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Das Märchen vom "Terror-Fritz"
Die angeblichen Bombenbauer von Oberschledorn taten ihr Möglichstes, um verhaftet zu werden. Von Jürgen Elsässer, 11.9.2007
Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Newsportal www.hintergrund.de "Terror-Fritz und seine gefährlichen Freunde" - so die Schlagzeile in der Welt vom 8. September - stellten sich jedenfalls ähnlich tollpatschig an. Obwohl angeblich in einem Ausbildungslager in Nordpakistan im Terrormachen geschult, wollten sie ihre Bomben ausgerechnet aus einer Chemikalie mixen, die dafür höchst ungeeignet ist: Wasserstoffperoxid, ein bis dato eher als Ausgangsstoff für die Herstellung der berüchtigten Wasserstoffblondinen bekanntes Haarbleichemittel. Die FAZ prägte bereits den Ausdruck "Wasserstoffperoxidbomben", was zwar Nonsens ist, aber durch den Anklang an Wasserstoffbomben höchst gefährlich klingt. "Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes" habe das Trio bereits vorbereitet, heißt es in Anspielung auf die Anschläge in der spanischen Hauptstadt am 11. März 2004 mit knapp 200 Toten. Erwiesen ist lediglich, daß die Gruppe zwölf Fässer mit insgesamt 730 Kilogramm Wasserstoffperoxid gekauft und in einem Haus bei Freudenstadt im Schwarzwald zwischengelagert hat. Dieser Stoff an sich ist jedoch ungefährlich. Das ändert sich erst, wenn die Chemikalie mit Aceton und weiteren Säuren reagiert; dann entsteht Triaceton-Triperoxid (TATP) oder Apex. Die Mischung ist jedoch zum Bombenbauen höchst unpraktikabel, da sie zu leicht und zu unkontrolliert explodiert. "Insbesondere gegen Schlag, Reibung und Wärme ist 'Apex' besonders empfindlich. Wird der Sprengstoff in einem Gefäß aufbewahrt, das einen Schraubverschluß hat, kann schon die Reibung beim Öffnen zur Explosion führen. Wichtig ist, daß das Gemisch schon bei der Produktion ausreichend gekühlt wird, weil es sonst explodiert," muß selbst die FAZ einräumen. Wie hätten die Täter die Apex-Bomben aus ihrer Ferienhaus-Garage herausbringen, geschweige denn zu ihrem angeblichen Bestimmungsort in irgendeiner US-Einrichtung transportieren wollen, ohne daß sie ihnen um die Ohren fliegt? Mit dem Bombenanschlag in Madrid hat Apex übrigens nichts zu tun - dort wurde bekanntlich Dynamit aus asturischen Bergwerken verwendet. Auch für die Attacken auf das Londoner Nahverkehrsnetz am 07. Juli 2005 wird TATP immer wieder als Sprengstoff in den Medien genannt - aber die offiziellen Untersuchungsberichte des britischen Unterhauses bzw. der britischen Geheimdienste schweigen sich dazu aus. Obwohl bis dato keiner der Anschläge in den westlichen Metroplen mit Wasserstoffperoxid-Bomben begangen wurde, taucht der Bölkstoff immer wieder in den Geschichten der Terrorjäger auf: Weil er zu den handelsüblichen Chemikalien gehört, läßt sich damit leicht die Furcht vor dem "Terroristen von nebenan" schüren, der sich alles zum Massenmord Notwendige im Drogeriemarkt besorgen kann. Trotz der bestenfalls harmlosen, bei Vermischung sogar kontraproduktiven Wirkung von Wasserstoffperoxid besorgten sich "Terror-Fritz" und seine Kumpane sukzessive mehr als 0,7 Tonnen der Chemikalie bei einem Hannoveraner Großhändler und karrten sie in mehreren Transporten quer durch die Republik zu ihrem Unterschlupf im Schwarzwald. Als wollten sie den Ermittlern eine Fährte legen ... Auch ansonsten unterließ insbesondere Fritz G., der mutmaßliche Anführer des Trios, nichts, um die Aufmerksamkeit auf sich und sein Vorhaben zu lenken. Obwohl gegen ihn bereits im Jahre 2005 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung ermittelt und er kurzfristig festgenommen worden war, tauchte er nicht in den Untergrund ab, änderte nicht sein Erscheinungsbild, besorgte sich keine neue Identität. Spätestens im Frühjahr 2007 hätte er merken müssen, daß der Staatsschutz es wieder auf ihn abgesehen hat: Seine Ulmer Wohnung wurde durchsucht. "Daß Fritz G. und seine mutmaßlichen Komplizen sich von der Hausdurchsuchung nicht abschrecken ließen, daß sie im Gegenteil erst danach begannen, kanisterweise Explosivstoffe zu beschaffen, Häuser und Garagen zu mieten, militärische Zünder zu besorgen und in ihren (abgefangenen) E-Mails angeblich sogar die Fahnder zu verhöhnen, wirft ernste Fragen auf", wundert sich die FAZ. Anfang Mai erschien ein alarmierender Bericht in der Zeitschrift Focus. "Darin wurde die Gruppe ziemlich detailliert beschrieben, von den Beziehungen nach Pakistan und Usbekistan berichtet und davon, daß die Männer schon Abschiedsvideos nach Art der Selbstmordattentäter gedreht hätten. Für die Sicherheitsbehörden war dieser Focus-Bericht eine kleine Katastrophe. Sie erwarteten das unmittelbare Abtauchen der Gruppe ..." Doch wieder geschah das Gegenteil: Fritz und Co. machten seelenruhig weiter. Schließlich wählte das Trio zum Bombenbauen ausgerechnet das idyllische Sauerland-Dörfchen Oberschledorn aus. "Man kennt sich und die Feriengäste in dem Dorf, in dem rund 900 Menschen leben", schreibt die FAZ über das Kaff. In dieser Umgebung, inmitten der Sommerfrischler und Wanderfreunde, mußten die langhaarigen, bärtigen bzw. glatzköpfigen Finsterlinge auffallen wie die Panzerknacker bei einem Donald Duck-Kindergeburtstag. Warum mieteten sie sich nicht, wie weiland die RAF-Leute, in einem anonymen Hochhaus mit Tiefgarage und Autobahnanschluß ein? Aufschlußreich ist auch die unmittelbare Vorgeschichte des polizeilichen Zugriffs am 4. September: Am 3. September fuhren die drei tagsüber mit aufgeblendetem Licht und wurden deshalb von einer Verkehrskontrolle angehalten. Obwohl einer der Streifenpolizisten bei der Kontrolle unvorsichtig laut zu einem Kollegen sagte, daß die PKW-Insassen "auf einer BKA-Liste" stünden, konnten sie weiterfahren. Das deutlichste Beispiel für das Verhältnis von vermeintlichen Jägern und vermeintlichen Gejagten gab schließlich Spiegel-Online zum besten, leider ohne Hinweis auf den genauen Zeitpunkt des Geschehens. Eines Tages jedenfalls hätten sich die drei über ihre Observanten geärgert. Daraufhin "stieg einer der Islamisten ... an einer roten Ampel aus und schlitzte die Reifen eines Verfolger-Wagens des Verfassungsschutzes auf". Vieles ist noch aufzuklären an der Geschichte vom "Terror-Fritz" und seinen zwei Komplizen. Aber eines ist klar: So, wie sie vorgegangen sind, hätten sie niemals einen Mega-Anschlag durchführen können. Zur Auflösung des Rätsels gibt es drei Theorien. Entweder die Truppe war zu blöd, ihre kriminelle Energie zielführend einzusetzen - so wie im Film von Woody Allen gezeigt. Oder - das vermutet FAZ-Autor Peter Carstens - sie wollte durch ihr auffälliges Agieren die Sicherheitsbehörden von anderen Terrorzellen ablenken, die in der Zwischenzeit unbehelligt ihre eigenen Planungen weitertreiben konnten. Oder die drei fühlten sich vor Verhaftung geschützt, weil sie einen Inside-Job ausführten und glaubten, Protektion von höchster Stelle zu genießen. Beim gegenwärtigen Erkenntnisstand sollte man keine dieser Möglichkeiten ausschließen. Vielleicht sind auch alle drei wahr: Drei besonders irre Typen wurden von einer Geheimdiensttruppe angefixt, um den Rest des Sicherheitsapparats auf Trab zu halten und von den wirklich gefährlichen Terroristen abzuziehen. Schäubles Aussage, von Entwarnung könne keine Rede sein, wäre dann auf perverse Weise richtig. |
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