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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit (5): Der Deutsche Presserat
Eine Online-Kritik von Anis Hamadeh, 2007
Kapitel 2
Kapitel 2: Gib dem Gegner Raum - Reflektion

- Gib dem Gegner Raum -

(30.01.2007) Es wird immer Meinungsverschiedenheiten geben und vielleicht wird es auch immer Krieg geben. Die Unterdrückung durch Tod, Verletzung und Beraubung muss es aber nicht geben. In der neueren Entwicklung der organisierten Menschheit zeigt sich eine Tendenz zur gewaltlosen Schlichtung von Konflikten, manifest in der Verabschiedung der Menschenrechte, der Genfer Konventionen, dem Prinzip der UNO, dem Atomwaffensperrvertrag, der Abschaffung der Todesstrafe und vielen anderen Elementen. Diese wurde und wird durch eine Gegentendenz konterkariert, eine, die auf physische Gewalt zur Entscheidung von Konflikten setzt und auf das zu selten hinterfragte Prinzip "Frieden durch Kontrolle/Hegemonie". So im "Krieg gegen Terror", in Palästina, im Irak, in Afghanistan, aber auch in Auseinandersetzungen, in die die Supermacht nicht verwickelt ist. Es handelt sich dabei um eine fraktale Konstellation, die sich in der Weltpolitik ebenso nachweisen lässt wie auf der Ebene der Familie, der Schulen und anderer sozialer Orte. Ob nun Gewalt oder Nichtgewalt als Lösung erkannt wird, in beiden Fällen ist es eine Glaubensfrage. Es ist eine Tatsache, dass die meisten Leute an die Prioriät der Gewalt glauben. Andernfalls wären die Gewalttäter zum Beispiel aus den Regierungen ausgemerzt worden. Die Öffentlichkeit und ihre Werte spielen eine entscheidende Rolle in der Etablierung dieses Glaubens.

Die Verantwortung der Presse wird in diesem Zusammenhang unterschätzt. Und zwar geht es dabei nicht so sehr um einzelne Nachrichten, die in verschiedene Richtungen interpretierbar sein mögen, sondern um die Denkrahmen, innerhalb derer Zeitungen agieren und die so grundlegend sind, dass sie nicht ausgesprochen werden. Bereits in der Pressezeit (1) wurde am Beispiel der Süddeutschen Zeitung aufgezeigt, dass Zeitungen Metabotschaften aussenden, indem sie etwa Stimmungen übertragen. Wenn Angst oder Depression oder Unfreiheit zum Denkrahmen gehören, dann können diese Elemente die Leser anstecken und sie zu schädlichen Handlungen führen beziehungsweise zum Schweigen bringen.

Stellen wir uns eine andere Art von Zeitung vor. Nehmen wir an, es gäbe eine Zeitung, die in dem Bewusstsein steht, dass wir an vielen gefährlichen Konflikten kranken und dass die Lösung dieser Konflikte die Priorität im öffentlichen Diskurs haben muss. Dies ist längst der Fall, mögen einige sagen, andererseits muss man angesichts der Entwicklung der öffentlichen Themen zugeben, dass sich nicht viel getan hat: Die gesellschaftlichen Konflikte haben in den letzten 30 Jahren eher zugenommen als abgenommen. Sind wir vielleicht nicht in der Lage, sie zu lösen? Haben wir versagt oder sind die Konflikte einfach unlösbar? Wahrscheinlicher ist, dass unser Denkrahmen zu eng ist.

Dazu als Beispiel die gängige These, nach der dem Gegner keine Plattform gegeben werden darf. Der Klassiker ist der Neonazi. Es geht aber auch mit Terroristen und religiösen Fanatikern. Das dazu gehörige Argument lautet: "Diese Person (oder Gruppe) ist nicht im Toleranzbereich unserer Wertevorstellung. Sich mit ihr auseinanderzusetzen würde eine Anerkennung bedeuten und sie ermutigen oder gar anderen das Bild vermitteln, ihre Meinung sei akzeptabel. Man würde ihr Raum geben, um für ihre unerwünschten Eigenschaften Werbung zu machen. Daran soll man sich nicht beteiligen." Mit diesem Argument lässt die Öffentlichkeit sich überzeugen. Das Argument, dass dem Bösen kein Raum zu geben ist, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, greift jedoch in dieser Form zu kurz.

Die Zeitung hat die Macht, Konflikte zu beschreiben beziehungsweise zu definieren. Das redaktionelle Wort ist ein Filter. Im Fall des Keine-Plattform-Gebens steht auf der anderen Seite die Ausgrenzung. Gewaltverherrlichung, Drohungen und Verleumdungen gehört zu den Dingen, die ausgegrenzt gehören. Es herrscht Einigkeit darüber, dass einigen Dingen in der Tat keine Plattform gegeben werden soll. Die Verwendung des dazu gehörigen Arguments aber reicht viel weiter, weil der Wertekatalog Ideologien wie die oben genannten mitträgt: Westbindung, Philosemitismus, Extremkapitalismus.

Dem Gegner Raum geben bedeutet zum Beispiel, den Kontakt zu einer Zeitung in einem der "Schurkenstaaten" aufzunehmen, zum Beispiel aus dem Iran oder Palästina, und einen offenen Austausch zu pflegen. Mit den heutigen Kommunikationsmitteln ist das eine leichte Sache. Ich vertrete die These, dass jede militärische Auseinandersetzung auf mangelnde Kommunikation zurückzuführen ist. Dazu gehört auch die Eigenkommunikation, also die Möglichkeit, sich selbst zu hinterfragen.

- Reflektion -

(05.03.2007) Ich fuhr den Rechner hoch und las erneut, was ich vor einigen Wochen zum Thema "Gib dem Gegner Raum" geschrieben hatte. Warum ging es nicht weiter? Das
Interview mit Khaled Mahameed war dazwischengekommen. Aber das war nicht der wirkliche Grund. Ich spürte, dass ich mit dem, was ich oben geschrieben hatte, nicht ausdrücken konnte, was ich meinte. Es blieb zu abstrakt. Zu didaktisch. Es hatte gut angefangen mit der Vorstellung des Presserats und einer Zusammenfassung zentraler Fragen zum Pressewesen. Die Richtung musste jetzt geändert werden. Ich beschloss, das Projekt für eine Weile ruhen zu lassen und es bei geeignetem Anlass wieder aufzunehmen.