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SILVIA'S ROOM
Israel: "Ich war auf all die Schrecken, die ich sah, nicht vorbereitet."
Interview mit Hedy Epstein
von Silvia Cattori, 14. Juni 2007. Saint Louis - Missouri.

Hedy Epstein ist heute 82 Jahre alt. Sie ist 1924 in Freiburg in Deutschland geboren
1 und lebte in Kippenheim, einem Dorf, das ungefähr 30 km nördlich von Freiburg liegt. Sie ist das einzige Kind ihrer Eltern, die in den Vernichtungslagern der Nazis gestorben sind. Sie kämpft unaufhörlich für die Rechte und für die Würde aller Menschen.

2003 hat Hedy sich entschlossen, nach Palästina zu gehen. Sie ist sehr schockiert zurückgekommen wegen der Dinge, die sie gesehen hat: palästinensische Frauen und Kinder ohne Verteidigung, ein misshandeltes Volk, das in Ghettos eingeschlossen ist.

Dort lernte sie alle Menschen zu lieben, die sie traf. Bei ihrer Rückkehr entschloss sie sich, als Zeugin für die Ungerechtigkeiten aufzutreten, die die Palästinenser erdulden, für die Enteignung ihres Landes und die Vertreibung der Palästinenser aus ihren Häusern, in denen sie seit Jahrhunderten gelebt hatten.

Kein Protest, nichts hat Israel bis jetzt daran gehindert, die Brutalitäten fortzusetzen, die es den Palästinensern zufügt. Hedy konnte im Gegenteil während ihrer Besuche in Palästina feststellen, dass die israelische Unterdrückung nicht aufhört, sondern sich zuspitzt. Sie hat sich dazu entschlossen, sich anderen Menschenrechtlern anzuschließen, die sich Ende des Sommers auf dem Schiff FREE GAZA2 nach Gaza begeben werden. Ihr Ziel ist es, für die Palästinenser Gerechtigkeit zu verlangen und von den Israelis Wiedergutmachung für 60 Jahre Unterdrückung.


Silvia Cattori: Sie haben Ihr ganzes Leben lang gekämpft, um den Schwachen zu helfen und Gerechtigkeit zu fordern. Seit 2003 haben Sie sich noch stärker engagiert und fordern besonders Gerechtigkeit für die Palästinenser. Ich verstehe das so, dass Sie gewisse Risiken eingehen, um der Weltöffentlichkeit die Verbrechen bewusst zu machen, die gegen die Palästinenser verübt werden!?

Hedy Epstein: Ich bin tatsächlich von den Organisatoren von FREE GAZA eingeladen worden und fühle mich durch diese Einladung sehr geehrt3.

Silvia Cattori: Mit palästinensischen, israelischen und internationalen Friedensaktivisten in die Gewässer von Gaza einzudringen, ist sicherlich ein großartiges Projekt. Aber ist dieses Unternehmen nicht voller Gefahren? Beunruhigt es Sie nicht, an solch einer Expedition teilzunehmen?

Hedy Epstein: Natürlich mache ich mir einige Sorgen. Aber kann mir das Leben garantieren, dass mir hier nichts passiert? Sehen Sie, morgen früh beim Aufstehen könnte ich noch so verschlafen sein, dass ich stolpere, hinfalle und mir den Rücken breche. Was soll ich machen, den Rest meines Lebens im Bett verbringen? Bestimmt nicht.

Es gibt keine Garantien im Leben. Vielleicht sollte man sich nicht in eine gefährliche Situation begeben. Meine Teilnahme ist nur ein kleiner Beitrag, verglichen mit den täglichen Leiden der Palästinenser. Wenn wir durch diese Aktion der Welt zeigen können, was sich dort abspielt, dann sind es die Schwierigkeiten wert, sich dorthin zu begeben. Ich bin 82 Jahre alt, ich habe meistens ein gutes Leben gelebt, was mir erlaubt, einen Beitrag zu leisten, bevor es zu spät ist.

Silvia Cattori: Die Reise dieses Schiffes nach Gaza fällt mit dem 60. Gedenktag der Abfahrt der EXODUS aus Marseille zusammen. Denken Sie nicht, dass man Sie wegen Ihrer Anwesenheit auf einem Schiff, das sich an die gleiche Stelle begibt wie die EXODUS, kritisieren wird?

Hedy Epstein: Nein. Das, was ich mache, ist das, woran ich glaube und dafür trete ich ein. In gewissen Kreisen, besonders innerhalb der vorherrschenden Strömung der jüdischen Gemeinschaft, hält man mich für eine Verräterin, eine Jüdin "mit jüdischem Selbsthass". Das ist Unsinn. Ich habe keinen Selbsthass! Vor einigen Jahren hat mir der Direktor einer jüdischen Tageszeitung gesagt, dass ich nicht nach Palästina hätte gehen sollen. Ich hätte besser als Freiwillige nach Israel in ein Krankenhaus gehen sollen, wo Opfer von palästinensischen Selbstmordattentaten behandelt werden.

Ich habe ihm geantwortet, dass ich glücklich wäre, als Freiwillige dort zu arbeiten, aber würde er auch akzeptieren, in ein palästinensisches Krankenhaus zu gehen, um dort den Leuten zu helfen, die infolge israelischer Aggressionen verletzt worden sind, während ich in einem israelischen Krankenhaus helfe? Er antwortete entsetzt: "In Palästina?". Ich sagte ihm: "Ja, ich war dort, also können auch Sie dorthin gehen. Wenn Sie es tun, werde ich glücklich sein, in einem israelischen Krankenhaus zu arbeiten." Das war vor mehreren Jahren und ich habe nie mehr etwas von ihm gehört.

Silvia Cattori: Warum haben Sie sich ausgesucht, sich für eine Sache einzusetzen, gegen die fast alle Israelis sind?

Hedy Epstein: Erlauben Sie mir, Ihnen ein wenig über meine Vergangenheit zu erzählen und Sie werden verstehen, warum ich heute hier bin. Ich bin in einer jüdischen Familie in Deutschland geboren. Ich war acht Jahre alt, als Hitler an die Macht gelangte. Meine Eltern verstanden schnell, dass Deutschland kein sicherer Ort mehr für eine Familie war. Sie waren bereit, irgendwo hinzugehen und haben verzweifelt versucht, wegzukommen. Sie wären aber NIE nach Palästina gegangen, weil sie leidenschaftliche Antizionisten waren.

Damals verstand ich nicht, was Zionismus war und was es bedeutete, Antizionist zu sein. Ich wusste aber, dass es in meinem Dorf, in Kippenheim im Südwesten von Deutschland, eine Gruppe junger Zionisten gab und dass meine Eltern mir nicht erlaubten, an ihr teilzunehmen. Ich war das einzige jüdische Kind in diesem Dorf, dass nicht zu dieser Gruppe gehörte. Da meine Eltern glühende Antizionisten waren und obwohl ich nicht verstand, was es wirklich bedeutete, war auch ich eine glühende Antizionistin.

Dank der starken Liebe meiner Eltern konnte ich später, 1939, Deutschland mit einem Kindertransport in Richtung England verlassen. Ich sah meine Eltern und meine Familienangehörigen zum letzten Mal am Tag meiner Abfahrt, im Mai 1939. Sie sind alle in den Lagern gestorben. Im Mai 1948, fast zum gleichen Zeitpunkt, als Israel ein Staat wurde, kam ich in die USA.

Ich hatte in diesem Zusammenhang gemischte Gefühle. Einerseits war ich sehr glücklich, dass es einen Ort gab, wo die Menschen hingehen können, die den Holocaust überlebt hatten und die vielleicht nicht zu ihren Heimatorten zurückkehren wollten oder konnten. Andererseits erinnerte ich mich an den leidenschaftlichen Antizionismus meiner Eltern. Ich befürchtete, dass daraus nichts Gutes entstehen konnte. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, wie es einmal sein würde. Damals war ich gerade in den USA angekommen und musste viel Neues lernen. Israel war eines meiner geringsten Interessen und das hat sich für einige Jahre nicht geändert.

Den Schock, der mich persönlich aufgeweckt hat, erlitt ich 1982: die schrecklichen Massaker in den zwei Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila im Libanon. Ich musste verstehen, was diese Tragödie bedeutet, warum sie stattfand und wer dafür verantwortlich war. Nachdem ich die Tragödie begriffen hatte, wollte ich mehr wissen, auch darüber, was sich zwischen der Staatsgründung Israels 1948 und 1982 in Sabra und Chatila ereignet hatte. Je mehr ich darüber lernte, desto mehr verwirrten mich die Handlungen der israelische Regierung, die in meinem Namen handelte.

Je mehr ich verstand, umso mehr redete ich in der Öffentlichkeit über die Politik und die Praxis der israelischen Regierung in Bezug auf das palästinensische Volk.

Im Dezember 2003 ging ich dann nach Palästina.

Silvia Cattori: Waren Sie vorher nie in Israel?

Hedy Epstein: Ich war 1981 in Israel, um am ersten internationalen Treffen der Holocaust-Überlebenden teilzunehmen - und wahrscheinlich auch am einzigen. Es war für mich keine schöne Erfahrung. Ich habe entdeckt, dass die Überlebenden, die an diesem Treffen teilnahmen, in einer Art von Konkurrenzkampf untereinander waren. Wer hatte am meisten gelitten! Sie fragten: "In welchem Lager waren Sie?" Und ohne auf die Antwort der Person zu warten, sagten sie: "Oh, da wo Sie waren, war ja nichts; es war wesentlich schlimmer da, wo ich war!" Warum sollte man sich darüber streiten, wer am meisten gelitten hat? Jeder von ihnen hatte gelitten und sicherlich gab es einige unter ihnen, die mehr gelitten hatten als andere, aber darüber kann man nicht streiten.

Man hat mit uns eine Busreise gemacht und die Leute im Bus fragten:

- "Wer lebt an diesem Ort?"
- "Es sind Juden".
- "Oh, hervorragend, die Gärten sind herrlich. Und wer lebt hier"?
- "Es sind Palästinenser".
- "Oh, es stinkt, es riecht nicht gut, es ist schrecklich und schmutzig".

Die Busfenster waren in der Tat zu und selbst, wenn sie geöffnet gewesen wären, hätte man nichts im Bus riechen können. Diese Art von Diskriminierung und von Kommentaren über Palästinenser, die sie noch nicht einmal kannten, störte mich. Deshalb war es keine glückliche Erfahrung für mich. Sie hinterließ in mir einen sehr schlechten Eindruck und ich bin nie zurückgekehrt.

Im September 2003 habe ich in Saint Louis, Missouri, an einer wöchentlichen Mahnwache gegen den Irakkrieg teilgenommen. Wir hatten lange vor dem Beginn des Krieges, kurz nach dem 11. September, jeden Sonntag diese Wache begonnen. Eine von meinen Freundinnen neben mir hat mich gefragt: "Hast du einmal daran gedacht, nach Palästina zu gehen?"

Ich war sowohl schockiert als auch überrascht über meine Antwort: "Ja, ich gehe dorthin". Ich hatte tatsächlich keinen Plan, um mich dorthin zu begeben, aber vielleicht dachte ich im Unterbewusstsein schon lange daran und hatte mich innerlich vorbereitet, dahin zu gehen. Im Dezember 2003 sind wir - die Freundin, die mir die Frage gestellt hatte, zwei andere Frauen und ich selbst - zum ersten Mal in Palästina gewesen. Ich kehrte im Jahre 2004, 2005 und 2006 dorthin zurück und hoffe, dieses Jahr nach Gaza zu gehen.

Silvia Cattori: War es für Sie eine schwierige Erfahrung?

Hedy Epstein. Ich war wirklich nicht auf alle Schrecken, die ich sah, vorbereitet. Zum Beispiel hatte ich über die Checkpoints gehört. Ich dachte, dass ein Checkpoint so eine Art von Autobahngebührposten wäre, wie in den USA. Es hat überhaupt nichts damit zu tun. Und wenn ich zurückkam, war es jedes Mal schlimmer. Jetzt erinnern sie mich an eine Art Sammelstelle für Tiere, die man ins Schlachthaus führt, genauso erniedrigend.

Erlauben Sie mir, eine Erfahrung mit Ihnen zu teilen, die ich hatte, als ich das erste Mal nach Palästina kam. Wir waren an einem Checkpoint in der Nähe von Ramallah. Ein israelischer Reservist, ungefähr vierzig oder Anfang fünfzig, stellte mir einige Fragen. Er hat sich meinen Pass angeschaut und dann hat er mich gefragt, ob ich Jüdin sei und ich habe ihm geantwortet: ja. Dann fragte er mich, ob ich jemals in Ramallah gewesen bin. Noch bevor ich antworten konnte, sagte er zu mir in einem sehr verärgerten Ton: "Wissen Sie nicht, dass jeder Jude, der nach Ramallah geht, zerstückelt wird?" Viermal hat er mit seinen Händen in Taillenhöhe die Geste von "in Stücke schneiden" gemacht und viermal wiederholte er: "Sich in Stücke schneiden lassen".

Ich kam aber gerade aus Ramallah zurück, wo ich mich in zwei verschiedenen palästinensischen Familien aufgehalten hatte und wo ich ganz offensichtlich nicht in Stücke geschnitten worden war. In Wirklichkeit hat die Gastfreundschaft dieser beiden Familien und ebenso anderer palästinensischer Familien an anderen Orten nichts mit der Gastfreundschaft gemeinsam, die man von anderswo auf der Welt kennt. Ich habe jedes Mal von Anfang an erklärt, dass ich Jüdin bin und es machte nie auch nur den geringsten Unterschied. Wem auch immer ich begegnet bin, ob es sich um Familien handelte, mit denen ich gelebt habe oder um Leute auf der Straße, wenn ich ihnen sagte, dass ich Jüdin sei, hat das nie ihr Verhalten geändert. Sie, wie ich, lehnten es ab, Feinde zu sein. Meine echten Feinde sind die Israelis gewesen. Sie waren es, die mich erbärmlich und schmerzhaft behandelt haben.

Silvia Cattori: War es ein Schock für Sie zu entdecken, dass die israelischen Soldaten die Palästinenser auf so eine unmenschliche Art und Weise erniedrigen und misshandeln?

Hedy Epstein: Ja, das ist richtig. In gewisser Hinsicht bin ich traurig um die israelischen Soldaten, die in Palästina sind, wegen dem, was aus ihnen gemacht wird. Welche Sorte Männer werden sie sein, wenn sie einmal die Armee verlassen? Werden sie ihre Kinder, ihre Frauen misshandeln, weil sie sich angewöhnt haben, die Palästinenser zu misshandeln? Das muss ihnen doch Schmerz bereiten. Die Besatzung und dieses Chaos, welches daraus entsteht, muss nicht nur im Interesse der Palästinenser, sondern auch im Interesse der Israelis aufhören.

Silvia Cattori: Sind Sie nicht selbst von der Polizei in Israel misshandelt worden?

Hedy Epstein: Ja. Im Januar 2004 befand ich mich am Flughafen Ben Gurion. Ich kam zusammen mit einer anderen Frau aus den besetzten Gebieten zurück. Am Flughafen hat uns die erste Sicherheitsbeamte, der wir begegnet sind, getrennt. Sie hat meine Freundin gebeten, nach rechts zu gehen und mich, nach links zu gehen. Ich versuchte, den Sinn dieses Befehls zu begreifen. Ich dachte, dass es vielleicht so war, weil meine Freundin christlichen Glaubens ist und dass die Christen nach rechts gehen müssen und die Juden nach links. Als ich an die Ausweiskontrolle kam und meinen Ausweis und mein Flugticket abgegeben hatte, tippte die dortige Angestellte etwas in ihren Computer und plötzlich standen, wie aus dem Boden geschossen, zwei Männer neben mir: "Wir sind Sicherheitsbeamte". Da ihre Polizeimarken umgedreht waren, habe ich sie gefragt: "Wie heißen Sie?", aber sie schwiegen.

Man hat mich zu einem Ort mitgenommen, über den ich später erfuhr, dass es sich um die Polizeiwache vom Flughafen handelte. Ich wurde aufgefordert, in eine kleine Kabine zu gehen, die in einen größeren Raum eingebaut war. Dort musste ich meine Schuhe ausziehen. Sie nahmen sie mit, um sie irgendwo zu röntgen. Man tastete meinen ganzen Körper ab, von oben bis unten, auch per Detektor, und dann hat man mich aufgefordert, mich zu entkleiden. Ich habe protestiert: "Sie haben nicht das Recht, das von mir zu verlangen, ich will einen Rechtsanwalt haben." Die Frau hat mir geantwortet: "Natürlich können Sie einen Rechtsanwalt haben, aber Sie werden im Haftzentrum des Flughafens inhaftiert, bis Sie einen gefunden haben."

Wie hätte ich einen Rechtsanwalt finden können, wo man mir doch mein Handy abgenommen hatte und ich keine Möglichkeit mehr hatte, jemanden zu kontaktieren? Das Schicksal meiner Freundin beunruhigte mich auch. Widerfuhr ihr dasselbe wie mir? Eine von uns musste hier raus, um der anderen zu helfen und vielleicht oblag es mir. Ich akzeptierte, mich zu entkleiden. Nicht nur, dass ich mich vor dieser jungen Frau, bestimmt nicht älter als 22, ausziehen musste, sondern nachdem ich es gemacht habe forderte sie mich auf, mich nach vorn zu beugen. Entrüstet fragte ich: "Warum?", und sie hat zu mir gesagt: "Weil wir Sie von innen untersuchen müssen". Niemals habe ich mich so zornerfüllt und so zutiefst erschüttert gefühlt wie zu diesem Zeitpunkt. "Warum machen sie das?" habe ich gefragt. Sie hat geantwortet: "Weil Sie ein Terrorist sind, sind Sie ein Risiko für die Sicherheit."

Während dieser Zeit untersuchten sie jeden Gegenstand in meinem Gepäck. Nachdem ich aus dieser Kabine herausgekommen war und mich wieder angezogen hatte, waren sie noch dabei, meine Sachen zu durchsuchen. Als sie das endlich beendend hatten, sagten sie zu mir: "Sie können Ihre Sachen wieder einpacken." Ich war so wütend, dass ich ihnen geantwortet habe: "Sie haben sie ausgepackt, packen Sie sie also wieder ein."

Ich beobachtete ebenfalls, was sich mit anderen Menschen in dieser Polizeiwache ereignete. Da war eine junge Frau mit einem kleinen Baby von ungefähr sieben oder acht Monaten. Während sie ihr Gepäck durchsuchten, fing das Baby an zu weinen. Die Mutter wollte es mit der Nahrung, die sie dabei hatte, beruhigen. Sie lehnten aber ab, dass sie dem Baby Nahrung gab. Ich habe kurz mit ihr gesprochen und sie hat mir gesagt: "Ich bin Israelin, ich bin Jüdin, ich bin in Israel geboren, aber ich lebe in England und sie bestrafen mich und mein Baby, wahrscheinlich weil ich Israel verlassen habe."

Silvia Cattori: Warum haben diese Polizeibeamten Sie so erniedrigend behandelt? Wollten sie Sie bestrafen, weil Sie auf der Seite der Palästinenser standen?

Hedy Epstein: Wahrscheinlich nicht nur, weil ich in Palästina war, sondern auch wegen dem, was ich dort unternahm und sah. Ich habe an Demonstrationen gegen die Besatzung teilgenommen und das macht aus mir, so nehme ich es an, ein Sicherheitsrisiko, also ein Terrorist. Die Israelis finden normalerweise, dass der friedliche und gewaltlose Widerstand Terrorismus ist. Ihre Antwort auf den friedlichen und gewaltlosen Widerstand ist, echten Terrorismus wie Tränengas gegen israelische, palästinensische und internationale Demonstranten einzusetzen. Sie verwenden Gummikugeln - oder nennen es so -, aber es sind keine Kugeln aus Gummi, es sind Metallkugeln, die töten können, mit einer sehr feinen Gummischicht überzogen. Sie verwenden auch Kriegsmunition und Wasserwerfer.

Als ich 2005 am gewaltlosen Widerstand im Dorf von Bil'in, Palästina, teilgenommen hatte, machte ich selbstverständlich erneut diese Erfahrung. Eine ohrenbetäubende Bombe ist genau neben mir explodiert, deswegen habe ich teilweise Gehörschäden.

Aber verglichen mit dem, was die Palästinenser jeden Tag, jede Nacht, jede Minute ertragen müssen, ist das nichts. Sie leben in einem Gefängnis, sie sind Gefangene. Ich kann jedes Mal gehen, wann ich will. Die israelischen Sicherheitsbeamten können mich einige Stunden am Flughafen zurückhalten, aber letzten Endes kann ich gehen.

Silvia Cattori: Wie konnte man einer so charmanten Lady wie Ihnen so etwas antun? Waren Sie über die bei Ihnen angewendete Gewaltbehandlung bestürzt?

Hedy Epstein: Ja. Aber die Misshandlungen, die sie mir zugefügt haben, werden mich nicht abhalten. Sie wollten mich vielleicht entmutigen, nach Palästina zurückzugehen, aber natürlich bin ich zurückgegangen und ich werde weiterhin zurückgehen.

Silvia Cattori: Haben Ihnen die Menschen geglaubt, als Sie nach dieser mühsamen Prüfung in die USA zurückgekehrt sind und über das, was Sie gesehen und erlebt haben, berichteten?

Hedy Epstein: Einige glaubten, was ich Ihnen erzählte, aber in den Kreisen der dominierenden jüdischen Strömung gibt es solche, für die Israel immer das Opfer bleibt und die Palästinenser immer die Terroristen. Sie verstehen es nicht, sie stellen sich keine Fragen, denn sie wollen in Wirklichkeit nicht wissen, was sich dort ereignet. Ich habe mich für die Palästinenser eingesetzt und alle haben mich gebeten: "Wenn Sie in die USA zurückkehren, erklären Sie bitte dem amerikanischen Volk, was Sie gesehen und erlebt haben".

Ich bin also dieses Engagement eingegangen und ergreife jede Gelegenheit, daüber zu reden was ich gesehen und erlebt habe. Weil das amerikanische Volk es nicht weiß. Es gibt Leute innerhalb dieser dominierenden jüdischen Strömung, die mich mundtot machen wollen. Aber das wird nicht geschehen. Sie können mich diffamieren, aber ich werde meinem Engagement für die Palästinenser Ehre machen.

Silvia Cattori: Ist es nicht für eine Holocaust-Überlebende noch unbehaglicher, die Brutalität anzuprangern, die von israelischen Besatzern gegen das palästinensische Volk ausgeübt wird?

Hedy Epstein: Dank dem Opfergeist meiner Eltern, die mich aus Deutschland ausreisen ließen, war ich nie in einem Lager und daher habe ich nie die schlimmen Erfahrungen der Überlebenden gehabt, aber ich weiß, was es bedeutet, Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Ich wusste über die mörderischen Absichten von Hitler zwischen 1933 und 1939 Bescheid. Während dieser Periode, 1939, wurde mein Vater ins Konzentrationslager von Dachau geschickt. Er kam nach vier Wochen zurück, aber es war nicht mehr der Vater, den ich gekannt hatte: er war ein alter, gebrochener Mann.

Weil ich weiß, was es bedeutet, fühle ich mich verpflichtet und habe die Verantwortung, die Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, deren Opfer andere Menschen sind. Es gibt überall in der Welt Probleme und ich kann nicht alles tun; aber ich habe beschlossen, dass die Misshandlungen der israelischen Regierung am palästinischen Volk eine schwerwiegende Situation darstellen, gegen die ich protestieren muss und ich werde weiterhin machen, was ich kann.

Die Devisen waren für die Holocaust-Überlebenden immer: "Nie wieder..." und "Sich daran erinnern". In Bezug auf das "Sich-Daran-Erinnern" habe ich es gewiss berücksichtigt. "Sich daran erinnern" muss aber auch eine Perspektive für die Gegenwart und die Zukunft einbeziehen. Man kann nicht "Sich daran erinnern" und "Nie wieder..." begrenzen und erwarten, dass es sich ausschließlich auf Juden bezieht. Als ich mich neben dieser schrecklichen, 25 Fuß (acht Meter) hohen Betonmauer befand, die Israel gebaut hat, dachte ich: Mein Gott, diese Mauer, die die Juden gerade bauen, um die Palästinenser dahinter einzuschließen, und die gleichzeitig Gebäude, Häuser und palästinensische Wasserquellen zerstört, sind die Juden, die damals hinter Mauern eingeschlossen wurden. Sie können aber die Hoffnung der Palästinenser nie zerstören, da dieses Volk erstaunlich ausdauernd und mutig ist.

Silvia Cattori: Ich stelle mir vor, dass Ihr Leben von diesen schmerzhaften Entdeckungen tief betroffen wurde und dass Sie heute die Notwendigkeit spüren, an den Ort dieses Traumas zurückzukehren.

Hedy Epstein: Ja. Ich muss dorthin zurück, um zu testen, was Israel behauptet, dass nämlich Gaza nicht mehr besetzt sei, dass Gaza frei sei. Wenn die israelischen Streitkräfte wirklich nicht mehr in Gaza sind, müsste ich diesen Sommer nach Gaza gehen können. Wenn man mich aber daran hindert, nach Gaza zu gehen, oder wenn ich Schwierigkeiten bekomme, wird dadurch in den Augen der Weltöffentlichkeit die Lüge aufgedeckt werden, die die israelischen Behörden versuchen, uns glaubhaft zu machen. Sie sagen, dass sie sich nicht mehr in Gaza befinden. Wenn sie nicht mehr dort sind, warum sollten sie mich daran hindern, dorthin zu gehen? Es ist eine Art von Test.

Silvia Cattori: Glauben Sie, dass die Situation sich nur verschlimmert und sich nichts ändern wird, solange die Solidaritätsbewegung keine verbindlichen Maßnahmen gegen Israel annehmen wird?

Hedy Epstein: Man weiß nie, ob das, wofür man sich einsetzt, ein Ergebnis haben wird. Man muss also weiter suchen, nicht aufgeben, versuchen, etwas anderes zu machen. Diese Aktion ist zweifellos original. Sie kann dazu fähig sein, die Weltöffentlichkeit auf die Situation in Gaza aufmerksam zu machen und vielleicht wird sie zum ersten Mal ihre Augen, ihre Ohren und ihren Verstand öffnen, damit sie sieht, was sich wirklich in Gaza ereignet.

Silvia Cattori: Die Mehrheit derjenigen, die sich über das, was sich in Palästina ereignet, äußern, werden oft von Pro- Israelis als "Antisemit" gestempelt. Haben Sie versucht zu erklären, dass es sich um ein falsches Verhalten handelt?

Hedy Epstein: Ich glaube, dass es für Christen und für Muslime sehr schwierig ist, aber besonders für Christen, viel schwieriger als für mich, die Jüdin ist. Wenn sie die Politik und die Handlungen der israelischen Regierung anprangern, werden sie automatisch als Antisemit bezeichnet. Es ist lächerlich, mich als Antisemit zu bezeichnen; ich bin Semit, warum sollte ich gegen mich selbst sein? Das gilt ebenfalls für die Araber. Sie SIND Semiten. Aber ich glaube, dass es schwieriger für die Christen ist, viel schwieriger, denn es ist wahr, dass einige Christen Antisemiten waren. Wenn sie also die Handlungsweisen von Israel kritisieren, sind sie in den Augen von einigen Juden automatisch antisemitisch.

Silvia Cattori: Was sagen Sie denjenigen, die Sie beschuldigen, "Antisemit" zu sein?

Hedy Epstein: Ich hatte bei den vielen jüdischen Organisationen keinen großen Erfolg; sie wollen mich nicht anhören. Ich habe nicht erreicht, ihnen verständlich zu machen, was Israel in ihrem Namen begeht. Wenn ich aber von christlichen , von nicht-jüdischen oder von muslimischen Gruppen eingeladen wurde zu sprechen, wurde ich immer mit viel Zuneigung, Höflichkeit und Freundschaft empfangen.

Silvia Cattori: Ich habe verstanden, dass Ihr großes Anliegen darin besteht, den Menschen mit jüdischer Konfession und den jüdischen Organisationen, die sich nach Israel ausrichten, bewusst zu machen, dass sie in die verkehrte Richtung gehen, wenn sie die Anerkennung der palästinensischen Leiden und das Recht der Palästinenser auf Würde ablehnen.

Hedy Epstein: Wenn sie wirklich, wie sie es sagen, Israel lieben, und wenn sie die Zukunft Israels gewährleisten wollen, müssten sie ihre Augen und ihren Verstand öffnen und sehen, was Israel macht und bis zu welchem Grad es für Israel verhängnisvoll ist, so zu handeln. Wenn die Israelis in Sicherheit leben wollen, müssen sie den Kurs ändern, die Diskriminierungen und die Angriffe gegen das palästinensische Volk einstellen. Dann können die zwei Völker in Frieden und in Harmonie leben. In Wirklichkeit ist das der Wunsch der Mehrheit unter ihnen, aber Israel blockiert mit der Unterstützung der amerikanischen jüdischen Gemeinschaft und der amerikanischen Regierung immer den Weg. Was sie machen ist ein Fehler; es geht in die entgegengesetzte Richtung von dem, was sie erreichen wollen.

Silvia Cattori: Erwarten Sie durch diese Expedition auf dem Meer, an der Sie teilnehmen werden, das Herz der Israelis zu öffnen? Glauben Sie, dass die Mehrheit von ihnen verstehen wird, dass sich etwas ändern muss, dass Brutalität nicht die Lösung ist?

Hedy Epstein: Als ich in Palästina war, bin ich israelischen Soldaten begegnet und ich habe jede Gelegenheit ergriffen, um zu versuchen, mit ihnen zu reden. Ich stellte ihnen Fragen über sich selbst, wer sie waren, was sie gerade machten und weswegen sie es machten. Ich habe versucht zu erreichen, dass sie über sich selbst reden und darüber, was sie empfinden würden, wenn das, was sie anderen antun, einem Mitglied ihrer Familie, Großmutter oder Vater passieren würde. Ich sagte ihnen: Was würden Sie empfinden? Und wenn Sie nicht wollen, dass es Ihnen passiert, tun Sie es keinem anderen an.

Silvia Cattori: Waren sie gelegentlich bereit, Ihnen zuzuhören?

Hedy Epstein: Nur ein Soldat hat mir gesagt: "Ich werde darüber nachdenken". Ob er es machte oder nicht, werde ich nie erfahren. Aber ich werde Ihnen eine amüsante Erfahrung mit einem israelischen Soldaten erzählen. Mehrere unter uns versuchten, sich an einen bestimmten Ort in Palästina zu begeben. Wir waren eine Gruppe, der ich mich angeschlossen hatte, und machten einen Film. Vor unserem Start, morgens, haben wir unsere Rucksäcke im Reisebus abgelegt. Ich sah einen Fußball im Bus und habe gefragt: "Könnte ich den Ball ausleihen?" Man hat mir geantwortet: "Ja, aber was wollen Sie damit machen?" Ich habe erwidert: "Weiß ich nicht", und sie haben mir gesagt: "Nehmen Sie ihn". Ich hatte also diesen Ball in den Händen, als wir auf einen provisorischen Checkpoint trafen. Ein provisorischer Checkpoint besteht eigentlich nur aus ein paar Jeeps, die unverhofft mit Soldaten die Straße versperren und niemanden durchlassen. Wir waren alle Amerikaner und der Soldat sagte uns, dass wir durchgehen können, aber nicht der Tontechniker. Er war Palästinenser und obwohl er einen israelischen Personalausweis hatte, durfte er nicht durchgehen. Wir haben angefangen, für ihn zu betteln und uns für ihn einzusetzen. Der Soldat wiederholte aber nur: "Nein, er kann nicht weiter, der Rest von Ihnen kann weiter, aber er nicht." Damit befanden wir uns in einer Sackgasse, da wir nicht ohne ihn weitergehen wollten. Nun, daraufhin habe ich dem Soldaten den Ball zugeworfen, der ihn mir zurückwarf. Wir haben uns diesen Ball eine kurze Zeit lang zugeworfen und plötzlich hat der Soldat gesagt: "OK, der Tontechniker kann durchgehen." Es war ein glückliches Ende, aber es zeigte uns auch die totale Willkür der Entscheidung.

Silvia Cattori: Sind Sie optimistisch, was die Menschheit betrifft?

Hedy Epstein: Also, ich kann Ihnen sagen, dass ich einen Ball mit nach Gaza nehmen werde. Keinen Fußball, aber einen kleinen Ball.

Silvia Cattori: Sie werden also diesen Sommer auf dem Meer eine Reise mit Ihrem Ball nach Gaza machen. Befürchten Sie nicht, dass die israelische Armee Sie brutal zurückdrängen wird?

Hedy Epstein: Nein. Die Israelis haben mir bereits das Schlimmste angetan, als sie mich im Januar 2004, am Flughafen Ben Gurion, "von innen" untersucht haben. Es war das Schlimmste und sie können mir nichts Schlimmeres antun. Dieses Mal müssen sie 70 Personen durchsuchen.

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler & Anis Hamadeh

Französische Fassung: www.mondialisation.ca/index.php?context=va&aid=5968
Englische Fassung: www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=5962

Fußnoten:
(1) www.hedyepstein.com/ (zurück)
(2) www.freegaza.org (zurück)
(3) www.counterpunch.org/cattori06072007.html www.voltairenet.org/article148842.html (zurück)

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