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ESSAY (27)
Macht versus Wahrheit: Der Fall Palästina neu aufgerollt
Anis Hamadeh, 14.04.2012


Aussendung an die Deutsch-Israelische Gesellschaft (70 Adressen) vom 16.04.12 und längerer Kommentar aus Österreich mit Anis' Kommentaren in Klammern und farblich markiert)

Sehr geehrte Damen und Herren,

anbei unten sende ich Ihnen meinen aktuellen Essay "Macht vs. Wahrheit: Der Fall Palästina neu aufgerollt" (www.anis-online.de/1/essays/27.htm). Sie werden gleich beim ersten Satz feststellen, dass er Ihnen überhaupt nicht gefällt. Warum also schicke ich ihn Ihnen? Das hat drei Gründe: Zum einen langweilt es mich, Artikel an die Leute zu senden, die mir sowieso zustimmen (die haben ihn auch schon vorgestern bekommen). Da ist viel mehr Dynamik, wenn ich es an Sie sende, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und ein paar weitere Adressen. Zum zweiten fasst der Essay alle wesentlichen Punkte der Situation zusammen, er ist stimmig. Drittens hat in Israel ein Prozess der Selbstzerstörung eingesetzt, den manche Leute eher erkennen als andere. Auch ich habe jüdische Freunde und Kolleginnen in Israel, da haben wir etwas gemeinsam.

Mit der DIG hatte ich öfter mal zu tun, etwa 2004 bei der Deutschlandtournee Salam-Schalom, die ich mit Givat Haviva und dem Duo Rubin durchführte, unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Rau. Eventuell hat die eine oder der andere von Ihnen mich da sogar auf der Bühne gesehen. (www.anis-online.de/1/orient-online/koenige/intro.htm)

Vielleicht gelingt es Ihnen, den Anfang des Essays zu Ende zu lesen. Die Mutigen unter Ihnen können den Rest online weiterlesen, es sind insgesamt etwa fünf Seiten. Wie gesagt, Sie werden ihn schrecklich finden, noch schlechter als meinen Offenen Brief an Sigmar Gabriel (www.anis-online.de/1/ton/71.htm), der zart Besaiteten eher zusagen wird. Fragen Sie Herrn Schweigmann-Greve von der DIG Hannover, der kann Ihnen das bestätigen. Einiges aus dem vorliegenden Essay ist sogar von einem kurzen Email-Austausch mit ihm inspiriert.

Es handelt sich bei dieser Aussendung um einen selbstlosen Akt, da ich keinerlei Nutzen von dieser Mail habe und nicht einmal ein Feedback erwarte, schon gar kein positives. Beim Email-Adressen-Sammeln habe ich mit einem Auge Ihre aktuellen öffentlichen Äußerungen wahrgenommen und weiß also, wie Sie momentan so drauf sind. Ich habe auch kein Gefühl der Genugtuung oder dergleichen, denn dafür ist die Situation viel zu ernst.

Mit freundlichen Grüßen
Anis Hamadeh



PS: Dieser Brief sollte eigentlich nicht veröffentlicht werden, aber man versteht sonst die Bezüge in der Replik unten nicht. Gut, man versteht sie jetzt immer noch nicht, aber das ist eine andere Sache.

Sehr geehrter Herr Hamadeh!

Ich muss Ihre Erwartungen bitter enttäuschen - es gibt ein Feedback zu Ihrem Essay "Macht vs. Wahrheit" auch von angeschriebener Seite (die Deutsch- bzw. Österreichisch-Israelischen Gesellschaften etc….), vielleicht nicht ein offizielles, dazu haben wir zumindest in Österreich wirklich Wichtigeres zu tun - aber wenigstens von mir persönlich, einem Vorstandsmitglied der ÖIG und einer Historikerin.
Doppelte Enttäuschung, mein Feedback ist ein positives. (??? AH) Völlig unerschrocken vom Anfang des Essays bedurfte es weniger Mut als geopferte Zeit und erfolgreiche Unterdrückung des Gähnreflexes, ihn genau und bis zum Ende zu lesen. Ich muss sagen: Many thanks, you've made my day!

Jetzt weiß ich genau, wie Sie jetzt so drauf sind. Dazu ist mit Karl Kraus zu sagen: "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst." Trotzdem danke, auch wenn es Sie stören mag, wenn der Beifall nicht nur aus Ihrer Ecke "der Wahrheit" kommt. Dessen sind Sie zu Recht schon überdrüssig, denn es ist der bereits herrschende, europäische Mainstream, den Sie unnötiger Weise mit zusätzlichen "Wahrheiten" anfüttern wollen. "Wahrheit" ist immer ein starkes Wort, das immer öfter missbräuchlich eingesetzt wird, meist in politischen Pamphleten, im Kreis von rechts außen bis links außen (So so, wer über Wahrheiten spricht, ist meist ein Extremist und missbraucht das Wort, das fängt ja gut an, AH). Oft aber auch von Autoren, die eben noch vor ihrem Bestseller oder einem Literatur-Nobelpreis stehen. Süffisante meinen, nicht ganz zu Unrecht, Wahrheit liege wie Kunst "im Auge des Betrachters". Immer aber hat Wahrheit mit Wahrnehmungsfähigkeit zu tun, und da ist die Lage so hoffnungslos wie ernst. Da mache ich mir nun wirklich Sorgen um Sie, rein persönlich. (Es muss auch persönlich werden, denn inhaltlich kommt da nicht viel, AH)

Trotzdem danke, denn Ihr Essay ist wirklich, wenn auch vermutlich unabsichtlich, eine große Bereicherung. Endlich liegt, nach vielen anderen ähnlichen, ein nachvollziehbarer Text online abrufbar vor, der deutlich aufzeigt, wie ein Mensch mit guten Absichten (Israel vor der Selbstzerstörung zu retten) und in einem selbstlosen Akt sich in aller Wahrnehmungsunfähigkeit historischer Fakten vor den antizionistischen Karren spannen lässt. (Israel zu retten liegt mir fern. Vor einen Karren spannen lasse ich mich auch nicht. Woher nimmt die das? AH) Und zwar in einer Weise, dass er wirklich alle alten, dazu gängigen Klischees (Siehe meinen Essay, da schreibe ich, dass Kritik als Klischee gewertet wird, AH) nicht nur in einem Text vereinigt, sondern auch als "neu" verkaufen will - sogar in aller Selbstlosigkeit nicht ansteht, sich damit zu blamieren. Natürlich nicht bei Ihren unreflektiertenden Claqueuren. (Diffamierungen, anderes hat sie letztlich nicht zu bieten. Das Übliche also. AH)

Es ist unerheblich, ob jemand oder mir Ihr erster Absatz mit der "objektivierten" Darstellung von den X- und Y-Gesellschaften "gefällt" - es ist, ob stimmig oder nicht, eine Momentaufnahme, der derzeitige Status, wie Sie ihn in aller Leidenschaft der einseitigen Darstellung dargestellt haben möchten. Das ist Ihnen nachzusehen, weil innerhalb einer freien Meinungsäußerung formuliert, die sich aber niemals herausnehmen darf, Anspruch auf die alleinige "Wahrheit" zu erheben. Weniger nachzusehen ist, dass Sie das zunächst ohne Bindung an die historische Entwicklung postulieren, obwohl Sie es im folgenden Abschnitt versuchen.

Ich bin Ihnen daher dankbar, dass Sie den Konflikt dann wenigstens bei 1948 anfangen lassen, wo sich das im ersten Abschnitt postulierte Pamphlet auch offenbart. Historische Fakten:

Die Y-Gesellschaft existierte 1948 noch nicht als "Palästinenser", die hat sich erst Anfang der 60-Jahre erfunden und etabliert. (Das ist Unsinn. Selbst die Zionisten nannten das Land "Palästina" und den Begriff Palästinenser gab es bereits vor der Staatsgründung. AH) Es war bis dahin, im UN-Teilungsplan von 1947 auch klar ausgewiesen, eine arabische Gesellschaft, die "arabische Seite", die vorher dort noch keinen eigenen Staat hatte. Weder im Osmanischen Reich, noch im Britischen Mandat. Ohne Staat natürlich keine eigene Armee. (Die Zionisten hatten vor der Staatsgründung eine Armee, sogar mehrere, AH) Die Interessen der arabischen Seite (= arabische Zivilbevölkerung auf vorher britischem Mandatsgebiet) wurden 1948 von der Arabischen Liga und deren beträchtlich ausgerüsteten Armeen (ein Mythos, AH) wahrgenommen - in hohem Maße.
Es ist weltweit anerkanntes Faktum, dass Israel 1948 (noch) keine "militärische Übermacht" war, sondern, im Gegenteil, mit schlechter Ausrüstung den Angriff der militärisch weit überlegenen Armeen der Arabischen Liga überraschend abwehren konnte. (Ein Mythos. AH) Die Ausrüstung der israelischen Truppen stammte damals aus Europa, vorwiegend überaltetes Gerät. Bis zur Suezkrise rüstete vor allem Frankreich Israel aus. Erst ab 1956 unterstützen auch die USA, die bis dahin wenig Interesse daran hatten.
Ebenso ist es nachweisliches Faktum, dass es auch in israelischer Sichtweise nicht um einen "Bürgerkrieg" handelte - ein solcher kann nur innerhalb eines Staates stattfinden - sondern um einen Angriffskrieg der Arabischen Liga (Israel wurde unilateral auf einem Gebiet gegründet, das weit größer war als der umstrittene Teilungsplan der UNO vorsah. Logisch, dass die arabischen Staaten das nicht hingenommen haben. Vor allem die ethnischen Säuberungen nicht, die zeitgleich stattfanden. AH) gegen den neuen Staat Israel, weil der Teilungsplan der UNO nicht von ihr akzeptiert wurde, kein anderer als ein arabischer Staat auf dem ehemaligen Mandatsgebiet geduldet werden sollte, schon gar kein jüdischer.
Hätte die Arabische Liga den UN-Teilungsplan von 1947 ebenso akzeptiert wie die jüdische Seite, hätte die arabische bzw. palästinensische Bevölkerung schon seit damals ihren eigenen Staat, ganz ohne Kriegshandlungen und in einem territorialen Ausmaß, von dem heute keine Rede sein kann, weil weit über die Waffenstillstandslinien von 1948 in heute israelisches Gebiet reichend. Es ist dabei allerdings nicht sicher, ob Jordanien und Ägypten den Palästinensern den eigenen Staat zugebilligt hätten oder für sich okkupiert hätten, wie eben 1948. (In der Tat waren Ägypten und Jordanien die einzigen Armeen, die gegen Israel etwas hätten ausrichten können, aber sie verfolgten eigene Interessen, das ist ganz richtig. AH)
Es ist Ihnen bei Ihrer Fakten ignorierenden Darstellung nämlich entgangen, dass das Westjordanland von 1948 bis 1967 nicht von Israel, sondern von Jordanien okkupiert und besetzt (Es gab eine Übereinkunft zwischen Israel und Jordanien dahingehend, AH), der Gazastreifen von Ägypten besetzt und verwaltet wurde. Dies ohne Anstalten, über Eigenstaatlichkeit der Palästinenser trotz viel Zeit und Möglichkeit auch nur nachzudenken. Im Gegenteil, wenn ich so an den "Schwarzen September" und das Faktum denke, dass weder Jordanien noch Ägypten diese Territorien bei den Friedensverhandlungen zurück haben wollten. Man wird Gründe gehabt haben, gewiss nicht im Interesse der palästinensischen Zivilbevölkerung, sondern um ein ewiges Faustpfand gegen Israel zu haben. (Es wird hier die ganze Zeit von Israels Verbrechen abgelenkt, AH)
Es ist heute - vor allem durch arabische Quellen - hinlänglich erwiesen, dass 1948 nicht Israel die (nicht ausreichend belegte) Zahl von 750.000 arabischen Flüchtlingen vertrieben hat, sondern die allergrößte Mehrheit davon von arabischen Führern schon teils vor dem Angriff der Arabischen Liga auf Israel aufgefordert wurde, das Territorium des Aufmarschgebietes zu verlassen um vor den Kriegshandlungen geschützt zu sein. (Klar, die Leute haben alle freiwillig ihr Land und ihren Besitz aufgegeben. Die Massaker, die historisch belegt sind, spielen anscheinend gar keine Rolle, AH) Siegessicher glaubte man auf arabischer Seite die baldige Rückkehr versprechen zu können.

Im Gegenzug wurden mehr als 850.000 Juden und Jüdinnen sofort aus arabischen Staaten tatsächlich vertrieben, nach Israel ausgewiesen und von Israel sukzessive integriert. (Israel hat im Namen aller Juden ethnische Säuberungen in Palästina vorgenommen und Vertreibungen im großen Stil betrieben. Daraufhin haben einige arabische Staaten Juden ausgewiesen, AH) Der Flüchtlingsstatus der Palästinenser ist ein historisches Phänomen, das man nicht gerade als Parteinahme für und Bevorzugung Israels interpretieren kann. Weltweit einzigartig kann er auf sämtliche Nachfolgegenerationen (mittlerweile die 3. oder 4.) vererbt werden, als Faustpfand gegen Israel. Aus diesem Grund wird ihnen die Integration in arabischen Staaten verweigert (Israel ist also unschuldig, AH). Durch die einzigartige Erblichkeit des Flüchtlingsstatus von Palästinensern sind diese auf eine erstaunliche Menge des mittlerweile Fünffachen angewachsen. Man braucht nur ein Mindestmaß an Realitätssinn und einen Blick auf die Landkarte, dass ein tatsächlich vollzogenes Rückkehrrecht für alle nicht nur Israel selbst als jüdischen Staat auslöschte, sondern auch einen benachbarten Palästinenserstaat wirtschaftlich unmöglich zu bewirtschaften machte. (Das Rückkehrrecht ist nicht an Bedingungen gekoppelt, es ist ein Recht. Abgesehen davon will nur ein Teil tatsächlich ins Land zurückkehren, AH) Übrigens, zur Frage von vertriebenen, zivilen Flüchtlingen und deren Rückkehrrecht in historische Stammesgebiete fragen Sie bitte einmal Südtiroler, Elsässer, Eupendeutsche, Ostpreußen, Schlesier, Sudetendeutsche, Polen… (Nur Israel hat ein Rückkehrrecht nach tausenden von Jahren. Wieder wird auf andere gezeigt, um abzulenken, AH)
Die allererste UN-Resolution zu Nahost (1947) wurde nur von Israel eingehalten (Ja, weil Israel etwas bekommen sollte, nämlich Land, über das die UNO eigentlich gar nicht verhandeln konnte. Der Teilungsplan war von Anfang an höchst umstritten. Alle anderen Uno-Resolutionen hat Israel ignoriert http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_United_Nations_resolutions_concerning_Israel, AH) , von allen anderen arabischen Staaten sofort abgelehnt und seither - bis auf Jordanien und Ägypten - negiert und bekämpft. Bitte sprechen Sie also nicht von Brüchen des Völkerrechts. (Doch, ich spreche von Brüchen des Völkerrechts, AH)
Eine Zwei-Staaten-Lösung mit einer gegenseitig akzeptierten Grenze und sinnvoller wirtschaftlicher Zusammenarbeit wäre jederzeit möglich. Sie scheitert nicht, wie vorgegeben, an jüdischen Siedlungen und Machtausübung auf gar nicht exakt definierbaren Palästinensergebieten, auch nicht am "zionistischen Nationalismus". Sie scheitert am sehr unterschiedlichen Zugang. Sie scheitert an "frei und arabisch vom Fluss bis zum Meer". (Spiegelkritik, siehe Essay, AH) Während 20% der israelischen Bevölkerung arabisch sind und alle demokratischen Rechte haben (bis auf die Militärpflicht), sind die Vorstellungen der Palästinenser von ihrem eigenen Staat eindeutig. Nämlich, auch nach neuesten Klarstellungen ihres Vorsitzenden Abbas, "judenfrei". (Völliger Unsinn und eine Frechheit, diesen Nazibegriff zu wählen, AH) Alle Juden müssten aus palästinensischem Territorium absiedeln. (Es handelt sich um illegale Siedlungen, AH) Könnte dagegen ein Palästinenserstaat eine jüdische Minderheit ebenso akzeptieren wie Israel eine arabische, mit allen demokratischen Rechten ausstatten (bis auf die Militärpflicht), wäre das eine Vision von Frieden für morgen. (Grober Unfug, Palästinenser leben ohne Unterbrechung seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in dem Land, die illegalen jüdischen Siedlungen, die gegen die Genfer Konventionen verstoßen, sind sehr neu, AH) Dagegen ist die wahre Absicht, den Palästinenserstaat eben "judenfrei" (Wieder das Nazi-Vokabular, AH) zu halten und eine Ein-Staaten-Lösung über Umwege zu erreichen - durch das "Rückkehrrecht" Israel wenigstens demografisch auszulöschen, den Krieg letztlich über die Gebärmütter zu gewinnen. (Eine ekelhafte Art, die legitimen Rechte der Palästinenser zu negieren, man hört den Hass aus diesen Zeilen heraus, AH)

Weitere Ausführungen erspare ich mir, denn auch Dankbarkeit ermattet. Ich bin Ihnen nämlich sehr dankbar, dass Sie alle diese Fakten übersehen oder absichtlich weggelassen oder verdreht haben. (Spiegelkritik, denn wer lässt hier Fakten aus? AH) Das macht Ihren bewundernswerten und mutigen Essay zu dem, was er ist. Kein Zweifel bleibt offen. Bitte weiter so.

(Man vergleiche jetzt, worüber diese Person alles nicht geschrieben hat von dem, was in dem Essay vorkommt. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten. Es handelt sich - auch in dieser Replik aus Österreich - eben nicht um einen Diskurs, wie gesagt. Es werden ein paar Punkte herausgegriffen und mit den üblichen zionistischen Propaganda-Klischess überzogen, dann wird ein bisschen Nazi-Vokabular verwendet und Spiegelkritik, und das wars auch schon. Kein einziges Argument meines Essays wurde tatsächlich berührt oder gar widerlegt von dieser "Historikerin". AH) Freundliche Grüße,
C.G. (Österreich, 16.4.12)

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