis. Hunderte betraten das Militärcamp in einem glanzvollen Akt zivilen Ungehorsams. Dieser Erfolg führte zur Gründung der Internationalen Solidaritätsbewegung (International Solidarity Movement) in Beit Sahour. Das israelische Militär verließ den Stützpunkt im April 2006. Dorfbewohner richteten dort einen "Friedenspark" ein, zu dem auch ein Spielplatz gehörte. Landbesitzer konnten zum ersten Mal seit Jahrzehnten ihr Land betreten und begannen damit, es wieder für die Landwirtschaft urbar zu machen. Doch dann kamen radikale Siedler an den Ort und setzten die israelische Regierung unter Druck, die sich daraufhin weigerte, den Bau eines Kinderkrankenhauses dort zu genehmigen. (Eine Finanzierung für dieses Projekt liegt vor.) Damit die Siedler besänftigt werden, kehrt nun das israelische Militär nach Ush Ghrab zurück.

Im Februar 2010 wurde ein Volkskomitee gegründet, als israelische Bulldozer an dem Ort ihre Arbeit aufnahmen. Zum Komitee gehören Repräsentanten aller politischen Parteien und Nichtregierungsorganisationen. Seine Aktionen umfassen bis dato Mahnwachen und Gebete, rechtliche Untersuchungen, Proteste und Landrückforderungen. Die erste Mahnwache mit Gebet, die im Park abgehalten wurde, wurde mit einem brutalen israelischen Angriff beantwortet (siehe das Video unter www.youtube.com/watch?v=4he1vayLrfo). In der folgenden Woche gab es einen ähnlichen Angriff auf Aktivisten, als diese den Ort erkundeten (siehe das Video unter www.youtube.com/watch?v=s4MDxqrofhU).

Silvia Cattori: Und was ist nun mit Ihnen? Man hört, dass Sie auch persönlich zur Zielscheibe wurden. Was ist passiert?

Mazin Qumsiyeh: Zu zwei Gelegenheiten warnten mich israelische Beamte vor Ort, keine Veranstaltungen zu "organisieren". Ich bin nur einer von vielen, die Aufklärungsarbeit betreiben und koordinieren und die sich mit weiteren Formen gewaltlosen Widerstands engagieren. Alle Formen des Widerstands werden vom internationalen Recht gestützt. Doch unsere gewaltlose Form des Widerstands wird ganz besonders respektiert und unterstützt. Ich habe soeben ein Buch auf Englisch beendet mit dem Titel "Hoffnung und Selbsthilfe: Eine Geschichte des palästinensischen Volkswiderstands". Es ist offensichtlich, dass die israelische Armee darüber nicht glücklich ist. Sie geht hart gegen zivilen Widerstand vor und hat Dutzende von Aktivisten in Bil'in, Ni'lin, Al-Masara und anderswo allein im letzten Jahr verhaftet. Sie hat friedliche Demonstranten sogar verletzt und ermordet.

Die israelische Armee ist hinter mir her. Die Soldaten kamen zu meinem Haus, einen Tag, nachdem ich zu einer Vortragsreise in die USA abgereist bin. Die schwer bewaffneten Soldaten und Beamten des Geheimdiensts kamen um 1 Uhr 30 am Dienstagmorgen. Sie verlangten mich zu sehen und als ich offensichtlich nicht daheim war, stellten sie eine Vorladung aus, nach der ich am Montag, dem 8. März, erscheinen soll. Natürlich bin ich nicht in der Lage, zu dem Termin zu erscheinen, da ich mich dann noch in den USA aufhalte und meine Pläne nicht einfach so ändern kann. Ich bin sicher, dass sie mich aufgreifen werden, wenn ich zurückkomme.

Silvia Cattori: Was werden Sie jetzt tun, da Sie in den USA sind und wissen, dass die israelische Armee hinter Ihnen her ist?

Mazin Qumsiyeh: Ich werde zurückgehen und dem begegnen, was da kommt. Wahrheit und Gerechtigkeit sind nichts, was man kompromittieren sollte, ungeachtet der Ungerechtigkeit und Repression.

Silvia Cattori: Ihre Familie ist christlich und Ihr Dorf mehrheitlich auch. Verfährt Israel mit Christen anders als mit Muslimen?

Mazin Qumsiyeh: Nein. Israel wurde errichtet als ein Staat für das und von dem "jüdischen Volk" in aller Welt. Einheimische, ob Christen oder Muslime, wurden stets gleich behandelt: mit Geringschätzung, Unterdrückung und unnachgiebigen Versuchen, uns von unserem Land zu trennen.

Silvia Cattori: Wie denken Sie über die Probleme zwischen Fatah und Hamas?

Mazin Qumsiyeh: Es ist wie mit Häftlingen in einem Gefängnis: Manchmal wählen sie unter sich Leute, die leicht zu händeln sind, um mit den Wärtern klar zu kommen, und manchmal versuchen sie es mit harten Typen, die sich weigern, mit den Wärtern zu kooperieren. Die Unterschiede zwischen ihnen lassen sich durch die Tatsache zusammenfassen, dass beide im Gefängnis leben müssen. Ich würde sagen, dass sich viele palästinensische Fraktionen, darunter auch Fatah und Hamas, bedauerlicherweise zu den Oslo-Abkommen haben hinreißen lassen und deren illusionären Versprechungen einer "Staatsgewalt", während es in Wirklichkeit nur eine Staatsgewalt westlich des Jordans gibt: den Staat Israel. Was hätte getan werden sollen und was noch immer möglich ist, ist für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit zu kämpfen, ganz wie beim Kampf in Südafrika. Wir können keine Bantustans mit der Illusion einer Staatsgewalt akzeptieren.

Silvia Cattori: Welche Art Hilfe oder Unterstützung erwarten Sie von der Außenwelt?

Mazin Qumsiyeh: Ich denke, dass die internationale Gemeinschaft eine kritische Rolle einzunehmen hat, genau wie in Südafrika während der Apartheid. Überall erstarken Boykotte, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS), die auf den Handlungsaufrufen der palästinensischen Zivilgesellschaft gründen, siehe http://bdsmovement.net. Wir drängen darauf, sich dem anzuschließen.

Abgesehen davon ist es von großer Wichtigkeit, sich den Medien zuzuwenden, Politikern, Kirchenoberen und einfachen Leuten, und sie darüber aufzuklären, was geschieht. Dies ist besonders wichtig in den Ländern, deren Regierungen diese Repression ermöglichen, wie Israel, die USA, Kanada, Australien, europäische Länder und arabische Länder mit freundlichen Beziehungen zu Israel.

Silvia Cattori: Vielen Dank.

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