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SILVIA'S ROOM
Gaza: "Die Leute haben Hunger"
von Silvia Cattori, Gaza, am 9.4.2007

Khaled, ein Familienvater, der keiner politischen Partei nahe steht, spricht hier über die Situation in Gaza, wie sie vom palästinensischen Durchschnittsmenschen wahrgenommen wird. Gaza, diese Enklave, die den Unmenschlichkeiten der Militärblockade und den kollektiven Bestrafungen des israelischen Staates unterliegt.

Silvia Cattori : Hat der Zusammenschluss zwischen Fatah und Hamas von Mekka dazu beigetragen, die Konfrontationsgefahr zwischen den Palästinenser abzuwenden?

Khaled : Das palästinensische Volk fürchtete einen Bürgerkrieg und verlangte in seiner Mehrheit nach einer nationalen Einheitsregierung. Die Zusammenkunft in Mekka ist Palästina durch die internen Spannungen auferlegt worden. Wir denken, dass es heute kein Risiko von Bürgerkrieg mehr gibt.

Silvia Cattori : Gab es vor kurzem nicht Zwischenfälle in Gaza?

Khaled : Es gab Vergeltungsakten zwischen den Familien. Die Fatah-Mitglieder waren in der Vergangenheit der Ursprung der Auseinandersetzungen, die Tote verursacht haben. Es gibt heute Familien, die sich an denen rächen, die in der Ermordung ihrer Familienmitglieder verwickelt waren. Man gibt dieser Rache zu Unrecht eine politische Färbung.

Silvia Cattori : Heißt das, dass die Strategie vom Präsidenten Abou Mazen, von Israel, von der internationalen Gemeinschaft, die darauf abzielt Hamas ins Abseits zu stellen, gescheitert ist?

Khaled : Abou Mazen und seinen Fatah-Freunden ist es nicht gelungen Hamas zu eliminieren. Sie mussten sich mit ihren Projekten, wie der Volksabstimmung und auch den Neuwahlen zurückziehen, die zum Ziel hatten, die Palästinenser zu spalten, denn die Bevölkerung hat sich dem größtenteils widersetzt und keine Fraktion hat sich ihren Machenschaften angeschlossen.

Silvia Cattori : Was für einen Bedeutung hat für Sie das Gipfeltreffen der arabischen Länder in Riad, das am 28. und 29. März eine Erklärung für die Errichtung eines globalen Friedens im Nahen Osten und einer Normalisierung zwischen Israel und den arabischen Ländern, mittels des Rückzuges der israelischen Armee von allen seit 1967 besetzten arabischen Gebieten, angenommen hat. Ein Gipfel, der von den westlichen Medien als "eine letzte Chance für den Frieden" im Nahen Osten vorgestellt wurde?

Khaled : Die Gipfelkonferenz von Riad entsprach der Notwendigkeit, die die USA zu diesem Zeitpunkt hatten: Ihre Misserfolge im Irak vergessen zu lassen und sich auf die Kriegsprojekte gegen den Iran zu konzentrieren. Condolezza Rice wollte glaubhaft machen, dass die Vereinigten Staaten den Frieden nach Palästina bringen wollen, aber die wirkliche Zielsetzung war, die arabischen Länder dazu zu veranlassen, ihre Beziehungen mit Israel zu normalisieren und nicht mehr über das Rückkehrecht der Flüchtlinge zu sprechen. Es ist den USA bewusst, dass Hamas auch nach einem Jahr Boykott Nichts an Popularität verloren hatte und somit die Strategie geändert werden muss, um den Zusammenbruch der Partei von Abou Mazen, die für die Interessen der USA bürgt, zu vermeiden. Die Leute hier wissen, dass die Versprechen von Condolezza Rice und von Israel Täuschungsmanöver sind. Sie sind aber trotzdem mit den Engagements, die ihre Politiker und die arabischen Länder in Mekka und in Riad eingegangen sind, zufrieden: Die internen Spannungen endlich zu beenden und die Blockade, die die Familien erdrosseln, zu brechen.

Silvia Cattori: Man kann schlecht begreifen, wie Hamas es sich vorstellt mit jenen regieren zu können, die offen mit dem Besatzer und den Vereinigten Staaten kollaboriert haben, um Hamas abzusetzen? Sind die Menschen nicht verunsichert?

Khaled : Natürlich gibt es enttäuschte Menschen. Gleichzeitig konnte man ja auch sehen, wer jene waren, die manipuliert haben um unser Volk zum Bürgerkrieg anzutreiben. Hamas war gegenüber dem totalen Boykott der internationalen Gemeinschaft wie gelähmt. Als die Hamas-Mitglieder gewählt worden sind, haben Israel, Fatah, Europa, sie sofort abgelehnt und sie als Terroristen bezeichnet. Das einzige Mittel, um den Boykott zu brechen, bestand für Hamas darin alle Kräfte zu vereinigen. Abou Mazen gehört heute zur nationalen Einheitsregierung. Er kann nicht weiterhin die arabischen und europäischen Staaten auffordern die Regierung zu boykottieren. Die europäischen Länder, wie Norwegen, haben die Blockade gebrochen und haben mit Hamas Gespräche geführt. Wir hoffen, dass wenn Hamas die Kontrolle über die finanzielle Unterstützung hat, sie nicht mehr so, wie in der Vergangenheit, in die Taschen der Fatah-Leute geht.

Silvia Cattori : Indem die Palästinenser zugunsten Hamas' wählten, wollten sie, dass diese Fatah-Leute sich zurückziehen. Hatte Hamas keine andere Wahl, als ihnen in den Sattel zu helfen?

Khaled : Die Hamas-Politiker unterlagen einem Boykott, der unser ganzes Volk benachteiligte. Sie mussten einfach eine andere Art finden, die Interessen der Palästinenser zu verteidigen. Die Situation war so fürchterlich! Die Palästinenser haben Hunger. Das unmittelbare Interesse der Palästinenser besteht darin, Brot zu haben und einen Lohn. Hamas wollte nicht an die Macht. Das Volk hat die Hamas-Bewegung gewählt, weil es wollte, dass Hamas die Kontrolle der finanziellen Unterstützung übernimmt und die Korruption der Fatah-Leute beendet. Jedes Jahr verschwanden Hunderte von Millionen, die für das palästinensische Volk bestimmt waren. Jetzt wo Hamas, obwohl der Kontext schwierig bleibt, im Palästinensischen Gesetzgebenden Rat gegenwärtig ist, kann Hamas eine gewisse Kontrolle ausüben. Wir sind der Überzeugung, dass diese harte Prüfung Hamas verstärkt hat. Die Hamas-Politiker erscheinen endlich, auch in der Weltöffentlichkeit, als pragmatische und weise Menschen; sie sind erfolgreich aus dem Boykott herauszukommen, ohne sich allerdings der Erpressung von Israel zu unterwerfen. Israel fordert, dass man seine Rechte anerkennt, obwohl es nie seinen Verpflichtungen nachgekommen ist, noch unser Recht anerkennt, auf unserer Erde zu existieren. Die Mehrheit der Palästinenser hat die Position von Hamas unterstützt, die die schlimmsten Schwierigkeiten bewältigen konnte.

Silvia Cattori : Sie erscheinen sehr optimistisch. Glauben Sie nicht, dass Israel und seine Verbündeten, auf das Projek, den palästinensischen Widerstand zu beenden, nicht verzichten? Wenn sie beschließen würden neue Unruhen anzustiften, um die Palästinenser zu spalten, könnten sie nicht zu diesem Zweck die finanzierten und geschulten Milizen jederzeit wieder aufleben lassen? Was ist aus den Männern wie Herr Mohammed Dahlan geworden?

Khaled: Diese Typen sind immer noch da, aber sie halten sich ruhig. Sie haben jetzt ein präzises politisches Interesse. Sie sind in der Position eines Partners, sie müssen die Verantwortung für den Erfolg oder das Scheitern der nationalen Einheitsregierung teilen. Wenn sie weiterhin manipulieren würden, um diese Regierung daran zu hindern, zu agieren, würden sie sich dem Volke völlig entblößt zeigen.

Silvia Cattori : Israel erniedrigt, entführt, ermordet jeden Tag im Westjordanland und in Gaza Zivilisten. Die "gezielten Tötungen" setzen sich in Gaza wieder fort. Kein Staat hat protestiert. Hamas wird nie in der Lage sein können, sie zu beschützen, noch die Wirtschaft anzukurbeln, die Israel dank den Vorteilen, die es aus den Oslo-Abkommen ziehen konnte, gänzlich zerstört hat. Seit den Oslo-Abkommen hatte Europa die Aufgabe, die Gehälter der Angestellten der palästinischen Autonomiebehörde zu zahlen. Der französische, belgische Steuerzahler bezahlt. Israel hat Ihr Volk in Not versetzt. Hamas hatte diese Oslo-Logik abgelehnt, die die Palästinenser in einer Situation von Abhängigkeit gegenüber der internationalen Gemeinschaft gestellt hatte, und die Israel von ihrer Verantwortung rehabilitiert. Muss nicht der Besatzer, laut den internationalen Übereinkommen, für die Bedürfnisse der besetzten Bevölkerungen aufkommen?

Khaled : Es ist das fürchterliche Erbe von Oslo, das sowohl die USA, Europa, wie auch die Linken und die Solidaritätsbewegungen uns als eine ehrenvolle Chance für den Frieden verkauft haben. Hamas hat die Wahl gewonnen, weil sie es ablehnt mit Israel zu kollaborieren und hat die Oslo-Abkommen abgelehnt, die so verhängnisvoll für unser Volk sind, und deshalb hat Hamas das Herz der Mehrheit der Palästinenser erobert. Sie haben Recht, wenn sie sagen, dass Israel verantwortlich ist und es unserem Volk, welches es gefangen hält und verhindert, sich weiter zu entwickeln, garantieren müsste, würdig in seinem Land zu existieren. Es ist nicht normal, dass es die europäischen Bürger sind, die unsere Gehälter zahlen müssen.

Silvia Cattori : Am 27. März hat der Bruch eines Abwasserreservoirs einer Kläranlage ein ganzes Dorf im Norden von Gaza unter Wasser gesetzt. Können andere Wasserreservoire noch die Klarwasserbecken und die bewohnten Zonen überschwemmen?

Khaled: Ja, die Leute haben Angst. Sie leben unter der Bedrohung, dass das größte Wasserreservoir von 60.000 Quadratmetern und 13 Metern tiefe, Betlaya überschwemmt. Es reicht aus, dass es ein wenig regnet und das Wasserreservoir, welches nicht sehr stabil ist, könnte explodieren. Es wäre für den Norden von Gaza und für etwa zehn Jahre das Ende von der Landwirtschaft und vom Wasser, das Ende des Lebens.Es gibt keine Pumpstation und keine Abwasserfilterung; das ist zu teuer. Es gab ein Reservoir das in Konstruktion war, aber der Bau ist lahm gelegt, seitdem die USA jede Finanzierung abgeschnitten haben. Gaza ist überbevölkert. Es gibt nicht genug Raum, um eine große Kläranlage zu bauen, wie wir sie brauchen würden.

Nehmt an der Kampagne teil, die von der Labors Saddle Society, einer Arbeitergewerkschaft, eingeleitet wurde: Ein " lebensbringender Filter "kann die Kinder von Gaza retten"

www.palaestina-portal.net/deutsch/palestina/Stimmen_Palaestina/aufruf_wasser_kinder_palaestina.htm

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler

Originalfassung: www.ism-france.org/news/article.php?id=6577&type=temoignage&lesujet=Interviews
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