An die Redaktion des 3-SAT, Juni 2006
Zur
Sendung “20 Jahre Historikerstreit”
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihre Dokumentation zu dem Thema war vorzüglich
recherchiert, auch spannend aufbereitet und informativ. Die anschließende
Diskussion fand ich aber geradezu musterhaft im Abfall gegenüber dem, was
vorher zu sehen und zu hören war - fast nichts davon bezog sich auf die
sorgfältige Aufarbeitung des Dokumentaristen Schmid und die souverän
vorgetragenen Äußerungen Noltes, die Äußerungen der Teilnehmer waren zum Teil
peinlich, auch falsch und "biased", wie man in Amerika solche
Sendungen nennt. Vor allem fehlte ein Teilnehmer des Landes und der Geschichte,
um die es auch ging - Russland in seiner sowjetischen und postsowjetischen
Periode. Aber das ist ja auch das ewig leidvolle Problem, weshalb Nolte vor 20
Jahren "abgeschossen" wurde - was er ansprach, habe ich in mehreren
Arbeiten schon zuvor aufgegriffen (erst in den USA, dann in der UdSSR - mit
Russen, Juden und Vertretern anderer Nationalitäten und hier in Deutschland
West und Ost), wenngleich anders in der Methode und als Angehöriger einer
späteren Generation nicht auf den Schienen einer Universitätslaufbahn.
Meine Lehrer (in den USA, der UdSSR und in der
Bundesrepublik Deutschland) - vor allem Fedor Stepun -, haben diese Grundsätze
schon immer betont, dass sich Nationalsozialismus und Bolschewismus nicht nur
strukturell sondern auch aus ihren jeweils sozialdarwinistisch gedeuteten
Quellen gegensätzlicher "Optimierungen des Lebens" durch Beseitigung
der Überflüssigen ergaben, die zu einem aufeinander bezogenen Denk- und
Handlungssystem der Vernichtung führten (sozialer Schichten oder rassisch/ethnischer)
- faktisch: zwei
unterschiedliche Systeme staatsterroristischer Vernichtungsprogramme, die weder
in ihrer Entstehung noch ihrer Ausführung voneinander zu trennen sind, genauso
wenig wie die geopolitischen Hintergründe, die sich allerdings im Nebel der
Ideologien verbargen Dass keiner der anwesenden Diskutanten die
epochale Aufarbeitung dieser Problematik. durch russische, kasachische,
kirgisische, weißrussische, ukrainische, georgische, baltische Autoren, vor
allem durch Alexander Jakowlew, Chefarchitekt der Perestroika und letzter
Vorsitzender der Kommission zur Rehabilitierung der Opfer aller politischen
Repressionen seit 1917 erwähnte, bestätigt meine Vermutung - der ganze Osten, vor allem Russland,
Zentralasien inbegriffen, war und bleibt das Schwarze Loch im Bewusstsein der
tonangebenden Eliten in der deutschen Politik, in Wissenschaft, Wirtschaft und
Medien. Nolte wollte das durchbrechen - sehr gründlich und
eigenwillig deutsch, bis heute in kein Schema pressbar, auch - gottlob! - von
philosophisch historischen Ursprüngen her, zwar mitunter einseitig (vor allem
weil allein gelassen und brutal ausgegrenzt), aber genuin im Sinn rückhaltloser
Aufklärung über Deutschland im Kontext der europäischen Geschichte. Als
Übersetzer der Autobiographie Jakowlews (Die Abgründe meines Jahrhunderts) -
und unter Hinweis auf 32 Bände, die unter Jakowlews Regie auf russisch
erschienen sind: "Russland.
20. Jahrhundert. Dokumente" - kann ich jedoch nur
unterstreichen: Ernst Nolte ist gegenüber der Schule der diesbezüglichen
Aufklärung in Russland zahm, auch wenn es um Tatsachen geht. Von der erwähnten
Dokumentation besitze ich 24 Bände. Nur einer genügt, um sich zu fragen, warum
man bei uns öffentlich nie darauf einging - die deutsche Zunft hat sich, so
fürchte ich, darum herumgeschlichen, wie die Katze um den heißen Brei, ich habe
auch ein komplettes Angebot von Jakowlew an diese deutsche Zunft erhalten und
übersetzt, diese Geschichte des 20. Jahrhundert in 15 Bänden Dokumenten aus
russischen und deutschen Archiven (und anderen selbstverständlich) gemeinsam
aufzuarbeiten. Was daraus wurde, ist nicht nur beschämend - es ist dumm wie die
vielfache Arroganz gegenüber dem Osten.
Da ein Fehler in der sonst so guten Dokumentation
vorkam, bitte ich Sie darum, diesen Brief auch an den Dokumentaristen Schmid
und wenn möglich direkt oder durch ihn an Nolte und selbstverständlich an den
Moderator der Diskussion weiterzuleiten. Der Fehler ist substantiell und gehört
zum Thema. Er bezieht sich auf Michail Romms Film "Der Gewöhnliche
Faschismus" . Ich habe ihn in Deutschland mit durchsetzen helfen und
vorgestellt, war mit dem Regisseur und bin noch mit seiner, jetzt in München
lebenden Assistentin, Maja Turowskaja, befreundet, habe seinerzeit - 1965! -
ein rund 200 Seiten langes Interview mit Romm geführt und zum Teil
veröffentlicht. Dabei ging es nicht um die damals offizielle Doktrin über den
"Faschismus" als aggressivste Form von Imperialismus und Kapitalismus
und wie das - seit Dimitrovs Definition - in der Sowjetunion und den
Lehrbüchern des Marxismus/Leninismus hieß, sondern Romm und ich unterhielten
uns sehr intensiv und lange völlig freimütig und offen über die Ähnlichkeiten
und Unterschiede von "Faschismus" und "Stalinismus" - seine
Antwort: Er wählte das deutsche Material, weil es privat und offiziell, wohl im
Vorrausch des Sieges, am reichhaltigsten filmisch festgehalten wurde und im
Kontext eines fast gewonnenen Angriffskrieges stand, aber meinte zugleich, so
Romm, den Stalinismus, was das Publikum in der Sowjetunion sehr wohl verstand
(Lenin war für ihn noch sankrosankt). Aus Angst vor Repressalien gegenüber Romm
(durch die Ewiggestrigen in Moskau an der Macht) bedrängten mich Freunde - vor
allem der Ostdeutsche Hermann Herlinghaus, ein vorzüglicher Kenner der russisch-sowjetischen
Filmgeschichte, den ich, der Initiator des Gesprächs bei der Leipziger
Dokfilmwoche 1965, dazu einlud, wollte ich doch Vertreter beider deutscher
Staaten bei diesem Thema im Gespräch mit Romm am Tisch haben - diese Freunde
bedrängten mich, den Begriff "Stalinismus" bei der Veröffentlichung
fallen zu lassen, statt dessen die von Chruschtschow im Jahr 1956 (20.
Parteitag der KPdSU) eingeführte Formel "Personenkult" zu nutzen -
das einzige Zugeständnis, das ich damals machte. Immerhin zählten wir damals
das Jahr 1965, kurz zuvor war Noltes, für Deutschland sehr wichtiges Werk über
"Faschismus" erschienen. Dass diese Linie, wie sie Nolte, außerhalb
der üblichen Lager "rechts" und "links" usw., weiter
entwickelte, nicht mit ihm weiter gezogen wurden, sondern in abscheulichen
Kampagnen abgewürgt worden ist, bleibt ein Schandmal der ohnehin schwach
entwickelten Streitkultur in Deutschland. Hier vertuscht, verschweigt oder
selektiert man bei unangenehmen Themen, die Attackierten werden selten eingeladen
oder man haut die Abweichler dermaßen emotional zusammen, dass es ein Wunder
ist, wenn sie überleben - Nolte ist hier nicht der einzige.
Allerdings merkte ich, in anderen Fahrwassern, an
meinen Versuchen, wie schwer es ist, dies in der Öffentlichkeit durchzusetzen,
mit welchen Widerständen man zu rechnen hatte - nicht nur wegen des noch
vorherrschenden Paradigmas
im Kalten Krieg. Dieser begann im übrigen nicht mit der Rede in Fulton, die
Churchill hielt und damit zu dem zurückkehrte, was Hitler in den 30er Jahren
für die englischen und amerikanischen Eliten so sympathisch machte: Die
Bekämpfung des sowjetischen Russlands. Dies war gewissermaßen die Neuauflage
von 1915, vor allem 1917, als die kaiserliche Führung
Deutschlands die Bolschewiki in Tranchen mit über 60 Millionen Goldmark (=
Schweizer Franken) ausstattete, die übrigens Uljanow-Lenin großenteils selbst
quittierte, weshalb einer der Überbringer, Graf Mirbach, erster Botschafter des
Kaisers am Hof der bolschwestischen Führer Lenin und Trotzki, durch einen
"durchgeknallten Sozialrevolutionär", Blumkin, am 6. Juli 1918
ermordet wurde. Neben allem übrigen (anders als Nolte es formulierte, waren sie
keine Friedenspartei - das war lediglich das Aushängeschild zur Mobilisierung
der kriegsmüden Massen und zur Eroberung der Macht, auch durch PUTSCH - die
Oktoberrevolution war ein Staatsstreich und dem Ínhalt nach eine
Gegen-Revolution) die Bolschewiki agierten vor allem als Bewegung der Rache und
Vergeltung, als terroristische Bürgerkriegspartei, die Deutschlands Führung
unterstützte, um im Osten freie Hand zu bekommen. Dass Uljanow-Lenin das
mitspielte, bedeutete aus seiner Sicht keinen Hochverrat, er wollte ja mit dem
Geld der Imperialisten die Weltrevolution in Russland nur entfachen, das Land
anzünden, was ihm ja vollkommen gelungen ist - das erste Feuer des Weltbrands
in Russland sollte in Deutschland das Zentrum erhalten. Deshalb musste auch
Mirbach weg, als Zeuge der Geldübergaben - Blumkin war nämlich die rechte Hand
des "Eisernen Feliks" (Tscheka-Gründer Dzierzynski), der nichts
unternahm ohne den "Führer Ilyitsch", der in München den Namen N.
Lenin annahm, was den frühen Nationalsozialisten sehr wohl bewusst war. Zehn
Jahre später wurde auch dieser Zeuge, der Mörder Mirbachs Blumkin, auf Anweisung
Stalins ermordet, nunmehr der letzte Hauptmitwisser an den Geschäften zwischen
den bolschewistischen Führungseliten und den deutschen Eliten um Kaiser Wilhelm
- dem Vetter des Zaren Nikolai II, genannt Niki, der von Willi aus
militärstrategischen und geopolitischen Gründen so schmählich verraten wurde.
A propos war noch ein berühmter Russe Anhänger
derThesen von den Wahlverwandtschaften der Bolschewiki und Nationalsozialisten
- Vladimir Nabokov, den ich noch in Amerika hörte und dessen Grab ich jedes
Mal, wenn ich nach Montreux reise, aufsuche. Was würden Sie denken, wenn Sie
als Russe oder Russin - von Nabokov, Stepun über Bunin, Pasternak Achmatowa und
Zwetajewa bis zu Romm, Granin, Men, Gorbatschow und Jakowlew - das anhören oder
lesen müssen, was deutsche Experten in der Regel zu diesem Thema von sich
geben? Oder was die Gebildeten unter den 3,5 Millionen, die russisch und
deutsch sprechen und unter uns leben, das Verschweigen oder die Zerrbilder über
Russland von neuem erleben? Einem davon verdanke ich Material über die deutsche
Einheit - es ist verarbeitet in einem Essay über die wenig bekannten
Hintergründe beim Fall der Mauer. Das hänge ich an und bitte Sie um
Weiterleitung samt Brief an die genannten Personen.
In jedem Fall bedanke ich mich bei der Redaktion, vor
allem dem Dokumentaristen Schmid und seinem Gesprächspartner Nolte für diese
Sendung zu guter Zeit. Es war ein Zeichen für Professionalität, Zivilcourage
und Ehrlichkeit zu einem leidvollen und bislang öffentlich zumeist verhunzten
und emotional verbogenen Thema.
Beste Grüße und Wünsche. Friedrich Hitzer
Guten Tag Hitzer,
vielen Dank für Ihre Anfrage.
Da es ein ARD Beitrag war, haben wir ihre Anfrage an unsere ARD Kollegin
weitergeleitet.
Mit freundlichen Grüßen aus Mainz. Ursula Kerlin 3sat
Liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer,
haben Sie besten Dank für Ihre Mail, die uns von den
Kollegen des ZDF übermittelt wurde.
Die beiden o.g. Sendungen sind Einbringungen des
Südwestrundfunks in das 3sat-Programm. Wir haben daher Ihre Anfragen,
Anmerkungen und Wünsche an folgende Redaktion weitergeleitet:
SWR Redaktion Kultur & Gesellschaft 76530
Baden-Baden
Wir hoffen, dass wir Ihnen auf diesem Wege
weiterhelfen konnten und würden uns freuen, wenn Sie auch weiterhin am Programm
von 3sat Gefallen finden würden.
Mit freundlichen Grüßen. Andrea Grimm. Südwestfunk
ARD-Koordination. 3-SAT
Aus Baden-Baden erhielt ich bisher keine Antwort. Der
Dokumentarist Schmid schrieb jetzt, 26. Juni 2006:
Lieber Herr Hitzer, danke für Ihre ausführliche
Zuschrift zu Film und Diskussion über Ernst Nolte, die mittlerweile bei mir
angekommen ist. Ich bin leider (aus Zeitgründen) nicht in der Lage, sie so
gründlich zu beantworten, wie sie es verdient. Freut mich, dass Sie den Unterschied zwischen Film und
Diskussion so klar und richtig sehen. Die Diskussion verfolgte das Ziel, die
Wirkung des Films zu entschärfen - das ist ihr zu meinem Kummer auch gelungen.
Die Hintergründe und -gedanken des Films von Michail Romm sind mir auch bekannt,
wenngleich sicher nicht so detailliert wie Ihnen, und es wäre fahrlässig, sie
bei einer weitergehenden Auseinandersetzung mit Romm nicht zu erwähnen. Bei
aller offenen und verborgenen Gleichsetzung der totalitären Systeme bleibt der
Film jedoch immer auf der, wie ich es nannte, "linken Linie". Anders
wäre es wohl gar nicht gegangen. Insofern kann man nicht von einem Fehler in
der Dokumentation sprechen, vielleicht aber von einer leisen Ungerechtigkeit.
Anscheinend haben Sie vom Fernsehen keine weitere Antwort bekommen als jene,
die mit der skurrilen Anrede "Lieber Hitzer!" begann. Ich hoffe, Sie
haben darüber ebenso lachen müssen wie ich.
Andreas Christoph Schmidt
Schmidt & Paetzel Fernsehfilm GmbH, Berlin.