Israel Shamir: "Es gibt vier fünf große Gruppen zu berücksichtigen: Eliten, Bauern und Flüchtlinge auf der palästinensischen Seite, und Eliten sowie die ausgeschlossene Mehrheit auf der israelischen Seite. Vor einigen Jahren hatte diese Idee der Gleichheit nur sehr wenige Befürworter, weil die Leute gewöhnlich glaubten, ihre Führung hätte die Quadratur des Kreises durch die Fiktion einer Palästinensischen Nationalbehörde geschafft. Die Intifadah blies diese falschen Träume fort, und da begannen auch normale Israelis, zuzuhören. Die Hauptschwierigkeit ist der mangelnde Zugang zu Massenmedien, weil Zeitungen und Fernsehen in der Hand des politischen Gegners sind. Ansonsten sind die Israelis reif für die Lösung.
In den palästinensischen Eliten gab es vor zwei Jahren noch Hoffnungen, einen Mini-Staat zu erreichen, der seine Botschafter und Kultur-Attachés nach Übersee schicken könnte. Bauern und Flüchtlinge hatten keine andere Möglichkeit, ihrer Meinung eine Stimme zu geben, als durch die Intifadah. Die Intifadah machte deutlich, dass die Idee der Gleichheit für das einfache Volk passend ist, Bauern und Flüchtlinge auf der palästinensischen Seite, orientalische Juden, Russen, Siedler und Arbeiter auf der israelischen Seite. Die Eliten müssen noch gewonnen werden. Die Palästinenser im Ausland sind überaus bereit für die Idee, und nicht ohne Grund, es war die Idee von Edward Said. Die jüdischen Eliten in den USA sind eher feindselig, aber das ist zu erwarten: Sie sind der Hauptgegner. Um zu gewinnen, sollten wir sie neutralisieren, dadurch, dass wir bei den Menschen in den USA Anklang finden, bei den 'Goyyiim', die sie verachten und manipulieren."

Frage 4: "Professor Edward Said von der Columbia University ist seit Jahrzehnten einer der anerkanntesten und brillantesten palästinensischen Denker weltweit, das ist sicher ein Vorteil. Ich glaube übrigens nicht, dass die Medien in der Hand des politischen Gegners sind. Sie sind nur verunsichert wegen der Folgen des Zweiten Weltkriegs. Viele Leute können einfach nicht verstehen, dass Opfergruppen zu Tätergruppen werden können, dass Leiden und Schuld sich nicht gegenseitig ausschließen. Diese Unsicherheiten werden von verschiedenen Gruppen instrumentalisiert.
Gut, also wenn ich jetzt meinem Cousin, der in Burqin bei Jenin lebt, erzähle, dass wir Einen Staat machen, wird er sich vermutlich mit dem Finger an die Stirn tippen und mich seltsam ansehen. Er wird etwas sagen in dieser Art: 'Ich möchte nicht die israelische Identität annehmen! Möchte nicht den israelischen Pass, möchte nicht mit dieser furchteinflößenden weiß-blauen Flagge leben! Und sie werden betrügen, wie sie es immer getan haben. Wie kann ich meine palästinensische Identität finden, wenn ich sogar eine israelische Identität annehmen muss, die ich nicht mag! Wo ist die Unabhängigkeit, wo ist die Gerechtigkeit? Und wer werden die Soldaten von diesem Land sein, und wie soll es überhaupt heißen?!' Was soll ich diesem Mann sagen?"
Israel Shamir: "Was den ersten Teil Deiner Frage angeht: Die Medien SIND zu weiten Teilen in den Händen des Gegners in den USA und etwas weniger, jedoch noch immer in einem beachtlichen Ausmaß anderswo, inklusive Deutschland. Die aktuelle Affäre um Jamal Karsli ist nur eine Erinnerung an diese Macht, siehe meinen Essay 'Der Spatz und der Käfer' (auf Englisch).
Was Deinen Cousin in Burqin angeht, er hat keine besonders große Auswahl. Es ist ja nicht so, dass die Palästinenser gemütlich da sitzen und ihre eigene Wahl heraussuchen können, in Palästina glücklich bis ans Ende ihrer Tage ohne Juden leben zu können oder dergleichen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ich zeige den Palästinensern, wie sie den
Krieg gewinnen und zum Frieden kommen können, weil ich sicher bin, dass es die beste MÖGLICHE Lösung ist. Ein Mann aus Burqin käme vielleicht mit der Westbank aus, aber was will er den Flüchtlingen im benachbarten Balata sagen?
Die im Land geborenen Palästinenser werden eine dünne Mehrheit sein, also könnten sie viele Dinge initiieren. Sie könnten sogar die Flagge ändern und in der Armee dienen. Was den Namen angeht, es gibt Suomi-Finland, Eire-Ireland, und es könnte Palästina-EI geben, wie in der Zeit der Briten. Was die Identität angeht, so haben die Palästinenser viel mehr wirkliche Kultur als die Juden, und daher bin ich sicher, dass sie den sich ergebenden Kulturkampf gewinnen werden. Palästina wird unabhängig sein - vom Jordan bis zum Mittelmeer."

Frage 5: "Ich bin zuversichtlich, dass die Zeiten für Veränderung gekommen sind. Der Diskurs war lange Zeit voller Abstraktionen. 'Gleichberechtigung' ist ein präziser Wert, viel präziser als 'Staat'. Wenn die Palästinenser gleichberechtigt sind, werden sie ihre Stimmen, ihre Politiker und ihre Eliten einbringen können. Ja, ich kann diese Meinung sogar mit meiner nationalen Liebe für Palästina in Einklang bringen. Jerusalem, Ramallah, Nablus, Jenin und die anderen Städte werden immer palästinensische Städte sein, palästinensische Künstler werden immer palästinensische Künstler sein, und palästinensische Rechte werden immer palästinensische Rechte sein. Nur dass es dort Freiheit geben kann, wo jetzt Unterdrückung herrscht. Wir brauchen den Frieden und wir rufen alle Menschen mit Gewissen dazu auf, Gewalt zu verurteilen und friedlich für die Schaffung einer besseren Welt zu handeln.
Lieber Israel Shamir, vielen Dank für dieses Schach-Interview. Hast Du ein Schlusswort und Anregungen für weiterführende Lektüre im Netz, sei es auf www.israelshamir.net oder anderswo?"
Israel Shamir:
"Lieber Anis, ich möchte meinen palästinensischen Brüdern und Schwestern sagen, dass sie sich ihres großen Vorteils sicher sein können: ihrer Liebe zum Land Palästina, zu seiner einzigartigen Landschaft und seiner Kultur von der Bibel bis Mahmud Darwish. Die 'jüdische' Bevölkerung von Palästina hat keinen einheitlichen kulturellen Hintergrund, und sie wird letztlich integriert werden - oder willentlich fortgehen, oder anders. Die kanaanitischen Denker des zionistischen Israel (Boaz Evron, um nur einen zu nennen) haben bereits über Integration nachgedacht, haben aber arroganterweise geglaubt, dass es auf der Basis der jüdisch-hebräischen Kultur geschehen könnte. Jetzt sehen wir, dass dies nicht passieren wird, denn die hebräische Kultur ist zu schwach. Übernehmt die Führung, Palästinenser, und führt uns zu einem Palästina, wo Jaffa und Haifa so palästinensisch sein werden wie Nablus und Ramallah, wo wir alle willkommen sein werden. Gleichheit wird uns allen eine glückliche Zukunft garantieren. Was die weiterführende Lektüre angeht: mehr und mehr Leute kommen zu dieser Idee, durch Osmose."
Hier sind Kommentare zu diesem Interview.
PS am 30.10.: Als ich Israel Shamir sagte, dass ich auch Uri mag, und dass wir ja drei Staaten machen könnten (einen für die Ein-Staat-Leute und zwei für die Zwei-Staaten-Leute, antwortete er: "Ich mag Uri auch. Aber warum nur drei Staaten? Einen für die Labour-Wähler, die wohlhabenden Ashkenazis, von Hod Hasharon bis Tel Aviv, einen für orientalische Juden, einen für Siedler, einen für orthodoxe Juden in Mea Shearim, einen für Russen, einen für orthodoxe Christen, einen für Latinos, einen für Olivenanbauer und einen für Weinproduzenten. Und einen für Gush Shalom und Uri natürlich!"