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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Briefe 2003 (13)
Inhalt

Medienkritik von Manfred Spies: Rheinische Post, 29.11.03, Titelseite, "Der neue Antisemitismus. Brisante Resultate einer EU-Studie, Islamisten schüren Haß auf Juden, Kritik an Globalisierungsgegnern"





Rheinische Post, 29.11.03, Titelseite, "Der neue Antisemitismus. Brisante Resultate einer EU-Studie, Islamisten schüren Haß auf Juden, Kritik an Globalisierungsgegnern"
Manfred Spies: Dies sind Tatsachenbehauptungen, keine Meinungsäußerung, damit juristisch relevant! Text: "...Träger der laut Studie europaweiten Welle von Antisemitismus seien arabisch-stämmige Milieus und linke Gruppierungen wie die Anti-Globalisierungsbewegung Attac..." Manfred Spies: Hierzu ist zu sagen, daß es sich um eine Studie handelt, die die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, EUMC in Wien, in Auftrag gegeben hatte. Erarbeitet wurde die Studie vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU in Berlin. Die Auftraggeber waren mit dem Resultat nicht zufrieden, da es "den Ergebnissen an Qualität und empirischer Beweiskraft gemangelt habe." (s.Anlage 1, Der Standard "EUMC wehrt sich gegen Vorwürfe"). Die Studie sollte daher überarbeitet und mit neuen Zahlern versehen erst im Frühjahr 2004 veröffentlicht werden!!! Nun werden Teile in der RP zitiert und Frau Juliane Wetzel als Historikerin und Verantwortliche für die Studie erwähnt.

Anlage 1

red/DER STANDARD, Printausgabe, 27.11.2003, "EUMC wehrt sich gegen Vorwürfe. Bericht über Antisemitismus wurde nicht wegen angeblicher antimuslimischer Tendenzen zurückgehalten"
Darin: "In einer Aussendung betonte Bob Purkiss, Direktor des EUMC-Verwaltungsrates. dass man größtmögliche Bedeutung auf ‚Unabhängigkeit, Qualität und Glaubwürdigkeit' der Recherchearbeit lege. In diesem Fall habe der Verwaltungsrat den Schluss gezogen, dass es der von den Vertragspartnern (i. e. das Zentrum für Antisemitismus-Forschung an der TU Berlin) erbrachten Arbeit an Qualität und empirischer Beweiskraft gemangelt habe. Er, Purkiss, bedauere zutiefst, dass eine kollektive Entscheidung des Verwaltungsrates, die ausschließlich auf der mangelnden Güte der Arbeit beruht habe, dazu benutzt worden sei, um dessen ‚wichtige Arbeit im Kampf gegen Rassismus, Xenophobie und Antisemitismus zu diskreditieren'. Daher werde die EUMC ihre Aktivitäten gegen den Antisemitismus auch "zu hundert Prozent" fortsetzen und Anfang 2004 konkrete Resultate präsentieren."

Manfred Spies:Frau Wetzel bezieht sich in einem Interview des Deutschlandfunks vom 27.11. "EU-Studie über Anti-semitismus wird unter Verschluß gehalten" auf die o.a. Presseerklärung und sagt Anlage 2

Deutschlandfunk, Interview-Auszug: Hans-Joachim Wiese: Am Telefon begrüße ich jetzt Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Sie ist eine der Autoren der fraglichen Untersuchung. Inzwischen gibt es Meldungen von dem EU-Institut aus Wien, die Studie werde nun sehr wohl veröffentlicht. Was denn nun: Wird sie, oder wird sie nicht?

Juliane Wetzel: So weit ich die Pressemeldungen des EUMC verstehe, handelt es sich nicht um unsere Studie, sondern es handelt sich um eine Studie, die auf Grund der neuen Ausschreibung entstehen wird. Ich sehe nicht, dass damit unsere Studie gemeint ist. Das scheint mir aus der Pressemeldung auch sehr deutlich hervorzugehen. Manfred Spies: Dazu fällt mir eigentlich nur noch die Empfehlung eines Arztbesuchs ein. An dieser Stelle stellen sich einige nicht unwichtige Fragen: Wenn der Auftraggeber dieser Studie "unter Verschluß " halten wollte, wieso berichtet eine große Tageszeitung aufmacherisch darüber? Woher hat sie die Informationen? Wenn diese Zeitung wissentlich Ergebnisse zitiert, die für falsch gehalten werden, die aber andere diskriminieren und verdächtigen, grenzt dies nicht an strafbare Handlungen? Sind die nicht verifizierten, pauschalen Äußerungen über "arabisch-stämmige Jugendliche" nicht volksverhetzend? Hat vielleicht Frau Juliane Wetzel, die mehrfach zitiert wird, die Informationen bewußt weitergegeben, weil sie sich vom Dirtektor des EUMC-Verwaltungsrates, Herrn Bob Purkiss, zu Unrecht kritisirt fühlte? Ist die Weitergabe einer von der EU in Auftrag gegebenen Studie ohne Wissen und gegen den Willen des Auftrag- gebers zulässig?

In der RP wird im Hinblick auf den "Antisemitismus" von Attac in geradezu haarsträubend unwissenschaftlicher Weise argumentiert, verallgemeinert, Pseudo-Fakten an den Haaren herbei gezogen: "Im Falle von Attac verweist Frau Wetzel auf ein Anti-Bush-Plakat bei dessen Besuch in Berlin (Mai 2002). Gezeigt wird "Uncle Sam" mit einer aus der Nazi-Propaganda bekannten, angeblich typisch jüdischen Nase - die so dargestellte USA spielen mit der Welt Jojo." Wegen e i n e s Plakates auf e i n e r Demo die e i n Jahr zurückliegt wird heute Attac kollektiv des Antisemitismus´ verdächtigt. Wenn das wissenschaftliche Genauigkeit ist beanspruche ich für alle meine bisherigen Recherchen umgehend eine Professur! Ein weiteres Argument dieser Historikerin, deren Rückschlüsse nur als Kurzschlüsse bezeichnet werden müssen: "Die Mär vom jüdischen Kindermord sieht Wetzel etwa in e i n e r Karikatur der italienischen Zeitung "La Stampa" wiederbelebt. Die Zeichnung zum Drama um die Geburtskirche in Bethlehem (Mai 2002), Palästinenser hatten die Kirche besetzt) zeigt ein Kind in der Krippe, von israelischen Soldaten umstellt - dazu der Text: Hoffentlich töten sie mich nicht noch einmal. Wetzel betont, daß in solchen Bildern die Grenze zur legitimen Kritik überschritten sei." Lassen sich aus einem Plakat und einer Zeitungskarikatur ein "neuer europäischer Antisemitusmus" belegen?

Als im Frühjahr 2002 europäische Medien vorsichtige Kritik am brutalen, mörderischen Vorgehen Israels gegen die palästinensischen Flüchtlingslager laut wurde, kommentierte dies der US-Journalist George Will in der Washington Post unter der Überschrift "Endlösung Phase 2"! Er meinte, wenn man nicht bedingungslos zu Israel steht, will man es ein zweites Mal kollektiv töten. Als in Berlin am 15.2.2003 eine halbe Million Menschen aus allen politische, religiösen und ethnischen Gruppierungen gegen den Irak (aber keinesfalls für den Diktator Hussein) demonstrierten, geisterte das Bild dieser Demonstranten durch die amerikanische Presse mit der Unterschrift: "Hitler´s childs - demonstrating for Saddam Hussein". Nach der Hystorikerin Wetzel müßten wir verallgemeinernd den Schluß ziehen, die amerikanische Presse sei eine Versammlung von mit Vorurteilen und Tunnelblick ausgestatteten Idioten. Aber solche Urteile fällt kein vernünftiger Mensch. Wenn aber Zeitungen solch gefährlichen Unsinn unkritisch und unkommentiert weiter- geben, schüren sie Haß und Vorurteile und begeben sich auf ein strafrechtlich relevantes Terrain. Mit christlicher Kultur (RP) hat das gar nichts zu tun!

Noch eine Anmerkung: Im September fragte ich u.a. auch das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU in Berlin, ob sie den Wahlkampf-Flyer von Herrn Möllemann für "antisemitisch" halten. Ich wollte es genau definiert haben, weil Paul Spiegel den Flyer in einem kurzen RP-Interview gleich vielmal als antisemitisch bezeichnet hatte. Geantwortet hat mir Frau Dr. Juliane Wetzel. Sie schrieb leider nichts Konkretes zum Flyer, sondern Allgemeines zu "antisemitischen Klischees, die Herr Möllemann bedient." Aber bereits in diesem Brief vom 27.9.03 ließ sich Frau Wetzel sehr wortreich aus über "radikal islamische Fundamentalisten, die sich vor allem im WWW z.T. mit rechtsextremen Gruppierungen vernetzen" - was nach Aussage des BND und des Verfassungsschutzes FALSCH ist. Außerdem unterstellte Frau Wetzel schon damals dem Lager der Globalisierungsgegner, "Israel zu diskreditieren und das Existenzrecht dieser jüdischen Heimstätte in Frage zu stellen." Es ist vollkommen richtig, daß die EU die Studie, an der Frau Wetzel maßgeblich mitgearbeitet hat und die nicht auf Lernfähigkeit, Objektivität und wissenschaftliche Genauigkeit schließen läßt, nicht veröffentlichen will. Daß die RP daraus eine Titelstory macht, ist kein Zeichen von Seriosität. (Meinen Schriftwechsel mit der TU-Berlin stelle ich Interessierten gern zur Verfügung.)

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