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Ein Zeitfenster für Nahost
Anis Hamadeh, 24.07.2006

Es war nach der Sendung von Christiansen. Ich saß mit einem Freund aus Gaza vor dem Fernseher und meinte versunken: "Vielleicht gibt es ein Zeitfenster für Nahost." Wir standen beide noch unter dem emotionalen Eindruck der Talk-Runde. Naja, fuhr ich fort, wenn man sich mal für einen kurzen Moment von den Bomben nicht irritieren lässt und sich die Situation anschaut. Es fängt doch alles im Kopf an. Schauen wir also in die Köpfe! Mein Freund hob daraufhin zu einem langen Monolog an und tippte mir mit dem Finger ans Bein, sobald ich sprechen wollte. Er erzählte mir Geschichten, die er erlebt hatte und schien einen Einwand zu haben. Vielleicht waren die Bomben zu real und konnten nicht weggedacht werden. Ich versuchte dennoch, meine Idee zu artikulieren.

Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem die Araber und Muslime verstehen, dass Israel eine Realität ist, mit der sie sich abfinden müssen. Selbst die, die kämpfen. Gleichzeitig verstehen die Israelis jeden Tag ein bisschen besser, dass ihre Strategie nicht funktioniert. Da muss doch etwas zu machen sein. "Aber was denn?" fragte mein Gegenüber. Naja, du hast doch gehört, was Herr Lapid, der frühere Justizminister Israels, in der Sendung gesagt hat: Die Juden sind eigentlich Musiker und Dichter, Intellektuelle. Sie wollen diese ganzen Kriege nicht und sind friedlich. Er hat explizit Leute wie Daniel Barenboim genannt. Kennst du den? "Nur von dem Statement, das wir gerade gehört haben", sagte er. Es ist so, fuhr ich fort, dass im Moment genau die jüdischen Intellektuellen und Künstler warnen, so laut sie nur können. Nicht alle natürlich, aber ich kenne viele. "Ja, gut, aber wie weiter?"

Herr Lapid hat doch in der Sendung immer wieder betont, dass er sich als Jude in seiner Existenz bedroht fühlt und dass er immer an die Nazigräuel und den Holocaust denken muss. Er sagte: "Ich bin doch ein sympathischer Mensch, warum sollte man mich töten wollen?" In der Argumentation der jüdischen Israelis sieht man immer wieder die Existenzangst, sie wohnt im Wort "Existenzrecht". Es ist notwendig, dass die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs nicht mit den Ereignissen im Nahen Osten vermischt werden, weil nur so ein kühler Kopf zu wahren ist. Der antijüdische Wahn, der war im Zweiten Weltkrieg. Was danach in Palästina geschah, war definitiv ein neuer Anfang. Um die Staatsgründung 1948 herum wurden 800.000 einheimische Menschen vertrieben und enteignet, heute gibt es fünf Millionen Flüchtlinge, von denen kaum jemand spricht. Bis heute ist Israel geografisch nicht definiert und bis heute gibt es Unterdrückung, die zu Unmut und Verzweiflung führt. Deutschland und der Westen haben jetzt eine Gelegenheit, diese Fakten zu vermitteln. "Warum jetzt?" fragte mein Freund.

Weil jetzt die Araber und Muslime bereit sind, trotz allem einen Frieden zu finden. Sie wollen, dass diese Kriege endlich aufhören und sind bereit, dafür etwas zu vergeben. Die Saudis hatten einen guten Vorschlag vor einigen Jahren, der ignoriert wurde. Selbst die Hamas hatte einen langen Waffenstillstand eingehalten. Außerdem kommt Israel mit all der Gewalt nicht weiter, entfremdet sich von seinen Freunden und zieht Ressentiments auf sich. In langsamen Schritten kann Israel seine Maschine herunterfahren. Ein paar Flüchtlinge zurück ins Land lassen, ein paar Checkpoints abbauen. Weniger Panzer. Mehr Genehmigungen ausstellen. Israel wird das einseitig tun, ohne Abstimmung mit anderen Ländern, ohne Verträge. Es wird etwas mehr Luft zum Atmen spüren und ermutigt sein, weiterzumachen. Es wird auch fundamentalistische Muslime geben, die feinfühlig und intelligent genug sind, das jüdisch-deutsche Trauma zu berücksichtigen. Es gibt einige Kräfte, die dagegen wirken, auch starke Kräfte, aber Israel kann es schaffen. Ich spüre, dass es jetzt möglich ist. "Und Iran?" fragte mein Freund und ich sagte ihm, dass, solange Israel Atomwaffen hat, andere sie auch haben wollen.

"Was wirst du tun?" fragte der Mann aus Gaza. Es gibt, erzählte ich ihm, in Deutschland und der Welt durchaus Leute, die das verstehen können. Vielleicht inspiriere ich sie. Ich habe nur meinen Teil, aber da draußen sind viele, die auch etwas haben. Ich sah auf die Uhr. Bis um vier kann ich es schon geschrieben und gesendet haben. Das werden ein paar Tausend Leute lesen, immerhin. Man darf das Feld nicht dem Militär überlassen. Im Internetzeitalter müssen keine Kriege mehr geführt werden. Es gibt immer Möglichkeiten, Frieden herbeizuführen, so wie es immer Möglichkeiten gibt, Krieg herbeizuführen. Die Frage ist, was wir tief im Innersten wollen.

A Time Window for the Middle East
Anis Hamadeh, July 24, 2006

It was after Christiansen, the most popular German talk show. I was sitting with a friend from Gaza watching TV, absorbed in thought, and said: "Maybe there is a time window for the Middle East." Both of us still were under the emotional impression of the program. Well, I continued, if we - only for a short spell of time - do not let the bombs distract us and just look at the situation. It does start in the heads, doesn't it? So let us take a look into the heads! My friend subsequently launched a long monologue and touched my leg with his finger as soon as I wanted to speak. He told me stories he went through and seemed to have an objection. Maybe the bombs were too real and just could not be ignored. Still I tried to articulate my idea.

We arrived at the point where the Arabs and Muslims know that Israel is a reality with which they will have to come to terms. Even those who fight. At the same time the Israelis understand better every day that their strategy does not work. There must be a chance in this. "But what do you want to do?" my vis--vis asked. Well, you heard what Mister Lapid, the former Israeli Minister of Justice, said in the program: the Jews originally are musicians and poets, intellectuals. They do not want all these wars and are peaceful. He explicitly named people like Daniel Barenboim. Do you know him? "Only from the statement we just heard", he said. The thing is, I continued, that it is exactly the Jewish intellectuals and artists who warn at the moment as loud as they can. Not all of them, of course, but I know many. "Okay, but what then?"

Mister Lapid emphasized in the program over and over again that he, as a Jew, feels threatened in his existence and that he always has to think of the Nazi atrocities and the Holocaust. He said: "But I am a sympathetic man, why should people want to kill me?" In the argumentation of the Jewish Israelis a fear of existence shows, it dwells in the word "right of existence". It is necessary to not mix up the events of World War II with those in the Middle East, because this is the only way to remain rational. The anti-Jewish delusion, that was World War II. What happened thereafter in Palestine definitively was a new start. There were 800.000 native people expelled and expropriated around the founding of the state in 1948, today there are five million refugees and hardly anybody gives them a voice. Until today Israel is not geographically defined and until today there is oppression that leads to resentment and despair. Germany and the West now have an opportunity to convey these facts. "Why now?" my friend asked.

Because now the Arabs and Muslims are prepared to find peace despite everything. They want these wars to finally end and they are ready to forgive things for this aim. The Saudis did have a good proposal some years ago which was ignored. Even Hamas had kept a long ceasefire. Besides, with all the violence Israel does not get any further, becomes alienated to its friends and attracts resentments. In slow steps Israel can shut down its machine. Let some refugees return to the country, remove some checkpoints. Less tanks. More green lights. Israel will do this unilaterally, without coordination with other countries, without contracts. It will sense a bit more air for breathing and be encouraged to continue. There will also be fundamentalist Muslims who are sensitive and intelligent enough to consider the Jewish-German trauma. There are powers, which work against that, even mighty powers, but Israel can make it. I feel that it is possible now. "And Iran?" asked my friend and I told him that as long as Israel has nuclear weapons others will want to have them, too.

"What will you do?" asked the man from Gaza. I told him that there actually are some people in Germany and in the world who can understand that. Maybe I can inspire them. I only have my part, but there are others out there who have more parts. I looked onto the watch. At four o'clock I can have written and sent it. A couple of thousand people will read it, that's a start. We must not leave the field to the military. In the age of the internet it is not necessary anymore to wage wars. There are always ways to bring about peace, just like there are always ways to bring about war. The question is what we want deep in our hearts.

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