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ESSAY 14 / Teil 2.4
Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung
Darstellung und Auswertung von Pressequellen
Studie zum Attac-Workshop "Semitismus/Nahost" am 14./15.02.2004 in Hannover
von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004
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2. Topoi des Semitismus/Nahostkonflikts:
2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung
2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich?
2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus
2.4 Der "Neue Antisemitismus"
    2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios
    2.4.2 Aristoteles' Logik
    2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe
2.5 Markierung und Selbstmarkierung
2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus"
    2.6.1 Terrorismus-Szenario
    2.6.2 Der Vernichtungs-Topos
    2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel
    2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten
    2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld
2.7 Feindbild Islam/Araber
    2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler
    2.7.2 Feindbild und Islam/Araber
    2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
2.8 Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs
    2.8.1 Erzieherische Maßnahmen
    2.8.2 Einschränkung von Freiheiten
    2.8.3 Ausschluss von Diskursteilnehmern
    2.8.4 Rechtfertigung von Gewalt
2.9 Die Rechts-Links-Dichotomie / Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.1 Die Rechts/Links-Dichotomie
    2.9.2 Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.3 Das Opfer-Täter-Stereotyp
    2.9.4 Das Problem der Historizität von Szenarien
    2.9.5 Das Problem der Kollektivverantwortung von Gruppen
2.10 Position des Zionismus
    2.10.1 Über Zionismuskritik
    2.10.2 "Ideologie"
2.11 Demokratiekritik
    2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen
    2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten
    2.11.3 Fazit

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- Teil 2.4 Der "Neue Antisemitismus" -

2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios

Unter Begriffen wie "neuer, latenter, beiläufiger, struktureller, larvierter, sekundärer, chiffrierter etc."1 Antisemitismus - siehe auch das Szenario in der Einleitung dieser Studie - gibt es die unterschiedlichsten Vorstellungen. Hier einige Definitionen und Beschreibungen aus der Presse:

"An die Stelle des programmatischen ist (...) ein beiläufiger Antisemitismus getreten, der mit Verdacht und Ressentiments arbeitet und sich bisweilen auch als politisches Engagement zu tarnen weiß. (...) Der Fall Honderich ist aber auch ein Lehrstück öffentlicher Debattenkultur, das sich einreiht in die jüngsten Auseinandersetzungen um Äußerungen, Zeitungsartikel und Bücher, die sich zuletzt mit Namen wie Finkelstein, Möllemann, Karsli und Walser verbanden, wie unterschiedlich die jeweilige Sachlage auch immer sein mochte. (...) Die in immer wieder neuer Form auftretenden Irritationen zeigen jedoch, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft mit seiner antisemitischen Vorgeschichte längst noch nicht fertig ist." (FR 08.08.03, "Der beiläufige Antisemitismus", Harry Nutt)

"Darf also nur wer aus dem Rassismus der Nazis heraus Juden hasst, schmähen, schädigen und umbringen will, als 'Antisemit' bezeichnet werden?" (taz /hagalil.com 16.09.03, S.12, "Antisemitismusvorwurf: ... die Augen fest geschlossen. Dient der Antisemitismusvorwurf der Aufklärung?", Brumlik)

"Kaum einer will noch Antisemit sein. Das heutige Ressentiment spricht selten von der Rasse oder von einem biologischen Wesen des Juden. Der neue Antisemitismus ist schwer zu fassen, weil dem offenen Judenhass seit Auschwitz der Leichengeruch von Millionen anhaftet. So gibt sich, wer gegen Juden redet, kritisch, verwendet politische Begriffe, wenn auch im ethnischen Sinn, und obgleich Vorwürfe gegen Israel nicht antisemitisch motiviert sein müssen, sind sie es nicht selten. (...) Seit Stalins Ärzteprozessen ist die Chiffre Zionisten längst zu einem Schlagwort und zu einem Code verkommen, mit dem gegen alle Juden gehetzt werden kann." (FR 26.08.03, "Importware Judenhass. Antisemitismus und Antizionismus: Eine Begriffsklärung", Doron Rabinovici)

Wiederkehrendes Motiv bei den neuen Formen des Antisemitismus ist, dass er versteckt ist und sich verleugnet. Siehe auch: "Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Der Antisemitismus ist allgegenwärtig, aber es gibt kaum Antisemiten." (taz 26.09.03, S.12, Schapira). Ein typischer Topos auch für Feindbilder, denn es wird ein Verdacht aufgebaut, der durch Argumente oder irgendwie anders nicht wieder abgebaut werden kann. Ähnlich verhält es sich mit der Schläfer-Theorie. Der Feind wird erklärt als nicht erkennbar und starr. "Das Böse" ist allgegenwärtig:

"Da das Böse bekanntlich 'immer und überall' ist, kann für den Antisemitismus nichts anderes gelten: Selbst da, wo er sich unkenntlich macht, wird irgendeiner ihm die menschenfreundliche Maske von der Fratze reißen. Nur mitunter zieht man eben dann auch an solchen Bärten, die nicht angeklebt sind und überdies an jenen, die einigen Moraldiskursen inzwischen gewachsen sind. Jene Zeiten, in denen Houston Stewart Chamberlain die 'Grundlagen des 19. Jahrhunderts' schrieb und keinen Zweifel daran ließ, was manifester Antisemitismus ist, sind dahin. Das muss kein Grund sein, den larvierten Antisemitismus zu ignorieren. Immerhin wird aber bei solchen 'Klassikern' der Menschenverachtung wie Chamberlains Tiraden deutlich, was Antisemitismus eigentlich ist: Das Judentum wird zu einem überhistorischen Erklärungsprinzip gemacht, das für die Übel und Widrigkeiten der Welt verantwortlich ist, um darin die unbedingte Legitimation seiner Bekämpfung respektive Vernichtung zu finden." (Telepolis, 08.08.03, "Antisemitischer Antizionismus im Sommerloch. Ted Honderich rechtfertigt palästinensische Selbstmordattentäter", Goedart Palm)

Das Genaueste, was man über den "Neuen Antisemitismus" sagen kann, ist, dass es nicht der Antisemitismus der Nazizeit ist, denn sonst würde er nicht "neu" genannt. Ebenso kann man festhalten, dass diejenigen, die den Vorwurf aussprechen, bei weitem deutlicher zu erfassen sind als die, gegen die sich der Vorwurf richtet. Auffallend ist auch, dass häufig mit unklaren Argumentationen gearbeitet wird, die den Verdacht der Spiegelkritik auf sich ziehen. Wenn also gesagt wird, dass man den neuen Antisemitismus nicht richtig erkennen kann, dass er mit Verdacht arbeite und sich zu tarnen wisse, dann kann das bisweilen auf den Vorwurf selbst zutreffen. Bei überzeichneten Generalisierungen liegt das nahe, wie hier: "Sie relativieren bestehenden Antisemitismus. Neoantisemiten geben niemals offen zu, dass sie Antisemiten sind. Sie sehen sich als Vertreter der Wahrheit. Sie haben gelernt innerhalb der modernen Medienwelt antisemitische Positionen zu verstecken." (alternativ.net, 31.10.03, "Gedanken zur Zeit: Neoantisemiten", Thilo Pfennig).

Die Unschärfe und Vagheit der Beschreibungen in diesem Szenario ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es so viele Institutionen, Seminare und Arbeitsgruppen gibt, die nach dem Antisemitismus forschen. Da ist zum Beispiel das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, wo Micha Brumlik und Wolfgang Benz forschen und werten: "Der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hält die ‚verschwörungstheoretischen Rundumschläge' Möllemanns für ‚völlig unbeweisbar'. ‚Diese Behauptungen sind ebenso infam wie töricht', sagte Benz dem Tagesspiegel. Möllemanns antisemitische Tendenzen, erkennbar bereits in seinem Wahlkampf-Flugblatt, würden erneut offenkundig, so Benz." (Tsp 12.03.03, "Möllemann: Israel erpresst Westerwelle. Was der NRW-Politiker in seinem Buch ‚Klartext' behauptet, erzürnt nicht nur den FDP-Chef", S. Feuss und R. von Rimscha). Im Sinne der Spiegelkritik kann man darauf hinweisen, dass auch die Theorie vom "Neuen Antisemitismus" - und analog für Antiamerikanismus - eine Verschwörungstheorie darstellt, die ebenfalls kaum beweisbar ist, siehe auch: "Verschwörungstheorien, Projektion auf einen Sündenbock, Furcht vor Säkularisierung und Geldkultur: in diesen Aspekten ähnelt der Antiamerikanismus den Mechanismen des Antisemitismus - unabhängig davon, dass dieser Vorwurf in Amerika auf den Konferenzen aller politischen Lager inflationär erhoben wird." (SZ 29.07.03, "Wo der Feind steht. Die USA quält die Sorge um den Antiamerikanismus", Andrian Kreye). Im Kontext mit einer EU-Konferenz über Antisemitismus hieß es in der taz:

"Der jüdische Weltkongress (WJC), der Europäische Jüdische Kongress (EJC) und die EU-Kommission haben ihren Streit um Antisemitismusvorwürfe beigelegt. Der Sondergesandte Israel Singer sprach EU-Kommissionspräsident Romano Prodi am Donnerstag in Brüssel im Namen der beiden einflussreichen jüdischen Organisationen das 'volle Vertrauen' aus." (taz 09.01.04, S.10. Siehe auch SZ 04.11.03, "Europäische Union. Empörung über Umfrage-Ergebnis zu Israel" und FAZ 06.01.04, S. 2, "Prodi weist Antisemitismus-Vorwürfe scharf zurück", Michael Stabenow)

Angesichts der Quantität und Bedeutung der Antisemitismus-"Forschungs"-Instanzen merkt auch die junge Welt an, dass der Antisemitismus dort nicht nur untersucht, sondern jedenfalls festgestellt wird:

"Im Frühjahr 2002 gab (Das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia EUMC in Wien, eine EU-Einrichtung,) dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin den Auftrag, Antisemitismus in den 15 Ländern der Europäischen Union, untersuchen - oder besser gesagt: feststellen - zu lassen. Werner Bergmann und Juliane Wetzel koordinierten im Berliner Institut die Erhebungen (...)" (jW 16.12.03, Thema, "Scharons Hexenküche. Eine verwerfliche Studie über Antisemitismus in Europa", Steinberg)

Dass etwas gesucht wird, was nicht genau bestimmt werden muss, geht aus dem Topos "Kein Antisemitismus, aber!" hervor. In den folgenden drei Beispielen wird argumentiert, dass auf eine differenzierte Argumentation verzichtet werden kann, dass es beim Antisemitismusvorwurf um ein Mittel zum Zweck gehen kann, in der Sorge um die politische Kultur dieses Landes:

"Antisemitische Spurenelemente im Sommerloch sind an sich höchst verdächtig. Ist doch zu besorgen, dass ein medienträchtig immergrünes Thema selbst mit einem Spektakelchen die Aufmerksamkeit erzielt, die in der übrigen Jahreszeit durch Ereignisse verdrängt werden könnte. (...) Für die antisemitischen Spurensucher ist Honderich der klassische antisemitische Antizionist. Die Diskurswahrer auf der anderen Seite erklären uns wiederum die sattsam bekannten Unterschiede zwischen Antizionismus, Antisemitismus und der Kritik an der israelischen Siedlungspolitik. Wir möchten das eigentlich nicht mehr hören (...)" (Telepolis, 08.08.03, "Antisemitischer Antizionismus im Sommerloch. Ted Honderich rechtfertigt palästinensische Selbstmordattentäter", Goedart Palm)

"Micha Brumlik hat zu Recht Erfolg gehabt, wenn auch mit einem etwas unscharfen Antisemitismus-Vorwurf." "Der Treibstoff dieser Affäre ist der Antisemitismus-Vorwurf, der in Deutschland verlässlich alle Alarmglocken schrillen lässt. Ist 'Nach dem Terror' antisemitisch? Nein - zumindest nicht im üblichen Sinne. Es gibt in dem Buch keinen Judenhass und keines der klassischen Ressentiments. Allerdings ist es voller Affekte gegen Israel, die in der forschen Rechtfertigung des Terrors gegen israelische Zivilisten kulminieren. Das ist etwas anderes als Antisemitismus - aber intellektuell nicht weniger blamabel." (taz 08.08.03, S. 16, "Moralphilosophie am Tresen. Der Suhrkamp Verlag zieht ein Buch des britisch-kanadischen Philosophen Ted Honderich zurück, nachdem Micha Brumlik ihm Antisemitismus vorgeworfen hat. Es geht dabei um den Nahostkonflikt", Stefan Reinecke)

"Die bundesrepublikanische Debatte über Antisemitismus krankt an ihrem Schwanken zwischen haltlosem Alarmismus und unbegründeter Verharmlosung. Gewiss: Jemanden als ‚Antisemiten' zu bezeichnen, ist nach Auschwitz einer der moralisch schwerwiegendsten Vorwürfe, obwohl doch manche Antisemiten - wie Möllemann und Walser - gar nicht auf Gaskammern und Vertreibung zielen, sondern nur Stimmung machen und Ressentiments bedienen wollen." (...) "Wenn denn schon die Empfindungen der jüdischen Minderheit in Deutschland kaum noch zählen, dann vielleicht doch die Sorge um die politische Kultur dieses Landes. Im Antisemitismus bündeln sich wie in einem Prisma Ethnozentrismus, Demokratieverdrossenheit, Autoritarismus und blinder Egoismus. Wer den Antisemitismus verharmlost, verstärkt die Ausprägung auch dieser Einstellungen." (FR 17.06.03, "In der Arena. Missverstandene Pietät wäre das falsche Signal: Denn Jürgen W. Möllemanns Antisemitismus war kein bürgerliches Kavaliersdelikt", Brumlik)

Besonders das letzte Beispiel ist interessant, weil es von "haltlosem Alarmismus" spricht, der zumindest einen Teil der Problematik ausmacht, sonst würde er nicht genannt. Man findet hin und wieder Hinweise in der Presse dahingehend, dass sich auch die Opfergruppe (hinsichtlich des Antisemitismus, alt wie neu) über gewisse Übersensibilitäten bewusst, vielleicht halbbewusst ist, wie im FR-Interview mit der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev am 25.01.03.2 Zu diesem Thema auch: "Gasmasken gehören in Israel wieder zum Alltag. Kampfjets kontrollieren permanent den Luftraum - auch wenn die Bedrohung ‚minimal' ist." (FR 21.03.03, Inge Günther).

Brumlik - wie gesehen ein maßgeblicher Akteur in diesem Diskurs - gibt hier auch zu, dass der Antisemitsmusvorwurf "einer der moralisch schwerwiegendsten Vorwürfe" ist, die man überhaupt machen kann. Dabei geht es letztlich um "Stimmungmache" und das "Bedienen von Ressentiments", ein weiterer Topos des Diskurses. Auch dieser Topos ist ein potenzieller Spiegel-Topos, er kann auf den Urheber zurückfallen. Immerhin handelt es sich um Mutmaßungen, die nicht unwidersprochen im Raum stehen, sondern zu einem großen Teil Ansichtssache sind.

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Heinz-Galinski-Preises am 26. November 2003 sprach Jan Philipp Reemtsma über Antisemitismus, Hohmann, das Holocaust-Mahnmal und Begriffe wie "Tätervolk" und "Kollektivschuld". Reemtsma ist Gründer und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Literaturwissenschaftler und Essayist. Über die Herausforderung des Antisemitismus sagt er, sie sei eine "Mischung aus Konstanz und Variation". Auch bei ihm ist es letztlich ein "kein Antisemitismus, aber"-Artikel. Tauscht man den Begriff "Antisemitismus/Antisemit" aus durch "Antisemitismusvorwurf/-Suchender" und tauscht man "Jude" gegen "Antisemit", dann ergibt sich eine Spiegelvariante der Aussage:

"Darin besteht die Stärke des Antisemiten: Seine paranoide Nervosität zeigt ihm, wo es einen anderen sticht, dem er dann erklären kann, was das wieder mit den Juden zu tun hat." "Das solche Ereignisse begleitende permanente Gefühl des Unbehagens, das man endlich lossein möchte, ist für die antisemitische Leidenschaft eine ideale Gelegenheit, sich zu engagieren." "Lang dauernde Verfolgungsgeschichten produzieren ihre eigenen Rechtfertigungen. Aus der Sorge, es könnte sich irgendwann einmal rächen, was man getan hat, entsteht die Furcht vor dem, der auf Rache sinnt - das Shylock-Schema. Am Ende stabilisieren sich lang dauernde Verfolgungsgeschichten selbst, indem sie ihre eigene Legitimation werden: Irgendwas muss an den Juden doch sein, dass wir sie so andauernd verfolgen. Von dort öffnet sich das historische Feld. Jetzt ist jedes Beispiel, dass irgendwo irgendein Jude irgendetwas getan hat oder an etwas beteiligt war, das man nicht schätzt, ein unwiderleglicher Beleg: Da kann man es wieder einmal sehen." (taz/Le Monde diplomatique 12.12.03, "Vom Nutzen eines Tabus", Jan Philipp Reemtsma)

Dahinter steht aber etwas anderes. Reemtsma verwendet zwar das "Neuer Antisemitismus"-Szenario inklusive Feindbildbegriffen wie "paranoid", aber er erkennt, dass die wichtigen Fragen tabuisiert wurden/werden und spricht sich deutlich für einen tatsächlichen gesellschaftlichen Dialog aus, der zu Lösungen führt statt zu Verdrängungen. Darin unterscheidet er sich merklich vom Gros der Antisemitismus-Suchenden:

"Oft ist die offizielle Abwehr antisemitischer Äußerungen nichts weiter als eine Bekräftigung eines politischen Tabus. Tabus können nützlich sein, wenn man sonst nichts hat, aber auf lange Sicht bewirken sie keine Einsichten, sondern nur Resistenzen. Warum man eigentlich Hohmann ausschloss, was denn eigentlich an seinen Äußerungen nicht erträglich war - darüber wurde der normale Nachrichtenkonsument seitens der hauptamtlich damit befassten Politikerinnen und Politiker nicht belehrt, höchstens hier und da seitens einiger journalistischer Kommentare."

Der in Chicago und Oxford lehrende Brian Klug3 kritisiert den Begriff des "Neuen Antisemitismus" in seinem längeren Essay "The Myth of the New Anti-Semitism". Im Essay wird argumentiert, dass das "Neue" im Wesentlichen darin bestehe, dass auch Anti-Zionismus und Kritik an Israel als Antisemitismus bezeichnet werden können. Über das Phänomen schreibt er zuvor:

"A spate of recent articles and books assert the rise of a 'new anti-Semitism.' This is the thrust of 'Graffiti on History's Walls' by Mortimer Zuckerman, the cover story of the November 3, 2003, issue of U.S. News & World Report. In December New York magazine ran a similarly sensationalist cover story, titled 'The Return of Anti-Semitism,' which spoke of 'a groundswell of hate' against Jews and suggested that Jew-hatred was now 'politically correct' in Europe. At least three books recently published in English make the same claim: Never Again? by Abraham Foxman, national director of the Anti-Defamation League; The New Anti-Semitism by feminist Phyllis Chesler; and The Case for Israel by Harvard law professor Alan Dershowitz. Most of the contributors to A New Antisemitism?, edited by Paul Iganski and Barry Kosmin, take a similar view, with varying degrees of emphasis. (...) The authors under review tend to lump all these facts together, along with a wealth of evidence for what they see as an explosion of bias against Israel: in the media, in the United Nations, on college campuses and elsewhere. They conclude that there is a single unified phenomenon, a 'new antiSemitism.' However, while the facts give cause for serious concern, the idea that they add up to a new kind of anti-Semitism is confused. Moreover, this confusion, combined with a McCarthyite tendency to see anti-Semites under every bed, arguably contributes to the climate of hostility toward Jews." (The Nation, gesehen Januar 04, siehe www.thenation.com/doc.mhtml%3Fi=20040202&s=klug)

2.4.2 Aristoteles' Logik

Die Logik des Aristoteles (384-324 v.Chr.) veränderte das menschliche Kollektivbewusstsein in Ost und West nachhaltig. In der ersten Analytik legt Aristoteles die Grundzüge seiner Logik dar. Die Verknüpfung zweier Urteile zu einem dritten nennt er "Syllogismus". Als klassisches Beispiel dafür gilt: "(1) Alle Menschen sind sterblich. (2) Sokrates ist ein Mensch. (3) Also: Sokrates ist sterblich", wobei die Sätze (1) und (2) Prämissen genannt werden und (3) Conclusio. "Mensch" ist in diesem Syllogismus der so genannte "Mittelbegriff", der in der Conclusio herausfällt. (siehe dtv-Atlas zur Philosophie, 5. Aufl. 1991, S. 47).

Folgender Dreisatz hingegen ist kein gültiger Syllogismus: (1) Nazis kritisieren Israel. (2) Sokrates kritisiert Israel. (3) Also: Sokrates ist ein Nazi." Auf diesen Umstand hinzuweisen ist in diesem Diskurs notwendig, weil der Antisemitismusvorwurf häufig in Verbindung steht mit unlogischen Ableitungen. Dabei geht es um den wichtigen Topos der Vereinnahmung von der falschen Seite und der Anknüpfungspunkte zu Rechtsextremen und anderen Antisemiten. Gerade in der Diskussion um und bei Attac ist es immer wieder zu solchen Konstruktionen gekommen. Bei Herrn Möllemann war es auch so. Aber auch in Verknüpfung mit dem israelischen Diskurs kommt der Topos vor wie hier:

"Darüber hinaus wehrt sich der Historiker gegen das Argument, Israel sei einer permanenten existentiellen Bedrohung durch die arabischen Nachbarstaaten ausgesetzt. Dabei habe die israelische Armee in vergangenen Kriegen ihre erdrückende Übermacht hinreichend demonstriert. Weil die Gründung Israels aber mit einer ‚großen Katastrophe des palästinensischen Volkes' einherging, müsse man sich einer besonderen Verantwortung bewusst sein. In der friedlichen Koexistenz mit den Palästinensern, die aber nur für den Preis der Räumung der besetzten Gebiete zu haben ist, sieht Zuckermann die einzige Chance für die Zukunft des Staates. Dass man mit diesen Ansichten in Deutschland leicht von der falschen Seite vereinnahmt wird, liegt auf der Hand..." (FR 27.06.03, "Der Optimist. Moshe Zuckermann diskutiert mit ‚Konkret'-Autoren", Elke Schubert)

"Karsli, der Syrer mit deutschem Pass, und Möllemann, der Deutsche mit arabischer Gesinnung. Das waren Brüder im Geiste, eine Verbindung, explosiv. Sie lösten im Bundestagswahlkampf 2002 mit israel- und judenfeindlichen Äußerungen eine Antisemitismus-Debatte aus. (...) Auf die Frage, ob ihm nicht bewusst sei, dass seine Formulierungen denen von Antisemiten glichen und austauschbar seien, sagt er: 'Ich bin kein Antisemit.'" (FR 07.08.03, "Nach dem Abseits. Jamal Karsli, der sich selbst als Opfer politischer Korrektheiten versteht, sucht den Weg aus der Versenkung", Kristian Frigelj)

"Dann bemüht er eine neue Variante der ‚jüdischen Weltverschwörung'. Denn hinter dieser angeblichen Kampagne hat er böse ‚zionistische' Mächte ausgemacht: ‚Das ist ein System.' Nein, er will nicht begreifen, dass er sich mit seinen antiisraelischen Tiraden, die immer wieder in Vergleichen Israels mit Nazi-Deutschland gipfeln, und seinen Ausfällen über die ‚zionistische Lobby' selbst in die Ecke begeben hat, in die er sich zu Unrecht gestellt fühlt. Und dass sich Nazis auf die Schenkel klopfen, wenn er Spiegel als einen kriegstreiberischen ‚Parteigenossen' Schröders bezeichnet, kann er auch nicht nachvollziehen. ‚Parteigenossen' - so nannte die NSDAP ihre Mitglieder. ‚Das wusste ich nicht', sagt Karsli. Und wahrscheinlich stimmt das sogar." (taz 03.03.03, S. 8, "Karsli plant Partei", Pascal Beucker)

Im Falle von Herrn Jamal Karsli wird in der Presse das Bild eines halb-dümmlichen, halb-unbelehrbaren Menschen gezeichnet, was angesichts seiner Selbstreflexion und Argumentation nicht angemessen ist und auch nie wirklich war. Was hier als immer wiederkehrende Tiraden bezeichnet wird, waren eben keine stereotypen Vergleiche Israels mit Nazi-Deutschland, sondern Karslis Verweis auf einen solchen Vergleich des israelischen Journalisten Shraga Elam. Man sieht in den letzten beiden Zitaten auch, wie Zionismus tabuisiert wird. Die Ausdrücke "Syrer mit deutschem Pass" und "Deutscher mit arabischer Gesinnung" sind zudem beide diskriminierend.

Kritisch sieht diese und ähnliche willkürliche Argumentationen Robert Misik, wenn er schreibt: "Den Reichen, den Raffgierigen, den Spekulanten die Schuld an vielen Ungerechtigkeiten zuzuschieben ist platt, aber nicht deswegen schon antisemitisch, weil man früher zu alldem noch 'Juden' hinzugefügt hat." (taz 06.12.03, S.11, "Die Logik des Verdachts").

Das Argument jedenfalls, dass Anknüpfungspunkte an Rechtsradikale und sonstige Antisemiten zu vermeiden bzw. unterbinden sind, hat mit Hilfe der oben erklärten Scheinlogik seit dem Fall Möllemann den Diskurs verschmälert und verschleiert. Solche Anknüpfungspunkte nämlich können alle möglichen Assoziationen darstellen, die mit den Gefühlen der Opfergruppe erklärt werden. Dass die Überschreitung der Grenze zum Absurden dabei keine Rolle spielt, zeigt das Gedankenspiel von Susanne Thaler, (ex-?)FDP, in ihrer Möllemannkritik: "Projekt 18 - stehe das denn nicht in der Neo-Nazi-Sprache für den ersten und achten Buchstaben, für A und H, für Adolf Hitler?" (SZ, 07.06.02, S.11). Die Zeitung druckt es, räumt ein: "Es ist ein überspanntes Bild, das sie da zeichnet. Und doch zeigt es..." ... und dann folgen ganze Absätze.

Als Gegenkritik bleibt hier neben dem Verweis auf Aristoteles die Tatsache, dass, so sehr vom Mainstream der Semitismus/Nahost-Debatte auf Anknüpfpunkte an Rechtsradikalismus und Antisemitismus hingewiesen wird, so wenig er besorgt ist, durch den Antisemitismusvorwurf selbst Anknüpfpunkte zu bieten, etwa an Scharons Fanclub, siehe zum Beispiel die Schlagzeile: "Atomwaffen-Bericht. Israel wirft BBC Antisemitismus vor." (Spiegel Online, 29.06.03), oder auch an die Antideutschen, siehe: "Die antideutsche Ideologie" von Robert Kurz, ISBN: 3-89771-426-4.

2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe

Wie bereits in den Zitaten unter Punkt 2.2 gesehen, wird eine der Hauptbegründungen für die Einschränkung der Kritik an Israel darin gesehen, dass sie Ängste einer Gruppe oder mehrerer Gruppen von Menschen heraufbeschwört, die vermieden werden sollen. "Flurschaden" nennt das Daniela Weingärtner im Kontext mit dem Scharon-Verfahren in Belgien Anfang 2003: "So wird auch das Scharon-Verfahren trotz des jetzt erreichten juristischen Zwischensieges ergebnislos bleiben. Für dieses magere Ergebnis ist der diplomatische Flurschaden unverhältnismäßig groß." (taz 14.02.03, S.11, "Dialog wäre wichtiger").

Auch in Zeitungs-Fotos kann man dieses Phänomen manchmal erkennen, bei dem die Gefühle der Opfergruppe besonders hervorgehoben werden, etwa in der SZ am 22.10.03, S.9, wo die Familie eines getöteten israelischen Soldaten abgebildet ist: Eine Frau weinend an der Brust eines sonnenbebrillten, starken, leidenden Mannes, an dessen anderer Brustseite noch Platz für die Mutter ist. Während das Foto in diesem Fall im Untertitel mit dem Argument verknüpft wurde, dass die Palästinenser erst mit dem Terror aufhören müssen, bevor sie einen Staat bekommen, gibt es auch Beispiele, die eher einem legitimen Wunsch nach Ästhetisierung des Leids als Form des Mitgefühls zu entspringen scheinen, wie das Foto einer schönen jungen Israelin mit einer Kerze in der Hand, die der Ermordung Rabins gedachte (SZ, 03.11.03, S.6).4

Dass es um subjektive Gefühle einer (wenn auch heterogenen) Gruppe geht, wird selten bestritten. Leider auch selten hinterfragt, denn diese Gruppe ist kaum fassbar. Hier setzt wohl ein, was Jürgen Habermas "Tabuschranken" und "Ekelschranken" nennt, die moralischen Verboten gleichsam vorgeschaltet oder sogar ein Ersatz für sie sind und die letztlich ohne Begründungen auskommen (SZ 07.06.02, S.13, Feuilleton).

Die Gefühle der Palästinenser hingegen werden nicht so stark berücksichtigt. Das liegt nicht nur an der Israel-Solidarität in Deutschland, sondern auch daran, dass Araber und Muslime häufig mit dem Antisemitismusvorwurf in Verdacht und auch Generalverdacht geraten, wie unter Punkt 2.6 und 2.7 belegt wird. Der Konflikt ist offenkundig, und jemand muss ja auch dafür verantwortlich sein. Ein gewisses Maß an Unrecht gegenüber Palästinensern kann also bisweilen "kollateral" in Kauf genommen werden, das zeigen Sätze wie dieser über das rassistisch genannte neue Ehegesetz in Israel: "Das bislang geltende Gesetz ist ungerecht, aber - im Gegensatz zu der neuen Regelung - zumindest diskutierbar." (taz, 02.08.03, S.11, Knaul). Ungerecht, aber. Die Verletzung der Gefühle jüdischer Deutscher wird im folgenden Zitat als Maßstab der politischen Kultur erkannt:

"Noch schwerer als das mögliche Ausmaß von Gesetzesverstößen aber wiegt die Tatsache, dass sich viele Angehörige einer religiösen Minderheit durch seine politischen Äußerungen verletzt fühlten: jüdische Deutsche. Deren Gefühle müssen auch von jenen respektiert werden, die der Ansicht sind, man habe Möllemann mit dem Vorwurf der antisemitischen Zündelei Unrecht getan." (taz 11.06.2003, S.12 "Staatsakt für Möllemann? Contra", Bettina Gaus)

Man sollte Frau Gaus hier Recht geben und weiter fragen, wie sich dieser Respekt der Gefühle jüdischer Deutsche und auch der von anderen erwähnten Mitgliedern der heterogenen Opfergruppe gestalten soll. Als Kritiklosigkeit? Was, wenn es ein Kontrolldrama gibt der Art, dass sich der nicht überwundene deutsche Konflikt im Nahostkonflikt fortsetzt? Gehört es nicht zum Respekt, sich auch über den Zusammenhang der Gefühle jüdischer Deutscher und Nicht-Deutscher Gedanken zu machen?

Wenn die Gefühle einer bestimmten Gruppe übermäßig stark berücksichtigt werden, dann führt das im Alltag normalerweise zu Problemen, weil damit das Prinzip der Gleichheit durchbrochen wird. Noch problematischer wird es, wenn diese Gruppe nicht recht fassbar ist und im Grunde jeder dazugezählt werden kann, der das entsprechende Bekenntnis ablegt. Das hat etwas mit Gruppendynamik zu tun, nicht mit einer etwaigen unterstellten Boshaftigkeit oder ähnlichem. Auch spielt sich nicht alles in der Semitismus/Nahost-Debatte auf der bewussten Ebene ab. Niemand sollte derart außerhalb der Kritik stehen oder es sich nur wünschen, denn die Reaktionen der Umwelt sind für jeden von uns prinzipiell ein wichtiges Korrektiv im gesellschaftlichen Zusammenleben. Der israelische Schriftsteller Etgar Keret wählt die mehr Erfolg versprechende Philosophie, von den Sympathie/Antipathie-Gruppen zu abstrahieren und stattdessen die übergeordneten Relationen und Situationen zu beurteilen:

"Die europäischen Linken sind genauso bescheuert, wenn sie sagen: Wir verstehen die Selbstmord-Attentäter, denn das palästinensische Volk hat so sehr gelitten. Auch dieser scheinbar liberale Standpunkt entmenschlicht die Palästinenser: Man spricht ihnen damit ja jede Verantwortung ab. Dahinter steckt für mich das Schuldgefühl der früheren kolonialen Machthaber, die nun denken: Wir können die Leute, die wir früher misshandelt haben, nun nicht so hart kritisieren. So ähnlich verhalten sich manche Deutsche gegenüber Israel: Weil es den Holocaust gegeben hat, dürfen wir das und das nicht mehr sagen. Das ist nicht rücksichtsvoll, sondern wieder eine Diskriminierung: Denn keiner spricht über die Situation, über die Realität." (FR 25.10.2003, "'Sie sagen, ich bin ein antisemitischer Jude.' Der israelische Schriftsteller Etgar Keret über Besserwisser im Nahost-Konflikt, Neonazis in Budapest und sein Leben mit dem Terror" - FR: Von Etgar Keret sind bei Luchterhand erschienen: Gaza Blues. Erzählungen (1996) Pizzeria Kamikaze. Roman. (2000) Der Busfahrer, der Gott sein wollte. Erzählungen (2001). Gerade erschienen ist ein neuer Band mit Kurzgeschichten: Mond im Sonderangebot.)

Anschluss Teil 2.5 >>


Fußnoten:

1: Andere Bezeichnungen z.B. "Neuer europäischer Antisemitismus" s. SZ 17.11.03, Beck; Für Hohmann "verschwiemelte Form von Antisem" in taz 17.11.03, S.17, Bax; über Möllemanns "krypto-antisemitische" Äußerungen siehe Tsp 12.03.03, Meinung, cas), "Philosophischer Judenhass" im Brief von M. Brumlik an den Suhrkamp-Verlag (FR 05.08.03) (zurück)
2: Siehe dazu die Satire "Faked Frau Shalev-Interview" unter www.anis-online.de/2/literatur/fakedinterviews/08.htm (zurück)
3: Von Brian Klug siehe auch: "The collective Jew: Israel and the new antisemitism" in: Patterns of Prejudice, Vol. 37, No. 2, 2003 (zurück)
4: Eine Auswertung von Zeitungsfotos zum Thema Nahost wäre lohnend, denn ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte. Dazu gehören schmeichelhafte Farbfotos von Scharon für das Poesie-Album (z.B. KN 26.05.03 und 03.06.03) ebenso wie Darstellungen extremistischer Palästinenser, etwa das Hamas-Foto von der Attentäterin von Eres (12 x 17 cm) , verschleiert und in Kampfdress, bewaffnet, ihr Kind küssend, sich von ihm verabschiedend. Das Kind, barfüßig, mit Islam-Banderole um den Kopf, hält ein schweres Projektil. Die Hamas hat - so im Untertext - das Foto veröffentlicht (und AP und die SZ, siehe SZ 28.01.04, S.10, "Palästinenser kritisieren Häftlingsaustausch", Schmitz) (zurück)
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