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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit (5): Der Deutsche Presserat
Eine Online-Kritik von Anis Hamadeh, 2007
Inhalt:

Kapitel 1: Einleitung - Was macht der Presserat? - Der Pressekodex - Kommentar I. - Journalist und Redaktion - Personalia/Kommentar II

Kapitel 2: Gib dem Gegner Raum - Reflektion


- Einleitung -

(29.12.2006) Der Deutsche Presserat ist die freiwillige Selbstkontrolle der Printmedien in Deutschland. Er befasst sich mit Beschwerden über redaktionelle Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften und bewertet diese anhand des Pressekodex. Grundsätzlich hat jeder die Möglichkeit, sich kostenlos beim Deutschen Presserat über Veröffentlichungen in der deutschen Presse zu beschweren. Weitere Aufgaben des Presserats sind: Missstände im Pressewesen festzustellen und auf deren Beseitigung hinzuwirken; Entwicklungen entgegenzutreten, die die freie Information und Meinungsbildung des Bürgers gefährden könnten; für den unbehinderten Zugang zu Nachrichtenquellen einzutreten; Empfehlungen und Richtlinien für die publizistische Arbeit herauszugeben.

In dieser Ausgabe der Pressezeit geht es um einige grundsätzliche Fragen des Journalismus in Deutschland. Im Laufe der Jahre habe ich einige Erfahrungen mit der Presse gesammelt, sowohl als Objekt von Artikeln als auch als Journalist. Überhaupt beschäftige ich mich seit vielen Jahren forschend mit dem Thema Öffentlichkeit. Forschend, das bedeutet in erster Linie: empirisch forschend, eigene Erfahrungen mit den verschiedenen Öffentlichkeiten machend und diese reflektierend. Da ist zum Beispiel das neue Phänomen der freien Internet-Öffentlichkeit, die sich von der frontalen Öffentlichkeit unterscheidet. Als Besitzer einer Website etwa kann man eine eigene Öffentlichkeit herstellen. In der ersten Episode der Pressezeit hieß es dazu: "Wenn man eine Melone neben einen Apfel stellt, kann man neue Aussagen über den Apfel machen. Wenn man eine freie Öffentlichkeit neben eine frontale stellt, kann man neue Aussagen über die frontale Öffentlichkeit machen."

Der Begriff "frontal" ist abgeleitet von der schulischen Vorstellung des "Frontalunterrichts": Es gibt einen Lehrstoff, der von oben bestimmt wurde und der in die Schülerinnen und Schüler hineingebracht werden soll. Bei den Medien ist es kein Lehrstoff, sondern Informationen, beides hat aber einen didaktischen Ansatz und beides wird - in unterschiedlichem Maße - von oben vorgegeben. Die einzelnen Lehrer und Journalistinnen besitzen ihre jeweils eigenen Vorstellung von der Umsetzung dieser Vorgaben, insgesamt handelt es sich allerdings um ein frontales Mainstream-System mit entsprechenden Mechanismen des Lager- und Klassendenkens. Insofern sind die Begriffe "freie Presse" und "freie Bildung" irreführend, denn was "frei" bedeutet, wird durch Grenzen indirekt vorgegeben. Es gibt Grenzen der Freiheit, denn öffentliche Freiheit impliziert öffentliche Verantwortung. Wenn diese Grenzen allerdings Lager- und Klassendenken betreffen, das man einzuhalten hat, dann wird die Sache bedenklich, weil die Gefahr der Ideologisierung der Öffentlichkeit droht.

Am einfachsten erkennt man die Symptome des frontalen Mainstreams an der Darstellung der USA und Israels. Obwohl beide genannten Staaten ihre eigenen humanistischen Maßstäbe in eklatantem Maß und für jeden sichtbar brechen, sorgen Begriffe wie "Westbindung" und "Antisemitismus" dafür, dass keine grundsätzliche Kritik in der frontalen Öffentlichkeit stattfindet. Sobald eine Zeitung, so gut sie auch argumentieren mag, die Westbindung und die Nato in Frage stellt, wird sie marginalisiert und zum Beispiel als "linksextrem" etikettiert. Lebendes Beispiel dafür ist die junge Welt in Berlin. Sobald die gesellschaftlichen Dogmen beziehungsweise Tabus angerührt werden, finden Etikettierungen wie links, rechts, unseriös, irrational statt. Mit dieser Methode werden Fragen verhindert. Eine größere Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern ist darüber ernsthaft besorgt, wie man außerhalb der frontalen Öffentlichkeiten sehen kann, in der Internetöffentlichkeit zum Beispiel oder in privaten Gesprächen.

Die ideologische Wahrung der Westbindung und der Solidarität mit dem israelischen Militär ohne Rekurs auf rechtliche Erwägungen ist an sich bereits alarmierend genug. Dies sind allerdings nur Ausdrücke einer generellen Lager- und Obrigkeitsmentalität, die dem Einzelnen nicht einmal bewusst sein mögen. Die eigene Gruppe steht über allem und sie wird geführt von denjenigen, die die Werte der Gruppe (hier also z.B.: Westbindung, Philosemitismus, Extremkapitalismus) am besten repräsentieren. Kaum jemand hat diese Mentalität in letzter Zeit so gut auf den Punkt gebracht wie der Schriftsteller und Journalist Navid Kermani, als er am 11.08.2006 in einem Interview der Frankfurter Rundschau sagte: "Intellektuelle und Schriftsteller, die lauter bellen als das Rudel, machen mich immer sehr skeptisch." Dies ist exakt die Einstellung, die die frontale Öffentlichkeit sehen möchte. Es ist erwünscht - um im Bild zu bleiben - mit den Wölfen zu heulen. Genau das charakterisiert die frontale Öffentlichkeit und genau das macht sie gefährlich.

In diesem Rahmen gibt es viele Fragen, die heute neu gestellt werden können und müssen. Neben den Abgrenzungen der frontalen Öffentlichkeit von der freien und von den privaten Meinungen gehört dazu die Analyse der Werte, die in der frontalen Presse vermittelt werden, wenn in entscheidenden Fällen die Gruppe höher steht als das Recht. Nachdem die DDR einverleibt wurde, gibt es auch die Frage, welche Ersatzobjekte die frontale deutsche Öffentlichkeit gefunden hat, um die Lücke zu füllen, die das Feindbild des jeweils anderen Deutschlands ausgefüllt hatte. Weiterhin geht es um das Verhältnis zwischen Redaktion und Journalist, auch darüber ist in den freien Medien noch viel zu sagen. Wie funktioniert so eine Zeitung und wie funktioniert der Presserat? Zentral bei all diesen Überlegungen ist die Tatsache, dass die negativen Erscheinungen der Medien von den sie Verursachenden nicht als solche empfunden werden.

Auf eine systematische Gliederung dieser Fragen wird hier bewusst verzichtet. Stattdessen schreibe ich öffentlich und in der Bereitschaft, Anregungen von außen anzunehmen und diesen nachzugehen. Es wird einige Interviews mit Journalisten geben, zum Teil vielleicht anonym, um herauszufinden, wie die Stimmung zwischen Redaktion und Journalist ist, in Zeiten politischer Enge und Jobknappheit. Betrachten wir zunächst den Deutschen Presserat etwas genauer.

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