2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
Was die jüngste Geschichte angeht, so ist einer der schwersten Fälle von Feindbild Islam/Araber eine Plakat-Kampagne der Deutsche Steinkohle AG: "Ein Motiv der Anzeigenserie in Illustrierten und Zeitungen zeigt eine Szene aus der 'Unruhezone Nahost' (DSK): Zwei junge Araber sitzen auf einem Motorrad, einer bedient eine Panzerfaust. Der Kohlekonzern untertitelt das Agenturfoto: 'Wird hier gerade über unsere Energieversorgung entschieden?'" (taz 20.10.03, Wirtschaft S.9, "Angst vor Panzerfaust des Nahen Ostens. Deutsche Steinkohle AG startet millionenschwere Kampagne: Nur heimische Kohle sei sichere Energie", Martin Teigeler). Dazu zwei Stimmen der Steinkohle AG: "'Wir wollen Betroffenheit erzeugen', erklärt DSK-Chef Bernd Tönjes." Und: "'Wir tragen alles mit, was das Unternehmen zukunftsfähig macht', sagt Brunebarbe." Um klar zu erkennen, warum dieses Plakat rassistisch ist, reicht es, sich vorzustellen, dass zwei als solche erkennbare Israelis mit dieser Panzerfaust herumballern. In diesem Falle wäre das Ende der deutschen Steinkohle zweifellos und zu Recht immens beschleunigt worden. Aber es sind die Anderen, deshalb kann auch die taz es schließlich mit Humor nehmen. Man beachte, dass der Tatbestand in der Beurteilung nicht mehr erscheint: "Reiner Priggen, energiepolitischer Sprecher der NRW-Grünen, schlägt die DSK deshalb für den Deutschen Comedy-Preis vor: 'Wer angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Zechen geschlossen wird, von 400 Jahren Steinkohle spricht, hat Humor.'"
Bedenklich auch dieser Gedanke des deutschen Innenministers: "Islamismus. Schily fordert Kampf gegen ‚Kultur des Todes'. Der islamistische Terror, glaubt Innenminister Otto Schily, könne auf lange Sicht nur durch eine ‚geistig-kulturelle Auseinandersetzung' besiegt werden. Der Westen müsse seine Grundwerte der islamistischen ‚Kultur des Todes' entgegensetzen." (Spiegel Online 31.05.03). Eine Definition von "Islamismus" gibt es nicht, darunter fallen prinzipiell gewalttätige Strömungen ebenso wie pazifistische. Die geistig-kulturelle Auseinandersetzung, die hier eingefordert wird, wird durch solche Begriffe und Zuweisungen genau verhindert. Was bleibt, ist die Forderung nach "Kampf". Wenn solche stark wertenden Allgemeinurteile abgegeben werden, lohnt es sich stets zu überlegen, inwieweit der Urheber sich selbst gemeint haben könnte. Ein ähnlicher Kulturkampf findet sich in der Weihnachtsausgabe des Spiegel 2001: "Der Glaube der Ungläubigen. Welche Werte hat der Westen. Intellektuelle treten im Kampf gegen den islamischen Terror mit neuem Selbstbewusstsein für die Werte der freien Welt ein."
Auch der Fall des Heckenschützen in Washington führte gelegentlich zu grob rassistischen Äußerungen, wie in der Hamburger Morgenpost (Mopo), der zweitgrößten Boulevard-Zeitung in Deutschland. Am 24.10.02 titelte sie auf der Frontseite in großen Buchstaben: "Washington: Heckenschütze ist ein Muslim - Muhammad der Sniper" (und darunter: "Moskau: Gotteskrieger überfallen Musical"). Die Markierung des Islam war hier durch den situativen Zusammenhang nicht gegeben. Vielleicht war der Heckenschütze Elvis-Fan, aber was hätte das mit der Tat zu tun gehabt? Was, wenn er Jude gewesen wäre, hätte die Mopo dann auch die Religionszugehörigkeit markiert? Natürlich nicht. Im Zweifel sollte man sich vorstellen, dass die eigene Gruppe solche Markierungen erfährt, dann versteht man schon, was Rassismus ist. Wenn zum Beispiel Professor Bassam Tibi schreibt: "Die Islamisierung der Welt ist ein fester Bestandteil islamischer Weltanschauung" (ZEIT, 30.05.02, S.9), dann ist das so ein Fall.
Der Kopftuchstreit um die Lehrerin Fereshta Ludin zeigte an einigen Stellen, welche gesellschaftlichen Ängste gegenüber dem Islam in der deutschen Gesellschaft vorherrschen. Vor allem ist es die Sorge, dass die Religion ins politische Leben eingreift, also das Säkularismus-Problem. Dies ist eine wichtige gesellschaftliche Frage der Zeit. Im Kontext mit der Außenpolitik von George Bush oder auch der Politik von Ariel Scharon wird die Säkularismus-Frage zwar thematisiert, aber nicht wirklich diskutiert. Der Groll, der im Kontext mit dem politischen Aspekt von Religionen offenbar von Teilen der Öffentlichkeit verspürt wird, kann sich an der Outgroup Muslime unbeschwerter formulieren. Als Frau Ludin im taz-Interview sagte: "Man geht mit unterschiedlichen Maßstäben heran", da antwortete die taz: "Vielleicht aus gutem Grund? Der Islam greift besonders stark ins politische Leben, mit der Scharia sogar ins Rechtssystem ein." Die letzte Frage der taz in diesem Interview ist: "Sind Sie stur?" (taz 22.09.03, S.5, "'Ohne Kopftuch bin ich nackt'" Fereshta-Ludin-Interview, Heide Östreich und Edith Kresta).
Bereits 1978 hat Edward Said in seinem umfangreichen Standard-Werk "Orientalism" die wesentlichen Mechanismen kultureller Gewalt im Sinne Johan Galtungs hinsichtlich des westlichen Konstrukts des "Orients" dargestellt, im Rahmen einer Literaturkritik. Die Debatte um das Feindbild Islam ist lang. Gesellschaftlich gesehen - und da reicht die Lektüre des Spiegel und der Bildzeitung - hat sich nichts verändert. Im Gegenteil, seit dem Elften September scheint das Feindbild Islam an Anhängerschaft gewonnen zu haben, weil es ja ohne den Islam den Elften September oder auch Bin Laden nicht gegeben hätte, wie mancher Stammtischphilosoph denkt. Nicht hinterfragbare Begriffe wie "Antiamerikanismus" lassen keine wirkliche Diskussion zu. Die Gründe für den Elften September (und die Folgen!) werden im Mainstream nur von einer Richtung aus untersucht, so wie hier: "Nine-Eleven war nämlich nur der Höhepunkt einer sich seit mehr als zehn Jahren verschärfenden antiamerikanischen Kampagne islamischer Fundamentalisten." (SZ, 20.01.04, S. 11, "Die USA im Tiefschlaf. Wie der 11. September 2001 passieren konnte", Rezension von Gerald Posners "Why America Slept", Stephan Bierling, Uni Regensburg). Die Gründe für den Elften September werden nach wie vor nicht hinlänglich diskutiert, weil dies mit Selbstkritik verbunden wäre. Stattdessen hat sich eine Rubrik "Verschwörungstheorien" gebildet, in die alles gestellt wird, was der Presse nicht gefällt, was aber ungefährlich und spinnerig genug ist, um veröffentlicht werden zu können. Dazu ein präzises Zitat, das man ohne weiteres auch auf die vorliegende Debatte übertragen kann, von Ludwig-Sigurt Dankwart aus dem nicht-frontalen Medium Telepolis:
"Journalisten, die das Undenkbare tun, nämlich den unausgesprochenen Konsens der Berichterstattung über den 'neuen Terrorismus' durch unvoreingenommenes Herangehen an die Fakten zu verlassen, werden im bekannten deutschen Stil ausgegrenzt, beleidigt und zerstört. (...) Was würde eigentlich passieren, wenn ein Chefredakteur S zur Abwechslung mal auf die andere, die böse, die inoffizielle Linie der bösen verrückten Verschwörungstheoretiker umschwenken würde? Ganz gleich welche Fakten seinem Sinneswandel zugrunde liegen würden, muss man über die Folgen weder reden, noch grübeln, noch spekulieren. Das wäre das Ende, das sofortige bedingungslose Aus seiner Karriere, seines Einkommens, seines Hauses und seines gegenwärtigen Lebensplanes. Das Aus für Kanzleramtsempfänge, Katja-Riemann-Premieren und VIP-Skiwochenenden." (www.telepolis.de, 10.09.03, "Mein Freund, der Chefredakteur. 9/11: Man braucht keine Verschwörungstheorie, um den Konsens in der deutschen Medienlandschaft zu erklären")
Es gibt Ansätze, den Terrorismus (sowie auch militärische Staatsgewalt) zu erforschen, ohne die Argumentation dabei auf Hass und Bosheit des Gegners zu stützen. Ted Honderich hat da durchaus brauchbare Ansätze und Diskussionspunkte, bessere noch scheint der britische Philosoph Gerald Cohen zu bieten, siehe FR 01.11.03, S. 11, "Kritik der Terrorkritik. Der britische Philosoph Gerald Cohen zu Gast am Einstein Forum" von Thomas Schramme. Die Diskussion um die Ursachen von Terrorismus und Staatsgewalt, die zu RAF-Zeiten in Deutschland geführt wurde - man denke auch an Willy Brandts Konfrontationsbereitschaft - wird heute nicht gern geführt. Nach dem Elften September und im Zuge des anschließenden Afghanistan-Feldzugs der USA war diese Debatte für einige Wochen in der deutschen Presse aktuell, dann schlief sie ein. Im folgenden Beispiel zeigt sich, dass es ein Opfer-Täter-Stereotyp gibt (siehe dazu unten, 2.9.3), das eine Diskussion im weiteren öffentlichen Rahmen behindert. Ein dualistisches Weltbild liegt zu Grunde, in dem nur entweder "der Westen" Täter sein kann oder der "islamistische Faschismus":
"Honderich, so Habermas, will den Blick auf den 'auf den Entstehungskontext des Verbrechens vom 11. 9. lenken' - aber genau das tut er nicht. Dann würde es gelten zu zeigen, wie aus Jungakademikern aus Saudi-Arabien durchgeknallte Killer werden, und zu analysieren, was man hilfsweise 'islamistischen Faschismus' nennen kann. Aber all das interessiert hier nicht - denn dann müsste das Bild vom Westen als Täter, von Bin Laden als bewusstlosem Rächer der Opfer überprüft werden. Und dieser Luftzug von Wirklichkeit würde das ganze philosophische Kartenhaus zum Einsturz bringen." (taz 08.08.03, S. 16, "Moralphilosophie am Tresen. Der Suhrkamp Verlag zieht ein Buch des britisch-kanadischen Philosophen Ted Honderich zurück, nachdem Micha Brumlik ihm Antisemitismus vorgeworfen hat. Es geht dabei um den Nahostkonflikt", Stefan Reinecke)
"Die liberalen Muslime müssen Flagge zeigen", sagt daher die Islamwissenschaftlerin Prof. Spuler-Stegemann. "Die Muslime in Deutschland sollten einen klaren Trennungsstrich zum antisemitischen Islamismus ziehen" (taz 22.11.03, S. 12, Interview Ulrike Winkelmann). Warum sollten die Muslime in Deutschland das tun, wenn sie nicht unter Generalverdacht stehen würden?
Ganz bestimmt gibt es Kräfte auf arabisch-islamischer Seite, die gegen den Frieden arbeiten. Dass es jedoch keine fortschrittlichen muslimischen und arabischen Kräfte gibt, ist eine Illusion, die völlig unnötig durch angstvolle Fokussierung auf extreme Extreme und den daraus resultierenden Stereotypen entsteht. Der syrische
Schriftsteller Elias Khoury schreibt dazu:
"Wir brauchen nicht die Hilfe von Regierungen, sondern die Unterstützung und Solidarität der Zivilgesellschaft in den europäischen Staaten für unseren schwierigen Kampf für Demokratie und Menschenrechte. Wir wollen gehört und verstanden werden. Vor einem Monat wurde zum Beispiel der syrische Oppositionelle Riad Turk freigelassen, der 17 Jahre im Gefängnis verbracht hat. Er ist unser Nelson Mandela, aber kaum jemand schreibt über ihn. Es gibt eine riesige kulturelle Bewegung in der arabischen Welt, die im Westen nicht wahrgenommen wird." (taz, 23.04.03, S. 6, "Beginn einer Welle von Kriegen", Interview mit dem syrischen Schriftsteller Elias Khoury, Katrin Schneider)
Anschluss Teil 2.8