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SILVIA'S ROOM
Gaza: Waffen für Dahlan
Aussagen eines Palästinensers aus Beit Hanun, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte

Interview von Silvia Cattori, 02.02.2007

"Hier ist die Situation sehr schlecht. Seit die Fatah-Anhänger am Donnerstag den Waffenstillstand gebrochen haben, gibt es schon 30 Tote und 300 Verletzte.

Dank der Beihilfe von Ägypten und Israel nehmen die Waffenlieferungen der USA zu, um damit Fatah zu unterstützen, die Hamas-Anhänger zu bekämpfen, diese Tatsache besorgt uns sehr. Vor einigen Tagen haben beim Kontrollpunkt Kerem Abu Salem, der zwischen Ägypten und Israel liegt, in der Nähe von Rafah, Leute zwölf Lastwagen nach Gaza durchfahren sehen. Am 1. Februar haben Hamas-Militante zwei von diesen Lastwagen angehalten; sie waren mit Waffen und Munition gefüllt und nicht mit Nahrungsmitteln, wie es Fatah behauptet. Die Waffen waren unter Uniformen und Zelten versteckt. Sechs Personen wurden während der Operation getötet und mehrere Dutzend Personen verletzt. Unsere ägyptischen Nachbarn, die behaupten, uns zu helfen, sagen, dass es sich um zivile Unterstützung handelt; sie lassen jedoch Waffen durch, um Dahlan zu helfen, die Hamas-Regierung zu bekämpfen.

Sie haben sich entschieden, mit den "Dreckskerlen" zu kollaborieren, die vor Ort und Stelle alle amerikanischen und israelischen Pläne in die Praxis umsetzen, anstatt dass sie mit der Hamas-Regierung, die nicht korrumpiert ist, zusammenarbeiten. Wir sind Opfer einer Verschwörung, die von den Behörden der Fatah-Partei organisiert wurde. Sie kollaborieren mit den USA und Israel, die ihnen die Waffen liefern und die die Palästinenser gegeneinander aufhetzen wollen.

Danach gab es in Jabaliya Zusammenstöße zwischen Streitkräften der Hamas-Regierung und den Militärgeheimdiensten, die von Abu Mazen und Dahlan geleitet werden. Es gab auf beiden Seiten viele Tote und Verletzte. In der Nacht kam es erneut zu Zusammenstößen. Wenn die Soldaten, die wie für einen Kriegseinsatz bewaffnet sind, aus den Kasernen kommen, provozieren sie die Sicherheitskräfte der Hamas-Regierung und so kommen die bewaffneten Zusammenstöße zustande. Ich habe beobachtet und ich bestätige Ihnen, dass es die Männer sind, die unter dem Befehl von Dahlan stehen, die provozieren.

Seit diesen Zusammenstößen ist der Norden von Gaza unter Kontrolle der Hamas-Sicherheitskräfte. Die Sache mit den Soldaten, die provozierend aus den Kasernen kommen, ist erledigt, aber es ist noch immer ein Risiko, auf die Straße zu gehen, denn es gibt noch immer die Todesschwadronen. Das sind Männer in Zivilkleidung, die von Dahlan bezahlt werden. Sie wohnen im Innern der bevölkerten Viertel. Sie entführen Hamas-Mitglieder, die sie gefangen halten und zur Erpressung oder zum Austausch der von der Hamas-Regierung gefangengenommenen Mitglieder benutzen. Gestern hat Samih al-Madhun 10 Personen entführt, er ist einer von Dahlans Männern. Er foltert diejenigen, die er inhaftiert, mit Bügeleisen und Zigaretten. Sein Haus ist in der Nähe von anderen Häusern, deswegen können die Hamas-Sicherheitskräfte es nicht wagen, die Gefangenen zu befreien, denn das würde zu viele Opfer unter den Anwohnern geben.

In derselben Nacht geschah etwas anderes, das uns ebenfalls Sorgen macht: Die Männer von Dahlan haben die Islamische Universität bombardiert und in Brand gesteckt. Danach haben sie alles geplündert, was noch intakt war. Niemand konnte ihre Angriffe zurückdrängen, denn die unbewaffneten Nachtwächter waren verletzt. Diese Universität konnte nicht von den Hamas-Anhängern beschützt werden, denn sie befindet sich in einer Zone, in der es nur Militärkasernen gibt. Fatah erklärte darauf, dass in der Universität sieben Iraner gewesen seien. Das sieht nach Manipulation aus. Muschir Al-Masri, Sprecher der Hamas, hat erklärt, dass diese Anklage keine Begründung habe. Er wollte wissen, wie die Iraner in das Gefängnis, das Gaza ist, hätten eindringen können, wo alle Grenzen unter Kontrolle von Israel sind und mit all den Polizeibeamten, unter dem Befehlen von Dahlan? Muschir Al-Masri hat die Tatsache bedauert, dass Palästinenser Universitäten und Moscheen zerstören und so weit gehen, das Blut von Palästinensern zu vergießen, um die Hamas-Regierung mit Waffen und Geld der USA zu stürzen. Wir denken, dass für diese Leute, die mit Israel kollaborieren, alle Mittel recht sind, um die verlorene Macht wiederzugewinnen. Sie bestätigen damit die Ansichten von Bush und Israel, nach denen es eine Verbindung zwischen Hamas und den Iranern gibt. Ein Versuch von Manipulation, der dadurch erleichtert wird, dass die Iraner versprochen haben, uns finanziell zu helfen, da unsere verzweifelte Lage der Weltöffentlichkeit gleichgültig ist. Diese Unterstützung hat nie Gaza erreicht.

Sehr viele Leute sind verwirrt. Die Menschen, die außerhalb von Gaza wohnen, können unsere Situation hier besser analysieren, denn wir sind durch Entsetzen und durch Sorgen gelähmt. Das Radio der Fatah sagt, die Hamas-Anhänger seien "alle Verräter" und das Radio vom Hamas sagt, die Fatah-Behörden seien "alle Verräter". In diesem Chaos hier ist es für die Menschen sehr schwierig, den Unterschied zu erkennen zwischen den Aufrichtigen und den Lügnern. Viele Journalisten haben den Druck angeprangert, der von den Fatah-Behörden ihnen gegenüber ausgeübt wird und die Drohungen, um sie daran zu hindern, ihren Beruf auszuüben. Die Reporter, die sich nicht der Propaganda der Fatah beugten, wurden bedroht. Wenn die Leute begreifen würden, was für Pläne die Fatah-Behörden wirklich schmieden, würden sie sie verachten.

Ihr Plan ist glasklar: Mit Provokationen haben sie es erreicht, Hamas erfolgreich zur Konfrontation zu zwingen und zwei feindliche Lager zu schaffen. Wir befürchten, dass es zu einer Situation wie im Irak, in Bagdad, kommen wird. In dieser Tragödie spielen die ägyptischen Behörden eine üble Rolle: Sie tun so, als ob sie eine Waffenruhe aushandeln würden. Im Grunde genommen versuchen sie aber nur Zeit zu gewinnen, um Fatah genug Kriegswaffen liefern zu können, um ein für alle Mal mit der Hamas-Regierung und dem Widerstand Schluss zu machen. Dahlan hat gesagt, dass 12.000 trainierte Soldaten in Ramallah und in Jericho bereit seien. Wenn sie zu den Streitkräften hinzugefügt werden, die schon in Gaza anwesend sind, wird es noch entsetzlicher werden: eine immense Katastrophe."

Originalfassung:
www.palestine-solidarite.org/analyses.Silvia_Cattori.020207.htm

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler & Anis Hamadeh