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SILVIA'S ROOM
Tzahal oder der Mythos von der "moralischsten Armee der Welt"
von Silvia Cattori, 19.01.2007

In Israel sind die Menschen im Generellen sehr stolz auf ihre Armee. Die israelische Regierung hat sich schon immer bemüht, sie als sauber, nobel und einmalig vorzustellen. Immer wird wiederholt, dass es "die moralischste Armee der Welt" sei.

Tzahal (Israelische Verteidigungskräfte) ist keine Verteidigungsarmee, wie der Name vorgibt, sondern eine offensive, fremdenfeindliche Armee, die für die umfangreichste ethnische Säuberung und die längste Militärbesatzung der Moderne verantwortlich ist.

Tzahal wurde im Mai 1948 unter Beteiligung der Terrororganisationen Haganah, Lehi und Irgun gegründet. Tzahal ist eine offensive Armee im Dienst der rassistischen Ideologie von Groß-Israel. Die ersten Kriegshandlungen und Terrorakte bestanden darin, Massaker zu planen und sie auszuführen, sowie die Zerstörungen von Städten und Dörfern. Diese Anschläge sollten die Palästinenser zur Flucht drängen und zu ihrer Deportation führen, um an Ort und Stelle einen Staat aufzubauen, der "ausschließlich für Juden" reserviert ist. Diese ethnische Säuberung, die Palästina um drei Viertel seiner einheimischen Bevölkerung entleerte und die es von der Weltkarte strich, wird von den Israelis zynisch als Unabhängigkeitskrieg bezeichnet. Ein Kolonialkrieg und eine ethnische Säuberung, die nie aufgehört haben.

Dieser organisierte Terror, der durch Hunderte von rassistischen Gesetzen und Apartheitsmaßnahmen, sogenannte "Abtrennungsmaßnahmen" institutionalisiert wird, die den palästinensischen Alltag regeln und so die Palästinenser unter Vorherrschaft und totaler Kontrolle der israelischen Armee lassen, hat Israel erlaubt, seine "jüdische Überlegenheit" aufzudrängen.

Die israelische Armee hat alle Rechte. So darf sie ihre Truppen, die für den Kampfeinsatz trainiert werden und die konzipiert sind, um modernen Armeen zu trotzen, gegen eine gänzlich hilflose Zivilbevölkerung einsetzen, einschließlich Frauen und Kindern. "Israel hat das Recht, sich zu verteidigen" ist das Leitmotiv der israelischen Behörden, besonders wenn Proteste der Weltöffentlichkeit dieses Recht in Frage stellen. Das Problem liegt darin, dass dieses "Recht sich zu verteidigen", das von Israel erfordert wird, eingleisig und einseitig ist, so wie alles, was sich auf das Projekt der kolonialen Expansion bezieht. In den achtziger Jahren zielten die Soldaten der Tzahal auf die Beine der Kinder, in den neunziger Jahren auf die Arme und seit dem Jahr 2000 auf Brust und Kopf. "Israel hat das Recht, sich zu verteidigen" erwidern feige die "Mächtigen" dieser Welt, wenn der Anblick der abscheulichen Massaker die Bürger zutiefst erschüttert. Die israelische Armee hat, mit anderen Worten, das Recht, Völker ungestraft niederzumetzeln. Aber sogar Kinder begreifen, dass, wenn Israel Bataillone von Soldaten und Panzern mit Kanonen gegen eine Bevölkerung einsetzt, die sich in einer Situation von Unterlegenheit befindet und unfähig ist, auf die Angriffen zu kontern, es sich nicht um ein "Sich-Verteidigen" handelt, sondern offensichtlich darum, diese Araber zu entwürdigen, zu erniedrigen, zu vernichten und denjenigen deutlich zu machen, die trotz der Schwierigkeiten darauf beharren, auf dem Stückchen Land zu verbleiben, welches ihnen übrig bleibt, dass Israel hier der Alleinherrscher ist.

Im Jahr 2006 haben die israelischen Soldaten 742 Palästinensern getötet, (davon 145 Kinder), 3.735 verletzt und 5.671 entführt, davon 360 Kinder. 210 Palästinenser sind durch gezielte Tötungen ermordet worden. Während derselben Periode haben Palästinenser insgesamt 23 Israelis getötet und einen Soldaten entführt.
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Die "Verteidigungspolitik" des israelischen Staates ist reiner "Staatsterrorismus". Wegen seiner Todesschwadronen (Spezialtruppen), die überraschend im prekären, täglichen Leben der palästinensischen Dorfbewohner aufkreuzen und Leichen und Leiden hinterlassen, wegen der Geheimdienste, die terroristische Attentate stiften - die sie darauf den Arabern zuschieben -, wegen der mehr als 600.000 Soldaten und Reservisten, die, wenn sie sich einmal in den besetzten Gebieten befinden, nur noch die Sprache des Todes und der Erniedrigung kennen, (Israelis oder Doppelstaatsangehörige von amerikanischer, französischer, russischer, polnischer, moldavischer Herkunft usw.), ist Tzahal also nicht diese heilige Instanz voller Tugenden, wie sie von den Journalisten, die Israel unterworfen sind, vorgestellt wird, sondern eine barbarische Armee.

Für die von ausländischen Truppen besatzten arabischen Bevölkerungen, ist es eine Erniedrigung, Soldaten zu sehen, die von außen kommen uns ihre Waffen und ihren Hass gegen sie richten. Sie sagen zu hören, dass Palästina ihnen gehöre, dass " Gott ihnen diese Erde gegeben hat". Es gibt einen unterschwelligen Rassismus in Israel, der sich aber offen ausdrückt: Die Mehrheit der Israelis lehnt ab, die arabischen Nachbarn mit Würde und gleichberechtigt zu behandeln.

Die Idee, sich für den israelischen Staat zu opfern, ist tief im Geist der Israelis verankert, die "von klein auf mit dem Zionismus aufgewachsen sind". Es gibt keine israelische Familie, die nicht direkt oder indirekt von der Militärbesatzung profitiert. Mit achtzehn Jahren sind Mädchen und Jungen verpflichtet, drei Jahre Wehrdienst zu leisten (zwei Jahre für die Frauen), danach sind sie jährlich für einen Monat Reservist, bis zum Alter von fünfzig.

Im Film Tzahal von Claude Lanzmann sagen die israelischen Generäle: "Unsere Armee ist sauber. Sie tötet keine Kinder. Wir haben ein Gewissen und Werte und wegen unserer Moral gibt es wenig Opfer". Man stellt hier fest, dass jene, die in Israel blutbefleckte Hände haben, immer als lammfromm dargestellt werden. Die internationale Öffentlichkeit wird somit durch diese Filmmacher, Journalisten und Schriftsteller in der Ignoranz gehalten. Da sie die Realität verfälscht wiedergeben, sind sie an den Kriegsverbrechen mitschuldig.

Wo liegen die maßgebenden "moralischen Werte", wenn man kurzerhand in Araber verkleidete Soldaten ausschickt, um ohne Verhandlung unbewaffnete Palästinenser umzubringen und von Frauen und Kindern bewohnte Häuser durch Kampfflugzeuge bombardieren lässt? Was sich wirklich vor Ort und Stelle abspielt, widerspricht leider den Aussagen der Generäle, denen Claude Lanzmann das Wort gegeben hat.

Israel verletzt alle internationalen Gesetze. Folter ist legalisiert, so wie Geiselnahmen von Familien, von der ein Mitglied gesucht wird, kollektive Bestrafungen, Verhaftungen und außergerichtliche Vollstreckungen, Landbeschlagnahmungen, Kontrolle über 80% der arabischen Wasservorräte, Abriegelungen der Städte und der Dörfer, die das Reisen unmöglich machen und Millionen von Palästinensern gefangen halten. Die Liste ist unvollständig.

Das tägliche Leben der Palästinenser ist schon immer durch Ermordungen, Zerstörungen und Entführungen geprägt worden, die von diesen Truppen verübt werden, die zu jeder Tages- und Nachtzeit in Wohnungen eindringen, sich auf gewalttätige, hemmungslose Art und Weise benehmen, alles zerschlagen und den Leuten Schrecken einjagen. Familienmitglieder werden in Anwesenheit ihrer Kinder gedemütigt, die Männer werden entführt. Ermordungen, Zerstörungen und Entführungen nehmen zu und werden seit dem Jahr 2000 immer grausamer. Damals hörte man zum ersten Mal von den Israelis, die man "Refusniks " nennt. Sie lehnten es ab, in Palästina zu dienen. Durch die Verweigerung entstand eine Hoffnung für den Frieden.

Die israelische Armee fiel im Juli 2006 erneut in den Libanon ein. Zu der Zeit habe ich ehemalige Soldaten getroffen, die dafür bekannt waren, das Manifest "Mut zur Verweigerung" unterzeichnet zu haben. Nur etwa 600 Israelis unterzeichneten dieses Manifest in vier Jahren. Während sich Israel erneut in einen unmenschlichen, aus dem Gleichgewicht bringenden, illegalen Krieg engagierte, der den Tod von Hunderten von Libanesen zur Folge hatte, war es erstaunlich festzustellen, dass diese Refusniks - deren Verweigerung des Militärdiensts viele Menschen im Ausland zum Träumen gebrachte hatte - sich für diesen entsetzlichen Krieg aussprachen, der von Israel eingeleitet wurde. Die Antworten von Elad, 32 Jahre alt, Physiker, der den " Anarchisten gegen die Mauer"2 nahesteht, zeugen davon. Er wartete zu diesem Zeitpunkt mit einem europäischen Stipendium in der Tasche darauf, zum europäischen Hochschulzentrum in Ungarn zu gehen.

- Sind Sie immer noch Mitglied der Bewegung " Refusniks"?

- Ich habe den Aufruf "Mut zur Verweigerung" unterzeichnet, aber ich gehöre ihnen nicht mehr an. Ihre Mitglieder sind Zionisten.

- Kann man Refusnik und Zionist sein ?

- Natürlich! Was bedeutet der Begriff Zionist für Sie? Man kann Zionist und gegen die Besatzung sein. Zionismus hat verschiedene Bedeutungen. Für die Palästinenser bedeutet Zionismus, dass man ihr Land brutal behandelt. Jeder Israeli, der die Besatzung unterstützt, ist für sie also ein Zionist, eine schlechte Person. Aber in Israel bedeutet der Begriff Zionismus etwas Gutes, er hat eine positive Bedeutung. Einer alten Dame über die Straße zu helfen wird zum Beispiel als eine zionistische Geste bezeichnet. In der allgemeinen öffentlichen Meinung bedeutet Zionismus, dass Israel ein jüdischer Staat sein muss. Viele Leute, die der Bewegung " Mut zur Verweigerung " angehören, bezeichnen sich als Zionist. Ich bin kein Zionist. Meiner Meinung nach, ist das jüdische Staatskonzept kein gerechtes Konzept: Ich denke, dass es auf einem tiefliegenden Level Rassismus impliziert.

- Was spüren Sie heute, wo Ihr Land erneut einen Krieg gegen den Libanon eingeleitet hat und Ihre Brüder dort Städte und Dörfer dem Erdboden gleichmachen?

- Ich denke, der Libanon muss endlich entscheiden, ob er ein Staat sein will oder nicht. Es gibt zwei Armeen im Libanon, eine kleine demokratische Armee, die aber ineffizient ist und die keine Souveränität ausübt und dann die Armee der Hisbollah, die laut allen Kriterien eine gute Armee ist, die aber nicht den Erwartungen des libanesischen Volks entspricht, da sie im Namen von Nasrallah handelt, von Syrien und dem Iran. Es handelt sich um Kriegstruppen. Der Krieg ist ein guter Deal für die Hisbollah und deshalb wollen sie den Krieg. Ich denke nicht, dass das libanesische Volk die Kosten dafür tragen sollte. Ich habe aber auch gelesen, dass Israel Hunderte von Personen in wenigen Tagen getötet hat. Entsetzlich, moralisch gibt es dafür keine Entschuldigung. Das ist keine strategische Zielsetzung, denn sie haben nur den Libanon zerstört. Ich glaube, dass die Hisbollah es so wollte und dass sie davon profitiert hat.

An dieser Stelle war ich sehr erstaunt über die oberflächliche Propaganda. Der Mann, der mir gegenüberstand und den ich treffen wollte, da ich dachte, er würde anders denken als der israelische Generalstab und die meisten seiner Landsleute, distanzierte sich nicht von ihren Ansichten.

- In Bilin unterstützen Sie die Palästinenser, die von der israelischen Armee bekämpft werden und im Libanon unterstützen Sie die israelische Armee? Ist das nicht widersprüchlich?

- Ja, aber es ist nun mal so. Wenn ich mir die Sache gründlich überlege, widersetze ich mich dem, was die Armee unternimmt, in der Hoffnung, ein besseres Leben führen zu können; ich mache es nicht für die Palästinenser, sondern für mich selbst.

- Haben Sie, als Sie in den neunziger Jahren im Libanon waren, Libanesen getötet?

- Als ich den Militärdienst angefangen habe, war ich 18 Jahre alt. Nach einem Jahr Training in Israel, zwischen 1995 und 1996, wurde ich in den Südlibanon geschickt und bin im Alter von 21 Jahren zurückgekommen. Ich habe mehr Schläge eingesteckt als ich selber verteilt habe. Freunde wurden getötet. Es war Krieg.

- 1996 haben Sie in Kana gekämpft, möchten Sie darüber sprechen?

- Ja, ich war während der Operation "Früchte des Zorns" in Kana. Was Israel damals gemacht hat, war sehr brutal, aber weniger brutal als das, was sie heute machen. Es war damals wie heute die gleiche Zielsetzung, die von der israelischen Armee verfolgt wurde: Hisbollah zu besiegen und Druck auf die libanesische Regierung auszuüben, damit sie die Hisbollah zum Schweigen bringt.

- Ihr Bataillon hat geschossen, obwohl es wusste, dass es dort unbewaffnete Zivilisten gab?

- Sie haben auf den Mörser gezielt. Die Bombe ist nicht abgefeuert worden, um Menschen zu töten. Hisbollah hatte nach einer Woche Kampf seinen Mörser in der Nähe des Flüchtlingslagers installiert, um auf die israelische Stellung zu zielen. Sie dachten, die israelische Armee würde nicht angreifen. Die israelischen Streitkräfte sind von der Hisbollah beschossen worden und es wurde daraufhin verlangt, die Stellung der Hisbollah anzugreifen. Eine der Bomben ist auf das unter dem Schutz der UNO stehende Flüchtlingslager gefallen.

- Wie können Sie sagen: "Sie haben auf den Mörser gezielt", wenn es mindestens 130 getötete palästinensische Flüchtlinge gab und Hunderte von Verletzten. Ein gewaltiges Blutbad! Es waren Frauen und Kinder und keine Soldaten der Hisbollah.

- Das Ziel war der Mörser.

- Wie kann man auf den Mörser schießen, um ihn zum Schweigen zu bringen, wenn man weiß, dass dadurch Frauen und Kinder getötet werden können?

- Das Kampfziel war der Mörser.

Man spürt keine Emotion, keine Veränderung in der Stimme. Keine persönlichen Mitteilungen, nur auswendiggelernte, kurze, wirklichkeitsfremde Antworten. Handelt es sich, wie bei allen Soldaten, die zur Front geschickt werden, um Zivilisten zu massakrieren, darum, nie einen Mord zu gestehen, nie die Tatsache zu akzeptieren, dass jede Militäroperation eine kollektive Verantwortung in sich trägt, oder nie seine Kameraden zu beschuldigen?

- Sie scheinen diese Handlung nicht zu verurteilen?

- Ich gebe nicht dem Soldaten die Schuld, der auf den Mörser gezielt hat. Er hatte eine Liste mit Nummern erhalten, die er in den Rechner eingegeben hat und er zielte. Ich gebe die Schuld der israelische Regierung, die weder in den Libanon eindringen noch solche Militäroperationen führen oder die Zivilbevölkerung benutzen sollte, um politische Ziele zu erreichen.

- Haben Sie die Armee zu diesem Zeitpunkt verlassen?

- Es waren nur noch vier Monate bis zu meinem Dienstende, als ich gesagt habe, dass ich nicht mehr weitermachen will.

- Und heute sind Sie mit Ihrer Regierung einverstanden, die Frauen und Kinder massakriert?

- Damals kämpfte die Hisbollah gegen die Besatzung durch unsere Truppen. Heute ist es anders. Was die Hisbollah macht, ist nicht legitim.

- Im Moment, wo wir miteinander reden, besetzt und bombardiert die israelische Armee die Orte, an denen Sie damals gekämpft haben. Was empfinden Sie dabei?

- Ja, ich kenne diese Orte sehr gut. Ich war im Dorf Marjaron, wo gestern eine große Schlacht stattfand und in Benjel, wo derzeit gekämpft wird.

- Sie haben damals das Manifest "Mut zur Verweigerung" unterzeichnet, scheinen aber heute mit dem Angriff der israelischen Armee auf den Libanon gänzlich einverstanden zu sein?

- Ich möchte nicht in den Libanon geschickt werden. Der Krieg hätte nicht angefangen, wenn die Hisbollah nicht die Soldaten entführt hätte. Ich denke, dass die Hisbollah den Krieg wollte. Das Ziel besteht darin, Zivilisten zu töten. Israel hätte den Krieg nicht begonnen, wenn die Hisbollah nicht die Soldaten entführt hätte...

- Nach unseren Informationen befanden sich die israelischen Soldaten, die durch Streitkräfte der Hisbollah entführt wurden, innerhalb des Libanon.

- Das ist meines Wissens nicht so. Es steht fest, dass sie in Israel entführt worden sind.

- Israel ist wegen drei gefangener Soldaten in den Libanon eingedrungen und hat Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Weist das nicht darauf hin, dass Israel einen Plan hatte, in den Krieg zu ziehen, und nur auf die Gelegenheit gewartet hat?

- Natürlich hat Israel Pläne. Jede Armee hat Pläne. Was sich jetzt abspielt, ist natürlich mehr als die Entführung von zwei Soldaten rechtfertigen kann. Die Entscheidung, in den Libanon einzudringen basierte auf der Tatsache, dass, falls Hisbollah einen Vorwand liefern würde, Israel diese Gelegenheit als Auslöser nehmen würde, um die Spielregeln im Libanon zu verändern. Die Gewalt der israelischen Reaktion hat verschiedene Gründe. Ein Grund ist: Israel hat verstanden, dass, wenn es im Libanon eingreift, seine Kriegshandlungen sehr hart und wirksam sein müssen. Man kann die Situation mit zwei Armeen im Libanon so nicht zulassen. Wer regiert? Die Hisbollah oder die libanesische Regierung? Israel gibt dem Libanon durch seine Militärintervention zu verstehen, dass die Situation für Israel unerträglich ist und der Libanon kein souveräner Staat. Im Libanon gibt es zwei Armeen und die eine macht, was sie will, obwohl es keine israelische Besatzung im Libanon mehr gibt.

- Ich war kürzlich im Libanon. Israel verletzte Tag und Nacht den Luftraum und die Sheeba-Farmen werden nach libanesischer Meinung immer noch als besetzt bezeichnet.

- Sheeba sind einige hundert Quadratkilometer und nur ein Vorwand für Hisbollah, um weiterzukämpfen. Der Krieg ist ein guter Deal für Hisbollah.

- Aber sind Sie nicht der Meinung, dass der bewaffnete Arm der Hisbollah Libanon gegen die israelischen Angriffe verteidigt und somit einen Widerstandskampf führt? Hält nicht das gesamte Volk seinem Aggressor stand?

- Was für ein Widerstand?

- Das libanesische Volk scheint sich einig darin zu sein, die Kräfte zu unterstützen, die einen Widerstandskampf führen.

- Widerstand wogegen?

- Haben die Libanesen, die massakriert werden, kein Recht sich zu verteidigen? Gut, Sie unterstützen die Bewegung der " Anarchisten gegen die Mauer", die jeden Freitag in Bil'in gegen die israelische Armee demonstriert. Die Hisbollah leistet Widerstand im Libanon, wie die Palästinenser in Bilin. Ist es nicht derselbe Kampf?

- Man muss Bil'in unterstützen, ja natürlich. Was sich im Libanon abspielt und was sich in den "besetzten Gebieten" abspielt, hat nichts miteinander zu tun.

Kein Wort nennt die Realität beim Namen: Palästina, Palästinenser. Er bleibt in der Abstraktion. Kein "wir", keine Anerkennung der Verantwortungen.

Elads Antworten warfen neue Fragen auf. Waren die Refusniks nicht nur ein Faktor, um das Gleichgewicht wieder herzustellen, als damals die Grausamkeiten der Tzahal zu nahe daran waren, der Weltöffentlichkeit die Augen zu öffnen? Waren sie nicht nur Marketing oder eine Modeerscheinung? Sie sind damals als "ein Licht für Hoffnung und Mut" von denen vorgestellt worden, die im Friedenslager Illusionen fördern? Haben sie nicht den Platz gestohlen, der dem Widerstand zusteht? Der Platz derer, die Israel "Terroristen" nennt, und die seine F-15-Kampfflugzeuge mit Raketen ausmerzen, unter Missachtung aller internationalen Gesetze? Ein Aktivist für Gerechtigkeit in Palästina gibt uns hier seine Antwort.

"Die Refusniks sind in Israel eine sehr marginale Bewegung geblieben. Man hat sie hochgespielt, was nichts mit der Realität zu tun hat. Sie sind aus verschiedenen Gruppen zusammengesetzt und sich einig in der Verweigerung vom Militär- und Reservedienst in den "besetzten palästinensischen Gebieten". Ihre Beweggründe sind moralisch und politisch. Im ersten Satz des Gründungsmanifests der Bewegung "Mut zur Verweigerung" heißt es: "Wir, Offiziere der Reserve und kampferfahrene Soldaten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die mit den Prinzipien des Zionismus aufgewachsen sind, mit Opferbereitschaft und Hingabe für die israelische Bevölkerung und dem Staat Israel..." Es ist also nicht erstaunlich, dass die Refusniks den Krieg gegen Libanon gebilligt haben. Denn dort "verteidigen und verstärken sie den Staat Israel! Ihre Stellungnahme ausschließlich zu "Palästina in den Grenzen von 67" erklärt, warum die Refusniks von einer bedeutenden Förderung seitens der Solidaritätsbewegungen in Europa profitiert haben. Letztere haben sie benutzt, um ihre politische Linie und die des Friedenslagers im Allgemeinen zu verteidigen, die lediglich erklären: "Das Problem ist die Besatzung seit 1967" und es reiche aus, sich hinter die Grüne Linie zurückzuziehen".

Die Ereignisse von vor 1967 zu streichen hieße aber, Israels Existenz als ausschließlich jüdischem Staat auf 80% des historischen Bodens Palästinas auf ewig anzuerkennen. Die Frage des Rückkehrrechts der Flüchtlinge fällt damit heraus. In einer Lage, in der alles illegal ist, ist die Versuchung, sich Zweideutigkeiten und dem Abstreiten ethnischer Säuberungen hinzugeben, ein Fluchtweg, der menschlich verständlich ist. Trotzdem sollte kein Israeli aus den Augen verlieren, dass er mit dem Fuß auf dem Blut von Palästinensern steht und dass Israel sich nicht als "exklusiver jüdischer Staat" durch Brutalität und Macht aufdrängen kann. Indem man auf diesem geraubten Boden lebt, der Israel zwingt, Kriege ohne Ende zu führen, kann man nur das Leiden der Palästinenser verlängern. Die UNO-Resolution 194 gesteht den palästinensischen Flüchtlingen das Recht auf Rückkehr in ihr Land zu, auch wenn Israel dies de facto nie anerkannt hat.

Die ghettoisierten, palästinensischen Flüchtlinge, die Israel ausgeschlossen hat, warten nur auf eins: dass man ihnen zurückgibt, was man ihnen genommen hat. Für sie ist jeder Israeli, der in diesem Staat lebt und auf seinem Boden gebaut hat, ein Siedler, der die Prinzipien der Gerechtigkeit und der Menschenrechte verletzt.

Es bleibt nur eines übrig: die Palästinenser sofort dorthin zurückkehren zu lassen, von wo sie vertrieben wurden - sowie die Syrier, die von den Golanhöhen ausgewiesen wurden. Und endlich damit aufzuhören, diejenigen des "Antisemitismus" zu bezichtigen, die Israel auffordern, begangenes Unrecht anzuerkennen.

Israel in einen Staat zu verwandeln, der den palästinensischen Flüchtlingen das Recht zugesteht, zurückzukehren, der akzeptiert, die Palästinenser in einem Staat gleichwertig zu behandeln, ungeachtet ihrer Religion, was keineswegs "die Vernichtung von Israel" bedeutet, noch "die Juden ins Meer zu werfen", wie man es manchmal hört, sondern das Ende einer Staatsform, die religiöse und ethnische Diskriminierung praktiziert.

Das Friedenslager3 und das Kriegslager sind nicht so weit auseinander. "Das Problem in Israel ist, dass es zwischen Peace Now und Avigdor Lieberman entgegen allen Behauptungen keinen so großen ideologischen Unterschied gibt. Es ist eine taktische Fragestellung, um herauszufinden, wie man am besten einen jüdischen Staat, mit einer starken demografischen Mehrheit sichern kann; wenn schon nicht exklusiv, dann doch so gut wie möglich", bedauert der israelische Historiker Ilan Pappe.4

Militärdienstverweigerung in den "besetzten palästinensischen Gebieten" - der Begriff "Gebiete" ist ebenso zweideutig wie inakzeptabel. Indem man sich das Recht nimmt, auf diesem geraubten Boden zu bleiben, der Israel zwingen wird, den Krieg gegen die Araber über Jahrhunderte weiterzuführen, ist keine moralisch oder menschlich annehmbare Position.

Ist es normal, wenn Leuten genehmigt wird, sich in Tel-Aviv, in Jerusalem oder in Haifa niederzulassen - und de facto berechtigt zu sein, die israelische Staatsangehörigkeit zu erhalten, weil man jüdischer Konfession ist? Sich für immer in Häusern zu etablieren, deren Eigentümer brutal enteignet worden sind und die kein Recht auf Rückkehr haben, die in elenden Ghettos im Westjordanland, in Syrien, in Libanon, in Gaza verkommen? Gewiss nicht! Aber in Israel ist nichts normal.

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler & Anis Hamadeh

Französisches Original: www.palestine-solidarite.org:80/analyses.Silvia_Cattori.190107.htm


Fußnoten:
1: www.ism-suisse.org/news/article.php?id=6027&type=communique&lesujet=Rapports - Von September 2000 bis Ende 2006 wurden 5.150 Palästinenser von den israelischen Kräften und den Siedlern getötet, davon 1.151 Kinder. Die Anzahl der israelischen Angriffe seit dem Gipfel von Scharm-El-Sheikh im Februar 2005 belaufen sich auf 70.079. (zurück)
2: "Anarchisten gegen die Mauer" ist eine israelische Gruppe, die einige Dutzend junge Aktivisten zählt, darunter der wunderbare Yonatan Pollack, 25, der Gründer. Jeden Freitag nehmen sie zusammen mit der palästinensischen ISM (International Solidarity Movement) und internationalen Aktivisten an der Demonstration gegen den Bau der Mauer teil, besonders in Bil'in. Sie werden sehr von den palästinensischen Dorfbewohnern geschätzt, die sie alle kennen. Sie organisieren friedliche Widerstandsproteste, gemeinsam mit Palästinensern und sie werden, wie die Palästinenser, von den israelischen Soldaten brutal behandelt. Genauso wie die kleine Aktivistengruppe Ta'ayush. (zurück)
3: Das Friedenslager setzt sich vor allem zusammen aus: Gush Shalom (gegründet im Jahre 1993 von Uri Avnery), Frauen in Schwarz, Bat Shalom (Ausschuss gegen die Häuserzerstörung), Physicians for Human Rights. Dieses Friedenslager zählt nur einige hundert aktive Mitglieder, aber außerhalb Israels verfügt es über eine breite politische und finanzielle Hilfe vonseiten jüdischer Organisationen und pro-palästinensischen Vereinen. In Frankreich erhält es besondere Unterstützung von der Association Franšaise Palestine SolidaritÚ (AFPS) und von der Union Juive Franšaise pour la Paix (UJFP), von dem das Friedenslager die politische Linie ableitet: die zwei Staaten-Lösung ("jeder für sich") und die Anerkennung, dass die Rückkehr der Flüchtlinge ein Recht ist, allerdings eines, das "nicht mehr anwendbar ist". (zurück)
4: http://electronicintifada.net/v2/article6206.shtml (zurück)
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