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WAEL'S ROOM
Zum Tag der Gefangenen: Das Palästina-Element
Wael Al Saad und Mazen Shalbak, 17.04.2007

Wie die meisten von Euch wissen, muss jeder PAL bei der Ein- und Ausreise von Jordanien in die palästinensische Gebiete und umgekehrt die israelische Grenzkontrolle über sich ergehen lassen. Diese Kontrolle betrifft nicht nur das Reisegepäck, sondern auch die Reisenden, die meistens und unter dem Vorwand der Sicherheit zusammengepfercht und übertrieben lange auf ihre vorher abgegebenen Reisedokumente warten müssen. Das herrschende Bild hier ist die nervenzerreißende Geduld in den immer mehr auseinanderklaffenden Warteschlangen mit dem Geschrei wartender Kinder auf einem höllisch heißen Territorium und die bewusste herabsehende und erniedrigende Behandlung der palästinensischen Bürgerinnen und Bürger durch das systematische Einsetzen sehr junger israelischer Soldatinnen, maximal 18 Jahre alte Frauen, die ständig die zumeist älteren Palästinenser befehligen, nach Ordnung rufen und mit kollektiver Bestrafung der verspäteten Bearbeitung der Dokumente drohen. Junge Palästinenser (unter 40 Jahre alt!) stehen da auffällig nervös auf das Ungewisse wartend und sich selbst fragend: Werde ich durchkommen, oder muss ich zum "Verhör", also zum Geheimdienstbüro gehen? Man weiß schon, dass diese Prozedur eigentlich meistens nur eine systematische Schikane der israelischen Behörden ist. Aber mit dem Ergebnis eines verspäteten Herauskommens aus dem Grenzpunkt und eine daraus folgende noch gefährlichere Reise durch das Westjordanland. Ein PAL aus den besetzten Gebieten weiss sehr genau, wie lebensgefährlich diese Reise sein kann. In manchen Fällen werden Einreisende PAL am Grenzpunkt verhört und anschließend von israelischen Soldaten verhaftet, aus welchem Grund auch immer. Dies geschah meinem Schwager, Mohammed.

Mein Schwager, der gerade sein Master-Examen an einer jordanischen Universität abgeschlossen hat, wollte seinen erfolgreichen Studiumsabschluss in der Heimat mit Familie, Verwandten und Freunden in Jenin feiern und machte sich am 17.April 2007 auf den Weg nach Hause in Richtung palästinensisch-jordanische Grenze. Seine Familie, seine Verwandten, Nachbarn haben mit großer Freude auf die Ankunft des frisch graduierten Mohammed gewartet. Seine Mutter hat ein großes Festmahl für den besonderen Gast vorbereitet. Der Abend kam und Mohammed erschien nicht. Er hat sich auch nicht gemeldet. Sein Handy war ausgeschaltet. Keiner wusste wo er war. Keine Auskunft war möglich. Er war verhaftet worden. Das immer Befürchtete ist geschehen und statt der Freude des Wiedersehens herrschte eine Welle der Trauer und der Sorge, in der Familie, in der Verwandtschaft, bei den Nachbarn und bei allen Bekannten in der Stadt. Menschen, die wir lieben und/oder respektieren werden einfach verhaftet, auch wenn sie unpolitisch sind. Aber allein die reine und saubere Zugehörigkeit eines Palästinensers und seine Loyalität zu seinem Land Palästina ist für die israelische Besatzungsmacht politisch genug, um diese Menschen als gefährlich einzustufen mit den dazugehörenden Konsequenzen. Das ist unser Alltag in Palästina.

Jeder PAL weiß, was es heißt, in Israel verhaftet zu sein oder vielmehr: was während einer Verhaftung passiert. Seit 1967 hat Israel etwa 750.000 Palästinenser verhaftet. Davon sitzen heute noch etwa 10.000 in israelischen Gefängnissen. Das heißt de facto, dass kaum eine palästinensische Familie oder Haushalt in den palästinensischen Gebieten diese Erfahrung nicht mindestens einmal mitgemacht hat. Ob Bruder, Vater, Schwester, ein minderjähriger Steine werfender Bruder oder sogar eine schwangere Mutter, alle können jederzeit und ohne nachvollziehbaren Grund von den israelischen Soldaten verschleppt werden. Das geschieht plötzlich und ohne Vorwarnung, auch an den Checkpoints; allein in der Westbank hat die israelische Besatzungsmacht über 350 Checkpoints bzw. Closures aufgestellt bzw. stationiert, die die Lebens- und Verkehrsader der West Bank (und Gaza) lahm legen. Stationen der Erniedrigung und Menschenrechtsverletzungen. Lange Zeit galt das Verhaftetwerden als Sinnbild des Widerstandes und als Auszeichnung. Das Gefängnis gilt heute noch als die politische Schule schlichthin. Es ist ein fester Bestandsteil der palästinensischen Identität und der Schrei des palästinensischen Schmerzes zugleich. In keiner anderen Gesellschaft fürchten so viele Menschen um ihre seit inzwischen Jahrzehnten aus politischen Gründen einsitzenden Väter und Kinder und warten so sehnsüchtig auf ihre Freilassung. Es gibt keinen dort lebenden PAL, der nicht mindestens ein Dutzend politische Gefangene in israelischen Gefängnissen kennt. Nach dem Gruß kommt meistens die Frage nach dem Wohlergehen des gefangenen Bruders oder Bekannten. Und das seit vielen Jahren.

Die Tiefe des Gefangenseins in der palästinensischen Gesellschaft, in ihrer Geschichte und ihrem Dasein ist unbeschreiblich. Um sie zu kennen und zu fühlen, muss man sie leben. Das kann man nur, wenn man in Palästina heute lebt oder mindestens dort aufgewachsen ist. Die absolute Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten ist in der Besatzung geboren und somit haben sie nie in Freiheit gelebt. Ganz im Gegenteil, jeder vierte PAL saß mindestens einmal in israelischen Gefängnissen. Die israelische Trennungsmauer verwandelt und zerstückelt das übrig gebliebene palästinensische Land in mehrere Ghettos, in große Gefängnisse, in denen sich die eisernen Gitter einer klassischen Sperranlage in Betonmauern und Stacheldrahtzäune verwandeln. Die Strafe ist jetzt so kollektiv wie nie zuvor. Jede Person ist inhaftiert. Isoliert. Eine neue Dimension der Unterdrückung von Lebensperspektiven und der Verachtung von Menschenleben. Aber wenn eine mächtigere Gesellschaft eine schwächere einsperrt und hinter Mauern zusammenpfercht, isoliert sie sich selbst auf der anderen Seite, physisch und moralisch. Man kann nicht eine ganze Gesellschaft auf Dauer einsperren. Eine Betonmauer mag man schnell abreißen. Dagegen sind die Mauern im Kopf nur sehr schwer abbaubar. Das Gedächtnis eines unterdrückten Volkes ist voller Bilder, die schnell Assoziationen hervorrufen. Assoziationen vertiefen den Graben zwischen Unterdrücker und Unterdrückten und bauen die Mauern in den Köpfen aus. Gewalttätige Machterhaltung kennzeichnet den Anfang vom Ende einer Macht. Das war so, ist heute so und wird immer so bleiben. Die israelische Übermacht wird von dieser Tatsache nicht verschont bleiben.

Oft telefoniere mit meiner Familie in Jenin und höre den Satz: "Ja, man gewöhnt sich dran". Die Palästinenser haben in der Geschichte viele Mächte erlebt und überlebt. Das Land Palästina besitzt eine reiche und bewegte Geschichte und beherbergte viele Kulturen, alte und neue Religionen. Dieses ganze Spektakel wurde auf den Schultern seiner Bewohner, der Palästinenser, über Jahrtausende hinaus getragen, mit unendlicher Geduld, Hingabe und sehr oft mit Leid. Aber immer war es die unendliche Liebe, die die Menschen an dieses Land kettete. Selbst bei größter Not hat es noch nie eine freiwillige Massenmigration aus dem Land gegeben. Dieses "sich dran gewöhnen" hört sich zunächst selbszerstörerisch an. Eine, man möchte sagen, mentale Selbstzerstörung, die über viele Jahrhunderte entstand. Diese Mentalität der fatalen Offenheit in der Persönlichkeit der Ureinwohner Palästinas gegenüber allem Neuen ist kennzeichnend für eine unendliche Geduld. Eine Offenheit, die keineswegs Kapitulation bedeutet. Vielmehr ist es ein Warten der besser Wissenden.

Ich finde, dass dieser Aspekt, den ich hier das "Palästina-Element" nennen möchte, eine Antwort ist auf eine der Schlüsselfragen, wie wir die Standhaftigkeit der unterdrückten PAL und die Beständigkeit ihres Widerstandes verstehen können. Das gibt möglicherweise eine Antwort darauf, warum die Zionisten, trotz einer über 100-jährigen Besiedlung Palästinas, uns immer noch nicht richtig verstehen. Vielleicht ist es gerade unsere mentale Flexibilität bzw. die Fähigkeit des sich Gewöhnens an neue Lebensumstellungen, die uns hier gegenüber den starren, ja zutiefst fanatischen, Zionisten in Vorteil bringt. Fraglich ist, ob sie dazu fähig sind, einen Umdenkprozess ihrer Ideologie zu starten. Letzte Hoffnung auf ein Weiterkommen finde ich bei den antizionisitischen Bewegungen in Israel, die das Land aus den ideologischen Fesseln des Zionismus zu befreien versuchen. Jedoch sind sie leider noch in absoluter Minderheit in der israelischen Gesellschaft. Ich möchte natürlich nicht sagen, dass wir uns an eine dauerhafte Unterdrückung gewöhnen können und wollen. Mein Anliegen ist zu zeigen, dass wir PAL das Produkt unserer palästinensischen Erde sind. Ihrem Boden verdanken wir unser Dasein, denn wir sind tief in ihm verwurzelt. Wir trinken sein Wasser und atmen seine Luft. Wir sind mit ihm eins und identifizieren uns mit ihm. Das Land ist unser kulturelles Erbe. Genau das ist es, was ich mit diesem "Palästina-Element" meinte. Es zu bewahren und zu schützen ist jede/r PAL Aufgabe. Daher halte ich den palästinensischen Kultur-, Literaturkampf und Projekte wie www.palestineremembered.com in diesem Zusammenhang für essenziell und sehr wichtig. Denn dieser Kampf verstärkt in uns das "Palästina-Element", unsere wahre Überlebensfähigkeit und späteren Sieg. Mit der gleichen Begründung halte ich auch die Vernetzungsidee für fällig und sehr erstrebenswert.

Es gibt ein Gefangenen-Faktenblatt auf Deutsch. Es wäre gut, wenn zwei oder mehr Leute sich bereit erklären, die Zahlen vielleicht monatlich zu aktualisieren. Mögen viele daraus Flug- oder Faltblatt erstellen und bei jeder Gelegenheit verteilen - bald ist erster Mai-. Dafür fehlt nur wenige Layout-Arbeit und vielleicht einige Bilder (das ist leider nicht meine Stärke). Dieses Blatt widme ich meinem Schwager Mohammed und allen PAL Gefangenen.

Eure Freunde und Brüder auf den Weg nach PAL

Eine Zusammenarbeit von Wael Al Saad und Mazen Shalbak
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