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SABINE SCHIFFERS ROOM
Inhalt dieser Seite:
- "Böse sind immer die Anderen", 11/2004
- "High Noon - Die USA und ihr WildWest-Mythos", 10/2004
- "Antisemitismus. Zur Bestimmung eines diffusen Begriffs", ca. 12/2002
- "Der Indianer als Fanatiker. Erneuter Anschlag in Texas ließ die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des WildWest-Konflikts sinken. Essay / Ein fiktiver Zeitungsbericht", 05/2002
- "Der Indianer als Terrorist. Essay", 04/2002

Böse sind immer die Anderen
von Sabine Schiffer, November 2004

Während noch vor Gefahren durch eine islamische Parallelgesellschaft gewarnt wird, verüben Nichtmuslime bereits einen Anschlag gegen eine Moschee im Baden-Württembergischen Sinsheim. Hoffen wir, dass dies nicht der Auftakt zu weiteren Eskalationen ist, denn Holland hat gezeigt, ein Spinner reicht aus, um die jeweils definierten Gruppen aufeinander loszuhetzen - und das braucht uns nicht wundern angesichts jahrelanger eskalierender Berichterstattung, die von gegenseitigen Schuldzuweisungen überzeugt ist und niemals etwa das gemeinsame Anliegen der meisten Menschen in den Vordergrund der Öffentlichmachungen stellte. Fehlten dazu die politischen Vorgaben, oder hat man diese überhört? Wohl beides.

Hier und jetzt wirkt die allgemeine Stimmung, die das Allensbacher Institut ebenso ermittelt hat, wie man sie aus dem überwiegenden Teil der Berichterstattung herauslesen kann: ähnlich wie in den 90er Jahren in Rostock, Solingen und Mölln führen wenige das aus, was alle denken. Und die Debatte nach der bedauerlichen Eskalation in den Niederlanden hat hierfür wieder gute Vorlagen geliefert, weil sie einseitig auf die muslimische Seite als Problemfaktor verwies statt auf das komplexe und äußerst ungünstige Wechselspiel zu fokussieren, in dem wir uns seit Jahren weiter auseinander als aufeinander zu bewegen.

Weder Verschweigen und "Kuscheln" können hier die Lösung sein, um weitere Eskalation und Polarisierung zu vermeiden, aber ebensowenig einseitige Anschuldigungen, Forderungen und Kriegserklärungen. Wir müssen die Probleme offen angehen und zwar alle Faktoren - d.h. diejenigen, die nach einem leicht zu isolierenden einzigen Faktor suchen, müssen wir von vornherein enttäuschen. So aber von unseren Politikern vorschnell zu hören und von den Medien wie immer schnell und unkritisch verbreitet: Hasspredigtverbot hier, Deutschkurs dort, kleiner bis großer Lauschangriff inklusive - und viele dieser kleinen Fetzen mehr, die sich nicht nur durch Konzeptlosigkeit und mangelnde psychologische Kenntnis, sondern vor allem dadurch auszeichnen, dass es Forderungen sind.

Interessant in diesem Zusammenhang, dass darunter auch einige Forderungen sind, die muslimische Organisationen immer wieder einmal stellten - etwa die Ausbildung von Imamen in Deutschland, oder die polizeiliche Verfolgung bestimmter Gruppen, die man wegen dem Recht auf freie Meinungsäußerung aber behördlich nicht belangen konnte. Hier wird nicht beklagt, dass man die kooperativen Muslime nicht unterstützt hat, sondern, dass die Muslime sich nicht noch mehr gewehrt haben gegen solche Strömungen. Dies belegt genau das Dilemma in dem wir uns befinden: Forderungen werden von der Mehrheitsgesellschaft an die Muslime gestellt - nur diese eine Diskursrichtung ist legitim und wird gehört. Nicht der Inhalt der Forderungen ist darum problematisch, sondern die hier deutlich werdende Einteilung der Gesellschaft in Muslime und Nichtmuslime, anstatt das gemeinsame Anliegen eines friedlichen und respektvollen Zusammenlebens und der Ausgrenzung von Radikalen welcher Art auch immer zu fördern und fordern. Dies hätte man zeigen und unterstützen können durch eine frühzeitige Kooperation, die auch dazu hätte beitragen können, dass man sich klar über sein eigenes Sein und Wollen wird. Hoffen wir, dass es den Muslimen nicht auch passiert, dass sie uns Nichtmuslime alle als gleich und homogenen Block gegen sich empfinden, so wie es umgekehrt zunehmend passiert. Hier haben Politik und Medien eine besondere Verantwortung.


High Noon - Die USA und ihr WildWest-Mythos
von Sabine Schiffer, Oktober 2004

Alle wissen es: um exakt 12 Uhr läuft es aus - das Ultimatum. Alle wissen es und haben Angst, denn Unheilvolles liegt in der Luft. Stellen wird sich aber nur einer. Er ist edel, selbstlos, im Recht. Er wird die Schlacht schlagen stellvertretend für alle anderen, die ihn gerade eigentlich im Stich lassen - aber, was ein wahrer Held ist... Ein Uneigennütziger, Furchtloser, ein Mann. Der einsame Held wird angegriffen werden, das wissen wir als Zuschauer eines der berühmtesten Western nun inzwischen auch schon. Und er wird sich verteidigen gegen den virtuellen Angreifer - mit Colt oder Gewehr und auf jeden Fall tödlich. Für ihn ist die Wahl einfach: der Andere oder ich. Wie würden Sie entscheiden?

So einsam steht sie da, die USA - zumindest in ihrem Selbstbild. Und ihre Führung hätte kaum den us-amerikanischen Mythen zuwider handeln oder auch kaum einen geeigneteren ausnutzen können - von den immer Wiederkehrenden, die in unzähligen Western und Spielfilmen jahraus jahrein über die Bildschirme flackern. Der Kämpfer für die gerechte Sache ist ein einsamer Held. Darum schreckt es ihn auch nicht, wenn alle einst Verbündeten auskneifen und nicht mit machen. Das kann nicht etwa ein Hinweis auf Fehlleitung sein, denn schließlich sind alle froh, dass die Sache erledigt ist - und bleiben gute Freunde, oder machen gar beim nächsten Mal wieder mit. Das bedeutet, dass es richtig ist, gegen alle Einwände zu handeln, denn die Sache ist ja in jedem Fall eine gerechte, weil die eigene.

Nun lernen wir ja gerade, dass ein Präventivschlag eine Verteidigung ist, wie überhaupt Angriff die beste Verteidigung darstellt. Auch scheint sich das Völkerrecht als zu träge erwiesen zu haben, geht man doch heute vermehrt zu Vorabtötungen von Verdächtigen über - den Nazi-Terminus "Liquidierung" möchte ich hier vermeiden -, um sich die Mühen von Verhaftung, Verwahrung und gar noch Gerichtsverhandlung zu ersparen. Ganz so wie im Film, wo Zögern nur das eigene Leben kosten konnte - obwohl noch so viel Zeit bis 12 Uhr mittags war. Aber niemand fragt nach den Hintergründen und gar nach Alternativen - wäre ja auch unspannend.

So oft wiederholt, fällt es einem schwer, sich noch einen anderen - freilich unspektakulären, da eher üblichen - Ausgang vorstellen zu können. Etwa ein schriftliches Verhandlungsangebot, ein Gerichtsverfahren, oder im besten Falle auch nur ein Gespräch. Statt dessen, wortloses, schnelles, effektives Töten als einzige Lösung? Damit sollten wir uns heute nicht mehr zufrieden geben. Aber angesichts der zweiten Generation, die nun schon vor dem Fernseher erzogen wird, sinken meine Hoffnungen massiv. Und das US-Medienvorbild ereilt uns nun schon lange hier im westlichsten Osten.

Die Mythen dort wie überall sind geprägt von den tradierten Erfahrungen. Unzivilisierte und gewalttätige Wilde mussten zum besseren Menschen bekehrt werden, nachdem man die Uneinsichtigen aus dem Weg geräumt hat - entsprechend der Weltsicht des Kolonialismus allgemein. Heute würden die Indianer wohl schlichtweg Terroristen genannt werden, verübten sie doch im Rahmen ihres Widerstands schreckliche Massaker. Aber der Begriff "Wilde" reichte schon aus, um sie zu entmenschlichen und die eigene Landnahme als legitim erscheinen zu lassen - zur Erinnerung blieben große Gehege, die man Reservate nennt.

Heute sind die wilden Terroristen vor allem dort zu finden, wo Einmischung gerade opportun erscheint - natürlich nur zur Verbesserung von Mensch und Situation: in Afghanistan, Irak, und bald auch im Iran? Wäre ja auch zu blöd, wenn sich etwa die derzeitige Entwicklung im Iran fortsetzt und ein wirklich demokratisches islamisches Land entstünde, wie es etliche Beobachter voraussagen. Auch das wäre eine reale Bedrohung für eine Politik, die die eigene Überlegenheit einfach voraussetzt - als einzige Demokratie, die weder Monarchien noch Diktaturen als Vorläufer nötig hatte.

Es ist allerknappest vor 12 und ich wünsche mir keine einsamen Helden mehr, sondern Menschen, die an Konfliktlösungen interessiert sind.


Wahlkampfthema Türkei
von Sabine Schiffer, Frühjahr 2004

Journalisten können - zumeist ungewollt - verbale Brandsätze zünden, aber eben auch Politiker. So jüngst Angela Merkel mit ihrem Konzept der "privilegierten EU-Partnerschaft" für die Türkei. Nun wird der Türkei bzw. deren Regierung schon lange und von vielen Seiten unterstellt, dass sie sich nur taktisch an den EU-Forderungen orientiere. Das Misstrauen ihr gegenüber hat mit dem Misstrauen zu tun, dass man der so genannten islamischen Welt insgesamt entgegen bringt und für das es ja genügend vermeintlich rechtfertigende Anzeichen gibt. Ist da nicht die kopftuchtragende Frau des Regierungschefs und die Verschworenheit einer vermeintlich homogenen islamischen Gemeinschaft, die man spätestens seit dem 11. September 2001 auszumachen meint? Würde sie doch das Kopftuch abnehmen, Fr. Erdogan - ja, dann würde man ihr nur noch geschicktere Verstellung unterstellen. Denn so funktioniert der Automatismus von Misstrauen und Bestätigungskonstruktion.

Die Frage stellt sich natürlich, ob die Türkei als Wahlkampfthema überhaupt Sinn macht, denn ist die bundesdeutsche Regierung in ihrem Reformwahn nicht sowieso schon auf dem absteigenden Ast? Wir werden sehen, wie sehr sich dieses Thema durchsetzt, denn es ist ein polarisierendes, das in einer dual denkenden Gesellschaft den Wahlsieg vielleicht herbei zwingt. Sind nicht genügend Ängste in Bezug auf einen EU-Beitritt der Türkei vorhanden, die man hier geschickt ausschöpfen kann? Und sind diese Ängste nicht berechtigt? Ist es nicht plausibel, dass eine solche Mitgliedschaft "den internationalen Terrorismus" in die EU bringt? So plausibel dieses Argument erscheinen mag - genau hieran zeigt sich das Anlegen einer Messlatte mit zweierlei Maß.

Als am 11. September 2001 die schrecklichen Attentate über die USA hereinbrachen gab es eine Welle von Mitgefühl und Solidaritätsbekundungen. Mitgefühl gab es auch in Bezug auf die Türkei, als 2003 die Anschläge in Istanbul Verwüstungen und Schrecken verbreiteten. Die Solidaritätsbekundungen blieben jedoch nicht nur vielfach aus, es wurden sogar explizite Unsolidaritätsbekundungen ausgesprochen - wie etwa die des Warnens vor Terrorimport. Unvorstellbar hingegen, die USA zum Verlassen der Nato aufzufordern, weil sie durch die Attentate des 11. Septembers dem Terrorismus das Tor in das Bündnis öffnen würde. Auf diese Idee ist schlichtweg niemand gekommen und das zeigt, dass nicht die tatsächlichen Ereignisse der Maßstab unserer Urteile sind, sondern unsere vorher schon geprägte Sicht auf die Dinge.

Dabei geschieht hier etwas, das wir durch genau dieses Verhalten aktiv mitgestalten. Durch die Zurückweisung der Mehrheit in der Türkei etwa - ob mit oder ohne EU-Beitritt - stärken wir genau die minderheitlichen radikalen Kräfte und geben ihnen somit Recht. Sie hatten also Erfolg mit ihrer Bombenlegerstrategie. Warum sollten sie dann diese Stratregie nicht weiterführen, z.B. wenn Gerhard Schröder oder ein anderer EU-Politiker in die Türkei reist, um für eine Aufnahme in die EU zu plädieren? Etwas, das diese Kräfte nicht wollen. Zeigen nicht die Reaktionen, dass solche Taten die Spaltung zwischen Nationalitäten und Religionen garantieren und so die Einigung der transnationalen und transreligiösen Gleichgesinnten verhindern? Müssen sich jetzt nicht die offensichtlich vorhandenen Radikalen aufgefordert fühlen, eben gerade loszuschlagen, weil genau damit der Automatismus reaktiviert wird, den ich oben beschrieben habe. Wenn wir potenziellen Attentätern zeigen, dass sie erfolgreich sind mit ihrer menschheitsspaltenden Politik, dann arbeiten wir ihnen zu - ob bewusst oder unbewusst und ungewollt. Der eingeschlagene Kurs weist in diese Richtung und ich fürchte, dass nachher kaum jemand die eigene Beteiligung daran reflektieren wird. Ein Teufelskreis von sich-selbst-erfüllenden Prophezeiungen, der Angst machen sollte - und nicht die Menschen hier und dort.


Wer hat Ahmed Shah Massud ermordet?
Afghanistan als erster Schritt

von Sabine Schiffer, 08.07.03

Erinneren Sie sich noch an Ahmed Shah Massud? Er war nicht einer von unzähligen Mudschaheddin der Nordallianz Afghanistans, sondern der designierte Führer eines geeinten afghanischen Volkes - wenn es denn jemals eines hätte geben sollen. Als langjähriger Kämpfer gegen die Sodaten der Sowjetunion und später gegen die Taliban hat er sich in Afghanistan und international einen Namen gemacht. Ausländische Delegationen besuchten den charismatischen Mann, der in der Lage war, die zerstrittenen Gruppen des Landes an einen Tisch zu bringen. Selbst Hekmatyar zählte zu seinen Gesprächspartnern und bei Massud trafen sich die Führer der zerstrittensten Clans.

Es war klar, dass Massud der Kopf Afghanistans sein würde, wenn die Taliban - einst von den Gegnern der Sowjetunion hoffiert und protegiert - erst vertrieben sein würden. Das war das gemeinsame Ziel Massuds und seiner Wegbegleiter. Wie es geworden wäre, wenn ... bleibt spekulativ, denn Massud wurde nach Jahrzehnten gefährlichsten Kampfes ermordet - am 9. September 2001. Zwei Tage vor dem berühmt gewordenen 11. September und im Schatten desselben. Welch ein Zufall - vor allem, wenn man die Entwicklung seither Revue passieren lässt.

Als Aufenthaltsort des schnell deklarierten Drahtziehers Osama bin Laden hinter den verheerenden Anschlägen des 11. Septembers war Afghanistan das erste Ziel auf der neu zu schreibenden Landkarte. Massud als idealistischer Souverän der Afghanen, die darauf bauen, einer Person ihres Vertrauens die Führung ihres Landes anzuvertrauen, hätte im folgenden Szenario wohl eher gestört. Statt dessen tritt ein bis dahin völlig unbekannter Karsai auf die internationale Plattform, dessen ölkonzernige Vergangenheit auch nicht unbedingt an die große Glocke gehängt werden sollte. Inzwischen gibt es in Afghanistan die gewünschte Pipeline, deren Bau die Taliban nicht zugestimmt hatten und deren Genehmigung vielleicht auch Massud nicht ohne weiteres hingenommen hätte. Zwar hat man sich in der Qualität des afghanischen Öls geirrt und insofern war das ganze Unterfangen eine energetische Fehlinvestition, aber als geostrategischer Ausgangpunkt für weitere Aktivitäten in der Goldregion ist Afghanistan immer noch wertvoll.

Die afghanischen Menschen haben die Strategen weder damals noch jetzt interessiert und insofern verwundert es nicht, dass ihre politischen Ansprüche wieder aus der Agenda des Medienmanagements verschwunden sind. Gutgläubige ISAF-Truppen sorgen lediglich hin und wieder für Aufsehen, indem sie uns verlustreich an eine aufgerissene und unverarztete Wunde erinnern. Derer wird es anscheinend noch mehrere geben, wenn wir die jüngste Entwicklung im nun ebenfalls "befreiten" Irak ernst nehmen.

Derjenige, der an dieser Stelle messerscharf schließt, dass es hier nur ums ausgehende Öl geht, liegt falsch. Wie F.W. Engdahl überzeugend darstellt, dient die Ölwaffe nämlich der Sicherung der Leitwährung der Globalisierung, die die einzige Währungsreserve der Welt bleiben soll. Nur die Vormachtstellung des Dollars garantiert den Lebensstandard einer Weltmacht, die auf Pump lebt. Diese Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf den 11. September und sie sollten die Fragenliste der Unanswered Questions.org ergänzen.

Was ist real in der Berichterstattung?
Über (rassistische) Traditionen in der Faktennennung

von Sabine Schiffer, 08.07.03

Meinungs- und Pressefreiheit sind hohe Güter und für eine verantwortungsbewusste Demokratie unerlässlich. Darum mutet es einschränkend an, wenn die Ergänzungsrichtlinie des Presserates 12.1 die Erwähnung von bestimmten Merkmalen einer Person ausdrücklich als "nicht erwähnenswert" deklariert. Der Text lautet:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründeter Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, daß die Erwähnung Vorurteile gegenüber schutzbedürftigen Gruppen schüren könnte.

Wie kann es sein, dass die Nennung von Fakten Vorurteile schürt? Ist die Wahrheit nicht immer wertneutral? Nein, denn ,die Wahrheit' ist immer eine Auswahl aus unzählig vielen Fakten, die genannt werden könnten. Die Entscheidung für bestimmte Merkmale von Tätern suggeriert aber einen Zusammenhang zwischen dem Erwähnten und der Tat: So ist immer häufiger im Zusammenhang mit Straftaten zu lesen, dass es sich bei einem Täter um einen Handwerker handelte. Das Faktum ,Beruf' steht mit dem Sachverhalt ,Mord' in keinem "begründeten Sachbezug", scheint aber für die Beschreibung eines Täters zulässig, da es sich ja um ein reales Merkmal desselben handelt - schließlich sehen sich Journalisten der Realität verpflichtet. Hier liegt ein idealtypischer Trugschluss vor, der zu rassistischen Darstellungen führt - und das häufig in bester Absicht.

Ergebnisse aus der Rassismusforschung, der Sprachhandlungstheorie und der Sozialforschung können hier brauchbare Anhaltspunkte liefern. Vorab sei geklärt, dass es keine Menschenrassen gibt. Biologen haben bewiesen, dass die Menschenrassenvorstellung ein Irrtum war. Der Begriff Rassismus dient also der Beschreibung einer Geisteshaltung anderen Menschen gegenüber, die ich gelernt habe, als ,andere' wahrzunehmen und in Gruppen einzuteilen. Denn mit dieser Wahrnehmung als ,etwas anderes' beginnt tatsächlich bereits der Rassismus - nicht erst mit der Negativbewertung der ,anderen Gruppe' oder gar konkreten physischen Handlungen.

Zunächst wird die Kategorie gebildet: Schwarze, Frauen, Juden, Ausländer, Muslime, Nachbarn usw. Das Spektrum ist beliebig. Nun werden sie einwenden: "Aber die gibt es doch!" Freilich gibt es viele verschiedene Menschen mit vielen verschiedenen Eigenschaften und das ist gut so. Es wäre auch wirklich schade, den Unterschied zwischen Männern und Frauen zu eliminieren. Aber, wir müssen feststellen, dass auf diesen Unterschied unverhältnismäßig mehr Aufmerksamkeit gelenkt wird, als es den Sachverhalten entspricht, um die es eigentlich gehen soll. Wenn es um Berufliches, Straßenverkehr, Immobilienfonds, politische Ämter und dergleichen geht, ist das Merkmal ,Geschlecht' völlig irrelevant. Häufig wird es aber miterwähnt - weil es ja der Realität entspricht: "Der Anteil von Frauen im Bundestag steigt", "Eine Frau zeigt, wo's lang geht", "Die evangelische Kirche ermöglicht Frauen den Aufstieg". Ersetzen Sie doch einmal den Begriff ,Frau' durch ,Mann' - das würde überhaupt keinen Sinn ergeben und zeigt zweierlei: 1. Der Mann ist die Norm, die nicht erwähnt werden muss. 2. Die Frau ist immer noch markiert, d.h. die hier geschilderte Rolle widerspricht der Erwartungshaltung Frauen gegenüber. Sie wird als Ausnahme empfunden - und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Auch wohlmeinende, vermeintlich harmlose Äußerungen - wie die genannten - erhalten die Kategorie ,Frau ist anders' aufrecht. Die Negativbewertung einer markierten Kategorie ist dann schnell passiert: Stichwort ,Einparken'.

So geht es quer durch die Berichterstattung: wir können lesen von Polen, die Autos stehlen, von Schwarzen, die Frauen nachstellen, von Türken, die herumschlägern, von Muslimen die Attentate verüben, von Juden, die in den Medien Einfluss nehmen. Das sind alles Fakten. Alles Einzelfälle, die das Merkmal der Gruppenzugehörigkeit fokussieren, obwohl dieses für die jeweilige Handlung völlig irrelevant ist. Umgekehrt könnten wir uns angewöhnen, etwa die Schuhgröße von Attentätern mitzumelden - die ist ebenso real. Statistisch lässt sich beweisen, dass ab Schuhgröße 39 eine erhöhte Kriminalitätsgefahr besteht. Spätestens hier erkennen wir, dass die Entscheidung für bestimmte Realitätsausschnitte, die berichtet werden, nicht die Realität abbilden. Wir sind es gewöhnt zur Chrakterisierung einer Person ,Geschlecht', ,Nationalität', ,Beruf' und neuerdings zunehmend wieder ,Religion' zu erwähnen. Hier steckt weniger Absicht dahinter als vielmehr die unreflektierte Übernahme von Darstellungtraditionen, die sich durch ständige Wiederholung als Muss geradezu aufdrängen. Hält man sich nicht an das vorgegebene Muster, steht schnell ein Unterlassensvorwurf im Raum - nämlich die Unterstellung, man wolle sein Publikum täuschen. Dabei täuscht man es häufig gerade durch die Nennung irrelevanter Merkmale, weil unsere Wahrnehmung automatisch einen Sinnzusammenhang konstruiert zwischen den einzelnen Äußerungsteilen. Würden wir uns angewöhnen die Haarfarbe von Personen mitzuerwähnen, dann würden wir bald die Menschen in Blonde und Dunkelhaarige einteilen. Auch hier würden sich - dem Prinzip der stereotypen Traditionenbildung entsprechend - Gruppenmerkmale einstellen, die dann später den Blick auf die fehlerhafte Kategorienbildung verstellen.

Unsere Aufgabe ist es, zu unterscheiden, in welchen Kontexten die genannten Merkmale relevant sind und wann nicht - auch wenn hier alte Gewohnheiten bestehen. Denn die suggerierten Rückschlüsse sind fatal. Kausale Zusammenhänge werden wahrgenommen zwischen Kriminalität und Nationalität, politischem Einfluss und Religionszugehörigkeit usw., obwohl die Statistiken anderes belegen und genügend Gegenbeispiele existieren. So ist für einen Mord der Beruf des Täters völlig irrelevant, ebenso wie seine Nationalität oder Religion. Da das Miterwähnen irrelevanter Merkmale aber eben Relevanz für den Sachverhalt, um den es eigentlich gehen soll, suggeriert, führt dies zu falschen Rückschlüssen, die unsere zukünftige Erwartungshaltung bestimmen. Dann nehmen wir vermehrt genau dieses Gruppenmerkmal wahr und finden: "Ja, stimmt doch, was man über die da sagt." So etwa: " Der Täter war doch ein Schwarzer. Also stimmt es, was man über die Schwarzen nie sagen durfte." Nicht nur das omnipräsente Prinzip der Verallgemeinerung trägt hierfür die Verantwortung, sondern auch die Aktualisierung einer Kategorie - in dem Fall ,Hautfarbe' - außerhalb eines relevanten Kontexts.

Eine solche überflüssige Markierung geschah bezüglich der Juden im 19. Jahrhundert. Beim Börsenskandal 1873 wurde die Religion von Börsenmaklern und Firmengründern dann miterwähnt, wenn es sich um Juden handelte - sonst nicht. Der Vorwurf des Rassismus wurde damals erfolgreich mit dem Hinweis darauf zurückgewiesen, dass die genannten Personen doch real Juden seien. Ein vermeintlich harmloses und doch erschreckendes Beispiel für die Nennung von Fakten in falschen Kontexten angesichts der historischen Entwicklung. Denn wäre die Kategorie ,Jude ist anders' und die fatalen Rückschlüsse daraus nicht längst etabliert gewesen, hätten es die nationalsozialistischen "Rassengesetze" später nicht so leicht gehabt. Nicht erst die offene Beschimpfung, sondern bereits die Markierung der Gruppe als ,anders' hat hier vorbereitende Arbeit geleistet. Also, eine historische Aufgabe, die Relevanz der zu nennenden Merkmale zu überprüfen.

Schwierig wird es aber dann, wenn Täter ihre Taten auch noch mit einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit begründen - wie dies zur Zeit vor allem bei so genannten islamistischen Attentätern geschieht. Auch hier ist zu prüfen, inwiefern das Merkmal ,Religion' wirklich relevant ist bzw. inwiefern man sich als Journalist zum Sprachrohr verblendeter Täter macht. Hier wartet viel Arbeit auf einen aufgeklärten Journalismus ebenso wie auf den Presserat, um nicht dem Trugschluss zu erliegen: wenn man nur Fakten berichte, könne man nicht rassistisch sein.

Die unbewusste Unterwerfung unter die etablierte Tradition, die unseren Blickwinkel erheblich einschränkt, entwickelt dabei ihre ganz eigene Dynamik. So fällt kaum noch die Stereotypenhaftigkeit auf, wenn bei Attentaten die kleine Zusatzinformation, dass es sich beim Täter um einen Muslim handelte, mitgemeldet wird. Dies geschah unter anderem bei dem Mörder von Washington, der in einer Attentatsserie Ende 2002 zusammen mit seinem Stiefsohn 13 Menschen erschoss, als auch bei dem Anschlag auf US-Soldaten durch einen Kameraden kurz vor dem Irak-Krieg 2003. Diese Markierungen zeigen, wie virulent die Kategorie ,Islam' inzwischen ist, denn für die Sachverhalte war diese Gruppenzugehörigkeit völlig irrelevant.

Diese Beispiele aus dem Medienalltag machen deutlich, dass die Praxis nicht als Maßstab für die Beurteilung von Beschwerden beim Presserat gelten kann. Darum ist fraglich, ob eine Beteiligung von Redakteuren - wie erst kürzlich gefordert - eine Verbesserung in punkto ,nicht-rassistische Berichterstattung' bedeuten würde. Die gängige Praxis zeigt nämlich gerade, wie unverstanden die Botschaft von 12.1. ist und wie viel Schaden dieses Unverständnis anrichten kann. Es müssen erst Fachkenntnisse über sozialstereotype Kategorienbildung, die Wirkung von Darstellungstraditionen auf die Wahrnehmung - auch von Journalisten - sowie über die Faktizierung von Realitätsausschnitten durch Sprache erworben werden. Wir sind hier erst am Anfang. Angesichts der Tendenz zur Angleichung in der Berichterstattung sollte vielleicht eher eine Diskussion über die noch nicht vorhandene Verbindlichkeit der Richtlinien des Presserats geführt werden, denn "wenn alle das gleiche schreiben, muss es doch stimmen" - oder?

Der Indianer als Fanatiker
Erneuter Anschlag in Texas ließ die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des WildWest-Konflikts sinken
Essay / Ein fiktiver Zeitungsbericht

Sabine Schiffer, Mai 2002

Nachdem einige Indianer erneut ein Blutbad unter friedlichen Siedlern angerichtet haben, bei dem mindestens vier Frauen und 9 Kinder auf unbeschreiblich grausame Weise ums Leben kamen, rückt die Aussicht auf einen Frieden in der Region in weite Ferne. Die Attentäter selber konnten von verteidigungsbereiten Siedlern niedergestreckt werden, die somit weiteres Blutvergießen verhinderten. Wie der Gouverneur mitteilen ließ, wurden sofort Vergeltungs- und Schutzmaßnahmen eingeleitet, die eine Befriedung des Gebietes gewährleisten sollen. Bei Razzien in den nahegelegenen Indianer-Dörfern wurden einige Verdächtige festgenommen und in das nahegelegene Fort zum Verhör gebracht. Bei spontanen Schusswechseln starben ein Soldat und ein Offizier der amerikanischen Armee sowie ca. 20 Bewohner des Dorfes.

Die Indianer dieser Gegensd sind besonders für ihren Fanatismus bekannt, den sie von Generation zu Generation weitergaben und der nun ein dankbares Ventil in den weißen Siedlern findet, die dem Land nicht nur Demokratie sondern auch Moral und eine vernünftige landwirtschaftliche Kultur bringen. Die offizielle Politik hat sich auf die natürlichen Gegebenheiten in diesem Landstrich eingestellt und verfolgt konsequent eine friedensschaffende Linie. "Die systematische Besiedelung dieses verwilderten Gebietes ist die einzige Möglichkeit, Zivilisation und Vernunft in dem fruchtbaren Land zu kultivieren - das betreiben wir seit 3 Jahrzehnten und werden dies verstärkt fortsetzen müssen, wie wir aus den jüngsten Anschlägen ersehen können," teilte uns der Sprecher des Gouverneurs mit. Seinen Bericht schloss er mit den Worten: "Wir hoffen immer noch, dass es möglich sein wird, mit diesen Wilden in guter Nachbarschaft zu leben. Die Akzeptanz der menschenrechtsachtenden Zivilisation ist allerdings die Grundvoraussetzung dafür und bleibt unsere einzige Bedingung."

Epilog
Wie oft wiederholt sich Geschichte? oder: Ist der Mensch lernfähig?

Der Indianer als Terrorist
Essay
Sabine Schiffer, April 2002

Sie kamen aus einem anderen Land - aus vielen anderen Ländern, in denen sie nicht mehr bleiben konnten. Verfolgt wegen ihrer Religion und Weltanschauung, ihrer wirtschaftlichen Lage, diffamiert, der Vernichtung so gerade entkommen. Sie besiedelten erst die Küste, dann entdeckten sie den fruchtbaren Boden im Landesinneren. Es war ein gutes Land, es war ein gutes Projekt. Mit Fleiß gingen sie an die Arbeit und kultivierten Äcker, bauten Städte.

Tja, es gab wohl Einheimische, aber die fielen zunächst kaum auf. Gar freundlich nahmen sie die Eindringlinge in Empfang. So ein großes und fruchtbares Land: warum sollte man es nicht teilen, es nicht gemeinsam bewohnen und genießen. Aber es kamen immer mehr - und die wollten immer mehr - würde es wirklich reichen das ganze Land? Widerstand regte sich bei den Einheimischen, aber der miteingewanderten militärischen Übermacht waren sie nicht gewachsen.

Am Ende kleinerer und größerer Gemetzel, deren Ortsnamen* in die Geschichte eingingen, stand die Vertreibung der einheimischen Bevölkerung, die keine schriftlich fixierte Geschichte vorzuweisen hatte. Nach vielen Kriegen, die eigentlich keine waren, weil die eine Seite sowohl eine Führung als auch Militär hatte, die andere aber nicht, unterlagen die ursprünglichen Besitzer des Landes, das Gott zunächst ihnen und dann den anderen gegeben hatte. Die damalige Berichterstattung war dürftig und einseitig und somit auch das Urteil über die gefährliche Rothaut.

Das heutige Wissen um die Asymmetrie der durch die Landnahme konstruierten Gegnerschaft zweier Völker und die Chancenlosigkeit der verzweifelt sich Wehrenden verschafft uns keine Erleichterung: Familien wurden zerstört, ebenso Träume von gerade neu Angekommenen, ja eigentlich kann man das Töten unschuldiger Siedler, Frauen und Kinder als Massaker bezeichnen. Angst beherrschte das Leben in jener Zeit und jedes Mittel zur sogenannten Verteidigung schien den Eindringlicngen legitim. Heute zeugen die Reservate der Unterdrückten, in denen Touristen erlaubt wird, die Überreste einer untergegangenen Kultur zu besichtigen, vom Sieg der Einwanderung europäischer Weltanschauung. Die moderne Geschichtsschreibung hat gelernt, die Frage nach der Gerechtigkeit nicht zu stellen - und wenn doch, dann zumindest folgenlos.

Immerhin unterlässt man es heute von Terroristen zu sprechen, auch wenn unschuldige Frauen und Kinder Opfer dieser Fanatiker wurden. Man gesteht ihnen in der Retrospektive durchaus zu, dass sie versucht haben, sich zu wehren - wenn auch oft grausam und wenig effektiv. Nein, die Indianer bezeichnet man nicht als Terroristen. Ob die Geschichtsschreibung auch über die Palästinenser einst so urteilen wird? Wird das Ergebnis dann auch das gleiche sein wie der Anfang dieser traurigen Geschichte? Und, aus welcher Geschichte sollen wir eigentlich lernen?

* Das Einsetzen folgender Schlachten ist denkbar:
Geschichte 1:
1680 Große Seen; 1876 Little Big Horn; 1890 Wounded Knee
Geschichte 2:
1948: Deir Yassin; 1967: 6 Tage Krieg; 1982 Sabra und Chatila; 2002: Dschenin


Stimmt es, dass man Antisemitismus an der Mimik und Ausdrucksweise des Gesprächspartners ausmachen kann - nicht aber an dem, was er äußert? Was mache ich dann mit einem kontextlosen Zitat in den Medien? Woran kann ich festmachen, ob jemand einen Sachverhalt, ein Verhalten, eine Politik oder aber einen ,Juden' kritisert? Was mache ich mit Journalisten, Politikern und Normalsterblichen, die die Hauptverantwortlichkeit des Nahostkonflikts bei dem Beteiligten suchen, der die Macht hat und somit handlungsfähig ist? Stimmt es, dass Kritik an der israelischen Politik dann antisemitisch ist, wenn man nicht den Kontext - z.B. die palästinensischen Selbstmordattentate - miterwähnt? Ist es dann umgekehrt antiarabisch, wenn man die Palästinenser kritisiert ohne die israelische Politik zu berücksichtigen? Weltweite Kongresse zum Thema scheinen mehr Fragen aufzuwerfen als Antworten geben zu können - wie dies erst kürzlich in New York geschah (Ulrich Speck in: FR 10.12.02 Erklärungsnöte).

Ergebnisse aus der Rassismusforschung, der Sprachhandlungstheorie und der Psychologie können hier brauchbare Anhaltspunkte liefern, um den nicht zu leugnenden Antisemitismus zu bestimmen und nicht überzustrapazieren, wie es leicht passiert, wenn ein Konzept diffus ist. Vorab sei geklärt, dass es keine Menschenrassen gibt und somit auch keine Semiten, sondern nur semitische Sprachen. Biologen haben bewiesen, dass die Rassenvorstellung ein Irrtum war (z.B. Langaney: Les fausses couleurs). Der Begriff Rassismus dient also der Beschreibung einer Geisteshaltung anderen Menschen gegenüber, die ich gelernt habe, als ,andere' wahrzunehmen und in Gruppen einzuteilen (Balibar/Wallerstein: Race, nation, classe). Denn mit dieser Wahrnehmung als ,etwas anderes' beginnt tatsächlich bereits der Rassismus - nicht erst mit der Negativbewertung der ,anderen Gruppe' oder gar konkreten physischen Handlungen.

Zunächst wird die Kategorie gebildet: Schwarze, Frauen, Juden, Ausländer, Muslime, Nachbarn usw. Das Spektrum ist relativ beliebig wie u.a. Henri Tajfel herausarbeitet (Sozialstereotpye in: Gruppenkonflikt und Vorurteil). Nun werden sie einwenden: aber die gibt es doch! Freilich gibt es viele verschiedene Menschen mit vielen verschiedenen Eigenschaften und das ist gut so. Glauben Sie mir, ich möchte den Unterschied zwischen Männern und Frauen nicht eliminieren! Aber, ich muss feststellen, dass auf diesen Unterschied unverhältnismäßig mehr Aufmerksamkeit gelenkt wird, als es den Sachverhalten entspricht, um die es eigentlich gehen soll: wenn es um Berufliches, Straßenverkehr, Immobilienfonds, politische Ämter und dergleichen geht, ist das Merkmal ,Geschlecht' völlig irrelevant. Häufig wird es aber miterwähnt - weil es ja der Realität entspricht: "Der Anteil von Frauen im Bundestag steigt", "Eine Frau zeigt, wo's lang geht", "Die evangelische Kirche ermöglicht Frauen den Aufstieg". Ersetzen Sie doch mal den Begriff ,Frau' durch ,Mann' - das würde überhaupt keinen Sinn ergeben und zeigt zweierlei: 1. Der Mann ist die Norm, die nicht erwähnt werden muss. 2. Die Frau ist immer noch markiert, d.h. die hier geschilderte Rolle widerspricht der Erwartungshaltung Frauen gegenüber. Sie wird als Ausnahme empfunden - und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Auch wohlmeinende Äußerungen wie die genannten, erhalten die Kategorie ,Frau ist anders' aufrecht. Die Negativbewertung einer markierten Kategorie ist dann schnell passiert: Stichwort Einparken.

So geht es quer durch die Berichterstattung: wir können lesen von Polen, die Autos stehlen, von Schwarzen, die Frauen nachstellen, von Türken, die herumschlägern, von Muslimen die Attentate verüben. Das sind alles Fakten. Alles Einzelfälle, die das Merkmal der Gruppenzugerhörigkeit fokussieren, obwohl dieses für die Tat völlig irrelevant ist. Umgekehrt könnten wir uns angewöhnen, die Schuhgröße von Attentätern mitzumelden - die ist ebenso real. Ich kann Ihnen beweisen, dass ab Schuhgröße 39 eine erhöhte Kriminalitätsgefahr besteht! Unsere Aufgabe der Zukunft wird es sein, zu unterscheiden, in welchen Kontexten die genannten Merkmale relevant sind und wann nicht - auch wenn hier alte Gewohnheiten bestehen. Denn die suggerierten Rückschlüsse sind fatal. Kausale Zusammenhänge werden wahrgenommen zwischen Kriminalität und Nationalität usw., obwohl die Statistiken anderes belegen. Besonders schwierig wird diese Unterscheidungsnotwendigkeit aber dann, wenn die Täter ihre Taten auch noch mit ihrer Gruppenzugehörigkeit begründen, so islamistische Attentäter mit dem Islam oder israelische Politiker mit der Verteidigungsnotwendigkeit als Juden.

Jetzt sind wir an ,unserem wunden Punkt' angelangt. Zur Verschärfung vergleiche ich zudem noch die antijüdische mit der antiislamischen Wahrnehmung, weil sie erschreckende Parallelitäten aufweist. Auch wenn der Staat Israel sich als jüdischer Staat definiert - seine Politik hat damit nichts zu tun. Das werden Ihnen nicht nur die Rabbis für die Menschenrechte bestätigen. Ebensowenig wie die Politik der meisten sogenannten islamischen Staaten tatsächlich eine islamische ist. Die Wahrnehmung als solches hat vielmehr damit zu tun, in welchen Kategorien wir gelernt haben, die Welt wahrzunehmen. Ich darf jeden Staat, jedes politische System, jede konkrete Politik auf der Welt kritisieren - egal von wem sie gemacht wird. Die Religionszugehörigkeit, ethnische Herkunft etc. ist dafür völlig irrelevant. Die Thematisierung Israels im Zusammenhang mit dem Völkerrecht hat a priori nichts mit Antisemitismus zu tun und auch nicht damit, dem Staat sein Existenzrecht abzusprechen. Dieser Prüfung muss sich jeder Staat aussetzen. Umgekehrt bedeutet aber der Verweis darauf, dass der Staat ein ,jüdischer' sei eine irrelevante und damit ungute Markierung. Hier wird ein nichtrelevantes Merkmal in den Diskurs eingebracht, das die Thematisierung Israels im völkerrechtlichen Kontext zu verbieten scheint. Die damit aktualisierte Vorstellung einer Sonderbehandlung kann niemandem gut tun. Sie behält die Vorstellung der Andersartigkeit von Juden aufrecht - und das ist der Beginn eines jeden Rassismus. Nehmen wir zur Veranschaulichung die derzeitige amerikanische Politik. Auch bei deren explizitem Bezug zum Christentum: nehmen denn Mitchristen die Haltung der amerikanischen Regierung als Ausdruck christlicher Politik wahr? In diesem Fall können wir unterscheiden. Und wir müssen lernen, es in den andern Fällen auch zu tun.

Viel schwerer haben es da Betroffene mit einer traumatischen Erfahrung des Opferseins. Paulo Freire hat den Dualismus des ausschließlichen Wahrnehmens der Welt in Täter- und Opferkategorie für Lateinamerika beschrieben (Pädagogik der Unterdrückten). Die Erkenntnisse können uns im Zusammenhang mit Israel und Palästina sehr nützlich sein. Wir haben es mit zwei traumatisierten Völkern zu tun - Israelis und Palästinenser, die beide die Opferrolle reklamieren - und beide haben Recht. Es kann nur eine Lösung für beide Völker geben, damit die Angst auf israelischer Seite ebenso aufhört wie das Ohnmachtsgefühl auf palästinensischer. Bei dieser Thematik wurde die Asymmetrie in den Machtverhältnissen noch nicht genug berücksichtigt und ich halte die derzeitige Kritikwelle an Israel für einen Ausdruck der zunehmenden Wahrnehmung des starken Machtgefälles zwischen Israelis und Palästinensern. Dabei ist nicht jedes Mittel recht: der Vergleich israelischer Militäroperationen mit Nazi-Methoden stammt zwar aus Israel selbst, bedeutet dort aber etwas ganz anderes als hier in Deutschland. Israelische Journalisten wollten damit die Bevölkerung, das Militär und die Regierung erschrecken - ja aufschrecken - und das ist ihnen gelungen. Vor dem Hintergrund deutscher Geschichte findet aber ein automatischer Umdeutungsprozess statt. In Deutschland wird die Äußerung als Verharmlosung des Holocaust interpretiert und tendiert damit in die Richtung der Holocaust-Leugnung, die es ja tatsächlich gibt - wenn auch nicht unbedingt an dieser Stelle. Dieser Vergleich wird u.a. zurückgewiesen von einigen Deutschen jüdischen Glaubens, die in Israel sowohl eine Metapher für die mögliche Überwindung des Opferstatus sehen, als auch den Garanten für eine Nichtwiederholung der Geschichte. Auch nur der Hauch einer Leugnung oder Schmälerung dieser traumatischen Geschichte löst starke Ängste aus. Hier würde der politischen Kultur etwas mehr Sensibilität nicht schaden - von allen Seiten. Dennoch hat der Vergleich nichts antisemitisches, da nicht die Juden sondern das israelische Militär im Fokus der Äußerung stehen - und das verhält sich ja nicht anders wie viele andere Militärs.

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass jemand, der Israel kritisiert, tatsächlich "den Juden an sich" meint - es wird schwierig sein, diese herauszufiltern. Und das ist eine wichtige Aufgabe! Die hier vorherrschende Angst, nicht wieder antijüdische Stereotype zuzulassen hat ihre Begründung und Berechtigung. Man darf nicht die falschen Leute bedienen und muss sehr aufpassen, wer richtige Argumente für falsche Zwecke umzudeuten versucht. Aber hypochondrische Züge - verzeihen sie mir diese Metapher - führen oft zu verstärkter Kankheitsanfälligkeit. Aus der Psychologie ist bekannt, dass man folglich verstärkt Dinge als gegen sich gerichtet wahrnimmt, die eigentlich gar nicht diese Stoßrichtung haben. Dies kann zu einer Überempfindlichkeit führen, die dann Krankheitssymptome ausmacht, wo gar keine sind. Darum müssen wir über die Sachverhalte, die Kritikpunkte, die Vorwürfe offen reden, es darf kein Tabu geben. Und es darf nicht Schluss sein mit der Aufarbeitung unserer Geschichte. Aufarbeitung bedeutet aber nicht nur Erinnerung an den Holocaust, sondern Erkennen der Entwicklungslinien. Denn hinter vorgehaltener Hand gedeiht dieser wie jeder Rassismus unbemerkt und ungestört weiter. Dem wollen wir keinen Vorschub leisten. Und wir können kein Thema ad Acta legen, das wir offensichtlich immer noch nicht verstanden haben. Nur Auseinandersetzung kann Schaden abwenden!

Schaden richtet hingegen die Übergeneralisierung des Antisemitismusvorwurfs an, seine inflationäre Anwendung. Sie führt leicht zu einer gefühlsmäßigen Gegenbewegung. Oft wird nicht erkannt, dass dieser schnelle Vorwurf aus einer traumatischen Angst heraus resultiert. Empfunden wird vor allem die Macht, die hinter diesem Etikett steht, und die ungerechtfertigte Unterstellung. All das sind Gefühle, die das Verständnis nicht weiter fördern. Das Gefühl des Vor-den-Kopf-gestoßen-Werdens schafft eine dualistische Konfrontationsstimmung - auf beiden Seiten. Nur, wenn dieses Faktum anerkannt wird, ist ein Wieder-aufeinander-Zugehen möglich. Eine Übergeneralisierung in die andere Richtung ist leider auch zu beobachten - und das ist dann wirklich antisemitisch. Nehmen wir als Beispiel das Cliché von den "judendominierten Medien": es kann durchaus sein, dass irgend ein Zeitungsredakteur jüdischen Glaubens ist und auch eine bestimmte Position Israel gegenüber vertritt. Na und? Was soll das beweisen? Es gibt genügend Redakteure nicht jüdischen Glaubens, die die gleiche Position vertreten, und umgekehrt jüdische und/oder israelische Journalisten, die eine gegenteilige Position Israel gegenüber vertreten. An dieser Heterogenität sieht man, dass das Merkmal ,Religion' in diesem Zusammenhang völlig irrelevant ist - auch und gerade, wenn man meint einen plausiblen Zusammenhang entdeckt zu haben. Der fehlerhafte Rückschluss von einem Fall - und lassen Sie es 100 oder 1000 sein - auf die gesamte Gruppe ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Und das ist rassistisch. Auch muss beim Erwähnen einer "zionistischen Lobby" genau geklärt werden, wer damit gemeint ist. In den USA ist das vor allem die christlich-fundamentalistische Gruppierung der Neo-Konservativen um Richard Perle. Dass diese Gruppe mit ihrer pro-israelischen Politik zudem in letzter Konsequenz antijüdische Ziele verfolgt, können sie bei Billy Graham, Dean Sherman und F.W. Engdahl nachlesen. Auch hier erweist sich das Merkmal ,Religion' als irrelevant. Antisemtisch ist es also nicht, eine zionistische Lobby zu erwähnen, sondern nur, wenn damit ,die Juden' als generische Klasse gemeint sind. Hier wird es schwierig bleiben, zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zu unterscheiden. Hier bleibt eine gewisse Vagheit, die sich nicht leicht klären lässt. Wo können wir die Grenze erkennen, wenn jemand doch "den Juden" und nicht z.B. die israelische Politik im Hinterkopf hat? Nur im Gespräch! Da Vorwürfe aber immer notwendige Gespräche be- oder gar verhindern, müssen wir mit solchen potenziellen Unterstellungen zunächst zurückhaltend sein. Eine Anfrage mit der Bitte um Klärung wäre sicher ein erfolgversprechenderes Mittel - nicht nur in diesem Kontext.

Der Vergleich des Antisemitismus mit den anderen Rassismen hinkt an einer entscheidenden Stelle, denn durch die Ungeheuerlichkeit des Holocaust gibt es einen wesentlichen Unterschied. Der Antisemitismus ist diffamiert und das ist gut so. Wir wollen hoffen, dass nicht erst Vergleichbares geschehen muss, um die anderen Rassismen ebenso zu verbieten. Das Wiedergutmachungsdogma den Juden gegenüber, das ein verzweifelter Versuch der Verringerung von Schuld darstellt, hat aber auch neue Probleme gebracht. Das Umschlagen in einen ebenso zu konstatierenden Philosemitismus - der sich z.B. im Tabu der Israelkritik ausdrückt - ist keine gute Entwicklung, denn dieser beinhaltet die oben erläuterte Markierung. Die Behandlung der Gruppe der Juden als etwas anderes als die anderen wird dadurch beibehalten. Das kann niemand wollen. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich ein neues schwer zu lösendes Dilemma: wir können einerseits nicht so tun, als wäre nichts gewesen, andererseits tun wir aber der gesamten Entwicklung auch nichts Gutes mit dem Festhalten an der alten Dichotomie zwischen Juden und Nichtjuden.

Ich empfinde weder Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Nationalität usw. als relevante Merkmale, um einen Unterscheid zwischen Menschen zu machen. Es mag Kontexte geben, wo die Merkmale relevant sind, z.B. ,Religion' im Kontext von Festlichkeiten, Ernährungsfragen, medizinischer Versorgung usw. Dann sollen sie auch nicht geleugnet oder abgewertet werden. Aber die ständige Markierung einer Gruppe außerhalb eines relevanten Kontexts führt zur kontinuierlichen Anderswahrnehmung - ob positiv oder negativ - und eröffnet die Möglichkeit zu späterer Diffamierung, wie wir aus der Geschichte des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts lernen können (z.B. Jacob Katz 1989: Vom Vorurteil bis zur Vernichtung). In der Geschichte gab es auch immer philosemitische Tendenzen und wohlmeinende Gesetzgebungen, aber letztendlich konnte das negative Stereotyp jederzeit reaktiviert werden, was sich die Nationalsozialisten dann grausam zunutze machten. Ohne den vorbereitenden Diskurs der Jahrhunderte zuvor wäre deren Rassenpolitik nicht möglich gewesen. Und ohne die breite Akzeptanz nicht die Vernichtung. Solche Diskurse begleiten uns auch heute - und es wird Zeit, ihnen selbstkritisch zu begegnen.


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