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ESSAY (19)
Deutschland-Essay (2)
Anis Hamadeh, 14.09.2006

Wir sind nicht die Nation geworden, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit glühendem Herzen für die Menschenrechte eingesetzt hat. Mit einer Inbrunst, die mit den Fanalen der Französischen Revolution zu vergleichen gewesen wäre. Eine erwachte Gesellschaft, die ihre Nachbarn aus den Erfahrungen mit den Abgründen der menschlichen Seele mit konstruktiven, weltverbessernden Ideen inspiriert. Nein, das sind wir nicht geworden.

Wie hätten wir auch, war doch das Schweigen angesichts der Opfer des Genozids angebracht. Andererseits hat es solche Eiferer damals bestimmt gegeben, allein sie vermochten sich nicht durchzusetzen. Das Script ist durchaus realistisch: Land begeht schrecklichsten Völkermord und besinnt sich im Angesicht der eigenen Tat auf die ureigensten menschlichen Werte. Zunächst argwöhnisch beäugt von den Nachbarn vermag das Land es aufgrund seiner auf dem Weg zur Läuterung entstehenden Energien, internationale Impulse zu setzen. Eine gesellschaftliche Schicht setzt sich durch, die zuvor unterdrückt gewesen war. Die Welt wundert sich, weiß nicht recht, wie damit umzugehen sei, doch das besagte Land ist unaufdringlich und konzentriert bei der Arbeit. Kein Töten mehr! In der eigenen Gesellschaft fing es an, die Ideologie der Angst wurde abgestreift. Die Täter zur Rechenschaft gezogen, ohne Ansehen der Person. Es gab Freiheit! Dichter und Denker bestiegen wieder den Thron, Menschen, die in einer Reihe stehen mit Goethe, Schiller, Bach und Beethoven, Kant, Wagner, Nietzsche, Freud und Einstein. Wir hätten das vielleicht werden können...

Die Gesellschaft war nicht bereit für dieses Script (und ist es bis heute nicht, siehe etwa Merkels Alibi-Menschenrechtskritik am fernen China). Erst wurde man schuldig gesprochen, nun sollte man auch noch frischen Wind und damit neue Probleme zulassen. Das war schon alles etwas viel! Es gab 1945 wahrlich keinen Mangel an Problemen. Man hätte sich gleich wieder mit den Alliierten anlegen müssen, weil die, noch nicht ganz aus der kolonialen Epoche entlassen, selbst eine eher vage Vorstellung von der praktischen Bedeutung der Menschenrechte besaßen. Auf dem Papier, das kurz vor Weihnachten 1948 in die Läden kam, sahen sie gut aus, diese Rechte aller Menschen. Aber am Schicksal der Palästinenserinnen kann man sehen, welchen Wert sie damals hatten. Hunderttausende von Palästinensern nämlich wurden vertrieben und ihrer Würde beraubt, mitten im Zentrum des Weltgeschehens, in einem Land, das sich gerade in dieser Zeit auf den Namen Israel taufte, "Taufe" hier metaphorisch verwendet.

Der Mythos des kriegerischen Arabers, des gewalttätigen Orientalen, erlebte ein Revival, für das es in der Filmgeschichte kaum ein Beispiel gibt. Die bösen Araber haben das arme Israel gleich nach der Gründung angegriffen... So steht es noch in unseren Geschichtsbüchern. Inzwischen haben dies unter anderen die Neuen Historiker unter den Israelis stark relativiert und als Mythos entlarvt, ebenso wie den "israelischen Verteidigungskrieg" 1967. Doch sie konnten sich gesellschaftlich nicht durchsetzen. Am Verhalten der Öffentlichkeiten während des jüngsten Libanonkrieges kann man ahnen, wie es damals zugegangen sein musste. Zunächst meldeten die Agenturen, die israelischen Soldaten seien in Aita el Schaab, auf libanesischem Gebiet also, ergriffen worden (am 12.07.2006, dpa um 9:51 Uhr, afp 10:03 Uhr), um 14:59 Uhr heißt es bei afp dann: "Laut libanesischer Polizei wurden die Soldaten im Gebiet von Aita el Schaab an der Grenze zu Israel entführt, nach israelischen Angaben nahe Sarit in Israel." Es folgten Israels Flächenangriff und mehr als 1000 Tote.

Die meisten von uns wissen oder ahnen, dass dieser Krieg nicht rechtens war bzw. ist, aber wir haben durchaus gelernt, nicht zu merken und also nicht zu widersprechen. Wozu sind wir in die Schule gegangen? Die Lateiner drücken das sarkastisch so aus: Non scholae, sed vitae discimus. Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir. Auch unseren Eltern zu widersprechen haben wir nicht gelernt... Es war Alice Miller, die im letzten Jahrhundert der Welt die Zusammenhänge autoritären Verhaltens mit ihren Büchern erklärt hat. Über Palästina allerdings hat sie geschwiegen. Ich habe sie selbst gefragt, mehrfach, und sie hat auch geantwortet, aber das von ihr aufgezeigte Prinzip, nach dem Opfer leicht zu Tätern werden können, wenn das Trauma nicht überwunden und nicht hinterfragt wird, das Prinzip, nach dem es Kettenreaktionen der Gewalt gibt, hat sie für Israel hinsichtlich den Arabern nie auch nur in Betracht gezogen. Es ist eine Lücke in ihrem bedeutenden Werk.

Auch in den arabischen und muslimischen Ländern gibt es Gewalt, das sei hier keineswegs bestritten. Auf der familiären Ebene ist es sogar viel mehr Gewalt. Das Motiv des vorliegenden Essays ist allerdings die deutsche Geschichte und vornehmlich, nach wie vor, der Genozid an den Juden und die Folgen daraus. Diese Debatte ist bis zum heutigen Tag nicht erfolgreich gewesen, weil noch immer die Palästinenser fehlen. Wo sind sie bei Alice Miller? Wo in der Historikerdebatte? Wo in unseren Schulbüchern? Wo in unserem öffentlichen Leben? Vielleicht hat es um 1968 Ansätze gegeben, viel bewirkt scheinen sie dann nicht zu haben. Die Palästinenser fehlen, weil die Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal im Westen unvermeidlich Selbstzweifel auslösen würde. Denn es war und ist kein gerechtes Schicksal und kein schönes. Was konnten sie dafür?

Die Tendenz in der Weltpolitik ist seit dem Elften September stetig nach unten gegangen. Es gab mehrere Kriege, jeder davon brodelt noch. Der nächste Krieg zeichnet sich in den Medien bereits ab. Eine starke Opposition gegen diese Politik gibt es bei uns nicht. Was bedeutet das? Es bedeutet viele Tote. Bevor nicht etwas dem Holocaust Vergleichbares geschieht, wird sich im Falle politischer Kontinuität keine Veränderung "von oben" ergeben. Wir werden dann wieder mit dem Unaussprechlichen konfrontiert sein. Mit dem, das nie wieder geschehen darf, das nie hätte passieren dürfen. Das nie ein weiteres Mal hätte passieren dürfen. Wir haben die Zeichen wohl gesehen, aber wir haben sie nicht gedeutet.

Kann man noch etwas machen? Selbstverständlich. Es muss nicht so weit kommen. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings groß. Zum einen herrscht ein Bewusstsein in Deutschland vor, nach dem Zionisten die Opfer des Genozids sind (was falsch ist), zum anderen werden die, die sich in dieser Hinsicht nicht loyal verhalten, angegriffen, ohne von der Gesellschaft geschützt zu werden. Nie werde ich vergessen, wie Herr Clement über Jamal gesprochen hat. "Politische Hygiene", hat er gesagt. "So etwas wollen wir in diesem Land nicht", hat er gesagt. Ich habe Jamal Karsli daraufhin besucht und ihn kennen gelernt. Danach bin ich meinem Land Deutschland gegenüber misstrauischer geworden, vor allem den Medien und vielen hohen Politikern gegenüber.

Fassen wir zusammen: Wir sind eine Gesellschaft von Feiglingen geworden und deshalb wird die Geschichte wahrscheinlich noch einmal diesen Fehler machen, irgendwo, ist eben so, Pech. Wie bitte? fragen entrüstet die Terrorismusfachleute, leugnest du vielleicht den islamistischen antisemitischen Terrorismus? Hast du nicht gesehen: 9/11, Israel, Madrid, London, Kiel... Sind das nicht Muslime? Dabei wird vergessen, wie damals mit dem gleichen Finger auf jüdische Kapitalisten gezeigt wurde. Oh, gab es sie vielleicht nicht? Auch am Koran lässt sich das deklinieren: Steht nicht dies drin und das? Ist er nicht voller Gewalt? So fragen die Leute im Fernsehen. Dabei ist es die gleiche abrahamitische Religion wie die der Christen und der Juden und in der Bibel stehen ganz ähnliche Sachen, auch Gewalt. Alice Miller hat das zum Beispiel untersucht. Nein, sagen die Fachleute dann, und außerdem nehmen Christen und Juden diesen Fanatismus und das Wörtlichnehmen nicht an! ... Auch das ein Irrtum. Sowohl die amerikanische als auch die israelische Gesellschaft kennen das gut. Israel wurde uns von Gott versprochen... Es ist eine Spiegelfechterei, sie schindet Zeit. Bis die Dinge sich von allein ergeben.

Siehe auch: Deutschland-Essay (1)
Siehe auch: Deutschland-Essay (3)

Deutschland Essay (2)
Anis Hamadeh, September 14, 2006

We have not become the nation that, after World War II, has campaigned for the Human Rights with a fervid heart. With a passion comparable to the fire signals of the French Revolution. An awakened society, able, through the experiences with the abyss of the human soul, to inspire its neighbors with constructive, world-improving ideas. No, this is not what has become of us.

And how should we have, was not silence adequate, in view of the victims of the genocide? On the other hand: there probably had been such bigots then, only that they did not manage to win the necessary recognition. The script is quite realistic: country commits most terrible genocide and confronted with the own deed rediscovers the most human values. Eyed, at first, with suspicion by the neighbors, the country develops energies in its catharsis and achieves to bring about international impulses. Now a social substratum prevails that had been suppressed before. The world wonders, does not really know what to make of it, but the mentioned country is undemonstrative and concentrated on its work. No more killing! It started in the own society, the ideology of fear was stripped off. The perpetrators were made responsible, regardless of their positions. There was freedom! Poets and thinkers entered the throne again, people who stand in a row with Goethe, Schiller, Bach and Beethoven, Kant, Wagner, Nietzsche, Freud and Einstein. Maybe this could have become of us...

Society had not been prepared for this script (and has not until today, see e.g. Merkel's alibi human rights critique towards far away China). At first, we were sentenced guilty, and now we are supposed to let fresh air enter and with it new problems? Quite a lot to take, all in all. In 1945, there really was no lack of problems. Soon we would have had to take the allies on, because they had not yet completely been dismissed from the colonial era and thus possessed a rather vague conception of the practical meaning of the Human Rights themselves. They looked pretty on the paper, that entered the stores shortly before Christmas 1948, these rights of all humans. But you can tell the real value of them from the fate of the Palestinians. For hundreds of thousands of Palestinians had been expelled and deprived of their dignity, in the middle of the center of world politics, in a land that just in that time was baptizing itself Israel, "baptizing" used here in a metaphorical way.

The myth of the warrior Arab, of the violent Oriental, revived in a unique way, hardly known in movie history. The evil Arabs attacked poor Israel right after its foundation... This is how it is still suggested in our textbooks. Meanwhile, the New Historians among the Israelis and others have generally revised this view and unmasked that it is a myth, like the "Israeli defensive war" in 1967. But they were unable to establish themselves in the society. We can get an idea of how things must have happened back then when we turn to the behavior of the publics during the recent war on Lebanon. In the beginning, the agencies reported that the Israeli soldiers were captured in Aita el Shaab, thus on Lebanese soil (July 12, 2006, dpa at 9:51 a.m., afp at 10:03 a.m.), at 2:59 p.m. the afp message was: "According to the Lebanese police the soldiers were abducted in the area of Aita el Shaab at the border to Israel, according to Israeli accounts close to Sarit in Israel." Then followed Israel's expanded attack and more than 1000 dead.

Most of us know or guess that this war was not right, or has not been, respectively, but we have by all means learned to not notice things and thus to not answer back. What for have we gone to school? The Latins used to express this sarcastically: Non scholae, sed vitae discimus. Not for the school we learn, but for life. Neither did we learn to oppose our parents... It was Alice Miller, who, in the last century, explained to the world the contexts of authoritarian behavior, in her books. She did, however, not speak about the Palestinians. I asked her personally and more than once, and she did reply, but the principle she showed, according to which victims are easy to turn to perpetrators, when the trauma is not mastered and not questioned, the principle, according to which there are chain reactions of violence, is not even considered by her in the context of Israel towards the Arabs. It is a gap in her great work.

There certainly is violence in Arab and Muslim countries, too, this is by no means denied here. On the family level there even is much more violence. But the motif of the essay at hand is German history and primarily, still, the genocide of the Jews and the consequences. Until today, this debate has not been successful, because the Palestinians are still missing. Where are they in Alice Miller? Where in the Historikerdebatte? Where in our textbooks? Where in our public life? Maybe there had been beginnings to include them around 1968, but these beginnings do not seem to have effected much. The Palestinians are missing, because the confrontation with their fate would inevitably raise self-doubts in the West. For it was and has not been a just fate and not a nice one. What was their fault in it?

The tendency in world politics since September 11 has continuously gone downwards. There had been several wars, each of them still seething. The next war is already upcoming in the media. There is no strong opposition against this policy in our society. What does that mean? It means many dead people. Until something comparable to the Holocaust happens, there will be no change top-down, in the case of political continuity. We will then again be confronted with the inexpressible. With the thing that must never happen again, that never was to happen. That never was to happen again. We did see the signs, but we did not interpret them.

Is there anything left to do? Of course. It will not necessarily become so bad. Yet the chances are big. For one thing, the prevailing awareness in Germany is that Zionists are the victims of the genocide (which is wrong). Moreover, those, who are not loyal in this respect, will be attacked without the society protecting them. I will never forget what Herr Clement said about Jamal. "Political hygiene", he said. "We do not want something like that in this country", he said. I then went to visit Jamal Karsli and to spend some time with him. Afterwards my country Germany became more suspicious to me, especially the media and the politicians.

So let us summarize: we have become a society of cowards and therefore history will probably make this mistake again, somewhere, that's the way it is, too bad. What? ask the terrorism experts indignantly, do you mean to deny Islamist anti-Semitic terrorism? Did you not see: 9/11, Israel, Madrid, London, Kiel... Aren't they Muslims? People tend to forget how in former times the very same finger was pointed at Jewish capitalists. Oh, didn't they exist? It is the same principle with the Quran: does it not say this and that? Isn't it full of violence? This is how people on TV ask. And yet, it is the same Abrahamitic religion as the one of the Christians and the Jews and the Bible has very similar items, violence, too. Alice Miller, for example, analyzed that. No, say the experts, and besides: Christians and Jews to not adopt this fanatism and they do not take the script so literally!... Another false belief. Both the American and the Israeli societies know the phenomenon well. Israel was promised to us by God... It is a bluff, a mock attack, a mirror attack. It is playing for time. Until things happen by themselves.

Also see: Deutschland Essay (1)

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