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SILVIA'S ROOM
Palästina: Der "Kopf der Schlange" ist noch am Leben
Ahmed* berichtet über das Leiden seines Volkes

Ein Interview von Silvia Cattori, 28.01.2007

Silvia Cattori: Entführungen und Ermordungen folgen einander. Wenn Sie nicht von den israelischen Streitkräften niedergemetzelt werdet, drohen Ihnen blutige Konfrontationen zwischen Palästinensern. Wie leben Sie mit dieser Situation in Gaza?

Ahmed: Die Situation ist sehr angespannt. Die Auseinandersetzungen nehmen jeden Tag bei Einbruch der Dunkelheit zu, innerhalb von drei Tagen gab es schon 24 Tote. Die Besorgnis steigt. Wir schauen dem, was sich ereignet, mit Bitterkeit zu. Es scheint, als ob beide Parteien diesen Bruderkrieg nicht mehr stoppen wollen. Wir haben keine Ruhe, wir schlafen nicht mehr, wir hören ständig Radio und morgens sind wir erschöpft. Wir fühlen uns wie auf einem Vulkan. Wir wissen nicht, was in der nächsten Stunde auf uns zu kommt. Es ist wirklich schmerzhaft; ausserdem ist es sehr kalt hier und die Menschen sind dafür zu ärmlich gekleidet.

Silvia Cattori: Wissen Sie, wer der wirkliche Initiator dieser Gewalttaten ist?

Ahmed: Die Personen, die hinter diesem innerpalästinensischen Krieg stehen, kennen wir. Sie hängen alle mit Fatah zusammen - sie werden durch Fatah manipuliert, von den Vereinigten Staaten finanziert und von den Israelis bewaffnet. Wir wissen genau, wer diesen Kriegsplan organisiert hat. Hamas versucht seit mehr als einem Jahr, diese Spannungen zu entschärfen und hat mehrfach zur Einheit aufgerufen. Die Idee eines Bürgerkrieges entsetzt hier jeden Palästinenser. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo es nicht mehr möglich sein wird, ihn zu verhindern. Es ist genau das, was sich gerade ereignet. Premierminister Haniyeh hat uns gesagt, dass es sich um eine kleine Gruppe von Leuten handelt, deren Zielsetzung darin besteht, einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Dafür gibt es Indizien, die nicht täuschen. Es ist zum Beispiel bewiesen worden, dass die Bombe, die letztens explodierte, als ein Jeep vorbeifuhr, der mit einer Patrouille der Hamas-Regierung besetzt war und die einen Toten sowie vier Schwerverletzte, darunter auch Passanten, verursacht hat, mit einem elektrischen Kabel an das Haus eines Fatah-Mitglieds angeschlossen war. Wenn derjenige, der in dem Haus wohnt, erlaubt hat, dieses Kabel an sein Haus anschliessen zu lassen, muss er ein Komplize gewesen sein.

Silvia Cattori: Warum hat es Hamas nicht geschafft, alle zu vereinen?

Ahmed: Ich glaube, dass die Hamas-Regierung alles, was möglich war, unternommen hat, um Einheit zu erlangen und diesen internen Krieg bis jetzt in Schach zu halten. Aber Hamas hat keine effektive Macht. Abu Mazen hat die Kontrolle über die Finanzen und über die Sicherheitskräfte. Er hat versucht, Hamas ins Abseits zu stellen und das Volk zu spalten, indem er zunächst die Organisation eines Referendums und später vorzeitige Neuwahlen ankündigte. Aber jedesmal musste er sich zurückziehen, denn die Palästinenser haben seine Versuche, Hamas als illegitim zu erklären, abgelehnt. Jedesmal, wenn Haniyeh eine Regierung nationaler Einheit ankündigte, hat Abu Mazen sie sabotiert. Abu Mazen will keine Einheit. Er will, dass diese Regierung scheitert. Seine Partei, Fatah, ist nicht an der nationalen Einheit interessiert; Abu Mazen wartet nur auf einen günstigen Zeitpunkt, um die Macht wieder - ohne sie zu teilen - aufzunehmen. Die Palästinenser sind ausgehungert, ohne Geld, alles fehlt ihnen, sie sind zerstört. Die Israelis liefern aber weiterhin Waffen an Abu Mazen, um Hamas zu bekämpfen. Diese Waffen werden von der "präventiven Sicherheit", die unter der Kontrolle von Mohammed Dahlan steht, benutzt und sie dienen dazu, die innerpalästinensischen Spannungen in diesem Machtkampf anzustiften. Dahlan strebt an, wieder an die Macht zu kommen, ohne diese teilen zu müssen, und will Präsident werden. Seitdem Abu Mazen Mohammed Dahlan an die Spitze des Sicherheitsapparats gerufen hat, befindet sich dieser in einer absoluten Machtposition. Er kann beschliessen, seine Landsleute zu verhaften, die Widerstandskämpfer zu entwaffnen, zu verhaften und sie zu foltern. Er lässt Palästinenser bespitzeln, um der israelischen Armee zu helfen, Militante zu verhaften und zu ermorden. Er arbeitet eng mit Israel und der CIA zusammen. Die Vereinigten Staaten und Israel bedienen sich Dahlans, um Hamas zu schwächen. Deshalb will Abu Mazen keine Regierung nationaler Einheit. Er hat alles unternommen, damit diese Einheit unmöglich ist.

Silvia Cattori: Handelt es sich bei Abu Mazen nicht einfach um eine Marionnette in den Händen Israels und der Vereinigten Staaten?

Ahmed: Abu Mazen und seine Fatah-Partei führen sich auf, als ob sie sich im Lager Israels befänden. Wir sind sehr erbittert, wenn wir hören, dass sie von Hamas fordern, die Bedingungen, die von Condoleezza Rice und Olmert diktiert wurden, zu akzeptieren! Er will die Hamas-Regierung zwingen, mit dem Besatzer zusammenzuarbeiten. Mit jeder Erklärung errichtet er neue Hindernisse, um eine Einigung mit Hamas zu verhindern. "Es ist notwendig, dass Hamas die Bedingungen der "Roadmap" akzeptiert und den israelischen Staat anerkennt, wenn Hamas eine Regierung nationaler Einheit bilden will". Wie kann Abu Mazen nur den Besatzer anerkennen, wenn Israel nie das Existenzrecht der Palästinenser auf ihren Territorien anerkannt hat, noch die Bedingungen vom Quartett respektiert?

Silvia Cattori: Der letzte Aufenthalt von Condoleezza Rice hat Ihnen also nichts gebracht?

Ahmed: Der Aufenthalt von Condoleezza Rice hat uns noch mehr Schmerzen bereitet. Sie hat erneut bestätigt, dass die Vereinigten Staaten es ablehnen, mit einer Regierung zu verhandeln, die von Hamas geleitet wird. Denselben Diskurs hat Abu Mazen wiederholt.

Silvia Cattori: Fatah hatte im Dezember 2006 eine grosse Kundgebung organisiert. Hat diese Kundgebung nicht gezeigt, dass diese Partei in Gaza mit zahlreicher Unterstützung rechnen kann?

Ahmed: Die Mehrheit der Demonstranten, von denen Sie sprechen, waren Polizeibeamte in Zivilbekleidung, die mit Reisebussen angefahren worden sind und vom Sicherheitsapparat der Fatah bezahlt wurden.

Silvia Cattori: Elias Sanbar signalisierte, dass die Unterstützung des palästinensischen Volkes für Hamas mit der Tatsache in Verbindung stehe, dass Hamas "nie aufgehört hätte, die Gehälter zu zahlen. Und dass es Unterstützungen von Leuten gegeben hat, die nicht der ideologischen Richtung der Hamas folgen, die aber wussten, dass sie, indem sie sich Hamas anschliessen, ihren Kindern zu essen geben konnten".
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Ahmed: Das ist wirklich lächerlich, wir sehen hier, dass es die Fatah-Anhänger sind, die die Leute kaufen, die Geld und Gehälter verteilen, um sich deren Unterstützung zu gewährleisten. Sie hätten niemanden mehr, der sie unterstützt, wenn sie nicht so handeln würden, denn sie haben sich völlig diskreditiert. Die Partei, mit der Sanbar verbunden ist, kollaboriert mit denen, die von ausserhalb dazu beitragen, uns auszuhungern. Wir sehen hier, dass Hamas allen Familien hilft, die im Elend sind, um sie vor dem Tod zu retten, ohne Unterscheidung.

Silvia Cattori: Ist es wahr, was Elias Sanbar behauptet, dass Hamas "Eindringlinge, externe Staatsgewalten" in die nationale Bewegung eingelassen hätte und dass heute die "nationale Entscheidung nicht mehr in den Händen der palästinensischen Behörden" sei und dass "Premierminister (Haniyeh), wortwörtlich Treuepflicht an Teheran geleistet" habe?

Ahmed: Wir leben hier mit Hunger. Die Hamas-Regierung hat überall Geld gesucht, sie hat niemanden gefunden, der bereit ist, sich der israelischen Blockade zu widersetzen. Weder Araber noch Europäer haben auf die verzweifelten Hilferufe geantwortet. Iran hat 30 Millionen Dollar angeboten, um unser ausgehungertes Volk zu ernähren. Dieses Geld ist nie in Gaza angekommen. Es ist auf Befehl von Israel an der Grenze in Rafah durch Polizeibeamte von Dahlan beschlagnahmt worden.

Silvia Cattori: Der israelische Minister Zavi Bouim hat gerade erklärt, dass die israelische Armee beabsichtigt, in den Gazastreifen einzudringen, um Fatah zu helfen, Hamas zu bekämpfen. Sie sind Opfer von Machtkämpfen und aufgrund der Tatsache, dass jene, die Sie vor dem israelischen Unterdrücker schützen und ihnen helfen sollten, wieder zu ihren Rechten zukommen, den verkehrten Weg gehen.

Ahmed: Wir sind verzweifelt. Angst und Traurigkeit verbreiten sich in allen Häusern. Wir sind weder auf der Strasse noch zu Hause sicher. Der "Kopf der Schlange" treibt sich überall herum, er befindet sich innerhalb unserer eigenen Mauern. So lange der "Kopf der Schlange" am Leben bleibt, werden wir hier nie eine stabile Situation haben.

* Ahmed ist 34 Jahre alt, er wünscht die Anonymität zu behalten. Er beschreibt sich als einen Palästinenser, der keiner Bewegung angehört.

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler & Bernice Staub


Fußnote:
(1) Elias Sanbar war zu Gast bei Radio France Culture am 19. Dezember 2006. Er ist seit 20 Jahren Unesco-Vertreter seines Landes und seit 1988 Mitglied des Palästinensischen Nationalrats. (zurück)
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