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ESSAY 14 / Teil 2.6
Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung
Darstellung und Auswertung von Pressequellen
Studie zum Attac-Workshop "Semitismus/Nahost" am 14./15.02.2004 in Hannover
von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004
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2. Topoi des Semitismus/Nahostkonflikts:
2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung
2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich?
2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus
2.4 Der "Neue Antisemitismus"
    2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios
    2.4.2 Aristoteles' Logik
    2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe
2.5 Markierung und Selbstmarkierung
2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus"
    2.6.1 Terrorismus-Szenario
    2.6.2 Der Vernichtungs-Topos
    2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel
    2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten
    2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld
2.7 Feindbild Islam/Araber
    2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler
    2.7.2 Feindbild und Islam/Araber
    2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
2.8 Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs
    2.8.1 Erzieherische Maßnahmen
    2.8.2 Einschränkung von Freiheiten
    2.8.3 Ausschluss von Diskursteilnehmern
    2.8.4 Rechtfertigung von Gewalt
2.9 Die Rechts-Links-Dichotomie / Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.1 Die Rechts/Links-Dichotomie
    2.9.2 Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.3 Das Opfer-Täter-Stereotyp
    2.9.4 Das Problem der Historizität von Szenarien
    2.9.5 Das Problem der Kollektivverantwortung von Gruppen
2.10 Position des Zionismus
    2.10.1 Über Zionismuskritik
    2.10.2 "Ideologie"
2.11 Demokratiekritik
    2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen
    2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten
    2.11.3 Fazit

<< Anschluss Teil 2.5
- Teil 2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus" -

2.6.1 Terrorismus-Szenario

Ein großes Problem in Israel und in der Welt ist der Terror. Durch die Selbstmordanschläge sterben Zivilisten und Kinder. Die Israelis leben daher in einer großen Angst. Die Terroristen wollen den Staat Israel zerstören und einige streben die Weltherrschaft an. Das Argument der Besatzung wird vorgeschoben, in Wirklichkeit hassen viele die Juden, so wie damals die Nazis. Arafat ist einer der Hauptschuldigen, weil er den Terror verhindern könnte. Es gibt Staaten und Organisationen in der ganzen Welt, die den Terror finanzieren. Sogar Europa schaut zu, ohne den Terror beim Namen zu nennen. Weil der Terror schon so lange andauert und immer schlimmer wird, werden jetzt Präventivmaßnahmen ergriffen. Der neue Sicherheitszaun soll die Terroristen davon abhalten, nach Israel zu kommen und Anschläge zu verüben. Die Armee kontrolliert die Palästinenser stärker und die Terroristen werden gesucht und auf der Straße erschossen. Das ist zwar umstritten, aber irgendwie muss man dem Terror ein Ende setzen. Israel ist zwar nicht ganz unschuldig, aber es will die Palästinenser nicht systematisch auslöschen. Die Palästinenser müssen verstehen, dass Israel sich von ihnen existenziell bedroht fühlt.

Dies ist im Wesentlichen das Szenario, nach dem das offizielle Israel agiert. Es kann aus einer tatsächlichen Bedrohung heraus aktiviert werden, aus einem Bedrohungsgefühl heraus und aus politischem Kalkül. Ein paralleles Szenario gibt es in den USA hinsichtlich des Elften September. Merkmale des Terrorismus-Szenarios sind die Fokussierung auf den Anderen, die Erkennung des Terrorismus als initiativ und als irrational, dementsprechend seine Bekämpfung als vernünftige Reaktion, die Durchwirkung des Israel- und des Antisemitismus-Szenarios und die Rechtfertigung von Gewalt und Repressionen. Ein weiteres Charakteristikum ist die Abwesenheit des Palästina-Szenarios sowie völkerrechtlicher und menschenrechtlicher Erwägungen.

"Die Terroristen" werden von der israelischen Regierung als Repräsentanten der Palästinenser konzeptionalisiert, denn die israelischen "Reaktionen" richten sich häufig gegen Familien, Städte und die gesamte Bevölkerung, wie die Ausgangssperren, Straßenkontrollen, Reiseverbote, die Zerstörung von Häusern, die Landnahme im Zuge des Mauerbaus, einige Gesetze, und vieles mehr. Herr Peled vom israelischen Außenministerium sagte zum Beispiel nach dem Anschlag gegen israelische Zivilisten in Jerusalem am 29.01.04, "die Palästinenser" hätten den Terroranschlag gemacht (Fernsehnachrichten). Die gesamte palästinensische Gesellschaft wird also zur Verantwortung gezogen, obwohl die Attentäter nicht in Wahlen gewählt worden sind und ihre Taten nicht auf demokratische Weise legitimiert sind.

Dass es auf palästinensischer Seite ebenfalls Ängste gibt, tritt dabei weit in den Hintergrund. Was mag ein Palästinenser fühlen, wenn er in der Presse Sätze liest wie: "Der israelische Regierungschef Scharon ist optimistisch, das 'Palästinenser-Problem' während seiner vierjährigen Amtszeit lösen zu können. Wenn dies jemandem gelingen könne, dann ihm, sagte er." (KN 14.07.03, S.4, "Scharon: Palästinenser-Problem kann in vier Jahren gelöst werden", dpa) ?

Durch die häufig anzutreffende Ausblendung des Palästina-Szenarios entstehen Erklärungstopoi, die - z.B. als Spiegelkritik - weitere Rückschlüsse auf den kognitiven Rahmen der israelisch-jüdischen Seite zulassen. Irgendjemand muss ja letztlich Schuld haben an diesem Konflikt, der schon jahrzehntelang dauert, und wenn wir es nicht sind, dann müssen es doch die Anderen sein: "Jasir Arafat war lange Terrorist. Er ist korrupt und in seiner Feindschaft zu Israel erstarrt. Mörder lässt er heimlich gewähren. (...) Europa und Amerika, die Palästina mit ihrem Geld unterstützen, müssen Arafat zwingen, ohne Wenn und Aber der Gewalt und dem Terror abzuschwören und sich für den Frieden zu entscheiden." (BILD 08.09.03, S.2, "Zwingt Arafat zum Frieden", Rafael Seligmann). Die Hauptverantwortung für den Frieden liegt also bei den Anderen:

"Und doch liegt es an den Palästinensern, den Krieg zu beenden, den sie vor mehr als zwei Jahren begonnen haben. Erst, wenn die Terror-Organisationen einen Waffenstillstand erklären, können die USA und die Europäer Druck auf Ariel Scharon ausüben, politische Zugeständnisse zu machen. Eine simple Lektion, die manche auf palästinensischer Seite noch immer nicht gelernt haben." (Tsp 06.03.03, "Nichts gelernt. Anschlag in Israel", clw)

"Die Israelis haben das Vertrauen (in Europa) verloren. Verantwortlich dafür ist die unausgewogene Politik der EU. Manche Europäer haben immer noch ein großes Problem, den Terror beim Namen zu nennen. Es besteht keine moralische Differenzierung zwischen den Maßnahmen, die wir treffen, und dem Terror gegen Zivilisten. Wir sind 50 Prozent des Problems, aber auch 50 Prozent der Lösung. (...) Aber bis zu einem Staat kann es noch Jahre dauern. Der Frieden spaltet, Krieg eint. Arafat scheut genau diese innerpalästinensische Auseinandersetzung. Für den Frieden muss man auch kämpfen. Das tut er nicht." (KN 27.02.03, S.3, Interview mit Botschafter Shimon Stein: "Der Frieden spaltet, der Krieg eint", Interview Olaf Albrecht)

2.6.2 Der Vernichtungs-Topos

Ein wichtiger Topos im Terrorismus-Szenario ist der Verdacht, dass (die) Palästinenser Israels Existenz zerstören wollen. Dies ist ein Scharnier zum Antisemitismus-Szenario, denn es entsteht eine Vielzahl von Assoziationsmöglichkeiten mit den Nazis, die ja die gesamte jüdische Existenz vernichten wollten. Es kommt hier zu einer Überlappung von Ängsten, die aus dem Trauma des Genozids stammen und solchen, die aus dem Terrorismus bzw. auch dem palästinensischen Widerstand stammen. Im folgenden Beispiel ist es der Interviewer, der den Vernichtungs-Topos bis zur Karikatur treibt und dann in einen monolithischen Rahmen setzt, der mit dem 21sten Jahrhundert nicht viel zu tun hat, jedoch aufzeigt, wie Extreme im Terrorismus-Szenario generalisiert werden:

"Ich frage mich, ob Israel die Wahl hat. Damit meine ich jetzt nicht nur die Selbstmordattentate an sich, sondern den nach wie vor festen Willen der Palästinenser (jedenfalls der tonangebenden militanten), und aller umliegenden Staaten, Israel zum Verschwinden zu bringen. (...) Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum im nahen Osten 'die Zeit keine Wunden heilt', bin ich erst kürzlich auf das Konzept der 'Dhimma' gestoßen, das innerhalb eines islamischen Bezugsrahmens andere Religionen und Kulturen grundsätzlich zwar zu dulden bereit ist, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie als zweitrangig angesehen werden und der Duldung jederzeit verlustig gehen können. Wenn das die Koordinaten sind, kann man ja fast nur verzweifeln, denn dann kann Israel im Grunde tun und lassen, was es will, es wird als 'Dhimma-Renegat' immer der Feind bleiben." (Telepolis 25.08.03, "Wahrscheinlich wird es ein Zaun sein, der auch Seelen frisst" Cheb A. Kammerer-Interview von Marcus Hammerschmitt. Zitate von Hammerschmitt, Kammerer war reflektierter.)

Ähnlich in der Überschrift: "Der kleine harte Kern. Die Harakat al-Dschihad al-Islami gilt als unberechenbar. Ihr Ziel: Vernichtung des ‚zionistischen Gebildes' und ein islamisches Reich." (taz, 01.07.03, S.3, Georg Baltissen). Das Ziel der Vernichtung wird überhöht und der Aspekt der Freiheit Palästinas nicht hinreichend berücksichtigt. An diesem 01.07.03 hat die taz auch einen Artikel über die Al-Aksa-Brigaden gebracht und einen über die "mächtigste palästinensische Terrorgruppe" Hamas. Über israelische Terrorgruppen findet man in der taz hingegen eher wenig.

Nicht nur die Muslime, auch Teile der amerikanischen Friedensbewegung stellen Israels Existenzrecht nach Meinung einiger in Frage: "Es ist allerdings eines, wenn man Ariel Scharons repressive Maßnahmen gegenüber dem palästinensischen Volk verurteilt. Etwas anderes ist es, wenn man dem Staat Israel das Existenzrecht abspricht. Und genau das machen Teile von Answer, und mit ihnen Teile der amerikanischen Friedensbewegung." (Michael Lerner, "Ein historischer Fehler", taz 28.02.03, S. 12). Zu diesem Topos gehört das Umkehr-Argument, dass Israel eben nicht die Existenz der Palästinenser zerstören will:

"Israel verteidigt sich gegen permanente terroristische Angriffe. (...) Anders als die extremistischen Palästinenser hat Israel nicht die Auslöschung eines Staates zum Ziel erhoben, anders als Nordkorea vertreibt Israel nicht systematisch Trägerraketen und Atomtechnologie an wen auch immer." (SZ 05.11.03, "Mit der Moralkeule nach Nahost", Stefan Kornelius)

"Die Legitimationsideologie des israelischen Staates gründet nicht auf biologistischen Erklärungen gegen die arabische Bevölkerung. Der Konflikt wurzelt in einem Interessengegensatz: Zwei Nationalbewegungen beanspruchen ein Land." (FR 26.08.03, "Importware Judenhass. Antisemitismus und Antizionismus: Eine Begriffsklärung", Doron Rabinovici)

"Zitat Honderich: 'The Palestinians are right to look back to Fascist Germany and say they are the Jews of the Jews.' Damit zieht der Moralphilosoph einen historisch unzulässigen Vergleich, der dieses überhistorische Prinzip des Antisemitismus zumindest streift, weil die Vorgänge in Israel, wie immer man sie im Einzelnen bewertet, nichts mit der Politik einer totalen Vernichtung zu tun haben." (Telepolis, 08.08.03, "Antisemitischer Antizionismus im Sommerloch. Ted Honderich rechtfertigt palästinensische Selbstmordattentäter", Goedart Palm)

Die Überhöhung des Vernichtungswillens öffnet eine Tür zum Feindbild, weil es keinen Raum mehr lässt für eine Vertrauensbasis, ohne die es keine sinnvollen Verhandlungen geben kann. Zu einem ähnlichen Schluss gelangt das Neue Deutschland, wenn es über den Völkermord-Vorwurf gegen Arafat schreibt:

"Dass Arafat in der Klageschrift allerdings des Völkermordes bezichtigt wird, dürfte dem Anliegen der Betroffenen wohl weniger dienlich sein. Denn die Absicht der gezielten Auslöschung einer ethnischen Gruppe, was dieser Begriff ja beinhaltet, ist wohl weder der palästinensischen noch der israelischen Seite - die ebenfalls immer wieder mit dieser Anschuldigung konfrontiert wird - zu unterstellen. Hunderte Tote auf beiden Seiten allein in den letzten Jahren des Nahostkonflikts sind eine schreckliche Bilanz, aber kein Völkermord." (ND 05.03.03, "Kampfbegriff. Völkermord-Vorwurf gegen Arafat." Ingolf Bossenz), siehe auch: "Er habe die Macht und die Mittel gehabt, ‚die Terrorakte, Morde und Gewalt zu unterbinden', heißt es in der in Paris erhobenen Klage." (taz 05.03.03, S. 10, "Völkermord. Klage gegen Arafat", dpa)

Andere, alternative Terrorismus-Szenarien sind mit dem obigen nicht kompatibel und finden in der Presse nicht so häufig Gestalt, wie bereits unter Punkt
2.1 erwähnt wurde. So könnten etwa die Analysen zum Begriff "Terrorismus" von Professor Georg Meggle (Uni Leipzig) stärker zu öffentlichen Diskussionen führen. Auch der Antisemitismusvorwurf gegen Ted Honderich, der ebenfalls das Terrorismus-Szenario untersucht, und gegen sein Buch "Nach dem Terror", legt nahe, dass die Erforschung der Ursachen von Terror in der Öffentlichkeit nicht wirklich von großem Interesse ist. Dabei sind die Mechanismen der Gewalt hinlänglich bekannt:

"In der israelischen Öffentlichkeit wird die Politik der gezielten Liquidierungen nicht völlig kritiklos hingenommen. (...) 'Es gab noch keinen Disput, der nicht besser durch Dialog gelöst worden wäre', schrieb Yoel Marcus in Haaretz. 'Israels Liquidierungen produzieren vermutlich mehr neue Selbstmordbomber, als dass sie abschrecken.'" (taz 26.08.03, S. 10, Anne Ponger)

2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel

Für Araber ist das Verhältnis Juden/Israelis ein ganz anderes aus ihrer Position als für Europäer oder Deutsche. Einen staatlichen Antisemitismus, wie er in Deutschland zum systematischen Judenmord geführt hat, gab es in der Arabischen Welt nicht. Die Araber und Muslime kennen (die) Juden seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden. Zwar hat es in der Geschichte manchen Konflikt gegeben - auch solche, die noch unbewältigt sind - , doch ist es nie annähernd zu solchen Grausamkeiten gekommen, wie sie die Nazis verübt haben. Die Befreiung der Juden in Europa am Ende des Zweiten Weltkriegs nahmen Araber und Muslime demnach ganz anders wahr als etwa Europäer. Die Einwanderungen nach Palästina stellten sich für die Palästinenser zum Teil so dar, dass viele ihrer Dörfer zerstört und ihrer Leute vertrieben wurden. Wenn ein Palästinenser also "al-Yahuud" sagt, "die Juden", dann hat das ein ganz anderes Assoziationsfeld als in Deutschland. Es meint in erster Linie die Besatzer, dann die Zionisten (was für die meisten Palästinenser keinen realen Unterschied ausmacht), dann die israelische Gesellschaft, dann die weltweiten Sympathisanten dieses Systems. Denn so haben die Palästinenser, Araber und Muslime Juden kennen gelernt und so kennen sie sie auch heute.

Die Gleichsetzung von "Israelis" mit "Juden" - wo sie erscheint - hat also im arabischen Kontext eine andere Bedeutung. Wenn diese Gleichsetzung aus dem europäischen Kontext heraus unternommen wird, liegt der Fall anders. Der Gedanke, dass es einen Judenhass in der Arabischen Welt gibt, der aus Europa importiert wurde, ist eine Interpretation, die eine schwer wiegende Unterstellung darstellt, wenn sie die Vorstellung evoziert, dass etwas irrational "Nazihaftes" dort gesehen wird, wo ein begründeter Widerstand gegen autoritäre israelische Hegemonien vorliegen kann.

"Wie kommt er darauf, dass die Selbstmordattentäter (...) Menschen aus elender Lage befreien wollen und nicht einfach Juden töten?" fragte die FAZ am 20.10.03 auf S.35 an die Adresse von Ted Honderich und sein Buch "Nach dem Terror" (ex-Suhrkamp-Verlag). Ähnlich skeptisch äußert sich Natan Sznaider - er lehrt Soziologie am Academic College of Tel-Aviv-Yafo, Israel und hat bei Suhrkamp "Die Erinnerung im Globalen Zeitalter: Der Holocaust" veröffentlicht -, wenn er über Selbstmordattentate schreibt: "Sie wissen genau, was sie dazu antreibt. Nicht die schlechte Lebensqualität, wie Honderich so philosophisch traktiert, kein marxistischer Determinismus, der Menschen zu Verzweiflungsaktionen antreibt (so die ersten Kapitel des Honderich-Traktats), sondern schlichter Judenhass." (FR 07.08.03, "Schlichter Judenhass. Die linken Gewaltfantasien von Ted Honderich"). Auch in der taz wird die Motivation der Gegenseite gelegentlich als Antisemitismus gewertet: "Selbst die Solidarität mit palästinensischen Selbstmordattentätern, die unterschiedslos Babys wie Überlebende der Schoa in die Luft sprengen, weil sie Juden sind, geriert sich als Solidarität mit den Opfern." (taz 26.09.03, S.12, "Hakennasen statt Hakenkreuze", Schapira). Der Volksschauspieler Michael Degen
1 vergleicht palästinensische Kinder mit der Hitlerjugend:

"Bewusst wird verschwiegen, daß diese Kinder aus politischen, propagandistischen Zwecken vorgeschickt werden. Man ignoriert, daß der Vierzehnjährige, der sich die Sprengstoffladung um den Bauch bindet, seit seinem achten Lebensjahr darauf gedrillt worden ist, genau wie die HJ-Jungs, die mit zehn Jahren die Synagogen angezündet haben. Sicher kommen dann Reaktionen, auch Überreaktionen, die nicht immer gut sind, gerade bei Scharon. Aber man sieht immer erst die Reaktion, nicht die Aktion." (Jüdische Allgemeine online, 05.03.03, "Der Philosemitismus geht mir auf den Wecker". Ein Gespräch von Daniela Breitbart mit Michael Degen über Gott, die Welt und den Umgang mit dem Judenhass").

Der Vorwurf des Judenhasses, meist "Antisemitismus" genannt, an Araber und Muslime wird in der deutschen Presse recht häufig thematisiert. Meist ist es ein Misstrauen, ein Verdacht. Wenn Deutsche einen solchen Verdacht aussprechen, hat es eine besondere Bedeutung, da die Assoziation zur Nazizeit und dem systematischen Judenmord gegeben ist. Friedbert Pflüger (CDU) hat zum Beispiel auf der Solidaritäts-Kundgebung für Israel am 11. Mai 2002 in Hannover gesagt: "Wenn wir eine Zerstörung Israels zulassen würden, wie es von der palästinensischen Seite gewollt ist, dann hätte Hitler nachträglich gesiegt." (Salz und Licht, Informationen der Partei bibeltreuer Christen, Nr.2, Juli 2002, "Ist Israels Existenz bedroht?" www.pbc.de/suli/2_02/existenz.htm). Zwar wird unter Punkt 2.9.2 argumentiert, dass Vergleiche mit der Nazizeit nicht ausgeschlossen werden sollen, doch ist es dann gerade wichtig, präzise zu vergleichen. Generelle Assoziationen des Islam, der Araber oder gar der Palästinenser speziell zum Judenhass der Nazis, so wie oben, sind weder fair noch situativ gerechtfertigt. Auch Überschriften wie: "Der neue Antisemitismus. Sind die Muslime die neuen Deutschen? Matthias Küntzel hat beeindruckendes Material und krause Theorien über den islamischen Antisemitismus zu einer Studie verrührt. Doch so problematisch die theoretische Perspektive des Autors ist, so lesenswert ist seine präzise Darstellung des Problems." von Robert Misik in der taz 29.11.03, Seite VII, sind absurd und bewegen sich auf dem Grat des Feindbilds. Zwar wird die These aus der Überschrift negiert, aber ein Rest bleibt immer: "Dass aber auch importierte Stereotype ein ziemlich erschreckendes Eigenleben beginnen können, wird man nach Lektüre von Matthias Küntzels Buch nur schwer bestreiten können". Das hier besprochene Buch heißt übrigens "Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg" (2003). Siehe auch die Überschrift in der Welt am 18.11.03, "'Adolf Hitler war in Ordnung.' "Antisemitismus gehört in der arabischen Welt zum Alltag - Selbstkritik am Judenhass findet man selten".

"Es gibt einen mörderischen Judenhass, der aus den Taten islamistischer Terroristen spricht", sagt auch der Deutsche Daniel Bax (taz 17.11.03, S. 17) und man fragt sich schon, woher diese Sicherheit stammt, mit der pauschale Aussagen wie diese in die Öffentlichkeit transportiert werden. Ob hier vielleicht eine Erleichterung gesehen wird, eine Relativierung der Nazis, denn andere sind auch so. Araber. Muslime. Nicht wir, die Deutschen, wir haben es gelernt. Warum haben die Palästinenser, Araber und Muslime nichts aus unseren Fehlern gelernt, etc..

Die israelische Regierung profitiert von solchen Szenarien und Anknüpfungspunkten. So hat Israels Minister Natan Scharanski die umstrittene EU-Studie zum Antisemitismus in Europa gelobt: "Die Erhebung zeige eine klare Verbindung zwischen der Größe von Muslim-Gemeinschaften und Angriffen gegen Juden." (taz 06.12.03, S.7, ap). Selbst das Töten von Menschen von der Regierung wird damit gerechtfertigt ("Einstellung der antiisraelischen Hetze"), ohne dass die Presse dies weiter kommentiert: "Scharon knüpft ein Ende der 'präventiven' Exekutionen nicht nur an eine Gewalteinstellung, sondern zudem an die Zerschlagung der Infrastruktur der militanten Opposition sowie die Einstellung der antiisraelischen Hetze." (taz, 11.09.03, S.13, "Ein Schritt weiter weg vom Frieden", Knaul).

2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten

Versuchen wir, das Szenario anhand des Topos "Arabischer/Islamischer Antisemitismus ist Import aus Europa" und anderer, z.B. "Der Elfte September war antisemitisch", weiter zu bestimmen:

"Schon die Anschläge vom 11. September 2001 trugen eine unterschwellig antisemitische Handschrift, richteten sie sich mit dem World Trade Center in New York doch gegen ein Symbol dessen, was nach antisemitischer Logik seit jeher als Zentrale des globalen Weltjudentums gilt. Dieses Feindbild, das aus der Mottenkiste des alteuropäischen Antisemitismus stammt, hat im Gedankengebäude radikaler Islamisten eine neue Heimat gefunden, wo es neue, böse Blüten treibt - ein Import aus jenem Westen, gegen den er sich wendet. Im Nahen Osten verbindet sich die Aggression gegen die empfundene Übermacht des Westens mit dem Schreckgespenst der 'jüdischen Weltverschwörung'." (taz 17.11.03, S. 17, "Am Abgrund der Geschichte. Mit dem Anschlag von Istanbul appellieren islamistische Terroristen einmal mehr an einen latenten Antisemitismus in der muslimischen Welt. Doch sie entfremden sich damit von ihren Gesellschaften", Daniel Bax)

Einen ganzen Artikel - und nicht nur einen, s.u. - war es auch der Zeit wert, als Teil 6 der Serie "Der Islam und der Westen" unter dem Titel: "Der importierte Hass. Antisemitismus ist in der arabischen Welt weit verbreitet. Dabei widerspricht er islamischer Tradition." Das Szenario "Arabischer/Islamischer Antisemitismus" verdichtet sich hier wieder mit Rekurs auf die Nazis:

"Islamisten und Neonazis eint der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung. Der ‚Antizionismus' radikaler Muslime unterscheidet sich in Wahrheit kaum von der NS-Ideologie. (...) Erst im 20. Jahrhundert lernten Muslime, die Juden als Feinde zu sehen - mit Nachhilfe aus Europa. (...) Seit dem 11. September warnen viele vor dem 'Feindbild Islam'. Aber das antisemitische Motiv der Anschläge geht in der Diskussion völlig unter." (Bassam Tibi, ZEIT 09.02.03)

Dieses Szenario hat eine geografische und eine historische Dimension, die das Allumfassen des Terrorismus und Antisemitismus ausdrücken. Hier zwei Beispiele für die geografische Dimension:

"Im radikalislamistischen Terror äußert sich von Indonesien über Marokko und Frankreich bis nach Israel ein mörderisches Weltbild, das davon ausgeht, dass alle Juden Zionisten sind, alle Zionisten aber Imperialisten, Kolonialisten und Rassisten - alle Juden mehr oder minder wie die Nazis sind. Schließlich kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Anschlag auf das WTC ein - mindestens auch - judenfeindlich motiviertes Verbrechen gewesen ist." (Brumlik, taz /hagalil.com 16.09.03, S.12, "Antisemitismusvorwurf: ... die Augen fest geschlossen. Dient der Antisemitismusvorwurf der Aufklärung? Oder regiert hier die Logik des Skandals? Gelassenheit bei Angriffen auf Juden ist jedenfalls völlig fehl am Platz")

"Der Hass auf Juden allgemein ist von Ägypten über Saudi-Arabien bis in die arabischen Golfstaaten nicht nur im Internet oder an den Grenzen präsent. Ob im Fernsehen, in Moscheen oder den Kaffeehäusern - überall wird gegen Israel und seine Politik gewettert." (WELT 18.11.03, "'Adolf Hitler war in Ordnung.' Antisemitismus gehört in der arabischen Welt zum Alltag - Selbstkritik am Judenhass findet man selten" Christiane Buck)

Im letzten Zitat ist es die Journalistin, die "Juden" mit "Israel" gleichsetzt. In der historischen Dimension des "Arabischen/Islamischen Antisemitismus" wird die Vorstellung verfestigt, dass Palästinenser, Araber und Muslime auch schon früher anfällig für Judenhass/Nationalsozialismus waren, wie in dieser Überschrift von Matthias Küntzel in der taz am 12.04.03: "Ein deutsches Schweigen. Die Vorfahren der islamischen Hamas arbeiteten gern mit den Nazis zusammen. Ein Umstand, den die deutsche Linke in ihrer Nahostsolidarität gerne ausblendet". Auch: "Der Mufti und die Nazis. In seinem Buch ‚Djihad und Judenhass' macht Matthias Küntzel die Bedeutung des Antisemitismus für die Ideologie der Islamisten deutlich. In den Dreißigerjahren unterhielten die ‚Muslimbrüder' mehr als freundliche Beziehungen zu den Nazis." (Netzzeitung 07.04.03, Daniel Kilpert).

Nicht nur Import aus Europa, auch die Zusammenarbeit zwischen Islamisten und Rechtsextremen konstituiert die Assoziation, dass Antisemitismus heutzutage bei Arabern und Muslimen zu suchen ist. Die Topoi "Radikale Muslime verbinden sich mit rechten Extremisten" sowie "Die Gefahr versteckt sich in seriösen Gewändern" hebt Bundestagspräsident Thierse hervor: "Gewalttätige Angriffe auf jüdische Einrichtungen seien traurige Realität. Zudem bilde sich eine 'unheilvolle Allianz' von radikalen Muslimen und rechten Extremisten. Thierse betonte auch, dass die rechtsextreme Szene in 'seriöse Gewänder' schlüpfe. So sei es eine schlimme Behauptung, Deutschland werde wegen seiner Geschichte bis heute ausgenutzt." (taz 12.12.2003, S.2, "Bundestag gegen Antisemitismus"). Siehe auch diesen Teil einer Schlagzeile: "Ergebnis: Nicht nur Rechtsextremisten, auch Muslime üben Gewalt gegen Juden aus." (taz 02.12.03, S.4, Werner Bergmann-Interview von Jan Feddersen zur Antisemitismus-Studie der EU). Tatsächlich wird nicht nur radikalen Islamisten, sondern auch arabischen Migranten in der deutschen Presse häufiger vorgeworfen, irgendwie mit dem Holocaust in Verbindung zu stehen:

"Eine erstaunliche Entwicklung: Sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust scheint es für Juden in Deutschland wieder No-go-Areas zu geben: einmal mehr avancieren Juden zu 'Sündenböcken', wie es Juliane Wetzel sieht. Und Übergriffe muslimischer Migrantenkinder auf Juden in den vergangenen Jahren auch in Deutschland scheinen dieser Sichtweise Recht zu geben (siehe Kasten). Deniz Yücel kritisiert, dass auch manche Linke und Globalisierungskritiker das Problem bei Muslimen gern verdrängten: 'Man toleriert Islamismus und Antisemitismus als Teil der kulturellen Identität' - wenn man nicht gar selbst antisemitische Ansichten habe. Verhüllt als Antizionismus." (taz 02.12.03, S.4, "Wenn die Kippa wem nicht passt. Eine Studie der EU zeigt, dass Juden in Europa zunehmend von jungen Arabern bedroht werden", Jan Feddersen und Philipp Gessler)

Ähnlich im folgenden Beispiel. Der Nahostkonflikt würde an französischen Schulen für Antisemitismus sorgen. "Heranwachsende maghrebinischer Herkunft" seien dafür verantwortlich zu machen, wie es am Ende des Artikels heißt, aus dem diese Zitate stammen. Gleichzeitig zeigt der Artikel, dass hier Ausnahmen ausgewählt wurden, um eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Man beachte die Wendung: "Mit dem Vorwurf geschockt, Juden würden palästinensische Kinder töten", die schön zeigt, wie Kritik an der Besatzung durch den Antisemitismusvorwurf tabuisiert wird:

"Die Lage sei noch nicht dramatisch, aber (...). Anstoß für die Warnungen des Erziehungsministers ist der Fall eines elfjährigen jüdischen Schülers. An einer Mittelschule im 20. Pariser Arrondissement war der Junge von seinen arabischstämmigen Mitschülern als 'Dreckjude' beschimpft und mit dem Vorwurf geschockt worden, Juden würden palästinensische Kinder töten. Als sich der Junge gegen die Anschuldigungen zur Wehr setzte, verprügelten ihn die Schüler. Seine Eltern entschieden sich daraufhin, ihn auf eine jüdische Privatschule zu schicken. Nach Mitteilung des Rats der jüdischen Institutionen in Frankreich haben sich auch andere jüdische Familien entschlossen, ihre Kinder von öffentlichen Schulen zu nehmen. (...) Zwar sind solche Fälle nach Erkenntnissen des Erziehungsministeriums eher die Ausnahme." (FR 07.03.03, "Der Nahost-Konflikt schürt den Hass in französischen Schulen. In Pariser Problemvierteln häufen sich Übergriffe auf jüdische Jugendliche / Antisemitismus dringt in den Alltag vor", Hans-Hagen Bremer)

Junge Muslime und Araber und Türken sind aber nicht nur eine Gefahr für Juden, sondern zum Beispiel auch für Schwule. Bei solchen Artikeln - auch über die schwache Bildung in den arabischen Ländern - ist eine begleitende Selbstkritik angebracht, denn wenn man sich beispielsweise in der Schwulenszene umhören würde, wie es denn mit der Integration im Lande so aussieht, kann man nicht davon ausgehen, dass die Gefahr der Muslime so in den Vordergrund rücken würde:

"39 Prozent der Gewaltakte wurden von jungen Männern verübt, die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis zuzurechnen sind, egal ob sie einen deutschen Pass haben oder einen der Türkei. Die öffentliche Gefahr für Schwule geht extrem von Jugendlichen türkischer oder, generell, islamischer Prägung aus." (taz 8.11.03, S. 17, "Was guckst du? Bist du schwul? Ein hoher Prozentsatz der Gewalt gegen Schwule wird von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis verübt. Das Problem wird tabuisiert, seine Thematisierung ist politisch nicht korrekt. Stattdessen wird gefragt: Sind die Angegriffenen zu offen mit ihrer sexuellen Identität umgegangen?" Jan Feddersen)

Siehe auch: "Der Islam, das Gegenteil. Eine neue Studie des Innenministeriums warnt vor der Gewaltbereitschaft junger Muslime in Deutschland" (SZ 05.01.04, Alexander Kissler). Neben dem Import von Antisemitismus aus Europa gibt es auch einen Export vom Nahen Osten nach Europa, wie in der Überschrift eines Kommentars in der FR: "Die arabischen Wurzeln. Halbinsel exportierte gewaltbereiten Islamismus." (FR 04.03.03, Karl Grobe), oder auf Migranten bezogen: "Jugendliche Muslime, die ja häufig vor allem arabischsprachige Medien nutzen, übertragen den Nahostkonflikt auf Europa." (Werner Bergmann-Interview von Jan Feddersen zur Antisemitismus-Studie der EU, taz 02.12.03, S.4). Letztlich steht damit der gesamte Nahe und Mittlere Osten unter Verdacht. Man vermutet in dem Fremden eine "religiös verschlüsselte Metaphorik" und suggeriert im Titel, in aufklärerischer Weise ein Tabu zu brechen, auch das ein wiederkehrendes Motiv:

"Die Studie macht deutlich, dass dieser islamistische Judenhass keineswegs bloß eine Reaktion auf die israelische Besatzung in Palästina ist. Er gründet oft auf einer fest gefügten antisemitischen Weltanschauung, wie sie in arabischen Propagandapublikationen, in Zeitungen, auf Hörkassetten und durch das Internet über ganz Europa verbreitet werden. (...) Wer kann schon arabischen Predigten folgen, die viele Muslims in Europa in Moscheen hören, wer die arabischen und türkischen Bücher und Zeitungen verstehen, die sie täglich lesen? Wer kann die religiös verschlüsselte Metaphorik entziffern, der sich extremistische Gruppen bedienen?" (ZEIT 51/03, S. 7, "Bloß nicht zu laut sagen. Der islamische Extremismus in Europa nimmt zu. Das schadet auch den Muslimen", Richard Herzinger, über die Studie des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung)

"Muslime in Sorge", schreibt die FR am 08.12.03 (Ursula Rüssmann), denn solche Verdächtigungen kann man nur schwerlich entkräften, vor allem, wenn man z.B. mit der Besatzung Palästinas nicht einverstanden ist. In dem Artikel distanzieren sich Nadeem Elyas (Zentralrat der Muslime in Deutschland) und Ali Kizilkaya (Islamrat Deutschland) nach Veröffentlichung einer Wiener Studie vom Antisemitismus. Nachdem deutlich wurde, dass der Antisemitismusvorwurf fast unbegrenzt gemacht werden kann, können Zweifel und Angst, einmal gestreut, unabhängig von jedweden Gegenargumenten oder Versuchen von vertrauensbildenden Handlungen zu der Vorstellung führen, dass Islamisten/Radikale/Muslime etc. jederzeit antisemitisch aktivierbar sind, sei es als Schläfer, als Frustrierte, als Verrückte etc.. Am Schluss des Artikels heißt es dahingehend: "Zugleich hätten die Verbände zunehmend mit latentem Antisemitismus an der Basis zu kämpfen. 'Da wächst was von unten', warnt Jürgen Micksch, Vorsitzender des Rats. Im jüdischen Bereich hätten sich zugleich 'sehr starke Ängste' entwickelt, die den Dialog mit Muslimen erschweren." Sehr starke Ängste im jüdischen Bereich, das durchgängige und nicht hinterfragbare Argument.

Des Antisemitismus, aber auch des Terrorismus wird der Islam in dieser Weise verdächtigt. Es liegt eine Erwartungshaltung vor, ein Angstbild, das sich erfüllen "soll". Der Fokus des Szenarios liegt auf dem Extrem und nicht auf dem Aufbau konstruktiver Dialogmomente mit einem moderaten muslimischen Mainstream, dessen Existenz nicht in dieses Bild passen würde und der also nicht als Gesprächspartner erkannt wird. Eher wird eine Doppelmoral beim Anderen vermutet, da, wo man sich nicht sicher ist. Sehr deutlich in den folgenden zwei Meldungen:

"Islamische Extremisten in Deutschland haben nach Angaben des bayerischen Innenministers Günter Beckstein bisher 'überraschend ruhig und still' auf den Irak-Krieg reagiert. Der Verfassungsschutz habe 'eher eine Reduzierung der Aktivitäten festgestellt', sagte Beckstein am Montag in München. (...) Doch bei aufwühlenden Bildern von zivilen Kriegsopfern könne die Lage blitzschnell umschlagen, warnte Beckstein. Bei einem türkischen Einmarsch in Nordirak könnte auch die kurdische PKK/Kadek wieder militant werden." (FR 25.03.03, "Verfassungsschutz: Islamisten bislang 'überraschend still'", ap)

"Nach den Feststellungen der Nachrichtendienste verfolgen die fundamentalistischen Organisationen eine Doppelstrategie: In der Öffentlichkeit präsentierten sie sich gesetzestreu, tolerant und dialogbereit. In Wahrheit aber, so Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU), ‚streben sie eine totalitäre islamistische Gesellschaft an, die sämtliche Werte unserer Ordnung außer Kraft setzen soll'. Auf diesem Weg nutzten die Islamisten ‚massiv Einbürgerungen', bekräftigt der Minister Erkenntnisse des hessischen Verfassungsschutzes, die sich mit denen anderer Landesämter decken." (WELT 05.06.03, "Fanatiker bemühen sich verstärkt um Einbürgerung", Peter Scherer)

2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld

Ein ganz anderes Bild von der Virulenz des Feindbilds Islam als die vorliegende Studie zeichnet Eberhard Seidel in der taz am 10.03.03 auf Seite 15: "Wenn Selbstkritik offene Türen einrennt. Der Kampf der Kulturen fällt aus: Die Deutschen sind seit dem 11. September 2001 islamfreundlicher und aufgeklärter als ihre europäischen Nachbarn. Der Dialog der Kulturen hat dennoch ein Problem: Wir machen immer nur den Westen für den desolaten Zustand der arabischen Welt verantwortlich." Demnach gibt es gar kein Feindbild Islam. Auch wird hier wieder "mit etwas bösem Willen" der Antisemitismusvorwurf an jemanden gerichtet, der sich für Palästina einsetzt:

"Im Gegensatz zu Großbritannien, Italien und den Niederlanden fehlt in Deutschland jeder Ansatz von antiarabischer und antiislamistischer Kampfbereitschaft. (...) In keinem anderen westeuropäischen Land wurden nach dem 11. September so wenig antiislamische Übergriffe registriert wie in Deutschland. Der Duisburger Diskursanalytiker Siegfried Jäger, dessen wachem Auge kein rassistischer Beitrag in den Medien entgeht, widerspricht der ‚Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit' (EUMC), die in ihrem jüngsten Bericht behauptet: Die Fremdenfeindlichkeit habe nach dem 11. September wegen der verstärkten Angst vor dem Islam zugenommen. (...) Seit dem 11. September 2001 ist die Berichterstattung über Einwanderer und den Islam in Deutschland weniger dramatisierend als in der Zeit davor, es wird seltener ein Feindbild Islam konstruiert. Diese Einschätzung basiert auf der Auswertung von mehr als 1.000 Artikeln aus Bild, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frankfurter Rundschau und Focus. (...) Warum erhält Küng Beifall auf offener Szene, wenn er mit hohem moralischem Tremolo die palästinensischen Opfer des Nahostkonflikts beklagt, aber kein Wort des Mitgefühls für die israelischen übrig hat? Mit etwas bösem Willen kann man in all diese Reaktionen einen geschickt verkleideten Antisemitismus hineininterpretieren. (...) Offensichtlich ist es einfacher, den Westen für den desolaten Zustand der arabischen Welt verantwortlich zu machen, als zu sagen: Die Menschen in den arabischen Ländern werden von einem verkommenen Haufen von Despoten regiert und drangsaliert."

Ähnlich am 20.01.04. In Seidels und Michael Kiefers Anschuldigungen sieht man, wie Muslime mit Nazis verglichen werden ("islamisierter Antisemitismus"), weil eine Ähnlichkeit durch vermeintliche Judenablehnung (und nicht etwa Ablehnung von Besatzern und deren Spezis) gesehen wird. Die strikte Trennung zwischen dem Israel/Antisemitismus-Szenario und dem Palästina-Szenario erschwert die Sicht auf die Gesamtsituation. Während der ferne Mahatir, arabische Politiker und Geistliche und die ganze zweite Intifada bemüht werden, um politische Situationen zu deuten und zu erklären, fällt kein Wort über die Besatzung, die sogar mehr Grund zur Wut bietet und darüber, dass dies auf die unkritischen Israel-Unterstützer auch in Deutschland zurückfällt:

"Die zahlreichen rassistischen Gewalttaten der letzten fünfzehn Jahre galten, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen Muslimen und deren Organisationen als solche." "Die These, Antiislamismus ersetze Antisemitismus, geht in der Regel mit der Bereitschaft einher, Handlungen und Äußerungen von Muslimen - und seien sie auch noch so verwerflich - mit einer großen Duldsamkeit und Toleranz zur Kenntnis zu nehmen. Wie das funktioniert, lässt sich unter anderem in einem Interview mit Navid Kermani zum 'Islamischen Antijudaismus' nachlesen (taz, 26. 11. 03). (...) Die Ausführungen Mahathirs, die eine jüdische Weltverschwörung konstruieren, lassen kein relativierendes Aber zu. (...) Selbst hohe sunnitische Würdenträger vertreten in Bezug auf den Palästinakonflikt seit Jahren Positionen, die mit Antisemitismen durchsetzt sind. Bekannt ist vor allem Scheich Mohammed Sayyid Tantawi (...)" "Antisemitische Deutungsmuster haben sich seit Beginn der zweiten Intifada unter Muslimen epidemisch verbreitet. Wer Zweifel hegt, dem sei die im Jahr 2002 erschienene Studie 'Muslim Antisemitism - A Clear and Present Danger' von Robert Wistrich, dem Autor des Standardwerkes 'Der antisemitische Wahn', empfohlen. Auch in Westeuropa hat der Antisemitismus unter den Muslimen erheblich an Boden gewonnen, wie die in der kürzlich veröffentlichten Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für Rassismus (EUMC) aufgelisteten Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen belegen. Von vergleichbaren Angriffen europäischer Juden auf Muslime ist bislang noch nichts zu hören gewesen. Angesichts dieser Entwicklungen ist die These, der Antiislamismus habe den Antisemitismus ersetzt, verantwortungslos, da sie reale Gefährdungslagen verschleiert. Deutschland braucht keinen ideologisierten Wettbewerb von Minderheitengruppen, sondern nüchterne Analysen zum deutschen und islamisierten Antisemitismus sowie zum Ausmaß und Gefährdungspotenzial der Islamfeindlichkeit." (taz 20.01.04, S. 12, "Kein Vergleich. Die These, der Antisemitismus sei durch einen neuen Antiislamismus abgelöst worden, ist nicht belegbar und verantwortungslos. Sie verschleiert die wahren Gefährdungslagen", Michael Kiefer / Eberhard Seidel - Seidel war bis 2002 Leiter des taz-Inlandressorts. Von ihm erschien kürzlich "Die schwierige Balance zwischen Islamkritik und Islamphobie", Michael Kiefer ist Islamwissenschaftler in Düsseldorf. Von ihm erschien 2002: "Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften")

Bezeichnend Sätze wie: "Antisemitische Deutungsmuster haben sich seit Beginn der zweiten Intifada unter Muslimen epidemisch verbreitet" mit der für Feindbilder typischen Krankheitsmetaphorik (auch das Wort "Wahn" ist typisch), der in verbrämter Form nichts anderes sagt, als dass sich großer Unmut über die Besatzung zeigte. Eine Binsenweisheit, die hier als Antisemitismus verkauft wird. Die "reale Gefährdungslage" geht daher eher von Seidel und Kiefer aus, die ständig Antisemitismus rufen und damit das Gespräch beenden. Sie begünstigen und erhalten die Angst- und Ausgrenzgesellschaft, denn Lösungen zu einem sozialen Frieden gibt es hier nicht außer der vollständigen Unterordnung unter die Obrigkeit der Antisemitismusrufer. Und darunter haben wir alle zu leiden, nicht nur die Muslime. Eine erwähnenswerte These zu den Ursachen des muslimischen Antisemitismus stellen ergänzend Werner Bergmann und die taz auf, wenn sie sich fragen: "taz: Neiden viele Muslime Juden die erfolgreiche Ankunft in der Bürgerlichkeit? Bergmann: Das könnte eine Rolle spielen." (taz 02.12.03, S.4, Werner Bergmann-Interview von Jan Feddersen zur Antisemitismus-Studie der EU).

Die palästinensische Autorin Ghada Karmi (Exeter Universität) weist in der SZ am 13.01.04 hin auf "Eine gefährliche Obsession. Der arabische Verfolgungswahn". In diesem Artikel nennt sie arabisch-muslimische Verschwörungstheorien, die sich zum Beispiel auf die "Protokolle der Weisen von Zion" beziehen, aber auch auf die Briten und die Amerikaner. "Viele Araber sind von der Verschwörungstheorie notorisch abhängig", schreibt Karmi und gibt eine Reihe von Beispielen, bei denen sie sich auf Gäste ihres Elternhauses bezieht und Formulierungen verwendet wie "munkeln" und "Es hieß" und "man" und "wird behauptet" und "Die Verschwörungsanhänger waren auch der Ansicht..." und "Die Verschwörungstheorie besagte außerdem...". Karmi spricht von einer "selbstzerstörerischen Bigotterie" und verweist, wie unten zu sehen, auf "Hirngespinste", die "mit den arabischen Niederlagen und der Machtlosigkeit" zu erklären seien:

Das Problematische an diesen Theorien ist, dass sie oberflächlich gesehen durchaus Plausibilitätsgründe gibt. (...) In der Tat haben sich im Westen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens äußerst kritisch über den Islam geäußert. Die derben anti-muslimischen Bemerkungen von William Boykin, einem hoch dekorierten amerikanischen General, wurden ohne mit der Wimper zu zucken hingenommen." "Geht man von den ursprünglichen historischen Voraussetzungen aus, lässt sich nachvollziehen, wie eine entsprechende Kombination von Tatsachen unweigerlich zu dem Schluss führt, es gebe tatsächlich eine Verschwörung gegen den Islam. Je mehr die amerikanischisraelische Achse die arabische Welt vereinnahmt, desto stärker setzen sich Vorstellungen von einer anti-islamischen Verschwörung fest. Doch selbst wenn sie prima facie überzeugend wirken, wäre es ein großer Irrtum, ihnen Glauben zu schenken. Am ehesten sind diese Hirngespinste mit den arabischen Niederlagen und der Machtlosigkeit zu erklären. Sie sind Ausdruck eines defensiven Rückzugs von der Wirklichkeit - darum sind sie aber nicht weniger gefährlich. Sie lähmen das analytische Denken, verschleiern die wahren Ursachen für die Unterlegenheit der Araber und füttern den arabisch-muslimischen Antisemitismus. Die Hauptfrage, derer sich die arabische Welt heute annehmen muss, ist, wie sie dieses gefährliche Abgleiten in den Verfolgungswahn und diese selbstzerstörerische, religiöse Bigotterie in den Griff bekommen kann. Denn die vorrangige Aufgabe ist, die israelische Besatzung und den Drang der neo-konservativen US-Regierung nach Hegemonie im Nahen Osten anzugehen. Beides hat mit Religion wenig zu tun, auch wenn sich die Akteure ihrer Symbole bedienen." (Deutsch von Alexandra Senfft)

Über ihrem Unmut hinsichtlich arabischer Verschwörungstheorien gegen den Islam nimmt Ghada Karmi tatsächliche Aggressionen gegen Muslime "ohne mit der Wimper zu zucken" hin. Während sie auf Seiten des Ostens von "religiöser Bigotterie" spricht, heißt es einen Atemzug später für die westliche Seite: "hat mit Religion wenig zu tun, auch wenn sich die Akteure ihrer Symbole bedienen." Die "vorrangige Aufgabe" ist also nicht, "die israelische Besatzung und den Drang der neo-konservativen US-Regierung nach Hegemonie im Nahen Osten anzugehen", wie Karmi in Kürze schreibt, sondern die arabisch-muslimische "Bigotterie" anzugehen, wovon der gesamte Artikel handelt. Die Proportionen stimmen hier nicht ganz. Man muss auch keine Verschwörungstheorien gegen den Islam bemühen, um sich ein Bild von der politischen Lage zu machen. Verschwörungstheorien jedenfalls - zumal private - stehen in keinem Verhältnis zu Menschenrechtsverletzungen und Verletzungen des internationalen Rechts. Man könnte übrigens nach der Lektüre von Ghada Karmi fast denken, die Araber und Muslime hätten sich irgendwie verschworen...

Anschluss Teil 2.7 >>


Fußnoten:

1: Bei Herrn Degen ist dennoch deutlich, dass er nicht aus Böswilligkeit spricht, sondern eben aus diesen Szenarios heraus. Siehe als Beleg diese Kritik: "Dieser Philosemitismus geht mir auf den Wecker. Er ist unwahr und heuchlerisch. Der einzige, dem diese Heuchelei zuwider wurde und der dann explodiert ist, war Walser." (Jüdische Allgemeine online, 05.03.03, "Der Philosemitismus geht mir auf den Wecker" Ein Gespräch (von Daniela Breitbart) mit Michael Degen über Gott, die Welt und den Umgang mit dem Judenhaß") (zurück)
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