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ESSAY 14 / Teil 2.7
Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung
Darstellung und Auswertung von Pressequellen
Studie zum Attac-Workshop "Semitismus/Nahost" am 14./15.02.2004 in Hannover
von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004
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2. Topoi des Semitismus/Nahostkonflikts:
2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung
2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich?
2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus
2.4 Der "Neue Antisemitismus"
    2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios
    2.4.2 Aristoteles' Logik
    2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe
2.5 Markierung und Selbstmarkierung
2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus"
    2.6.1 Terrorismus-Szenario
    2.6.2 Der Vernichtungs-Topos
    2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel
    2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten
    2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld
2.7 Feindbild Islam/Araber
    2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler
    2.7.2 Feindbild und Islam/Araber
    2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
2.8 Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs
    2.8.1 Erzieherische Maßnahmen
    2.8.2 Einschränkung von Freiheiten
    2.8.3 Ausschluss von Diskursteilnehmern
    2.8.4 Rechtfertigung von Gewalt
2.9 Die Rechts-Links-Dichotomie / Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.1 Die Rechts/Links-Dichotomie
    2.9.2 Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.3 Das Opfer-Täter-Stereotyp
    2.9.4 Das Problem der Historizität von Szenarien
    2.9.5 Das Problem der Kollektivverantwortung von Gruppen
2.10 Position des Zionismus
    2.10.1 Über Zionismuskritik
    2.10.2 "Ideologie"
2.11 Demokratiekritik
    2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen
    2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten
    2.11.3 Fazit

<< Anschluss Teil 2.6
- Teil 2.7 Feindbild Islam / Araber -

2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler

Wie oben gesehen gibt es von vielen Seiten Übertragungen von Eigenschaften der Nazis auf Palästinenser, Araber und Muslime, mit allen Assoziationen, die das mit sich bringt. Es ist ein Feindbild, das so entstehen kann. Damit wird keineswegs geleugnet, dass es gefährliche Tendenzen in der Islamischen Welt gibt. Auch Muslime berichten davon. Im Falle einer Häufung von Feindbild-Darstellungen aber kann man sich schwerlich eine fundierte Meinung bilden. Es gibt viele Quellen, in denen der Feind im Extrem des Islam und der arabischen Gesellschaften gesehen wird, er wird fixiert und es wird sich an ihm abreagiert, wie hier:

"Islamischer Fundamentalismus ist Feindseligkeit bis zum Anschlag." Und: "...muss gefragt werden, woher die Feindseligkeit gegen Israel rührt und was sich dahinter verbirgt." Und: "Heute ist der Islamismus die einzige weltweite Kraft, die den Suchenden eine umfassende ideologische Begründung anbietet." Und: " Niemand will, soll, darf mehr Antisemit sein. Also wird man Antizionist." Und: "Es ist zynisch und gefährlich, wenn nicht einmal wir Deutschen ein Bewusstsein entwickeln können für die Angst vieler Juden, vieler Israelis, ausgelöscht zu werden (...)." Und: "Der Historiker Léon Poliakov hat wohl Recht, wenn er sagt, eine bestimmte Form der Kritik am Staat Israel sei antisemitisch, weil andere Maßstäbe an das israelische Volk gelegt würden als an andere Völker. Man verlangt etwas von den Juden, was sich durch die Geschichte seit eh und je als falsch erwiesen hat: dass die Opfer aus ihrem Leid lernen." Und am Schluss: "Es ist unheimlich, dass nicht Ahnungslosigkeit, Ignoranz, Zynismus und die neue Feindseligkeit Diskursthema Nummer eins in unserem Lande sind." (DIE ZEIT 36, 28.08.03, "Feindseligkeit. Weshalb Ted Honderichs Buch 'Nach dem Terror' nicht hätte erscheinen dürfen und weshalb unsere Reaktion auf den israelisch-palästinensischen Konflikt ignorant ist", Ulla Berkéwicz)

Der Feind entsteht durch Extrapolation von Extremen, die selten spezifiziert oder gar analysiert werden und die häufig deutlich mit Nazi-Attributen belegt werden wie der Ergreifung der Weltherrschaft, dem Judenhass, der Ablehnung des Libertären und allen Eigenschaften, mit denen man auch Nazis charakterisiert. Auch Totalitarismus wie hier: "Europäisch-Israelischer Dialog: Licht in Nahost. Auf dem 5. Europäisch-Israelischen Dialog diskutieren Politiker und Sicherheitsexperten offen über die islamistische Gefahr, eine neue Form des Totalitarismus" (WELT 08.12.03, S.3).

"Die radikalen Islamisten hetzen nicht gegen den Neoliberalismus, sondern gegen das Libertäre. Der amerikanische Präsident ist für sie zwar ein Kriegsgegner, doch jede Frau, die selbstbestimmt leben will, ist für sie ein gleichsam natürlicher Feind. Jeder emanzipierte, aufgeklärte oder säkulare Muslim gilt ihnen als Knecht Satans. (...) Die islamistische Rage beschränkt sich nicht auf Israel. Der europäische Judenhass wurde in den Orient importiert." (FR 26.08.03, "Importware Judenhass. Antisemitismus und Antizionismus: Eine Begriffsklärung", Doron Rabinovici. Schriftsteller und Historiker in Wien, zuletzt ist erschienen "Credo und Credit. Einmischungen", Suhrkamp 2001)

"Der radikale Islamismus aber ist etwas ganz anderes. Ihn schuf Hassan al-Banna in Ägypten, der 1928 die Muslim-Bruderschaft gründete. (...) So wenig wie Hitler in Mein Kampf spricht Qutb deutlich aus, was mit ihnen zu geschehen habe. Aber die Schlussfolgerung ist klar - es gelte, die Juden zu vernichten, wo es eben geht. (...)" "Was will der radikale Islamismus? Erstens nichts weniger als die Weltherrschaft. (...) Zweitens fordert der Islamismus die Abschaffung des Staates und seiner gesetzlichen Normen. Gott ist für ihn der alleinige Gesetzgeber (...) Drittens will der radikale Islamismus die Vernichtung der Juden und an erster Stelle Israels. (...) Wir müssen uns keine Illusionen darüber machen, dass jede radikale, universelle, apokalyptische Utopie absolut mörderisch ist. (...) Schließlich der Massenmord, der im radikalen Islamismus bisher nur angestrebt ist, in den anderen Fällen aber verwirklicht wurde. (...) Anders als Nationalsozialismus und Kommunismus ist der radikale Islamismus keine zentral organisierte Bewegung. Er ist nicht mit einem bestimmten Land verbunden, und mit Ausnahme von bin Laden hat er auch keine charismatische Führerpersönlichkeit hervorgebracht. Er operiert in einer Vielzahl von Gruppen, die miteinander eng kooperieren, auf ideologischer Basis. (...) Gewiss heizt der Nahostkonflikt den radikalen Islamismus und seinen Judenhass an. Allerdings wurde die genozidal antisemitische Linie des Islamismus durch seinen Vordenker Qutb bereits 1950 festgelegt. (...)" "Wer glaubt, dass ein israelisch-palästinensischer Kompromiss den radikalen Islamismus zufrieden stellen würde, der irrt. (...) Ein naiver Pazifismus eignet sich zur Durchsetzung eines solchen Entwicklungsprogramms nicht. Es muss klar sein: Wo Beweise vorliegen, ist die Anwendung militärischer Gewalt gegen Terroristen unausweichlich. (...)" "Der erste Schritt im Kampf gegen den radikalen Islamismus ist aber die Erkenntnis, dass die zivilisierte Welt in großer Gefahr schwebt - Globalisierungsfreunde wie Globalisierungsgegner, Linke wie Rechte, Sozialdemokraten, Liberale und Konservative sollten sich darin einig sein. (...)" "Heute wird das Verständnis für die Motive der Terroristen damit begründet, dass man es sich nicht mit dem Islam verderben dürfe." (ZEIT 32/2003, 31.07.03, "Der dritte Totalitarismus. Radikale Islamisten kämpfen um die Weltherrschaft. Das haben sie mit Hitler und Stalin gemein", Yehuda Bauer)

Die "Reaktion" auf solchen Terrorismus ist hier letztlich also Gewalt. Zu den Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs siehe Punkt
2.8. Ein Paradebeispiel für die Abgrenzung vom islamischen Anderen ist der lange Artikel "Die Freiheit, die in der Unterwerfung liegt." von Robert Misik in der taz am 27.01.04 (S.17-18) mit dem großen Foto einer Hand, die einen geöffneten Taschen-Koran in die Kamera hält. Es handelt sich um eine Art Festschrift zum Gedenken an den ägypischen Islamisten Sayyid Qutb. In der Argumentation wird ein Scheinverständnis für die Denkweise mancher Islamisten entwickelt, denn es heißt im Untertitel: "Seine Doktrin überrascht durch das antiautoritäre Freiheitspathos, mit der sie sich als Alternative zu Kommerz, Götzendienst und innerer Leere präsentiert." Tiefe Einblicke in die enttäuschte westliche Seele sind hier möglich, viel tiefere als die in Sayyid Qutbs Gedankenwelt. Nach der Lektüre fühlt man sich bereit, den Wert der Freiheit etwas herunterzustufen, denn was von Misik als mögliche Folgen antiautoritärer Freiheit gezeigt wird, möchten der Leser und die Leserin sicherlich nicht. Misik schließt mit der Bemerkung, dass Qutb zwar nicht den islamistischen Mainstream repräsentiere, aber:

"Alle Spielarten des islamischen Fundamentalismus speisen sich aus demselben Unbehagen: aus dem Gefühl einer seltsamen islamischen Größe und Moral, die mit der Realität, der Rückständigkeit und Abhängigkeit der islamischen Gesellschaften nur schwer in Einklang zu bringen ist. Ihre Gedanken haben, auch wenn die militanten Dschihad-Gruppen isoliert bleiben, eine Streuwirkung über den engen Kreis der Fundamentalisten hinaus. Und sie zeichnen sich durch eine antijüdische Militanz aus, wie sie gerade in muslimischen Gesellschaften jahrhundertelang unbekannt war. Viel ist in diesem islamistischen Diskurs plötzlich von der 'Heimtücke der Juden', dem 'verräterischen Volk', die Rede. Prinzipiell judenfeindliche Stellen finden sich schon im Koran. Dort heißt es in einer Sure sogar, die Juden stammen von Affen und Schweinen ab. Doch dies hat jahrhundertelang keine große Rolle gespielt im Verhältnis der Religionen. Erst im letzten Jahrhundert hat der moderne Islamismus die antijüdischen Traditionen revitalisiert und mit dem modernen Antisemitismus und Antizionismus vermengt. 'Der erbitterte Krieg, den die Juden gegen den Islam angezettelt haben', tobe seit 14 Jahrhunderten, behauptete Sayyid Qutb plötzlich. 'Die Juden waren es, die die Polytheisten aufhetzten.' Im islamistischen Diskurs werden die Juden als Volk mit sklavischem Charakter angesehen. Sie seien Speichellecker, wenn sie schwach, dafür aber brutal und arrogant, sobald sie mächtig sind. Nur wenige Muslime werden mit jedem einzelnen Argument von Leuten wie Qutb übereinstimmen. Aber viele dürften wohl einige seiner Schlüsse teilen und gewissermaßen den Klang der Argumentationsreihe eingängig finden. Qutbs Buch 'Meilensteine' hat einen eigenen Ton, einen faszinierenden Rhythmus. Man sollte es lesen, um die Resonanzen zu verstehen, die es ausgelöst hat und immer noch auslöst."

Misik erklärt den Leserinnen und Lesern also, was Muslime wahrscheinlich denken, nämlich Anti-Jüdisches. Dass Juden im Koran von Affen und Schweinen abstammen, wurde nicht belegt. Dass das Buch eines so dargestellten Mannes auch noch zur Lektüre empfohlen wird, aus Gründen der Faszination, rundet den Artikel passend ab. Eine solche Religionskritik ist nur für den Islam möglich bzw. üblich, nicht etwa für das Christentum oder das Judentum1, wie auch das Beispiel von Ghada Karmi im vorigen Abschnitt zeigte und andere. Dort wurde argumentiert, dass es sich um die Vereinnahmung von Symbolen handelt, nicht wirklich um die Religion. Deshalb kritisiert man dort nicht die Religion. Beim Islam aber schon. Etwas nüchterner und differenzierter sieht die Terror-Problematik Norbert Jessen, wenn er schreibt:

"Vermutungen über eine fundamentalistische Internationale zwischen Bagdad und Gaza sind noch verfrüht. In der chaotischen Lage der palästinensischen Autonomie ist auch ein ganz lokaler menschlicher Kurzschluss möglich, bewaffnete Zellen schießen ohne Vorabsprache mit der eigenen Führung - die Kontrolle von ‚Eigeninitiativen' ist ein Problem. Radikale Elemente, stärker beeinflusst von iranischen Ideologen, sind ebenfalls am Werk." (WELT 16.10.03, Jessen)

Das Verbreiten von Feindbildern betrifft auch den bekannten israelischen Schriftsteller Amos Oz. Sein Feindbild ist ausgeprägt, wie man am Vokabular, an der Metaphorik und den Überzeichnungen sieht. Da ist auch keine Selbstkritik. Als gäbe es keine Ursachen des Terrors, als hätte das Problem nur etwas mit einer ideologischen Religion des Gegners zu tun. Er distanziert sich zwar anfangs von Gewalt, spricht aber von "Absperrungen und Blockaden", die einen positiven Zweck hätten und spricht auch von "gründlicher Behandlung der Terror-Infrastrukturen". Die Einstellung zur Gewalt bleibt ambivalent:

"Die Gläubigen werden also aufgefordert, einen Präventivschlag zu führen und alle diese Feinde aus der Welt zu entfernen. (...) Der paranoide Islam ist derzeit der größte Feind der moslemischen Zivilisation. (...) Diese Krankheit kann nicht mit Gewalt bekämpft werden. Sie muss geheilt werden. Der Islam, der wahnsinnig geworden ist, kann nur vom gemäßigten und vernünftigen Islam geheilt werden. (...) Die Lava des Terrors, die unter der Oberfläche gebrodelt hat, (bricht) allmählich aus. (...) Eine solche Menge von operativen Selbstmördern kann schon als Terrorwelle bezeichnet werden. Auch wenn der Anschlag in Jerusalem verhindert worden wäre, hätte diese Welle gestoppt werden müssen. Die PA hat es nicht getan, also hätte es die IDF tun müssen. Die Absperrungen und Blockaden, die gestern verhängt wurden, sind ein erster Schritt zu einer Abkühlung der Lava. Der nächste Schritt muss eine geregelte und gründliche Behandlung der Terror-Infrastrukturen sein..." (Jedioth achronoth/ hagalil.com , 22.08.03, "Die palästinensische Strasse: Mit der Kraft der Mäßigung. Der paranoide Islam wertet das 'Moderne', den 'Westen', die 'Juden', die 'Großmacht' und sogar die 'internationale Gemeinschaft' als gemeine, anti-islamische Verschwörung", Amos Oz)

Ein Feindbild ist eine individuelle oder gesellschaftliche Klischee-Vorstellung, die sich dadurch auszeichnet, dass sie einen Feind im Mittelpunkt des politischen Bewusstseins hat. Auf mehr oder weniger dualistische Weise wird die Welt eingeteilt in Gut und Böse, bzw. in Ingroup und Outgroup. Der Feind erscheint oft depersonalisiert und unmenschlich. Er wird stereotyp dargestellt und dient als Projektionsfläche für die Dinge, die man an sich selbst nicht anerkennen mag und am Feind in übersteigerter Form identifizieren und so bei sich selbst verdrängen kann. Die Notwendigkeit der Manifestation scheint Ähnlichkeiten mit der Beichte zu haben. Man könnte von einer Spiegel-Manifestation sprechen oder einer Alibi-Manifestation. Das Ich und die Ingroup stehen hier jenseits der Kritik, bis auf Alibi-Einzelfälle. Solche Alibis gibt es auch beim Feind, um (sich selbst) von der Existenz des Feindbilds abzulenken. Siehe dazu: "Feindliche Übernahme. Natürlich gibt es anständige Muslime, nur sind sie die Ausnahme. Das zumindest suggerieren Medien wie etwa 'Der Spiegel'. Ein offener Brief an den Herausgeber" von Navid Kermani (taz 09.10.03, S.12). Der Islam wird häufig als 'das Andere' wahrgenommen, auch im Artikel: "Warum der politische Islamismus erfolgreich ist. Der Friedensforscher Bruno Schoch nimmt die technologische Rückständigkeit, die autoritären Systeme und die Unterdrückung von Frauen in der arabischen Welt in den Blick" (FR 11.09.03).

Ein Beispiel für Vereinnahmung muslimischer Akteure in der deutschen Öffentlichkeit ist ein Beitrag des TV-Magazins Aspekte (ZDF) am 08.02.03, in dem mit einer "Tabu"-Enthüllung über den Koran aufgewartet wurde: Er sei in Wirklichkeit weder von Gott noch von Muhammad, wurde da mit Hilfe von verfremdeten Stimmen in abgedunkelten Räumen angedeutet, sondern eine Art Cover-Version der Bibel für Araber. Da im Koran selbst dauernd steht, dass der Islam im Kern nichts anderes ist als Judentum und Christentum, ist diese Enthüllung einigermaßen belanglos. Dass aber der in den Niederlanden forschende ägyptische Professor Nasr Abu Zayd - ohne sein Wissen - dafür herhalten musste, in diesem Kontext als Islamkritiker aufzutreten, war nicht gerechtfertigt. Zu Abu Zayd siehe zum Beispiel seinen Artikel in der ZEIT 02/2004, "Kant. 'Licht der Himmel und der Erde.' Die große Tradition islamischer Aufklärung geht nicht auf den westlichen Rationalismus zurück. Sie gründet in der Auslegung des Korans und muss immer wieder gegen Dogmatiker verteidigt werden".

Es sei darauf hingewiesen, dass es zweifellos auch gute Beispiele in der Presse gibt, in denen über den Islam und die Muslime gesprochen wird, ohne dass darin Feindbilder zum Tragen kommen, z.B. Georg Brunold in der Zeit 19/2003, 02.05.03, "Allah ist mit den Wählern. Es ist eine Legende des Westens, dass der Islam sich nicht mit Demokratie verträgt. Aber freier Volkswille allein macht aus dem Irak noch keinen modernen Staat". Sehr konstruktiv auch Michael Kläsgen: "Ein sanfter, forscher Umgang mit dem Unbehagen. Das Beispiel Gouda zeigt, wie in den Niederlanden Einheimische und Zugewanderte Probleme bekamen - und wie man sie lösen kann" (SZ 28.01.04, S. 3). Für solche Feindbilder allerdings, die es in der deutschen Presse gibt (und nicht selten gibt), kann das nur bedingt eine Kompensation darstellen, denn die Verbreitung von Feindbildern ist kein Kavaliersdelikt. Das gilt für alle Seiten, denn natürlich gibt es auch unter Muslimen und Arabern Feindbilder, bedauerlicherweise sogar eine ganze Menge. Auch gibt es zweifellos hinsichtlich Arabern und Muslimen im In- und Ausland berechtigte Sorgen, so wie es auch hinsichtlich Deutschen, Amerikanern oder Israelis, Christen und Juden, berechtigte Sorgen im In- und Ausland gibt.

Wenn also zum Beispiel ein Zeitungsredakteur davon berichtet, wie er den Psychoterror islamistischer Organisationen am eigenen Leib erfahren hat, dann ist das ganz sicher ein Punkt, der weiterverfolgt werden muss und nicht hingenommen werden kann. So wie bei Eberhard Seidel im taz-Kommentar "Im Namen Gottes. Im ‚Dialog mit dem Islam' hat sich ein bedenklicher Kulturrelativismus entwickelt. Das System der Einschüchterung von Kritikern durch Islamisten wird hingenommen." (20.05.03, S.12, siehe dazu den Leserbrief von Anis Hamadeh am 22.05.03). Kritik muss zu allen Seiten hin möglich sein. Dies spielt sich auf einer ganz anderen Ebene ab als das Feindbild.2 Auf das Vorhandensein eines Feindbilds lassen allerdings Vorstellungen von "tausenden verwirrter junger Männer und Frauen" schließen, wie in dieser aufschlussreichen Passage von selbigem Eberhard Seidel:

"Eines ist sicher: Es wird hierzulande weitere spektakuläre Gewaltdelikte im Namen des Islam geben. Sie müssen nicht immer so glimpflich verlaufen wie die von vergangener Woche. Denn in Deutschland gibt es tausende verwirrter junger Männer und Frauen, die in einem Milieu sozialisiert werden, das die weltweite Opferrolle des Islam seit Zeiten variantenreich beklagt. (...) Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen den Feindbildkonstruktionen der politischen Mitte und den Opfergruppen, die sich rechte Jugendliche wählen. (...) Die großen islamischen Verbände täten gut daran, diese Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen und zu bedenken, was ihre Opferdiskurse und Feindbildkonstruktionen bei ‚ihren' Jugendlichen auslösen können. (...) Wer die Welt so schlicht und einseitig interpretiert, der begünstigt Hass und Gewalt." (taz 05.05.03, S.13, "Verzweifelt und verführbar. Busentführungen: Die unberechenbare, spontane Gewalt frustierter junger Muslime stellt die Innenpolitik vor ebenso große Herausforderungen wie der islamistische Terror", Seidel)

Der Begriff des "Opferdiskurses" (auch: Opferrhetorik) unter Muslimen, der hier zum Vorwurf gemacht wird, weist ebenso auf Feindbildkonstruktionen wie die Verknüpfung von "Islam" und "Rechts". Als Indikator reicht es, jeweils "Islam/Muslime" gegen "Judentum/Juden" auszuwechseln, denn alle Teile der Gesellschaft haben ihren Opferdiskurs und beklagen sich, das ist nichts Islam-Spezifisches. Manche sehen sich sogar als Opfer, weil sie einen Angriffskrieg befürworten: "Anat Carmel-Kagan von der Jewish Agency meint, (...) während des Irakkriegs habe man in Europa erleben können, wie eine Antisemitismuswelle über den alten Kontinent geschwappt sei: 'Der Krieg war gegen uns.' Da sei es fast schon wieder üblich geworden zu sagen: 'Israel und die Juden sind an allem schuld.'" (taz 29.11.03, Magazin S. I-II, "Wozu noch nach Israel?", Philipp Gessler). Oder hier: "Nicht der Antisemit verstößt gegen das Tabu, wohl aber der Kritiker, der ihn als solchen bezeichnet. Wer, zumal aus jüdischer Position, diesen Vorwurf erhebt, läuft Gefahr, sich zu diskreditieren, sich außerhalb des akzeptierten Diskursraums zu begeben." (taz 26.09.03, S.12, Schapira).

Auch "Rechts" gibt es überall, wird doch sogar die israelische Regierung in der Presse als rechts und sogar als rechtsextrem eingeschätzt (siehe unten 2.9.1). Im Verlauf desselben Artikels zeigt Seidel ein zweites, alternatives Szenario aus seinem Repertoir, in dem real die andere Seite gezeigt wird... allerdings in der Vergangenheitsform, als wäre das alles nicht mehr aktuell. So wirkt der Schlusssatz schablonenhaft und unglaubwürdig:

"Gleichzeitig waren in Deutschland nur wenige bereit, sich mit ihrem Leid zu beschäftigen, für das der heutige Ministerpräsident Israels, Ariel Scharon, eine Mitverantwortung trägt. Viele hatten Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus. Solche Verhältnisse können Menschen in die Verzweiflung treiben. Im Kampf um ein Stück Selbstwertgefühl blieb vielen palästinensischen Jugendlichen nur die Wahl zwischen Kriminalität und islamistischen Ideologien. Letztere sorgen heute immerhin für Schlagzeilen, wenn sie Brandsätze auf Synagogen werfen oder Busse entführen. Das Glück eines gesellschaftlichen Ein- oder gar Aufstiegs war nur wenigen beschieden. Die deutsche Gesellschaft muss sich als Antwort auf die Bus-Entführungen etwas anderes einfallen lassen als den Ruf nach schneller Abschiebung."

Einseitig wird die Darstellung, wenn durch Reizwörter wie "radikal-islamistisch, rechtsextremistisch, antisemitisch" ein geschlossenes assoziatives Feld aufgebaut wird, das eine Schwarz-Weiß-Denkweise begünstigt und in Vergessenheit geraten lässt, dass erstens "der" Islam nicht prinzipiell etwas Starres ist und dass es zweitens auch andere Gruppen in unserer Gesellschaft gibt, von denen Gefahren ausgehen mögen. Dadurch, dass der Antisemitismusverdacht als Indikator für Zu-weit-Gehen gebraucht wird (wie unten), kann prinzipiell bei jüdischen oder israelischen Gruppen nicht dasselbe Maß an Kritik wirksam werden:

"Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der verzerrten Medienaufmerksamkeit auf diesem Gebiet, dass die Aktivitäten radikal-islamistischer Organisationen erst dann Beachtung finden, wenn ihre rechtsextremistischen und antisemitischen Einstellungen unübersehbar werden. Erst dieser Verstoss gegen die dominierende Norm politischer Korrektheit löst kritische Recherchen aus, während zum Beispiel die weitverbreitete Praxis der Mehrfachheiraten islamischer Männer achselzuckend zur Kenntnis genommen wird." (NZZ 16.05.03, "Deutsche Medien und der radikale Islamismus", Heribert Seifert)

Durch solche stereotypisierten Darstellungen wird es schwierig, sich ein tatsächliches Bild von der Gefahr gewalttätiger muslimischer Gruppen zu machen. Dass solche Gruppen in der allgemein gewalttätiger gewordenen Welt existieren und auch Zulauf bekommen, wird hier nicht bestritten. Dass aber Araber und Muslime ganz allgemein mit solchen Gruppen und Extremen assoziiert werden, führt zu einer Deklassierung, denn es gibt gesellschaftliche Spannungen, und bei fehlendem sozialem Dialog werden diese Spannungen auf die gesellschaftlich Schwächsten geschoben. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern ein bekanntes Phänomen. Araber und Muslime bekommen von Außen eine bestimmte Rolle zugewiesen, wie im folgenden Beispiel aus Chicago. Ray Hanania ist ein palästinensisch-amerikanischer Journalist (und Comedian, siehe www.hanania.com):

"Hanania spricht sehr schnell, redet sich alles von der Seele. 'In dem Vorort, wo wir wohnen, gibt es 16 Highschools mit 7000 Schülern, davon sind 600 arabischer Herkunft. Aber 90 Prozent der Kinder, die von der Schule fliegen, sind Araber.' Er und andere Eltern hatten eine Kampagne initiiert, einen Araber in die Schulaufsicht zu wählen, aber vergebens. 'Wenn das System dich nicht will, kannst du nicht Teil des Systems sein.' Hananias 15-jährige Tochter ist in der Schule so lange verprügelt worden, bis sie versucht hatte, sich umzubringen. 'Als ich mich beschwert habe, sagte der Direktor, sie sei selber schuld.' Dabei ist Hanania Amerikaner. Er kommt aus einer christlichen palästinensischen Familie und ist mit einer jüdischen Frau verheiratet. Der jüngste Sohn ist ein jüdisches Waisenkind aus Russland, das sie vor wenigen Monaten adoptiert haben. 'Muslimische Einwanderer haben überhaupt keinen Schutz', sagt er. (...) Auch Ray Hanania hadert mit dem Fernsehen, mit den Medien. 'Es gibt in den USA nur 140 arabischstämmige Journalisten, und davon arbeitet die Hälfte für ethnische Nachbarschaftsblätter. Die andere Hälfte schreibt bunte Stücke, so dass sich Weiße nicht bedroht fühlten.' Die Schwarzen würden zwar auch mies behandelt, aber für die existiere wenigstens ein positives Gegenbild, Martin Luther King, Jackie Robinson, Will Smith. Und die Lateinamerikaner hätten ihre eigenen Sender und Zeitungen. 'Für uns ist das Internet der einzige Platz, wo wir Redefreiheit haben.' (...) Seit neuestem gibt es auf NBC (...) eine Serie, in der ein arabischstämmiger Schauspieler eine Hauptrolle hat, neben Whoopy Goldberg. Allerdings spielt er einen Iraner, der sich dazu noch dauernd von den Arabern distanziert. 'Aber einen echten Araber, der womöglich noch symphatisch ist, den würde das Publikum nicht akzeptieren', sagt Hanania. Er lehnt sich zurück, erschöpft und traurig. 'Ich fühle mich in diesem Land wie ein Vampir: Ich habe kein Bild im Spiegel. Wir Menschen brauchen Beweise, Reflexionen, dass wir existieren, aber wenn ich in den Spiegel der amerikanischen Gesellschaft blicke, sehe ich mich nicht.'" (FR 29.01.04, "Spiegel ohne Spiegelbild. Die arabischstämmigen Menschen führen in Chicago ein schweres Leben", Eva Schweitzer/Metropole Chicago rtr)

2.7.2 Feindbild und Islam/Araber

Ein guter Essay zum Thema Feindbild findet sich unter www.politische-bildung-brandenburg.de/programm/veranstaltungen/2003/april2vortrag.htm (04.11.03). Darin grenzt die Autorin Sybil Wagener das Feindbild gegen das Stereotyp ab, die beide Vorstellungsklischees seien: "Der Unterschied besteht in der Dynamik. Ein Stereotyp ist kraftlos, durch Wiederholung abgenutzt, eine Schablone. (Latin lover, dumme Blondine). Ein Feindbild hingegen ist voll negativer Energie, eine Büchse der Pandora, die kein Unheil anrichtet, solange sie geschlossen ist, doch wenn man sie öffnet, ergießen sich aus ihr alle Übel der Welt."

Von Sybil Wagener liegt die Pionierstudie "Feindbilder" (1999) vor, die in der FAZ gelobt wurde. In der Amazon-Kurzbeschreibung heißt es: "Voraussetzung aller kollektiven Gewaltausbrüche sind wahnhafte Vorurteile. Denn das Feindbild schafft den Feind. So wird aus dem anderen 'der Jude', 'der Asylant', 'der Kommunist', 'der Terrorist'. Sybil Wagener fragt nicht nur nach der Entstehung von Feindbildern, sie beschreibt auch ihre Funktion in verschiedenen historischen Epochen und gesellschaftlichen Bereichen. Dabei zeigt sich: Feindbilder sind ein Versuch, das Böse auszutreiben. Doch dieses Böse ist in uns selbst."

In der Frankfurter Rundschau war ein Artikel, der dieses Phänomen der Spiegelkritik im Zusammenhang mit der Nahost-Problematik unter der Überschrift "Spiegelstadium der Gewalt" thematisiert:

"Militärisch hergestellte und/oder erzwungene Sicherheit ist unvereinbar mit dem anderen Ziel, einem zivilgesellschaftlichen Frieden. (...) Wir haben es mit dem Paradox zu tun, dass Israel - dem Selbstverständnis nach doch eine Insel der Rechtsstaatlichkeit und Modernität - sich in fundamentalistischer Manier legitimiert und insofern genau das tut, was es doch glaubt, der arabischen Seite vorwerfen zu können. Verfolgt man diese Logik nur konsequent weiter, erscheinen die Palästinenser in dem, was ihnen von israelischer Seite her unterstellt wird (sie seien fundamentalistisch, vormodern etc.), als die mehr oder weniger uneingestandene Wahrheit Israels. Diese Wahrheit zu erkennen, hieße in der Tat zu begreifen, dass die Palästinenser die Existenz Israels nicht zuletzt deswegen in Frage stellen, weil mit ihnen die eigene uneingestandene, nach Maßgabe des israelischen Selbstverständnisses unmögliche Frage eine politische Gestalt angenommen hat: In den Palästinensern begegnet sich die israelische Gesellschaft auf unheimliche Weise selbst." (FR 11.03.03, "Spiegelstadium der Gewalt. Die Schwäche Ariel Scharons bedroht die Existenz Israels", Slavoj Zizek)

Über das Feindbild Islam gibt es viele Aufsätze und Statements, zum Beispiel die islamwissenschaftliche Aufsatzsammlung "Feindbild Islam" (1993, Hrsg. Jochen Hippler, Andrea Lueg) und etwas neuer, der kurze Aufsatz "Feindbild Islam. Wie Medien und Politik am selben Bild stricken." (Riza Baran, Die Brücke - Forum für antirassistische Politik und Kultur, Juli/August 1997, im Netz bei Jungle World). Siehe auch den Kommentar: "Wann ist 'Araber' zum Schimpfwort verkommen?" von Robert Fisk, ZNet 06.11.03, (www.zmag.de/article/article.php?print=true&id=901, nicht mehr online 2006). Robert Fisk ist als Reporter für 'The Independent' tätig. Er ist Autor des Buchs 'Pity the Nation'. Ein Beitrag von ihm ist im CounterPunch-Buch 'The Politics of Anti-Semitism' (2003). Auch: "Arab bashing" von Paul J. Balles unter
www.redress.btinternet.co.uk/pjballes16.htm und: "Wider die islamophobe Propaganda. Islam und Internet, Teil 3" (Telepolis, 12.01.04, Thomas Pany) unter www.telepolis.de/deutsch/special/ost/16500/1.html. Die Sekundärliteratur nach dem Elften September kann an dieser Stelle allerdings nicht systematisch recherchiert werden, außerhalb der Quellen, die hier behandelt sind. Einen Eindruck davon, wie lange das Thema "Feindbild Islam" bereits relevant ist, bietet dieses Zitat:

"Drei Jahre lang hat Claudio Lange mit Unterstützung der Reemtsma-Stiftung für Kultur und Wissenschaft zwischen 1989 und 1992 romanische Kirchen im Mittelmeerraum besucht und rund 2.000 Zeugnisse fotografiert. Er fand ganze Figurenensembles, in denen Muslime in erniedrigender Weise dargestellt werden. Rund 40 dieser Dokumente sind nun in Berlin im Museum für Islamische Kunst ausgestellt. 'Islam in Kathedralen - Bilder des Antichristen in der romanischen Skulptur', so der Titel der Ausstellung, ist der Nachweis, dass nicht nur der Antijudaismus, sondern auch der Antiislamismus eine jahrhundertalte Tradition in der christlichen Kirche hat. (...) Dieser Kirchenschmuck ist nach Langes Theorie für Westeuropa eine Medienrevolution gewesen, deren Bedeutung für die moderne und zeitgenössische Identität Europas bis heute unterschätzt werde. Er stellte den Islam als perverse und besiegbare Form eines religiösen Irrtums dar und sollte die Bevölkerung auf den Kreuzzug gegen den Islam einstimmen." (taz 04.08.03, S.14, "Islam in Kathedralen", Seidel)

Die Klischees und Stereotype, die im Zusammenhang mit dem Islam als "dem Anderen" in der Öffentlichkeit aktuell sind, sind in den folgenden beiden Ausschnitten gut zusammengefasst:

"Muslim möchte ich in Deutschland nicht sein. Die Sprache der Bilder, beim Spiegel beginnend und nicht dort endend. Muslime, das sind anonyme Rücken, eine betende Masse am Boden, gesichtslos. Zeigt sich ein Gesicht, ist es verzerrt in Fanatismus. Oder maskiert. Ansonsten: drängende Menschenmengen, fliegende Fäuste, bluttriefende Selbstgeißelung. Kindersoldaten. Sogar Mitgefühl bedient sich der Optik des Grusels: Um zu verstehen, dass Muslime an Unbildung und Unterdrückung leiden, blicken wir von unten in einen zahnlosen Mund. Muslime sind 'Gotteskrieger', das kann man nicht oft genug schreiben, und wenn sie wieder einmal als betende Masse am Boden liegen, verkörpern sie einmal mehr 'die Macht des Propheten'. Was immer das sein mag, es klingt gefährlich, kein Lamm Gottes, kuschelweich. Die Texte seien differenzierter als Fotos und Schlagzeilen? Warum wählt man dann diese Bilder? Welches Bedürfnis befriedigen sie? Gibt es ein Bedürfnis, den Islam so zu sehen: als eine abstoßende, hässliche, gewalttätige, Angst machende Religion?" (FR 19.09.03, "Wer ist nicht alles Islamkenner. Über Versuche in Deutschland, Angst vor Moslems und ihrer Religion zu schüren", Charlotte Wiedemann)

"Nun hat sich mit Mario Vargas Llosa ein weiterer Schriftsteller aufgemacht, um den politischen Islam aus der Nähe kennenzulernen. Der Agnostiker - mit katholischem Hintergrund - ist in die irakischen Schiitengebiete gereist, in deren heilige Städte, nach Nadschaf und Kerbela (F.A.Z. vom 13. August). Aber während Naipaul beobachtet, zuhört und dann vielleicht urteilt, macht sich Vargas Llosa nicht von Vorurteilen über den Islam frei. In seinem Zugang zeigt sich exemplarisch die Schwierigkeit, sich von westlicher Warte aus der islamischen Kultur zu nähern. Vargas Llosa findet, was er gesucht hatte: 'tiefstes Mittelalter', versklavte Frauen, eine Verbindung von Armut und abgründiger Religiosität, die politischem Mißbrauch Tür und Tor öffnet. Und einen undurchsichtigen Ajatollah, dem er nicht glaubt. Die emotionale Grundstimmung von Vargas Llosas Reise sind Mißtrauen und Furcht. Sein Text ist durchzogen von einer Lexik der Beklemmung, Beunruhigung und Angst. Wiederholt hebt er hervor, wie sehr er seine Umgebung als feindselig empfindet. Alles scheint sich gegen ihn zu richten: die Menschen auf dem Basar, die Belehrungen des Moscheehüters über den schiitischen Imam Ali, und selbst die Aufforderung, vor dem Eintritt in die Moschee Schuhe und Strümpfe auszuziehen, schreibt er dem 'angespannten Klima' zu." (FAZ 21.08.03, S.31, "Unter Gläubigen. Von den Schwierigkeiten des Mario Vargas Llosa mit dem Islam", Christiane Hoffmann)

Hinweise auf ein Feindbild Islam in Israel und bei Juden in den USA oder anderswo außerhalb des deutschen Diskurses gibt es in der deutschen Presse neben der Übernahme des Terrorismusszenarios in Überschriften wie: "Araberschnüffeln. Unter dem Sicherheitsvorwand nimmt die Segregation bedrohliche Ausmaße an" (jW 30.05.03, Wolfgang Freund) oder auch: "'Araber ins Krematorium'. Die israelischen Siedler in den besetzten Gebieten führen ihren eigenen Krieg" (WELT 31.07.03, Eva Eusterhus). Auch das Polemische: "We owe Arabs nothing." Robert Kilroy-Silk, Express on Sunday, 04.01.04.

Solche Feindbilder z.B. der illegalen israelischen Siedler werden teilweise in deutschen Medien weiterverbreitet. So in dem Radio-Beitrag "Vom Terror getroffen - Besuch bei der jüdischen Familie Cohen im Gaza-Streifen" (NDR-Info 27.07.03, 13h 05, "Echo der Welt", Carsten Kühntopp3). Dort wurde aus der Perspektive illegaler Siedler berichtet, unter vollständiger Ausblendung der politischen Dimension der Siedlungen, und auf das Leid der Siedler fokussiert. Da dieses Leid eine Ursache haben muss, endete der Bericht mit den Worten: "Nugas Tochter Techila hat noch immer Schmerzen, die Prothesen wollen einfach nicht passen. Wenn Techila sich etwas wünschen könnte, was wäre das?" Darauf die Kleine fröhlich: "Dass die Araber nicht da sind, sagt Techila, die Araber sollen nichts Böses tun, aber am Besten wäre es, wenn sie nicht da wären, meint sie." Den Palästinensern wird hier dreifach Unrecht getan: Ihr Leiden ist dieser Öffentlichkeit gleichgültig, die israelischen Täter (Regierung, Armee, Siedler u.a.) kommen billig davon und: Die Palästinenser dienen als Sündenbock, indem ihnen die stereotype Rolle des Juden-Schmerz-Zufügers zugeteilt wird.

Erwähnung finden sollte auch die umstrittene Institution "Memri", über die Brian Whitaker vom Guardian einen kritischen Bericht geschrieben hat. Dazu auch in der Zeitschrift Zenith 4/2002: "Absichten statt Einsichen. Das Medieninstitut Memri bietet kostenlos Übersetzungen aus der nahöstlichen Presse an. Kritiker werfen der Organisation vor, anti-arabische Propaganda zu verbreiten", Christian Meier.

2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse

Was die jüngste Geschichte angeht, so ist einer der schwersten Fälle von Feindbild Islam/Araber eine Plakat-Kampagne der Deutsche Steinkohle AG: "Ein Motiv der Anzeigenserie in Illustrierten und Zeitungen zeigt eine Szene aus der 'Unruhezone Nahost' (DSK): Zwei junge Araber sitzen auf einem Motorrad, einer bedient eine Panzerfaust. Der Kohlekonzern untertitelt das Agenturfoto: 'Wird hier gerade über unsere Energieversorgung entschieden?'" (taz 20.10.03, Wirtschaft S.9, "Angst vor Panzerfaust des Nahen Ostens. Deutsche Steinkohle AG startet millionenschwere Kampagne: Nur heimische Kohle sei sichere Energie", Martin Teigeler). Dazu zwei Stimmen der Steinkohle AG: "'Wir wollen Betroffenheit erzeugen', erklärt DSK-Chef Bernd Tönjes." Und: "'Wir tragen alles mit, was das Unternehmen zukunftsfähig macht', sagt Brunebarbe." Um klar zu erkennen, warum dieses Plakat rassistisch ist, reicht es, sich vorzustellen, dass zwei als solche erkennbare Israelis mit dieser Panzerfaust herumballern. In diesem Falle wäre das Ende der deutschen Steinkohle zweifellos und zu Recht immens beschleunigt worden. Aber es sind die Anderen, deshalb kann auch die taz es schließlich mit Humor nehmen. Man beachte, dass der Tatbestand in der Beurteilung nicht mehr erscheint: "Reiner Priggen, energiepolitischer Sprecher der NRW-Grünen, schlägt die DSK deshalb für den Deutschen Comedy-Preis vor: 'Wer angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Zechen geschlossen wird, von 400 Jahren Steinkohle spricht, hat Humor.'"

Bedenklich auch dieser Gedanke des deutschen Innenministers: "Islamismus. Schily fordert Kampf gegen ‚Kultur des Todes'. Der islamistische Terror, glaubt Innenminister Otto Schily, könne auf lange Sicht nur durch eine ‚geistig-kulturelle Auseinandersetzung' besiegt werden. Der Westen müsse seine Grundwerte der islamistischen ‚Kultur des Todes' entgegensetzen." (Spiegel Online 31.05.03). Eine Definition von "Islamismus" gibt es nicht, darunter fallen prinzipiell gewalttätige Strömungen ebenso wie pazifistische. Die geistig-kulturelle Auseinandersetzung, die hier eingefordert wird, wird durch solche Begriffe und Zuweisungen genau verhindert. Was bleibt, ist die Forderung nach "Kampf". Wenn solche stark wertenden Allgemeinurteile abgegeben werden, lohnt es sich stets zu überlegen, inwieweit der Urheber sich selbst gemeint haben könnte. Ein ähnlicher Kulturkampf findet sich in der Weihnachtsausgabe des Spiegel 2001: "Der Glaube der Ungläubigen. Welche Werte hat der Westen. Intellektuelle treten im Kampf gegen den islamischen Terror mit neuem Selbstbewusstsein für die Werte der freien Welt ein."

Auch der Fall des Heckenschützen in Washington führte gelegentlich zu grob rassistischen Äußerungen, wie in der Hamburger Morgenpost (Mopo), der zweitgrößten Boulevard-Zeitung in Deutschland. Am 24.10.02 titelte sie auf der Frontseite in großen Buchstaben: "Washington: Heckenschütze ist ein Muslim - Muhammad der Sniper" (und darunter: "Moskau: Gotteskrieger überfallen Musical"). Die Markierung des Islam war hier durch den situativen Zusammenhang nicht gegeben. Vielleicht war der Heckenschütze Elvis-Fan, aber was hätte das mit der Tat zu tun gehabt? Was, wenn er Jude gewesen wäre, hätte die Mopo dann auch die Religionszugehörigkeit markiert? Natürlich nicht. Im Zweifel sollte man sich vorstellen, dass die eigene Gruppe solche Markierungen erfährt, dann versteht man schon, was Rassismus ist. Wenn zum Beispiel Professor Bassam Tibi schreibt: "Die Islamisierung der Welt ist ein fester Bestandteil islamischer Weltanschauung" (ZEIT, 30.05.02, S.9), dann ist das so ein Fall.

Der Kopftuchstreit um die Lehrerin Fereshta Ludin zeigte an einigen Stellen, welche gesellschaftlichen Ängste gegenüber dem Islam in der deutschen Gesellschaft vorherrschen. Vor allem ist es die Sorge, dass die Religion ins politische Leben eingreift, also das Säkularismus-Problem. Dies ist eine wichtige gesellschaftliche Frage der Zeit. Im Kontext mit der Außenpolitik von George Bush oder auch der Politik von Ariel Scharon wird die Säkularismus-Frage zwar thematisiert, aber nicht wirklich diskutiert. Der Groll, der im Kontext mit dem politischen Aspekt von Religionen offenbar von Teilen der Öffentlichkeit verspürt wird, kann sich an der Outgroup Muslime unbeschwerter formulieren. Als Frau Ludin im taz-Interview sagte: "Man geht mit unterschiedlichen Maßstäben heran", da antwortete die taz: "Vielleicht aus gutem Grund? Der Islam greift besonders stark ins politische Leben, mit der Scharia sogar ins Rechtssystem ein." Die letzte Frage der taz in diesem Interview ist: "Sind Sie stur?" (taz 22.09.03, S.5, "'Ohne Kopftuch bin ich nackt'" Fereshta-Ludin-Interview, Heide Östreich und Edith Kresta).

Bereits 1978 hat Edward Said in seinem umfangreichen Standard-Werk "Orientalism" die wesentlichen Mechanismen kultureller Gewalt im Sinne Johan Galtungs hinsichtlich des westlichen Konstrukts des "Orients" dargestellt, im Rahmen einer Literaturkritik. Die Debatte um das Feindbild Islam ist lang. Gesellschaftlich gesehen - und da reicht die Lektüre des Spiegel und der Bildzeitung - hat sich nichts verändert. Im Gegenteil, seit dem Elften September scheint das Feindbild Islam an Anhängerschaft gewonnen zu haben, weil es ja ohne den Islam den Elften September oder auch Bin Laden nicht gegeben hätte, wie mancher Stammtischphilosoph denkt. Nicht hinterfragbare Begriffe wie "Antiamerikanismus" lassen keine wirkliche Diskussion zu. Die Gründe für den Elften September (und die Folgen!) werden im Mainstream nur von einer Richtung aus untersucht, so wie hier: "Nine-Eleven war nämlich nur der Höhepunkt einer sich seit mehr als zehn Jahren verschärfenden antiamerikanischen Kampagne islamischer Fundamentalisten." (SZ, 20.01.04, S. 11, "Die USA im Tiefschlaf. Wie der 11. September 2001 passieren konnte", Rezension von Gerald Posners "Why America Slept", Stephan Bierling, Uni Regensburg). Die Gründe für den Elften September werden nach wie vor nicht hinlänglich diskutiert, weil dies mit Selbstkritik verbunden wäre. Stattdessen hat sich eine Rubrik "Verschwörungstheorien" gebildet, in die alles gestellt wird, was der Presse nicht gefällt, was aber ungefährlich und spinnerig genug ist, um veröffentlicht werden zu können. Dazu ein präzises Zitat, das man ohne weiteres auch auf die vorliegende Debatte übertragen kann, von Ludwig-Sigurt Dankwart aus dem nicht-frontalen Medium Telepolis:

"Journalisten, die das Undenkbare tun, nämlich den unausgesprochenen Konsens der Berichterstattung über den 'neuen Terrorismus' durch unvoreingenommenes Herangehen an die Fakten zu verlassen, werden im bekannten deutschen Stil ausgegrenzt, beleidigt und zerstört. (...) Was würde eigentlich passieren, wenn ein Chefredakteur S zur Abwechslung mal auf die andere, die böse, die inoffizielle Linie der bösen verrückten Verschwörungstheoretiker umschwenken würde? Ganz gleich welche Fakten seinem Sinneswandel zugrunde liegen würden, muss man über die Folgen weder reden, noch grübeln, noch spekulieren. Das wäre das Ende, das sofortige bedingungslose Aus seiner Karriere, seines Einkommens, seines Hauses und seines gegenwärtigen Lebensplanes. Das Aus für Kanzleramtsempfänge, Katja-Riemann-Premieren und VIP-Skiwochenenden." (www.telepolis.de, 10.09.03, "Mein Freund, der Chefredakteur. 9/11: Man braucht keine Verschwörungstheorie, um den Konsens in der deutschen Medienlandschaft zu erklären")

Es gibt Ansätze, den Terrorismus (sowie auch militärische Staatsgewalt) zu erforschen, ohne die Argumentation dabei auf Hass und Bosheit des Gegners zu stützen. Ted Honderich hat da durchaus brauchbare Ansätze und Diskussionspunkte, bessere noch scheint der britische Philosoph Gerald Cohen zu bieten, siehe FR 01.11.03, S. 11, "Kritik der Terrorkritik. Der britische Philosoph Gerald Cohen zu Gast am Einstein Forum" von Thomas Schramme. Die Diskussion um die Ursachen von Terrorismus und Staatsgewalt, die zu RAF-Zeiten in Deutschland geführt wurde - man denke auch an Willy Brandts Konfrontationsbereitschaft - wird heute nicht gern geführt. Nach dem Elften September und im Zuge des anschließenden Afghanistan-Feldzugs der USA war diese Debatte für einige Wochen in der deutschen Presse aktuell, dann schlief sie ein. Im folgenden Beispiel zeigt sich, dass es ein Opfer-Täter-Stereotyp gibt (siehe dazu unten,
2.9.3), das eine Diskussion im weiteren öffentlichen Rahmen behindert. Ein dualistisches Weltbild liegt zu Grunde, in dem nur entweder "der Westen" Täter sein kann oder der "islamistische Faschismus":

"Honderich, so Habermas, will den Blick auf den 'auf den Entstehungskontext des Verbrechens vom 11. 9. lenken' - aber genau das tut er nicht. Dann würde es gelten zu zeigen, wie aus Jungakademikern aus Saudi-Arabien durchgeknallte Killer werden, und zu analysieren, was man hilfsweise 'islamistischen Faschismus' nennen kann. Aber all das interessiert hier nicht - denn dann müsste das Bild vom Westen als Täter, von Bin Laden als bewusstlosem Rächer der Opfer überprüft werden. Und dieser Luftzug von Wirklichkeit würde das ganze philosophische Kartenhaus zum Einsturz bringen." (taz 08.08.03, S. 16, "Moralphilosophie am Tresen. Der Suhrkamp Verlag zieht ein Buch des britisch-kanadischen Philosophen Ted Honderich zurück, nachdem Micha Brumlik ihm Antisemitismus vorgeworfen hat. Es geht dabei um den Nahostkonflikt", Stefan Reinecke)

"Die liberalen Muslime müssen Flagge zeigen", sagt daher die Islamwissenschaftlerin Prof. Spuler-Stegemann. "Die Muslime in Deutschland sollten einen klaren Trennungsstrich zum antisemitischen Islamismus ziehen" (taz 22.11.03, S. 12, Interview Ulrike Winkelmann). Warum sollten die Muslime in Deutschland das tun, wenn sie nicht unter Generalverdacht stehen würden?

Ganz bestimmt gibt es Kräfte auf arabisch-islamischer Seite, die gegen den Frieden arbeiten. Dass es jedoch keine fortschrittlichen muslimischen und arabischen Kräfte gibt, ist eine Illusion, die völlig unnötig durch angstvolle Fokussierung auf extreme Extreme und den daraus resultierenden Stereotypen entsteht. Der syrische Schriftsteller Elias Khoury schreibt dazu:

"Wir brauchen nicht die Hilfe von Regierungen, sondern die Unterstützung und Solidarität der Zivilgesellschaft in den europäischen Staaten für unseren schwierigen Kampf für Demokratie und Menschenrechte. Wir wollen gehört und verstanden werden. Vor einem Monat wurde zum Beispiel der syrische Oppositionelle Riad Turk freigelassen, der 17 Jahre im Gefängnis verbracht hat. Er ist unser Nelson Mandela, aber kaum jemand schreibt über ihn. Es gibt eine riesige kulturelle Bewegung in der arabischen Welt, die im Westen nicht wahrgenommen wird." (taz, 23.04.03, S. 6, "Beginn einer Welle von Kriegen", Interview mit dem syrischen Schriftsteller Elias Khoury, Katrin Schneider)

Anschluss Teil 2.8 >>


Fußnoten:

1: Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass das Judentum dem Islam mehr als wohlwollend gegenübersteht und immer stand, obwohl die Muslime es nicht vergolten hätten. Eine interessante Theorie. So erwähnt Bassam Tibi als Herausgeber einer Festschrift für den umstrittenen Professor der Islamwissenschaft Bernard Lewis den in Tel Aviv lebenden Israeli Martin Kramer, der auf die Tatsache hinweist, "dass die außergewöhnlich hohe Wertschätzung des Islam ausschließlich auf den Forschungsergebnissen jüdischer Gelehrter basiert. (...) Jüdische Islamwissenschaftler wollten den Islam stets in ein besseres Licht rücken, weil sie angesichts des europäischen Antisemitismus Halt in einer orientalischen Identität suchten." (Bassam Tibi, ZEIT 09.02.03, Serie "Der Islam und der Westen", Teil 6, "Der importierte Hass. Antisemitismus ist in der arabischen Welt weit verbreitet. Dabei widerspricht er islamischer Tradition.") (zurück)
2: Siehe dazu das Prinzip der begleitenden Selbstkritik im Essay "Der muslimische Aberglaube" (Unterpunkt: "Die Legitimationsfalle" ff.) unter www.anis-online.de/1/essays/04.htm. (zurück)
3: Carsten Kühntopp leitet seit April 2001 das ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv. Er arbeitet für mehrere öffentlich-rechtliche Radiosender. (zurück)
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