home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   my journalism   the other news
Re: Avnery vs. Gordon zum Israel-Boykott
Von Anis Hamadeh, 31.08.2009

In seinem Artikel "Tutus Gebet" antwortet Uri Avnery auf einen israelischen Boykottaufruf: "Die Sache mit dem Boykott kam diese Woche wieder zur Sprache, nachdem Dr. Neve Gordon in der Los Angeles Times einen Artikel geschrieben hatte, in dem er zu einem weltweiten Boykott Israels aufrief. Er bringt das Beispiel Südafrika, um zu zeigen, wie ein weltweiter Boykott Israel dazu zwingen kann, die Besatzung zu beenden, die er mit dem Apartheid-Regime verglich. Ich kenne und schätze Neve Gordon seit vielen Jahren. Bevor er Dozent an der Ben-Gurion-Universität in Beersheba wurde, organisierte er viele Demonstrationen gegen die Trennmauer im Jerusalemer Raum. An vielen davon nahm auch ich teil." Avnery ist gegen einen Boykott und argumentiert, dass solche Sanktionen doch nur als antisemitisch aufgefasst würden und daher nicht funktinieren können. Dazu habe ich drei Einwände.

Erstens: Weder Gordon noch Avnery erwähnen den Boykott gegen Palästina, der - im Gegensatz zur vorliegenden Debatte - eine Tatsache ist und keine Spekulation. Er ist fassbar, andauernd, er ist hart und wird von wichtigen Kräften und Gesellschaften in der Welt unterstützt. Die Besatzung ist ein großer Boykott. Oder die letzten palästinensischen Wahlen: Sie waren demokratisch, aber die Welt hat sie trotzdem boykottiert, weil die falsche Partei gewonnen hat. Oder die palästinensische Wirtschaft: Es gibt fast keine, besonders seit dem Oslo-Prozess. Oslo brachte die Sperren, die verwirrend "Checkpoints" genannt werden und die das ohnehin besetzte Land in kleine Inseln zerschnedet, während Palästinenser von wirtschaftlichem Fortschritt geträumt haben. Oslo war ein Boykott-Prozess. Die Menschen in den besetzten Gebieten, in der Westbank und in Gaza, können nicht frei reisen, sie können nicht frei studieren und nicht einmal essen und trinken, was sie möchten wegen eines Boykotts.

Die Belagerung von Gaza ist ein massiver Boykott, einer, der von keiner UNO je auferlegt werden könnte, weil er zu brutal und zu ungerecht ist. Aber er läuft. Die allgegenwärtigen Sanktionen gegen Palästinenser betreffen sogar deren eigenes Wasser! Israel nimmt das meiste Wasser aus der Westbank. Der Boykott betrifft auch die Menschenrechte: Da waren 1400 Tote in Gaza und niemand wird angeklagt außer den Palästinensern selbst. Wenn das nicht der härteste Boykott ist, den die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg gesehen hat, was kann der Begriff "Boykott" dann überhaupt bedeuten? (1) Die Wahrheit in Palästina wird boykottiert. Wenn Hamas tatsächlich den Waffenstillstand gebrochen hätte, wären 1400 Tote immer noch ein Verbrechen gegen die Menschheit, aber sie hat es nicht einmal getan! Die Fakten sagen eindeutig, dass Israel den Waffenstillstand an Tag 1 gebrochen hat und dann an jedem folgenden Tag. (2) Doch es kann nicht sein, was nicht sein darf und so wird die Wahrheit boykottiert. Es wird immer eine terroristische Aggression vor einer israelischen Vergeltung geben und zwar wegen dieses Boykotts und aus keinem anderen Grund.

Zweitens, wenn die zivilisierte Welt Boykotte generell als Mittel der Politik anerkennt, was könnte dann ein passender Grund sein als tägliche schreckliche Menschenrechtsverletzungen? Gibt es irgendein Land mit mehr Verletzungen von UNO-Resolutionen? Welche Gräuel kann man sich vorstellen, die Israel nicht begangen hat? Es gibt keine palästinensische Armee, keine palästinensischen Panzer und Kriegs-Flugzeuge, es gibt keine illegalen palästinensischen Siedler und so weiter. Uri Avnery hat wirklich Nerven, wenn er sagt: "Die Israelis werden als die Opfer des Nationalsozialismus gesehen. Ein Aufruf zum Boykott wird viele Menschen auf der Welt an den Nazi-Slogan 'Kauft nicht beim Juden!' erinnern." Na und? Es ist unverständlich, wie Uri Avnery, der explizit davon spricht, dass Israelis gleich behandelt werden sollen, ohne "Sonderbehandlung", nun genau diese Sonderbehandlung für Israelis einfordert.

Drittens ist die Frage nicht (nur) eine des Funktionierens eines Boykotts im Sinne eines Politikwechsels. Wenn Uri sagt, dass ein Boykott nicht funktioniert, dann erkläre mir bitte jemand, wie ein NICHT-Boykott funktionieren soll! Mit jedem Nicht-Boykott wähnen sich Israelis sicher im Glauben, sie seien unschuldig. Das sind sie nicht! Ein Boykott heißt vor allem: Du bist zu weit gegangen und ich/wir machen dir das deutlich. Als ich die beißende Satire "Die Geschichte von Jobst Hauser" (3) schrieb, tat ich das genau, um zu zeigen, was geschieht, wenn man tödliches Verhalten NICHT sanktioniert - aus welchem Grund auch immer. Ich kann auch aus einer persönlichen Sicht argumentieren: Als ich damit begann meine gesamte Familie wegen deren Gewalt zu boykottieren, konnte ich nicht gewinnen und ich wusste das! Dennoch tue ich es. Einerseits, weil es meine echte Reaktion und Ausdruck meines Ekels ist, und andererseits, weil sie immer wissen werden, dass sie einer massiven und konsequenten Opposition gegenüber stehen, dafür, was sie getan haben. Auch werden sie immer wissen, dass die Dinge, die sie getan haben, nicht als Kleinigkeiten angesehen und sicherlich nicht vergessen werden. Es ist dieselbe Situation im Kleinen.

Also, ich kaufe keine israelischen Produkte. Ein Strichcode, der mit "729" beginnt, zeigt, dass ein Produkt in Israel hergestellt wurde. Aber ich kaufe eine Platte vom israelischen Songwriter Ofer Golany (auch wenn eine 729 drauf wäre) aus Jerusalem, er ist gegen das tödliche israelische System. Ich spreche mit Israelis, aber arbeite nicht mit Zionisten zusammen, weil sie Blut an den Händen haben. Allerdings gibt es einige wenige Zionisten, die OK und gegen das Töten sind, wie Uri Avnery, Reuven Moskovitz oder Rolf Verleger. Es ist nicht alles Schwarz und Weiß. Es gibt einige freundliche und nicht tötende Israelis: Jeff Halper, Fred Schlomka, Amira Hass, Gideon Levy, Angela Godfrey-Goldstein, die Rabbis für Menschenrechte, die Leute von Btselem, von Zochrot, Shir Hever, ich habe einige getroffen, online und offline.

1. Die Hilfen an Palästina sind nur Almosen, sie sprechen nicht gegen den Boykott. Zum Beispiel Gaza: einige Millionen an Geld, aber kein Wort über die Mörder.
2. Siehe die Gaza-Chronologie: http://www.anis-online.de/1/essays/gazachronologie.htm
3. http://www.anis-online.de/2/literatur/bambus/0236_hauser.htm

Re: Avnery vs. Gordon on Boycotting Israel
By Anis Hamadeh, August 31, 2009

In his article "Tutu's Prayer" Uri Avnery responds to an Israeli call for boycott: "The matter of the boycott came up again this week after an article by Dr. Neve Gordon appeared in the Los Angeles Times, calling for a world-wide boycott of Israel. He cited the example of South Africa to show how a world-wide boycott could compel Israel to put an end to the occupation, which he compared to the apartheid regime. I have known and respected Neve Gordon for many years. Before becoming a lecturer at Ben Gurion University in Beersheba, he organized many demonstrations against the Separation Wall in the Jerusalem area, in which I, too, took part." Avnery is against a boycott and argues that such sanctions would only be regarded as anti-Semitic and thus cannot function. I have three cents on this.

Firstly, both Gordon and Avnery miss to mention the boycott on Palestine which - in contrast to the debate at hand - is a fact and not a speculation. It is tangible, continuous, it is harsh and it is supported by major powers and societies worldwide. The occupation is one big boycott. Or take the last Palestinian elections: they were democratic, but the world boycotted them anyway, because the wrong party won. Take the Palestinian economy: there almost is none, especially since the Oslo process. Oslo brought the barrier points (confusingly called "checkpoints") that cut the already occupied land into small islands, while Palestinians had dreamed of economic advantages. Oslo was a boycott process. People in the occupied areas, Westbank and Gaza, are not free to travel, they are not free to study and they are not free to even eat and drink what they want because of a boycott. The Gaza siege is a massive boycott, one that no UN could ever impose, because it is too brutal and injust. But it is on. The overall sanctions against Palestinians concern even their own water! Israel takes most of the water from the Westbank. The boycott is about human rights, too: 1400 dead in Gaza and nobody is on trial, except the Palestinians themselves. If this is not the harshest boycott the world has seen after WW2, then what is the meaning of the concept "boycott"? (1) Truth in Palestine is boycotted. If Hamas really had broken the ceasefire 1400 dead would still be a crime against humanity, but they did not even do it! Look at the facts and see that Israel broke the ceasefire on day 1 and then on every following day. (2) Yet it cannot be what must not be and thus the truth gets boycotted. You will always have the notion of a terrorist aggression before an Israeli retaliation because of this boycott and for no other reason.

Secondly, if the civilized world generally accepts boycotts as a means of politics, then what could possibly be a better reason than horrendous human rights violations on a daily basis? Is there any country with more UN resolutions violations than Israel? What atrocities can one think of that Israel has not committed? There is no Palestinian army, no Palestinian tanks and war jets, there are no illegal Palestinian settlers and so on. Uri Avnery really got nerves when he says: "The Israelis are seen as the victims of Nazism. The call for a boycott will remind many people around the world of the Nazi slogan 'Kauft nicht bei Juden!' - don't buy from Jews." So what? It is not understandable how Uri Avnery, who explicitly talks about Israelis to be treated equally, without a "special treatment", now demands exactly this special treatment for Israelis.

Thirdly, the question is not (only) the functioning of a boycott in that it changes politics. If Uri says that a boycott does not work, well, then tell me how a NON-boycott can work! With every non-boycott Israelis feel safe to think they are innocent. They are not! A boycott mainly means: you went too far and I/we make this clear to you. When I wrote the biting satire "Story of Jobst Hauser" (3) it was exactly to show what happens when you DON'T sanction lethal behavior - for whatever reason. I can also argue from a personal view: when I started boycotting my whole family because of their violence I could never win and I knew that! And I am still doing it. On the one hand, it is my genuine reaction and expression of disgust and revulsion, and on the other: they always know that they face massive and consistent opposition for what they did and that the things they did are not regarded as a small thing and they will certainly not be forgotten. It is exactly the same situation in the small.

So, I don't buy Israeli products. A bar code starting with "729" indicates that this product is produced in Israel. But I buy a record of the Israeli songwriter Ofer Golany (even if it had a 729) from Jerusalem, he is against the lethal Israeli system. I talk to Israelis, but do not collaborate with Zionists, because they have blood on their hands. Yet there are a few Zionists who are OK and against killing, like Uri Avnery, Reuven Moskovitz or Rolf Verleger. It is not all black and white. There are quite some friendly and nonkilling Israelis: Jeff Halper, Fred Schlomka, Amira Hass, Gideon Levy, Angela Godfrey-Goldstein, the Rabbis for Human Rights, the guys from Btselem, from Zochrot, Shir Hever, I met quite a few of them online and offline.

1. The aid that goes to Palestine is nothing but alms, they do not contradict the boycott. Take Gaza: some millions of money, but not a word about the killers.
2. See Gaza Chronology: http://freegaza.org/en/links-a-gaza-info/gaza-info/771-gaza-chronology-june-19th-december-27th-2008
3. http://www.anis-online.de/2/literatur/bambus/0236_hauser_e.htm

                                  up