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GLENN PAIGE'S ROOM
Perspektiven für Nonkilling
als gesellschaftliche Norm

Neuer Zweig der Politikwissenschaft jenseits der "letalen philosophischen Tradition"
von Anis Hamadeh, 19.09.03

"Die Nonkilling-Gesellschaft ist eine menschliche Gemeinschaft, von klein bis groß, von lokal bis global, die durch das Nicht-Töten von Menschen charakterisiert ist und durch die Abwesenheit von Todesdrohungen, von Waffen, die Menschen töten sollen und von Rechtfertigungen, sie zu benutzen, sowie durch die Abwesenheit von Möglichkeiten für die Gesellschaft, sich von Androhungen oder dem Benutzen von tödlicher Gewalt abhängig zu machen, um damit einen Zustand zu bewahren oder zu verändern." Das schreibt Professor Glenn D. Paige vom "Zentrum für globale Gewaltlosigkeit" in Hawaii auf der ersten Seite seiner im Herbst letzten Jahres auf englisch erschienenen Studie "Nonkilling Global Political Science" (Xlibris 2002).

Ist eine solche Gesellschaft möglich? Diese Frage stellte der Wissenschaftler Politologen weltweit, mit einem verblüffenden Ergebnis: Die allermeisten seiner Kolleginnen und Kollegen hatten noch nie ernsthaft darüber nachgedacht. Paige erkennt hier eine "letale philosophische Tradition", die von Platon und Aristoteles über Machiavelli, Hobbes, Locke, Marx, Engels, Rousseau, bis hin zu Weber reicht, insofern diese in ihren politischen Vorstellungen Gewalt gerechtfertigt oder vorausgesetzt haben. Allgemein erwünscht scheint eine solche Gesellschaft, in der nicht getötet wird, durchaus zu sein, nur war sie bislang kein wirkliches Objekt der Forschung. Wie aber sollen Politiker den Gedanken des Nonkilling in ihren Entscheidungen umsetzen, wenn Politologen ihnen nicht den Weg dafür bereiten?

So plausibel dieser Ansatz klingt, er widerspricht dem positivistischen wissenschaftlichen Prinzip, das zurückfragt: Wie soll man eine Nonkilling-Gesellschaft erforschen, wenn sie (noch) nicht da ist? Dafür ist ein Paradigmenwechsel notwendig, der dem Engagement des Wissenschaftlers ebenso gerecht wird wie dem Element kreativer Problemlösungen. Nonkilling, so der Wissenschaftler im dritten Kapitel des genannten Buches, hat Strukturen und eine innere Logik, genau wie Gewalt Strukturen und eine innere Logik hat. Wir benötigen also mehr Wissen über die Ursachen des Tötens, über die Besonderheiten einer Nonkilling-Gesellschaft und über Nonkilling-Handlungsmuster.

Die Studie zeigt Statistiken nichtmilitarisierter Staaten und solcher, die keine Todesstrafe kennen. Sie plädiert für die Sammlung empirischer Daten über erfolgreiche Umwandlungen von gewalttätigen Gesellschaften zu weniger gewalttätigen, wie bei der Waorani-Gesellschaft in Equador und sie geht Hinweisen auf die Möglichkeit von Nonkilling aus entfernteren Disziplinen nach, wie den Verhaltenswissenschaften. Als geisteswissenschaftliche Vordenker einer nicht-letalen Tradition wird A. Richard Konrad gennant, der in den 70er-Jahren für eine Verwerfung der philosophischen Neigung eintrat, Gewalt zu akzeptieren, und zu einer solchen zu gelangen, die versucht, gewaltlose Alternativen zu schaffen und zu prüfen. Auch John W. Burgess, ein US-amerikanischer Politologe, vertrat einen ähnlichen Ansatz.

Glenn D. Paige beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit dieser Thematik. Dabei hat seine Einstellung eine radikale Wandlung erfahren: In seiner Dissertation hatte er den Krieg und die Kriegsdrohung gegen Korea noch gerechtfertigt und sogar selbst 1950 am Korea-Krieg teilgenommen. Jedoch führte die Verfolgung von Politikern wie Kim Dae-Jung und Dichtern wie Kim Chi Ha Anfang der 70er-Jahre dazu, dass der Politologe an der Universität von Hawaii politisches und jedes andere Töten als rein destruktiv erkannte und praktische Perspektiven für Nonkilling als gesellschaftliche Norm erforschte.

Dabei studierte er systematisch die Traditionen von Gandhi, King und Tolstoy ebenso wie buddhistische, christliche und muslimische Ansätze der Gewaltlosigkeit. Auf vielen Reisen fand er Anregungen und Gleichgesinnte. Petra Kelly traf er 1983 in Bonn. In London sprach er mit einem der Gründer der gewaltlosen "Fellowship"-Partei und in Ulan Bator mit internationalen Gelehrten. Seine Forschungen im Feld der internationalen Politik (im Geiste von Prof. Richard C. Snyder) haben in vielen Institutionen weltweit Spuren hinterlassen. Als 1995 die internationale Führungsakademie der Universität der Vereinten Nationen in Jordanien unter der Leitung von König Hussein und Premierminister Abdul Salam Majali gegründet wurde, waren Paiges Thesen über die Wichtigkeit kreativer politischer Führung für globale Problemlösungen sinnstiftend. Mit dem kolumbianischen Gouverneur Guillermo Gaviria, einem Politiker, der den Gedanken der Gewaltlosigkeit verkörperte wie kaum ein zweiter, verband ihn eine Freundschaft. Außer diesen Erfahrungen weit über die Enge des Elfenbeinturms hinaus und neben diversen Publikationen hielt Professor Paige Seminare über gewaltlose politische Alternativen und über politische Führung.

Charakteristisch für Paiges Vision einer gewaltlosen globalen Transformation ist der "Top-Down"-Ansatz: Ohne die Relevanz von Grassroot-Bewegungen in irgendeiner Weise in Frage zu stellen, sondern sie ergänzend, untersucht der Politologe insbesondere, inwiefern politische Führer gewaltlose Prinzipien umsetzen können und inwieweit Wissenschaftler, aber auch Künstler und andere Eliten aus ihrer Verantwortung heraus Strukturen für Nonkilling als Norm schaffen können. Diesen Zweck unterstützt auch das Zentrum für globale Gewaltlosigkeit, wo der emeritierte Professor und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Forschungs-, Bildungs- und Koordinationsfunktionen wahrnehmen. Das Motto des Instituts ist egalitär: "Jeder kann ein Zentrum für globale Gewaltlosigkeit sein."

Die Studie "Nonkilling Global Political Science", die derzeit in neun Sprachen übersetzt wird, war bereits Thema von akademischen Seminaren in den USA und in Kanada. Im Februar wird sie den theoretischen Rahmen der philippinischen Konferenz "Ist eine Nonkilling-Gesellschaft auf den Philippinen möglich?" bilden. Angesichts der interdisziplinären Relevanz und der klaren und konstruktiv-praktischen Argumentation kann damit gerechnet werden, dass dieses Buch zu einem Standardwerk nicht nur in der Politikwissenschaft wird.

Links: Das Zentrum für Globale Gewaltlosigkeit: www.globalnonviolence.org, - Das Buch "Nonkilling Global Political Science" als pdf-Datei: www.globalnonviolence.org/ docs/nonkilling/nonkilling_text.pdf

Siehe auch Essay 11

Perspectives for Nonkilling
as a Social Norm

New branch of Political Science beyond the "lethal philosophical tradition"
by Anis Hamadeh, September 19, 2003

"The nonkilling society is a human community, smallest to largest, local to global, characterized by no killing of humans, and no threats to kill; no weapons designed to kill humans and no justifications for using them; and no conditions of society dependent upon threat or use of killing force for maintenance or change." This writes Professor Glenn D. Paige from the Center for Global Nonviolence in Hawai'i on page one of his study "Nonkilling Global Political Science" which was published in autumn last year. (Xlibris 2002)

Is such a society possible? The scientist posed this question to political scientists worldwide and the result is amazing: most of his collegues never had seriously considered the issue. Paige here recognizes a "lethal philosophical tradition", ranging from Plato and Aristotle over Machiavelli, Hobbes, Locke, Marx, Engels, Rousseau, to Weber, inasfar as they had justified or presupposed violence in their political ideas. The general wish for such a society, in which there is no killing, seems to exist, it only has not really been an object of research so far. But how can politicians apply the idea of nonkilling in their decisions, if there are no political scientists who pave the way?

As plausible as this approach may sound, it contradicts the positivist scientific principle which asks back: how can anyone analyse a nonkilling society, if it does not exist (yet)? For this, a paradigm change is necessary, one that does justice to the engagement of the scientist as well as to the element of creative problem-solutions. For nonkilling, the scientist writes in chapter three of the mentioned book, has structures and an inherent logic, just as violence has structures and an inherent logic. Thus we need more knowledge about the causes of killing, about the characteristics of a nonkilling society, and about nonkilling action patterns.

The study shows figures of nonmilitary states and those which do not practise death penalty. It calls for the collection of empirical data of successful transitions where violent societies turned into less violent ones, as in the Waorani society in Equador and it considers evidence from more remote disciplines, like the behavioral sciences. A. Richard Konrad is mentioned as a pioneer of a nonlethal tradition in the humanities. In the 1970s he called for discarding the philosophical tendency to accept violence and to reach the point of trying to establish and to test nonviolent alternatives. A similar approach can be seen in John W. Burgess, a US American political scientist.

Glenn D. Paige has been dealing with this field of study for more than thirty years. During this time, his attitude underwent a radical change: in his Ph.D. thesis he had still justified the war and the threat of war against Korea and he participated in the Korea War in 1950. But the persecution of politicians like Kim Dae-Jung and poets like Kim Chi Ha at the beginning of the 70s led to the political scientist's recognition that political and any other killing is purely destructive. Working at the University of Hawai'i he started exploring the practical perspectives for nonkilling as a social norm.

Systematically, he studied the traditions of Gandhi, King, and Tolstoy, as well as Buddhist, Christian, and Muslim approaches of nonviolence. On many journeys he found stimulating new aspects and people who shared the spirit. He met Petra Kelly in Bonn in 1983. In London he talked with one of the founders of the nonviolent "Fellowship" party, and in Ulaan Bator with international scholars. His research in the field of international politics (building on the work of Prof. Richard C. Snyder), has left traces in many institutions worldwide. "When the United Nations University's International Leadership Academy was founded in 1995 in Jordan under the leadership of King Hussein and Prime Minister Abdul Salam Majali, Paige's theses on the importance of creative political leaderhip for global problem-solutions had contributed to its establishment.

Friendship connected him with the Columbian Governor Guillermo Gaviria, a politician, who personified the idea of nonviolence like few others. Apart from these experiences far beyond the narrowness of the ivory tower and next to diverse publications, Professor Paige conducted seminars on nonviolent political alternatives and on political leadership.

Characteristic in Paige's vision of a nonviolent global transition is the "top-down" approach: without questioning the relevance of grassroot movements in any way, but accomplishing it, the political scientist is especially interested in the possibilities of political leaders to apply nonviolent principles and in the possibilities of scientists as well as artists and other responsible elites to create structures for nonkilling as a norm. This aim is supported by the Center for Global Nonviolence, where the professor emeritus and his collegues facilitate functions of research, education, and coordination. The motto of the center is egalitarian: "Everyone can be a center for global nonviolence."

The study "Nonkilling Global Political Science", which is being translated into nine languages, had already been subject of academic seminars in the US and in Canada. Next February it will constitute the theoretical framework of a national Philippine conference called: "Is a Nonkilling Philippine Society Possible?" In view of its interdisciplinary relevance and its clear and constructive practical line of argumentation it can be reckoned that this book will become a standard reference not only in the field of political science.

Links: The Center for Global Nonviolence at www.globalnonviolence.org, - The book "Nonkilling Global Political Science" as a pdf file at www.globalnonviolence.org/ docs/nonkilling/nonkilling_text.pdf

Anis Hamadeh, August 2003 Also see essay 11

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