Palästina, Israel und der autoritäre Staat
Anis Hamadeh, 30.01.03
Niemand scheint über den Ausgang der Wahl in Israel glücklich zu sein. Die Israelis nicht, die Palästinenser nicht, die Welt nicht, die Presse nicht, die Peaceniks nicht. Es war eine Antiwahl, schrieb die internationale Presse. Die Israelis seien verzweifelt und sind nach "rechts" gerückt, obwohl dies nicht war, was sie wollten, schrieben sie. Ein Drittel der Israelis hat überhaupt nicht gewählt, weil sie keine mögliche Veränderung sehen. Nur ein externer Faktor könne Veränderung bringen, schreibt die Presse, aber wer? Der Krieger USA? Das Quartett? Die UNO? Das alte Europa? Die Außerirdischen?
Was immer das für eine Verwirrung sein mag, über die die Israelis da reden, das Ergebnis ist ein politischer Ruck in Richtung einer noch autoritäreren und gewalttätiger kontrollierenden Regierung, ein Ergebnis, das - neben anderen Faktoren - durch die öffentliche Weltmeinung zu Stande kommen konnte, die besagt, dass diese ungeliebte Regierung in der Hauptsache die Schuld jener Palästinenser sei, die kein Wahlrecht haben, weil sie nicht jüdisch genug sind. Aber nein, diese Regierung wurde ganz allein von den Israelis gewählt, und sie wussten genau, was sie wählen würden, wenn sie Likud wählen. Denn kurz vor den Wahlen griff Scharon Gaza militärisch an und tötete Menschen ohne einen anderen dringenden Grund als den, den israelischen Wählern zu zeigen, dass es schwere Gewalt geben wird, wenn sie Likud wählen. Und sie haben Likud gewählt.
Führer gewalttätiger palästinensischer Gruppen trafen sich und diskutierten den Stopp von Selbstmordattentaten, aber Scharon selbst hat diese Blume der Hoffnung zerstört: Nein, sagte er den Israelis wie auch den Palästinensern, wir müssen weiter leiden und töten. Es gab ähnliche Konstellationen, als der saudi-arabische Kronprinz im Namen der Araber offiziell gesagt hat, dass der Staat Israel akzeptiert wird. Noch eine Hoffnungsblume. Wo sind die israelischen Gegenblumen? Es gibt keine Palästinenser, mit denen wir verhandeln können, sagen die Israelis, doch es gibt viele. Die Palästinenser haben ihre Chance unter Barak verpasst, wiederholen sie wieder und wieder, jedoch basierte die Oslo-Lösung noch immer auf dem Vorrang der Juden und ihrer nicht in Frage gestellten Kontrolle über die Palästinenser, inklusive der Militär-Checkpoints und einem fragmentierten Land. Zudem gelten die Menschenrechte sogar für Leute, die all ihre Chancen verpasst haben.
Aus den Wahlen wurde klar, dass die Israelis, die bestimmt Wege haben, um Frieden zu machen, Krieg wählen. Der einzige plausible Grund dafür, den ich mir vorstellen kann, ist das Trauma des Zweiten Weltkriegs. Die Stereotypen über die Palästinenser, d e r e n Gewalt und d e r e n korrupte Führung, legen den Schluss nahe, dass die Palästinenser nicht der wirkliche Feind sind. Sie dienen den kontrollierenden Israelis als Projektionsfläche und als Spiegel. Die Amerikaner haben 1945 die Körper der Menschen befreit, aber nicht ihren Geist, das ist ein Weltproblem. "Die Konzentrationslager sind nicht von Demonstranten befreit worden", sagen die deutschen Juden, die offiziell vom Zentralrat der Juden repräsentiert werden, und sie zeigen oft gewalttätige Einstellungen wie diese, in der sie zwischen guter Gewalt und schlechter Gewalt unterscheiden.
Bei gewaltsamem Krieg geht es im Grunde nicht um territoriale Gebiete, um Öl, Waffenlobbys oder Geld. Gewaltsamer Krieg ist immer eine Sache des G e i s t e s. Die kontrollierende Instanz in diesem Krieg ist Israel und nicht die Palästinenser. Also müssen die Israelis gefragt werden, warum sie all diese Gewalt wollen. Selbst die internationale Presse und die Politiker können israelische Gewalt nicht mehr lange kaschieren, denn es ist zu offenkundig, dass dafür die Menschenrechte und die Genfer Konventionen nicht gemacht worden sind. Warum wählen die Israelis Gewalt? Wollen sie die deutsche Situation wiederherstellen, um zu verstehen, was unter den Nazis geschehen war? Ich sehe keinen anderen plausiblen Grund. Ich denke, dass vieles der Aggression ursprünglich gegen Deutschland gerichtet ist, nur dass sich traditionell Juden nicht mit Deutschen anlegen. Es hatte während des Nazi-Regimes kaum Widerstand unter den Juden gegeben. Es scheint viel leichter für die Israelis zu sein, mit den Palästinensern Streit zu machen.
Mit dieser Einstellung Erfolg zu haben, ist allerdings eine Fantasie. Niemand kann nachträglich den Zweiten Weltkrieg gewinnen, weil der Zweite Weltkrieg vorbei ist. All die fürchterlichen Dinge, die geschehen sind, können nicht rückgängig gemacht werden. Damit müssen wir alle uns auseinandersetzen. Wir müssen uns auch damit auseinandersetzen, dass Juden keine besseren Menschen sind als andere Völker, weil sie gelitten haben oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Das ist Quatsch. Es stimmt, dass sie gelitten haben, doch ist das weder eine Ruhmestat, noch führt es zu Sonderrechten, die gegen Dritte gerichtet sind.
Wer auch immer sagt, es gebe keine Hoffnung, spricht nur für sich selbst. Die Presse glaubt, dass es Regierungspolitiker sein müssen, die den Konflikt lösen, doch wird der Konflikt nicht durch irgendeine Kontroll-Instanz gelöst. Er wird gelöst, wenn die Friedensleute von allen Seiten miteinander arbeiten. Er wird gelöst, wenn die Journalisten realisieren, dass sie ein konstruktiver Teil der Gesellschaft sein können, indem sie die wirklichen Konfliktpunkte zeigen und unabhängig positive Ansätze sammeln, anstatt am Excitement des Krieges teilzunehmen. Frieden ist möglich, wenn die Israelis aufhören, "Ani lo mitaarev" ("Ich mische mich nicht ein") zu sagen.
Die Israelis haben mit dieser katastrophalen Wahl gezeigt, dass sie ohne Orientierung sind und dass sie Hilfe brauchen. Sogar Big Scharon ist nicht glücklich. Also lasst uns ihnen helfen! Lasst uns ihnen die Kritik geben, die sie brauchen, um vom Zweiten Weltkrieg wegzukommen. Sie wollen es ja. Sie wollen nicht so weiterleben, das wäre nicht glaubwürdig. Das Image Israels in der Welt ist nicht gerade schmeichelhaft für den autoritären jüdischen Staat. Und das Image Deutschlands in der Welt wird nachhaltig beschädigt, wenn Deutschland über die Gewalt eines autoritären Staates schweigt oder wenn es Geld an gewalttätige Gruppen vergibt. Natürlich gibt es Wege, ohne ethnische Säuberungen Frieden zu machen. Auch jetzt. Natürlich.
(English version)
DOPPELTER SCHMITZ
(21.01.03) Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG druckte heute einen Text von Thorsten Schmitz mit dem Titel "Der doppelte Scharon" auf Seite 4, der wie folgt beginnt: "Der Versuch der Palästinenser, mit Gewalt einen Staat zu erlangen, hat Israel einen Premierminister beschert, der ohne diese Gewalt nie an die Macht gelangt wäre. Das Nein der Palästinenser zu Ehud Baraks weit reichendem Friedensangebot ist das Fundament für Ariel Scharons Macht." In dem Artikel geht es dann hauptsächlich darum, wie Scharon derzeit erfolgreich sein Image aufpoliert, weg vom "Bulldozer" und Sabra- und Schatila-Täter, hin zum Großvater der Nation. Kritiklos bzw. sachlich vermerkt Thorsten Schmitz, wie es Scharon gelungen ist, einige palästinensische Gruppen unter die "Achse des Bösen" zu subsumieren und von den USA für die andauernden israelischen Menschenrechtsverletzungen nicht mehr gerügt zu werden. Um Logik gehe es im Nahost-Konflikt nicht, endet Thorsten Schmitz gelangweilt, sondern darum, dass die Israelis Angst um ihre Heimat haben und daher einem Premier vertrauen, der Stärke suggeriert.
Thorsten Schmitz suggeriert hier, dass nicht die Israelis für die Wahl von Scharon verantwortlich sind, sondern diejenigen Palästinenser, die zur Wahl nicht zugelassen wurden :-) Die widerrechtliche Besatzung und sogar die gezielten staatlichen Tötungen, die von Schmitz verharmlosend "Liquidierungen" genannt werden, werden zu neutralen Topoi; bewertet werden in diesem langen Kommentar einzig die gewalttätigen Gruppen der Palästinenser. Kein Wort davon, dass Millionen Scharon vor ein Kriegsverbrechertribunal bringen wollen, kein Wort über die Verfolgung israelischer Friedensaktivisten und keine Kritik an den Kriegsverbrechen außer durch die Verwendung des subjektlosen Passivs: "Die Palästinenser töten fast jeden Tag und werden fast jeden Tag getötet." Getötet von wem? Die zweite "israelkritische" Passage ist die, dass trotz Liquidierungen, Affären, Häuserzerstörungen und Olivenhain-Vernichtungen Scharon seine Popularität nicht verloren hat. Es geht also um Scharons Popularität und nicht um seine Verbrechen.
Von einer Bewertung der gewalttätigen Israelis wird im öffentlichen Diskurs meist deshalb abgesehen, weil im Zweiten Weltkrieg sechs Millionen Juden von den Deutschen (sic!) umgebracht wurden. Deshalb kann die Süddeutsche Zeitung Israel nicht, die Palästinenser hingegen schon kritisieren. Und doch, Monsieur Schmitz hat nichts gesagt, was Scharon in Schutz nehmen oder ihm gar den Wahlkampf versüßen würde. Wo denken Sie hin! Die Amerikaner haben es gesagt, Thorsten Schmitz hat es nur widergegeben. (Nicht Schmitz also hat erfolgreich Scharons Image aufpoliert.) Das ist gerade Mode in der deutschen Presse: die Doppelmenschen. Halten ihre eigene Meinung heraus und geben den Autoritären Raum, ohne zu widersprechen. Dabei projizieren sie sich selbst in die Schlimmsten der Autoritären hinein, das gibt ihnen einen Kick :-) Gruß in die SZ-Redaktion!
(English version)
ELIAS, DÜRR, ZIVILISATION
"Mit den 'Tatsachen des Lebens' holt Hans-Peter Dürr zum entscheidenden Schlag gegen die Zivilisationskritik von Norbert Elias aus", jubiliert Magnus Schlette in der Frankfurter Rundschau heute in einer Buchbesprechung im Feuilleton. "Keinesfalls zeichnet sich die Moderne durch eine Verschärfung der Affektkontrolle aus". Besonders auf dem Gebiet der Sexualität sei das so. Auf Grund des "Bedeutungsverlustes der Sexualität" gäbe es im Gegenteil eine "neue sexuelle Freizügigkeit", besonders im Vergleich zu dörflichen oder weniger zivilisierten Gruppen. Dürr habe das in seiner vieltausendseitigen Schrift bewiesen.
Zwar leugne Dürr nicht "die historische Formung des Menschen" und damit "Triebmodellierungen", sein Credo sei jedoch, dass der moderne Mensch aufgrund des allgemeinen Bedeutungs- und Identitätsverlustes viel ungehemmter sein darf als in traditionellen werteorientierten Gesellschaften. Der Primat der Theorie, so Dürr in der Analyse von Magnus Schlette, sei out, und ausgerechnet das Pathos des Wissens darum, "wie es wirklich gewesen ist", sei angesagt, wie es damals von dem keineswegs theoriefreien Historiker Leopold von Ranke formuliert wurde.
Insgesamt ist es erfreulich, wenn die Forschung auf diesem Gebiet weitergeht, wenn neue Quellen ausgewertet und neue Aspekte diskutiert werden. Elias aber vorzuwerfen, er hätte seine Quellen missbraucht und seine Beispiele willkürlich gesetzt, scheint mir übertrieben ablehnend. Die Gegenbeispiele zumindest in dem FR-Artikel lassen sich durchaus auch als willkürlich bezeichnen. Mal wird mit den Bewohnern der Gazelle-Halbinsel in Neubritannien argumentiert, mal mit Kapitän Cook und Neuguinea, dann ist von einem Kriegsschiff vor Honolulu 1849 die Rede. Was übrig bleibt, ist eine allgemeine Rund-um-Relativierung: Elias wird abgelehnt, seine Begrifflichkeiten aber werden übernommen. Die wesentlichen Thesen Dürrs, dass sich die Menschen in der modernen Gesellschaft "zumeist nicht als 'ganze' Personen, sondern nur als Rolleninhaber in unpersönlichen Reziprozitätsverhältnissen" begegnen, und dass der Unterschied zwischen persönlichen und unpersönlichen Bindungen stärkere Aufmerksamkeit verdiene, verweisen auf Phänomene, die Elias konstruktiv ergänzen und weiterdenken. Ansonsten handelt es sich hier offenbar eher um eine sportliche als um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung.
(19.01.03) (English version)
Dieses Statement erschien als Leserbrief in der Frankfurter Rundschau am 24.01.03
DER SPIEGEL
Neuigkeiten von Seiner Majestät dem SPIEGEL! In Ausgabe 51/2002 steht der unscheinbare Artikel "Absturz der Netz-Poeten" von Anne Petersen und Johannes Saltzwedel. Darin wird erklärt, warum die Netz-Euphorie nun endlich ein Ende haben muss: Alle Erfolg versprechenden Netz-Autorinnen und Autoren sind nämlich gnadenlos abgestürzt. Der Grund für die 'schwindsüchtige Szene' sei zum einen die fehlende Leseerfahrung der Deutschen (S.180), also im Prinzip PISA, zum anderen die Tatsache, dass man online 'ohne Lektor und Verlagshürden schreibt', also ein 'universelles Gestammel' produziert. Anders als etwa Redakteure eines Printmediums, was allerdings aus Gründen der Bescheidenheit unerwähnt bleibt. Die Internet-Künstler würden vor der 'Frage Hamlets' stehen, da sie brotlos seien und auf Grund von 'ästhetischen Pioniertaten' eine 'stolze Scheu vor dem Profit' und also nach materialistischen Maßstäben keinen Erfolg hätten. Wenn aber jemand bereits viel Geld habe, wie z.B. Stephen King, dann würde man ihm solche Netzkünste durchgehen lassen. Daher mag jetzt kaum noch jemand im Internet publizieren. Traurig, traurig.
Übrigens ist ja auf dem Titelblatt wieder mal ein Foto von Adolf Hitler. Diesmal zum Thema Stalingrad. Also ich finde, dass kein anderes Medium in Deutschland die Nazi-Romantik so gut reproduzieren kann wie DER SPIEGEL. Es liegt auch an der Farbeinstellung, diese Rot- und Braun-Töne strahlen etwas Heimeliges aus, da haben die vom SPIEGEL wahrscheinlich Recht. Und diese schicken Uniformen! Ein sinnierender, kerngesunder Hitler im Kreise seiner gut gelaunten Offiziere ist da zu sehen, bei Sonnenschein. Das Bild kann man ausschneiden und sich ins Poesie-Album kleben... DER SPIEGEL hat ja den Hitler ziemlich oft auf Seiner Titelseite. Aber Hitler war auch eine charismatische Person, die viele Leser, äh, Leute angezogen hat. Das letzte Mal auf der Titelseite war er, als der SPIEGEL vor Herrn Möllemann warnte. Thema: Das Spiel mit dem Feuer. Immerhin warnen die vom SPIEGEL auch zwischendurch mal, damit klar ist, dass sie selbst nichts damit zu tun haben. Gruß in die SPIEGEL-Redaktion.
(17.12.02) (English version)
Zu diesem Thema in der Frankfurter Rundschau am 13.01.03 in Marc Schürmanns Artikel "Akten, Akten, Akten", S. 14:
"(...) Der Spiegel müsste nicht ständig Fotos von Hitler auf der Titelseite bringen, das wird ja ohnehin allmählich langweilig."