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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit (4): Henryk M. Broder
Eine Online-Betrachtung von Anis Hamadeh, 2006
Kapitel 1

English Version
Inhalt:

Kapitel 1: Worin besteht die Schuld? - Analysen - Habibi Blockwart




- Worin besteht die Schuld? -

(27.06.06) Zunächst einmal weiß ich wenig über Henryk Broder. Zwar habe ich im Laufe der Jahrzehnte schon mal einen Artikel von ihm gelesen, aber haften geblieben ist davon eigentlich nur die Korrespondenz mit Herrn Blüm damals. Blüm schrieb Broder versehentlich mit "Broders" an, woraufhin dieser ihn "Blums" zurücknannte and so ging es eine Weile hin und her ("Lieber Herr Brabler"). In dieser Episode fiel auch der schöne Satz: "Gut lesen können Sie schlecht, aber schlecht schreiben können Sie prima." Siehe:
www.henryk-broder.de/html/tb_bluem.html. Dann war da noch ein Email-Austausch kurz nach dem Jahreswechsel, bei dem ich feststellen konnte, dass er bei Erhard völlig andere Assoziationen hat als bei mir. Ansonsten ist mir bekannt, dass der Name Henryk M. Broder bei einigen Networkern spontane Emotionen auslöst.

Nähern wir uns dem Phänomen also unbelastet und systematisch und fangen gerechterweise mit der Selbstdarstellung an. Die Überschrift sämtlicher Seiten seiner Homepage lautet: "…selber schuld, wenn Sie mir schreiben." Neben diesem Titel sieht man einen verzweifelnden Mann an einem Schreibtisch sitzen, mit Papieren um sich herum, das Gesicht mit den Händen verdeckt, die Ellbogen auf dem Schreibtisch. Ein Telefonapparat aus der Gründerzeit steht auch noch da, als Blickfang.

Broder spricht also über Schuld. Worin besteht diese Schuld? Wird man schuldig, wenn man ihm schreibt? Es klingt so. Kann aber nicht sein, denn wir haben ja bereits gesehen, dass man mit ihm reden kann. Er freut sich über Post. Das ist schon recht verwirrend. Und erinnert mich an einen anderen Kollegen, Erwin al-Tuffaahi, einen der größten Apfeltheoretiker, der zu Beginn des Internetzeitalters lebte. Der hatte damals eine ganz ähnliche Überschrift für seine Homepage gewählt: "Wenn Sie mir schreiben, haben Sie selbst Schuld", schrieb er. Er stand unter dem Eindruck, wegen seiner Zugehörigkeit zur Apfelbranche diskriminiert und angegriffen zu werden. Sie erinnern sich vielleicht noch an den Skandal in Südmyr, als in einem Großhandel vergiftete Äpfel gefunden wurden. Die Nerven lagen blank und die Apfelbauern der Region sahen überhaupt nicht ein, warum sie alle unter etwas leiden sollten, was Einzelne verbrochen hatten, wenn überhaupt, vermutlich hatte nämlich die Ananasindustrie etwas damit zu tun und die Apfelbauern waren unschuldig. Kein Wunder also, dass Erwin genervt war. Und doch… Nun, ich komme später noch einmal auf diesen Fall zurück.

Ich stellte meine Gedanken ins Netz, schaltete den Rechner aus und ging zum Fenster. Das würde nicht einfach werden. Es gab viele Ablenkungen und kryptische Zeichen. Um bis zur Substanz vorzudringen, musste man erst einmal diese Irritationen abschütteln. Ich dachte nach.





- Analysen -

(28.06.06) Wussten Sie eigentlich, dass es ganz unterschiedliche Arten des Nachdenkens gibt? Als ich nämlich so am Fenster stand und nachdachte, fiel mir das auf. Hauptsächlich gibt es das analytische Nachdenken und das schamanische. Zum ersten gehört zum Beispiel, wenn man darüber nachdenkt, was die Summe von zwei Zahlen ist. Zum zweiten... mmh, lassen Sie es mich anhand eines Radiobeitrags erklären, den ich zufällig kürzlich im Pausenraum gehört habe.

Es ging um Fußball. Bei den Tipps für die WM™ gebe es die, die lange analysieren und die, die aus dem Bauch heraus entscheiden. Letztere - im Klischee sind es Frauen, aber das ist Quatsch - liegen meist genauer. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich glaube, Uli Wickert hat es auch bestätigt. Das liegt daran, dass in der schamanischen Schau unglaublich komplexe Vorgänge stattfinden. Sie sind so komplex, dass der Mensch sie noch nicht einmal exakt nachvollziehen kann. Myriaden von Gehirnzellen senden Signale, vernetzen sich, super-kompliziert. Ähnlich wie der Tausendfüßler, der ja bekanntlich nicht weiß, wie er das macht mit dem Laufen. Oder der Autofahrer, der einen Unfall verursacht, sobald er anfängt, über Füße, Brems-, Gas-, und Kupplungspedale nachzudenken. Einmal als Kind habe ich auf dem Fahrrad versucht, mit den Armen über Kreuz am Lenkrad zu fahren. Es hat nicht funktioniert. Ich habe es nie wieder gemacht. (Ich empfehle es auch nicht.)

Nachdenken über Henryk M. Broder. Was zum Beispiel bedeutet das M in seinem Namen? Und warum wird er so unterschätzt? Ich weiß nicht, ob Sie es schon bemerkt haben, aber b., wie er sich bescheiden nennt, ist Mitglied der Achse des Guten. Da ist eine gesellschaftlich engagierte Komponente sichtbar. Er möchte Gutes tun, so wie ich selbst und wir alle. Das ist vermutlich eine dolle Sache, diese Achse des Guten. Da müssen wir unbedingt später mal reinzappen.

Ich bin durchaus der Ansicht, dass wir es hier mit einem Humanisten in Verkleidung zu tun haben. Zugegeben, es ist eine sehr gute Verkleidung. Aber ich bin sicher, dass wir den Punkt finden. Wir müssen einfach ein wenig in die Vergangenheit reisen. Zu den Ursprüngen zurückkehren. Rousseau, Marty & Doc, Australopithecus afarensis, kurze Hose Holzgewehr...

Ein Tag war vergangen. Ich fuhr den Rechner wieder hoch, öffnete Outlook und fragte die Gemeinde nach frühen Zeugnissen aus dem Leben von Henryk M. Broder. Anders kamen wir hier nicht weiter.





- Habibi Blockwart -

(29.06.06) Er hat mich gestern in einer Mail mit Habibi angesprochen. Das bedeutet "Liebling" auf Arabisch. Auch wies er mich auf die hohen Kosten einer EV hin, das bedeutet "Einstweilige Verfügung". Die könne ich "kassieren", wenn ich eines der oben erwähnten Zeugnisse aus dem Leben von Henryk M. Broder öffentlich verwenden würde. Mir ist nämlich etwas zugeschickt worden, das ich ihm zur Prüfung überreichte. Er sagt aber, dass die Geschichte nicht stimme und von einem "Blockwart" stamme. Naja, ist ja gut, aber einschüchternde Maßnahmen, das geht zu weit, also darf ich sie ins Buch schreiben. Herr Broder macht es selbst so.

Eine einfache Klarstellung reicht doch aus. Dafür hatte ich ihm den Text ja vorgelegt. Immerhin gibt es eine Meinungsfreiheit hier zu Lande und eine Pressefreiheit. Mit "Verstanden, Habibi?" allerdings erreicht man bei mir eher wenig. Seltsame Entwicklung: Zuerst kann b. es kaum abwarten, jetzt schreibt er mir, ich solle lieber Arrak trinken und Krokodils-Gedichte schreiben. Ist ja nett, dass ihm das Krokodil gefällt, aber einmal Hü und einmal Hott: So geht es ja nun nicht. Das müssen wir jetzt zuende bringen, nützt ja nix. Von wem stammt denn der Satz: "...selber schuld, wenn Sie mir schreiben"? Eben.

Zumindest gibt es ein greifbares und wichtiges Resultat, das uns in der Studie weiterbringt. Stellen wir also fest: Broder möchte mich mögen, nennt mich Habibi. Er denkt, ich trinke Arrak und bin ein Palästinenser, nicht so sehr Deutscher. Der Informant hingegen wird "Blockwart" genannt. Ein Begriff, der mit der Nazizeit in Verbindung gebracht wird. Sie können sich ein Bild von diesem Blockwart machen, wenn Sie seine Einleitung lesen, die Broder gesehen hat:

"Ich gebe zu bedenken, dass es in der angelsächsischen Presse eine mir sehr gut erscheinende Sitte ist, dem sozusagen 'Beschuldigten' vor Veröffentlichung Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben und diese gegebenenfalls zu berücksichtigen. Schau, du hörst von mir Dinge, die du zweifellos nicht selbst nachrecherchieren wirst, sondern die du als wahr unterstellst, weil du mir glaubst. Ich kann mich aber geirrt haben oder könnte auch aus irgendeinem Grund bewusst die Unwahrheit sagen. Deshalb finde ich den Brauch, so etwas nicht einfach zu veröffentlichen, ohne es HB zuvor zur Stellungnahme vorzulegen, sehr sinnvoll."

Auch die verbotene Geschichte ist ohne Polemik und journalistisch geschrieben. Ich sage Ihnen frei heraus, meine Damen und Herren, dass ich diesen Menschen - ein aktiver Journalist - bewundere. Diese Passage hat mich weit mehr beeindruckt als die andere Geschichte, über die ich nicht schreiben darf. Angelsächsische Presse, wow. "Ich kann mich aber geirrt haben", wie er das sagt! Ich habe es mir ausgedruckt und an die Wand gehängt.

Habibi Blockwart bedeutet, dass Broder die palästinensische Tragödie nicht wünscht. Er sieht das Bekämpfenswerte im Grunde nicht in Palästina. Es ist die Zeit des Nationalsozialismus, um die es ihm geht. Sie ist nicht vorbei für ihn. Und für mich ist sie übrigens auch nicht vorbei. Sie steht da, zerredet und doch wie unberührt. Es sind bis heute Aggressionen vorhanden, die manifestieren, dass wir den Schrecken noch nicht überwunden haben. Was bedeutet das? Können wir ihn überhaupt überwinden? Ich sage ja, wir müssen. Dafür allerdings müssen wir erst einmal verstehen lernen, was an dieser Zeit so schlimm war. Denn ich glaube, dass all die toten Rituale uns davon ablenken. Wir leben in Abstraktionen, in Chiffren. Niemals gäbe es so viel Gewalt in unserer Kultur, wenn wir wirklich verstanden hätten, was damals so schlimm war.

Wir können nicht ewig in Trauer und Wut leben. Es ist Teil unserer Natur, dass wir das Leben bejahen und Freude empfinden und geben möchten. Die Toten möchten nicht, dass die Lebenden unglücklich sind. Und, lieber Herr Broder Habibi, das möchte ich Ihnen mal sagen: Wenn Sie überall Blockwarte und Antisemiten sehen, dann kommen Sie auch nicht weiter. Glauben Sie vielleicht, ich mache das alles hier aus Spaß? Sie schrieben mir ja selbst gestern: "Ich bin gerührt und geschmeichelt, dass ein so bedeutender dichter wie sie so viel zeit darauf verwendet, sich mit mir zu beschäftigen. womit habe ich diese ehre verdient?" Ja, dann denken Sie mal darüber nach, warum ich das mache. Es ist nicht böser Wille, das haben Sie ja schon gemerkt. Kleiner Tipp: ICH MÖCHTE SIE VERSTEHEN. Und nun machen Sie nicht so ein Gesicht. Habib Albi.

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