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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit (6): Jüdische Zeitung
Online-Studie von Anis Hamadeh, 2008
Kapitel 2
Kapitel 2: Neues von der deutschen Presse - Licht am Ende des Tunnels - Die Jüdische Zeitung - Ausgrenzung von Kritikern

- Neues von der deutschen Presse -

(05.05.2008) Heute habe ich eine neue Erfahrung gemacht. In der Mai-Ausgabe der Jüdischen Zeitung ist auf Seite 16 unter dem Titel "Chiffren und Dogmen. Zur März- und April-Ausgabe der 'Jüdischen Zeitung'" etwa eine drittel Zeitungsseite lang aus dieser Pressezeit zitiert worden, speziell die Besprechungen von Shapiro, Papp, Halpert, Klatt, Platzeck, Dödtmann, Yaron, Kahnemann, Fried/Joseph und Gallers. In meiner langjährigen Erfahrung als freier Publizist ist mir eine solche Offenheit noch nicht begegnet. Und die haben das von sich aus gemacht. Sie haben vorher gefragt, ob sie Material aus der Pressezeit verwenden dürfen. Ein solches Verhalten ist völlig untypisch für eine deutsche Zeitung. Die taz ist zwar ebenfalls recht locker in dieser Hinsicht, aber nicht so. Das hier ist ein echter Präzedenzfall.




- Licht am Ende des Tunnels -

(12.05.2008) "Ein Lichtlein am Ende des Tunnels" ist eine der berühmten JZ-Überschriften der Hoffnung. Dieses Mal kann ich es nachvollziehen. Es geht in dem Artikel von Philipp Holtmann (S. 7) um die aktuelle Situation im Nahen Osten und mögliche Gespräche Israels mit Syrien. Auch mit der Hamas sei ein Wandel denkbar. In diesem Zusammenhang sehe ich zwar nicht wirklich einen Hoffnungsschimmer, aber der Titel passt trotzdem. Ein langer erster Absatz nämlich erklärt den historischen Hintergrund des Konflikts, vor allem die Vertreibungen und Enteignungen seit den 40er Jahren. Dieser Zusammenhang zeigt, warum die 60-Jahr-Feier von einigen Leuten boykottiert wird, beziehungsweise warum das Jubiläum des zionistischen Staats nicht überall einen Grund zum Feiern darstellt.

A pro pos 60-Jahr-Feier: Im Mai, also jetzt, ist der Hauptmonat der Feierlichkeiten, weil Israel im Mai gegründet wurde. Bereits das diesmalige Titelfoto nimmt das Thema auf und bildet die Gesichter eines israelischen Soldaten und eines palästinensischen Demonstranten ab, die sich auf Augenhöhe gegenüberstehen. "60 Jahre Auge in Auge" heißt der Titel dazu. Ich halte das für sinnvoll, denn der Kampf ist das vorherrschende Motiv der letzten sechzig Jahre. Auf Seite 2 kommen einige Stimmen zum Thema zu Wort, wie Micha Brumlik und Rolf Verleger. Herrn Brumlik habe ich bislang noch nicht verstanden. Zum einen habe ich einige Sachen von ihm gelesen, die mich abgestoßen haben, zum anderen solche, die interessant waren. Er scheint Palästinenser als Menschen akzeptieren zu können, ist aber als "Antisemiten"-Jäger zuweilen eine Gefahr. - Frau Knobloch schreibt auch dort: "Die jüdischen Tugenden der Mitmenschlichkeit und der Gleichberechtigung geben allen Menschen, die in Israel leben, die Möglichkeit zum friedlichen Miteinander. Es ist sehr zu hoffen, dass sich diejenigen, die bisher den Friedensprozess behindern, von der Gewalt abwenden." Wer mag damit wohl gemeint sein? Für Selbstkritik ist Frau Knobloch immerhin nicht berühmt. Meistens hört man von ihr, wenn sie israelische Staatsgewalt rechtfertigt. Dann Kate Katzenstein-Leiterer von der "Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost", die an die Vertreibungen erinnert. Gysi ist auch dabei, der hat ja kürzlich gesagt, Israel sei unsere Staatsräson. Das hat einige Linke verprellt. Herr Giordano spricht von seiner "unausrottbaren Sorge", es ist ein Bouquet von Meinungen und Persönlichkeiten.

Interessant auch Seite 9, das Interview mit Efi Stenzler, dem Präsidenten des Jüdischen Nationalfonds, von Eik Dödtmann. Die Fragen sind zum Teil recht kritisch hinsichtlich Staatsgrenzen, der Wasserfrage und vor allem der Existenzberechtigung des Fonds. Herr Stenzler antwortet auf die meisten Fragen mit dem Satz: "Was die israelische Regierung vorgibt, danach richten wir uns." Der Top-Artikel des Monats steht auf Seite 27, Theodor Josephs "Kratzer an den Gründungsmythen. Tom Segevs '1949 - Die ersten Israelis' räumt mit Israels Geschichtsschreibung auf". Segev ist einer der wichtigsten israelischen Historiker und er war der erste, der frühe Akten der Regierung einsehen konnte. Sein Buch löste einen Schock in Israel aus ... allerdings ist das über zwanzig Jahre her. Erst jetzt wird es auf Deutsch publiziert, lustigerweise im Siedler Verlag. Schön, dass der Segev-Artikel auf derselben Seite ist wie der Beitrag von Frau Linde-Lembke, denn dann wird sie ihn bestimmt sehen.




- Die Jüdische Zeitung -

(18.05.2008) Die Website der Jüdischen Zeitung ist www.j-zeit.de. Hier der Wikipedia-Eintrag, den es übrigens nicht auf Englisch oder Russisch gibt, aber auf Arabisch: "Die Jüdische Zeitung ist eine seit Herbst 2005 erscheinende Monatszeitung in deutscher Sprache. Sie ist die jüngste Veröffentlichung der Werner Media Group Berlin. Adressat der Monatsschrift ist einerseits die deutschsprachige jüdische Gemeinschaft sowie alle am Judentum und jüdischen Fragen Interessierten. Nach Selbstauskunft will die Zeitung den Prozess der Pluralisierung in der deutsch-jüdischen Gesellschaft aufmerksam, unabhängig und kritisch begleiten. Auch über für die jüdische Gemeinde relevante Vorgänge in ganz Europa, den USA und besonders aus Israel will die Jüdische Zeitung authentisch Bericht erstatten. Diese Zielvorgaben sollen ausser durch das Berliner Redaktionsteam von Korrespondenten im In- und Ausland, fachkompetenten Kommentatoren, Rezensenten, Feuilletonisten sowie Reportern und Fotojournalisten, die an der Publikation mitwirken, gewährleisten werden. Themenfelder: aktuell-politisches, religiöses (nicht nur jüdisches), gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Geschehen in ganz Deutschland, Weltgeschehen und Diaspora, Tradition und Moderne, jüdische Gemeinschaft und zeitgenössisches Judentum, interreligiöser Dialog, Meinungen und Dispute zu aktuellen Fragen des Judentums und vielen allgemein-gesellschaftlich relevanten Themen, aktuelle jüdische Kunst und Kultur, Wissenschaft und Bildung im jüdischen Kontext, Geschichte des Judentums"

Der Verkaufspreis ist 2,20 Euro. Unter http://www.j-zeit.de/download/Mediadaten_JZ.pdf findet man zusätzlich folgende Informationen: "Seit 2002 erscheint die Monatszeitung Jevreyskaja Gazeta. Sie richtet sich mit einer Auflage von 39.000 Exemplaren an die russischsprachigen Juden in Deutschland und hat sich einen anerkannten und guten Ruf erarbeitet. Die Jüdische Zeitung in deutscher Sprache erscheint erstmals im Herbst 2005 und richtet sich in deutscher Sprache an die Juden in zweiter Generation. Sie wird auch von Politik- und Religionswissenschaftlern als wertvolles Medium geschätzt. Die Auflage des Monatstitels liegt bei 36.000 Zeitungen."

Wichtig auch die journalistischen Richtlinien der Zeitung, die ich in einer Email von der JZ-Redaktion erhalten habe: "Keine polemischen, diffamierenden, verallgemeinernden, rassistischen oder andersartig verletzenden Aussagen gegenüber einer Person oder einer Gruppe von Menschen; sachliche und objektive Darstellung, die dem Leser eine freie Interpretation ermöglicht."


- Ausgrenzung von Kritikern -

(25.05.08) Im redaktionellen Beitrag auf Seite 4, "Politischer Redakteur angegriffen", wird gemeldet, dass "mehrere Vertreter jüdischer Organisationen" die Entlassung von Ludwig Watzal fordern, Redakteur der Bundeszentrale für Politische Bildung. Er stelle Israel als "wild gewordene Kolonialmacht" dar, die eine "ethnische Säuberung" der Palästinenser durchführe. Die Zeitungen "Welt" und Tagesspiegel werden genannt als Medien, die die Vorwürfe weitergetragen haben. Innenminister Schäuble sei informiert und das Innenministerium nehme das Anliegen "sehr ernst".

Das Innenministerium ist nicht die einzige Instanz, die das sehr ernst nimmt. Ich kenne Ludwig Watzal seit einigen Jahren und habe keinerlei Verständnis für derartige Jagdaktionen. Ich habe nicht vergessen, wie es damals mit Jamal Karsli gelaufen ist und habe kürzlich mit ihm telefoniert.

Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Habe lange überlegt, wie ich darüber schreiben kann. Es kommen bei der Lektüre solcher Artikel Vergeltungsgefühle auf. Nicht, dass ich solchen Gefühlen automatisch nachgeben würde, aber es scheint mir relevant, darauf hinzuweisen, dass solche Jagden Reaktionen hervorrufen.

Da sollen Leute entlassen werden, wenn sie unangenehme Wahrheiten aussprechen. Entlassen von anderen Leuten, die auf Gewalt setzen. Dies sind unsere Realitäten. - Ich werde noch ein drittes Kapitel dieser Pressezeit schreiben, aber nicht, so lange ich diese Gefühle habe. Ich schätze, ich brauche ein zwei Monate.

Weiter zu Kapitel 3 >>
 
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