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Das Mantra des Existenzrechts Israels
Anis Hamadeh, 15.12.2006

Nach der Errichtung der Mauer, der Einführung von Hinrichtungen, dem Libanonkrieg, dem Einsatz umstrittener Waffen und diversen anderen Ereignissen hat sich die weltweite Empörung über den Staat Israel verstärkt, ebenso wie sich das Engagement der Israel-Apologeten verstärkt hat, die man zum Beispiel regelmäßig in den deutschen Medien treffen kann. Ihr wesentliches Argument ist, dass das Existenzrecht Israels gesichert sein müsse, oft mit Zusätzen wie "bedingungslos", "nicht verhandelbar" oder ähnlichem. Das zu Grunde liegende Szenario lässt sich wie folgt beschreiben: "Die Bürger Israels, der einzigen Demokratie in der Region, leben in ständiger existenzieller Bedrohung. Die Nicht-Demokraten von Hamas, Hisbollah, Syrien, Iran und anderswo, oft von übertriebener islamischer Religion oder purem Judenhass getrieben, wollen Israel vernichten. Da die Juden nicht mehr Opfer der Geschichte sein wollen, wehren sie sich. Deutschland und die Welt haben wegen des Völkermords an den Juden die Pflicht, sie dabei nach Kräften zu unterstützen."

In diesem Denkrahmen, der in unserer Öffentlichkeit maßgeblich ist, stecken mehrere Diskussionspunkte. Zunächst fällt auf, dass die Handlungen des Staates Israel nicht hinsichtlich ihrer Wirkung geprüft werden. Der Fokus liegt auf der Bedrohungssituation, einem Axiom, das nicht aufgeschlüsselt wird. Wie wirken sich beispielsweise die Besatzung und die Siedlungen auf die Sicherheit Israels aus? Hat sich Israel durch die Mauer auf palästinensischem Boden wirklich geschützt? Tragen die internationalen Waffenlieferungen an Israel tatsächlich dazu bei, die politische Lage zu stabilisieren? Oder sind all dies Elemente, die Terror erst hervorrufen? Vieles deutet nämlich darauf hin, dass das Trauma des Zweiten Weltkriegs die Situation in Nahost bestimmt und dies wird am Argument des Existenzrechts Israels am deutlichsten.

Was bedeutet dieses Argument eigentlich? Es wird zwar wie ein Mantra ständig wiederholt und beteuert, aber was genau dahinter steckt bleibt unklar. In welcher Art soll Israel anerkannt werden, von wem und warum überhaupt? Israel existiert doch. Als es gegründet wurde, geschah dies nicht in Absprache mit den Nachbarn oder der UNO. Es geschah auch nicht in den vorgesehenen Grenzen und es wurde begleitet von massenhaften Vertreibungen und Enteignungen der einheimischen Bevölkerung. Dass dies nicht zu großer Beliebtheit in der Region geführt hat, überrascht kaum. Bedeutet die Anerkennung des Existenzrechts Israels, dass diese historischen Tatsachen vernachlässigt werden sollen? Israel hat keine definierten Grenzen, was genau soll da anerkannt werden? Die Besatzung? Die Nichterfüllung von UN-Resolutionen? Ist es der aus gutem Grund bei uns selten erwähnte Zionismus, der anerkannt werden soll oder vielleicht der Philosemitismus? Ist es der Terror, der aufhören soll? Was ist die Ursache dieses Terrors? Und wo ist die Trennlinie zwischen Terror und Widerstand, wer bestimmt diese Linie und mit welcher Kompetenz?

Die These, dass Juden aufgrund ihrer Geschichte und/oder gruppeneigener Merkmale verfolgt werden und in ständiger Bedrohung leben, ist zentral bei der Einforderung dieses ominösen Existenzrechts. Ihr ist ein ideologisches Potenzial inne, da es sich um eine politisch relevante Behauptung handelt, die sich nicht gut beweisen oder widerlegen lässt. Das eigene Verhalten der Gruppe wird dabei außer Acht gelassen. Die selbstdefiniert jüdische Politik in Israel und der Region kann nicht zu Entspannung führen, da sie keine Möglichkeit findet, dem Bedrohungsszenario eine konkrete Wunschvorstellung entgegenzusetzen und dafür zu arbeiten. Dies wird von einigen Analysten als ein Verharren im Trauma gedeutet.

Darüber hinaus kann die Antisemitismus-These wie jede andere "Keiner mag mich"-Aussage zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung werden. Das Gefühl von Bedrohung ist subjektiv und geprägt von Ereignissen, die nicht im Nahen Osten stattgefunden haben. Palästina hat weder eine Armee noch gibt es dort schwere Waffen wie in Israel. Dass es dort Widerstand gibt, vereinzelt auch gewaltsamen und ungerechten, ist angesichts der Situation alles andere als verwunderlich. Man kann nicht kollektiv die palästinensische Gesellschaft für diejenigen bestrafen, die Miniraketen aus Gaza abfeuern, ebensowenig wie man Gesellschaften etwa für ihre Fußball-Hooligans oder Kriminellen sanktioniert. Die Kollektivstrafen erzeugen mehr Terror, das ist eine Binsenweisheit. Insofern zerstört sich Israel selbst und dies hat viel mit dem bewusst vagen Begriff des Existenzrechts Israels zu tun. Es sind eben auch die sogenannten Freunde Israels, die durch ihre Laisser-Faire-Haltung und ihre stereotype Darstellung von Juden und Arabern/Muslimen zur Eskalation beitragen.

Wie kann es aber sein, dass das obige Szenario so tief in den Köpfen unserer Öffentlichkeit steckt? Muss nicht etwas dran sein, wenn alle sagen, dass es sich um einen angemessenen Denkrahmen handelt? Zwei Punkte sprechen dagegen: Zum einen gibt es andere Öffentlichkeiten, etwa arabische, in denen andere, gut begründete Szenarien vorkommen. Sie enthalten Informationen, die in diesem Artikel angedeutet wurden und die das Gesamtbild vervollständigen. (Diese arabischen Öffentlichkeiten haben ohne Frage auch ihre eigenen Defekte, sie sind nicht überlegen.)

Zum anderen besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der (frontalen) Öffentlichkeit und den privaten Meinungen. Gerade das Mantrahafte des Existenzarguments deutet ja darauf, dass es um ein Einschwören der Gruppe auf bestimmte, nicht hinterfragbare Wahrheiten geht. Diese Beteuerungsstrategie ist ein Phänomen des Gruppenverhaltens. Es wird nicht für das Existenzrecht aller Beteiligten gestritten, sondern für das einer bestimmten Gruppe, "unserer" Gruppe. Wer dieses Verhalten in der Gruppenöffentlichkeit annimmt, steigt in der Gruppe auf und gewinnt an Prestige. Im Privaten aber ist ein solches Verhalten nicht notwendig. Die Informationen, die wir von der frontalen Öffentlichkeit erhalten, sind daher in ihrer Gesamtheit weder Repräsentation der allgemeinen Meinung noch historischer Tatsachen.

Da es keinen Frieden geben kann, ohne dass die konfligierenden Szenarien auf einer höheren Ebene zusammengeführt werden und da wir uns in einer Zeit der Eskalation befinden, ist es wichtig, dass auch die bedingungslosen Freunde Israels darauf hingewiesen werden, dass ihre Aussagen und ihr Verhalten genau das Gegenteil von dem bewirken können, was sie bewirken sollen.

The Mantra of Israel's Right of Existence
Anis Hamadeh, Dec. 15, 2006

After the construction of the wall, the introduction of executions, the war on Lebanon, the employment of controversial weapons and diverse other events, the worldwide indignation about the State of Israel has increased, as has the engagement of Israel apologists who, for instance, can be found regularly in the German media. Their basic argument is that the right of Israel's existence must be secured, often enriched with attributes like "unconditionally", "not negotiable" or the like. The underlying scenario can be described like this: "The citizens of Israel, the only democracy in the region, are living under a permanent existential threat. The non-Democrats of Hamas, Hizbollah, Syria, Iran and others seek to destroy Israel. Often they are motivated by an exaggerated Islamic religion or pure hatred of Jews. As the Jews no longer want to be victims of history, they defend themselves. Because of the genocide of the Jews it is the duty of Germany and the world to support them in this struggle."

There are several points for discussion in this framework which is prevailing in our public. The first striking thing is that the actions of the State of Israel are not being examined in respect to their effects. The focus is on the situation of menace, an axiom that is not itemized. What, for example, are the effects of the occupation and the settlements on Israel's security? Did Israel really protect itself by building a wall on Palestinian soil? Do the international deliveries of weapons for Israel indeed help to stabilize the political situation? Or do all those elements evoke terror to begin with? For there are indications that the trauma of World War II is defining the situation in the Middle East and it is the argument of Israel's right of existence where this becomes most obvious.

What does this argument mean, anyway? It is steadily repeated and reaffirmed like a mantra, and yet it remains uncertain what it is all about. In which way is Israel to be acknowledged, by whom, and why? Israel does exist, doesn't it? When it was founded, this was not done in coordination with its neighbors or the United Nations. It did not happen in the scheduled borders and it was accompanied by mass expulsions and disappropriations of the indigenous population. It hardly comes by surprise that Israel's popularity in the region thus remained limited. Does the acknowledgement of Israel's right of existence entail to neglect these historic facts? Israel has no defined borders, so what is to be recognized? The occupation? The non-compliance with UN resolutions? Is it Zionism that is to be recognized, this thing that we do not talk about much for good reasons, or may it be philo-Semitism? Is it the terror that ought to stop? What is the root of this terror? And where is the parting line between terror and resistance, who defines this line and with what competence?

The thesis, according to which Jews are persecuted because of their history and/or group-intrinsic characteristics and that they are living in a situation of permanent threat, is central in the demand of this ominous right of existence. There is an ideological potential inherent to it, as it is a politically relevant allegation that can hardly be proven or refuted. The group's own behavior is neglected for the self-defined Jewish policies in Israel and the region cannot lead to a relaxation. They do not find a way to juxtapose the scenario of being threatened with a tangible wishful perspective and to work for this aim. Some analysts interpret this lack as a persistent remaining in the trauma.

Moreover, the thesis of anti-Semitism can turn into a self-fulfilling prophecy like any other claim of the "nobody likes me" kind. The sentiment of being threatened is subjective and coined by events that did not take place in the Middle East. Palestine neither has an army nor are there heavy weapons like in Israel. In view of the situation it is by no means astonishing that there is resistance, sporadically also violent and injust resistance. One cannot collectively punish the Palestinian society for those who fire mini-missiles from Gaza, just as one does not sanction societies for their soccer hooligans or their criminals. The collective punishments generate more terror, this is a truism. In this respect Israel is destroying itself and this has a lot to do with the deliberately vague concept of Israel's right of existence. For the so-called friends of Israel's contribute to the escalation with their attitude of laisser faire and their stereotype portrayals of Jews and Arabs/Muslims.

But how can it be that the above scenario can be implemented so deeply in the heads of our public? If everybody says that this is an adequate mental framework, isn't there necessarily something to it? There are two points against this: on the one hand we find other publics, for example Arab publics, in which other, substantiated scenarios prevail. They contain information that complete the picture, like the occupation and expulsion mentioned above. (These Arab publics certainly have defects of their own, too, they are not superior.)

On the other hand we can witness a clear discrepancy between the (frontal) public and personal opinions. It is the very mantra character of the existence argument that indicates that a group is to be sworn to certain truths that are beyond questioning and criticism. This strategy of affirmation is a phenomenon of group behavior. The struggle is not about the right of existence of all involved parties, but that of one particular group, "our" group. Whoever adopts this behavior in the group public will raise in the group and gain prestige. Such a behavior is not necessary on the personal level. Thus, the information we receive from the frontal public in its totality neither is a representation of the general opinion nor of historic facts.

As there cannot be peace wihout a restructuring of the conflicting scenarios on a higher level and as we are living a time of escalation, it is important to suggest even to the unconditional friends of Israel's that their statements and behavior can well lead to the very opposite of the desired effect.








The English version of this article is also published at
The American Muslim:
http://theamericanmuslim.org/tam.php/features/ articles/the_mantra_of_israels_right_of_existence/0012307

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