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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit (6): Jüdische Zeitung
Online-Studie von Anis Hamadeh, 2008
Kapitel 3
Kapitel 3: Ein Wortbruch - Ein Ende mit Schrecken

- Ein Wortbruch -

(06.06.2008) Wie mit der JZ-Redaktion besprochen ist mein Artikel über Hedy Epstein in der Juni-Ausgabe erschienen. Nicht nur das, sie haben auch meinen Kommentar wegen Ludwig gedruckt! Das ist erneut beeindruckend und besonders. Allerdings gibt es einen Haken: Entgegen klarer Verabredungen wurde mein Text verändert. Wir hatten klar abgemacht, dass Textänderungen nur nach Absprache erfolgen. Herr Dödtmann hatte mir nach Sichtung des Artikels zugesagt, dass nur an einer Stelle "Frau Hedy Epstein" durch "Hedy Epstein" ersetzt wird und das Wort "MultiplikatorInnen" aus einem der Zitate umgewandelt wird.

Vergleichen wir aber den ersten Satz meines Artikels mit dem, was wirklich gedruckt wurde, sehen wir folgendes:
1. "Der 83-jährigen Frau in der ersten Reihe lief ein Schauer über den Rücken, als ihre Doppelgängerin die Bühne betrat."
2. "Der 83-jährigen Jüdin, Ehrengast in der ersten Reihe, lief ein sichtlicher Schauer über den Rücken, als ihre Doppelgängerin die Bühne betrat."

Aus der Frau haben die also eine Jüdin gemacht. Dabei wollte ich im ersten Satz nicht solche abstrakten Wörter haben, sie lenken nur von der beschriebenen Situation ab. Ob diese Frau nun Jüdin oder Vegetarierin ist, spielt hier keine Rolle. Dass sie Ehrengast war, interessiert hier auch nicht. Es geht nur um die Doppelgänger-Situation. Und warum hat die Redaktion aus dem Schauer einen sichtlichen Schauer gemacht und den Satz dadurch ein drittes Mal zerstört? Der Schauer war nicht mal sichtlich, denn es war dunkel im Saal.

Ist der zweite Satz besser oder der erste? Egal, es ist auf jeden Fall ein Wortbruch. Auch der Titel ist geändert und weitere Teile im Text. Mich erinnert dieses Verhalten an das eines Hundes, der überall dranpissen muss, um sein Revier zu markieren. Ich nehme an, dass es niemanden verwundern wird, dass ich keine weiteren Artikel für die JZ schreibe. Wenn mein Name irgendwo drunter steht, dann brauche ich die Kontrolle über den Text, das ist doch logisch.

Anscheinend ist diese Problematik in deutschen Redaktionen nicht relevant. Was sagt das über Journalisten aus, die ihr Geld mit Artikeln verdienen müssen? Sie sind gefügig. Sie lassen sich in ihre Texte pfuschen. Was sagt das über deutschen Journalismus aus? Genug. Ein Lob also auf das Internet, wo jeder seine Texte hinstellen kann ohne dass eitle Besserwisser an den Sätzen herumdoktorn und ohne dass die Autoren Vergewaltigungen über sich ergehen lassen müssen.



- Ein Ende mit Schrecken -

(17.06.2008) Nach dieser Geschichte hat sich das Thema JZ für mich erledigt. Ich bedaure das sehr und habe folgendes pessimistisches Gedicht zu dem Thema produziert: Was ist ein Journalist? Einer, der alles frisst? Der niemals was vermisst? Er wird ständig beschnitten, von klausulierten Dritten, klingt unterwürfig trist! Nein, du bleib, wie du bist. Werd bloß nicht Journalist!

Es gab einige Punkte, auf die ich noch zurückkommen wollte, aber nun ist es vorbei. Ein ander Mal an einer anderen Stelle. Tschüs!

obliegt es jedem Redakteur, in seinem Arbeitsbereich über redaktionelle Eingriffe zu entscheiden. Das ist nichts Ungewöhnliches und Verdammenswertes.

PS 2014: Ich bin für den Artikel mit dem Farbfoto nie bezahlt worden ...
 
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