Frieden mit den arabischen Nachbarn machen
Rezension von "Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht." von Rolf Verleger
Anis Hamadeh, 20.04.2008
(English)
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Das Beziehungsgeflecht zwischen Deutschland, Juden, Israel, Palästinensern, Muslimen und Arabern ist komplex und birgt ein Konfliktfeld auf mehreren Ebenen. Wer eine fundierte und dabei gut lesbare Einführung in dieses Thema sucht, dem sei die Neuerscheinung von Professor Verleger aus Lübeck empfohlen. "Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht" fasst die Problematik auf 160 Seiten kompakt zusammen. "Jüdisch zu sein und pro-israelisch zu sein, das gehört in den Augen vieler Menschen - Juden wie Nicht-Juden - zusammen", schreibt er in der Einleitung und zeigt im Verlauf des Buches auf, wie der zionistische Staat zu einem Religions- und Identitätsersatz für Juden geworden ist und zu einem formalen Solidaritäts-Symbol zum Beispiel für Deutsche, um sich durch vermeintlich pro-Jüdisches von der Nazivergangenheit zu distanzieren, die auf diese Weise stark auf den Aspekt des anti-Jüdischen reduziert wird. |
Rolf Verleger (*1951) war 2001 Mitbegründer der Jüdischen Gemeinde Lübeck e.V. Er wuchs in Deutschland mit jüdischen Traditionen auf und war oft in Israel zu Besuch, wo er Verwandte hat. Viele Mitglieder seiner Familie waren dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer gefallen. Seine Biografie arbeitet er im ersten Teil "Wisse, woher Du kommst ..." in das Buch ein. Er sieht das Judentum in erster Linie als eine Religion und Kultur der moralischen Befreiung und der Nächstenliebe. Sein Lieblingszitat ist das von Hillel (*70 v. Chr.): "Was dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an." Im August 2006, anlässlich des Libanonkriegs, hatte Verleger in einem offenen Brief an den Zentralrat der Juden in Deutschland die absolute Solidarität des Zentralrats mit der israelischen Gewaltpolitik kritisiert. Kurz darauf initiierte er mit anderen Juden die Online-Petition Schalom 5767 (www.schalom5767.de), die auch als "Berliner Erklärung" bekannt wurde. Darin setzen sich die Unterzeichner für einen Stopp der Menschenrechtsverletzungen und der Verletzungen des internationalen Rechts ein. Kurz gesagt wird dort das gleichberechtigte Existenzrecht der Palästinenser gefordert. Den Weg zu dieser Petition dokumentiert der Autor in Teil 2: "... und wisse, wohin Du gehst ..."
Verleger zeichnet die öffentlichen Reaktionen auf Schalom 5767 nach, indem er einen Briefwechsel aus der Jüdischen Zeitung dokumentiert, die Schalom 5767 gedruckt hatte. Diese Beiträge sind exemplarisch und zeigen die Palette der Argumentationen von pro-Israelis à la Zentralrat ebenso wie von Menschenrechtlern kurz und knapp auf. Existenzrecht versus Menschenrecht, Hamas-Charta versus Jabotinsky, undemokratische Araber versus verklärtes Israelbild, terroristische Bedrohung versus dauernde Unterdrückung. Zum Gesamtbild gehören nach Verleger auch die "Gespensterkämpfe" (S. 90), bei denen die Nazivergangenheit auf Palästina projiziert wird. Dem israelischen Ministerpräsidenten Begin zum Beispiel kam es im Libanonkrieg 1982 so vor, als würde er die Deutschen aus seiner Heimatstadt Minsk vertreiben. (S. 82) Gerade dieser Aspekt macht das Buch wichtig für arabische Leser, denen das israelische Verhalten ohne den geschichtlichen Rückblick in weiten Teilen irrational und Gewalt besessen vorkommen muss. Daher ist zu hoffen und dazu zu ermutigen, dass "Israels Irrweg" möglichst umgehend ins Arabische übersetzt wird.
Ein weiterer Schwerpunkt des Buchs liegt auf dem Antisemitismus-Vorwurf und dem so genannten "Neuen Antisemitismus", vor allem im Schlussteil 3 "... und vor wem Du zukünftig Rechenschaft ablegen musst". Präzise und sachlich analysiert Verleger den historischen Zusammenhang dieses Begriffs und bezweifelt, dass eine Ablehnung von Israels derzeitiger Staatspolitik Judenhass bedeutet. Er fragt sogar: "Gibt es aktuell irgendeinen einsehbaren Grund für Palästinenser, den israelischen Staat nicht zu hassen?" (S. 115) Und er fragt: "Was würden wir machen, wenn es keine Judenhasser mehr gäbe? Wo sollen wir dann hin mit unserer Wut?" (S. 90) Diese Bemerkung, die im Zusammenhang mit den oben zitierten "Gespensterkämpfen" zu sehen ist, sollte einem Deutschen zu denken geben, denn er kann daran erkennen, warum er für Palästina mitverantwortlich ist. Schon seit langem ist es fällig, dass wir uns mit diesen Fragen beschäftigen und es scheint auch nicht die Mehrheit zu sein, die sich dagegen sträubt.
Rolf Verleger sieht das Phänomen des Fremdenhasses nicht prinzipiell mit dem Judentum verknüpft. Damals in Europa gab es kaum "Fremde" außer den Juden, daher waren sie in diesem historischen Kontext Prototypen. Das Phänomen selbst aber sei überparteilich, und beim Hass gegen den Islam handele es sich "um den gleichen Fremdenhass" (S. 93) wie beim Judenhass. Er zählt viele Personen auf, darunter Jimmy Carter, und resümiert: "Die Unterstellung, dass die Kritiker der israelischen Gewalt- und Besatzungspolitik 'in Wirklichkeit' 'antisemitische' Motive haben, lässt sich in vielen Fällen nicht überzeugend belegen. Dagegen ist in jedem der beschriebenen Fälle die Vermutung plausibel: Das Motiv all dieser Kritiker ist, dass die Menschenrechte auch für Palästinenser gelten sollen." (S. 118)
Zum Israel-Palästina-Problem bemerkt er ferner, dass die Saat des Konflikts nicht erst mit der Nazizeit gelegt wurde, auch wenn der Schock des Genozids die Sympathieverhältnisse in der Welt stark beeinflusst hat. Den wesentlichen Auslöser des Problems sieht Verleger bereits im Egoismus der ersten Siedler und den Folgen der Dreyfus-Affäre von 1894. Mit zeitgenössischen Zitaten zeigt er auf, dass das Problem unter jüdischen Intellektuellen der Jahrhundertwende nicht unbekannt war, etwa in den Werken von Ascher Ginsburg alias Achad ha'Am (1856-1927): "Die Diskriminierungen und feindseligen Akte gegen die arabischen Palästinenser, die Achad ha'Am, Martin Buber, Chaim Weizman und andere kritisierten, all das geschah bereits 1890 und 1913 und lange bevor ein Hitler überhaupt deutscher Reichskanzler wurde." (S. 81) Verleger kommt ebenda zu dem Schluss: "Jude sein bedeutet, neben dem Stolz auf die jüdische religiöse Tradition, sich dem jüdischen Staat zugehörig zu fühlen. Und dieses Gefühl der Zugehörigkeit bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass dieser Staat seinen Frieden mit seinen arabischen Nachbarn macht, indem er endlich aufhört, die arabischen Palästinenser als Menschen zweiter Klasse zu behandeln."
Rolf Verleger (2008): "Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht." Papyrossa Verlagsgesellschaft, 12,90 Euro
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