home  english  sitemap  galerie  artclub  orient online  jukebox  litbox  termine  shop  palestine  my journalism  medienschau  pressezeit
Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit: Die Süddeutsche Zeitung
Eine simultane Online-Kritik von Anis Hamadeh, September 2004
Kapitel 1

English Version
Inhalt:

Kapitel 1: Frontale und freie Öffentlichkeit - 02.09.04: Terror-Analyse? - 06.09.04: Herrschaftsfreie Debatte - Selbstanalyse - 07.09.04: Relativierung des Terrors? - 08.09.04: Wir und die anderen - 09.09.2004



KAPITEL 1
- Frontale und freie Öffentlichkeit -

(05.09.04) Es gibt Dinge, die angenehmer sind, als die Süddeutsche Zeitung zu analysieren. Chuck-Berry-Platten hören zum Beispiel. Oder in einem fremden Land über den Wochenmarkt spazieren. Oder im Winter Schlitten fahren. Es geht hier aber um die Süddeutsche Zeitung aus München. Die Aufgabe ist, diese Zeitung für eine Weile zu begleiten und zu beobachten. Früher war es ja so, dass man kaum auf Augenhöhe mit einer Zeitung diskutieren konnte. Wo hätte man das tun sollen? Klar, man konnte sich im Park auf eine Kiste stellen, allerdings hätte das die Presse vermutlich nur mäßig beeindruckt. Man kann seine Meinung natürlich auch in anderen Medien mitteilen, allerdings muss man da erst mal reinkommen. Immerhin lebten wir bis vor kurzem in einer fast reinen Frontal-Öffentlichkeit. Das bedeutet, dass jeder, der öffentlich etwas sagen oder tun wollte, dafür - außer in Ausnahmefällen - die Erlaubnis von jemand anderem brauchte, jemandem, der zu solchen Menschen gehört, die darüber bestimmen, wer überhaupt in die Öffentlichkeit darf und als was. Zum Beispiel der Redakteur einer Zeitung. Oder der Sponsor einer Veranstaltung. Oder der Politiker, der sich dafür einsetzt, dass eine Person oder Meinung gehört wird. Oder der Chef einer Plattenfirma, der einer Band einen Vertrag und einen Vertrieb gibt. Der Verleger, der ein Buch annimmt oder ablehnt. Die Veranstalterin eines öffentlichen Auftritts. Oder die Professorin, die sich für eine Person oder Meinung einsetzt. In anderen Ländern - teilweise auch in Deutschland - sind es zudem Geistliche, die ihren Segen dafür geben, dass eine Person oder Meinung gehört wird, sodass sie in der Öffentlichkeit erscheint. So war es früher.

Heute gibt es das Internet und damit hat potenziell jeder Mensch die Möglichkeit, seine eigene Öffentlichkeit zu bilden, ohne dass ihm jemand dafür eine Erlaubnis geben müsste. Seit ganz wenigen Jahren erst ist das so. Es ist eine gesellschaftliche Revolution, die in ihrer Auswirkung vielen Menschen noch gar nicht so klar ist. Heute leben zwei grundsätzlich verschiedene Öffentlichkeiten nebeneinander: die frontale und die freie. Wenn man eine Melone neben einen Apfel stellt, kann man neue Aussagen über den Apfel machen. Wenn man eine freie Öffentlichkeit neben eine frontale stellt, kann man neue Aussagen über die frontale Öffentlichkeit machen.

Ich stand vor dem Schreibtisch und reckte die Schultermuskeln. Schon wieder ein Buch! Und schon wieder nicht das, das ich eigentlich die ganze Zeit schreiben wollte. Ich öffnete das Fenster. Jedenfalls werde ich nicht dabei leiden, sagte ich zu der Amsel auf der Terrasse und hob zur Bekräftigung den Zeigefinger. Die Amsel sah mich an und verstand nicht, was ich meinte. Ich ging zum Spiegel und sah hinein. Du bist ein schlimmer Selbstdarsteller, sagte das Gesicht im Spiegel. Das ist die freie Öffentlichkeit, mein Freund, erwiderte ich, ich kann das tun. Eitel bist du, sagte da die Stimme, ein Populist! Aber ich hörte nicht zu. Das ging mich nichts an. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Gotham City war in Gefahr. Ich legte mein Cape an und zog die Maske über. Natürlich würde es ein paar Schurken nicht gefallen, dass ich zurück in der Stadt war, nach all den Jahren. Dass ich gekommen war, um zu diskutieren. Du bist ja verrückt, sagte die Stimme im Spiegel und ich warf ihr einen scharfen Blick zu, dass sie verstummte. - Angefangen hat die Geschichte mit der Süddeutschen Zeitung mit Lawrence von Arabien. Das war so:

SZ 30.08.04, S. 11, "Verblasste Mythen: Der Araber. Die falsche Säule der Weisheit" von Petra Steinberger
Dieser Artikel ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Klischees dafür verwenden kann, Aggressionen eine Richtung zu geben und dabei Lagerdenken zu vertiefen. Frau Steinberger wirft "vielen Arabern" vor, sie glaubten, sie seien Omar Sharif im Film "Lawrence von Arabien" (großes Farbfoto), und dass dies "das Problem" sei. Frau Steinberger sieht nämlich in diesen vielen Arabern einen "falsch verstandenen Stolz" und ein "eigensinniges Beharren auf eine zweifellos große kulturelle Vergangenheit". Sie zitiert, dass die Araber ein "künstlich hervorgebrachtes Volk" sind, als könne man das nicht über jedes Volk sagen. Auch warnt sie vor "historischem Bewusstsein", denn das trage "die Gefahr der Rückwärtsgewandheit" in sich. In Steinbergers Analyse haben die Araber in ihrer Identitätsfindung schlicht versagt "- da blieb nur noch das Klischee". Auch kritisiert sie, dass Demonstrationen gegen Selbstmordattentäter als Kundgebung gegen Israel und die USA enden, die daran Schuld seien, "wie sie ja an allem schuld sind". Hier wird also eine Verschwörungstheorie unterstellt.

Genauso wie sich hinter dieser Unterstellung einer Verschwörungstheorie selbst eine Verschwörungstheorie verbirgt, verbergen sich auch hinter dem Gerede über Klischees selbst Klischees, und zwar sehr einfach gestrickte Klischees. "Für manch einen der Ideologen", so endet der Artikel, "blieb nur noch die Religion. In ihrer intolerantesten Form". Man kann hier schön erkennen, wie die deutsche Presse über sich selbst schreibt und es aber "den anderen" in die Schuhe schiebt, weil sie diese Wahrheiten anders nicht ertragen könnte. Vielleicht ein falsch verstandener Stolz, ich weiß es nicht. Vielleicht sollten die Journalisten ein bisschen weniger fernsehen und sich zur Abwechslung in der realen Welt umsehen. Die falsche Säule der Weisheit ...

Dies ist eine deutliche und zunehmende Tendenz bei der Süddeutschen Zeitung, die ich schon länger beobachte. Sie geht einher mit Aussagen wie der von Jusuf, einem palästinensischen Schüler, kolportiert von Thorsten Schmitz am 26.08.04 in der SZ (S.3): "Den Kampf um Boden und Unabhängigkeit in seiner Heimat könne er nicht nachvollziehen", als gäbe es irgendeinen Menschen auf der Welt, der einen Unabhängigkeitskampf nicht nachvollziehen könnte. Und natürlich die Verschwörungstheorie über die UNO, die ich im Buch "Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub" analysiert habe (Kapitel 6, Über Kritik an der Tournee,
Absatz 9).

Dieses Verhalten, liebe SZ-Redaktion, ist nicht akzeptabel. Sie nutzen Ihre Macht aus, um Feindbilder zu stärken. Dabei wollen Sie das gar nicht. Sie wollen auch Frieden. Denken Sie mal entspannt darüber nach. - Eine Medienkritik von Anis Hamadeh

Süddeutsche Zeitung. Chefredakteure: H.W.Kilz, Dr. G. Sittner, stellv. E. Fischer, Außenpolitik: S. Kornelius, Dr. P. Münch, Innenpolitik Dr. H. Prantl, Dr. J. Käppner, leitende politische Redakteure: H. Leyendecker, K. Podak, M. Stiller.


Das war inzwischen ein paar Tage her. Der betreffende Zeitungsartikel mit dem schönen Foto von Peter O'Toole und Omar Sharif hängt jetzt bei mir im Büro an der Wand und ich sehe es mir morgens und abends an, um nicht zu vergessen, worum es geht. Dabei war ich in meiner Kritik noch nachsichtig, weil ich dachte, es würde so reichen. Immerhin habe ich den Text an die komplette arabische Internet-Gemeinde gemailt, in der ganzen Welt. Die Araber sollen wissen, was man über sie in der deutschen Presse schreibt, sie haben ein Recht darauf. Nachsichtig, weil ich der SZ die Elementar-Analyse erspart hatte. Das Argumentationsgerippe in dem betreffenden Artikel war nämlich: Es gibt den Araber als Sherif Ali Ibn al-Kharish (also Omar Sharif in diesem Film) und es gibt den Araber als Bin Laden/Saddam. Weil der Araber nicht Omar Sharif ist, ist er also Bin Laden. Wenn man sich der Niveaulosigkeit dieses Artikels wirklich bewusst wird, wird auch klar, warum die freie Öffentlichkeit die Verantwortung hat, hier einzuschreiten. Sonst schreiben die als nächstes so etwas über Frauen, über Schwarze, oder über Juden. Das wollen wir alles nicht. Das hatten wir schon.


- 02.09.04: Terror-Analyse? -

Als ich die Medienkritik zweisprachig verschickt hatte, setzte ich mich erst mal hin. So ein Artikel kurz vor der Frankfurter Buchmesse (Ehrengast Arabische Welt)... Ob die Leute in der Redaktion gar nicht über solche Fragen nachdachten? Dann geschah diese fürchterliche Geiselnahme in Beslan. Am Donnerstag, dem 02.09.2004 war die SZ-Redaktion vollständig überfordert. Der wichtigste Artikel bei der SZ steht immer auf der Seite 4 oben links, es ist der Kommentar des Tages. Stefan Kornelius schrieb ihn an diesem Tag. "Der entfesselte Terror" hieß die Geschichte, voll die Panikmache. Manche Journalisten verwenden ihre Überschriften in einer Art, die sie persönlich psychisch entlastet. Der Mann hat sich besser gefühlt, als er seine Überschrift da sah. Nach dem Motto: Ich zeige euch die Wahrheit, derentfesselteterror. Lesen wir mal in den letzten Absatz hinein:

"Mit schierer Stärke allein wird sich der Terror nicht besiegen lassen. Umgekehrt führt Nachgiebigkeit zu noch mehr Terror. Wirksam sind bisher Wachsamkeit und die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten. Eine Veränderung wird nur dann zu spüren sein, wenn der Fanatismus schwindet und Terror auch in muslimischen Gesellschaften ernsthaft geächtet wird. Drei Jahre nach dem 11. September gibt es keine Allianz, die sich diesem Ziel wirklich verschrieben hat. Die Staaten der Terror-Opfer sehen die neue Wunderwaffe, aber sie finden nicht zusammen, um eine wirkungsvolle Abschreckung aufzubauen."

Man sieht hier, wie zwischen "uns" und "den anderen" unterschieden wird. Die anderen, das sind nicht nur die Terroristen, sondern auch muslimische Gesellschaften. Fast die gesamte Seite 2 (Themen des Tages) zeigt das. Im aktuellen Lexikon werden unter "Terror" verschiedene Arten des Terrors genannt, Zwecke und Etymologien. Ein Artikel über "Schwarze Witwen", Selbstmordfrauen, spricht von Blutrache, Drogen, Erpressungen und zerstörten Seelen. Im großen Artikel in der Mitte wird die immer maßloser werdende "Lehre al-Qaidas" gelehrt (mit drei Fotos vom Terror), während Israels Süden im Artikel darunter eine "offene Flanke" bleibt. Die Israelis geben dort auch Syrern an etwas Schuld, nicht nur Palästinensern. Ganz unten noch ein Foto von einem vermummten palästinensischen Terroristen von Olympia 1972, etwas zusammenhanglos, in einem Artikel zu einem Streit zwischen New Yorks Ex-Bürgermeister Guliani und Deutschland. Ein Artikel am Rand zeigt aber auch Muslime, die gegen den Terror solidarisch sind und das öffentlich sagen (mit zwei kleinen Fotos).

War der Terror eine "Wunderwaffe", wie Herr Kornelius bewundernd schrieb? Ich kannte dieses Wort bisher nur aus einem anderen Zusammenhang. - Abschreckung... Auf Seite 6 erzählt Thorsten Schmitz, der Israelbeauftragte bei der Süddeutschen, dass Israel jetzt zur gezielten Tötung zurückkehren würde und dass der Rückgang (oh, Rückgang) des Terrors auf die Mauer zurückzuführen sei. Da machte ich den Rechner an und schrieb versunken eine Mail an leserbriefe at sueddeutsche.de. Ich schickte sie sofort weg, was zunächst nicht geplant war:

zur SZ 02.09.04
Liebe SZ-Redaktion, Ihre heutige Ausgabe (Thema Terror) ist sehr emotional und voller Meta-Botschaften. Ich fühle deutlich Ihre Ratlosigkeit und die daraus resultierenden Aggressionen. Sie winden sich verbissen um die Frage, was die Ursachen des Terrors sind. Es fällt auf, dass Sie diese naheliegende Frage ganz ausklammern, in Tschetschenien und in Palästina und bei al-Qaida. An diesem Punkt müssten Sie eigentlich stutzig werden und selbst spüren, dass Ihnen etwas Grundlegendes in der Argumentation fehlt. Stattdessen beginnen Sie nun, den Sinn der offiziellen Tötungen und der Mauer durch Kommentarlosigkeit zu rechtfertigen und malen den Terror in allen Farben aus, so als liebten Sie ihn. Sie fokussieren auf den Terror und folgen damit genau dem vorgegebenen Impuls destruktiven Lagerdenkens. Und wenn es Ihnen zu viel wird, verkriechen Sie sich in die böse Vergangenheit und suchen dort nach Rechtfertigungen für Ihr Verhalten. Auch die Tatsache, dass Sie nicht mit wirklichen Kritikern zu diskutieren in der Lage sind zeigt, dass Sie sich selbst einmauern, was für einen Träger öffentlichen Handelns nicht angemessen ist. Es ist meine Pflicht, Ihnen und den Betroffenen diesen Punkt zu verdeutlichen, denn Sie schaden nicht nur unserer eigenen Gesellschaft, sondern auch anderen. Das ist völlig unverständlich. Ich werde fortan Ihre Zeitung noch etwas genauer lesen, später gebündelt analysieren und die Analyse veröffentlichen und übersetzen. Wenn Sie nicht anders diskutieren können, bleibt mir gar nichts anderes übrig, denn auch ich habe eine Verantwortung. - Eine Medienkritik von Anis Hamadeh


Im Kommentar am 3.9. schrieb Daniel Brössler dann durchaus über die Ursachen des Terrors und ermahnte Putin, eine friedliche Lösung des Tschetschenienkonflikts zu finden. Tomas Avenarius am Tag darauf, in der Wochenendausgabe nach dem schrecklichen Blutbad, wird deutlicher: Russland wird sich von Tschetschenien trennen müssen. Dennoch klang es hilflos. Natürlich, was können Journalisten auch schon machen? Sie sollen die Welt abbilden, kommunizieren und möglichst noch etwas geistreich sein, aber den Terror beenden können sie ja auch nicht. Können sie das wirklich nicht? Ich bin mir nicht so sicher. Außerdem bildet die Zeitung zwar bestimmt eine Welt ab, aber welche? Die SZ glaubt nicht an den Krieg gegen den Terror, "jedes Schulkind in Israel" (Kornelius) wisse, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden könne. Dennoch redet die SZ dauernd über den Kampf gegen den Terrorismus und hat dabei Abschreckung im Sinn. Wie stellen die sich das vor? Und wie definieren sie Terror überhaupt? Andere Zeitungen wie die junge Welt beschäftigen sich wenigstens damit, dort ist derzeit eine Terror-Analyse von Noam Chomsky zu lesen, einem wichtigen Denker, der in den USA, ich glaube, in Neu-England, lebt. - Es war auch nicht das erste Mal, dass mir die SZ mit ihrer Faszination für Terror aufgefallen ist. Im März schrieb ich diesen Artikel:

Artikel:
"Terrorangst beherrscht die Politik des Westens" vom 28.03.04



- 06.09.04: Herrschaftsfreie Debatte -

(07.09.04) Ich liebe Kollektiv-Psychen! Sie sind so saftig wie frische Mangos. Zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung. Wenn ich sie lese - und das ist ja meine derzeitige Aufgabe, die ich möglichst unlangweilig verbringen möchte -, habe ich manchmal das Gefühl, sie wolle mir etwas sagen. Vielleicht ist es auch umgekehrt, dass ich der SZ etwas sagen möchte, aber das ist sowieso klar. Sonst wäre ich jetzt auf Barbados.

Die gestrige Ausgabe war sehr gut, es ging um die herrschaftsfreie Debatte. Ein ausgezeichneter Anknüpfpunkt! Es erinnerte mich an eine Mail, die ich kurz zuvor erhalten hatte. Ein Insider schrieb mir dort, dass unsere Medien wohl eher nicht so liberal seien, und dass es gut sei, konziliant mit der Presse umzugehen. Das war ein sehr anregender Beitrag. Sie können sich übrigens gern an der Diskussion beteiligen, ich werde Kommentare posten, wenn es gewünscht wird. Wenn Sie etwas von allgemeinem Interesse beizutragen haben, schreib/schreiben Sie es auf deutsch oder englisch an anis@anis-online.de. Alle demokratischen Meinungen sind zugelassen, Nachfragen, eigene Kommentare und Kürzungen vorbehalten.

Der Artikel des Tages 06.09.04 heißt "Zu schwach für ein Zeichen der Stärke. Präsident Putin demonstriert seine Unfähigkeit, auf den Terror von Beslan angemessen zu reagieren." Er wurde verfasst von Frank Nienhuysen, gedruckt auf der Meinungsseite 4, an prominenter Stelle unter der Karikatur, auf der Angela Merkel sich etwas in den Hintern steckt. Drei Sätze aus diesem Kommentar sind wichtig. Erstens: "In einem Land, in dem alle Gewalten von der Schaltzentrale in Moskau ausgehen, müssen umgekehrt dort auch alle Schwächen münden". Zweitens: "Russland braucht eine offene, herrschaftsfreie Debatte, über die Politik im Kaukasus, ausgetragen auch in den Medien, die frei über das Geschehen an der russischen Südflanke informieren dürfen." Und drittens der Schlusssatz: "Leider spricht alles dafür, dass er (gemeint ist Putin) für ein solches Zeichen der Stärke zu schwach ist."

Und zwar ist dieser Kommentar von Herrn Nienhuysen deshalb so interessant, weil er das Herrschaftsfraktal erläutern kann. Das ist so: Eine Gruppe wirft einer anderen Gruppe einen mangelnden herrschaftsfreien Diskurs vor und dürfte das eigentlich gar nicht tun, weil sie selbst keinen herrschaftsfreien Diskurs führt. So ähnlich wie die Amerikaner denken, Sie könnten den Irak mit undemokratischen Mitteln zur Demokratie bewegen, oder wie manche Familienväter denken, Sie könnten ihre Kinder durch Schläge zum Guten bewegen. Was den herrschaftsfreien Diskurs betrifft, so kann man sagen, dass das, was die SZ den Russen vorwirft, strukturell dem ähnlich ist, was ich der SZ vorwerfe. Deshalb auch fraktal. Es ist im Kleinen dasselbe wie im Großen. So wie die lustigen Apfelmännchen aus der Physik. (
Hier ist ein Bild).

Wenn die SZ kommentiert: "In einem Land, in dem alle Gewalten von der Schaltzentrale in Moskau ausgehen, müssen umgekehrt dort auch alle Schwächen münden", dann zeigt sie den Mechanismus, mit dem sie selbst Verantwortungen von sich weisen kann. Da ist immer ein Höherer, dem man es in die Schuhe schieben kann. Und wenn sie schreibt, dass Putin für ein solches Zeichen der Stärke zu schwach ist und ihn im Feuilleton wieder rehabilitiert, dann erwartet sie vielleicht, selbst auch so mild beurteilt zu werden. Auf Seite 13 schreibt Franziska Augstein nämlich: "Demokratie von oben. Was für Wladimir Putin spricht." Dort ist die Rede von "Täterstaaten", das kann man sich gleich für das Unwort des Jahres merken. Mit so etwas kommen wir überhaupt nicht weiter, das ist zu suggestiv, man denkt sofort an Hohmann. Dass Demokratie in Russland nur von oben kommen könne, ist übrigens ein Zitat von Egon Bahr (SPD). Der hat seine besten Zeiten auch schon hinter sich. Wie war das noch damals in der FAZ? Amerika führt Krieg, Europa sichert den Frieden oder so ähnlich. Als Partnerschaft. Ich habe das Zitat in meinem vorletzten Buch, das suche ich jetzt aber nicht raus für Egon Bahr.

Insgesamt ist der Artikel von Franziska Augstein eine Katastrophe. Das liegt neben der Überschrift im Wesentlichen an zwei Sätzen gegen Ende. Erstens: "Was den Tschetschenien-Krieg angeht, könne Putin mit Verhandlungen in der gesetzlosen Provinz derzeit nichts erreichen: 'Es gibt niemanden, mit dem er verbindliche Vereinbarungen treffen kann.'" (Zitat Bahr). Als könne man hier stehen bleiben! Da leiden Menschen unter Unterdrückung! Ich erinnere mich noch, wie Herr Putin im deutschen Bundestag von Vertrauen gesprochen hat. Also ich vertraue dem nicht. Im guten Artikel darunter (darunter, weil Demokratie von oben kommt), von Sonja Zekri, steht, dass Russland eher seine Menschen opfert, als auch nur einen Quadratmeter Land. Dass Putins jüngste Ankündigungen wenig Gutes ahnen lassen, was den ganzen Kaukasus angeht. Dennoch steht oben, und das ist der zweite Satz aus dem Augstein-Artikel, der Schlusssatz: "Es kommt nicht so sehr darauf an, dass die Demokratie nach ihrer ursprünglichen Idee funktioniert, sondern dass sie von der Bevölkerung als funktionierend empfunden wird." Das ist der dekadenteste Satz, den ich seit Jahren irgendwo gelesen habe. Als ginge es um Temperaturen: Nicht die wirkliche Temperatur ist ausschlaggebend, sondern die gefühlte. Als gehörte die Demokratie in den Wellnessbereich.

Ansonsten war nicht viel los in der SZ vom 06.09.2004. Es gab diese langweilige Beilage der New York Times, auf englisch. Die amerikanische Presse ist ja bekanntlich noch schlimmer als die deutsche, weil sie dieses nationalistische Element pflegt. Es ist so, als würde man die Mars-Presse lesen. Die leben inzwischen in einer ganz anderen Welt und haben sich weitgehend abgekoppelt. Außer der Artikel über Björk, der war wenigstens interessant. Damit will ich übrigens nicht sagen, dass die chinesische oder arabische Presse viel besser sei. Über die arabische Presse werden wir bestimmt auch noch sprechen.

Die zweite Beilage war das evangelische Magazin Chrismon, das war besser. Der Herausgeber, Bischof Johannes Friedrich aus Bayern, fordert auf Seite 10 die Solidarität mit den Kirchen im Irak. Ich finde, da hat er völlig recht. Der Beitrag "Solidarität mit Lücken" ist insgesamt gut, das einzige, was mich irritiert hat, war die Rede vom "missionarischen Auftrag" der Christen. Zwar sagt er, dass dieser Auftrag aus dem Vorleben christlicher Werte bestehen soll, aber Missionierung ist Missionierung. Ich glaube nicht, dass ein solcher Gedanke - in welcher Religion oder Ideologie auch immer - im 21sten Jahrhundert eine Rolle spielen sollte. Das erinnert mich an den Reisefahrplan aus dem Zug. Ich habe gestern in Landau in der Pfalz ein öffentliches Gespräch an der Uni gehabt, als Palästinenser, mit dem Israeli Alex Elsohn von der Begegnungsstätte Givat Haviva. Im Zug auf der Rückfahrt las ich auf der Rückseite dieses offiziellen DB-Zugfahrplanes in großer Schrift ein Bibelzitat aus dem Johannes-Evangelium: "Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, als nur durch mich. Joh. 14, 6b)". Dazu die Adresse und Telefonnummer eines Herrn Ralf R. Hildebrandt in Bremen. Ich empfand das als ausgesprochen unangenehm und suggestiv. Solche Absolutheitsansprüche deuten irgendwie auf einen Herrschaftsdiskurs und sind nicht zeitgemäß. Ob Jesus wirklich so etwas gesagt hat, ist übrigens mehr als fraglich, denn man weiß über den historischen Jesus von Nazareth und seine Aussprüche herzlich wenig, wie zum Beispiel Rudolf Augstein in seinem Buch "Jesus Menschensohn" plausibel macht.

Chrismon, ja, da ist auch ein Interview drin mit einem Hirnforscher, der den freien Willen abstrahiert und einem Pädagogen, der als Moralverfechter dazwischentritt und kritische, humanistische Kommentare abgibt. Das ist ganz interessant, denn dieser Pädagoge ist Herr Micha Brumlik vom Antisemitismusinstitut. Ich kenne ihn aus verschiedenen öffentlichen Situationen, in denen er darauf eingewirkt hatte, dass Diskursteilnehmer aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen wurden. Auch hat sich der Philosoph Habermas entschuldigt, als Herr Brumlik mal wütend wurde (siehe Google unter dem Stichwort "Ted Honderich"). In meinem vorletzten Buch, im Februar, habe ich darüber geschrieben. Ich frage mich, aus welchen Gründen Herr Brumliks Wort so viel Gewicht hat. Viel Substanz kann ich da jedenfalls nicht erkennen. Was Herr Brumlik wohl vom herrschaftsfreien Diskurs hält?



- Selbstanalyse -

(07.09.04, spät nachts) Was tat ich hier überhaupt? Wer war ich? Warum saß ich hier und analysierte die Süddeutsche Zeitung? Ich ging zum Spiegel und sah hinein. "Es ist völlig sinnlos, was du tust", sagte das Gesicht im Spiegel. Als hätte ich es geahnt. "Man wird dir Vorwürfe machen." Na toll. "Was sollte zum Beispiel diese Deanna-Troi-Nummer mit dem 'Ich spüre deutlich Ihre Ratlosigkeit'?" Ja, weil es so war. Ich reagiere eben anders auf Zeitungen als andere Leute. Mir fallen eben bestimmte Sachen mehr auf. Ich sehe auch die Menschen, die dahinterstehen. Ich überlege immer, was das für Leute sind, die das machen. Das ist genauso wichtig wie die Artikel. Mindestens. Und den Leuten bei der SZ geht es nicht gut. Sie sind nicht glücklich, sie sind nicht zufrieden, und das drückt sich in ihrer Arbeit aus. Sie senden Impulse aus, die ich registrieren kann, und sie setzen der Bevölkerung seltsame Gedanken in den Kopf und stecken sie an mit ihrer Depression. "Aber glaubst du", fragte mich das Gesicht, "dass die bei der SZ damit etwas anfangen können, wenn du das so sagst?" Ja, ich glaube schon. Ich glaube, die merken auch, dass ich ihnen nichts Böses will. Andererseits zeigen sie ja selbst, dass sie im Wesentlichen nur auf Schock reagieren. Also musste ich sie schocken. "Sie werden es dir natürlich übel nehmen." Glaube ich eigentlich nicht. Vielleicht in den ersten Tagen... Außer, sie lesen nicht, was ich zu sagen habe. Außerdem entwickelt sich die Diskussion hervorragend. Das Gesicht im Spiegel sah mich unwillig an. Nun gib der Sache mal eine Chance! sagte ich. Das ist ein soziologisches Experiment. Zum Beispiel in der folgenden Ausgabe, der vom Dienstag, dem 07.09.04. Da sagt die SZ implizit aus, dass sie gar nicht über Terror diskutieren möchte, sondern die anderen, die muslimischen Gesellschaften, sollen ihn stoppen. Das ist ganz interessant...




- 07.09.04: Relativierung des Terrors? -

Der Artikel des Tages 07.09.2004 ist der Kommentar von Rudolph Chimelli auf der Seite 4: "Immer im Spiegel des eigenen Leids. Trotz der Grauen von Beslan relativiert die islamische Welt den Terror - und entschuldigt ihn damit." Schreckensbilder der Medien sorgen demnach in Algerien und im Iran dafür, dass die Grausamkeit der Russen in ihren sadistischen Einzelheiten verbreiteter seien als im Westen. Von Aufrechnungen tschetschenischer Kinder und der Kinder von Beslan wird berichtet, die von einem Tschetschenenführer ausgingen und die im Nahen Osten einen "empfindlichen Nerv" treffen. Am Ende geht es dann um die Arabische Halbinsel: "Das Mitleid mit den Tschetschenen ließ bisher auf der Arabischen Halbinsel die Hilfe für die Opfer reichlich fließen. Kein Frommer beauftragt einen Buchprüfer, um zu erfahren, ob das Geld nur Witwen, Waisen und Elenden zugute kommt - oder ob dafür auch Waffen gekauft werden." Fangen wir mit der Überschrift an. Sie passt nicht recht zum Text. Von der islamischen Welt wurde gar nicht berichtet, sondern von ein paar Ländern, und darunter waren noch zwei als typisch gekennzeichnete Zitate aus Ägypten, die das Gegenteil von dem aussagten, was der Titel suggeriert. Dann würde ich gern wissen, woher Herr Chimelli weiß, dass sich "kein Frommer" von der Arabischen Halbinsel für den Zweck seiner Spenden interessiert.

Das Wichtigste aber ist der Begriff "Relativierung des Terrors" sowie die angebliche Konsequenz, der Terror würde dadurch entschuldigt. Durch den Begriff "Relativierung des Terrors" wird die Terror-Diskussion tabuisiert. Man darf die Diskussion um die Ursachen des Terrors demnach gar nicht innerhalb der Terrordiskussion führen, weil man dadurch angeblich den Terror entschuldigt. Als wäre verstehen wollen gleich entschuldigen. Wenn ich an die toten Kinder von Beslan denke, dann bin ich schnell dabei nachzudenken, wie man es verhindern kann, dass solche Dinge in der Zukunft wiedergeschehen, egal wo. Es muss aufhören. Logischerweise komme ich dann zu der Frage nach den Ursachen. Den Zorn in muslimischen Gesellschaften sehe ich dabei durchaus als Faktor, denn er führt in der Tat in manchen gesellschaftlichen Kreisen zu latenten oder manifesten Rechtfertigungen von Terror, die von den extremistischen Rändern ausgenutzt werden und die sie zu einem gewissen Grad ermutigen. Es reicht aber für die Situationsanalyse nicht aus zu fordern, dass der Zorn vergehen soll. Das wäre vergleichbar mit dem Schicksal von Jack Nicholson in "Einer flog übers Kuckucksnest". Um seinen Zorn zu besänftigen, hat man ihm das Gehirn entnommen. Der Film legte nahe, dass dies nicht die adäquate Methode ist, um Probleme zu lösen. Was Tschetschenien, Palästina, Israel, den Irak, die USA, Europa, den Sudan und andere Länder betrifft, so wird der Terror auch in der Analyse der Mainstream-Medien aufhören, sobald die schweren Ungerechtigkeiten aufhören. Eine Alternative ist mir nicht bekannt.

Ansonsten gab es noch eine Buchbesprechung von Alexander Kissler auf Seite 18: "Den Terror töten. Stefan Zweigs vergessenes Revolutionsdrama 'Adam Lux'". Der Kernsatz lautet: "Stefan Zweig begeisterte sich am Vorabend des Krieges ähnlich rauschhaft und ähnlich folgenlos für sein humanistisches Programm wie 150 Jahre zuvor Adam Lux für die Französische Revolution, und wie der Titelheld in Zweigs leidenschaftlichstem Drama wählte auch dessen Autor den Freitod." Damit suggeriert Herr Kissler, dass engagierter Humanismus zu Selbstmord führt. Es ist ungefähr so, als würde man Jesus als Versager darstellen, weil die Welt schlecht ist. Deshalb meinte ich oben, dass man sich die Leute anschauen sollte, die dahinterstehen. Vergleicht man etwa den großen Schriftsteller und Humanisten Stefan Zweig mit dem nihilistischen SZ-Journalisten Alexander Kissler, so wird deutlicher, was ich damit sagen möchte. Und das ist auch mein legitimer Vorwurf an die SZ: Ihr glaubt an nichts!

Eine Verschwommenheit der Werte lässt sich gelegentlich auch bei Thorsten Schmitz beobachten. In dieser Ausgabe auf Seite 3 steht sein Artikel: "Ein Minister für Rebellion. Er schart Gleichgesinnte um sich, denn Uzi Landau hat ein Ziel: In Israel soll alles beim Alten bleiben." Es geht um einen Minister der israelischen Regierung, dessen Credo lautet: "Wir müssen den Krieg gewinnen." Thorsten Schmitz nennt ihn den "Robin Hood der Siedler". Das wird Herrn Landau gefallen haben. Ebenso wie das Foto, auf dem man den jungen Minister cool mit Sonnenbrille zusammen mit einem Mitglied des US-Außenministeriums sieht. Im Untertext wird Landau "Rechtsaußen" genannt. Thorsten Schmitz macht sich auch ein wenig über Landau lustig, insofern kommt auch er auf seine Kosten. Dieser Artikel sagt viel aus über das Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis und Palästinensern/Arabern/Muslimen. Niemals könnte Schmitz derart mit einem deutschen Rechtsaußen kokettieren, bei einem israelischen aber kann er diese Neigung öffentlich ausleben.

Das führt uns zu einer Untersuchung der Bilder, die Herr Schmitz für Israelis und Palästinenser parat hat. Hier haben wir also einen Robin Hood. Robin Hood gehört in unserer Kultur zu den Helden. Bilder von Palästinensern sehen dagegen anders aus. In der Zeit dieser Analyse gab es in Schmitzens Artikeln bislang drei Beispiele. Das erste habe ich schon entsorgt, weil ich am 02.09. alle früheren SZ-Ausgaben weggeworfen habe. Es war wohl am 01.09., als Schmitz unter "Leute" über einen palästinensischen Sänger berichtete: "Trauriger Held". Traurig, weil er "nur" den zweiten Platz bei einem arabischen Wettbewerb belegt hat. Ich fragte daraufhin Thorsten Schmitz in einer Mail, ob er nicht mal etwas über einen fröhlichen palästinensischen Helden schreiben wolle. Am nächsten Tag war diese oben erwähnte, etwas zusammenhanglose Darstellung eines der vermummten Olympia-Attentäters von 72 abgebildet. Am 03.09. auf Seite 8 berichtet er vom Abbruch des Hungerstreiks von 3800 in Israel inhaftierten Palästinensern wegen mangelnden Interesses der (frontalen!) Weltöffentlichkeit. (Über das mangelnde Interesse wird also berichtet, über die Zustände in israelischen Gefängnissen nicht.) Unter dem Foto, das zwei Victory-Finger durch ein Gefängnisgitter zeigt, steht: "Sieger? Palästinensische Häftlinge haben ihren Hungerstreik beendet, offenbar ohne Zugeständnisse Israels." Es wird hier nicht nur suggeriert, dass diese Gefangenen Loser sind, sondern es handelt sich auch um einen Typus Palästinenser, so wie den vermummten Olympia-Typus und den Trauriger-Helden-Typus. Mal sehen, welche Bilder wir in der Zukunft zu sehen bekommen.

Ein erwähnenswert guter Beitrag war die "Außenansicht" auf Seite 2, "Gerechtigkeit für die Opfer in Darfur" von Lotte Leicht, Direktorin des Brüsseler Büros der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Sie fordert darin, dass Deutschland auf die Etablierung eines internationalen Untersuchungsausschusses drängen soll. Schließlich ein Zitat von der Medienseite 19. Der Artikel von Klaus Ott trägt den Titel: "Kontrollierte Kontrolleure. Börsen-Berichterstattung: Der Staat will Standesregeln prüfen, der Presserat wehrt sich." Dort heißt es über den 1956 gegründeten Deutschen Presserat als Organ der Selbstkontrolle: "Die Medienschaffenden, so die Idee, sollten Auswüchse in ihren Reihen von sich aus verhindern oder zumindest korrigieren." Mein Kommentar zu diesem Thema ist, dass ich nicht glaube, dass der Deutsche Presserat dieser Aufgabe ausreichend nachkommt.




- 08.09.2004: Wir und die anderen -

Der erste Artikel, der mir in der SZ vom 08.09.2004 aufgefallen ist, ist der über die indische Schriftstellerin Arundhati Roy. "Von der Märchenprinzessin zur Teufelin" sind die ersten Worte des Titels. Noch bevor ich den langen Artikel auf der Seite 3 las, dachte ich über diese Worte nach. Von der Märchenprinzessin zur Teufelin... Im Supermarkt hatte ich auf dem Titelblatt der Illustrierten Stern etwas sehr ähnliches gesehen, ein Foto von Herrn Hartz und dazu der Titel: "Vom Erlöser zum Buhmann". Eine Kaskade von Erinnerungen kam über mich. 2002 hatte ich in dem 400-seitigen Online-Buch
"Rock'n'Roll. Nachricht von Ozzy Balou" die These ausgeführt, dass es in unseren (frontalen!) Öffentlichkeiten kaum mehr Stars, Helden, Persönlichkeiten gibt: Die Öffentlichkeit hat nach 1945 ihr Vertrauen in den Menschen zunehmend verloren. In der amerikanischen und britischen Gesellschaft kam der Wendepunkt 1977 mit Elvis' Tod und dem Beginn des Punk. Bereits in der vorigen Ausgabe der SZ sahen wir, wie sich über einen Verfechter des Humanismus, Stefan Zweig, lustig gemacht wurde und wie er als Versager dargestellt wurde. Es wurde deutlich, dass Jesus, würde er heute unter uns wandeln, in den deutschen Frontalmedien nicht die geringste Chance hätte. Schauen wir nun, was Stefan Klein über Arundhati Roy sagt.

Eine größtenteils positive Überraschung. Der vollständige Titel der langen Reportage lautet: "Von der Märchenprinzessin zur Teufelin: Der Rollenwechsel der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy. Ein Lachen lässt die Dämme brechen. Sie wettert und polemisiert, sie setzt sich für die Ärmsten ein - ihre Kritiker haben vielleicht nicht verstanden, dass sie eines nicht will: objektiv sein". Dazu ein großes Foto mit einer triumphierenden Roy. Die Sache mit der Märchenprinzessin und der Teufelin stamme demnach von ihr selbst. Ich habe den Artikel sehr kritisch und sogar - wie gesehen - voreingenommen gelesen. Es sind durchaus einige Diskussionspunkte darin, besonders die Rolle und Perzeption von Emotionen bei Personen des öffentlichen Lebens, aber der Artikel ist nicht ideologisch. Er ist... gut. Natürlich, Frau Roy ist Inderin. Hätte sie ein solches politisches Engagement und ein solches Image als Deutsche, sähe das wohl anders aus. Man stelle sich das vor: eine Deutsche, die so etwas macht ... Ach so!! Also doch ein Alibi-Artikel.

Die SZ vom 08.09.2004 war recht voll mit Artikeln, die meine Aufmerksamkeit weckten. Besonders auf der Seite 2. Dort geht es hauptsächlich um das Atomprogramm im Iran. Stefan Kornelius und Thorsten Schmitz schreiben dort stimmungsvoll über (gegen?) Iran. Es wird aus der Sicht der USA und Israels berichtet, anders gesagt: Der amerikanische und der israelische Standpunkt wird weitergetragen, inklusive der Androhung von israelischen "Präventivschlägen". Während aus den Randbemerkungen von Rudolph Chimelli hervorgeht, dass Iran offen und konstruktiv mit der Situation umzugehen scheint, verdächtigt die Gegenseite (also "wir") und droht und beleidigt "unverhohlen" (z.B. im Titel "Bomben als letztes Mittel. Israels Pläne etc." von Schmitz). Dazu sagt Artikel 11.1 der Menschenrechte: "Jeder, der wegen einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, hat das Recht, als unschuldig zu gelten, solange seine Schuld nicht in einem öffentlichen Verfahren, in dem er alle für seine Verteidigung notwendigen Garantien gehabt hat, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist." Man beachte auch, dass die USA und Israel diejenigen sind, die Atomwaffen haben.

Auf derselben Seite unten schreibt der Politologe Wilfried Röhrich in der "Außenansicht" über "Die Macht des Islam einschränken." Im Text geht es dann zwar darum, die Macht von Religionen insgesamt einzuschränken, aber der Islam wurde als Erklärungsobjekt für die Überschrift und das Fazit herausgepickt. Daraus zwei Sätze. Erstens: "Im Gegensatz zum christlichen Bewusstsein und zum Wertepluralismus der westlichen Kultur kommt dem Individuum im islamischen Selbstverständnis nur eine geringe Bedeutung zu." Und zweitens: "Um dem Islamismus (...) wirksam zu begegnen, müssen diese Länder alles daran setzen, der Politisierung des Islam entgegenzuwirken." Zum ersten Satz ist zu sagen, dass darin etwas konstruiert wird. "Wertepluralismus" kann alles mögliche bedeuten. Dass das Individuum im Westen frei sei und im Osten nicht, halte ich in diesem Zusammenhang für zu allgemein. Die Geschlossenheit der frontalen Öffentlichkeit sehe ich zum Beispiel als Indiz für die Tatsache, dass das Individuum so frei im Westen auch nicht ist. Auch der zweite Satz ist abstrakt: "Politisierung des Islam", was soll das bedeuten? Die Begrenzung auf Religiös-Kulturelles, sagt Röhrich. Hm. Aber Religionen sind doch auch gesellschaftlich und also immer politisch. Die Analyse von Herrn Röhrich greift also zu kurz. Welche Werte nennt Herr Röhrich? Autonomie des Einzelnen, technisch-industrielle Weltorientierung, Privateigentum, Herrschaftsbegrenzung, Toleranz und Rechtstaatlichkeit. Klingt ganz vernünftig. Der Artikel ist nicht schlecht, bis auf diese Ängste vor Kontrollverlust, die nicht hinreichend reflektiert und somit verschoben werden.

Kommen wir zur Seite 4. Im Kommentar "Der Terror, die Muslime und die Kirchen" von mad geht es um einen Konflikt zwischen dem Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirchen Wolfgang Huber und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Nadeem Elyas. Der zentrale Satz geht an die Adresse der Muslime und lautet: "Solange die Verbände nicht konsequent islamistisches Gedankengut und islamistische Gedankenträger verbannen, klingen ihre Erklärungen pflichtschuldig." Niemand kann genau sagen, was hier von den Muslimen eigentlich verlangt oder erwartet wird, klar ist, dass die andere Seite (also "wir") keinen Terror mehr will und dass die Muslime sich darum kümmern müssen und nicht etwa wir alle zusammen. Diese Ansicht kennen wir ja schon von der SZ. Sie vertieft lieber die Gräben als sich mit unangenehmen Fragen zu beschäftigen. Auf dieser Seite 4 ist auch eine Karikatur, wo Iran mit Atomsprengköpfen in Verbindung gebracht wird und Joschka Fischer sagt "Irre", aber ich habe diese Karikatur nicht verstanden. Wahrscheinlich für Insider.

Auf Seite 7 ist ein Bericht über "Schikanen und Tabus. Russlands kritische Journalisten werden wieder gegängelt" von Thomas Urban. Schwer zu sagen, was von solchen Beiträgen zu halten ist. Interessant für die Bilderbestimmung Palästina/Israel ist der Artikel "Hamas erklärt 'Krieg gegen jeden Zionisten'. Nach einem israelischen Luftangriff auf Gaza-Stadt mit 14 Toten drohen palästinensische Terrorgruppen mit blutigen Anschlägen", von Thorsten Schmitz. Das Foto zeigt "Wut und Trauer: Sympathisanten der Terrorgruppe Hamas tragen in Gaza-Stadt einen getöteten Palästinenser zu Grabe". Da haben wir den Typus des wütenden und trauernden Palästinensers. Nicht gerade eine Identifikations-Figur. Der Artikel selbst ist journalistisch schlecht, wie man bereits am Titel sieht. Die Israelis haben kürzlich einen der schwersten und gewalttätigsten Angriffe auf die Bevölkerung in Gaza durchgeführt. Das war aber keine Überschrift. Hamas erklärt Krieg, das ist die Überschrift. Jedes israelische Schulkind merkt, wie hier getrickst wird, damit die Guten die Guten bleiben und die Bösen die Bösen. Zur Hamas siehe den Essay "Hamas: Soziale Integration und bewaffneter Widerstand" von Helga Baumgarten (in: inamo - Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten. Heft 38, Sommer 2004, S. 46-50, www.inamo.de).

Kommen wir zum Feuilleton. Da sind zwei interessante Beiträge auf der Seite 11. In "Kinder erschießen. Die tschetschenischen Rebellen zielen auf die zivile Gesellschaft" von dem Schweizer Pädagogen Jürgen Oelkers heißt es gegen Ende: "(...) Wer Kinder erschießt, fliehende, von hinten, verübt mehr als einen brutalen Akt des Terrors, nämlich einen Anschlag auf die Gesellschaft und ihre Erziehung." Es ist nicht sehr schwer, so etwas zu schreiben. Natürlich hat Herr Oelkers recht, aber was sollen solche Artikel bringen? Im Ernst, wem nützt das etwas, wenn man die Terroristen verteufelt und wieder und wieder im Geiste verurteilt? Warum bekommen die Terroristen so viel mehr Aufmerksamkeit als die Opfer und die Menschenrechtler? Was macht die Terroristen wichtiger? Sind sie doch ein Spiegel für unsere frontale Öffentlichkeit? Warum bekommen sie so viel Aufmerksamkeit?

"Schule des Terrors, Kinder des Krieges. Nur die internationale Gemeinschaft kann den Kaukasus noch retten - wenn sie will: Ein Interview mit dem tschetschenischen Dichter Apti Bisultanow" von Sonja Zekri steht auf derselben Seite. Das Beste darin ist die Bemerkung: Wenn das Volk leidet, darf der Dichter nicht abseits stehen. Zunächst war ich froh über dieses Interview und dachte, dass es gut sei. Herr Bisultanow erklärt als Insider die Lage in der Krisenregion. Aber dann sah ich die vierte Frage, bzw. Antwort, der SZ: "SZ: Tschetschenien hat durch den Mord an Schulkindern Sympathien verloren." (Worauf der Dichter sagt: Ich weiß). Ich frage mich, ob dieses Prinzip der Sippenhaft legitim ist. Es geht ja nicht um Sympathien, sondern um Sicherheit und Menschenrechte. Die SZ impliziert erstens, dass Menschenrechte nur für sympathische Menschen gelten und zweitens, dass eine (unter Besatzung stehende, nicht souveräne) ganze Gesellschaft zur Rechenschaft gezogen wird. Gegen Ende nennt Herr Bisultanow den Lösungsweg (provisorische Verwaltung unter internationaler Schirmherrschaft, zivile Strukturen, neue Führung, Verhandlungen, Vertrag), woraufhin die SZ sagt: "Das klingt utopisch" und Bisultanow zustimmt und resignierend meint, dass auch er eher glaubt, dass die Gewalt schlimmer wird. So hämmert die SZ ihren Lesern ein: Die Welt wird immer schlimmer. Sie lockt und verführt: Kommt mit uns in die Resignation. Es gibt keine Lösung, seht es ein etc.

Schließlich eine kleine dpa-Notiz auf Seite 14: "Terror und Kultur. Bereit sein für den Messeauftritt." Es geht um die anstehende Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengast Arabische Welt. Der ägyptische Dichter Hegasi sagt dort, die Araber müssen vorbereitet sein auf die Fragen der Deutschen, auch was den Terrorismus angehe. Die Literaturwissenschaftlerin Hoda Wasfi sprach sich gegen eine solche "Verteidigungsaktion" aus und betonte den Aspekt der kulturellen Präsentation. Ob Araber Deutschen auch etwas vorzuwerfen haben, wurde überhaupt nicht thematisiert. Mir würden da auf Anhieb zwei drei substanzielle und auch naheliegende Sachen einfallen.



- 09.09.2004 -

Die heutige Ausgabe ist ruhiger als die vorigen. Aufgeräumter. Keine Feindbilder, keine extremen Schwankungen. Man hätte das bei der (schlechten) Schlagzeile nicht unbedingt vermutet: "Russland will Terroristen weltweit jagen." Auch der Israelbeitrag von Herrn Schmitz war von gewohnter Art. Es gibt aber nicht viel zu tun für mich. Hm.

Der beste Artikel des Tages ist Alexander Kisslers "Gnade vielfältiger Meinungen. Die Muslime sind in ihrer Position gegenüber dem Klonen gespalten" im Feuilleton auf Seite 15. Ein progressiver, inhaltlicher Beitrag. Lehrreich, auch für mich. Auch gut war Gustav Seibt über den neuen Hitlerfilm und den öffentlichen Umgang mit der "unangenehmen Person". Allerdings steht für mich der Aspekt der Wirkung Hitlers auf die Gesellschaft stärker im Vordergrund als der Umgang mit der Person. Die beste Nachricht des Tages war, dass der bekannte israelische Atomphysiker Mordechai Vanunu jetzt die palästinensische Staatsangehörigkeit beantragt hat.

Ich frage mich in letzter Zeit, ob man die Linie der SZ irgendwie benennen kann, aber mir fällt nichts ein. Es ist zu bunt durcheinander. Was an den USA kritisiert wird, wird an Israel nicht kritisiert. Es ist auch nicht genau klar, was an den USA kritisiert wird. Es ist eine Joschka-Fischer-Zeitung, ich glaube, das könnte man so sagen. Vielleicht fällt mir noch eine bessere Beschreibung ein mit der Zeit. Ich frage mich, ob die SZ das als Kompliment oder als Beleidigung oder indifferent auffasst. Ich frage mich, wie ich es selbst auffasse. Schwammig ... irgendwie unklar. Wir werden sehen.

Weiter zu Kapitel 2 >>
 
hoch