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Libanon, Israel, Palästina: Interview mit Mazin Qumsiyeh
Fragen von Anis, 24.07.2006

"Dr. Mazin Qumsiyeh, http://qumsiyeh.org, lehrte an der Duke und an der Yale Universität. Derzeit ist er im Steuerungskommittee der US-Aktion zur Beendigung der Besatzung tätig (endtheoccupation.org) und im Vorstand der Gesellschaft für einen Demokratischen Staat in Israel/Palästina (one-democratic-state.org). Sein drittes und neuestes Buch heißt "Das Land von Kanaan miteinander teilen: die Menschenrechte und der israelisch-palästinensische Kampf". Siehe Rezension unter www.anis-online.de/1/ton/16.htm

Frage: Als Ursache für den derzeitigen Krieg zwischen Israel und der Hizbollah wird die Entführung von zwei oder drei israelischen Soldaten genannt. Sind Fälle aus der jüngeren Vergangenheit bekannt, in denen Israel Menschen entführt hat?
Die Hizbollah ist eine landeseigene libanesische Widerstands-Streitmacht, die NACH der israelischen Invasion des Libanon gegründet wurde. Für diejenigen mit einem kurzen Gedächtnis: Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Zehntausende von Libanesen und Palästinensern (letztere Flüchtlinge von 1948) von den israelischen Besatzungstruppen allein 1982 im Libanon umgebracht wurden. Die Hizbollah erntete große Beliebtheit und Unterstützung in allen Teilen der libanesischen Gesellschaft (inklusive der christlichen Bevölkerung) für ihren Erfolg, die brutale israelische Besatzungsmaschine aus dem größten Teil des Libanon zu vertreiben. Natürlich besetzt Israel nach wie vor illegal Gaza, die Westbank (inklusive Ost-Jerusalem), die Sheba-Farmen und den Golan. Ebenso sperrt sich Israel immer noch gegen internationales Recht, indem es palästinensischen Flüchtlingen verbietet, zu ihren Häusern und Ländereien zurückzukehren. Alle arabischen Staaten haben vor drei Jahren in Beirut einen umfassenden Friedensplan verabschiedet, der auf internationalem Recht beruht. Wichtiger noch: Die israelische Armee hält noch immer viele Libanesen und fast 10.000 palästinensische politische Gefangene. Die Geschichte der Entführungen von Libanesen und Palästinensern ist ziemlich lang. Diese Gefangenen werden zudem routinemäßig gefoltert (z.B. im berüchtigten AlKhayyam-Gefängnis im Südlibanon.)

Was wäre die Reaktion gewesen, wenn die Länder dieser entführten Menschen Krieg gegen Israel führen würden?
Die Hizbollah und Hamas haben klar ausgesagt, dass ihr Ziel die Befreiung von Gefangenen ist, die von Israel in Gewahrsam gehalten werden. Es ist eine Schande, dass die USA und die EU nicht zur Freilassung dieser Gefangenen (Freiheitskämpfer) aufruft, sondern sich stattdessen auf drei israelische Besatzungssoldaten konzentriert.

Bei Leuten um mich herum kann ich bemerken, dass es seit Kriegsbeginn eine zunehmende Ablehnung gegenüber Juden gibt. Da Israel und seine Verteidiger betonen, dass Juden sich gegen das, was Antisemitismus genannt wird, wehren müssen und da die Regierung im Namen der Juden spricht, mögen manche Leute wegen des Massakers Juden nicht mehr so. Liegen sie damit richtig?
Es ist wirklich eine Schande, dass die organisierten jüdischen Gesellschaften (JCC, Jüdische Föderationen, ADL, Hillel etc) sich entschieden haben, ihren Einfluss hinter Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit geltend zu machen. Es ist ein wirklich schlechter Dienst für das Judentum und ein klassischer Fall von zionistischen Interessen, die über das Judentum (und grundlegende Menschlichkeit) gestellt werden.

Auf der anderen Seite sehen manche Leute eine Rückkehr von Hitler in der Politik Irans und im Islamismus. Ist das gerechtfertigt?
Iran hat nie jemanden angegriffen. Israel hat fünf Länder angegriffen und mehr als 65 Resolutionen des UN-Sicherheitsrats verletzt. Iran hat den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, Israel nicht. Israel hat die viert- oder fünftstärkste Armee in der Welt. Iran ist nicht einmal in den Top 20. Israel verursachte eine ethnische Säuberung und hinterließ Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen, Iran hat niemanden angegriffen. Da gibt es einfach keinen Vergleich.

Sollten die Palästinenser, Muslime und Araber nicht wütend auf Deutschland und den Westen sein, weil die Projektion von Nazideutschland auf den Orient die Schuld des Westens relativiert, was den Genozid in den 40er-Jahren angeht, und den Osten wegen Dingen beschuldigt, die der Westen begangen hat?
Nein. Die Unterstützung des Zionismus vom Westen stammt von zionistischen Lobbys und kolonialen und anderen speziellen Interessen. Schuld ist nicht etwas, das Regierungen wirklich fühlen, obwohl sie als gutes Propaganda-Werkzeug für die schlecht Informierten taugt. Tatsächlich haben Zionisten mit den Nazis kollaboriert (siehe Lenni Brenner, 51 Dokumente: Geschichte der Nazi-Zionistischen Kollaboration)

Wie schätzen Sie die Gefahr von gewalttätigem Islamismus in der Welt ein? Gibt es eine Verantwortung für Muslime, dagegenzusteuern?
Es gibt 1,3 Milliarden Muslime in der Welt. Als Nicht-Muslim, der die Geschichte kennt, weiß ich, dass es weit mehr Gewalt von Christen (z.B. die Kreuzzüge, WK1, WK2) gab. Und sicher Hunderte von Malen mehr von Juden (Zionisten in Palästina) als von Muslimen (im proportionalen Bevölkerungsvergleich). Die "Bedrohung" des "Islamismus" wurde in dieser Zeit aus politischen Gründen angefertigt und übertrieben, von Zionisten, die den Islam verunglimpfen, um so ihre Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verstecken. Das bedeutet nicht, dass der Islam, so wie alle Religionen, nicht von Leuten benutzt werden kann und benutzt wird, die schlechte politische Programme haben. Aber solcher Missbrauch ist in anderen Religionen eher üblich (siehe z.B. die Kreuzzüge, der europäische Kolonialismus, der Zionismus).

Und gibt es eine jüdische Verantwortung für gewalttätigen Zionismus?
Es gibt jüdische Verantwortung und auch islamische und christliche Verantwortung. Rassistische Ideologien sind in der Verantwortlichkeit eines jeden Menschen. Immerhin sind sowohl die schuldig, die solche Ideologien aktiv unterstützen, als auch die, die darüber schweigen. Nur die, die sich aktiv gegen solche Ideologien stellen, sind nicht schuldig (und diese umfassen Menschen allen Glaubens, auch des jüdischen).

Wie kann der Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn beigelegt werden?
Kurz gesagt: Macht Gebrauch von Boykotten, Sanktionen, zieht Vermögen ab und verwendet andere Formen des Widerstands, bis Israel das Minimum an Menschenrechten erfüllt. Dazu gehört das Rückkehrrecht der Flüchtlinge und das Selbstbestimmungsrecht. Wenn wir eine Roadmap für den Frieden wollen, schlage ich vor, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 zu verwenden.

Lebanon, Israel, Palestine: Interview with Mazin Qumsiyeh
Questions by Anis, July 24, 2006

"Mazin Qumsiyeh, PhD, http://qumsiyeh.org, served on the faculty of both Duke and Yale Universities. He is currently serving on the Steering Committee of the US Campaign to End the Occupation (endtheoccupation.org) and the board of the Association for One Democratic State in Israel/Palestine (one-democratic-state.org). His third and latest book is titled "Sharing the Land of Canaan: human rights and the Israeli/Palestinian Struggle". See review at www.anis-online.de/1/ton/16.htm

Question: The cause for the current war between Israel and Hizbollah is said to be the kidnapping of two or three Israeli soldiers. Are there any cases known in the recent past, where Israel kidnapped people?
Hezbollah is an indigenous Lebanese resistance force that was formed AFTER the Israeli invasion of Lebanon. For those with short memories, it is important to recall that tens of thousands of Lebanese and Palestinians (the latter refugees from 1948) were massacred by the Israeli occupation forces in Lebanon in 1982 alone. Hezbollah earned wide popularity and support among all sectors of Lebanese society (including its Christian population) for its success in ousting the Israeli brutal occupation machine from most Lebanese territory. Of course Israel remains illegally occupying Gaza, the West Bank (including East Jerusalem), the Sheba Farms, and the Golan. Israel also continues to deny international law by preventing Palestinian refugees from returning to their homes and lands. All Arab countries agreed in Beirut three years ago to a comprehensive peace plan based on international law. More significantly, the Israeli army continues to hold many Lebanese and nearly 10,000 Palestinian political prisoners. The history of kidnapping of Lebanese and Palestinians is rather long. These prisoners have also been routinely tortured (e.g. at the notorious AlKhayyam prison in Southern Lebanon).

What would have been the reaction if the countries of these kidnapped people made war against Israel?
Hezbollah and Hamas stated clearly that their aim is to free prisoners held by Israel. It is a disgrace that the US and the EU do not call for the release of these prisoners (freedom fighters) but instead focus on three Israeli occupation soldiers.

Among people around me I can detect a raising rejection of Jews since the beginning of the war. As Israel and its defenders stress that Jews have to defend themselves against what is called anti-Semitism, and as the government speaks in the name of the Jews, some people dislike Jews for the massacres. Are they right?
It is a real shame that the organized Jewish community (JCC, Jewish Federations, ADL, Hillel etc) decided to throw their weight behind war crimes and crimes against humanity. It is a real disservice to Judaism and actually a classic case of putting Zionist interests ahead of Judaism (and basic humanity).

On the other side, some people see a return of Hitler in Iran's policy and in Islamism. Is this justified?
Iran has never attacked anyone. Israel attacked five countries and violates over 65 UN Security Council resolutions. Iran signed the nuclear non-proliferation treaty, Israel did not. Israel is the fourth or fifth strongest army in the world. Iran is not even in the top 20. Israel caused an ethnic cleansing leaving millions refugees and displaced people, Iran attacked no one. There simply is no comparison.

Shouldn't the Palestinians, Muslims and Arabs be angry with Germany and the West, as the projection of Nazi Germany onto the orient relativizes the Western guilt concerning the genocide in the forties and blames the East for things the West committed?
No. Western support of Zionism stems from Zionist lobbies and colonial and other special interests. Guilt is not something governments actually feel, although it serves as a good propaganda tool to the misinformed. Zionists actually collaborated with the Nazis (see Lenni Brenner, 51 Documents: History of the Nazi-Zionist collaboration)

How do you assess the danger of violent Islamism in the world? Is there a responsibility for Muslims to steer against it?
There are 1.3 billion Muslims in the world. As a non-Muslim, who knows history, I know there was far more violence from Christians (e.g. crusades, WWI, WWII) and certainly hundreds of folds more from Jews (Zionists in Palestine) than from Muslims (when one divides by unit population size). The "threat" of "Islamism" is crafted and exaggerated for political purposes in this era by Zionists who are content to vilify Islam to hide their war crimes and crimes against humanity. This is not to say that Islam, like all religions, can be and was used by those with certain bad political agendas. But such uses are more common among other religions (e.g. see Crusades, European colonization, Zionism).

And is there a Jewish responsibility for violent Zionism?
There is Jewish responsibility and Islamic and Christian responsibility, too. Racist ideologies are the responsibility of every human being. After all, those who actively support such ideologies and those who are silent are both guilty. Only those who actively oppose such ideologies are not guilty (and those include people of all faiths including Judaism).

What is the way to settle the conflict between Israel and its neighbors?
In few words: use boycotts, divestment, sanctions and other forms of resistance until Israel complies with basic human rights including the rights of refugees to return and to self determination. If we want a road map to peace, I suggest using the Universal Declaration of Human Rights from 1948.

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