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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit: Die Süddeutsche Zeitung
Eine simultane Online-Kritik von Anis Hamadeh, September 2004
Kapitel 3

English Version
Inhalt:

Kapitel 3: 20.09.2004: Traumsequenz - 21.09.2004: Epilog




KAPITEL 3
- 20.09.2004: Traumsequenz -

Und wohin soll die Reise denn gehen, fragte Tobbi den Roboter neben sich im Cockpit. Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen. Klick, sagte die sympathisch schnarrende Stimme. Tobbi sah aus dem Fenster nach unten. Baumwipfel huschten unter ihnen hindurch. Der Himmel war klar. Ich möchte Musik hören, sagte der Junge. Okay. Der Roboter nahm eine Hand vom Steuer und steckte sie um. Eine CD-Schublade öffnete sich. Tobbi legte Bob Dylan's CD "Desire" hinein. Geigenklänge beendeten die Monotonie der dröhnenden Rotorblätter. Der Junge wippte mit dem Kopf rhythmisch nach rechts und links. Mach es auch! sagte er. Es ist nicht schwer. Versuch's mal. Es ist wie Mathematik, bloß besser. Okay. Rechts, links, rechts, links. Klick. Unsere erste Aufgabe besteht darin... Sieh doch, ein Wasserfall! ...die richtigen Fragen zu finden. Aber das ist leicht! Wohin mit dem Bösen? Du musst hier abbiegen.

Sie näherten sich dem Polarkreis. Eisschollen schoben sich durch das Wasser. Sie wurden dichter. Dort ein großes Schiff, das an einem Seil gezogen wurde. Ist das die Titanic? Nein. Sieh dort vorn, der kleine Schlepper. Steure ihn an. Wir müssen mit ihm reden. Er winkt. Wir brauchen Lebertran. Der Treibstoff geht bald aus. Sie umkreisten den Schlepper. Auf einer Landzunge trafen sie sich. "Ihr seid hier ganz falsch" lachte der bärtige Seemann mit der Pfeife im Mund. Ihr seid zu hastig aufgebrochen. Nach Afrika solltet ihr doch, und nach Amerika." Die beiden bekamen Lebertran für die Weiterreise. Und wohin mit... Da verwandelte sich der Seemann in einen Coyoten und feixte und lachte immerzu. Komm, Robbi, wir gehen.

Sie flogen über eine Wiese, die voller Leichen war. Oh, was ist denn hier geschehen? Die Menschen haben das gemacht. Klick. Es sind so viele. Ich hätte nicht gedacht, dass der Tod so viele genommen hat. Überall lagen Leichenteile, Köpfe, Arme, Beine. Das müssen Millionen sein. Klick. Dort vorn neben dem Kino ist ein Imbiss-Stand, lass uns dort mal fragen. "Es sind Dutzende von Millionen", sagte der Wirt, "die Blauen haben das gemacht. Sie werden dafür büßen." Ein blauer Kopf kam aus dem Getümmel heraus und meinte, dass es die Gestreiften waren. "Wir werden sie kriegen. Wir werden kämpfen, bis die Hölle zufriert." Alles Terroristen. Klick.

Ein Professor kam dazu. Vielleicht können wir es abspalten. Wir müssen irgendwohin damit. Schnell. Robbi und Tobbi sahen einander an. Geht dorthin, wo alles begonnen hat. Kenia? Im Kino wenig Worte. Robbi und Tobbi sahen sich den ganzen Film an. Wir müssen zurück nach Afrika. Ja, wir werden über Ägypten fliegen. Es ist so dunkel. Warte, ich mache den Scheinwerfer an. Ist das Afrika? Ja. Sie flogen dicht über dem Boden. Es wurde Tag. Sie hörten Saxofon-Musik von John Coltrane.

Dort saß ein Kind. "Das Morden fällt schwerer", sagte es. Wer bist du? "I am the child of the world. I am Om." Das Kind verbeugte sich. Klick. Wohin mit dem Bösen? fragte Tobbi. Das Kind sagte: "Die Freiheit des Lebendigen äußert sich nur in Handlung." Und weiter? "Es waren Hunderte von Millionen. Deutungsmonopole, Rechtfertigungsstrategien, Bewusstseinsblockaden." Und wohin mit dem Bösen? Das Kind nahm die beiden an die Hand und führte sie ins Dorf. "Seht in die Gesichter", sagte das Kind der Welt, "seht in alle Gesichter." Werden wir es dann wissen? "Ja, dann werdet ihr es wissen."



- 21.09.2004: Epilog -

Lawrence von Arabien nahm ich von der Wand und legte ihn zu den Akten. Die Aufgabe war erfüllt. Ich öffnete das Fenster. "Ach so?" fragte die Amsel. "Jetzt, wo es langsam eine Struktur bekommt." Eine Routine, sagte ich, es bekommt Routine. Ich nahm die Maske ab und hängte das Cape in den Schrank. Feierabend. Aus dem Kühlschrank holte ich ein Malzbier. "Hal-lo!" sagte die Stimme im Spiegel, "das kann ja wohl nicht dein Ernst sein." Doch, natürlich. "Du sagtest, ein paar Monate." Ich sagte: Veränderung. Ich sagte: Begleitung für eine Weile. "Ach Mann, jetzt, wo es so schön wird!" Japp. Ich nahm einen langen Zug aus der Flasche. "Und was ist, wenn sie wieder Lagerdenken machen?" Müssen sie selber wissen. Ich bin kein Kindermädchen. "Und wie war die Zeitung heute?" Super. "Im Ernst?" Japp. "Sag wenigstens den Artikel des Tages." He, weißt du eigentlich, wie müde ich bin? "Nur den Artikel des Tages." Also gut. Er heißt: 'Auferstanden aus Ruinen. Wie aus Depression Aufbruchstimmung wird: Katastrophen und therapeutische Gemeinschaften', es ist eine Buchbesprechung, von Olaf B. Rader. "Und sonst?" UNO. Cohen. Selbstkritik. "Und was ist mit Herrn Schmitz?" Herr Schmitz will auch Frieden. Alle wollen Frieden. "Aber es sind noch so viele Fragen offen." Ja. Viele Fragen.

Ende