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ESSAY 14 / Teil 2
Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung
Darstellung und Auswertung von Pressequellen
Studie zum Attac-Workshop "Semitismus/Nahost" am 14./15.02.2004 in Hannover
von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004
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2. Topoi des Semitismus/Nahostkonflikts:
2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung
2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich?
2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus
2.4 Der "Neue Antisemitismus"
    2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios
    2.4.2 Aristoteles' Logik
    2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe
2.5 Markierung und Selbstmarkierung
2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus"
    2.6.1 Terrorismus-Szenario
    2.6.2 Der Vernichtungs-Topos
    2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel
    2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten
    2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld
2.7 Feindbild Islam/Araber
    2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler
    2.7.2 Feindbild und Islam/Araber
    2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
2.8 Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs
    2.8.1 Erzieherische Maßnahmen
    2.8.2 Einschränkung von Freiheiten
    2.8.3 Ausschluss von Diskursteilnehmern
    2.8.4 Rechtfertigung von Gewalt
2.9 Die Rechts-Links-Dichotomie / Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.1 Die Rechts/Links-Dichotomie
    2.9.2 Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.3 Das Opfer-Täter-Stereotyp
    2.9.4 Das Problem der Historizität von Szenarien
    2.9.5 Das Problem der Kollektivverantwortung von Gruppen
2.10 Position des Zionismus
    2.10.1 Über Zionismuskritik
    2.10.2 "Ideologie"
2.11 Demokratiekritik
    2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen
    2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten
    2.11.3 Fazit

<< Anschluss Teil 1
- Teil 2. Topoi im Semitismus/Nahostkonflikt -

Die folgende Quellenanalyse berücksichtigt etwa vierhundert aussagekräftige Zeitungsartikel und öffentliche Äußerungen zum Thema Semitismus/Nahost1, und zwar hauptsächlich aus dem Jahr 2003. Es handelt sich dabei um mehr als eine Stichproben-Analyse, dennoch kann man nicht von einer systematischen Quellenanalyse sprechen, weil die Zeitungen nicht kontinuierlich und erschöpfend ausgewertet wurden. Ein gewisses Spektrum zu erfassen wurde hier für sinnvoller befunden, als sich beispielsweise nur mit einer einzigen Zeitung zu beschäftigen oder einem sehr kurzen Zeitraum. In der Absicht, einen Eindruck vom Diskurs Semitismus/Nahost in der deutschen Öffentlichkeit zu vermitteln, erscheinen im Fließtext häufig ausführliche Zeitungsüberschriften. Dies ist also eine empirische Studie für Leserinnen und Leser und nicht hauptsächlich eine theoretische Analyse. Die Auswahl der Quellen basiert auf der Medienschau Nahost, siehe www.anis-online.de/1/m/medienschau.htm.2 - mit einigen Ergänzungen. Die taz ist die hier am Häufigsten analysierte deutsche Tageszeitung, mit einem Anteil von etwa einem Viertel, weil sie sich mit dem Themenkomplex statistisch gesehen - so eine Einschätzung aus Erfahrung - am Intensivsten beschäftigt.

Generell lässt sich erkennen, dass es jenseits von Links und Rechts einen Mainstream in der deutschen Presse gibt, der nur von der (linken) jungen Welt in Berlin und der (ebenfalls linken) Wochenzeitung Freitag durchbrochen wird, hin und wieder auch vom Spiegel bzw. Spiegel Online oder der Illustrierten Stern. Als wichtige nicht-deutsche Zeitung wird auch die Neue Zürcher zitiert. Jüdische Zeitungen wie Hagalil und die Jüdische Allgemeine, zum Teil Haaretz und andere, sind ebenfalls hin und wieder zitiert, aber nicht systematisch. Als wichtiges und repräsentatives freies Medium wird häufiger Telepolis zitiert (www.telepolis.de). Rechte Zeitungen wie die Junge Freiheit wurden hier kaum berücksichtigt, weil sie nur sehr selten zitiert werden und damit dem Diskurs aus einer eigenen Perspektive gegenüberstehen. Dies weiter zu untersuchen wäre eine eigene Monografie wert. Redaktionsschluss für die vorliegende Studie war der 29.01.04. Es besteht die Möglichkeit, dass zu einem späteren Zeitpunkt eine erweiterte Fassung und/oder Übersetzung ins Englische vorgenommen wird.

Hauptquellen und Abkürzungen: BILD (Bild-Zeitung), FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung), FR (Frankfurter Rundschau), FREITAG (Der Freitag, Wochenzeitung), jW (junge Welt), KN (Kieler Nachrichten), ND (Neues Deutschland), NZZ (Neue Zürcher Zeitung, Schweiz), SPIEGEL (Der Spiegel, Wochenzeitung), SZ (Süddeutsche Zeitung), taz (die tageszeitung), Telepolis (Internet-Zeitung, www.telepolis.de), Tsp (Der Tagesspiegel), WELT (Die Welt), ZEIT (Die Zeit, Wochenzeitung)

2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung

Die Öffentlichkeiten, die den Antisemitismusvorwurf hervorbringen, finden sich zum einen in der Frontal-Öffentlichkeit der Presse, des Radios und Fernsehens und der Parteien, zum anderen in der freien Öffentlichkeit des Internet und der Nichtregierungsorganisationen u.ä.. Zum diskursiven Rahmen dieser Öffentlichkeiten gehört ein Set von wiederkehrenden Motiven, das die Gesamtsituation beschreibt, innerhalb derer der Antisemitismusvorwurf hervorgebracht wird. Diese Motive oder Topoi betreffen zum einen den Nahostkonflikt, zum anderen den Diskurs Deutschland/Israel.

Was die Frontal-Öffentlichkeit angeht, so sieht sie in ihrer Arbeit (unter anderem) einen Bildungs-Auftrag, bei dem die Information zur Aufklärung verwendet wird. Im Zusammenhang mit dem Antisemitismusvorwurf ist dies deutlich erkennbar. Gehen wir zurück ins Jahr 1945, so verstehen wir auch, warum die Presse und die Parteien in Deutschland "aufpassen". Zuvor nämlich war die ebenfalls frontale, jedoch zentral gesteuerte, Vorgänger-Öffentlichkeit kontrolliert und zu weitreichenden politischen Propagandazwecken missbraucht worden.

Bei der Einschätzung der Nahostberichterstattung in der deutschen Presse ist es notwendig, wenn auch oft schwierig, zwischen didaktischen und epistemologischen Topoi zu unterscheiden. Das bedeutet: Manchmal soll ein bestimmtes Bild erzeugt werden (z.B. in Kommentaren), und manchmal entsteht das Bild aufgrund der Mechanismen des Mediums, ohne dass dies mit einer Absicht zu tun haben müsste.
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Ein typisches Beispiel für solche Grenzfälle ist das häufige Motiv, bei dem zuerst der palästinensische "Terror" und als Reaktion darauf die israelische "Vergeltung" gemeldet wird. In der Presse erscheint es in dieser Art: "Der Friedensprozess ist nach der zweiten Intifada in eine Sackgasse geraten. Jeder Terrorakt zieht einen militärischen Gegenschlag nach sich." (KN 01.04.03, S.29) Erst der Anschlag, dann die Reaktion: "Selbstmordanschlag und Angriff im Gazastreifen überschatten Friedensplan" (KN 02.05.03, S.4). Auch: "Terroranschlag verletzt erneut Waffenruhe" (KN 16.07.03, S.4). Auch hier: "Die Anschläge von Dschihad- und Hamas-Terroristen auf israelische Soldaten und Zivilisten, (...) die massive Gegenwehr der Armee, die Hubschrauber- und Panzerangriffe auf vermutete Waffenschmieden und Häuser von Attentätern, bei denen jedes Mal auch Unbeteiligte mit in den Tod gerissen werden." (ZEIT Nr.10, 27.02.03, S.3, Klingst). Dies muss keine gewollte politische Wertung darstellen, denn Terrorakte sind nun einmal Aufhänger für die Nachrichten, auch im Irak, in den USA, in Afghanistan, der Türkei und anderswo. Nicht nur in Israel. Auch werden schwere israelische Angriffe durchaus nicht immer als Reaktionen gewertet, sei es implizit oder direkt. Die alltäglichen Vorgänge der Besatzung allerdings, zu denen auch die Auslöschung menschlichen Lebens gehören kann, werden im Allgemeinen nicht als Anlass für Zorn und Konflikt beschrieben. Das kann bis zu krassen Bewertungen gehen wie: "Israels Militäroperationen wiederum, die sich gegen die Terror-Infrastruktur richten, dienen Hamas als willkommener Vorwand für ihr Morden." (SZ 06.03.03, "Die Rückkehr des Terrors", Schmitz). (Siehe auch Terrorismus-Szenario 2.6.1.)

Auch ist die Besatzung für die Medien keine Nachricht, weil sie nicht neu ist, und fiktive Sätze wie der folgende haben keine Nachrichtenlogik, genauer: keine Schlagzeilen-Logik: "Als Reaktion auf die Ermordung Ihres Ehemanns und einiger Verwandter beging die junge Frau einen Selbstmordanschlag." Oder: "Nach jahrelanger Besatzung entlud sich der Zorn und Widerstand der Bevölkerung." Vertrauter klingen Sätze wie: "Wenn Israelis nicht mehr das Gefühl haben, sich täglich vor Terror fürchten zu müssen, werden die militärischen Maßnahmen mit der Zeit abnehmen" (FR 13.09.03, Natan Sznaider). Dies ist ein grundsätzliches Problem und wird im Kontext mit den USA im Irak und in Afghanistan, ganz selten auch im Nahostkonflikt, kritisch diskutiert. Mitchell Plitnick etwa schrieb im ZNet, einem nicht-frontalen alternativen Medium (www.zmag.de), am 28.08.03:

"Was steckt hinter den Schlagzeilen? Beginnen wir mit einem Blick auf das, was die Zeitungen als 'relative Ruhe' bezeichnet haben - mit der Zeit vor dem Jerusalemer Bombenattentat. In jenen 6 Wochen bis zu den Selbstmordbomben am 12. August, denen 2 Israelis zum Opfer fielen, starben 17 Palästinenser durch die Hand israelischer Soldaten, 59 wurden verletzt (siehe: www.fair.org/press-releases/relative-calm.html). Einige würden diese Zeit als 'relative Ruhe' sehen. Schließlich war es eine der ruhigsten 6-Wochen-Perioden innerhalb der letzten 3 Jahre. Doch der entscheidende Punkt in der öffentlichen Darstellung ist ganz eindeutig der: 'relative Ruhe' bedeutet, dass keine Israelis getötet wurden." (Artikel "Raketenangriffe und Selbstmordbomber").

Es handelt sich um ein wiederkehrendes Motiv. Am 15.01.04 schrieb die taz zum Attentat am Grenzübergang Eres im Untertitel: "Nach drei Wochen relativer Ruhe fordert der Selbstmordanschlag eines Palästinensers vier Tote und zehn Verletzte." (S.10, Knaul). Die Besatzung wird als "Ruhe" bezeichnet, ebenso wie der Mauerbau und die seit einer Weile aggressiver werdende Politik. Bei der Rezeption alternativer Medien wie www.Freace.de oder www.freunde-palaestinas.de, auch www.arendt-art.de/deutsch/palestina/index.html und www.freepalestine.de, bei Gush Shalom und dem International Solidarity Movement (ISM), auch bei der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa und vielen anderen Quellen findet man Informationen, die nicht auf eine "relative Ruhe" im respektiven Zeitabschnitt hindeuten.

So muss auch das Bild und die Bilder von Israel und (den) Juden in der Presse als Teil einer Ambivalenz zwischen "Spiegel und Konstrukteur der Realität" 4 betrachtet werden. In Teil 2.5 geht es um solche Bilder und Markierungen und unter Punkt 2.4.3 um die politische Relevanz der Gefühle der heterogenen Opfergruppe.

Ein weiteres typisches Indiz der ambivalenten Berichterstattung ist der Begriff "Hass". Er wird fast immer im Zusammenhang mit den Gefühlen von Arabern, Muslimen und Antisemiten verwendet5, wie in der SZ-Überschrift über die Palästinenser: "Ein Volk gespeist mit Hass" (SZ 08.09.03, Schmitz), oder: "Man sagt uns, daß die Araber uns hassen" (FAZ, 13.01.04, Überschift, S. 38, Gina Thomas), oder in: "'Hass hier nicht akzeptieren'" (taz 20.11.03, S. 7), auch: "Der Hass auf Juden allgemein ist (...) präsent." (WELT 18.11.03, "'Adolf Hitler war in Ordnung.'"), oder: "Antisemitismus-Report. ‚Hass-Atmosphäre' gegen Israel und Juden vermerkt." (FR 17.03.03). Oder: "Die Urheber der Anschläge von Istanbul hätten nicht wegen der Mauer gemordet, sondern aus Hass gegen die Juden." (FR 18.11.03, "Israel. Elie Wiesel kritisiert Papst-Worte zu Nahost"). In der Bild-Zeitung: "Die perverse Parade in Arafats Palästina. Sie säen Hass in die Herzen der Kinder." (03.01.04).

"Im Nahen Osten wird auch mit Begriffen gekämpft", so lautet eine Überschrift von Susanne Knaul in der taz vom 31.07.03, (S.12, "Der 'Zaun' ist eine Mauer"). Sie plädiert hier dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Viele Begriffe können in diesem Kontext hinterfragt werden, vom "Terror"6 angefangen, der gegen "Widerstand" abgegrenzt werden muss, über damit verbundene Begriffe wie "Infiltration" oder auch die "Liquidierungen"7 und "präventiven Exekutionen" bis zu Ausdrucksformen verschiedener Tier- und Krankheitsmetaphoriken. Auf der argumentativen Ebene ist es auch interessant zu betrachten, in welchen Zusammenhängen der Begriff "Angst" verwendet wird, um israelische und andere Handlungen zu rechtfertigen.

Anders sieht es aus, wenn Redaktionen Artikel manipulieren. Dies ist eine andere Qualität. So wurde der Artikel "War of the Worlds" von Marwan Bishara, Wissenschaftler an der École des Hautes Études en Science Sociales und Dozent an der American University in Paris in der taz/Le Monde diplomatique Nr. 6572 vom 12.10.01 unter dem Titel "Grauzonen einer globalen Welt" übersetzt (Bodo Schulze). Wie die Friedensaktivistin Marie-Dominique Vernhes präzise analysiert hat, ist die Übersetzung eine Fälschung mit vielen suggestiven und willkürlichen Zusätzen und Auslassungen.8 Während es in der deutschen Presse üblich zu sein scheint, dass die Redaktionen zum Teil ohne Zustimmung oder sogar Wissen der Urheber Texte kürzen und Titel sowie Untertitel allein herstellen, kam es in der Süddeutschen vor, dass in einem Feuilleton-Artikel über Algerien der wertende Begriff "Mob" ohne Wissen und zum Ärger der Urheberin in den Text gebracht wurde. (SZ 24.07.03, "Der Hass der verlorenen Männer. Wie es in einer heruntergekommenen Erdölstadt in der algerischen Sahara zu einem Pogrom gegen Frauen kam", Sabine Kebir)9. Zwar gibt es einen Deutschen Presserat, aber er spielt in der Praxis kaum eine wichtige Rolle. Vielleicht könnte aber eine solche Instanz zur Glaubwürdigkeit der deutschen Presse beitragen.

In Deutschland wird also meist aus der Sicht Israels berichtet, weil ein Mitgefühl in der deutschen Öffentlichkeit vorhanden ist. Das ist zunächst einmal nicht falsch. Die Frage ist nur: Aus Sicht von welchem Israel? Ist es das aus dem "Israelischen Tagebuch" von Anna Faroqhi, in dem sie schreibt: "'Besuch bei Bekannten in Shomron, einer jüdischen Siedlung in den besetzten Gebieten nahe von Tel Aviv. Die Leute, die wir besuchen, sagen, dass sie ohne politische Absichten hier leben. Sie wollen die Ruhe und die Natur genießen. Das Leben mit den Arabern hier ist friedlich. Doch die Ruhe ist eine vorläufige, die Natur durchzogen von Grenzposten und Stacheldrahtzäunen.'" (taz 09.08.03, S. 14). Hier werden die Palästinenser unter völliger Nichtberücksichtigung des Palästina-Szenarios als schlummernde Gefahr für harmlose Naturfreaks dargestellt. Oder ist es Uri Avnerys derzeitiges Israel:

"Der Protest gegen ein unmoralisches Regime ist ein kategorischer Imperativ. (...) Ist dies nicht ein Schlag gegen die Demokratie? Ganz sicherlich! Aber es ist ein positiver Schlag. Israels Demokratie wird mit jedem Tag der Besatzung schwächer. Wir sind Zeugen einer fortschreitenden Verschlechterung: die Regierung ist Sharons Kindergarten geworden, die Knesset genießt allgemeine Verachtung, der Oberste Gerichtshof ist selbst in weiten Teilen zu einem Instrument der Besatzung geworden, die Medien marschieren im Gleichschritt. Es sind die Verweigerer, die eine moralische Dimension in den öffentlichen Diskurs gebracht haben." ("Der kategorische Imperativ", 27.12.03, üb. von Ellen Rohlfs).

Oder ist es dieses Israel, in dem diejenigen Palästinenser für die Wahl Scharons verantwortlich gemacht werden, die nicht mitwählen durften: "Der Versuch der Palästinenser, mit Gewalt einen Staat zu erlangen, hat Israel einen Premierminister beschert, der ohne diese Gewalt nie an die Macht gelangt wäre. Das Nein der Palästinenser zu Ehud Baraks weit reichendem Friedensangebot ist das Fundament für Ariel Scharons Macht." (SZ 21.01.03, S.4, Thorsten Schmitz, "Der doppelte Scharon"). Passend dazu: "Allein kann Israel den Kampf gegen den Terrorismus nicht bewältigen." (taz 17.06.03, S. 12, Knaul).

Auch die deutsche Öffentlichkeit ist sich nicht einig, welches Israel unterstützt und beschützt werden soll und wie diese Unterstützung aussehen soll. Die politische Gesamtwertung des Konflikts in der deutschen Öffentlichkeit bleibt daher meistens unentschieden, nach Art der Standard-Aussagen etwa von Joseph Fischer oder auch Kofi Annan. Salomon Korn, der zweite Vorsitzende des Zentralrats der Juden, hat das vermeintliche Gleichgewicht kürzlich so formuliert: "Letztlich sind beide Seiten gleichzeitig im Recht und im Unrecht." (taz 23.09.03, S.7). Typisch auch: "Dabei müssen die Waffen beider Seiten ruhen - ein einziger Angriff könnte reichen, um das Projekt misslingen zu lassen." (taz, 01.07.03, S.12, Knaul). In der SZ: "Die Palästinenser töten fast jeden Tag und werden fast jeden Tag getötet." (SZ 21.01.03, S.4, Schmitz). Israels Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, formuliert die Balance so: "Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass das israelische Verhalten im Konflikt nicht einziger Maßstab für die europäische Haltung ist." (FR 15.07.03, "'Es reicht nicht, wenn Palästinenser nur eine Waffenpause zementieren'", Interview: Katharina Sperber). Auch Stefan Kornelius kommt zu keiner Lösung und laviert, wobei er die zweifelhafte Ansicht vertritt, Deutschen könnte im Nahostkonflikt eine Schiedsrichterrolle zukommen: "Wer aus der Rolle des Schiedsrichters schlüpft, verliert jeden Einfluss. Konfliktparteien gibt es wahrlich schon genug." (SZ 05.11.03, "Mit der Moralkeule nach Nahost").

Welche Bedeutung hat die halb-didaktische Semitismus/Nahost-Berichterstattung für die Kritik an Israel und den Antisemitismusvorwurf? Dieser Frage wird im nächsten Teil nachgegangen.

Anschluss Teil 2.2 >>


Fußnoten:

1: "Semitismus/Nahost" ist vielleicht die genaueste Bezeichnung der Debatte, da sie neben Antisemitismus auch Philosemitismus berücksichtigt. In beiden Fällen geht es um eine wertende Markierung von Juden, im einen Fall ist es eine negative, im anderen eine positive. (zurück)
2: Die Medienschau Nahost ist eine Online-Presseauswertung, nach Datum sortiert. Die meisten der vorliegenden Quellen können dort verifiziert werden. (zurück)
3: Siehe dazu den Essay: "Palästina, Israel und die Bilder" (06.09.02) unter http://www.anis-online.de/1/essays/07.htm (zurück)
4: Sabine Schiffer (2004): "Die Darstellung des Islams in der Presse. Eine Auswahl von Techniken und Beispielen." Diss. Sprachwissenschaften, Erlangen-Nürnberg. S.13. - Mit einem Diskurs über den "lange kultivierten Antisemitismus und seine Folgen" (S. 203 ff). (zurück)
5: Hier auch zwei Gegenbeispiele, in dem der Begriff "Hass" auf jüdische Siedler bezogen wird: "Der grenzenlose Hass begann lange vor dieser Intifadarunde." (taz, 27.08.03, S. 11, Ponger) und indirekt auf die USA und Israel hier: "Seit dem 11. September 2001 scheinen die USA Israels schlechteste Seiten hervorgekehrt und eine klaustrophobe Sicht auf eine Welt voller Hass und Terror verinnerlicht zu haben." (Freitag 36, 29.08.03, "Feuer mit Feuer bekämpfen. Irak/Palästina. Größter Feind des Bush-Lagers ist der eigene ideologische Starrsinn" Ludwig Watzal) (zurück)
6: Siehe z.B. Aljazeera.Net am 12.01.04: "Beirut wants 'terrorism' defined. Lebanese President Emile Lahoud has called for an international definition of terrorism, extending beyond that given to it by the United States." by AFP (zurück)
7: Siehe z.B.: "Für die gezielte Liquidierungen von Führern der Islamisten-Organisationen hatte das Sicherheitskabinett erneut grünes Licht gegeben. Dabei muss auch die Entscheidung zur Ermordung Abu Schanabs gefallen sein." (taz 22.08.03, S. 10, Anne Ponger) (zurück)
8: Text liegt mir vor.(zurück)
9: Information von der Urheberin (zurück)
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