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FRIEDRICH HITZERS ROOM
Leserbriefe seit 2000
(Aus dem Buch "Keine Angst vor der Angst. Narrationen aus einer Katakombe")

Inhalt: NONSENSE (01.01.2000) - “Außenpolitik in der SZ” (Nov. 2002) - Joachim Käppner: “Die ferne Verteidigungslinie” SZ vom 26.08.2005 - Zu Stefan Kornelius, SZ vom 21.09.2005 - Norman Solomon: Was kostet der Warfare State? (19.09.2005) - Offener Brief an Franziska Augstein, SZ (11/2005) - An das Bayerische Fernsehen, Redaktion quer (11/2005) - Nichts Neues vom “Deutschland-Komplex”/“Der Pakt mit dem Osten” (SZ vom 13.12.2005) - An das Bundespräsidialamt. Zum Jahreswechsel 2005/2006 - Rundbrief für klarsichten übers Internet (01/2006) - An die Evangelische Akademie, Tutzing: Bonhoeffer oder Teltschik ... (03/2006) - An die Redaktion des 3-SAT, Zur Sendung “20 Jahre Historikerstreit” (06/2006)

DAS IST NICHTS FÜR UNS
Leserbriefe ab 2000 für Medien der Gleichschaltung und des Nonsense

NONSENSE                                                                                                          1. Januar 2000

BACK BAKC BAKC BACK
LACK LAKC LAKC LACK
KACK KAKX KAKC KACK
SACK SAKC SAKX SACK

   WEM WEMM WEM WEMM
   DEM DEMM DEM DEMM
   BLEMM BLEM BLEM BLEMM
   SEM SEMM SEMM SEM

      BIMM BIM BIMM BIM
      KIMM KIM KIM KIMM
      XIM XLIMM XIMM XWIMM
      SIM SIMM LSIM WSIMM

         COM COMM COM COMM
         DOM DLOM DLSOM DOMDOM
         MOM MOLM MOMM MOXXOM
         VOM VOM VOM VOM

            BLUFF BLUFF BLUFF BLUF
            DRUFF DRUFF DRUFF DRUF

PLEASE CORRECT ALL MISTAKES
THANK YOU VERY MUCH
BROTHER MOTHER SISTER INCORPORATED, New York Times for Süddeutsche Zeitung


November 2002

An die Chefredaktion der Süddeutsche Zeitung

Ein Leserbrief zu “Außenpolitik in der SZ”

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich abonniere die SZ seit Anfang der 60er Jahre und weiß, dass Pluralität der Meinungen in der Demokratie ein wichtiges Merkmal anspruchsvoller Zeitungen ist und unterschiedliche Qualitäten der Recherche zu einer Zeitung ebenso gehören wie das Mosaik der Geschmäcker und Fähigkeiten der Journalisten.

Umso mehr erstaunt mich, dass in der letzten Zeit die Innenpolitik der SZ, die meines Erachtens zum Besten auf dem deutschen Markt der Tagespresse gehört, die Außenpolitik Ihres Blattes dermaßen in den Schatten stellt. Haben Sie denn überhaupt noch eine Redaktion, die auf Qualität und Glaubwürdigkeit der Beiträge achtet? Mir fällt auf, dass qualifizierte Information in dem Maß schwindet wie die subjektive Kommentierung zunimmt und sich leider so oberflächlich gibt wie das SZ-Magazin und die neue SZ am Wochenende. (Geben Sie einen Rabatt, wenn ich auf beide Beilagen verzichte?)

Manchmal erstaunt mich, wie, trotz der extremen, zumeist seichten Subjektivität, Klischees dominieren. Folgen die Leute einer Sprachregelung oder einem vorauseilenden Gehorsam? (Über die USA, Russland und Zentralasien, speziell Afghanistan - eine Fundgrube: Avenarius, das Multitalent, beherrscht ja den Kreml, Afghanistan und Tschetschenien wie weiland ein Chefkommentator der alten Prawda).

Über Russland schießen bei Ihnen fast alle wieder aus einem Rohr - in die Richtung des alten, vertrauten Feindes seit 1914. Da behauptet eine Dame (Neubert), eine kritische Sicht des Ribbentropp-Molotow-Paktes und dergleichen gäbe es in Russland nicht mehr. Hat Frau Neubert einmal von der Sammlung gehört, die dort in jeder Uni-Bibliothek vorliegt und ausgesprochen sensationelle Dokumente (“Russland. 20. Jahrhundert”), enthält? Hat sie die heftigen Diskussionen in Russland deshalb verschlafen, weil etwa diese Dokumentation in Deutschland - auch in Ihrer Zeitung - bis heute ignoriert wird?

Repräsentanten des demokratischen Russland - vor allem der schwere und noch nicht ausgestandene Kampf, das dieses Russland führt - kamen und kommen bei Ihnen nicht vor: Als ich Ihnen 1995 Informationen  über die Hintergründe des ersten Tschetschenien-Krieges der 90er Jahre aus erster Hand anbot (ein Interview mit Sergei Kowaljow - er stand in Grosny als Menschenrechtsbeauftragter in der Administration von Jelzin, als dieser Bomben abwerfen ließ -), haben Sie nicht einmal geantwortet. Der Eindruck bei Menschen wie Kowaljow bis heute: Der Krieg passte ganz gut in ein bestimmtes Schema des Westens mit seiner Doppelmoral - je mehr sich die Russen selbst zerstören, desto besser. Die unterschiedlich argumentierenden Gegner des barbarischen Krieges im Kaukasus sind bei Ihnen ebenso wenig gefragt wie engagierte Demokraten, stören diese doch das Bild eines Landes, das man sich stets im Hinterhof der Weltgeschichte wünschte - 1917 durch den aus Deutschland finanzierten Putsch der terroristischen Bolschewiki (mit über 60 Millionen Goldmark!); ab 1991 dirigiert von autoritären Säufern und Tölpeln, ab 1999 von Putin und seinen Tschekisten, ein Land, das gemäß Ihrer bevorzugten Darstellungen heute besiedelt wird von Mafiosi, Prostituierten, Killern und Dummköpfen. Kein Wunder also, dass “70 Prozent der russischen Wirtschaft in den Händen der osteuropäischen Mafia” sind (Kahlweit, SZ v. 05.11.02). Der Terrorakt in Moskau gilt Ihnen als eine quasi freiheitliche Inszenierung “mutmaßlicher tschetschenischer Rebellen” (Ihr Aufmacher am 23.10.02). Frei nach der Devise: Der Putin ist doch selbst schuld! Dann kommt hinzu, dass die Russen das Unheil gar nicht bemerken, vor dem sie jedoch die fürsorgliche SZ aus München warnt (“Wie immer betrunken, lagen der einbeinige Kriegsinvalide Andrej, sein Freund Sergej und dessen Frau Maja mit ihren ewig blau geschlagenen Augen zu dritt in einem Bett, der Pittbull Rem friedlich zwischen ihnen dösend”, Avenarius, SZ v. 25.10.02 - man sieht, der SZ-Mann ist ein kenntnisreicher Beobachter von Moskauer Bettszenen - über Wodkagelage in Treppenaufgängen hat er sich ja schon zuvor ausgelassen!).

Wären Sie beleidigt, wenn man Ihrem Blatt vorsätzlichen Rufmord und Volksverhetzung unterstellte? (“Natürlich sind nicht alle reichen Russen in vornehmen Hotels Kriminelle - und doch ...”, Kahlweit über “Baden-Baden und anderswo”, s.o.) Wollen Sie etwa das Baden-Badener Fünf-Sterne-Hotel Brenner unter Druck setzen, wenn nichtrussische Reiche (von Düsseldorf über Dallas bis Riad) sich künftig weigern, unter einem Dach mit Russen zu schlafen, die dort mit “blondierten” Minderjährigen ihre Nächte verbringen und deren teure Kleider in die Mülltonne werfen?

Was wollen Sie eigentlich mit all dem erreichen? Angst schüren? Hass entfachen? Unter intelligenten Leuten sich endgültig blamieren? Deutsche Kaufleute daran hindern, in Russland zu investieren? Oder rechnen Sie mit Konflikten in der Zukunft, auf die man das deutsche Publikum einstimmt - zum Beispiel auf einen Befreiungskrieg im Kaukasus? (Als Nebenschauplatz des künftigen Befreiungskrieges im Irak, dann vielleicht im Iran usw?) Ihr Blatt wird doch in Russland gelesen, da kann man über Satelliten auch jeden Sinn und Unsinn unseres Fernsehens empfangen. Glauben Sie im Ernst, kritische Leute  - erneut “unter dem Joch des Kreml” wie weiland zu Sowjetzeiten - seien der Meinung, Sie engagierten sich für Russlands Demokratie?

Nein, ich fürchte es ist viel einfacher und kann schon bei Katharina II, der Zarin aus Zerbst, nachgelesen werden, als sie sich weigerte, einen “hochbegabten deutschen Mann” mit einem hohen Amt auszustatten: “Wie alle Deutschen hat er einen Riesenfehler - sie haben nicht genug Achtung vor Russland.”

Oder wie Dostojewski später schrieb: “Die ungewöhnliche Unkenntnis der Europäer in fast allem, was Russland betrifft, überraschte mich außerordentlich ... Ich stelle nur fest: Selbst die wildesten und erstaunlichsten Nachrichten über das gegenwärtige Leben in Russland finden beim Publikum den uneingeschränkten und naivsten Glauben ... Jeder weiß, dass es in Europa einige Periodika gibt, die speziell dazu bestimmt sind, Russland zu schaden.”

Dostojewski hat hier unrecht: Solche Periodika schaden nicht nur Russland, sondern auch Deutschland. Denn gerät - wie das bestimmte deutsche Eliten ab 1915 anstrebten - Russland heute in die Hand seiner chauvinistischen Isolationisten (damals waren des die bolschewistischen), dann scheppert es sogar in den Räumen der SZ-Chefredaktion.

 

PS: Zum Versand des Leserbriefes an die SZ und Moskowskie Nowosti

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich erlaube mir, Ihnen den Leserbrief unmittelbar zuzuleiten, betrifft er doch etwas Grundsätzliches, das Sie dem Text des Briefes selbst entnehmen können. Das heißt: Diese Sache betrifft nicht nur die Verantwortung namentlich gezeichneter Artikel, sondern die Chefredaktion insgesamt.

Vor ein paar Jahren hat Ihr Blatt - während einer Tagung zum Thema “Russland” unter Putin bei der Evangelischen Akademie in Tutzing - ein Interview mit Herrn Viktor Loschak, Chefredakteur der Moskowskie Nowosti, aufgenommen und veröffentlicht (ob das in der Form geschah, wie es Ihr Mitarbeiter ablieferte, kann ich nicht beurteilen - das Resultat schien mir merkwürdig, zumal ich Herrn Loschak bei der Tutzinger Tagung betreute, auch als Übersetzender).

Aus diesem Grund schicke ich eine Kopie dieses Schreibens und meines Leserbriefes auch an Hr. Viktor Loschak nach Moskau zu seiner Kenntnis und zur freien Verfügung für eine Veröffentlichung. Vielleicht haben Sie es vergessen: Die Zeitung Moskowskie Nowosti war und bleibt eines der Flaggschiffe für Freiheit und Demokratie in Russland, deren Probleme ich auf den Seiten der SZ seit langem vermisse, ja darin eigentlich nie zur Sprache kamen. Das sage ich aus gutem Grund und Kenntnissen aus meiner Übersetzung der Autobiographie von Alexander N. Jakowlew.

 

                                                                                                                       Nachtrag 2003/2005

Die Moskowskie Nowosti veröffentlichte den Beitrag, die Süddeutsche Zeitung, München, reagierte nicht. Statt dessen rief Thomas Avenarius, SZ- Korrespondent in Moskau, bei mir an und beteuerte, er habe nichts gegen eine Veröffentlichung. Ob er nicht an einem öffentlichen Streitgespräch in München teilnehmen wolle, fragte ich ihn. Im Prinzip ja, antwortete er wie weiland der Sprecher von Radio Eriwan, aber das hängt davon ab, wann ich wieder im Land bin. Er ist offenbar nie ins Land gekommen und berichtet seit seinen Abenteuern zwischen Moskau, Grosny, Afghanistan und anderswo bekanntlich aus Kairo über die heißen Punkte im Nahen Osten, Mittleren Osten und da und dort über Arabisches und Islamisches - ohne Kenntnis der Sprachen.

Brief an die Süddeutsche Zeitung, August 2005

                                                 Joachim Käppner: “Die ferne Verteidigungslinie”, SZ vom 26.08.2005

Nicht nur die Deutschen haben sich “mit den Auslandsmissionen ihrer Armee” schwer getan, wie Käppner sein Plädoyer für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan einleitet. Er wiederholt das, was Donald Rumsfeld in seinem Briefing für ausgesuchte Journalisten vor kurzem aufzählte und angab, warum die US-Regierung jetzt mehr Truppen in den Irak und nach Afghanistan entsendet. Das Echo in Deutschland darf da nicht fehlen. Ich halte es für keinen Zufall, dass der deutsche Meinungsartikel die Durchhalteparolen der


US-Administration variiert, womöglich unfreiwillig und auf dem Umweg über Berlin. Sie stammen inhaltlich aus den Spinnereien (meine Bezeichnung für die PR-Studios der spin doctors) von Karl Rove, Chefstratege des Präsidenten Bush jr., oder I. Lewis Libby, Oberassistent des Vizepräsidenten Cheney. Gelogen wird mehr denn je. Kein Wunder nach dem politischen und militärischen Fiasko aller “Friedensmissionen” seit der Wende 1989/91. Die Los Angeles Times vom 25.08.05 (Tom Hamburger und Sonni Efron) lässt einen auf das auseinanderbrechende Lügengebäude auf allen Ebenen der Macht in Washington blicken. Rumsfeld bleibt es allerdings noch immer vorbehalten, draufzuhauen: “Americans are a tough lot and will see their commitments through”. In freiem Teutonensprech:  “Amerikaner sind knallhart und stehen bis zum Letzten” (William Branigin, The Washington Post, 23.08.05). Was das Letzte sein soll, ist in den USA jedenfalls umstrittener denn je. Vor der Ranch des Präsidenten in Texas (wo Bush, wie die New York Times am 24.08.05 vorrechnete, seit seiner Präsidentschaft 339 Tage Urlaub verbrachte) wartet seit Wochen Cindy Sheehan, die vom Präsidenten erfahren will, weshalb ihr Sohn im Irak sein Leben verlieren musste. Auch in den Publikationen, die das Spinnereigewebe über die wirklichen Gründe der Interventionskriege auseinandernehmen, hört sich die deutsche Werbung für die “Friedensmissionen” im Ausland etwas makaber an. Verlangt doch Käppner von den Betroffenen die “Bereitschaft, Rückschläge und Opfer zu ertragen”, um dabei zu unken: “Die Bundeswehr wird noch sehr lange in Afghanistan bleiben.” Woher weiß er das? Kennt er die Sorgen der deutschen Soldaten und ihrer Angehörigen im Einsatz? Kennt er die Fehleinsätze der Deutschen, die schon ums Leben gekommen sind? Warum berichtet er nicht über die blutigen Ziele der deutschen Sondereinheiten des “Kommandos Spezialkräfte” (KSK)? Und teilt den SZ-Lesern zumindest mit, dass sie “unter Geheimschutz” operieren und auf wachsenden Widerstand in der Bevölkerung stoßen?


Während Käppner wie die seligen PK-Leute der Wehrmacht (immer weit weg von der Front) philosophiert, erfahre ich dagegen aus der New York Times vom 22.08.05, dass sich die Kampftaktiken im Irak und Afghanistan vernetzen, die Verluste der Amerikaner seit 2001 dort die größten sind. Hängt seine “Prognose” über die lang anhaltende “Friedensmission” am Hindukusch vielleicht mit den Großmanövern Russlands und Chinas, demnächst (im Oktober) mit Indien zusammen? Sollen sich die Deutschen etwa dem “Krieg gegen den Terror” der Russen, Chinesen und Inder anschließen? Oder steht ihnen ein anderer Befehl ins Haus? Im Zusammenhang mit den russischen TU-95 und TU-22M, den Langstreckenbombern, die bei der russisch-chinesischen “Friedensmission 2005" dabei waren. Ihm und anderen sei deshalb ein amerikanisches Buch zur Aufklärung empfohlen, das wichtige Fakten und Aussagen aus erster Hand über die Interventionskriege der letzten Jahrzehnte verarbeitet: War Made Easy. How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death von Norman Solomon, John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, New Jersey, 2005. Solomon erinnert unfreiwillig an Szenarien deutscher “Friedensmissionen” in der Vergangenheit, die uns längst eingeholt hat: Von Jugoslawien über den Kaukasus (Tschetschenien, Abchasien, Georgien) bis Afghanistan und Irak. Wenn Deutsche etwas nicht vergessen sollten (von Hitlers geostrategischem Irrwitz abgesehen, den die neuen PK-Journalisten gar nicht kennen), dann die Tatsache: Kriege lassen sich in der Etappe leicht begründen, von auftrumpfenden Politikern wie Blitze über fremde Territorien schleudern (mit Bomben gegen die Zivilbevölkerung), aber ziemlich schwer beenden, weil unter anderem aus dem einen regionalen Fiasko das nächste probiert wird - bis es zu Flächenbränden und Weltkriegen kommt. Die sinnlosen Kosten und Zerstörungen auch der neuen “Friedensmissionen”, genau: brutaler, völkerrechtswidriger Interventions- und Eroberungskriege will ich erst gar nicht ansprechen ...

                                                                                                                                                    

                                                                                              Antwort an den Absender, 29.08.2005

Sehr geehrter Herr Hitzer, ich möchte Ihnen auf Ihren Leserbrief antworten, in dem Sie meinen Kommentar zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan sehr kritisch bewerten. Dazu möchte ich gerne zwei Dinge anmerken.

Erstens gehen die Meinungen hier schlicht auseinander, wenn Sie die meine - die Mission ist nötig - für einen Ausdruck von schlechtem Journalismus halten, ist Ihnen das unbenommen. Wie Sie richtig anmerken, werden auch innerhalb der Redaktion unterschiedliche Standpunkte über die Auslandseinsätze der Nato geäußert. Ich darf Ihnen übrigens versichern, dass ich ganz ohne Instruktionen des amerikanischen Verteidigungsministers ausgekommen bin.

Zweitens aber habe ich mich wieder einmal gewundert, wie schnell andere Meinungen gleich in Nazi-Nähe gerückt werden. Es gibt aus meiner Sicht viele respektable Argumente gegen den Hindukusch-Einsatz der Bundeswehr, auch wenn ich sie nicht teile. Eine sachliche Auseinandersetzung ist aber nicht möglich, wenn Sie meine Argumente mit der Wehrmachtspropaganda gleichsetzen. Ich mag auch gar nicht mit Ihnen über diese Unterstellung rechten, darf aber eines zu bedenken geben: Der Afghanistan-Einsatz wird von einer gewaltigen Mehrheit des Parlaments getragen und demnächst wohl auch verlängert - denken fast alle Abgeordneten wie Wehrmachts-Propagandisten? Außerdem, und das meine ich ganz errnsthaft, sehe ich die Gefahr, die Naziverbrechen zu relativieren, wenn das Dritte Reich zum Vergleich mit jeder Meinung herhalten muss, die einem nicht passt. Mit freundlichen Grüßen

gez. Joachim Käppner, Stv. Ressortleiter Innenpolitik Süddeutsche Zeitung

 

                                     Brief an den Stv. Ressortleiter Innenpolitik, Dr. Joachim Käppner, 31.08.2005

Sehr geehrter Herr Dr. Käppner, für Ihren Brief vom 29. August 2005 will ich mich postwendend bedanken und zugleich bedauern, dass Sie auf meine Warnungen, die ich unter anderem Freunden und verantwortungsbewussten Kollegen in den USA verdanke, nicht eingehen. Außerdem habe ich ausdrücklich geschrieben, dass ich eine zeitliche Übereinstimmung mit den Äußerungen Rumsfelds über die Truppenverstärkungen in Afghanistan feststelle, die Sie “womöglich unfreiwillig und auf dem Umweg über Berlin” weitergeben und zugleich - ohne nähere Begründung - einen langen Einsatz deutscher Soldaten mit Opfern am Hindukusch erwarten. Ihr Kollege Peter Blechschmidt hat diesen Gedanken in der SZ vom 31.08.05 bekräftigt: “Struck warnt, die deutsche Bevölkerung müsse sich auf Tote bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr einstellen. Dennoch denkt er nicht an einen Abzug aus Afghanistan, sondern strebt vielmehr eine Ausweitung der Mission am Hindukusch an.”

Dass dieser hohe Grad von Übereinstimmung zwischen Rumsfeld und Struck, Käppner und Blechschmidt nicht zufällig besteht, können Sie vielen Analysen britischer und US-amerikanischer Autoren entnehmen. Im Unterschied zu den meisten Deutschen (leider auch in der SZ, nicht nur bei FAZ und Welt, Bild, Focus, Spiegel) weigern sie sich, die Wünsche der Exekutiven - ihre Chefredaktion inbegriffen - zu variieren. Sie decken den Sonder-Sprech für die Interventionskriege vom alten Balkan über den Kaukasus bis zum neuen Balkan (vorerst Afghanistan und Irak) auf. Wirklich unabhängige Journalisten, die selbstständig recherchieren, werden allerdings in Zeiten der Mächte, die uns dem neuen Militarismus ausliefern, immer seltener. Ein Beispiel: Solomon erwähnt in seinem Buch War Made Easy die drei größten Sender der USA, ABC, CBS, NBC, die von September 2002 bis Februar 2003 die 414 Stories zur Einstimmung der Bevölkerung auf den Überfall des Irak zu 90 Prozent nach Vorgaben aus dem Weißen Haus, dem Außenministerium und Pentagon ausrichteten. Dem Muster folgten, wie leicht nachzuweisen ist, die Deutschen - in den Exekutiven der Politik, Wirtschaft und Medien - seit dem Bombenkrieg gegen Jugoslawien.

In allen Fällen sehe ich den Tatbestand der neuen PK-Mentalität - ohne NS-Ideologie und NS-Embleme. Die besten PK-Leute waren übrigens diejenigen, die nicht Hitler, sondern den Krieg und das Geschehen des Krieges befürworteten und “nützliche” Argumente fürs Kriegführen formulierten. Manche von ihnen haben nach 1945 Bestseller verfasst - denken Sie an Lothar Günther Buchheim und Hans-Hellmut Kirst. Der beliebte Antikriegsbuchautor der Zwanzigerjahre, Ernst Glaeser (Jahrgang 1902), gehörte zu ihnen nach Rückkehr aus der Emigration. Er überwinterte fern von der Front als Kommentator für die Medien der Luftwaffe. Genau diesen unsterblichen Typus habe ich, um es militärisch auszudrücken, im Visier. Das Pentagon nennt sie embedded. Was tun die Eingebetteten?  Sie schreiben positiv und allgemein fürs Handwerk des Tötens, bedenken nie, ja verdrängen das Ende und schwören die Mütter, Schwestern, Söhne, Väter stets darauf ein, dass sie Opfer bringen müssen. An die Opfer der Bombenkriege gegen die Länder, die “befreit” werden sollen, denken Sie nicht. Sie spielen den Part der Propaganda-Kriegs-Korrespondenten aus der sicheren Ferne und wenden sich schweigsam ab, wenn sie erfahren, was die “Kollateral-Schäden” an Verstümmelung, Zerstörung und Vernichtung für lange Zeit bedeuten.

Wer den Bombenkrieg gegen Afghanistan (Jugoslawien, Irak u.a.) nicht schonungslos beschreibt, wie das meine amerikanischen Freunde tun, verhält sich so wie die deutschen PK-Helden, die einst aus der Etappe über Stalingrad oder Leningrad berichteten. Erst verkündeten sie die Botschaften, dass es einen raschen Sieg gebe, dann kamen die Meldungen über erste Opfer, die sie für unvermeidlich hielten. Und die Eskalation des sinnlosen Krieges und der Methoden der gegenseitigen Vergeltung (stets gegen den Terror) wuchs immer mehr. Wenn Struck von “seinen Soldaten” redet - so die SZ von heute - kommt mir alles wieder hoch, woran ich mich als Kind erinnere und was ich als Werkstudent in den Berichten der Heimkehrer aus sowjetischem Gewahrsam exzerpierte (bei der “Kommission der deutschen Kriegsgefangenengeschichte”, erst im Osteuropainstitut, dann in der Martiusstraße in München).

Wenn Sie persönlich die Auslandseinsätze deutscher Soldaten befürworten, tragen Sie auch die Verantwortung für die Folgen Ihrer Publizistik. Wie Sie das tun, ist Ihre Sache - ob mit oder ohne Jüngstes Gericht. Bitte warten Sie aber nicht darauf, bis die Särge der Gefallenen nicht mehr gezählt werden. Über die fast 2000 deutscher Soldaten mit posttraumatischen Zuständen nach Auslandseinsätzen habe ich nichts aus Ihrer Feder gelesen. Auch nicht darüber, was Barbara Ehrenreich in ihrem 1997erschienenen Buch Blood Rites. Origins and History of The Passions of War beschreibt - die Kriege der Neunzigerjahre und die “chirurgisch sauberen” Bombenkriege gegen Jugoslawien und den Irak betrafen Abertausende von Frauen, Kindern und Alten. Nach Chris Hedge, der diese Tatsachen ebenfalls recherchierte (What Every Person Should Know About War, New York 2003), betrafen diese Kriege nicht die Tschetniks, Taliban oder Saddams Schergen, sondern 75 bis 90 Prozent der Zivilbevölkerung. Die Zeitschrift Lancet veröffentlichte 2004 eine Studie der John Hopkins und Columbia University, wonach im Verlauf von 18 Monaten Bombardements des Irak über 100.000 Iraker, zumeist Frauen und Kinder ihr Leben verloren - von den Verstümmelten und für immer Gezeichneten gar nicht zu reden. Die SZ hat nie über diese Opfer geschrieben.

Nein, verehrter Herr Dr. Käppner, hier geht es nicht mehr um bloße Meinungen, sondern um Fragen von Leben oder Tod, dem pathologischen Wahn geostrategischer Panditen an der Spitze der Macht, die erneut Menschen in sinnlosen Kriegen verheizen. Mich erinnert das an Gloster in König Lear: “Es ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen”. Dazu gehören leider auch die Abgeordneten des Bundestags, die sich vor dem Bombenkrieg gegen Jugoslawien und Afghanistan gegenüber dem Schicksal anderer Völker  wie Blinde aufführten, gleichzeitig durch neoliberale Ideologen gegen das eigene Volk erpressen ließen.

Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen                                                            Friedrich Hitzer

 

    Nachtrag an Dr. Joachim Käppner.

Sie antworten freundlich und bestimmt, was ich hoch achte und zugleich betone, dass Vergleiche stets auch Unterschiede mitdenken lassen. Als Kind des Krieges, der Jagdbomberangriffe aus Bordwaffen auf den am Boden gehenden kleinen Zweibeiner überlebte, fühle ich unter der Haut, dass die Kriege seit 1990 vorwiegend Zivilisten töteten und ganze bewohnte Landstriche in den Ruin bombten. Vielleicht erkundigen Sie sich auch bei Mira Beham, die einmal in der SZ arbeitete, bis sie so einen Bombenhagel ablehnte und gegangen wurde. Womöglich ist all das erst der Auftakt zu dem, was George Soros (in einem Gespräch mit dem ORF) als Weltherrschaft durch Gewalt in verschiedenen Formen und Etappen meint. Normon Solomon ist härter als der Banker. Auch  Daniel Ellsberg, mit dem ich mich über die “Kriege aus der Luft” lange unterhielt. Deshalb ist für mich jeder Artikel “aus der Etappe” genau das, womit Sie nicht gleichgesetzt werden wollen. Aber ohne diese “Etappe” kann keine Politik Kriege führen, weder Wilhelm II noch Hitler, weder Johnson noch Bush, auch kein Schröder, Scharping und Fischer. Letztere wussten, was sie riskierten, weil man in Washington nicht um den heißen Brei herumredet und dies schon vor dem 11. September 2001. Das Project for The New American Century ist sogar im Internet nachzulesen. Und Robert Bowman, einst Chef des SDI-Programms, mit dem ich korrespondierte, hat auch kein Blatt vor den Mund genommen, als er vor den Kriegen warnte.

Sie schreiben viele Artikel, die ich gerne lese und mir merke - etwa Ihre einfühlsame Erinnerung an Simon Wiesenthal, mit dem ich (als Gründungsmitglied und Mitherausgeber des PDA, später PDI) indirekt zu tun hatte. Aber das andere Thema ist zu ernst. Ich schlage Alarm, weil ich - Bürger der Bundesrepublik und Besitzer der US-Green Card (seit 1956) - fürchte, dass wir auf dem besten Weg sind, die Verhängnisse der Vergangenheit unter neuen, selbstverständlich wiederum “edlen Zielen” zu wiederholen - dieses Mal nicht als Hegemon, sondern als Vasall, der dann und wann ein wenig murrt.

Deshalb schicke ich Ihnen den vollen Text meines Leserbriefs, den die SZ gekürzt veröffentlichte, meine Übersetzung des Artikels “Was kostet der Warfare State” Norman Solomons und die jüngste Übersetzung Solomons von Bush jr. - in Fragmenten aus dem Propagandaschwall des Präsidenten in die Sprache des blutigen Alltags, die Frontsoldaten und ihre Gegner im Irak, in Afghanistan (in Tschetschenien auf russisch), dann und wann im Kosovo anwenden. In den Zeitungen und im Fernsehen aber zumeist flüchtig und unpräzise weitergegeben werden - zumeist jedoch mit silence of language (Richard Keeble - der englische Kenner von George Orwell par excellence).

Freundliche Grüße und beste Wünsche


IN DER WUTH TUT NIEMAND GUT (altes deutsches Sprichwort)

Zu Stefan Kornelius in der SZ vom 21. September 2005

 

Wenn Papier schreien könnte, wären die Ausbrüche des Stefan Kornelius übers “Kummerland, Schlummerland” in jedem Buchstaben seiner Beschimpfung der Deutschen zu hören. Deutschland sei “zu einem politischen Gnom geschrumpft”, “derart verbacken”, “kompliziert und undurchschaubar”, “ideologisch aufgeheizt und zum Stillstand verdammt”, dass dem tobenden Redaktor (auf gut schwyzerisch) nur noch Schlechtes einfällt. Da der Wüterich keine Namen nennt, kann man sich aussuchen, wen er zwischen Isar und Spree, Rhein, Elbe und Oder meint.

Nun denn, über Deutschlands Wahlvolk raufen sich derzeit nicht nur Meinungsforscher, die ewig gleichen Gäste der Talkshows und die meisten Leitartikler, die gern dunkel munkeln, die Haare. Aber wenn ich aus der Münchner Sendlinger Straße den Schrei des Stefan K. vernehme - “Die Welt denkt anders!” -, ist schon zu fragen: Was ist mit dem Mann los? An welche Welt denkt er? Etwa an die der “Aktienkurse und Wahlkurven”, die (auf der gleichen Seite 4) sein Kollege Martin Hesse beschreibt? “Wichtiger als die Farbe der Politik”, heißt es da, ist “die Politik der Konzerne ... Die richten sich nämlich nicht nach den Bedürfnissen des Volkes sondern nach den “globalen Kapitalmärkten”. Und Hesse raunt leiser als Kornelius: Die kommende Regierung würde den “Teufelskreis” durchbrechen, damit “Siemens und andere Globalisierungsgewinner wieder in Deutschland investieren”. Ausgerechnet Siemens, dessen Heuschreckenbosse am Tag nach der Wahl rund 10.000 Menschen entlassen.

Die Welt, die ich kenne, hat sehr wohl verstanden, dass die Deutschen genau diesen Kräften des Absahnens und Abzockens eine Abfuhr erteilten. Vor allem haben das meine amerikanischen Freunde verstanden, die auf dieses Deutschland genauso setzen wie die Franzosen, Holländer, Italiener, Russen und Engländer - eigentlich alle, denen der Sozialstaat als Vorbild für eine humane und vernünftige Weltinnenpolitik dient, aber nicht die Politclowns des globalen Turbokapitalismus.

Natürlich verstehe ich die Wut des Außenpolitikers, der dem Präsidium der IP angehört, jener Elitezeitschrift (“Internationale Politik”), die in der aktuellen Ausgabe die Hegemonialtheorie der Bushianer abhandelt (“Zerfallende Staaten”) und die Vorteile disktutiert, wie man sich die Märkte und Staaten, wenn es sein muss, auch militärisch, erobert und aufteilt (die Prinzipien des “Westfälischen Friedens” werden elegant weggefegt, fast so wie die nicht geschützten Behausungen im Mississippi-Delta durch Katrina). Wer so denkt und gleichsam die Richtlinien für die Medienmentalitäten vorgibt (neben Stefan Kornelius tun das im Club dieser “Welt”: Friede Springer, Michael Rogowski, Eberhard Diepgen, Horst Teltschik, Hans-Dietrich Genscher und im Beirat die Elite des Neokonservativ-Neoliberalen Kartells aus Washington und den deutschen Filialen). In diesem Heft findet man wenigstens den Text derer, die in den USA zwar in arge Bedrängnis geraten, aber in Deutschland - auch in der SZ - nach wie vor durch gute Platzierung gleichgeschalteter Ansichten beschworen wird. Die kritischen Stimmen aus dem Amerika, das ich verehre - eine lege ich bei: Norman Solomon mit seinem Artikel aus dem Internet-Kommunikationsforum, wo keine Meinungsmonopole herrschen - da erfahre ich weitaus mehr über die reale Welt. In Solomons Beitrag über die “Kosten des Warfare State”, dem auch das deutsche Establishment finanziell, politisch und publizistisch frönt, erfahre ich genau das, weswegen ich persönlich auf die deutschen Wählerinnen und Wähler stolz bin und den Satz, den Solomon für die Amerikaner wählte, hier paraphrasiere: “Das Volk der Bundesrepublik Deutschland ist den Politikern in Berlin und den leitenden Redakteuren aller Leitmedien weit voraus.”

 

NORMAN SOLOMON

WAS KOSTET DER WARFARE STATE

Die New York Times begann diese Woche mit einem Leitartikel, der die Mediengesinnung des Warfare State kennzeichnet.

Das Editorial am Montag warnt vor den grässlichen Folgen eines wachsenden Defizits, das die Steuersenkungen auslösten und sich mit den “Vor-Katrina-Prioritäten des Mr. Bush vermengten”. Diese Prioritäten beziehen einen Militärhaushalt ein, der jetzt rund 500 Milliarden US-Dollar im Jahr verschlingt. Aber die Times widmet in ihrem Editorial kein einziges Wort über die Militärausgaben des Irak-Krieges.

Warum erwähnt man nicht die Option eines amerikanischen Rückzugs aus dem Irak, wo die US-Kriegsmühen den Steuerzahlern bereits 200 Milliarden US-Dollar aus der Tasche gezogen haben? Schön, wer das Sagen hat, was in die Leitartikel der New York Times kommt - genau so wie in die übrigen Großzeitungen des Landes - kann sich nicht dazu überwinden, für ein rasches Ende der US-Militärrolle im Irak einzutreten.

Grimmige Kritik an der Politik des Weißen Hauses ist eine Routine und durchaus kompatibel mit einer Unterstützung des Militarismus. Als die Times die Bush-Administration wegen des Handling der Hurrikanfolgen in einem Leitartikel vom 2. September verurteilte, enthielt der letzte Absatz den unzweideutigen Satz: “Amerika braucht zweifellos eine aktive Militärdienstarmee.”

Jetzt kreischen die Steuerkonservativen im Kongress laut auf, was die Bundesausgaben für die Golfküste dem Defizit antun werden. Die Widersprüche zwischen der Humanrhetorik und der Kosten für die Todesmaschine sind greller denn je. Die Inlandsbelastungen des US-Militarismus sollten auf den Tisch kommen und nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Das Volk der Vereinigten Staaten ist den Politikern in Washington und den leitenden Redakteuren im New York Times-Gebäude weit voraus. Am Samstag berichtete die Times über die Ergebnisse einer Umfrage, die sie gemeinsam mit CBS-News durchführte. Die Unterstützug für den Irakkrieg ist landesweit auf den bisher tiefsten Punkt gefallen (“Nur noch 44 Prozent meinen, die USA hätten richtig entschieden, gegen den Irak militärisch vorzugehen.”) Die Umfrage fand noch etwas heraus: “Bei den Dutzenden von Milliarden US-Dollar für Hurrikan Katrina und den monatlichen 5 Milliarden $ für den Irakkrieg meinen 8 von 10 Amerikanern voller Sorge, damit werde Geld abgezweigt, das man eher in den Vereinigten Staaten verwenden sollte.”

Die enorme finanzielle Last der anhaltenden US-Militärintervention im Irak könnte sich für die rechts gerichteten Eiferer, die derzeit die Staatsmacht an der Pennsylvania Avenue halten, verheerend auswirken. Aber die liberalen Eliten, die sich weigern, einen schnellen Rückzug der US-Streitkräfte aus dem Irak einzufordern - seien es die Führer der Demokratischen Partei im Kongress oder die Angehörigen des Herausgebergremiums der New York Times - nehmen nicht die Position ein, diese Frage auf die Tagesordnungen zu setzen.

Die Öffentlichkeit sollte immer öfter die Art der Einsicht zu hören bekommen, die Präsident Dwight D. Eisenhower im Jahr 1953 aussprach: “Jedes angefertigte Gewehr, jedes vom Stapel gelassene Kriegsschiff, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich Diebstahl an denen, die hungern und leiden, frieren und nichts zum Anziehen haben. Diese Welt in Waffen gibt nicht nur Geld aus. Sie verschleudert den Schweiß ihrer Arbeiter, den Genius ihrer Wissenschaftler, die Hoffnungen ihrer Kinder. Das ist, im wahren Sinn des Wortes, überhaupt keine Art zu leben. Unter der Wolke des Krieges hängt die Menschheit an einem Kreuz aus Eisen.”

Es liegt an der Antikriegsbewegung, die Verbindungen zwischen Kriegskosten und wirtschaftlichem Elend direkt anzusprechen, worüber es in der Times-CBS-News-Umfrage heißt, dies bereite über 80 Prozent der Öffentlichkeit große Sorgen. Dazu gehört die  Freigebigkeit, mit der das Pentagon seine Vertragspartner ausstattet - die Konzerne, die in den Kontext des Militarismus gehören, der viele Amerikaner und weitaus mehr Iraker tötet. Dieser Augenblick der Geschichte bietet eine entscheidende Gelegenheit, die Opposition gegen den Irakkrieg auszuweiten und damit gegen den ganzen Warfare State.

Veröffentlicht von www.truthout.org am 19. September 2005

                                                                                          Aus dem Englischen von Friedrich Hitzer

 

                                                     An die bessere Hälfte der Süddeutschen Zeitung, November 2005

Sehr geehrte Franziska Augstein,                                                                                            

Sie schreiben - leider - selten in der SZ, die ich zu meinem Leidweisen immer schneller zu Ende lese, um mich dann den Internet-Zeitungen zuzuwenden (in der letzten Zeit US-amerikanischen - ein kleines Sprengsel in meiner Übersetzung anbei). Heute las ich erneut gern und intensiv Ihre Zeilen - die selten schreibende Franziska Augstein regt zum Mitdenken an. Ich könnte jetzt - wie bei unserer letzten Korrespondenz um Speer und Er - viele Fäden weiterspinnen und in diesen elektronischen Brief einfließen lassen. Statt dessen schicke ich zwei Texte als Anhang. Mein Geleitwort zu Alexander Jakowlews Autobiographie "Die Abgründe meines Jahrhunderts". Darin ist fast all das enthalten, was Sie unter dem "neuen Mythos" zusammenfassen. Herr Möller, den Sie erwähnen, war mein Nachbar - im Flugzeug des Präsidenten, Roman Herzog, der mich in seine Delegation beim Besuch Russlands 1997 mitnahm (für eine Diskussion mit russischen Partnern - dafür verfasste ich - als einziger in der Gruppe für Kultur und Wissenschaft - Punkte unter dem Titel "Paralipomena"). Damals wusste ich nicht, dass das Institut für Zeitgeschichte eine Partnerschaft mit Jakowlews Projekten realisieren sollte. Jakowlew unterschrieb 1996 eine Vereinbarung - die Gegenunterschrift hat er nie erhalten. Sollte sie noch eintreffen, wäre es zu spät. Alexander Jakowlew starb am 18. Oktober 2005. In Deutschlands Presse wurde der Tod da und dort erwähnt - all das, was wir als Gemeinwesen ihm verdanken (er erhielt im Frühjahr das Bundesverdienstkreuz), gehört zu dem, was bestimmte Eliten unseres Landes im


 Umgang mit Russland schon immer trieben: Mit Arroganz deutsche Ignoranz demonstrieren. Das steckt nämlich hinter dem auszulöschenden Gedächtnis des Kommunismus, den ja Deutschlands alte Eliten für Russland finanzierten. Mit Millionen Goldmark. Man investierte also in die Erfolglosigkeit - auszubaden hatten diese Erfolglosigkeit Staaten, Völker und Zigmillionen Menschen. Kennen Sie das Drama um Paulus, der den Tod militärisch plante? Dieses Drama wird genau so unter den Teppich gekehrt wie die Wirkungen von "Kommunismus" und "Bolschewismus", der dem Nationalsozialismus wahlverwandt ist.

Die Konzeption "Jahrhundertprojekt", die mir Jakowlew übergab. Ich bemühte mich um deutsche Partner auf höchster Ebene. Institute. Professoren. Am weitesten kam ich mit Botschafter a.D. Dr. Hans-Georg Wieck (deshalb getrennt von diesem Brief noch eine Mail vom 9. Juli 2004 an Dr. Wieck). Heute legte ich einen weiteren Ordner ab, der die Korrespondenz zu diesem "Projekt" und ein schriftlich konzípiertes Programm für eine internationale Konferenz abgeben sollte. Aber es kam nicht dazu. Eine großartige Chance wurde verspielt - auch vom Institut für Zeitgeschichte.

Wer immer in Deutschland die Rahmenbedingungen solcher Politik - ob gegenüber den USA oder Russland: die deutschen Schieflagen sind da wie dort zu sehen - entwirft und durchpauken lässt, sollte sich daran erinnern, dass wir uns schon zwei Mal in beiden Himmelsrichtungen getäuscht haben und auf die Nase fielen. (Das Prädikat "wir" müsste präzisiert werden: Es geht um diejenigen, die sich an den Hebeln der Macht durchsetzten - vor allem denen der veröffentlichten Spins hinter und um Möller und dergleichen). Jakowlew wie alle genuin demokratischen Erneuerer wurden und werden hier ebenso ausgeblendet wie die Amerikaner, die jetzt konsequent und unnachsichtig die neokonservative Oligarchie in Wirtschaft, Politik und Medien aufdecken (vorerst in den USA) und ein Impeachment der gesamten Besetzung um Bush jr. anstreben.

 Deshalb mein Dank für die öffentliche Anregung und meine Ergänzung für Sie persönlich: Die von Ihnen diagnostizierte, auszulöschende Erinnerung an die DDR soll eigentlich das vertuschen, was diese erst möglich machte. Die Retourkutschen sind vorhersehbar. Der erfolglose Kommunismus begann 1917, als die Bolschewiki ihre gesamte Logistik mit Hilfe deutschen Geldes umsetzten - es gab sogar eine Zeitschrift "Die Glocke", finanziert vom Generalstab, die den Untertitel hatte: "Zeitschrift für die Weltrevolution". Und über die Hintergründe der Ermordung von Graf Mirbach gibt es seit kurzem einen Aufsatz - mit ganz neuen Quellen - nicht in Berlin, sondern in Moskau.

 

                                                        An das Bayerische Fernsehen, Redaktion quer, November 2005

Hallo Quer! Geehrte Maria Altmann!

Gestern saß die grüne Schwabengosche, alias Metzger, alias Fellow bei der Bertelsmann-Stiftung, auf der sauren Couch des charmanten Herrn Süß. Dazu gratuliere ich. Laden Sie den Herrn, der die Entstehung von Hartz IV bei der B-Stiftung begleitete und dafür einen hoch gesponserten Schinken, genannt Bestseller, über das miese Deutschland schreiben, verbreiten und gestern verplaudern durfte, laden Sie ihn möglichst oft ein - am besten mit Westerwelle, Blair und Bush jr. Er erfand immerhin eine Bezeichnung für die Grundsätze des Sozialstaates, um den ihn Blair-Bush noch beneiden muss: "Sozialer Imperialismus!"

 Ich schicke Ihnen aus einem Essay einen Passus als Vademecum zu Metzger und Co. ("Reform, Reform und Tittytainment. Globalisierung -Loch Ness in Deutschland.") “Innerhalb von zwei Jahren - zwischen Frühjahr 2002 und Frühjahr 2004 - erschienen die Bücher einiger führender Denkpanzer für den Angriff auf den deutschen Sozialstaat, die nach Albrecht Müller "eine nahezu identische Botschaft" verkünden. Wir kennen diese Autoren-Panzer aus Talkshows: Meinhard Miegel mit dem Titel Die deformierte Gesellschaft; Oswald Metzger, einst eloquenter Grünredner, jetzt hoch bezahlter Fellow der Bertelsmann-Stiftung mit dem Buch Einspruch! Wider den organisierten Staatsbankrott;  Hans-Werner Sinn, Experte zum Schönreden böser und Verbreiten falscher Wirtschaftsdaten, mit dem Klagekonvolut: Ist Deutschland  noch zu retten?; Gabor Steingart vom SPIEGEL-Büro, Berlin, mit seinem Printprodukt aus Daten der Deutschen Bank: Deutschland - der Abstieg eines Superstars. Und FAZ-Chef  Frank Schirrmacher krönt die Runde mit dem Methusalem-Komplott. Zur Entourage dieses Buchmacher-Kartells gehören Unternehmensberater Roland Berger, Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel und Arnulf Baring, ein wackerer Methusalem deutscher Historienbetrachtung, der in der Münchner Runde des Bayerischen Fernsehens vom 7. Dezember 2004 seine Liebe zu Deutschlands Werten mit dem Appell verknüpfte, man müsse zuallererst die "Totengräber Deutschlands" wegräumen,  als da sind Gewerkschaften und der Unrat aus dem 68er-Erbe. Vortrefflich passt dazu der ehemalige BDI-Präsident, Michael Rogowski, der 2004 vor der US-Handelskammer seine Vision ausplauderte: "Ich wünsche mir manchmal ein großes Lagerfeuer, um das Betriebsverfassungsgesetz und die Tarifverträge hineinzuwerfen. Danach könnte man einfach wieder von vorne anfangen." Rogowski provozierte nachgerade die Frage nach dem deutschen Muster für einen Neubeginn: Er ließ unbeantwortet, ob er als sein Muster deutschen Neubeginns die Zeit nach 1933 oder die nach 1945 meinte. An der Spitze des Kartells für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft agieren: Hans Tietmeyer, ehemaliger Bundesbankpräsident, Jürgen Stark, amtierender Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, Bernd Pfaffenbach, lange Zeit  Wirtschaftsberater von Bundeskanzler Gerhard Schröder, Klaus Rehling, Generaldirektor für Wirtschaft und Finanzen bei der EU-Kommission und andere. Ja, mein quer, woher kommt sowas?

Die soziale Regression unter dem Begriff "Reform" beruht letztlich auf zehn Empfehlungen, die John Williamson im November 1989 auf einer Konferenz der Welteliten in Washington D.C. vortrug. Die Ratschläge spiegeln bis heute die herrschenden Denkweisen bei Weltbank und Internationalem Währungsfond unter der Bezeichnung The Washington Consensus und besagen: Sozialkosten senken, Subventionen abbauen, Liberalisieren, Deregulieren und Privatisieren. Demnach sollen die sozialen Schutzfunktionen des Staates weltweit  ausgeschaltet, dem uneingeschränkten Freihandel globaler Spielraum verschafft und die UNO als Forum der Weltgemeinschaft eliminiert werden. Das erste dieser zwölf Gebote erinnert gleichsam an eine Internationale des Geldes: Völker, hört die Signale! Seid frei! Wir bestimmen die Kurse! Im Klartext geht es um Welthegemonie durch Geld."

Beste quer-Grüße und quer-Wünsche von Friedrich Hitzer

 

Servus Friedrich,

da kann ich jetzt gar nicht viel dazu sagen: Offensichtlich haben Sie sich sehr geärgert über unseren Interviewgast. Das bedaure ich sehr. Herzliche Grüße,

Maria Altmann, q u e r

 

Servus Maria Altmann,

wär es nur Ärger, könnte ich sagen: "ich leide wie ein Hund" (übersetzt ins chinesische: "wie ein Vögelein", in die Sprache der Großkollateration: "wie ein Papierwurm"...). Den herzlichen Gruß erwidere ich mit einem Brief an SabChris, die blonde Dompteurin für Politschwätzer, ihr schrieb ich:

"Nach der Sendung mit Lafontaine und Merz erhoffte ich mir, die Redaktion beginnt damit, substantielle Unterschiede in der Sache zum Gegenstand der SCh-Show zu machen. Leider fielen Sie in den alten Trott zurück, zeigten mehr oder weniger das austauschbare Personal selbstverliebter Polit-Spieler und einen Gewerkschafter, der gezwungenermaßen sich bis zum Knirschen der Rückenwirbel den Mund fusselig redet und nicht eine Hand zum "Klatschören" bewegt. Wenn die Eliten in Medien, Wirtschaft und Politik so weiter machen, zerstören sie allmählich jegliches Vertrauen in demokratische Einrichtungen. Vielleicht ist Ihnen das aber gerade recht. Nur ärgerlich, dass man für die öffentlich-rechtlichen Sender Gebühren zahlen muss für ein Programm im Flachflug. Ich erinnere Sie an die lexikalische Beschreibung dessen, was zum Totalitären gehört:

  1. Die Massenmedien haben die zentrale Rolle für eine gelenkte politische Mobilisierung

  2. Der "Gier nach Zustimmung" der Massen bei den Führenden folgt die "Gleichschaltung nach einer Richtung des Denkens"

  3. Die "Tarnung der politischen Absichten" verwandelt sich in Schlagworte - Gebetsmühle: Flexibilisierung, Standort Deutschland, Globalisierung usw. - das Repertoire der sich in Gegnerschaft gerierenden Helden für Spiele, die langweilig werden - bis, ja bis was wann kommt? Dass Sie außerdem eine Parteigängerin Blairs zur Unterstützung des vom deutschen Wähler abgestraften neoliberalen Pakets bei SPD, CDU/CSU, FDP, Bündnis 90/Grüne (ohne aufrechte Bürgerrechtler) in die Runde holten, wo in England inzwischen die Fetzen fliegen (oder deutsche Emigranten der Hitler-Zeit gewaltsam aus dem Saal geführt werden), nehmen Ihnen allenfalls die Lobbies beim BDI und den dazu gehörenden Chefredaktionen in Presse, Funk und Fernsehen ab, oder den PR-Agenturen, die damit ihr Geld verdienen, den


Informationskrieg gegen die Bevölkerungsmehrheit am Laufen zu halten. Das Publikum schaltet ab. Da helfen auch keine manipulierten Umfragen mehr. Und was kommt dann? Manchmal sage ich mir: Gottlob werde ich das nicht mehr erleben."Aber, mit Maria Altmann und q u e r  ist es wenigsten ein bisschen lustig. Danke für die Antwort.

 

Lieben Dank für Ihre Email. Schön, dass Sie sich wieder einmal die Zeit genommen haben, uns zu schreiben - auch, wenn Sie diesmal wenig begeistert von unserem Interview-Gast waren. Ich hoffe, dass beim nächsten Mal wieder mehr für Sie dabei ist.

Herzliche Grüße, Maria Altmann q u e r

                                             

An die Süddeutsche Zeitung, Dezember 2005

Nichts Neues vom “Deutschland-Komplex”

“Der Pakt mit dem Osten”, SZ vom 13.12.2005

Winklers Rezension über Koenens Buch “Der Russland-Komplex” übersieht, dass die Wahlverwandtschaften zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus lange vor dem deutschen “Historikerstreit” behandelt wurden - von Fedor Stepun, Iwan Bunin,Vladimir Nabokov, bis zu prominenten Intellektuellen der Dreißiger- und Vierzigerjahre in der Sowjetunion, über die sich Stalin durch NKWD-Berichte ständig auf dem Laufenden hielt und je nach Laune belohnen oder bestrafen ließ. Die von Alexander Jakowlew (1923-2005) herausgegebene Reihe “Russland. 20 Jahrhundert. Dokumente” - seit Mitte der Neunzigerjahre 32 Bände - erhärtet das genauer als entsprechende deutsche Publikationen.  Deutschlands und Russlands Eliten der Macht entwerfen bis heute Projektionen übereinander, statt miteinander zu erforschen, warum sie im 20. Jahrhundert die Weltmeisterschaft im Blutvergießen erlangten. Als ich Jakowlews Autobiographie übersetzte und mit einem Vorwort versah (“Die Abgründe meines Jahrhunderts”, Leipzig 2003), dachte ich, die im “Russland-Komplex” verfangenen Deutschen würden Jakowlews Angebot einer Zusammenarbeit über den “Deutschland-Komplex” aufgreifen. A.N. Jakowlew, “Chefarchitekt” der Perestroika und Vorsitzender der Kommission zur Rehabilitierung der Repressionsopfer seit Lenin, unterzeichnete 1996 eine Vereinbarung, die ihm ein Minister aus Berlin nach Moskau mitbrachte, und wartete auf die deutsche Gegenunterschrift zu Lebzeiten vergeblich (er starb am 18.10.2005). Ähnlich erging es ihm mit dem durch mich vermittelten Angebot eines “Jahrhundertprojekts” - die deutsch-russische, deutsch-deutsch-sowjetische Geschichte in Dokumenten gemeinsam aufzuarbeiten - vom Sturz der Monarchien 1917/1918 bis zur deutschen Wiedervereinigung und der Bildung der “Russischen Föderation” 1991. Aber der “Deutschland-Komplex” hüllte sich in Schweigen. Es wäre wünschenswert, dass endlich die Geschäftsgrundlagen zwischen den beiden “Komplexen” genannt werden, damit beispielsweise Winklers Meinung über Koenens Ansichten eine solide Basis erhält. Sie besagt, dass Berlin ab 1915 die “Weltrevolution” insgeheim förderte und bezahlte. Berlin wollte freilich keine “sozialistische Revolution”, sondern einen Putsch gegen die Regierung in Petersburg, um Ruhe an der Ostfront zu schaffen und mehr Kräfte an der Westfront einzusetzen. Daher rüsteten die militärischen und zivilen Entscheidungsträger des deutschen Kaisers Lenins Truppe reichlich aus. Mit durchschlagendem Erfolg am Anfang (1917) und einer verheerenden Niederlage der Nachfahren am Ende (1945). Die Bolschewiki etablierten mit deutschen Steuerngelder das Grundmodell des totalitären Staatsterrorismus ab dem 7. November 1917 unter dem Aushängeschild kommunistischer und sozialistischer Ideale für die nach Erlösung süchtigen Massen. Der Terror der International-Sozialisten rief dann das Kontra-Modell auf den Plan  - den Staatsterrorismus der National-Sozialisten. Beide fußten auf einem Geschäft der Macht: Kaiser Wilhelm II. finanzierte Lenins bolschewistische Logistik (Verbringung der Täter an den Ort der Machtergreifung durch deutschen Geleitschutz, Flugblätter, Plakate und all das, was mittellose Welterlöser für einen Putsch brauchen) mit über 60 Millionen Goldmark (den heutigen Wert könnte der integrierte Deutsch-Schweizer, Ackermann von der Deutschen Bank, Renditen gemäß bewerten - die Goldvaluta bestand aus Schweizer Franken: im Transfer zwischen Berlin, Zürich, Petrograd, Moskau). Nach geheimdienstlich eingestuften Erfolgsmeldungen flossen die deutschen Steuergelder in Tranchen. Der Überbringer der größten Tranchen war Graf Mirbach, erster Botschafter des deutschen Kaisers am Hof der Volkskommissare Lenin und Trotzki, den J.G. Blumkin am 6. Juli 1918 ermordete, nach der Legende nur Sozialrevolutionär, tatsächlich die rechte Hand des Tscheka-Chefs F.E. Dzierzynski, der Lenins Willen erfüllte und den Zeugen der Geldübergabe, Graf Mirbach, in der deutschen Botschaft niederstreckte. Zehn Jahre später wurde Blumkin, Mirbachs Mörder, durch Lenins Nachfolger, Stalin, als Zeuge der Ermordung des Hauptzeugen für das kaiserlich-bolschewistische Geschäft, Graf Mirbach, umgebracht. Die rund 60 Millionen Goldmark aus dem deutschen Fiskus nahm übrigens Uljanow-Lenin in Raten persönlich entgegen. Der wichtigste Mitwisser der Geschäfte zwischen den Beamten und Militärs des deutschen Kaisers - Dschugaschwili, genannt Koba oder Stalin, später schlicht: “Er” - wollte  vor seinem Tod die Sache angeblich noch auffliegen lassen (wer weiß, ob er deshalb womöglich keines natürlichen Todes starb) ...

Dass die Verlierer des Krieges 1914-1918 sich nacheinander politisch abkochten und dann zusammenrauften, rührte nicht aus Deutschlands “Russland-Komplex”, aus den irrationalen Seelenverwandtschaften oder deutschen Fieberfantasien à la Dostojewski , sondern aus uralten Rezepten der Macht ohne Moral, die derzeit weltweit erneut zu bestaunen sind. Nachdem die Deutschen 1918 in Brest-Litovsk über die von ihnen installierten Bolschewisten ein Friedensdiktat verhängten, kriegten sie etwas später in Versailles das Diktat der Sieger im Westen verschrieben, und das Brester Diktat der Deutschen war vom Tisch. An den Fronten war sinnlos viel Blut geflossen - die Gier nach Vergeltung musste nur noch befriedigt werden: Durch die “Ideale” des International-Sozialismus hier und die des National-Sozialismus dort mit ihren massenhypnotischen Propagandagespinsten, die das nachhaltige Geschäft der Geheimdiplomatie verhüllten. Die Eliten der Macht arbeiteten daran weiter - “zum gegenseitigen Vorteil”. In Deutschland wartete man ab, bis Lenins getreuester Schüler - Stalin - die Sowjetunion sturmreif machte, indem er zuvor Millionen in den GuLag trieb oder umbringen ließ, darunter die militärische Elite der Sowjetunion, so wie die Lehrmeister Stalins - Uljanow-Lenin und Bronstein-Trotzki - die Eliten des alten Russlands vernichten oder vertreiben ließen. Natürlich ergab sich das nicht aus einem Masterplan, sondern aus einer unablässigen Folge verschiedener Geschäfte. Der “Russland-Komplex” im gehobenen deutschen Kulturbetrieb wäre der Wirklichkeit näher, wenn die Kabalen der Wirtschaft und deren Exekutiven in Politik, Militär und Geheimdiensten aus deutschen und russischen Archiven einbezogen und das Er-Dachte unterfütterten. Sonst bleibt es bei den dünnen Spekulationen im Rahmen des “Russland-Komplexes” der Deutschen und des “Deutschland-Komplexes “ der Russen.

                                                                                                                                                    

An das Bundespräsidialamt. Zum Jahreswechsel 2005/2006

An die Beratenden des BP!

Nehmen Sie noch wahr, dass die Äußerungen des von mir als Person hoch geschätzten Menschen und dennoch vielfach hinterfragten Präsidenten - dem Amtsmenschen - mehr als Zweifel aufkommen lassen - an den Redenschreibern oder dem, für den die Reden geschrieben werden?

Bitte denken Sie daran, dass das Volk, auch ein paar Nachdenkliche unter der Herde der zu Verblödenden, nicht merken würden, wie man sie aus den Chefetagen der Wirtschaft und der Gewählten, die nicht dem Volk, sondern der Wirtschaft dienen, einschläfern möchte, obwohl die Reden, die für den sympathisch lächelnden Herrn Köhler verfasst werden, anders gedacht sind. Falls Sie an geschichtliche Präzedenzfälle denken wollen, wovon Sie/Herr Köhler als Sprecher zu Weihnachten abraten, empfehle ich die Lektüre der Schriften von Hannah Arendt und dem Briefwechsel derselben mit Heidegger. Interessant wäre auch mein Doktorvater Fedor Stepun. Im übrigen können Sie bei Seneca oder Macchiavelli nachlesen, was geschieht, wenn Sie weiterreden lassen, was aus Ihrem Amt heraus ins Land tönt.

 

                                                                         Rundbrief für klarsichten übers Internet, Januar 2006

Ronnie Dugger, Begründer und ehemaliger Verleger der Zeitung The Texas Oberver, Verfasser verschiedener Präsidentenbiografien, jetzt in Cambridge, Massachusetts, schreibt in seinem “Impeach or Indict Bush and Cheney” vom 27. Januar 2006:

“Das Jahr 2006 wird für die Nation und wohl auch für die Menschheit ein historisches sein. Die Texaner Bush und Rove und ihre Verschwörer in der zweiten Bush-Präsidentschaft haben die amerikanische Demokratie zu Hause und in der Welt mit so vielen Verfälschungen unserer Nation und Werte geschändet, dass sie jetzt ihren Höhepunkt erreichen. Welche Rolle wollen die restlichen Texaner in diesem Jahr der Entscheidungen spielen?”

(www.truthout.org/docs_2006/printer_012806Z.shtml)


Dieser Frage sollten wir uns anschließen und herausfinden, mit welchem Amerika wir, die Deutschen, die Grundgesetz und Völkerrecht ernst nehmen, uns verbünden wollen.

 Bevor wir Stellung nehmen, sollten wir aber wissen, welche Alternativen sich anbieten, um nicht nur zu sagen, die Bush-Regierung und alles, was dahinter steht, gefallen uns nicht. Aus diesem Grund lege ich meine Übersetzung der Rede von Cindy Sheehan bei. Ihr Appell ist persönlich und universal, er richtet sich faktisch auch an uns, vor allem an die Deutschen, die im Februar einen der Hauptverantwortlichen der völkerrechtswidrigen Interventionskriege als “Ehrengast” in München begrüßen werden. Die Gäste des Horst Teltschik gehören der Welt an, von der Cindy Sheehan sagt, sie ist zerbrochen. Wenigstens ein paar Menschen, die ich erreichen kann, sollten die Stimmen aus dem Amerika hören, die unsere Mainstream-Medien ebenso totschweigen wie den mutigen Offizier der Bundeswehr, Major Florian Pfaff. Ein zweiter, kurzer Text aus den USA kritisiert dasVerhalten der Führungen vieler EU-Länder (“Die europäische Zwickmühle” von Serge Truffaut in

 www.truthout.org/docs_2006/printer_012606H.shtml)

Auch dieser Text dürfte in Berlin sicher ebenso bekannt sein wie in den Chefetagen der erwähnten Medien, die aus Angst vor der deutschen Öffentlichkeit solche Kritik ignorieren, um Bush nicht zu stören. Der Texaner Dugger wird diese Deutschen vielleicht einmal fragen, wo sie waren, als sie gebraucht wurden; in seinem Beitrag vom 27. Januar 2006 ist zu lesen, wie der nationale Widerstand wächst - “gegen die Verbrechen im Amt, verübt von Bush und Cheney”. Sollte ein Amtsenthebungsverfahren jetzt nicht möglich sein, lässt sich, so Dugger, auch an eine Grand Jury denken, auf der Eben e der Föderation oder eines Einzelstaates, die Bush und Cheney wegen vielfacher Verbrechen anklagen. Amerika stünde jetzt am Scheideweg wie vor rund zweihundert Jahren, als Tom Paine erklärte: Wir haben die Macht, die Welt von neuem zu beginnen - es ist ein Zeitalter der Revolutionen, in denen alles überprüft werden muss.

 

Cindy Sheehan

Eine neue Welt ist möglich

                                                                                                           Donnerstag, 26. Januar 2006

Eine neue Welt ist möglich und nötig! Das ist das Thema für das Weltsozialforum, das ich - neben Zehntausenden von Menschen aus aller Welt - in Caracas diese Woche besuche. Ich weiß wohl, dass die Idee einer Welt, in der jeder Mensch in Frieden und Gerechtigkeit leben kann, sehr “subversiv” ist, aber das Thema ist mir in Herz und Seele sehr nah.

Wir brauchen eine neue Welt. Die wir haben, ist zerbrochen.

Bevor mein Sohn Casey im Irak am 4. April 2004 getötet wurde, bin ich nicht sehr viel gereist. Ich war einmal in Israel und Mexiko, und das war’s schon. Ich besaß einen fast nie benutzten Reisepass.

Als ich mich anschickte, gegen die Unehrlichkeit und Täuschung laut zu reden, die zur illegalen und moralisch verwerflichen Okkupation des Irak führte, bin ich durch die ganzen Vereinigten Staaten gereist. Und jetzt bin ich dabei, meinen Pass mit Stempeln zu füllen.

Unsere Welt ist so schön, und die Menschen, die sie besiedeln, sind zumeist voller Liebe, und sie wünschen sich ein gutes Leben für sich selber und ihre Kinder. Sie möchten sich in ihren Gemeinden aufgehoben und sicher fühlen. Sie wünschen sich Wärme und Nahrung, sauberes Wasser zum Trinken, wollen tanzen und lachen, wenn es ihnen danach ist. Sie wollen ein langes Leben mit ihren Familien und sehnen sich danach, die Kinder mögen sie bestatten, wenn ihr Leben hier sein Ende hat. Kurzum die Menschen der Welt wünschen sich all das, was wir Amerikaner auch gerne haben möchten.

Unsere Regierung will andere Kulturen, Religionen, Rassen und ethnische Gruppen verteufeln und ausgrenzen. George Bush und seine kaltherzigen Komplizen, die so leicht irregeleiteten und wissentlich blinden Gefolgsleute wollen “die da dort bei sich bekämpfen, damit wir sie nicht hier bei uns zu bekämpfen haben”. Wer sind eigentlich die da, diese anderen, die wir dort bei sich bekämpfen? Sind es die Babies in ihren Krippen, wenn eine Bombe (chemisch oder konventionell) auf ihr Haus abgeworfen wird? Ist es die Mutter, die zum Einkaufen ging, um das tägliche Brot für die Familie zu besorgen und dabei von einem Autobomber zerfetzt wird, der nie daran dachte, solch ein abscheuliches Verbrechen zu begehen, bis ein fremder Eindringling sein Land besetzte? Sind es die Omas und Opas, die zu alt oder zu stur sind, ihre lebenslangen Behausungen zu verlassen, wenn die Koalitionstruppen widergesetzlich zivile Zentren mit Bombenteppichen belegen?

Als Bürger der Vereinigten Staaten müssen wir unsere Führer davon abhalten, die Befehle zu erteilen, die zur Tötung unschuldiger Menschen führen. Fast hätte ich gesagt: Wir müssen unsere Führer davon abhalten, unschuldige Menschen zu “töten”. Aber wir kennen ja diese Feiglinge - sie kämpfen ihre Fantasieschlachten nicht selber, schicken auch nicht die eigenen Kindern in den Krieg für Sachen, die sie, idiotisch und diabolisch, als “edel” umschreiben. Nein, sie befehlen unseren Kindern dahin zu gehen, damit diese die von ihnen befohlene verlogene und zerstörerische Drecksarbeit verrichten! Unseren Soldaten wird eingetrichtert, dass die “Haijs”, die Braunhäutigen des Irak, die ihre Toiletten und Duschen putzen und ihre Klamotten reinigen, als Menschen weniger wert sind als sie selber. Umso leichter fällt es ihnen, sie zu töten. Die Dehumanisierung der Iraker entmenschlicht auch unsere Soldaten - unsere Kinder!

Ich erhielt die Haß-E-Mail von einem “patriotischen Amerikaner”, der mir weismachen wollte, dass die Mütter und Väter des Irak nur “für die laufenden Kameras” schreien, ihre Babies seien getötet worden. “Sie sind doch nur wie die Tiere, die sich um ihre Kinder nicht kümmern, weil sie wissen, sie können wieder neue machen.” Das ist die Mentalität des General Sherman, da er sagte: “Der einzig gute Indianer ist ein toter Indianer”. Diese abscheuliche Rhetorik entmenschlicht uns alle.

Eine neue Welt ist nötig und wird nur möglich sein, wenn wir daran glauben und den Glauben leben, dass jeder Mensch von Geburt an ein Wesen ist wie wir selber. Alle verspüren Schmerz, wenn man sie verletzt. Sie leiden an Hunger, wenn sie nichts zu essen haben. Ihr Mund trocknet aus, wenn sie durstig sind. Sie trauern, wenn sie jemanden verlieren. Sie zittern, wenn sie frieren. Sie lachen, wenn sie glücklich sind. Wie können wir es unseren Führern nachsehen, dass sie unsere Brüder und Schwestern töten lassen?

Eine neue Welt ist nötig und kann nur möglich sein, wenn wir die verdorbenen Konzerne zügeln, die vom Fleisch und Blut unserer Nachbarn in aller Welt und hier in Amerika profitieren. Kriegsgewinnler wie Haliburton, Bechtel und General Electric, die obszöne Profite anhäufen und den Shareholder Value hochjagen, während sie den Planeten rücksichtslos zu Schanden reiten. Böswillige Gesellschaften wie Dow, die Chemikalien und anderen Müll in Gewässer und Atmosphäre ablassen, was Menschen, Umwelt und unsere Zukunft abtötet. Firmen wie Wal Mart, die Arbeiter in den USA und im Ausland ausbeuten, um eine Familie zu bereichern, die mehr als genug Mittel besitzt, um allen ihren Angestellten die nötige Gesundheitsvorsorge und ein anständiges Gehalt zum Leben zu bezahlen und dann noch genug Geld übrig hätte, um ihren Abgabepflichten im eigenen Land nachzukommen.

Eine neue Welt ist nötig und kann nur möglich sein, wenn wir unsere Abhängigkeit vom Öl vermindern und etwas von dem Geld, das wir in den Wüstensand und die Kanäle im Irak setzen für erneuerbare Energiequellen verwenden. Und die erneuerbaren Energien, die wir bereits besitzen, wie Bio-Diesel, erweitern und fördern. Ich habe mit vielen Bürgern Venezuelas gesprochen, die sich verständlicherweise vor einer US-Invasion ängstigen. Und dabei ginge es überhaupt nicht darum, ob Präsident Chavez ein “Diktator” sei oder nicht, weiß man doch, dass er ein demokratisch gewählter, in seinem Land sehr populärer Führer ist. Die Menschen von Venezuela wissen sehr wohl, dass die USA, falls sie in ihr Land einfallen, dies nicht tun, weil sie ihnen “Freiheit und Demokratie” bringen wollen - die haben sie ja.

Eine neue Welt ist nötig, aber unmöglich, so lange wir Amerikaner nicht die Arroganz überwinden, dass nur wir das Problem des Irak und der Menschenrechtsverletzungen lösen könnten. Wir müssen die Hand allen Angehörigen der Gattung Mensch reichen: Rund um den Erdball! Wir sollten Bande schmieden für den Schutz der unschuldig ins Elend Geratenen und Wiedergutmachung leisten für die Getöteten und die Opfer unserer Regierung und der Konzernmacht, die wild geworden und weitgehend unkontrolliert sind.

Friede und Gerechtigkeit sind innig miteinander verknüpft. Die Welt kann das eine ohne das andere nicht haben. Ein wahrer und dauerhafter Friede kann nur eintreten, wenn wir - das Volk - unsere Regierung dazu zwingen, sich von der Kriegsmaschine für Jobs und Leben freizumachen. Wir verlangen Gerechtigkeit angesichts der Verbrechen gegen die Menschheit,  die wegen solcher “Führer” die Welt tagaus tagein durchdringen.

Eine neue Welt ist möglich und erreichbar. Damit sie zur Realität wird, müssen wir uns dessen bewusst werden, was Martin Luther King jr. mit seiner Lobrede meinte, doch wichtiger wäre es, so zu sein, wie er sein Leben lebte:

“Ich wünsche mir jemanden, der den Tag erwähnt, an dem Martin Luther King jr. versuchte, sein Leben in den Dienst anderer zu stellen. Ich wünsche mir jemanden, der an dem Tag sagt, Martin Luther King jr. versuchte, einen anderen zu lieben. Und ich wünsche mir, dass Ihr an dem Tag sagt, er hatte Recht, als es um die Frage nach Krieg oder Frieden ging. Ich träume davon, dass Ihr fähig seid, an dem Tag zu sagen, ich habe es versucht, in meinem Leben die zu kleiden, die nackt waren. Ich wünsche mir, Ihr werdet an dem Tag sagen, dass ich es versucht habe, die zu besuchen, die im Gefängnis waren. Ich wünsche mir, Ihr sagt, dass ich versucht habe, die Menschheit zu lieben und ihr zu dienen. Yes, auch wenn Ihr sagt, ich sei ein Tambourmajor gewesen, dann sagt, ich war ein Tambourmajor für Gerechtigkeit; sagt es, ich war ein Tambourmajor für Frieden und ein Tambourmajor für Rechtschaffenheit.”

nach: www.truthout/org/docs_2006/printer_012606A.shtml

                                                                                          Aus dem Englischen von Friedrich Hitzer

 

                                                                          An die Evangelische Akademie, Tutzing, März 2006

                                                                                                           Bonhoeffer oder Teltschik ...

... das ist hier die Frage an den Politischen Club der Evangelischen Akademie Tutzing, zu dessen Frühjahrstagung Akademiedirektor Dr. Friedemann Greiner und Clubchef Theo Waigel in der Zeit vom 17. bis 19. März 2006 einladen.  Firmiert wird zwar die Tagung mit dem Thema “Weltmacht und Weltordnung”- sie soll mit Experten herausfinden, welche Rolle die Vereinigten Staaten in einer “globalen Welt” - was für ein Unwort! - spielen. Betrachtet man die Namen der Geladenen, stellt Tutzing seine Bühne den Leuten zur Verfügung, die einen MONOLOG zugunsten der Mächte in Washington ermöglichen, die völkerrechtswidrige Interventionskriege führen und Verbrechen gegen die Menschheit begehen. Den krönenden Abschluss am Sonntag hat

PROF. Dr. h.c. Horst Teltschik,

Vorsitzender der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik

Bei Sonntagspredigten erinnern die deutschen Würdenträger der Evangelischen Kirche gerne an ihre Verpflichtung aus dem Erbe des Dietrich Bonhoeffer. Ob das Mitte März 2006 beim Gottesdienst in der Schlosskapelle um 9 Uhr geschieht? Bevor dann ab 11.30 Teltschik alles mögliche erzählen, nur nicht über seine reale Rolle sprechen wird - als Vertreter des US-Rüstungskonzerns Boeing in Deutschland, der Bomber für die Zerstörung anderer Länder aus der Luft herstellt - bei einer Tagung, so das Programm, die “zu einem erheblichen Teil aus Kirchensteuermitteln finanziert” wird. Will man damit sagen: Wir werden nicht von Boeing bezahlt?

Während die Strategen aus Washington, Berlin und München, die in Fortsetzung zur Münchner “Sicherheitskonferenz” jetzt im Schloss von Tutzing Diplomatie spielen, um sich dann - die Hände in Unschuld waschend - im Fernsehen anzusehen, wie “sauber” der Iran bombardiert wird, haben sich die Leitungen der christlichen Gemeinschaften der USA in der größten Allianz für Frieden und Gerechtigkeit zusammengeschlossen. Sie sind in Tutzing offenbar nicht willkommen, obwohl sie im Geist von DIETRICH BONHOEFFER wirken. In ihrer Erklärung - sie erinnert an Stuttgart 1945 - heißt es:

Wir haben uns mit schwerer Schuld beladen, indem wir uns nicht hinreichend genug gegen den Irak-Krieg und andere Vergehen aussprachen. Wir bitten die Welt um Vergebung, die der Gewalt, Erniedrigung und Armut müde geworden ist, die unsere Nation gesät hat.

Die wachenChristen in Deutschland sehen sich und den Geist des deutschen Theologen, der in den letzten Tagen eines sinnlosen, bereits verlorenen Angriffskrieges im KZ Buchenwald ermordet wurde, eher in der Kirchenallianz ihrer amerikanischen Brüder und Schwestern im Glauben beheimatet als bei denen in Deutschland, die erneut der Macht der Weltherrschaftsstrategen erliegen und die knappen Gelder zur Versorgung kirchlicher Einrichtungen für die Ambitionen eines Horst Teltschik und Theo Waigel bereitstellen. Wann kehrt die Evangelische Akademie Tutzing auf den Weg des Dialogs zurück, mit dem sie sich weltweit Anerkennung verschaffte - bei vier Konferenzen zur Abrüstung, für Frieden und Gerechtigkeit? Fürchtet man in Tutzing  den Dialog mit dem Amerika der Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit? Während das andere Amerika gegen das Bush-Regime aufsteht, richtet der Politische Club der Evangelischen Akademie ein Forum für eben dieses Regime ein. Da das andere Amerika in Tutzing nicht eingeladen ist, helfen wir nach und geben ihm Namen und Worte, die den Teilnehmern der Frühjahrstagung helfen könnten, sich besser über die Rolle der Vereinigten Staaten von heute zu orientieren.

EINE NEUE WELT IST MÖGLICH UND NÖTIG - MIT DEM ANDEREN AMERIKA

CINDY SHEEHAN - ihr Sohn Casey wurde im Irak am 4. April getötet:

“Wir brauchen eine neue Welt. Die wir haben, ist zerbrochen ... Friede und Gerechtigkeit sind innig miteinander verknüpft. Die Welt kann das eine ohne das andere nicht haben. Ein wahrer und dauerhafter Friede kann nur eintreten, wenn wir - das Volk - unsere Regierung dazu zwingen, sich von der Kriegsmaschine für Jobs und Leben freizumachen. Wir verlangen Gerechtigkeit angesichts der Verbrechen gegen die Menschheit,  die wegen solcher ‘Führer’ die Welt tagaus tagein durchdringen”

RAY MCGOVERN - CIA-Analyst für 27 Jahre, jetzt Publizist für die ökumenische Kirche in Washington und Mitglied der Steering Group of VIPS (Kundschafter der Vernunft):

“Hätten deutsche Beamte, denen in den 30er Jahren befohlen wurde [zu foltern] früh und laut genug protestiert, dann hätte es womöglich das deutsche Volk alarmiert und aufgerüttelt gegen die Grausamkeiten, die in deren Namen verübt wurden ... Wir Amerikaner haben uns daran gewöhnt, dass unsere Institutionen die Sünden für uns begehen. Ich verabscheue die Korruption des CIA in den letzten Jahren, sie ist jenseits einer Wiedergutmachung, daher will ich nicht meinen Namen auf einem damit verbundenen Orden sehen” (im Offenen Brief an Hon. Pete Hoekstra, Kongressmitglied, vom 2. März 2006 bei der Rückgabe des “Intelligence Commendation Award Medallion”).

BARBARA LEE - einziges Mitglied des US-Kongresses, das gegen die “Ermächtigungsgesetze” von George Bush jr. am 14. September 2001 stimmte:

“Bevor ich gegen die Resolution des Präsidenten und seines Generalstaatsanwalts stimmte, womit er den Anspruch erhob, sich über das Gesetz zu stellen, erinnerte ich mich daran, was ein Geistlicher bei den National Cathedral Gottesdiensten zum Gedenken der Opfer des 11. September sagte: ‘Wenn wir handeln, lasst uns nicht selbst zu dem Bösen werden, dass wir verabscheuen’.”

PAUL A. PILLAR - National Intelligence Officer for the Near East and South Asia von 2000 bis 2005, jetzt an der Fakultät für Sicherheitsstudien, Georgetown University:

“Die Bush-Administration hat die Nachrichtendienste nicht dazu benutzt, um Entscheidungen zu treffen, sondern sie dazu missbraucht, um Entscheidungen zu rechtfertigen, die bereits vorlagen. [...] Auf dem Spiel steht die unversehrte Gestaltung der US-Außenpolitik und das Recht der Amerikaner zu erfahren, auf welcher Grundlage die Entscheidungen beruhen, die im Namen ihrer Sicherheit getroffen werden.”

KAREN KWIATKOWSKI - Oberstleutnant der Airforce, Mai 2002 bis Februar 2003 im Pentagon-Direktorium für den Nahen Osten und Südasien, James Madison University:

“[Die Neocons] sind extreme Falken, aggressiv und malen alles schwarz-weiß ...Perle, Wolfowitz, Armitage, Rumsfeld, Cheney waren schon bei Reagan beinharten ...Sie können ohne einen globalen Feind nicht leben ... Sie haben das kultiviert, was man ‘islamischen Faschismus’ nennt ... aber darauf kommt es ihnen nicht an, sie wollen Angst erzeugen und damit die Plattform schaffen, auf der sie operieren und vorgeben können: Wir schützen euch und intervenieren für eure Sicherheit.”

LARRY WILKERSON - Oberst a.D., früher rechte Hand und Redenschreiber Colin Powells. In mehreren internationalen Pressekonferenzen deckte er auf, wie die Welt belogen wurde.

“[Powell] kam in mein Büro und sagte zu mir ...’Ich frage mich, was geschehen wird, wenn wir eine halbe Million Truppen den Irak bis auf die letzte Ecke durchstöbern lassen und keine Massenvernichtungswaffen finden?’ [...] Was ich sah, war eine Politkabale zwischen dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Richard Cheney, und dem Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, da wurden Entscheidungen getroffen, von denen die Zuständigen nichts wussten.”

Quellen: Internet-Portale TomPaine.com/ Salon.com/ truthout.org/ - jeweils mit voran gestelltem www.

Weitere namhafte Vertreter der Wissenschaft, Publizistik, Politik und Wirtschaft in hohen Positionen sind über diese Quellen oder einschlägige Suchmaschinen zu finden:

DANIEL ELLSBERG/ SCOTT RITTER/ SEYMOUR HERSH/ JOSEPH C. WILSON IV/ VALERIE PLAME/ ELIZABETH DE LA VEGA/ NANCY SNOW/ HOWARD ZINN/ NORMAN SOLOMON/ NOAM CHOMSKY/ ROBERT DREYFUSS/ WILLIAM RIVERS PITT/ PAUL KRUGMAN/ SIDNEY BLUMENTHAL/ JOSEPH STIGLITZ/ LINDA BILMES/ DAVID ISENBERG/ MATTHEW ROTHSCHILD/ WALTER PINCUS

Mahnwache am Schloss von Tutzing, Evangelische Akademie

Wir haben uns zu der Mahnwache entschlossen als Stellvertreter des anderen Amerika, das bei der Frühjahrstagung des Politischen Clubs nicht vertreten ist. Unsere Meinung darüber findet sich auf dem Flyer BONHOEFFER ODER TELTSCHIK mit der Fortsetzung EINE NEUE WELT IST MÖGLICH UND NÖTIG - MIT DEM ANDEREN AMERIKA.

Wir bieten diesen Flyer dem Veranstalter an, so dass sich die TeilnehmerInnen der Frühjahrstagung selbst ein Bild machen und mit Hilfe der angegebenen Quellen sich übers Internet weiter informieren können .


Wir meinen, dass das Thema der Frühjahrstagung längst fällig gewesen wäre. Schon früh schlugen Vertreter des anderen Amerika vor den Weltherrschaftsplänen der US-Machtkartelle Alarm, fanden aber unter Deutschlands Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien keinen Widerhall. Ganz im Gegenteil - das andere Amerika wurde übersehen und der deutschen Öffentlichkeit vorenthalten. Zum Beispiel Dr. Robert Bowman, der aus Protest gegen den Befehl der Regierung Reagan ans Pentagon zur Ausarbeitung von Angriffs- und Präventionskriegen von seinem Posten als Chef des SDI-Programms zurückgetreten ist, sich von einem ehemaligen Bomberpiloten im Vietnam-Krieg zu einem führenden Vertreter der Friedensbewegung entwickelte und jetzt als Vorsitzender Bischof der Unabhängigen Katholischen Kirche der USA wirkt. Bowman hatte sich gegenüber E. Field Horine, dem ersten Intendanten des Bayerischen Rundfunks nach 1945, bereit erklärt, zu einem öffentlichen Forum nach Deutschland zu reisen. Das Angebot an die Süddeutsche Zeitung beantwortete Stefan Kornelius, bei der Frühjahrstagung 2006 am Podium zugelassen zu “Anfragen an die Politik der USA”, mit Brief vom 16. Dezember 2002 wie folgt: “Ein Panel, bei dem Herr Bowman eine Rolle spielen könnte, ist zur Zeit nicht geplant. Ich nehme Ihren Hinweis aber gerne an und darf Herrn Bowman bei Gelegenheit bei Veranstaltern solcher Gespräche platzieren.” Formell platziert, ist nie was passiert. Warum wohl?

Die Täuschung der deutschen Öffentlichkeit durch Eliten der Politik und Medien hat inzwischen Methode. Wir verweisen daher noch auf die jüngsten Untersuchungen des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz und der Harvard-Professorin Linda Bilmes. Die beiden errechneten die Kosten der völkerrechtswidrigen Präventionskriege und Besatzungsregime in Afghanistan und im Irak und kamen dabei auf 7,1 Milliarden US-Dollar monatlich. Seit 2003 kostet der Irak-Krieg weit über 2 Billionen US-Dollar, die Schäden für den internationalen Handel und den Lebensstandard der Völker in aller Welt sind dabei ebensowenig “kalkuliert” wie die zerfetzten Menschen und die Zerstörungen der Kultur. SZ-Abonnenten unter uns, den Freunden des anderen, wahrhaft demokratischen Amerika, stimmen darin überein, dass der SZ-Slogan “Wer sie liest, sieht besser” in die Irre führt und bei Stefan Kornelius immer mehr der Spruch gilt: “Wer nur die SZ liest, erblindet”. Vielleicht trifft das auch auf die Veranstalter an der Spitze der Evangelischen Akademie Tutzing zu, die eine Alibi-Tagung für die US-Kriegspartei in den USA (State Department unter Dr. Rice) und in Deutschland (Prof. Teltschik)  “zu einem erheblichen Teil aus Kirchensteuermitteln finanziert”.


An die Redaktion des 3-SAT, Juni 2006

                                                                                            Zur Sendung “20 Jahre Historikerstreit”

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihre Dokumentation zu dem Thema war vorzüglich recherchiert, auch spannend aufbereitet und informativ. Die anschließende Diskussion fand ich aber geradezu musterhaft im Abfall gegenüber dem, was vorher zu sehen und zu hören war - fast nichts davon bezog sich auf die sorgfältige Aufarbeitung des Dokumentaristen Schmid und die souverän vorgetragenen Äußerungen Noltes, die Äußerungen der Teilnehmer waren zum Teil peinlich, auch falsch und "biased", wie man in Amerika solche Sendungen nennt. Vor allem fehlte ein Teilnehmer des Landes und der Geschichte, um die es auch ging - Russland in seiner sowjetischen und postsowjetischen Periode. Aber das ist ja auch das ewig leidvolle Problem, weshalb Nolte vor 20 Jahren "abgeschossen" wurde - was er ansprach, habe ich in mehreren Arbeiten schon zuvor aufgegriffen (erst in den USA, dann in der UdSSR - mit Russen, Juden und Vertretern anderer Nationalitäten und hier in Deutschland West und Ost), wenngleich anders in der Methode und als Angehöriger einer späteren Generation nicht auf den Schienen einer Universitätslaufbahn.

Meine Lehrer (in den USA, der UdSSR und in der Bundesrepublik Deutschland) - vor allem Fedor Stepun -, haben diese Grundsätze schon immer betont, dass sich Nationalsozialismus und Bolschewismus nicht nur strukturell sondern auch aus ihren jeweils sozialdarwinistisch gedeuteten Quellen gegensätzlicher "Optimierungen des Lebens" durch Beseitigung der Überflüssigen ergaben, die zu einem aufeinander bezogenen Denk- und Handlungssystem der Vernichtung führten (sozialer Schichten oder rassisch/ethnischer) - faktisch: zwei unterschiedliche Systeme staatsterroristischer Vernichtungsprogramme, die weder in ihrer Entstehung noch ihrer Ausführung voneinander zu trennen sind, genauso wenig wie die geopolitischen Hintergründe, die sich allerdings im Nebel der Ideologien verbargen Dass keiner der anwesenden Diskutanten die epochale Aufarbeitung dieser Problematik. durch russische, kasachische, kirgisische, weißrussische, ukrainische, georgische, baltische Autoren, vor allem durch Alexander Jakowlew, Chefarchitekt der Perestroika und letzter Vorsitzender der Kommission zur Rehabilitierung der Opfer aller politischen Repressionen seit 1917 erwähnte, bestätigt meine Vermutung - der ganze Osten, vor allem Russland, Zentralasien inbegriffen, war und bleibt das Schwarze Loch im Bewusstsein der tonangebenden Eliten in der deutschen Politik, in Wissenschaft, Wirtschaft und Medien. Nolte wollte das durchbrechen - sehr gründlich und eigenwillig deutsch, bis heute in kein Schema pressbar, auch - gottlob! - von philosophisch historischen Ursprüngen her, zwar mitunter einseitig (vor allem weil allein gelassen und brutal ausgegrenzt), aber genuin im Sinn rückhaltloser Aufklärung über Deutschland im Kontext der europäischen Geschichte. Als Übersetzer der Autobiographie Jakowlews (Die Abgründe meines Jahrhunderts) - und unter Hinweis auf 32 Bände, die unter Jakowlews Regie auf russisch erschienen sind: "Russland. 20. Jahrhundert. Dokumente" - kann ich jedoch nur unterstreichen: Ernst Nolte ist gegenüber der Schule der diesbezüglichen Aufklärung in Russland zahm, auch wenn es um Tatsachen geht. Von der erwähnten Dokumentation besitze ich 24 Bände. Nur einer genügt, um sich zu fragen, warum man bei uns öffentlich nie darauf einging - die deutsche Zunft hat sich, so fürchte ich, darum herumgeschlichen, wie die Katze um den heißen Brei, ich habe auch ein komplettes Angebot von Jakowlew an diese deutsche Zunft erhalten und übersetzt, diese Geschichte des 20. Jahrhundert in 15 Bänden Dokumenten aus russischen und deutschen Archiven (und anderen selbstverständlich) gemeinsam aufzuarbeiten. Was daraus wurde, ist nicht nur beschämend - es ist dumm wie die vielfache Arroganz gegenüber dem Osten.

Da ein Fehler in der sonst so guten Dokumentation vorkam, bitte ich Sie darum, diesen Brief auch an den Dokumentaristen Schmid und wenn möglich direkt oder durch ihn an Nolte und selbstverständlich an den Moderator der Diskussion weiterzuleiten. Der Fehler ist substantiell und gehört zum Thema. Er bezieht sich auf Michail Romms Film "Der Gewöhnliche Faschismus" . Ich habe ihn in Deutschland mit durchsetzen helfen und vorgestellt, war mit dem Regisseur und bin noch mit seiner, jetzt in München lebenden Assistentin, Maja Turowskaja, befreundet, habe seinerzeit - 1965! - ein rund 200 Seiten langes Interview mit Romm geführt und zum Teil veröffentlicht. Dabei ging es nicht um die damals offizielle Doktrin über den "Faschismus" als aggressivste Form von Imperialismus und Kapitalismus und wie das - seit Dimitrovs Definition - in der Sowjetunion und den Lehrbüchern des Marxismus/Leninismus hieß, sondern Romm und ich unterhielten uns sehr intensiv und lange völlig freimütig und offen über die Ähnlichkeiten und Unterschiede von "Faschismus" und "Stalinismus" - seine Antwort: Er wählte das deutsche Material, weil es privat und offiziell, wohl im Vorrausch des Sieges, am reichhaltigsten filmisch festgehalten wurde und im Kontext eines fast gewonnenen Angriffskrieges stand, aber meinte zugleich, so Romm, den Stalinismus, was das Publikum in der Sowjetunion sehr wohl verstand (Lenin war für ihn noch sankrosankt). Aus Angst vor Repressalien gegenüber Romm (durch die Ewiggestrigen in Moskau an der Macht) bedrängten mich Freunde - vor allem der Ostdeutsche Hermann Herlinghaus, ein vorzüglicher Kenner der russisch-sowjetischen Filmgeschichte, den ich, der Initiator des Gesprächs bei der Leipziger Dokfilmwoche 1965, dazu einlud, wollte ich doch Vertreter beider deutscher Staaten bei diesem Thema im Gespräch mit Romm am Tisch haben - diese Freunde bedrängten mich, den Begriff "Stalinismus" bei der Veröffentlichung fallen zu lassen, statt dessen die von Chruschtschow im Jahr 1956 (20. Parteitag der KPdSU) eingeführte Formel "Personenkult" zu nutzen - das einzige Zugeständnis, das ich damals machte. Immerhin zählten wir damals das Jahr 1965, kurz zuvor war Noltes, für Deutschland sehr wichtiges Werk über "Faschismus" erschienen. Dass diese Linie, wie sie Nolte, außerhalb der üblichen Lager "rechts" und "links" usw., weiter entwickelte, nicht mit ihm weiter gezogen wurden, sondern in abscheulichen Kampagnen abgewürgt worden ist, bleibt ein Schandmal der ohnehin schwach entwickelten Streitkultur in Deutschland. Hier vertuscht, verschweigt oder selektiert man bei unangenehmen Themen, die Attackierten werden selten eingeladen oder man haut die Abweichler dermaßen emotional zusammen, dass es ein Wunder ist, wenn sie überleben - Nolte ist hier nicht der einzige.

Allerdings merkte ich, in anderen Fahrwassern, an meinen Versuchen, wie schwer es ist, dies in der Öffentlichkeit durchzusetzen, mit welchen Widerständen man zu rechnen hatte - nicht nur wegen des noch vorherrschenden Paradigmas im Kalten Krieg. Dieser begann im übrigen nicht mit der Rede in Fulton, die Churchill hielt und damit zu dem zurückkehrte, was Hitler in den 30er Jahren für die englischen und amerikanischen Eliten so sympathisch machte: Die Bekämpfung des sowjetischen Russlands. Dies war gewissermaßen die Neuauflage von 1915, vor allem 1917, als die kaiserliche Führung Deutschlands die Bolschewiki in Tranchen mit über 60 Millionen Goldmark (= Schweizer Franken) ausstattete, die übrigens Uljanow-Lenin großenteils selbst quittierte, weshalb einer der Überbringer, Graf Mirbach, erster Botschafter des Kaisers am Hof der bolschwestischen Führer Lenin und Trotzki, durch einen "durchgeknallten Sozialrevolutionär", Blumkin, am 6. Juli 1918 ermordet wurde. Neben allem übrigen (anders als Nolte es formulierte, waren sie keine Friedenspartei - das war lediglich das Aushängeschild zur Mobilisierung der kriegsmüden Massen und zur Eroberung der Macht, auch durch PUTSCH - die Oktoberrevolution war ein Staatsstreich und dem Ínhalt nach eine Gegen-Revolution) die Bolschewiki agierten vor allem als Bewegung der Rache und Vergeltung, als terroristische Bürgerkriegspartei, die Deutschlands Führung unterstützte, um im Osten freie Hand zu bekommen. Dass Uljanow-Lenin das mitspielte, bedeutete aus seiner Sicht keinen Hochverrat, er wollte ja mit dem Geld der Imperialisten die Weltrevolution in Russland nur entfachen, das Land anzünden, was ihm ja vollkommen gelungen ist - das erste Feuer des Weltbrands in Russland sollte in Deutschland das Zentrum erhalten. Deshalb musste auch Mirbach weg, als Zeuge der Geldübergaben - Blumkin war nämlich die rechte Hand des "Eisernen Feliks" (Tscheka-Gründer Dzierzynski), der nichts unternahm ohne den "Führer Ilyitsch", der in München den Namen N. Lenin annahm, was den frühen Nationalsozialisten sehr wohl bewusst war. Zehn Jahre später wurde auch dieser Zeuge, der Mörder Mirbachs Blumkin, auf Anweisung Stalins ermordet, nunmehr der letzte Hauptmitwisser an den Geschäften zwischen den bolschewistischen Führungseliten und den deutschen Eliten um Kaiser Wilhelm - dem Vetter des Zaren Nikolai II, genannt Niki, der von Willi aus militärstrategischen und geopolitischen Gründen so schmählich verraten wurde.

A propos war noch ein berühmter Russe Anhänger derThesen von den Wahlverwandtschaften der Bolschewiki und Nationalsozialisten - Vladimir Nabokov, den ich noch in Amerika hörte und dessen Grab ich jedes Mal, wenn ich nach Montreux reise, aufsuche. Was würden Sie denken, wenn Sie als Russe oder Russin - von Nabokov, Stepun über Bunin, Pasternak Achmatowa und Zwetajewa bis zu Romm, Granin, Men, Gorbatschow und Jakowlew - das anhören oder lesen müssen, was deutsche Experten in der Regel zu diesem Thema von sich geben? Oder was die Gebildeten unter den 3,5 Millionen, die russisch und deutsch sprechen und unter uns leben, das Verschweigen oder die Zerrbilder über Russland von neuem erleben? Einem davon verdanke ich Material über die deutsche Einheit - es ist verarbeitet in einem Essay über die wenig bekannten Hintergründe beim Fall der Mauer. Das hänge ich an und bitte Sie um Weiterleitung samt Brief an die genannten Personen.

In jedem Fall bedanke ich mich bei der Redaktion, vor allem dem Dokumentaristen Schmid und seinem Gesprächspartner Nolte für diese Sendung zu guter Zeit. Es war ein Zeichen für Professionalität, Zivilcourage und Ehrlichkeit zu einem leidvollen und bislang öffentlich zumeist verhunzten und emotional verbogenen Thema.

Beste Grüße und Wünsche.  Friedrich Hitzer

 

Guten Tag Hitzer,
vielen Dank für Ihre Anfrage.
Da es ein ARD Beitrag war, haben wir ihre Anfrage an unsere ARD Kollegin weitergeleitet.

Mit freundlichen Grüßen aus Mainz. Ursula Kerlin 3sat

Liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer,

haben Sie besten Dank für Ihre Mail, die uns von den Kollegen des ZDF übermittelt wurde.

Die beiden o.g. Sendungen sind Einbringungen des Südwestrundfunks in das 3sat-Programm. Wir haben daher Ihre Anfragen, Anmerkungen und Wünsche an folgende Redaktion weitergeleitet:

SWR Redaktion Kultur & Gesellschaft 76530 Baden-Baden

Wir hoffen, dass wir Ihnen auf diesem Wege weiterhelfen konnten und würden uns freuen, wenn Sie auch weiterhin am Programm von 3sat Gefallen finden würden.

Mit freundlichen Grüßen. Andrea Grimm. Südwestfunk ARD-Koordination. 3-SAT

 

Aus Baden-Baden erhielt ich bisher keine Antwort. Der Dokumentarist Schmid schrieb jetzt, 26. Juni 2006:

 

Lieber Herr Hitzer, danke für Ihre ausführliche Zuschrift zu Film und Diskussion über Ernst Nolte, die mittlerweile bei mir angekommen ist. Ich bin leider (aus Zeitgründen) nicht in der Lage, sie so gründlich zu beantworten, wie sie es verdient. Freut mich, dass  Sie den Unterschied zwischen Film und Diskussion so klar und richtig sehen. Die Diskussion verfolgte das Ziel, die Wirkung des Films zu entschärfen - das ist ihr zu meinem Kummer auch gelungen. Die Hintergründe und -gedanken des Films von Michail Romm sind mir auch bekannt, wenngleich sicher nicht so detailliert wie Ihnen, und es wäre fahrlässig, sie bei einer weitergehenden Auseinandersetzung mit Romm nicht zu erwähnen. Bei aller offenen und verborgenen Gleichsetzung der totalitären Systeme bleibt der Film jedoch immer auf der, wie ich es nannte, "linken Linie". Anders wäre es wohl gar nicht gegangen. Insofern kann man nicht von einem Fehler in der Dokumentation sprechen, vielleicht aber von einer leisen Ungerechtigkeit. Anscheinend haben Sie vom Fernsehen keine weitere Antwort bekommen als jene, die mit der skurrilen Anrede "Lieber Hitzer!" begann. Ich hoffe, Sie haben darüber ebenso lachen müssen wie ich.

Andreas Christoph Schmidt

Schmidt & Paetzel Fernsehfilm GmbH, Berlin.

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