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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
2006 (1)
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Heise.de (Telepolis), 29.05.2006, "Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Von der Unfähigkeit, Klartext zu reden" von Marcus Hammerschmitt
www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22744/1.html Untertext: "Trotz zahlloser Hinweise auf eine kollektive Begeisterung der Palästinenser für die Vernichtung Israels, trotz der kollektiven gewalttätigen Arbeit an diesem Ziel ist kaum jemand in der Lage, das deutlich zu benennen. Warum?" Anis' Kommentar: Ein schlimmer, rassistischer Artikel. Über "echte Palästinenser", die (immer schon) mit Nazis kollaborieren. Der Nationalsozialismus wird auf die Palästinenser projiziert, wie im Artikel "Sanktionen gegen Palästina?" (www.anis-online.de/1/ton/22.htm) beschrieben. Das verdrängte deutsch-jüdische Trauma lässt den Feind in Ersatzpersonen erscheinen, um der eigentlichen Konfrontation zu entfliehen und sieht eine "Wiederaufladung des palästinensischen Antisemitismus". Wenn man versucht, mit Steuerung+F die Begriffe "Menschenrechte" oder sogar "Vereinte Nationen"/"UNO", "UN-Beschlüsse" in dem Artikel zu finden, wird man nicht fündig. Auf welchen Werten beruht der Artikel dann? Nach welchem Maßstab urteilt er in dieser harschen Form? Gut sichtbar ist, dass in philosemitischen Texten im Zusammenhang mit Palästinensern und Muslimen ohne weiteres von Täterkollektiven die Rede sein darf: "Und wenn die Palästinenser sich noch so sehr wie ein Täterkollektiv verhalten - sie so zu bezeichnen, das darf nicht sein. Natürlich geht das islamistische Täterkollektiv über die Palästinenser hinaus." Der Autor Marcus Hammerschmitt scheint die Palästinenser neu erfinden zu müssen, um ihnen alles anhängen zu können, was bei ihm schief läuft: "Gäbe es Israel nicht, dann müssten die Palästinenser es erfinden, um ihm alles anhängen zu können, was bei ihnen schief läuft." Heise.de/Telepolis veröffentlicht also auch rassistische Artikel, war mir neu.

Die Welt, 12.04.06, "Neutralität ist nicht möglich. Kolumne - Israel und die Palästinenser" von Jeffrey Gedmin
www.welt.de/data/2006/04/12/873333.html Günter Schenk, F-67930 Beinheim, membre du Collectif Judéo-arabe et citoyen pour la Paix, Strasbourg, schreibt: Ich maße mir nicht an, Herrn Gedmins Menschenbild zu kritisieren, dies ist seine eigene Angelegenheit. Es scheint mir aber, dass er seit seiner Kindheit doch nicht viel dazugelernt hat. Es mag einem in der amerikanischen Provinz aufgewachsenen Katholiken schwer fallen, zwischen Juden und Israeli zu unterscheiden, es mag ihm auch schwerfallen, zwischen Besatzern und Besetztem zu unterscheiden, überhaupt zu differenzieren. Das liegt außerhalb seines Erfahrungshorizontes. Man kann ihn schwerlich für das mangelhafte Bildungswesen seines Landes verantwortlich machen. Wer aber ist bereit, den Herrn Gedmin darüber aufzuklären, dass es keinesfalls "die Juden" sind, die nach Mearsheimer und Walt in erpresserischer Weise Einfluss auf Regierungen, ja die mächtigste Regierung der Welt nehmen, sondern, dass es sich um eine, nennen wir sie einmal Camarilla selbsternannter mächtiger Vertreter, handelt, die keinesfalls das Recht beanspruchen dürfen, im Namen "der Juden" zu sprechen, zu agieren, dies aber wider besseres Wissen dennoch tun, dabei die Interessen ihres Landes mit denen eines Anderen (so der Vorwurf) verwechseln?

Eines aber hat er doch gewiss von seinen Eltern gelernt: dass Diebstahl Unrecht ist. Und so ist es nun einmal, nicht Palästinenser haben Israeli millionenfach vertrieben, hunderte ihrer Dörfer mutwillig zerstört nur um keine Zeugnisse vorheriger Besiedlung zu hinterlassen, nicht Palästinenser stehlen den Israeli ihre Trinkwasservorräte, es ist Israel, nach neuester Entwicklung im Jordantal, die den Menschen in ihre angestammten Heimat gerade noch 12 % ihres ursprünglichen Landes überlassen, dazu eingekerkert in mehrere abgeschottete "homelands" (ein Begriff aus dem "alten" Südafrika)? Nicht Palästinenser nehmen Israeli das höchste Gut für ihre Kinder: Bildungsmöglichkeiten. (so begann es übrigens auch in Deutschland, in den dunkelsten 30er Jahren!) Das alles könnte Herr Gedmin in seiner Kindheit gelernt, im Erwachsenenleben vertieft haben, wenn, ja wenn... Und es wäre verständlich, wenn er nicht mehr neutral sein könnte. Denn, seit wann ist es möglich, in Beziehung zu Besatzern und Besetzten neutral sein?

Schlimmer noch, Herr Gedmin ist froh, wenn Israel auf fremdem Boden eine Mauer baut um ein ganzes Volk einzusperren. Bemerkt er garnicht, dass es sich dabei selbst aussperrt von der Möglichkeit gedeihlicher Zusammenarbeit mit Anderen? Er, der lange genug, vor dem Mauerbau, hinter einer tatsächlich schlimmen Mauer hat leben dürfen, allerdings, als US-Staatbürger, geschützt durch das Potsdamer Abkommen, mit einem Checkpoint Charly, den er im Straßenkreuzer sitzend, bequem überqueren durfte? Herr Gedmin ist parteiisch geworden, so sagt er dem Leser der WELT? Da ist ihm nur eines zu antworten: wer bei Unrecht schweigt, schlimmer noch, diesem zustimmt macht sich mitschuldig. Ob er einmal an seine Mitschuld gedacht hat, er, der "das Ding" - die bis zu 9 m. hohe Apartheid-Mauer lobt?
Post Scriptum: Mr. Gedmin, to qote Malcolm X: "Dont't stick a knife in me nine inches, pull it out six, and call it "progress"


Die Welt, 21.01.06, "Wirbel um Bundeszentrale für politische Bildung. Präsident Krüger muß sich wegen des angeblichen Israel-Bildes seiner Einrichtung zur Wehr setzen." von Lars-Broder Keil
www.welt.de/data/2006/01/21/834403.html Bereits die Überschrift ist bemerkenswert: Jemand muss sich wegen eines angeblichen Bildes zur Wehr setzen. Dass ein solch wirrer Gedanke im konservativen Journalismus eine Überschrift ist, verwundert. Sich wegen eines Bildes zur Wehr zu setzen, ist bereits seltsam genug, aber auch noch ein angebliches Bild. Handwerklich schlecht geht es weiter: "Kritiker werfen der Bildungseinrichtung vor", heißt es da, aber warum bleiben diese Kritiker im Dunkeln? "Watzal gilt als scharfer Kritiker Israels. In Internetforen und Zeitungsartikeln wird ihm eine extreme antiisraelische Einstellung vorgeworfen. Zudem würde er Bücher, die als antisemitisch eingestuft seien, positiv rezensieren." schreibt Herr Keil, aber von wem? Wessen Meinung wird hier transportiert? Wer stuft Bücher als antisemitisch ein und auf welcher Basis und mit welchen Konsequenzen? Herrn Watzal wurde, heißt es dann, einst vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung vorgeworfen, er habe "Klischees bedient". Interessant, wie viel politisch relevante Macht so ein Zentrum für Antisemitismusforschung hat.

Dann dieser Satz: "Weil aber die Kritik an Watzals Texten nicht abreißt, will Krüger nun untersuchen lassen, ob dieser 'manifest antisemitisch' sei." Zunächst fehlt wieder die Quelle. Wer lässt die Kritik an Watzals Texten nicht abreißen? Da niemand genannt wird, muss man inzwischen DIE WELT selbst die Lücke füllen lassen, was unehrenhaft für die Zeitung ist, weil sie sich verstecken muss. Früher waren die Konservativen oft aufrichtiger und bedurften nicht des Hinterhaltes. Das gehörte früher stärker zu ihrer Identität. - Der zweite Teil des Satzes wirft ungestellte Fragen auf. Wie untersucht man, ob jemand manifest antisemitisch ist? Wer untersucht es und mit welcher Lizenz? Wie definiert dieser Jemand den inzwischen stumpf und untauglich gewordenen, hoch-suggestiven Begriff "Antisemitismus"? Was geschieht mit dem Verurteilten, wenn er so verurteilt wird? Inwiefern ist dies ein politischer, gar ideologischer Vorgang? Werden durch solche Prozesse neue Obrigkeiten erzeugt und alte beteuert?

Herr Watzal solle sich von einem "Milieu distanzieren", wird ihm im Folgenden nahegelegt. Er soll in seinen Schriften die Besatzung als "alleinige Ursache des palästinensischen Terrorismus" dargestellt haben. DIE WELT hat sich ja nie besonders auffällig für Ursachen von Terror interessiert und affirmiert das hier. Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass DIE WELT seit dem Elften September irgendetwas Intelligentes zum Thema Terror-Ursachen geschrieben hätte.

Basis des ganzen Artikels ist der "Konsens deutscher Nachkriegspolitik", der eingangs genannt, aber nicht erklärt wird. Da viele Dinge nicht erklärt werden, nur angedeutet, ist dies eine insgesamt schlechte journalistische Arbeit. Da mag auch ein wenig Neid dahinter stecken, denn Ludwig Watzal pflegt solide zu argumentieren und ist diesem Niveau weit überlegen. Jeder, der ihn gelesen hat, merkt das sofort. Na, und was ist denn nun der Konsens deutscher Nachkriegspolitik? Die Existenzsicherung Israels, nicht wahr? Die totale Existenzsicherung. Koste es, was es wolle. Die totale Mauer. Millionen Flüchtlinge. Jeden Tag Tote. Angst und Schrecken. Der Konsens deutscher Nachkriegspolitik.

Insofern sollte man in der Tat das Schlusszitat der CDU-Politikerin Köhler genau lesen und sich fragen, ob Ludwig Watzal nicht mehr als irgendjemand anderes diesen Auftrag erfüllt: "Die Bundeszentrale für politische Bildung hat als Leitbild aufgetragen bekommen, das demokratische Bewußtsein in der Bevölkerung zu fördern. Es ist nicht der Ort, um falsche Ideologien zu verbreiten", sagte sie der WELT.

Eine Medienkritik von Anis Hamadeh

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