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FRIEDRICH HITZERS ROOM
Puschkin-Medaille 2006

Literaturnaja Gaseta, No. 52, 27.-31. Dezember 2006

Rubrik "Literarischer Kurier", Seite 8

"Am Vorabend des Neuen Jahres verlieh der Generalkonsul Russlands in der bayerischen Hauptstadt, Alexander Karatschevstsev, in feierlicher Umrahmung die Puschkin-Medaille an die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands - Tatjana Lukina, Tatjana Erschowa, Friedrich Hitzer, Hermann Rumschöttel und Arkadi Polonski. Seit Verleihung dieser Auszeichnung durch den Präsidenten der Russischen Föderation im Jahr 1999 erhielten sie 289 Personen. Darunter 34 nicht russische Staatsangehörige. Die Puschkin-Medaille wird verliehen für "Verdienste auf dem Gebiet der Kultur und Aufklärung, der humanitären Wissenschaften, der Literatur und Kunst, für den großen Beitrag beim Studium und dem Erhalt des kulturellen Erbes, der Annäherung und wechselseitigen Bereicherung der Kultur der Nationen und Völker."


In memoriam Alexander Puschkin (1799 - 1837)

Zur Erinnerung an die
Verleihung der Puschkin-Medaillen
durch den Generalkonsul der Russischen Föderation in München
und Frau Tamara Karachevtseva
Residenz, Sternwartstraße 22,
Dienstag, 5. Dezember 2006, 17 Uhr

ER SENKTE DIE PISTOLE
Eine Weihnachtsgeschichte von Friedrich Hitzer

Russische Fassung für Radio Swoboda/Liberty,
Redaktion Serge Jourenien, Prag/Wolfratshausen 1995
Deutsche Erstveröffentlichung im Isar-Loisach-Boten,
Weihnachtsausgabe 2005

Ein Wort des Dankes zur Puschkin-Medaille

Alexander Puschkin begleitet mich seit der Zeit, als ich mit dem Studium des Russischen begann. Zu den ersten Werken der russischen Klassik, die ich im Original las, gehört Puschkins Novelle Wystrel. Ich las mich durch das Meisterwerk Wort für Wort und Satz für Satz, versuchte mich in ersten Übersetzungen sowohl ins Deutsche, meine Muttersprache, als auch ins Englische, die Sprache des Landes, in das ich einmal auswandern wollte, in die Vereinigten Staaten von Amerika. Ich blieb nicht dort, aber der Schuss saß, wie die Novelle Puschkins zu deutsch heißt, seitdem mir mein erster Sprachlehrer, Juri Harjan, half, in diese mysteriöse Geschichte eines Duells, bei dem kein Toter zurückblieb, einzudringen. Juri, damals George gerufen, hatte die schrecklichen Duelle zwischen Deutschen und Russen im 20. Jahrhundert überlebt - Besatzer aus Deutschland verschleppten ihn als Schüler von der Straße weg, und 1945 nahm ihn eine junge Amerikanerin der Armee in die Staaten mit, wo ich ihm über den Weg lief, er mich fragte, ob ich nicht russisch lernen wollte, und ich zurückfragte, warum ich das soll, und er mir freimütig sagte, Fred, I have no students. Zurück in Deutschland nahm mich der Philosoph Fedor Stepun als letzten Doktoranden der Russischen Geistesgeschichte an. Ihn hatten Beauftragte der Regierung Lenin-Trotzki unter Androhung der Erschießung 1923 außer Landes verwiesen. Noch immer verharrte ich in der Klassik des 19. Jahrhunderts, mühte mich ab mit Tjutschew, den Puschkin als Dichter entdeckte, einen jungen Kammerherrn an der russischen Gesandtschaft in München. In die Höhen und Tiefen, die dem zweiten Dreißigjährigen Krieg 1914 bis 1945 folgten, geriet ich durch die Faszination an den Dichtern in Moskau, die riesige Säle, Plätze und Stadien füllten. An den Tagen der Poesie. Djen poesie, hieß das. Am Majakowski-Denkmal, im großen Tschaikowski-Saal, dem Kommunistischen Auditorium der alten Moskauer Universität oder oben auf den Leninbergen, die jetzt wieder wie früher Sperlingshügel heißen. In meiner Wahrnehmung war dieser Frühling des lyrischen Wortes, der musikalischen Kaskaden und der Sehnsucht nach Freiheit, Anmut und Schönheit der Nachhall von Puschkin und Tjutschew und vielen anderen. Ich konnte nie das trennen, was die Politik des Wahnsinns und der Gewalt zerstörten. Die Erneuerer der russischen Dichtkunst waren später meine Gäste in Schwabing - Jewtuschenko, Wosnesenski, Roschdestwenski, Winokurow, vor allem Bulat Okudschawa und Bella Achmadulina, aber auch ältere Kulturschaffende wie Simonow und Romm, Karmen und Ginsburg, Granin und Tschuchrai. Ich hatte mir vorgenommen, diese Stimmen meinen Freunden hier zu vermitteln, sie sollten Russland im O-Ton hören und nicht in den schrillen Tönen über Russland.

Bei Reisen in andere Länder achtete ich auf die Mosaiksplitter russischer und deutscher Kultur, die eben jene Politik des Wahns und der Gewalt über alle Kontinente verstreut hatte. Deutschland und Russland gehören ja zu den Ländern, von wo viel zu viele Menschen gezwungen waren, die Heimat zu verlassen. Im Sommer 1962 streifte ich, als Dolmetscher und Reisebegleiter deutscher Spezialisten bei einem Weltforum für Kinderärzte in Portugal, durch die Altstadt Lissabons und suchte ein Antiquariat auf. Dort fand ich die berühmte Werkausgabe Puschkins, herausgegeben von A. S. Suworin in Petersburg 1887. Voller Ehrfurcht erwarb ich die sechs Bände der acht Werkteile von Alexander Sergejewitsch Puschkin und dachte wie bei anderen seltenen Büchern wie der ersten Werkausgabe des Philosophen Wladimir Solowjow an das Schicksal der ehemaligen Besitzer, die im kleinen Gepäck auf der großen Flucht in Estoril und Lisboa gelandet waren und wer weiß, was für ein Leben nach dem Verlust der Heimat fristeten. Die wenigstens hielten sich so wie Vladimir Nabokov, den ich noch in den USA erlebte und mich immer wunderte, warum man in Deutschland, wo er ja zum Schriftsteller heranreifte, so wenig über Nabokovs Berliner Zeit weiß.

Bücher wie die Werke Puschkins in der Edition Suworins, dritte Auflage, sind mir Zeugnisse eines unvergänglichen Daseins, zu dem man immer wieder aufs Neue zurückkehrt, sich der Menschen erinnert, die an ihnen ihre Freude hatten oder Trost suchten. Und so kam es zu der Erzählung, die ich für Serge Jourenien erst auf russisch verfasste. Sie erhielt den Titel - On opustil pistolet. Sergei lektorierte sie für seine Sendung bei Radio Swoboda 1995. Als mich die Redaktion der Zeitung Isar-Loisach-Bote, die Regionalausgabe des Münchner Merkur im bayerischen Oberland, vor einem Jahr um eine Weihnachtsgeschichte bat, konnte die deutsche Fassung der Erzählung unter dem Titel Er senkte die Pistole zum ersten Mal erscheinen - mit dem Abdruck eines Kupferstichs aus der Werkstatt Utkins für Suworins Werkausgabe, angefertigt nach dem Porträt von Kiprenski noch vom lebenden Puschkin, daneben ist das Porträt der Frau Puschkins, Natalja, zu sehen, das ein nicht so bekannter Künstler im Stil jener Zeit anfertigte.

Zum Gedenken an Alexander Puschkin und zum Dank für die erwiesene Ehre der Verleihung der Puschkin-Medaille habe ich eine Mappe anfertigt, der die russische und die deutsche Fassung meiner Erzählung Er senkte die Pistole beiliegt. Die Mappe enthält auch eine Kopie des Blattes, das ich aufspürte in einem Schloss abseits der elsässischen Weinstraße im Städtchen Soultz. Auf einer Reise ins Elsaß im Dezember 1994 entdeckte ich zufällig das Schloss, aus dem der Mann stammte, der Puschkin im Duell erschoss - Georges Charles Baron van Anthes, später le Baron van Heeckeren, Ambassadeur à la cour de Russie. Für mich wurde daraus eine Variation zu der Novelle Wystrel . Ein Spiel mit den Namen Silvelie - meine Frau begleitet mich, den Erzählenden, im Auto und in der Erzählung, in der Puschkins mysteriöser Held Silvio sich weigert, auf den Duellanten zu schießen. Unversehrt durch die erste Kugel des Gegners, senkt Silvio die Pistole, statt zu schießen spuckt er voller Verachtung Kirschsteine aus. Kurzum Puschkin hat den Ritus, durch das Spiel um Leben oder Tod die Ehre wiederherzustellen, ad absurdum geführt, ohne zu ahnen, dass er einem Duell, das zahlreichen Intrigen gegen den Dichter am Hof folgte, zum Opfer fallen würde - tödlich getroffen von d'Anthès, wie er in Bella Achmadulinas lyrischer Klage heißt.

Die sieben Mappen, die ich mit Hilfe meiner Frau Silvelie vorbereitete, sind mein Geschenk an alle hier Ausgezeichneten, sowie an den Generalkonsul der Russischen Föderation in München und seiner Frau Tamara Karatchevtseva und den Präsidenten der Russischen Föderation, Herrn Wladimir Putin.

Wolfratshausen/ München, 5. Dezember 2006 Friedrich Hitzer

 

PS vom 6. Dezember 2006:

Die Namen der in München ausgezeichneten Puschkin-Medaillen-Träger:
Tatjana Erschow, Leiterin der Tolstoi-Bibliothek, München
Tatjana Lukina, Schauspielerin, Präsidentin von MIR e.V., Zentrum der russischen Kultur in München
Dr. Arkadi Polonski, früher Kiew, jetzt München, Doktor der Technischen Wissenschaften, Spezialfach Kybernetik, Erforscher Tjutschews und der Familien Ostermann-Tolstoi
Prof. Dr. Hermann Rumschöttel, Generaldirektor der Bayerischen Staatsarchive, München
Friedrich Hitzer, Schriftsteller und Übersetzer, Wolfratshausen

Nach Angaben des Generalkonsuls der Russischen Föderation in München, Herrn Alexander Karatchevtsev sind in diesem Jahr 15 Persönlichkeiten, wohnhaft in Deutschland, ausgezeichnet worden, darunter die oben erwähnten 5 im Freistaat Bayern. Die Medaille wird seit 1999 verliehen. Unter den seither 289 ausgezeichneten Persönlichkeiten waren 34 Angehörige anderer Staaten. F.H.

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