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WAEL'S ROOM
Palästina-Profit statt Palästina-Lobby?
Wael Al Saad, 10/2006

Jeder von uns kennt, sieht oder erlebt das tagtägliche Leid des palästinensischen Volkes. Jeder von uns weiß, wie wichtig der palästinensische Freiheits- und Unabhängigkeitskampf ist. Und jeder von uns trägt seinen Teil zu diesem Kampf bei - ob nun durch ein anklagendes Wort, einen fliegenden Stein, ein aufrüttelndes Lied, einen bewegenden Film, ein erschütterndes Gemälde oder auch nur eine leise Träne.

Blickt man auf die Geschichte des Nahostkonflikts seit der Nakba - der palästinensischen Tragödie - im Jahr 1948, so lässt sich eine Aneinanderreihung von blutigen Kriegen, Annexionen, Verhaftungen, Ausgangssperren und alltäglichen Demütigungen erschließen. Ohnmacht und Frustration sind die Folgen dieser Jahrzehnte währenden Entwicklung. Jeder Palästinenser, ganz gleich wo er lebt, kann ein Lied davon singen. Ungeachtet der Osloer Verträge und des historisch anmutenden Friedensprozesses, nimmt die Geißelung des palästinensischen Volkes bis in die Gegenwart hinein immer extremere Ausmaße an.

Eine Zwischenbilanz seit dem Ausbruch der Al-Aqsa Intifada:

Israel: Nicht nur im Zuge des Mauerbaus Landzuwachs durch Annexion; vermeintlich höhere Sicherheit durch den so genannten Grenzwall; wirtschaftliche Prosperität, auch durch den Absatz israelischer Produkte im Westjordanland und Gazastreifen; breitere israelische Lobby durch den Anschluss an die "Achse der Willigen" im so genannten "War on Terror"; 1036 Tote und 7054 Verletzte bei palästinensischen Selbstmordattentaten und Schussüberfällen, etc...

Palästina: Landverlust durch die israelische Annexionspolitik und Abriegelungen (bsp. Jordantal); 3336 Tote und Tausende von Verletzen; über 10.000 Gefangene unter anderem in Administrativhaft - d.h. ohne ordentliches Gerichtsverfahren; Zerstörung und Zweckentfremdung einer Vielzahl an Häusern, Moscheen und öffentlichen Gebäuden; Einschränkung der Bewegungs- und Reisefreiheit durch das israelische Passierscheinsystem, das auch wirtschaftliche Stagnation und erhöhte Arbeitslosigkeit zur Folge hat, Anzeichnungen vom Bürgerkrieg etc...

Wäre nicht in Zeiten Oslos eine UN-Resolution, wie jene zum Libanonkrieg vor wenigen Monaten, eine Mindestanforderung gewesen? Haben wir nicht erst seit dem Grundlagenvertrag dazu gelernt, dass wir Palästinenser in der Konfrontation mit Israel besser vorbereitet und organisiert sein müssen? Eine Definition dessen, was wir erreichen wollen, ist in der Tat keine Unmöglichkeit. Eine überdachte und langfristige Strategie ist meines Erachtens nach der Schlüssel zum Erfolg. Meine These hierzu lautet folgendermaßen: Ohne eine vergleichbare politische Lobby ist ein Durchbruch für Palästina nicht zu erreichen. Die Zionisten, die im Moment noch am längeren Hebel sitzen, haben bisher nicht verstehen wollen, dass das Israel-Projekt, d.h. eine rein jüdische Heimstätte, nie zur Verwirklichung kommen wird ohne den Dialog mit den Palästinensern. Um aber auf gleicher Augenhöhe zu spielen, bedarf es einer geschlossenen palästinensischen Gegenmacht.

Erlauben wir uns doch einmal eine Blick auf die unzähligen Solidarinitiativen zugunsten Palästinas im Ausland, welche, so ehrenwert sie auch sein mögen, zusammengenommen lediglich regional beschränkte Resultate erzielt haben. Und ich wage zu behaupten, dass gerade die unkoordinierte Vielstimmigkeit diverser Vereine und Gruppen Israel und ihrer geschlossenen zionistischen Lobby in die Hände spielt. Wie viel Geld ist denn für Palästina geflossen? Und wie wurden diese Gelder, ob nun im In- oder Ausland, genutzt? Wie viele palästinensische Millionäre leben im Ausland, die sich nicht in der Verantwortung sehen den politischen Kampf unter anderem auch finanziell zu unterstützen? Wie viele Leuten sind durch ihre Werke zu Palästina in den Stand der Popularität aufgestiegen? Wie viele namhafte Schriftstiller, Verleger, Filmemacher und Journalisten flanieren auf diversen Jahrmärkten der Eitelkeiten und vergessen dabei, dass nur wenige Tausend Kilometer südöstlich die Armut und der gewaltsame Tod das Leben des palästinensischen Volkes von Tag zu Tag unerträglicher machen? Wie viele haben sich mit großen Reden hervorgetan - Reden, welchen mitnichten Taten folgten - und wurden auch noch hierfür frenetisch beklatscht?

Ich denke es ist höchste Zeit für eine interne Abrechnung im Pro-Palästina-Lager? Wir müssen umdenken! Wir müssen uns neu formieren! Wir müssen anfangen, mit einer Stimme zu reden - einer Stimme, die so laut ist und deren Inhalte so wortgewaltig sind, dass sie in den entlegendsten Winkeln dieser Welt Gehör findet.

Solange wir nicht in der Lage sind, geschlossen und kraftvoll Israel gegenüberzutreten, werden wir nie das Ruder herumreißen können, um dem palästinensischen Volk zu dienen. Wir müssen also all unsere Kräfte bündeln. Und um dies zu erreichen, ist es nötig uns zu vernetzen. Wir müssen eine Vision finden, eine Idealzustand beschreiben, an den wir alle glauben und den wir alle erreichen möchten. Dazu fehlt aber ein Instrument, eine Plattform, um zu kommunizieren, sowie ein Rahmen für all unsere Aktivitäten.

Man stelle sich vor, der Israel-Boykott seitens der britischen Lehrergewerkschaft wäre auf europäischer Ebene koordiniert worden, so dass noch mehr Länder dazu gebracht worden wären. Ohne Vernetzung kann solch eine Initiative nicht erfolgreich durchgeführt werden. Vielleicht ist einigen von Euch die Weigerung von U2U, einem belgischen Unternehmen, das wegen des Libanonkrieges die Kooperation mit israelischen Firmen verweigert hat, zu Ohren gekommen. Inzwischen wird der Chef von U2U entsprechend attackiert: http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3308579,00.html

Mit einer entsprechenden Vernetzung und einer daraus resultierenden Lobby, hätte man vielleicht U2U durch Kooperationen in arabischen Ländern entschädigen können?

Da ich bereits einen Entwurf zur Vernetzung ausgearbeitet habe, darüber hinaus sicher bin, nicht der Einzige mit solch einer Idee zu sein, möchte ich hiermit Gleichgesinnte einladen, entsprechende Ansätze in einer Diskussion weiter zu vertiefen oder mich zu kontaktieren.

Gemeinsam sind wir stark.

Wael Al Saad