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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit: Die Süddeutsche Zeitung
Eine simultane Online-Kritik von Anis Hamadeh, September 2004
Kapitel 2

English Version
Inhalt:

Kapitel 2: 10.09.2004: Projektionsfläche Terror - 11./12.09.2004: Leviathan - 13.09.2004: "Augen auf, Augen zu" - 14.09.2004: Die German Angst - 15.09.2004: Gott und Götter - 16.09.2004: Da da Didaktik - 17.09.2004: Abgeschottete Gemeinschaft - 18./19.09.2004: Be the Change you Want




KAPITEL 2
- 10.09.2004: Projektionsfläche Terror -

Der Vorteil einer Zeitung gegenüber einer Frau ist, dass die Zeitung nicht weglaufen kann. Sie erscheint immer wieder. Sie ist treu. Wobei es natürlich auch treue Frauen gibt. Der Nachteil hingegen... na gut, lassen wir das. Der SZ-Artikel des Tages 10.09.2004 steht auf Seite 13 und heißt: "Der unmögliche Tausch. Warum die Geiselnahme die wirksamste aller terroristischen Waffen ist". Er ist von Burkhard Müller. Der zentrale Satz lautet: "Der Staat ist gegen terroristische Gewalt so hilflos wie ein Adliger früherer Zeiten gegen die Beleidigung seiner Ehre." Dies ist ein weiterer Feuilleton-Artikel der Art, die vom Terror ausgeht und über seine Struktur philosophiert. Hier geht es speziell um das Verhältnis zwischen Terror(isten) und dem Staat.

Wie wir oben schon mehrfach sahen, ist die Terroranalyse bei der SZ defektiv, es fehlt ihr etwas. Umso interessanter sind die Bilder, die im Zusammenhang mit Terror verwendet werden. Es gibt eine sehr gute und umfangreiche deutsche Habilitationsschrift, die sich mit der Metaphorik des Staates durch die Jahrhunderte beschäftigt. Ich las sie vor etwa 15 Jahren, es gibt dort den Staat als Person, als Maschine, als Bienenstock, als Schiff und anderes. Die Metapher "Der Staat ist ein Adliger" mit der Ergänzung "Terror ist wie eine Beleidigung" ist überaus aufschlussreich, weil sie zeigen kann, warum sich Gesellschaften bei Angst repressiv zeigen. Die tatsächliche Terror-Situation wird sublimiert, überführt in einen anderen Bereich, einen Bereich, in dem es nicht mehr um Geiselnahmen und Opfer am Ort geht, sondern um Beleidigungen. Der Staat fühlt sich vom Terror beleidigt. Auch die Zeitung, gewissermaßen durch ihre Verdienste für die Gesellschaft geadelt, fühlt sich wohl beleidigt. Es gibt nur wenige Beispiele, an denen so deutlich wird, dass es in unserer Gesellschaft ein ausgeprägtes Klassendenken gibt, welches durch Phänomene wie Terror aktiviert wird.

Das ist die eine Seite, sagt Herr Müller. Es gebe aber auch die Idee des Gesellschaftsvertrages. "Dieser besagt, der Staat sei die freiwillige Absprache seiner Bürger zum größtmöglichen Nutzen." In diesem Szenario ist der Aspekt der Klasse und der Bestrafung nicht betont, vielmehr ist es objektiver im Sinne von: näher an der Situation. Müller nennt die Aspekte "Güterabwägung" und "Verhandlung", die sich ergeben. Im Adligenszenario wird hingegen die "Staatsräson" als Reaktion genannt. Dies sei der Konflikt des Staates, legt Müller nahe, "er muss heucheln", um beide Szenarien zu berücksichtigen, denn beide seien relevant.

Kommen wir noch einmal zurück auf das Adligenszenario, welches Burkhard Müller näher steht, weil er viel mehr darüber schreibt. Ausführlich heißt es dort: "Der Staat ist gegen terroristische Gewalt so hilflos wie ein Adliger früherer Zeiten gegen die Beleidigung seiner Ehre; jeder Trottel durfte ihn in die Schranken fordern, er hing ab von den Zufallsanwandlungen der feindseligen Bosheit. Das war die Schwäche seiner Stärke. Auf Gewaltandrohung kann der Staat nur mit übermächtiger Gegengewalt reagieren, die diese Drohung schlechthin zermalmen soll. Ein Staat kann Geiselnehmern nicht nachgeben. Täte er es doch, so würde er gewissermaßen zur Privatperson; er hört auf, ein Staat zu sein." Liest man das Zitat genau, wird deutlich, dass Terror mit "Zufallsanwandlungen feindseliger Bosheit" gleichgesetzt wird. Dies ist eben meine Vermutung, dass die frontale Öffentlichkeit, anstatt Frieden zu machen, auf der Suche nach "dem Bösen" ist, das sich bei den "Nicht-Adligen" verberge.

Die Metapher "Der Staat ist ein Adliger" ist deshalb attraktiv, weil der Bürger die Möglichkeit hat, über seine Identifizierung mit dem Staat an diesem Adel Anteil zu haben, und sei es vermeintlich, nur in seinem Kopf. Die Argumentation ist allerdings paradox, denn in diesem Szenario handelt der Staat in der Tat wie eine emotionalisierte, meinetwegen adlige, Privatperson, also nicht souverän und erhaben wie ein guter Staat. Das Konkurrenz-Szenario hingegen, das des Gesellschaftsvertrages, ist deshalb nicht so attraktiv, weil es abstrakter ist. Ich glaube allerdings nicht, dass die Schlussfolgerung stimmt, dass also dem Terrorismus nachgegeben wird, wenn der Staat nicht "zermalmt". In meiner Metaphorik ist der gute Staat konzeptionalisiert als eine aufgeklärte große Familie, die die Gesellschaft mündiger Bürger organisiert und mit ihr lebt. Sie betrachtet auch die Ränder der Gesellschaft mit Aufmerksamkeit und kennt keine Klassenunterschiede. Den Terror verhindert sie nicht, indem sie auf die Terroristen fokussiert und in ihnen das Böse sieht, sondern indem sie gesellschaftliche Spannungen im Ansatz erkennt und durch Dialoge (sowie durch Strafe bei Überschreitungen des Gesetzes) entschärft, sie dem Terror also den Boden entzieht.

Nach der Lektüre dieses Artikels war ich erst einmal enttäuscht. Hatten die wirklich nicht mehr drauf bei der Süddeutschen? Immerhin opferte ich hier kostbare Zeit und Aufmerksamkeit... Auf der Karikatur von Ironimus auf der Meinungsseite ist ein Putin zu sehen, der mit einer unförmigen Krake kämpft, die ihn umschlingt und die den Terror darstellt. Das passt zum Thema. Terror als unförmiges und unberechenbares Wesen. Wenn man es so sieht, verliert man die Skrupel vor Gewaltanwendungen gegen "den Terror".

Was war noch? Für die Bilderbestimmung Nahost auf Seite 8: "Wenn der Wolf zum gejagten Lamm wird. Schon im dritten Sommer haben junge Israelis und Palästinenser in Deutschland 'Ferien vom Krieg' miteinander verbracht" von Nina Berendonk. Auf dem Foto sieht man einen jungen Pal, der einer lächelnden Israelin ein Tattoo auf den Oberarm malt. Zwar kann man bei genauer Analyse des Artikels nachweisen, dass aus der Sicht Israels geschrieben wird, aber das ist ja auch kein Geheimnis. Der Artikel ist jedenfalls gut, er berichtet nicht aus der Sicht der israelischen Regierung, wie etwa die meisten Beiträge von Thorsten Schmitz. Am heutigen 10.09. wird mal wieder Arafat mit Ausweisung gedroht. Die israelische Regierung testet so, wie weit sie gehen kann. Immerhin gibt es innerhalb geltenden internationalen Rechts keine Möglichkeit einer solchen Ausweisung. Für die SZ ist das kaum ein Problem.

Das war es im Wesentlichen vom 10.09. Auf der Leserbriefseite sind drei Beiträge über Nahost, in denen die Mauer gerechtfertigt, Arafat ein Terrorist genannt und eine Lanze für den Zionismus gebrochen wird. Zwei andere Leserbriefe handeln von unterdrückten Völkern, die ihre Freiheit möchten und der Schuldfrage am Terrorismus, an der auch Schröder und Putin beteiligt seien. Es gab noch ein paar Sachen, z.B. die Frage nach Quoten in der Popmusik und eine Rezension über Brandauer als Nathan der Weise. Interessant auch die Reportage über Schwarzenegger.



- 11./12.09.2004: Leviathan -

Heute ist der dritte Jahrestag des Massakers vom Elften September. In der Wochenendausgabe der SZ ist im Feuilleton wieder ein Terrorartikel, wieder geht es um den Staat. "Der Tod des Leviathan. Die Lehre des 'Monsters von Malmesbury': Wenn der Staat das Leben seiner Bürger nicht mehr gewährleisten kann, ist es dahin" von Volker Breidecker. Die Argumentation geht so: Seit der islamistische Terror da ist, ist Thomas Hobbes' (1588-1679) Vorstellung (=Szenario) vom absoluten staatlichen Willen wieder aktuell. Ich stellte ja bereits fest, dass sich die SZ in die böse Vergangenheit trollt, wenn ihr alles zu viel wird, aber dass sie so weit in die Vergangenheit zurückgeht, ist doch etwas überraschend. Leviathan ist ursprünglich ein biblisches Ungeheuer, der Philosoph Hobbes meint damit den Staat. Er war der Ansicht, dass ein absolutistischer Staat die einzige Möglichkeit sei, um dem "Krieg aller gegen alle" zu entgehen, freilich nicht ohne dass Kriege zwischen Staaten Normalität bleiben. Diese vorindustrielle Philosophie wird nun von der SZ zur Terrorbekämpfung bemüht. Dem "globalen Terrorismus des neuen Jahrhunderts" wird vorgeworfen, er habe das Prinzip der menschlichen Selbsterhaltung verlassen und könne damit nicht mehr wirksam bekämpft werden durch das "Gleichgewicht des Schreckens", der Philosophie des vorigen Jahrhunderts. Heute gebe es "Selbstmordarmeen". Diese Kritik am Terrorismus wird dann ausgeweitet auf eine allgemeine Religionskritik, da in der Religion "selbst der gewaltsame Tod" nicht das größte Übel sei.

Verlassen wir die Mottenkiste wieder und kommen wir zurück zur heutigen Zeit. Der Krieg zwischen Staaten wird bei der SZ offenbar als Normalität angesehen. Das ist ein Problem. Hier wird gerechtfertigt, dass der Staat ein Monster ist, weil er einen Feind hat, der auch ein Monster ist. Viele Monsterbilder. Wie im Fernsehen. Hm.

Auf Seite 13 ist ein langer Artikel von Holger Liebs über Fotos und Collagen von Orten des Terrors, die gerade ausgestellt werden. Man kann aber kaum eine Botschaft darin erkennen, außer dass "Bilder lügen". Der beste Beitrag des Tages ist der Leserbrief von Sabine Matthes darüber, dass der Weg zum Frieden in Nahost darin bestehe, dass Israel, ähnlich wie zuvor Südafrika, die Herrschaft des Rechts anerkennt. Über den israelischen Anthropologen Uri Davis schreibt Sabine: "Im Gegensatz zur amerikanischen Demokratie, so argumentiert er, unterscheidet Israel vier Formen von Staatsangehörigkeit, die auf rassischer Diskriminierung beruhen. So steht den inzwischen, laut Angaben des UN-Hilfswerkes für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) vier Millionen palästinensischen Flüchtlingen gemäß Völkerrecht, UN-Teilungsresolution 181 und UN-Resolution 194 ein Recht auf israelische Staatsangehörigkeit zu, das Israel aber verweigert, weil es sonst kein mehrheitlich jüdischer Staat mehr wäre." Sechs weitere Leserbriefe befassen sich mit diesem Thema, welches sich auf einen Artikel zum Gutachten des internationalen Gerichtshofs über die israelische Mauer bezieht. Ich kann mich dunkel daran erinnern, ist schon eine ziemliche Weile her. Beim Lesen dieser durchweg guten Beiträge hatte ich das Gefühl, durch ein Fenster ins Freie zu schauen.

Ansonsten geht es in der vom Wochenende 11./12.09.2004 darum, dass "die Menschen" fortwährend jammern würden und über ihrer Jammerei nicht erkennen können, wie krank das ganze System sei (Seite 3). Nicht leicht zu sagen, wie derartige Texte einzuschätzen sind. Der Zulauf zu rechtsextremen Parteien ist Thema auf Seite 5. Auch um Pisa geht es, auf Seite 2. Dazu sage ich immer: Wir haben Versailles überlebt, da werden wir auch Pisa überleben.



- 13.09.2004: "Augen auf, Augen zu" -

Schwer zu sagen, was von der heutigen Ausgabe, der vom 13.09.2004, zu halten ist. Thema des Tages auf Seite 2 ist, dass die demokratischen Parteien entdecken, wie gefährlich die Wählerflucht nach rechts werden könnte. Heribert Prantl weist darauf hin, dass der "Kampf gegen Rechtsextremismus" keine Saisonarbeit sei. In diesem Artikel ("Augen auf, Augen zu") gibt es eine interessante Metapher. Herr Prantl vergleicht nämlich Rechtsradikalismus mit Naturereignissen und schreibt mit Verweis auf geheimnisvolle "Beobachter der politischen Szene in Deutschland": "Sie verweisen darauf, dass rechtsradikale Parteien die Bundesrepublik durchziehen wie Gewitter: Sie ziehen auf, donnern, ziehen wieder ab." Wie wir wissen, kann man mit Naturphänomenen wie Gewittern nicht diskutieren, sie entziehen sich dem Diskurs. Der von Herrn Prantl geforderte "Kampf gegen Rechtsextremismus" ist strukturell vergleichbar mit dem Kampf gegen "den Terrorismus": Man geht letztlich von einem entmenschlichten Phänomen als Gegner aus. Die NPD wird in einem anderen Artikel auf derselben Seite eine "Zeitbombe" genannt.

Mit Volkszorn geht es weiter auf der Seite 3, und auf der Meinungsseite 4 kommentiert mad den "Jesus-Tag" in Berlin: "Wenn es um den Einfluss christlicher Werte geht, lassen die Veranstalter offen, welche gemeint sind - sonst hätte der Jesus-Tag schnell eine heftige Fundamentalismus-Debatte gehabt. (...) So wenig alle Fundis sind, die sich in Berlin versammelt hatten: Hinter dem Jesus-Tag steht ein klares Kirchen- und Gesellschaftskonzept, in scharfem Gegensatz zu Liberalismus und Pluralismus." Der Kommentator schließt mit der Bemerkung, dass die etablierten Kirchen "klar sagen müssen, wo die Grenzen liegen zwischen ihnen und den fundamentalistischen Teilen der Charismatiker." Eine heftige Fundamentalismus-Debatte kommt also nicht in Frage. Worin ein so scharfer Kontrast zum "Liberalismus und Pluralismus" besteht, wird kaum gesagt. Die Ablehnung der Evolutionslehre wird erwähnt, außerdem sei das Treffen "enorm politisch" gewesen. Hier wird offensichtlich, warum Jesus bei den frontalen Medien keine Chance hat: Er ist zu politisch! So politisch gar, dass über bestimmte Themen erst gar nicht diskutiert wird. Wovor haben die Angst bei der SZ, dass sie sogar ihren eigenen Liberalismus und Pluralismus zurückstellen? Muss man vor Leuten Angst haben, die die Evolutionslehre ablehnen? Warum reicht es nicht, diese Ansicht zu belächeln? Die Evolutionslehre abzulehnen ist so ähnlich wie die Relativitätstheorie abzulehnen oder Gesetze der Schwerkraft. Man kann es tun, jedoch bringt es einen nicht viel weiter. Die zentrale echte Frage in diesem Zusammenhang ist die nach der Kontextualität von Offenbarungsschriften, also die Frage danach, inwiefern diese Texte im historischen Kontext gesehen werden und gesehen werden müssen. Diese naheliegende und zudem harmlose Problematik wurde in der SZ nicht einmal angeschnitten.

Auf derselben Seite 2 ist ein Blick in die Presse. Aus Le Monde wird unter anderem zitiert: "Kampf gegen Terrorismus heißt in erster Linie, ihm die Legitimation zu nehmen, also sich um die Beseitigung der Probleme zu kümmern, die die Terroristen ausbeuten." Aus der Neuen Zürcher Zeitung wird der Islamwissenschaftler Navid Kermani zitiert: "Wer die Dialektik der Eskalation in Frage stellt und auf Ursachen der Gewalt hinweist, wird zum Komplizen des Terrors erklärt, wer von politischen Verhandlungen, gar von friedlichen Lösungen spricht, zum naiven Tropf (...) Man muss nicht mit Terroristen verhandeln, aber man sollte auch nicht mit Verhandlungen warten, solange es Terroristen gibt." Herr Kermani kritisiert hier vor allem die Wochenzeitung "Die Zeit", es wurde kein Bezug auf die SZ genommen. Ich glaube, die SZ merkt gar nicht, dass es sie gibt...

Zur Bilderbestimmung Nahost auf Seite 6 der AP/dpa-Artikel: "Scharon warnt vor Bürgerkrieg in Israel". Auf dem Foto sieht man "Siedler protestieren im Juli mit einer Menschenkette gegen die Regierung". Im Vordergrund ein sympathisch aussehender bärtiger und mit Kipa versehener Siedler, lachend, mit einem kleinen Kind auf dem Arm, in einem strahlend weißen Hemd. In der Mitte des Bildes die israelische Flagge. Die Menschen halten sich an den Händen. Ein Bild des Friedens, könnte man meinen. Wer das Foto sieht, bekommt zunächst einen positiven Eindruck.

Im Feuilleton dann der Artikel "Die Zukunft von einst. Zwischen Hartz und Hitler: Wie sich die Demokratie wandelt" von Harald Welzer. Der Autor beklagt dort mangelnde Utopien, ohne selbst welche anzubieten. Vielleicht ein 68er. Er redet davon, dass wir in einen neuen Hitlerkult hineingeredet werden und beteiligt sich gleichzeitig an dieser Mode. Es ist diese Art der Self-Fulfilling Prophecy, für die die Medien oft keinen Blick zu haben scheinen. Sie denken, dass sie nur informieren, aber natürlich geben sie auch Verhaltensweisen vor. Zwei Seiten weiter sehen wir dann ein ästhetisches, großes Farbbild von Adolf Hitler, Kragen, Schnäuzer, Führermütze, ganz oben auf der Seite, verkörpert von dem Schauspieler Bruno Ganz. Darunter ein Interview mit dem Schauspieler mit Allerweltsfragen. Solche Abbildungen kannte ich bislang nur vom Spiegel. Die Filmemacher haben dieses blöde Gesicht leider auch auf das Begleitbuch des Films gemacht, wie ich vor ein paar Tagen im Bahnhofsbuchhandel an der Kasse bemerkte. Das ist schon Werbung für Hitler, das kann man nicht anders sagen.

Auf der 16 schließlich ein weiterer Beitrag aus der Serie: "Was der Staat uns vorschreiben darf. Wolfgang Kersting und Horst Dreier erläutern Kants kluge Trennung von Moral und Recht" von Michael Stolleis. Es ist eine Buchbesprechung. Natürlich hat Kant nicht zwischen Moral und Recht getrennt, wie im Untertitel suggeriert wird. Es geht in diesem Artikel vielmehr darum, dass nach Kant die Exekutive des Rechts ohne erneuten Rückgriff auf die Moral funktionieren soll, während die Begründung des Rechts auf der Moral beruht.



- 14.09.2004: Die German Angst -

Es gibt Hoffnung. Evelyn Roll schreibt auf Seite 3 am 14.09.2004 über den Patienten Deutschland. Es ist der zweite Teil einer Trilogie, die am Freitag ihren Abschluss finden soll. Hier der volle Titel: "'Patient Deutschland (II) - die Diagnose der Psychologen: "Alles, was seit dem Krieg passiert ist, war nur Verdrängung.' Eine Reise zum Mandelkern der Angst. Mutlosigkeit, Selbsthass, Panikattacken - das Land scheint das Opfer seiner vergessenen, aber nie wirklich betrauerten Geschichte zu sein." Das ist der beste Artikel, den ich seit der Französischen Revolution in der SZ gelesen habe. Rücken wir zunächst den Titel zurecht, damit wir vor lauter Freude nicht auf das falsche Gleis geraten. Deutschland hat seine Geschichte vergessen und ist unfähig zu trauern UND FOLGLICH sich grundsätzlich zu verbessern! Vergessen wir mal sofort die Sache mit dem Opfer!! Nun ein progressives Zitat: "Wenn ein Mensch ein furchtbares Verbrechen begangen hat und weiter leben will, lautet die Frage: Wohin mit dem Bösen? Im krassen Fall spaltet er dann das Böse ab. Und so war es dann ja auch mit Deutschland. Die Abspaltung in Ost und West. Die Bösen, das waren jeweils die anderen. Alles, was seit dem Krieg passiert ist (...) war nur Verdrängung." Die 68er hätten nur die Symptome bekämpft. "German Angst" übrigens ist eine Wort aus dem ersten Teil. Ein gutes Wort. Allerdings ist es nichts spezifisch Deutsches. Das gibt es überall. Nur dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte ein besonderes Verhältnis zur Angst hat.

Endlich kann man die Süddeutsche Zeitung ernst nehmen. Al-hamdu lil-lah! (Gott sei Dank). Auf den dritten Teil "In der Rehabilitation" darf man gespannt sein. Auf Seite 4 drei interessante Artikel: Ein Kommentar von rabe, der den Verfassungsschutz in Sachsen wegen seines Schweigens über die NPD kritisiert ("Was nützt es, wenn der Verfassungsschutz die braunen Kameraden schön observiert, sein Wissen aber nicht weitergibt?") dbr schreibt über Putin, er spreche mit gespaltener Zunge. Wohl wahr! Thorsten Schmitz berichtet über "Das Schweigen der Linken. Israels Siedler trumpfen gefährlich auf, doch die stille Mehrheit im Land wünscht den Abzug aus Gaza". Dieser Artikel ist nicht aus Sicht der israelischen Regierung geschrieben. Auf Seite 8 ist ein weiterer Beitrag von Schmitz, über Netanjahu. Auf Seite 9 wieder das Atomprogramm des Iran. Europa warnt. Angesichts Europas Schweigen über das reale Israel kann man das nicht wirklich ernst nehmen. Noch weniger Herrn Schilys Aussagen darüber, dass die israelische Mauer in Ordnung sei. Er diskreditiert sich. Die FAZ schreibt darüber, die SZ nicht.

In der "Außenansicht" ein Artikel von Daniel Benjamin, der in der Clintonzeit im National Security Council gearbeitet hat. Er spricht sich gegen den Irakkrieg aus und kritisiert den Krieg gegen den Terror, ist aber nicht prinzipiell dagegen. Er sieht ein Umfeld "zunehmenden Hasses gegen die USA" in den arabischen Ländern und sagt, man hätte diese Länder, die "Brutkästen des Terrors" sind, stattdessen durch Reformen (von außen!?) "transformieren" müssen. Der Titel dieses nicht besonders wichtigen Artikels ist "Der Terror wird noch schlagkräftiger". Im Feuilleton steht etwas über einen Historikertag in Kiel. Ich wusste gar nicht, dass es hier in Kiel Historiker gibt. Schön! Manchmal denkt man ja fast, man lebe in einer geschichtslosen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der Geschichte zu einem Code geworden, eingefroren ist. Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Gruß in die SZ-Redaktion!



- 15.09.2004: Gott und Götter -

Eine gute Ausgabe. Der Artikel des Tages steht im Feuilleton auf Seite 14 und heißt: "Alle Götter sind eins! Das Unbehagen in der Religion". Er stammt von Professor Jan Assmann, einem Ägyptologen aus Heidelberg. Ein ausgesprochen anregender Artikel, sogar ein Dialog. Herr Assmann stellt die These auf, dass der weltverändernden Idee des Monotheismus ein ausschließender Wahrheitsbegriff zu Grunde liegt, er sich also wesentlich durch Abgrenzung definiert. Kein Gott außer Gott! bedeute demnach in den drei monotheistischen Religionen den Ausschluss alternativer Glaubenssysteme: "Allen drei Religionen ist nun einmal ein starker Begriff des Anderen gemeinsam, den sie, auf jeweils verschiedene Weise, verfolgend, umwerbend, missionierend, unterwerfen oder einfach nur ausschließend als goyim, gentiles, pagani, Ungläubige, Häretiker von sich abgrenzen." Es gehe beim Monotheismus um die Abgrenzung, nicht um die Eins, sagt Professor Assmann, und daher sei er exklusiv. Er spricht als reflektierender Historiker und Autor des Buches "Moses der Ägypter" vom Prinzip der Übersetzbarkeit von Werten in einem "inklusiven Monotheismus", in dem alle Götter eins sind und nennt dies "interkulturelle Transparenz", in der der andere in seinem Anderssein verstanden werden kann. Großartiger, fortschrittlicher Artikel!

Die Religionen sind ein wesentlicher Ursprung unseres gesellschaftlichen und individuellen Verhaltens. Eine übergreifende und aktualisierte Religionskritik ist in der Tat heute zentral wichtig. Das klingt locker. Ist es aber nicht. Wenn man die monotheistischen Religionen kritisch betrachten möchte, muss man gerechterweise alle drei betrachten. Es ist überhaupt kein Problem, den Islam zu kritisieren, das passiert in der deutschen Presse täglich, auf welchem Niveau auch immer. (In muslimischen Gesellschaften hingegen ist es noch nicht so leicht, frei über Religionen zu sprechen, auch in der Presse.) Es ist hier auch möglich, das Christentum zu hinterfragen und fragend zu betrachten. Tja. Aber wenn man die drei zusammen bespricht und in Beziehung setzt, dann könnte es gehen. Voraussetzung ist ein überall anerkanntes Wertesystem, wie zum Beispiel die Menschenrechte, über die simultan in ebenfalls kritischer Weise gesprochen werden muss, da sie nicht von allen Beteiligten verfasst wurden.

In der neuen Bibliothek in Alexandria habe ich eine moderne schwarze Statue gesehen in ägyptischem Stil. Sie hat mich fasziniert, ebenso wie die Barke bei den Pyramiden, die ich auch im Februar besuchte. Der alt-ägyptische Stil ist sagenhaft schön. Professor Assmann würde ich ja gern mal kennen lernen. Er ist ein gesellschaftlich engagierter Ägyptologe. Von solchen Leuten träume ich normalerweise nur nachts. Meine Erfahrungen mit unseren Universitäten und mit unserem Bildungssystem im Allgemeinen sind ansonsten eher schlecht, mit wenigen Ausnahmen. Deshalb habe ich auch schon Dutzende von Seiten darüber geschrieben. Die SZ ist heute voll mit Pisa und den neuen Noten für die Bildung in Deutschland, schon wieder ein miserables Zeugnis. Das Grundproblem liegt meiner Ansicht nach in unserer ineffizienten Auffassung von Lernprozessen als der Aneignung von etwas Fremdem. Im Grunde ist es derselbe missionierende Gedanke, den Herr Assmann nennt. Die Gesellschaft weiß schon vorher, was aus den Schülern und Studenten werden soll, sie hat Erwartungen, die Eltern, die Beamten, die Wirtschaft. So werden wir zu Unfreien erzogen und nicht zu mündigen Bürgern. Auch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass unsere natürliche Kreativität in den Bildungseinrichtungen methodisch zerstört wird. Es liegt letztlich am Menschenbild der Gesellschaft.

Was gabs noch? Auf Seite 8 erzählt Herr Schmitz, was es Neues von Herrn Scharon aus Israel gibt. Die Überschrift lautet: "Scharon nennt Arafat 'Mörder'". Dass man sich dieses Kindertheater als Leser jedesmal mitanhören muss, ist schon lästig. Interessant der Satz: "Beim Selbstmordanschlag eines palästinensischen Terroristen im Westjordanland wurden am Dienstag drei israelische Soldaten verletzt, einer lebensgefährlich." Und zwar frage ich mich nicht, was diese Nachricht mit dem Titel zu tun hat, sondern ob die SZ "Terroristen" differenziert sieht. In diesem Beispiel ging es um Auseinandersetzungen mit der Besatzungsarmee. Ist das genauso Terror? Wo hört für die SZ eigentlich das Widerstandsrecht von Gesellschaften unter Besatzung auf? Frau Steinberger hat mal wieder geschrieben und auf der Leserbriefseite stehen heute auch die Erscheinungsdaten der Artikel, auf die Bezug genommen wird.



- 16.09.2004: Da da Didaktik -

Einer der wichtigsten Grundsätze in der Literaturkritik der Imagisten, einer vor knapp hundert Jahren wirkenden anglo-amerikanischen Gruppe um Ezra Pound, ist: "Keine Didaktik!". Das Belehrende und das Schöne passen nicht so recht zusammen. Leider ist Ezra später auf politische Abwege geraten, als Kritiker jedoch ist er bewundernswert. Das Problematische an dieser humanistischen Forderung "Keine Didaktik!" ist, dass sie didaktisch ist. Das Didaktische nimmt immer auch Freiheit weg. Auch die Zeitung ist didaktisch. Sie gibt den Lesern Freiheit durch Wissen, Analyse und Kommentar und sie nimmt ihnen Freiheit zum Beispiel durch die Auswahl der Themen und Meinungen. Wenn ich mich in dieser Form mit der Zeitung auseinandersetze, nehme ich ihr vielleicht teilweise auch Freiheit weg. Es ist manchmal paradox, aber gegen Paradoxien kann der Mensch nichts tun. Sie sind auch nicht so schlimm. Gewalt ist schlimm.

Bei einer simultanen Zeitungs-Online-Kritik geht eine Menge durch einen durch. Es bleibt wenig Zeit für die Verarbeitung, die Träume können schwer werden. Jedoch ist es eine faszinierende Angelegenheit, ein gutes Training, sehr lebendig, und was sind schon ein paar Monate? Die SZ vom heutigen Donnerstag hat mir gefallen. Es gab zwar leichte Aggressionen darin, aber wer hat die nicht? Das kann man in der heutigen Zeit nicht erwarten, dass alle immer so cool sind. Es sind schwere Zeiten und wir alle tun unser Bestes, um da herauszukommen. Ich frage mich zwar manchmal, wie ich eine SZ-Ausgabe trotz dieser Israel-"Berichterstattung" gut finden kann, aber wahrscheinlich meine ich es relativ. Eine andere Erklärung habe ich dafür nicht.

Auf Seite 1 steht ein Zitat von EU-Außenkommissar Chris Patten: "Der Kampf gegen den Terrorismus rechtfertigt oder entschuldigt nicht die Verletzung von Menschenrechten". Dass die Nato sich in den Irak schleicht, schreibt Christian Wernicke auf der 4. Arne Perras kommentiert die Weltbevölkerungssituation. Herr Prantl meint über Putin: "Einen Besseren haben wir nicht". Hm. Was bedeutet das: Einen Besseren haben wir nicht? Wer ist "wir"? Ich glaube, Herr Prantl hat diesen Kant-Artikel vom 13ten doch so verstanden, dass Recht und Moral getrennt werden. Er trennt jedenfalls. Thorsten Schmitz kommentiert Scharons "Abschied von der Road Map". Dort wird Scharon zwar nicht kritisiert (Einen Besseren haben wir nicht?), es wird aber gezeigt, dass Scharon die Kontrolle über die Palästinenser noch verstärken will. Normalerweise lassen sich aus den Kommentaren auf der Seite 4 Meinungen erkennen, hier nicht. Das Foto zum entsprechenden Artikel auf Seite 8 zeigt "Wut und Trauer", eine Menschenmenge mit einem vor Schmerz schreienden Mann. Lapidar heißt es: "Bei Razzien der israelischen Armee im Westjordanland wurden am Mittwoch elf Palästinenser erschossen". Das ist aber nicht die Überschrift. "Scharon kündigt Friedensplan", das ist die Überschrift. - Lustig der Artikel "Gute Jungs kommen aus der Hölle. Der Untergang ist nahe! Aber Guillermo del Toros 'Hellboy' weist die Nazi-Horror-Schurken in ihre Schranken" von Doris Kuhn auf Seite 14.

Der beste Artikel ist von Torsten Körner und heißt "Viel Spaß mit Hitler! Big Bunker: Einst bot das Fernsehen den NS-Staat wie ein Pädagoge an, nun werden die braunen Machthaber dort menschlich". Auf der Medienseite 17. Der Autor hat die Heinz-Rühmann-Biografie "Der gute Freund" verfasst und "Die Geschichte des Dritten Reichs". In diesem langen Artikel geht es um das Verhältnis zwischen den deutschen Nachkriegs-Medien und Hitler, auch um die Didaktik und den Erziehungsauftrag der Medien. Drei Stellen habe ich mir angestrichen, sie fassen den hervorragenden Artikel nicht zusammen, sondern sind mir einfach aufgefallen. "Ist die Darstellung Hitlers als jämmerlicher Mensch nicht auch ein unbequemer Hinweis auf seine intime Interaktion mit seinem Volk?" Interessant ein Medien-Hitler-Fazit von 1955: "Seid wachsam, sagt nie mehr Jawoll!" Und die Kritik der Medien an dem Hitler-Biografen Joachim Fest: "War da nicht eine gefährliche Einfühlung am Werke?" Es geht hier um die German Angst des "Hitlers in uns". Denn Hitlers Erfolg lag ja daran, dass sich die Bevölkerung mit ihm identifizieren konnte. Wie kann man sich mit Hitler identifizieren? Heute kaum vorstellbar. Nein? Seid wachsam, sagt nie mehr Jawoll! Dieses Fazit von 1955 ist heute gar nicht so populär. Woran das wohl liegt? Dazu ein post-9/11-Zitat von Hannsheinz Bauer (SPD), dem einzigen noch lebenden Mitglied des Parlamentarischen Rates, der 1948/49 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf den Weg gebracht hat: "(...) Gerade nach den deutschen Verbrechen der Nazizeit sind die allgemein gültigen Kriterien der Menschenrechte und des Völkerrechts formuliert worden, die in der UN-Charta stehen. An diesen Kriterien ist das Handeln heutiger Regierungen zu messen." ("Wen darf man mit wem vergleichen?" Juni 2003, www.sopos.org/aufsaetze/3ee9f8c72d31a/1.phtml).



- 17.09.2004: Abgeschottete Gemeinschaft -

Vielleicht irre ich mich, aber ich habe den Eindruck, eine Bewegung zu spüren. Die Menschenrechte scheinen in der SZ aufgewertet worden zu sein, wäre ja schön. Kofi Annan hat bestimmt dazu beigetragen mit seiner Feststellung, dass der Irakkrieg illegal war. Mal sehen, wie die SZ in den nächsten Krisensituationen sein wird, in der letzten Zeit jedenfalls erschien mir das Niveau überdurchschnittlich hoch. Das heißt nicht, dass ich grundsätzlich übereinstimme, zum Beispiel, was diese Konferenz in Berlin angeht:

Heute wurde über eine so genannte Islamistenkonferenz geschrieben, offiziell heißt sie: "Erster arabisch-islamischer Kongress". Dieser soll anfang Oktober in Berlin stattfinden und unser Innenminister will ihn verbieten, auf Anregung des Simon-Wiesenthal-Centers in Paris. "Wir sind gegen Terrorismus und Extremismus" sagt dagegen der Organisator Gabriel Daher (S. 8). Die Zeitung schreibt im Kommentar, dass hier eher aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird, weil die Konferenz sowieso schlecht organisiert sei. Wäre die Veranstaltung gut organisiert, hätte demnach wohl auch der Kommentator anders geschrieben. Was wird den Veranstaltern vorgeworfen, dass Herr Schily den Kongress verbieten will? Auf der Homepage heißt es: "Ja zur Befreiung der von amerikanisch-zionistischem Terror okkupierten Länder, nein zum Hegemoniestreben der USA." Die SZ schreibt, die Einladung lese sich "wie das Schreiben einer Lobbygruppe für den Widerstand in Palästina und im Irak." Auf Seite 4 wird der Fall kommentiert, rabe schreibt darüber, "was wirklich gefährlich ist", nämlich wenn in Moscheen Hass gepredigt wird, wenn Muslime Kämpfer zum Heiligen Krieg werben wollen, und: "der Rückzug ganzer Einwanderergruppen in eine abgeschottete Gemeinschaft und die Ablehnung von Werten, die Grundlage sind für unsere Demokratie."

Diese Einschätzung der SZ ist vorsichtig und wohlüberlegt. Was fehlt, ist die begleitende Selbstkritik. Fakt ist, man kann diesen Leuten keine Gewaltbereitschaft nachweisen, dennoch wird hier ein Verbot angedroht. Hier ist die Öffentlichkeit gefragt, eine Situationsanalyse zu machen. "Befreiung von amerikanisch-zionistischem Terror", das ist etwas, was man in Deutschland nicht so gut sagen kann. Auch "Lobbygruppe für den Widerstand in Palästina" klingt offenbar gefährlich in deutschen Ohren. Da wird an etwas gekratzt. Woran genau? Warum? Zu Recht? Darf man zum Widerstand in Palästina aufrufen? Wie lange sollen wir noch auf dem Konflikt herumsitzen, wie viele müssen noch sterben? Ich frage das heute die Deutschen. Man bedenke in diesem Zusammenhang, dass die Unterstellung einer "zionistischen Lobby" zum Ausschluss aus dem Diskurs führen kann. Nach einem Dialog sieht die SZ-Bewertung dieses arabisch-islamischen Kongresses also nicht aus, eher nach Affirmation der bestehenden Diskurs-Grenzen in der frontalen Öffentlichkeit. Klares Lagerdenken. Das ist nicht progressiv. Es ist verständlich insofern, als früher solche Grenzbestätigungen zur eigenen Definition nötig waren. "Abgeschottete Gemeinschaft" ist nach wie vor ein Bumerang-Vorwurf.

Auf derselben Seite 4, der Meinungsseite, schreibt Heribert Prantl: "Die Aktion Parteispenden-Entschärfungsgesetz erinnert an Max und Moritz, sechster Streich: Die beiden waren durch den Schlot zu den Köstlichkeiten der Bäckerei vorgedrungen, in den Teig gefallen und vom Meister in den Ofen geschoben und gebacken worden." So wie sich M&M aus dem Gehäuse gefressen haben, verspeisen demnach die Parteien ihr Gesetz. Herr Prantl steht auf Comics aus dieser Zeit. Zum Beispiel hat er mal einen Politiker mit Paulinchen aus dem Struwwelpeter verglichen, die mit den Zündhölzern. Ich fand es damals bemerkenswert, dass mit dem sturzkonservativen Struwwelpeter argumentiert wurde. Ich schätze, das Krokodil aus Kiel könnte Herrn Prantl auch gefallen. Die CD mit dem Heft kostet nur 5 Euro 80.

Auf der Leserbriefseite wird deutlich, dass die "Patient Deutschland"-Trilogie von Evelyn Roll auf ein starkes und kontroverses Echo gestoßen ist. Eigentlich sollte heute der dritte Teil erscheinen, stattdessen gab es kommentarlos etwas über Heuschrecken. Auf der Literaturseite sind mir zwei Beiträge aufgefallen: "Bewährte Rivalität: Literaturwissenschaft und Literaturkritik" von Ijoma Mangold. Interessant ist: "Die Kritik muss schnell reagieren, die Wissenschaft darf, ja muss sich Zeit lassen. (...) Während die Literaturkritik sehr gerne Ästhetik und Moral (auch die der Lebensführung) gegeneinanderrechnet, gehört es umgekehrt zum Dogmatismus der Literaturwissenschaft, jede Form biografischer Analyse zurückzuweisen." Es handelt von einigen Themen, die hier bereits vorkamen. Vielleicht kommen wir noch darauf zurück.

Auch eine Rezension von Thomas Thiel über Petra Werners Buch "Himmel und Erde. Alexander von Humboldt und ein Kosmos" ist auf dieser Seite 18. Sie reflektiert über den kumulativen Wissenschaftsbegriff der Zeit der Enzyklopädien. Dieses Phänomen gibt es auch im arabischen Schrifttum. Die Metaphorik des arabisch-islamischen Wissenschaftsbegriffs war damals mein akademisches Haupt-Thema. Welche Bilder hatten die Menschen damals von Wissen, Wissenschaft und Lernprozessen? Es war ein positivistisches Weltbild, im Westen wie im Osten. Man stellte sich die Welt wie eine Tabelle vor und dachte taxonomisch, als wären die Dinge in der Welt, über die man Wissen "erwerben" kann, so wie die chemischen Elemente oder die Einteilungen der Biologie. Auch in der Sprachwissenschaft gab es das; man dachte in der Zeit des frühen Islam, dass es eine exakte Relation gebe zwischen allen einzelnen "Dingen" der Welt und den Wörtern, die sie bezeichnen.

Übrigens werden in der heutigen Neuen Zürcher Zeitung (17.09.04) die arabischen Frontal-Öffentlichkeiten kritisiert ("Steinwürfe statt Gedanken. Der 11. September und die arabischen Intellektuellen. Anlässlich des dritten Jahrestages des 11. September publizierte die in London erscheinende arabische Zeitung 'Al-Hayat' Stellungnahmen arabischer Intellektueller zu den Terroranschlägen auf Amerika. Die ernüchternde Einseitigkeit, befindet der irakische Schriftsteller und Publizist Najem Wali, ist repräsentativ für den arabischen Diskurs."). Herr Wali wirft den arabischen Medien vor, dauernd über die "Befreiung Palästinas" zu reden und "die ewig gleichen Schuldigen" zu finden, anstatt die Schuld am Verfall bei sich selbst zu suchen, in der Obrigkeit, im saudischen Wahhabismus und anderem. Ich kenne Najem ein wenig aus Uni-Zeiten in Hamburg. Letztes Jahr war er manchmal im Fernsehen, weil er den Irakkrieg befürwortet hat. Ich bin froh, dass auch die arabischen Öffentlichkeiten neu hinterfragt werden, denn das gehört zusammen. Schön wäre es, wenn ein konstruktiver und aufrichtiger Geist dabei herrschen könnte, damit sich wirklich positive Veränderungen einstellen können.



- 18./19.09.2004: Be the Change you Want -

Eine Leserin in Vietnam hat mich gestern gefragt, ob ich wirklich glaube, dass es in Palästina/Israel ohne Knall zum Guten kommen kann. Ja, ich glaube in der Tat, dass dies möglich ist. Es ist eine Frage der Bewusstmachung. Die meisten Gesellschaften nach 45 sind so erzogen worden, dass sie nicht mehr wirklich nach Glück streben. Nach dem Holocaust scheint es ja fast pervers, glücklich sein zu wollen. Unbeschwert, unschuldig sein zu wollen. Dennoch ist dies die menschliche Natur, wir alle streben unterbewusst nach Unschuld, auch die Opfer unter/in uns, und auch die Täter. Und es ist der richtige Weg, danach zu streben, denn es ist der Weg der Erfüllung und Entfaltung, weg von der Gewalt auf natürliche Weise. Den Grund für Kriege sehe ich bereits auf dieser Ebene. Es gibt eine Aggressivität in den Menschen, die schnell aktiviert ist, ein Kontrolldrama mit starken Verlust- und Sicherheitsängsten. Dies führt auch zu Kriegen. Ein weiterer Punkt ist, dass man sich beim Frieden-Machen selbst auch verändert, davor haben viele Leute Angst, weil sie einen Identitätsverlust fürchten, und so verharren sie lieber im Konflikt.

Bei mir ist das irgendwie anders. Jetzt gerade bemerke ich bei mir selbst eine Veränderung, denn die Zeitung hat eine andere Wirkung auf mich als noch vor zwei Wochen oder auch zwei Jahren. Es gibt jetzt keinen Grund mehr für Kriegsbemalung (Sätze wie "Ich liebe Kollektivpsychen"). Erstaunlich. Ich blickte vom Bildschirm auf und sah an der Wand Lawrence von Arabien hängen. Ich musste grinsen. Während ich noch über die Angst vor der Veränderung sinnierte, schaltete ich den Fernseher ein. Auf Vox lief ein BBC Special über Kinderpsychologie. Als ich einschaltete, sagte gerade jemand, dass die Reflektion über das eigene Verhalten und gegebenenfalls seine Veränderung auch in der Erziehung zentral wichtig sei. Der Doku-Film über die Arbeit der bewunderswerten britischen Psychologin Dr. Tanya Byron hat mich inspiriert. Die SZ hatte ich zu dieser Zeit noch nicht gewagt zu lesen, es war eine seltsame Angst vor Enttäuschung, die zur Hoffnung wohl dazugehört.

Die heutige Ausgabe war schön. Mit einem Tag Verspätung schreibt Evelyn Roll über "Die Therapie in der Reha: 'Jammer nicht! Steh auf! Mach es! Action!' Die Zauberlehrlinge am Krankenbett. Vielleicht gelingt es uns ja sogar, den Schmerz gerecht zu verteilen - warum die Abkehr vom Populismus der Anfang der Heilung sein könnte." Mit Populismus sind hier besonders die Medien gemeint, und zwar besonders die Bildzeitung. Frau Roll hat erst mit Feridun Zaimoglu gesprochen, einem Schriftsteller, der über die nicht bewältigte Migration in Deutschland spricht und die Bildzeitung umfassend charakterisiert ("Drecksblatt"). Auch die Pomade des Chefs von Bild, Herrn Kai Diekmann, wurde in Herrn Zaimoglus Aussagen thematisiert. Dann sprach Frau Roll mit Herrn Diekmann, der sich professionell zu wehren wusste, sie aber auch "in Watte laufen" ließ. Es gibt, so las ich dort, auch ein Internet-Tagebuch
www.bildblog.de, in dem "seit Juli vier Journalisten Tag für Tag fundiert und sehr lesbar die Falschmeldungen und Fehler der Bildzeitung auseinander nehmen." Das muss ich mir demnächst mal ansehen, was die Kollegen machen, das klingt interessant. Frau Roll sagt, nur 5 Prozent der Deutschen lesen die SZ (oder FAZ, FR, Welt, Spiegel, Focus), die anderen 95 lesen gar nix oder Bild. Auf der Frontseite der SZ steht: "Heutige Druckauflage: 669.400".

Dann schreibt sie noch: "Mal angenommen, alle deutschen Medien würden sich (...) einen Monat lang zusammenreißen. Sie würden nicht alarmistisch über Weimarer Verhältnisse schreiben." Keine "Katastrophenbulletins" mehr, sondern einen Monat lang den Fokus auf das Positive richten... Ganz erstaunlich, das war sehr ähnlich dem, was die Kinderpsychologin in dem BBC Special auch gesagt hat. Man soll für die Identitätsfindung/Befriedung auf positive Impulse fokussieren und selbst ein positives Verhalten und Denken vorgeben. Das Ende des Roll-Artikels fällt zwar weniger stark aus (Ein germanisierter Amerikaner ruft uns zum positiven Denken auf), aber das ist der forschende, erlebende, fortschrittliche Geist, den ich im Kopf habe, wenn ich von der gegenwärtigen Zukunft träume.

Matthias Drobinski auf der Folgeseite 4 macht im Grunde da weiter, wo Evelyn Roll aufgehört hat. Er wünscht sich eine "neue deutsche Zuversicht". Es geht um die Rechtsradikalen bei den anstehenden Wahlen. Der Wähler räche sich, so seine These: "Bei einem Racheakt, sagen die Psychologen, liegt die Befriedigung nicht im eigenen Nutzen, sondern im Schaden für den anderen." Es bedürfe einer Art Heilserwartung, um die German Angst zu überwinden. Vielleicht wird es nur ein Flickenteppich sein können, aber es sei jetzt wichtig, daran zu arbeiten, auch Visionen seien wichtig. Herr Drobinski schreibt in der SZ meistens über das Christentum. Er hat ziemlich viel drauf, auch wenn ich mich schon mal mächtig über ihn geärgert habe. Ich weiß nicht mehr, was es war, erst wollte ich einen ganzen Artikel darüber schreiben, aber ich habe es gelassen. Es hatte mit dem Islam zu tun. Unten auf der Seite 4 ein guter Satz von gras: "Es ist die Aufgabe der Politik, dem Bekenntnis der Wähler zum braunen Gedankengut etwas entgegenzusetzen. Die demokratische Kultur ist gefestigt genug, diese Auseinandersetzung auszuhalten. Am Ende wird sie gestärkt daraus hervorgehen." Zum Thema Iran beginnt Herr Chimelli seinen Kommentar mit: "Wenn die Europäer mit einer Stimme sprechen (...), können sie tatsächlich etwas erreichen." Das ist altes Lagerdenken. Nicht wenn die Europäer, sondern wenn die Welt mit einer Stimme spricht, können wir wirklich etwas erreichen.

Franziska Meier schreibt im Feuilleton (S.16) "Altes Europa. Auch die Historiker haben den 'linguistic turn' entdeckt". Daraus ein Zitat, das verschiedene Stränge der vorliegenden Diskussion berührt, zum Beispiel den der Kontextualität von Offenbarungsschriften (siehe unter 13.09.). Nach diesem Artikel finden die deutschen Historiker wieder internationalen Anschluss, "indem sie der so genannten Cambridge School nacheifern, die die Vergangenheit nicht mehr nur als zu rekonstruierende Geschichte betrachten will, sondern als 'Einheit in der Kommunikation'. Nach dem der linguistic turn nun auch die deutschen Geschichtswissenschaften erreicht zu haben scheint, sollen fortan nicht mehr nur soziale oder materielle Begebenheiten die Wirklichkeit bestimmen, vielmehr sind die Historiker nun dessen eingedenk, dass historische Realität 'mittels Sprache konstituiert' wird und folglich die Sprache, die Begriffe in ihren jeweiligen Kontexten analysiert werden müssen."

Sehr gut auf der Medienseite die Besprechung "Die Droge Macht. Politiker und Journalisten sind nicht besser als das Volk, das sie vertreten - ein Buch von Jürgen Linnemann" von Michael Jürgs. Dann die Wochenendbeilage. Ich gebe zu, dass ich bei dieser Überschrift zunächst voreingenommen war: "Alle Jahre wieder. Am Sonntag gibt's ein altes Ritual: Rechtsextreme Parteien werden Deutschland erschrecken. Kurt Kister über Souveränität. Heribert Prantl über den Souverän. Für eine starke Gesellschaft". Das klang schon ziemlich schräg. Besonders der Schlussteil, für eine starke Gesellschaft, klingt wie ein CDU-Slogan, oder von Herrn Struck einer. Aber es ist ganz anders. Die Artikel sind beide nicht nur tolerabel, sondern gut. Herr Prantl schreibt: "Neonazis bekämpft man nicht durch Exorzismus, sondern auf der Straße." Und Herr Kister sagt, man soll die Kirche im Dorf lassen: "Vor DVU und NPD muss man sich nicht fürchten. Beide sind immer wieder zu dumm fürs Parlament." Vor wirklichen radikalen Individuen sei die Angst gerechtfertigt, aber nicht vor den Parteien. Das ist gut.

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