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| SABINE SCHIFFERS ROOM |
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Inhalt dieser Seite: - "Böse sind immer die Anderen", 11/2004 - "High Noon - Die USA und ihr WildWest-Mythos", 10/2004 - "Antisemitismus. Zur Bestimmung eines diffusen Begriffs", ca. 12/2002 - "Der Indianer als Fanatiker. Erneuter Anschlag in Texas ließ die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des WildWest-Konflikts sinken. Essay / Ein fiktiver Zeitungsbericht", 05/2002 - "Der Indianer als Terrorist. Essay", 04/2002 |
| Ergebnisse aus der Rassismusforschung, der Sprachhandlungstheorie und der Psychologie können hier brauchbare Anhaltspunkte liefern, um den nicht zu leugnenden Antisemitismus zu bestimmen und nicht überzustrapazieren, wie es leicht passiert, wenn ein Konzept diffus ist. Vorab sei geklärt, dass es keine Menschenrassen gibt und somit auch keine Semiten, sondern nur semitische Sprachen. Biologen haben bewiesen, dass die Rassenvorstellung ein Irrtum war (z.B. Langaney: Les fausses couleurs). Der Begriff Rassismus dient also der Beschreibung einer Geisteshaltung anderen Menschen gegenüber, die ich gelernt habe, als ,andere' wahrzunehmen und in Gruppen einzuteilen (Balibar/Wallerstein: Race, nation, classe). Denn mit dieser Wahrnehmung als ,etwas anderes' beginnt tatsächlich bereits der Rassismus - nicht erst mit der Negativbewertung der ,anderen Gruppe' oder gar konkreten physischen Handlungen. Zunächst wird die Kategorie gebildet: Schwarze, Frauen, Juden, Ausländer, Muslime, Nachbarn usw. Das Spektrum ist relativ beliebig wie u.a. Henri Tajfel herausarbeitet (Sozialstereotpye in: Gruppenkonflikt und Vorurteil). Nun werden sie einwenden: aber die gibt es doch! Freilich gibt es viele verschiedene Menschen mit vielen verschiedenen Eigenschaften und das ist gut so. Glauben Sie mir, ich möchte den Unterschied zwischen Männern und Frauen nicht eliminieren! Aber, ich muss feststellen, dass auf diesen Unterschied unverhältnismäßig mehr Aufmerksamkeit gelenkt wird, als es den Sachverhalten entspricht, um die es eigentlich gehen soll: wenn es um Berufliches, Straßenverkehr, Immobilienfonds, politische Ämter und dergleichen geht, ist das Merkmal ,Geschlecht' völlig irrelevant. Häufig wird es aber miterwähnt - weil es ja der Realität entspricht: "Der Anteil von Frauen im Bundestag steigt", "Eine Frau zeigt, wo's lang geht", "Die evangelische Kirche ermöglicht Frauen den Aufstieg". Ersetzen Sie doch mal den Begriff ,Frau' durch ,Mann' - das würde überhaupt keinen Sinn ergeben und zeigt zweierlei: 1. Der Mann ist die Norm, die nicht erwähnt werden muss. 2. Die Frau ist immer noch markiert, d.h. die hier geschilderte Rolle widerspricht der Erwartungshaltung Frauen gegenüber. Sie wird als Ausnahme empfunden - und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Auch wohlmeinende Äußerungen wie die genannten, erhalten die Kategorie ,Frau ist anders' aufrecht. Die Negativbewertung einer markierten Kategorie ist dann schnell passiert: Stichwort Einparken. So geht es quer durch die Berichterstattung: wir können lesen von Polen, die Autos stehlen, von Schwarzen, die Frauen nachstellen, von Türken, die herumschlägern, von Muslimen die Attentate verüben. Das sind alles Fakten. Alles Einzelfälle, die das Merkmal der Gruppenzugerhörigkeit fokussieren, obwohl dieses für die Tat völlig irrelevant ist. Umgekehrt könnten wir uns angewöhnen, die Schuhgröße von Attentätern mitzumelden - die ist ebenso real. Ich kann Ihnen beweisen, dass ab Schuhgröße 39 eine erhöhte Kriminalitätsgefahr besteht! Unsere Aufgabe der Zukunft wird es sein, zu unterscheiden, in welchen Kontexten die genannten Merkmale relevant sind und wann nicht - auch wenn hier alte Gewohnheiten bestehen. Denn die suggerierten Rückschlüsse sind fatal. Kausale Zusammenhänge werden wahrgenommen zwischen Kriminalität und Nationalität usw., obwohl die Statistiken anderes belegen. Besonders schwierig wird diese Unterscheidungsnotwendigkeit aber dann, wenn die Täter ihre Taten auch noch mit ihrer Gruppenzugehörigkeit begründen, so islamistische Attentäter mit dem Islam oder israelische Politiker mit der Verteidigungsnotwendigkeit als Juden. Jetzt sind wir an ,unserem wunden Punkt' angelangt. Zur Verschärfung vergleiche ich zudem noch die antijüdische mit der antiislamischen Wahrnehmung, weil sie erschreckende Parallelitäten aufweist. Auch wenn der Staat Israel sich als jüdischer Staat definiert - seine Politik hat damit nichts zu tun. Das werden Ihnen nicht nur die Rabbis für die Menschenrechte bestätigen. Ebensowenig wie die Politik der meisten sogenannten islamischen Staaten tatsächlich eine islamische ist. Die Wahrnehmung als solches hat vielmehr damit zu tun, in welchen Kategorien wir gelernt haben, die Welt wahrzunehmen. Ich darf jeden Staat, jedes politische System, jede konkrete Politik auf der Welt kritisieren - egal von wem sie gemacht wird. Die Religionszugehörigkeit, ethnische Herkunft etc. ist dafür völlig irrelevant. Die Thematisierung Israels im Zusammenhang mit dem Völkerrecht hat a priori nichts mit Antisemitismus zu tun und auch nicht damit, dem Staat sein Existenzrecht abzusprechen. Dieser Prüfung muss sich jeder Staat aussetzen. Umgekehrt bedeutet aber der Verweis darauf, dass der Staat ein ,jüdischer' sei eine irrelevante und damit ungute Markierung. Hier wird ein nichtrelevantes Merkmal in den Diskurs eingebracht, das die Thematisierung Israels im völkerrechtlichen Kontext zu verbieten scheint. Die damit aktualisierte Vorstellung einer Sonderbehandlung kann niemandem gut tun. Sie behält die Vorstellung der Andersartigkeit von Juden aufrecht - und das ist der Beginn eines jeden Rassismus. Nehmen wir zur Veranschaulichung die derzeitige amerikanische Politik. Auch bei deren explizitem Bezug zum Christentum: nehmen denn Mitchristen die Haltung der amerikanischen Regierung als Ausdruck christlicher Politik wahr? In diesem Fall können wir unterscheiden. Und wir müssen lernen, es in den andern Fällen auch zu tun. Viel schwerer haben es da Betroffene mit einer traumatischen Erfahrung des Opferseins. Paulo Freire hat den Dualismus des ausschließlichen Wahrnehmens der Welt in Täter- und Opferkategorie für Lateinamerika beschrieben (Pädagogik der Unterdrückten). Die Erkenntnisse können uns im Zusammenhang mit Israel und Palästina sehr nützlich sein. Wir haben es mit zwei traumatisierten Völkern zu tun - Israelis und Palästinenser, die beide die Opferrolle reklamieren - und beide haben Recht. Es kann nur eine Lösung für beide Völker geben, damit die Angst auf israelischer Seite ebenso aufhört wie das Ohnmachtsgefühl auf palästinensischer. Bei dieser Thematik wurde die Asymmetrie in den Machtverhältnissen noch nicht genug berücksichtigt und ich halte die derzeitige Kritikwelle an Israel für einen Ausdruck der zunehmenden Wahrnehmung des starken Machtgefälles zwischen Israelis und Palästinensern. Dabei ist nicht jedes Mittel recht: der Vergleich israelischer Militäroperationen mit Nazi-Methoden stammt zwar aus Israel selbst, bedeutet dort aber etwas ganz anderes als hier in Deutschland. Israelische Journalisten wollten damit die Bevölkerung, das Militär und die Regierung erschrecken - ja aufschrecken - und das ist ihnen gelungen. Vor dem Hintergrund deutscher Geschichte findet aber ein automatischer Umdeutungsprozess statt. In Deutschland wird die Äußerung als Verharmlosung des Holocaust interpretiert und tendiert damit in die Richtung der Holocaust-Leugnung, die es ja tatsächlich gibt - wenn auch nicht unbedingt an dieser Stelle. Dieser Vergleich wird u.a. zurückgewiesen von einigen Deutschen jüdischen Glaubens, die in Israel sowohl eine Metapher für die mögliche Überwindung des Opferstatus sehen, als auch den Garanten für eine Nichtwiederholung der Geschichte. Auch nur der Hauch einer Leugnung oder Schmälerung dieser traumatischen Geschichte löst starke Ängste aus. Hier würde der politischen Kultur etwas mehr Sensibilität nicht schaden - von allen Seiten. Dennoch hat der Vergleich nichts antisemitisches, da nicht die Juden sondern das israelische Militär im Fokus der Äußerung stehen - und das verhält sich ja nicht anders wie viele andere Militärs. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass jemand, der Israel kritisiert, tatsächlich "den Juden an sich" meint - es wird schwierig sein, diese herauszufiltern. Und das ist eine wichtige Aufgabe! Die hier vorherrschende Angst, nicht wieder antijüdische Stereotype zuzulassen hat ihre Begründung und Berechtigung. Man darf nicht die falschen Leute bedienen und muss sehr aufpassen, wer richtige Argumente für falsche Zwecke umzudeuten versucht. Aber hypochondrische Züge - verzeihen sie mir diese Metapher - führen oft zu verstärkter Kankheitsanfälligkeit. Aus der Psychologie ist bekannt, dass man folglich verstärkt Dinge als gegen sich gerichtet wahrnimmt, die eigentlich gar nicht diese Stoßrichtung haben. Dies kann zu einer Überempfindlichkeit führen, die dann Krankheitssymptome ausmacht, wo gar keine sind. Darum müssen wir über die Sachverhalte, die Kritikpunkte, die Vorwürfe offen reden, es darf kein Tabu geben. Und es darf nicht Schluss sein mit der Aufarbeitung unserer Geschichte. Aufarbeitung bedeutet aber nicht nur Erinnerung an den Holocaust, sondern Erkennen der Entwicklungslinien. Denn hinter vorgehaltener Hand gedeiht dieser wie jeder Rassismus unbemerkt und ungestört weiter. Dem wollen wir keinen Vorschub leisten. Und wir können kein Thema ad Acta legen, das wir offensichtlich immer noch nicht verstanden haben. Nur Auseinandersetzung kann Schaden abwenden! Schaden richtet hingegen die Übergeneralisierung des Antisemitismusvorwurfs an, seine inflationäre Anwendung. Sie führt leicht zu einer gefühlsmäßigen Gegenbewegung. Oft wird nicht erkannt, dass dieser schnelle Vorwurf aus einer traumatischen Angst heraus resultiert. Empfunden wird vor allem die Macht, die hinter diesem Etikett steht, und die ungerechtfertigte Unterstellung. All das sind Gefühle, die das Verständnis nicht weiter fördern. Das Gefühl des Vor-den-Kopf-gestoßen-Werdens schafft eine dualistische Konfrontationsstimmung - auf beiden Seiten. Nur, wenn dieses Faktum anerkannt wird, ist ein Wieder-aufeinander-Zugehen möglich. Eine Übergeneralisierung in die andere Richtung ist leider auch zu beobachten - und das ist dann wirklich antisemitisch. Nehmen wir als Beispiel das Cliché von den "judendominierten Medien": es kann durchaus sein, dass irgend ein Zeitungsredakteur jüdischen Glaubens ist und auch eine bestimmte Position Israel gegenüber vertritt. Na und? Was soll das beweisen? Es gibt genügend Redakteure nicht jüdischen Glaubens, die die gleiche Position vertreten, und umgekehrt jüdische und/oder israelische Journalisten, die eine gegenteilige Position Israel gegenüber vertreten. An dieser Heterogenität sieht man, dass das Merkmal ,Religion' in diesem Zusammenhang völlig irrelevant ist - auch und gerade, wenn man meint einen plausiblen Zusammenhang entdeckt zu haben. Der fehlerhafte Rückschluss von einem Fall - und lassen Sie es 100 oder 1000 sein - auf die gesamte Gruppe ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Und das ist rassistisch. Auch muss beim Erwähnen einer "zionistischen Lobby" genau geklärt werden, wer damit gemeint ist. In den USA ist das vor allem die christlich-fundamentalistische Gruppierung der Neo-Konservativen um Richard Perle. Dass diese Gruppe mit ihrer pro-israelischen Politik zudem in letzter Konsequenz antijüdische Ziele verfolgt, können sie bei Billy Graham, Dean Sherman und F.W. Engdahl nachlesen. Auch hier erweist sich das Merkmal ,Religion' als irrelevant. Antisemtisch ist es also nicht, eine zionistische Lobby zu erwähnen, sondern nur, wenn damit ,die Juden' als generische Klasse gemeint sind. Hier wird es schwierig bleiben, zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zu unterscheiden. Hier bleibt eine gewisse Vagheit, die sich nicht leicht klären lässt. Wo können wir die Grenze erkennen, wenn jemand doch "den Juden" und nicht z.B. die israelische Politik im Hinterkopf hat? Nur im Gespräch! Da Vorwürfe aber immer notwendige Gespräche be- oder gar verhindern, müssen wir mit solchen potenziellen Unterstellungen zunächst zurückhaltend sein. Eine Anfrage mit der Bitte um Klärung wäre sicher ein erfolgversprechenderes Mittel - nicht nur in diesem Kontext. Der Vergleich des Antisemitismus mit den anderen Rassismen hinkt an einer entscheidenden Stelle, denn durch die Ungeheuerlichkeit des Holocaust gibt es einen wesentlichen Unterschied. Der Antisemitismus ist diffamiert und das ist gut so. Wir wollen hoffen, dass nicht erst Vergleichbares geschehen muss, um die anderen Rassismen ebenso zu verbieten. Das Wiedergutmachungsdogma den Juden gegenüber, das ein verzweifelter Versuch der Verringerung von Schuld darstellt, hat aber auch neue Probleme gebracht. Das Umschlagen in einen ebenso zu konstatierenden Philosemitismus - der sich z.B. im Tabu der Israelkritik ausdrückt - ist keine gute Entwicklung, denn dieser beinhaltet die oben erläuterte Markierung. Die Behandlung der Gruppe der Juden als etwas anderes als die anderen wird dadurch beibehalten. Das kann niemand wollen. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich ein neues schwer zu lösendes Dilemma: wir können einerseits nicht so tun, als wäre nichts gewesen, andererseits tun wir aber der gesamten Entwicklung auch nichts Gutes mit dem Festhalten an der alten Dichotomie zwischen Juden und Nichtjuden. Ich empfinde weder Religionszugehörigkeit, Hautfarbe, Nationalität usw. als relevante Merkmale, um einen Unterscheid zwischen Menschen zu machen. Es mag Kontexte geben, wo die Merkmale relevant sind, z.B. ,Religion' im Kontext von Festlichkeiten, Ernährungsfragen, medizinischer Versorgung usw. Dann sollen sie auch nicht geleugnet oder abgewertet werden. Aber die ständige Markierung einer Gruppe außerhalb eines relevanten Kontexts führt zur kontinuierlichen Anderswahrnehmung - ob positiv oder negativ - und eröffnet die Möglichkeit zu späterer Diffamierung, wie wir aus der Geschichte des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts lernen können (z.B. Jacob Katz 1989: Vom Vorurteil bis zur Vernichtung). In der Geschichte gab es auch immer philosemitische Tendenzen und wohlmeinende Gesetzgebungen, aber letztendlich konnte das negative Stereotyp jederzeit reaktiviert werden, was sich die Nationalsozialisten dann grausam zunutze machten. Ohne den vorbereitenden Diskurs der Jahrhunderte zuvor wäre deren Rassenpolitik nicht möglich gewesen. Und ohne die breite Akzeptanz nicht die Vernichtung. Solche Diskurse begleiten uns auch heute - und es wird Zeit, ihnen selbstkritisch zu begegnen. |
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