4.2 Resümee
Das Schlimme am Antisemitismus ist, dass die Nazis und die deutsche Gesellschaft ihn zu einer staatlichen und gesellschaftlichen Ideologie machten, die mit dem Tod und dem Leid von Millionen von Menschen verbunden ist. Das Schlimme ist auch, dass er Menschen generalisiert und zu Sündenböcken gemacht hat. Dies führt bei einigen Diskursteilnehmern zu verständlichen Sorgen. Nicht verständlich hingegen ist, wenn der Diskurs deshalb zu Gunsten einer Gruppe kontrolliert wird, die als stereotype Opfergruppe konzeptionalisiert wird. Vorübergehende Ausgleiche - wie bei Quotenregelungen - mögen akzeptabel sein, zum Beispiel, wenn die Chancengleichheit einer Gruppe für eine längere Zeit zu Unrecht nicht gegeben war und diese Gruppe sich gesellschaftlich konsolidieren muss.
Die Duldung der israelischen Besatzung Palästinas im Semitismus/Nahostdiskurs kann damit aber nicht gemeint sein. Zählt man nämlich von den vorliegenden Zitaten dieser Studie die, in denen der Antisemitismusvorwurf ohne Zusammenhang mit Palästina hervorgebracht wird, so wird man nur wenige finden. Die Besatzung gehört aber nicht zu Israels Existenzrecht.
Vieles in dieser Studie weist darauf hin, dass eine mangelnde Bewältigung der deutsch-jüdischen Geschichte zu einer Verkrustung des Diskurses geführt hat, indem abstrakte und zum Teil historische Begriffe und Szenarien immer wieder neu bestätigt worden sind. Da Palästinenser, Araber und Muslime in den Quellen oftmals ähnlich wie Nazis konzeptionalisiert werden, liegt die Folgerung nahe, dass sich hier Stellvertreterkämpfe abspielen. Der Konflikt dauert schon sehr lange und muss ja irgendwann zu einem Ende kommen. Die Schwere des Antisemitismusvorwurfs beeinflusst hier zusammen mit der allgegenwärtigen Israel-Solidarität die öffentliche Meinung sehr stark.
Wenn Muslime, Araber und Palästinenser unter dem Generalverdacht des latenten Judenhasses stehen, dann bedeutet das auch, dass die Öffentlichkeit mit solchen Leuten vorsichtig ist. Im öffentlichen Diskurs in Deutschland gibt es beispielsweise keine prominente und sympathietragende Persönlichkeit mehr, die sich für die Freiheit und das Menschenrecht Palästinas einsetzt bzw. einsetzen kann. Norbert Blüm, seit einiger Zeit im Unruhestand, ist eine kleine Ausnahme, jedoch ist auch er nicht wirklich bekannt für dieses Thema. Die deutsche Öffentlichkeit kennt auch kaum exponierte Araber und Muslime, vielleicht Kaya Yanar und Aiman Abdallah aus dem Fernsehen, beide mehr oder weniger unpolitisch. In den Niederlanden gibt es eine Gretta Duisenberg, die sich einsetzt für die Freiheit und das Menschenrecht der Palästinenser, so etwas ist in Deutschland derzeit aus den bekannten Gründen nicht möglich.
Durch das Tabu und durch den Abstraktionsgrad von Schlüsselbegriffen des Diskurses (Antisemitismus, Rechts, Nationalismus, Terrorismus, Islamismus...) wird im Mainstream eine Art Schlussstrich gezogen, der wichtige Wertedebatten erschwert und verhindert. Unsere Gesellschaft kann zum Beispiel nicht mit Schuld umgehen, darauf verweist mit großer Dringlichkeit die hohe Akzeptanz des dualisierenden Opfer/Täter-Stereotyps. Die Debatte um das Menschenrecht kann auch nicht angemessen geführt werden, denn sie kann von führenden Diskursteilnehmern als antisemitisch (oder auch anti-amerikanisch) gedeutet werden, da Palästinenser (Iraker u.a.) aufgrund von Israels bzw. Amerikas Sicherheitsbedürfnissen in dieser Hinsicht Abstriche machen müssen.
Auch die Diskurse über landesbezogene Identitäten, überhaupt Identitäten, über Freiheit, Kreativität, Verantwortung, Säkularismus, Glauben und viele andere Themengebiete sind durch die Existenz dualistischer Denkmuster beeinträchtigt, die sich aus der Aufschiebung der Vergangenheitsbewältigung ergeben. Denn bei jedem möglichen Wert und bei jeder Norm muss stets geprüft werden, wie "der Andere" dazu steht, sei er Nazi, Antisemit, Terrorist oder Islamist.
So nimmt zum Beispiel der Westen selten wahr, dass religiöse christliche und jüdische Elemente in politischen Argumentationen von Politikern auftauchen, weil der Säkularismus im Westen kein Thema mehr ist, was die eigene Kultur angeht. Nur der Islam wird im Westen als Religion wirklich kritisiert und zur Disposition gestellt, obwohl die Fragen nach dem historischen Kontext von Schriften, nach der politischen (sozialen) Dimension von Religionen, nach Schismen, dem Dogma und anderes für jede der drei Weltreligionen ziemlich gleich gelten.
Da der Antisemitismusvorwurf angstfixiert ist und stets ab- und ausgrenzend verwendet wird, ohne Perspektiven auf Verständigung, Dialog und gesellschaftlichen Frieden zwischen den beteiligten Gruppen und Personen, und da er einzig darauf eingerichtet ist, einen Zustand zu bewahren, mit dem er nicht einmal zufrieden ist, liegt die Vermutung nahe, dass in vielen Fällen nicht der Antisemitismus bekämpft wird, sondern seine Bewältigung.
Eine der Hauptschwierigkeiten, die sich neben der Ausbildung einer exklusiven Obrigkeit im Diskurs zeigt, betrifft die mangelnde Möglichkeit, sich ein Bild von den tatsächlichen politischen Verhältnissen zu machen, um damit endlich den langen Frieden zu erreichen, der allen Beteiligten gerecht wird.