des Gedichts und sie verstand, was ich ihr über die Flügel aus Staub erklärte. Selvi meinte, dass es hier auch viele Kurden gebe, und dass wir noch eine kurdische Übersetzung versuchen könnten. Mir fiel dazu ein, dass wir dann auch gleich durch das Camp ziehen konnten und sehen, wie viele Sprachen wir zusammenbekamen. So machten wir es auch. Zuerst trafen wir auf Niederländer, die offenbar überall dabei waren: "Soorten Liefde: Heersen wil de menselijke liefte. Helen wil de goddelijke liefte. Koningen zijn wij, met vleugels van stof." Auf einer steinernen Bank-Tisch-Kombination sahen wir zwei Frauen, die eine war Spanierin: "Las Formas del Amor: Dominar quiere el amor humano. Curar quiere el amor divino. Reyes somos nosotros, con alas de polvo." Die andere Französin: "Les Arts de l'Amour: C'est régner que veut l'amour humain. C'est guérir que veut l'amour divin. Nous sommes des rois, aux ailes de poussière." Ich fragte sie, ob es einen Weg gebe, die Könige in der französischen Übersetzung an den Anfang der Zeile zu bekommen, aber es ging nicht. Inzwischen standen einige Leute um uns herum, die mitbekommen wollten, was wir da machten. Es kamen Anwärter für Vietnamesisch, Kurdisch und Russisch, aber sie mussten passen. Die Spanierin fragte mich, woher sie mich kenne. Da musste ich passen. "Hast du nicht damals immer beim Poetry-Slam in Kiel teilgenommen?" Ja, hatte ich. "Ich habe deine Stimme erkannt", sagte sie. Ein Afrikaner mit einer coolen Sonnenbrille kam auf uns zu. Man hatte ihn herangerufen, weil er eine exotische Sprache konnte. Er schrieb es zunächst auf Portugiesisch, wobei er sich mit der Spanierin und der Französin beriet: "Maneras du Amor: Dominar quero a amor humana. Curar quero a amor du deus. Nos somus reies con alas polvu." Dann fügte er zögernd eine Version in der Sprache Lingala dazu: "Ba ndenge ya bolingo: Bolingo na biso ya batu ya mokili elingi ko domine. Bolingo ya nzambe elingi ko sekua biso. Biso tosali ba rois na mapapu ya poussiére." Ich glaube, man spricht das im Kongo, ich habe es mir nicht genau gemerkt. Er habe Verwandte in Zaire, die Portugiesisch sprechen, sagte er. Was es so alles gibt...
Selvi und ich zogen weiter, suchten Kurdisch und Polnisch. Ich ergänzte das Englische: "Kinds of Love: To rule wants human love. To heal wants divine love. Kings we are, with wings of dust." Auch eine arabische Version schrieb ich in die Liste:
"أنواع الحب:
الحكم هو مراد
الحب البشري.
الشفاء هو
مراد الحب
الإلهي. إننا ملوك
بأجنحة من
تراب."
Vor dem Imbiss-Stand fanden wir den Kurdisch-Experten, den wir die ganze Zeit gesucht hatten, weil er uns von mehreren Personen empfohlen worden war. Wir zeigten ihm die Liste mit den inzwischen neun Versionen, und er meinte, er könne nur Zaza, einen dem Kurdischen verwandten Dialekt, der von den beiden kurdischen Sprachen/Dialekten Kurmanci und Sorani abwich. Schön, sagte ich, mach es auf Zaza. Er runzelte die Stirn ein wenig und beriet sich mit einem Freund. Sie nahmen die türkische Übersetzung als Grundlage. Ich holte den beiden Stühle und schob sie ihnen in die Kniekehlen. Im Sitzen sprachen sie weiter. Es standen plötzlich allerhand Leute um uns herum, darunter einer, den ich vorher gesehen hatte, wie er den Backgammonspielern zusah und sie mit Worten und Gesten beriet. Jetzt stand er mit demselben Gesichtsausdruck über dem Papier gebeugt und brachte sich genauso ein. Heraus kam das Gedicht auf Zaza: "Eschke Rengan: Najeno hüküm bikero êschkê insanan. Najeno birinan bipeso êschkê heke. Ma kralime, puru ma nelerao." (Das "sch" ist eigentlich ein "s" mit einer Schlange darunter). Sie versuchten es noch eine Weile auf Kurdisch, konnten sich aber nicht zu einer Übersetzung durchringen. Jemand versuchte Griechisch, konnte aber nur den mittleren Satz: "To kalo theli i agapi ton theon." Immerhin. Ich dankte Selvi, der die Sache Spaß gemacht hat und deren Name "Zypresse" bedeutet, dann erklärte ich die Mission für erfolgreich beendet.
Zurück zu Hause überlegte ich, wie ich das Buch nun enden lassen sollte. Und wo? Doch nicht hier in Kiel. Ich war doch im Buch noch im Sorat-Hotel in Berlin. Die letzten Stunden dort verbrachte ich mit Jörn. Jörn! Natürlich. Also, das war so:

Mit Jörn am Spreebogen
(28.06.04) Der nächste Morgen fing spät an, ich ließ mir Zeit und checkte dann aus. Eine Rechnung wegen der Minibar, oh. Ich dachte, das würde nichts kosten. Beim Frühstücksbuffet war ich mal wieder der Letzte. Ich traf die Chefs for Peace kurz in der Lobby, sie wollten gleich eine Stadtrundfahrt machen. Auch Michael Eiser, den Hotelmanager, traf ich im Vorübergehen noch und ich verabschiedete mich von ihm, da ich nicht annahm, ihm vor der Abreise noch einmal zu begegnen. Alex Elsohn saß am Rechner in der Lobby und zeigte mir erste Fotos vom Barenboim-Event. Ich hatte den Zug nach Kiel um halb drei gebucht, ohne Hektik. Jörn hatte schon durchgerufen, dass er unterwegs sei. Ich wollte draußen am Spreebogen auf ihn warten. Es war sonnig mit windigen Abschnitten. Als guter Demokrat grüßte ich in Richtung unseres Innenministeriums, das direkt gegenüber des Sorat liegt. Ich spazierte an der Spree entlang, rauchte, und es dauerte anscheinend länger, bis Jörn eintraf. Da bemerkte ich ein Denkmal, zwischen Hotel und Ministerium, die Büste eines Mannes. Albrecht Haushofer (1903 - 1945), Professor für politische Geografie, Autor, so las ich auf der Tafel unter seinem Konterfei. Er wurde von den Nazis kurz vor Kriegsende in Moabit ermordet. Haushofer schrieb die Moabiter Sonette. Drei davon sind rings um das Denkmal in Metalltafeln gegossen. Im einen geht es um braune Ratten im Fluss, im anderen um Heimat. Das dritte habe ich abgeschrieben. Ich hatte mir am Schluss der Veranstaltung von Daniel Barenboims Tisch sein Namensschild mitgenommen, weil ich kein Papier hatte und weil es eine Reliquie war. Auf die Rückseite schrieb ich nun Haushofers Gedicht:
Schuld
Ich trage leicht an dem, was das Gericht
Mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen
Verbrecher wär ich, hätt ich für das Morgen
des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht
Doch schuldig bin ich. Anders als ihr denkt!
Ich musste früher meine Pflicht erkennen,
Ich musste schärfer Unheil Unheil nennen,
Mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt...
Ich klage mich in meinem Herzen an:
Ich habe mein Gewissen lang betrogen,
Ich hab mich selbst und andere belogen -
Ich kannte früh des Jammers ganze Bahn.
Ich hab gewarnt - nicht hart genug und klar!
Und heute weiß ich, was ich schuldig war.
Das war schon starker Tobak. Ich las es Jörn vor, als wir kurz darauf im Park auf der anderen Straßenseite spazieren gingen. Jörn fand es ziemlich erstaunlich, dass jemand in einer solchen Situation Sonette schrieb und eine feste, traditionelle Form wählte, in all diesem Chaos. Mir war in dem anderen, dem Heimatgedicht, aufgefallen, dass dort ein (Natur-)Patriotismus auftrat, der heute nicht mehr üblich ist, und ich sinnierte über Nationalismus, Patriotismus, Heimatverbundenheit und landesbezogene Identität. Es war gut, Jörn wiederzusehen. Er erzählte von Reisen und Begegnungen, die er gerade erlebt hatte, Gemeinschaftserlebnissen, Fußballspielen. Wir saßen auf dem Kinderspielplatz im Park und tranken Cola. Jörn Hagenloch ist für mich einer der größten lebenden Lyriker Deutschlands. Zwar hat er laut gelacht, als ich ihm das gesagt habe, aber darauf habe ich geantwortet, dass er ja wohl das präziseste Liebespoem aller Zeiten geschrieben hat. Und in der Tat, dem konnte er kaum etwas entgegensetzen. Es ist ein Juwel der Literaturgeschichte und ich bin glücklich darüber, dass ich es hier präsentieren kann. In diesem Gedicht ist alles drin: Sehnsucht, Leidenschaft, Hoffnung, Unschuld, Humor, Philosophie, Beziehungsdrama. Dabei besteht es aus nur sechs kurzen Wörtern. Das ist dicht. Das ist Dichtung:
"Ich und du,
dann wär Ruh."
ENDE
Anhang