home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   palestine   my journalism   essays
ESSAY 14 / Teil 2.3
Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung
Darstellung und Auswertung von Pressequellen
Studie zum Attac-Workshop "Semitismus/Nahost" am 14./15.02.2004 in Hannover
von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004
Zurück zur Übersicht

2. Topoi des Semitismus/Nahostkonflikts:
2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung
2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich?
2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus
2.4 Der "Neue Antisemitismus"
    2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios
    2.4.2 Aristoteles' Logik
    2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe
2.5 Markierung und Selbstmarkierung
2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus"
    2.6.1 Terrorismus-Szenario
    2.6.2 Der Vernichtungs-Topos
    2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel
    2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten
    2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld
2.7 Feindbild Islam/Araber
    2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler
    2.7.2 Feindbild und Islam/Araber
    2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
2.8 Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs
    2.8.1 Erzieherische Maßnahmen
    2.8.2 Einschränkung von Freiheiten
    2.8.3 Ausschluss von Diskursteilnehmern
    2.8.4 Rechtfertigung von Gewalt
2.9 Die Rechts-Links-Dichotomie / Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.1 Die Rechts/Links-Dichotomie
    2.9.2 Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.3 Das Opfer-Täter-Stereotyp
    2.9.4 Das Problem der Historizität von Szenarien
    2.9.5 Das Problem der Kollektivverantwortung von Gruppen
2.10 Position des Zionismus
    2.10.1 Über Zionismuskritik
    2.10.2 "Ideologie"
2.11 Demokratiekritik
    2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen
    2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten
    2.11.3 Fazit

<< Anschluss Teil 2.2
- Teil 2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus -

1879 entstand der Begriff "Antisemitismus" in Deutschland und nur wenige Jahre später wurde als Folge der Begriff Zionismus verwendet, wie Uri Avnery ("On Anti-Semitism", 23.11.03) schrieb. Der Zionismus war ursprünglich eine Gegenwehr zum Judenhass, der in Europa grassierte und der zur Gründung des Staates Israels führte. Über den historischen Antisemitismus besteht kein Zweifel. Tausende von Publikationen haben gezeigt, welche Stereotype und Vorstellungen es über Juden bzw. die Juden gegeben hat und wie dies zum Vernichtungswahn geführt hat. Es bleibt die Frage: "Warum ist es trotz Historikerstreit, Goldhagen-Debatte und immer wieder auftretenden Skandalen um die Thematik des Antisemitismus immer noch nicht möglich, differenziert darüber zu reden und vor allem, genau zu definieren, was denn Antisemitismus ist und was nicht?" (Sabine Schiffer, Freitag 27, 27.06.03, "Unter Generalverdacht. Was wir aus dem Fall Friedman über Rassismus lernen.")

In ihrer jetzt erscheinenden Dissertation "Die Darstellung des Islams in der Presse"
1 resümiert sie in dem Exkurs "Der lange kultivierte Antisemitismus und seine Folgen", dass es ein dualistisches Denken sei, das jedem Rassismus zu Grunde liegt. Es teilt die Welt in Schwarz und Weiß (S.207 f). Durch retrospektives, also rückwirkendes Hinterfragen der historischen Situation wissen wir heute, dass die Vorstellung einer Bedrohung durch die bzw. "die" Juden fiktiv und kognitiv als Feindbild verinnerlicht war. (S. 204) Im Referat über die Geschichte des Feindbilds Jude beschreibt sie den Übergang von frühen Stereotypen zum verwissenschaftlichten Antisemitismus in den Schriften "Entdecktes Judentum" von Eisenmenger anfang des 18ten Jahrhunderts und Fries' "Über die Gefährdung des Wohlstands und des Charakters der Deutschen" von 1816. Aus Vorurteilen wurden Schein-Erkenntnisse gemacht, Schiffer zitiert hier Hortzitz' Begriff der "Evidenzsuggestion" (S. 211 f). Präzise analysiert sie die Mechanismen des öffentlichen Antisemitismus bis zum Ende der Nazizeit, auch anhand von Propagandafilmen wie "Jud süß" und besonders "Der ewige Jude" (S.217 ff). Dass es die Juden den Nichtjuden nicht recht machen konnten, lautet ein Resümee, da ihnen entweder Integtrationsverweigerung oder Parasitentum vorgeworfen werden konnte, je nach dem, ob sie ihre eigene Kultur bewahrten oder nicht. Allerdings gab es immer auch Selbstmarkierungen von jüdischer Seite (S. 214). Der Exkurs endet mit einem Vergleich zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, in dem sie zusammenfassend zeigt, dass es viele Parallelen gibt, wie etwa die ständige sprachliche Markierung der Muslime als Out-Group, Haftbarmachung von Religion für politische Ereignisse, Integrationsforderung, Verstellungsvorwurf, z.B. Schläfer, Heraufbeschwören von Gefahr, Kleintiermetaphorik und insgesamt "eine diffuse Ablehnung ohne Sachkenntnis" (S.220 ff). Ihr Schluss-Hinweis sollte gehört werden: "Die Gewalt beginnt bereits mit dem Stereotyp - nicht erst mit der physischen Aktion. Diese Mechanismen der 'Entmenschlichung' a priori zu durchschauen und den (fast) selbststeuernden Prozess zu durchbrechen, bevor historische Ungeheuerlichkeiten uns wieder den sicheren Blick der Retrospektive aufdrängen, wird die Aufgabe dieses Jahrhunderts für die Menschen sein, die aufgrund ihres Zugangs zur Macht den größeren Teil der Verantwortung für die Gestaltung der Welt tragen." (S. 223)

Sabine Schiffer betont also die Mechanismen des Rassismus allgemein und zeigt, dass der historische Antisemitismus ein Beispiel dafür ist. Das ist die eine Seite. Es stellt sich andererseits die Frage nach der aktuellen Virulenz des Problems des Rassismus gegen Juden. Die Warnung vor der Gefahr des Antisemitismus ist in deutschen und westlichen Öffentlichkeiten ein häufiges Thema. Es gebe 15 bis 20 Prozent Antisemiten in Deutschland, sagt Salomon Korn vom Zentralrat (taz 23.09.03, S.7) und fordert mehr Aktivitäten gegen Antisemitismus. Ähnliche Zahlen findet man in unterschiedlichen Quellen. "Überall lauert der Antisemitismus" meldet die American Jewish Community (ZEIT, 30.05.02, Schlagzeile, S.8). Vom Anstieg der Bedrohung zeugt auch dieses Zitat: "'Feindselige Einstellungen' gegen Israel und Juden haben sich an Universitäten und in den Medien vermehrt. Das geht aus dem Antisemitismus-Report 2002 hervor, den das ‚Koordinierungsforum zum Kampf gegen Antisemitismus' der israelischen Regierung am Sonntag veröffentlicht hat. (...) Der weltweite Terror von Al Qaeda bedroht laut Bericht vor allem Juden. (...) Die meisten gewalttätigen Attacken auf Juden seien von ‚islamischen Elementen' ausgeführt worden. Es gebe einen direkten Zusammenhang zwischen Vorgängen im israelisch-palästinensischen Konflikt und antijüdischen Attacken." (FR 17.03.03, "Antisemitismus-Report. ‚Hass-Atmosphäre' gegen Israel und Juden vermerkt", kna). Auch: "Verstimmung zwischen EU und Israel. Israel kritisiert wachsenden Antisemitismus. EU verlangt bessere Zusammenarbeit" von dpa , "Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon will während eines dreitägigen Besuches in Rom die Lage in Nahost sowie die Gefahr des Antisemitismus mit Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi erörtern." (taz 18.11.03, S.2). Auch hier:

"New Yorks Exbürgermeister leitete die US-Delegation bei der Konferenz über Antisemitismus, die am 19. und 20. Juni im Rahmen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Wien stattfand. Die OSZE bot das Forum für die erste internationale Konferenz, die sich nur dem Antisemitismus und dessen neuen Erscheinungsformen widmete." "So erzählte die Grüne Claudia Roth, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung und Chefin der deutschen Delegation, nach Jürgen W. Möllemanns antisemitischer Kampagne hätten viele Menschen Angst gehabt, in die Synagoge zu gehen." "Der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszweski plädierte für konsequente Erziehung gegen den Antisemitismus." (taz 23.06.03, S.11, "Täglich bis zu zwölf tätliche Angriffe auf Juden. Unter Schirmherrschaft der OSZE diskutieren in Wien 400 Delegierte erstmals zwei Tage über Antisemitismus", Ralf Leonhard)

"Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und die frühere französische Präsidentin des Europäischen Parlaments, Simone Veil, haben Europa zum Kampf gegen Antisemitismus aufgerufen. (...)" "Ganz Europa müsse gegen Antisemitismus kämpfen, sagte Veil, 'welche Form auch immer er annimmt, welchen Vorwandes er sich auch immer bedient'. Auch die Situation im Nahen Osten dürfe in keinem Fall als Entschuldigung für antisemitische Übergriffe gelten." (SZ 28.01.04, S.6, "Thierse ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf", Bernd Dörries)

Auffällig ist, dass die Situation im Nahen Osten sehr häufig in Verbindung mit dem Antisemitismusvorwurf erscheint, dass "Vorwände" vermutet werden und dass das Szenario des historischen Antisemitismus, das in der Shoa endete, routinemäßig als Ursprungs-, Vergleichs- und Assoziationsmoment auch für aktuelle Situationen verwendet wird. Die Frage nach der Virulenz des Antisemitismus ist eine der Kernfragen in der Debatte. Sie kann zwar in dieser Studie nicht beantwortet werden, doch ist es hier möglich, einige aussagekräftige und ein Spektrum auslotende Zitate aus der Presse vorzustellen und nach den Werten und Szenarien zu fragen, die ihnen zu Grunde liegen. Eine ganz andere Ansicht über die Virulenz des Antisemitismus vertritt zum Beispiel der Jazz-Saxofonist und Schriftsteller Gilad Atzmon, der 1982 am Libanonkrieg teilgenommen hatte, worauf er zum überzeugten Antizionisten wurde:

"Im Licht einer wachsenden Diskussion, die von israelischen Politikern und zionistischen Schwärmern initiiert wurde, und die den Ausbruch eines neuen Antisemitismus zum Thema hat, bin ich hier, um - so laut ich kann - zu verkündigen: es gibt keinen Antisemitismus mehr. Im Zusammenhang mit der verheerenden Realität, die durch den jüdischen Staat geschaffen wird, ist Antisemitismus durch eine politische Reaktion ersetzt worden. Ich sage nicht, dass jüdische Interessen/ Institutionen nicht verletzt und nicht mutwillig zerstört werden. Ich sage nicht, dass Synagogen nicht angegriffen und jüdische Gräber nicht zertrümmert werden. Ich sage, dass diese Handlungen, die keineswegs legitim sind, eher als politische Antwort gesehen werden sollen denn als rassistisch motivierte Akte oder Verbrechen aus irrationalem Hass. Wenn Israel der Staat des jüdischen Volkes ist, und das jüdische Volk nicht insgesamt gegen die Verbrechen aufsteht, die in seinem Namen begangen werden, dann wird jede jüdische Person, jedes jüdische Symbol ein Objekt israelischer Interessen und wird so ein potentielles terroristisches Ziel. Es liegt nun am jüdischen Volk, sich gegen ihren jüdischen Staat zu erheben und sich selbst von seiner radikalen Nationalbewegung zu trennen." ("Über Antisemitismus", 31.12.03, www.gilad.co.uk, üb. Ellen Rohlfs und Günter Schenk)

Auch Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels und Gründungsdirektor des Instituts für Europäische Studien in Herzlia, ist skeptisch und vermutet keinen neuen Antisemitismus (www.netzeitung.de, 08.11.03). In den Yahoo! Nachrichten am 29.10.03 war ein Zitat von Primor im Kontext mit seinem Buch "Terror als Vorwand": "Es gibt auch Politiker, die Terror als Vorwand für eine Politik nutzen, die mit Terror überhaupt nichts zu tun hat." In der Welt am 04.12.03 dann sein Artikel: "Wie antisemitisch ist Europa? Natürlich gibt es Judenhass. Doch nicht jede Kritik an Israel ist gleich antisemitisch." Darin:

"Ist Europa antisemitisch? Natürlich gibt es in Europa Antisemiten. Es gibt Leute, die immer noch nach dem Muster mittelalterlicher religiöser Stereotypen Juden hassen. Es gibt Leute, die aus rassistischen Gründen Juden hassen. Es gibt immer noch Nazis. Es gibt Leute, die 'nur' Vorbehalte gegen Juden haben oder mit Juden nicht verkehren wollen. Doch vermehren und verstärken sich diese Tendenzen seit dem Zweiten Weltkrieg? Das bestimmt nicht, im Gegenteil. Diese Tendenzen schrumpfen, auch wenn das sehr langsam geschieht. Abgesehen davon, dass der Antisemitismus tagtäglich auf das Strengste und mit allen verfügbaren Mitteln bekämpft werden muss, geht es letzten Endes um eine Entwicklung, die man nicht willkürlich beflügeln, sondern nur durch geduldige erzieherische Maßnahmen umsetzen kann. Die Tendenz ist aber eindeutig rückläufig." "Der Schluss daraus kann nur lauten: Juden wie Israelis (möglichst alle anderen auch) sollen den Antisemitismus bekämpfen. Unabhängig davon sollen die Israelis die Kritik an ihrer Politik ernst nehmen und versuchen, sie so weit wie möglich zu widerlegen. Wer aber 'Antisemitismus' schreit, wo es diesen nicht gibt, gerät in die gleiche Gefahr wie ein Kind, das dauernd 'Feuer' brüllt, obwohl es nicht brennt."

Ist das allerdings der Schluss, den man ziehen muss? Die Bekämpfung "aufs Strengste" und "mit allen verfügbaren Mitteln", unabhängig von der Kritik an Israel? Es bleibt doch die Frage, was Antisemitismus eigentlich auszeichnet. Nach einer Israelreise auf Einladung der Meretz-Partei vom 09.-14.12.03 sagte zum Beispiel der PDS-Politiker Gregor Gysi, dass der Begriff "Antisemitismus" in Europa auch mit der Assoziation "Solidarität mit dem Schwächeren" in Verbindung steht:

Frage ND: Wie schätzt das (israelische) Außenministerium die Haltung der EU ein? Antwort: "Sie meinen, dass es in der Europäischen Union insgesamt einen erstarkenden Antisemitismus gebe, was die Beziehungen zu Israel beeinträchtige. Sie würdigten allerdings die Politik von Außenminister Joseph Fischer, ebenso wie dies die Palästinenser taten. Er hat dort einen hohen Stellenwert. Aber insgesamt waren sie gegenüber der EU sehr kritisch. Ich habe darauf hingewiesen, dass es auch meiner Meinung nach in Europa einen Antisemitismus gibt. Andererseits glaube ich, dass das, was in Israel als Antisemitismus wahrgenommen wird, zum Teil nicht Antisemitismus, sondern auch eine der europäischen Kultur entsprechende Tradition der Solidarität mit dem Schwächeren ist. Und die Schwächeren sind in diesem Nahost-Konflikt ganz eindeutig die Palästinenser und nicht Israel." (ND 18.12.03, "Mauerbau in Nahost?" Gregor-Gysi-Interview, Martin Ling)

Vergleiche damit: "In der Tat gibt es das Phänomen der reversed discrimination, der Benachteiligung des eben noch Privilegierten, des reflexhaften Weiterkämpfens gegen Gefahren, die längst gebannt sind, und gegen Feinde, die mittlerweile schon am Boden liegen." (ZEIT 30.05.02, S.33). Auch ein Mitglied der Meretz-Fraktion in der Knesset, Roman Bronfman, äußerte sich kürzlich skeptisch zu den gehäuften Antisemitismusvorwürfen in der israelischen Zeitung Ha'aretz, die in den Jahren 2002 und 2003 nicht selten kritische Artikel dieser Art veröffentlichte, auch von Gideon Levy und anderen.

"Anti-Semitism has always been the Jews' trump card because it is easy to quote some crazy figure from history and seek cover. This time, too, the anti-Semitism card has been pulled from the sleeve of explanations by the Israeli government and its most faithful spokespeople have been sent to wave it. But the time has come for the Israeli public to wake up from the fairy tale being told by its elected government. The rhetoric of the perpetual victim is not a sufficient answer for the question of the timing. Why all of a sudden have all the anti-Semites, or haters of Israel, raised their heads and begun chanting hate slogans? Enough of our whining, 'The whole world is against us.' (...) The time has come to look at the facts and admit the simple but bitter truth - Israel has lost its legitimacy in the eyes of the world and we are guilty for what has happened. This generalization is a bit harsh for me, so I will be more precise - not all of us, but our government. Even though I am absolutely certain that each one of its ministers really wants what is best for the country, the government is mistaken and is bringing calamity upon us. (...) True, the roots of anti-Semitism are planted very deeply in the culture and history of Christian Europe. It is also reasonable to assume that even the ideas of the liberals, who wanted to sever ties with traditional nationalism, will be unable to pull out these roots. But if anti-Semitism was until now found exclusively in the extreme political fringes, Israel's continued policy of the cruel occupation will only encourage and fan the spread of anti-Semitic sentiments. From this, I conclude that if Israel wants to be embraced by the family of nations as a full member, it must learn how to behave according to the accepted rules around the world - rules of ethics, fairness and justice." (Ha'aretz 19.11.03, "Fanning the flames of hatred", Roman Bronfman)

Es ist sichtbar: Zu einer wirklichen Definition von "Antisemitismus" kann man kaum gelangen, weil es eher darauf ankommt, wer den Vorwurf ausspricht, als darauf, was er inhaltlich aussagt. Auch die Frage, ab wann Israelkritik Antisemitismus ist, muss also offen bleiben. Das sollte zumindest stutzig machen, denn es sind einige Fälle bekannt, in denen der Antisemitismusvorwurf zu weitreichenden Konsequenzen geführt hat. Außerdem wird sich ständig gegen Antisemitismus distanziert. Die Parteien des Deutschen Bundestages etwa haben am 11.12.03 in einem gemeinsamen Antrag aller Fraktionen beschlossen, jede Form von Antisemitismus zu verurteilen (Siehe deutsche Presse 12.12.03, durchgängig). Das ist schon enorm, denn "jede Form von" ist eine für Politiker und Juristen problematische Wendung, speziell in diesem Zusammenhang. Dr. Wolfram Ender aus Eschershausen schreibt in einem Leserbrief mit der Überschrift "Oberflächlich":

"Ob mit oder ohne Bundestagsresolution: Es ist eine banale Selbstverständlichkeit, daß Demokraten Antisemitismus verurteilen. Aber haben eigentlich alle Abgeordneten dasselbe verurteilt, das heißt unter dem, was sie verurteilten, dasselbe verstanden? Bevor man etwas verurteilt, sollte man sich auf klare Begriffe einigen. Von einer klaren Antisemitismusdefinition war in der Debatte leider nichts zu hören." (FAZ, 05.01.04, S.29).

Dabei ist "Antisemitismus" nicht der einzige schwammige Sachverhalt, gegen den sich vehement distanziert wird. Auch "Rechtspopulismus" gehört dazu. Es sei an Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erinnert, die im Verlauf des Falls Möllemann sagte, der Vorstand der FDP werde "sehr klare Positionen" bestimmen, damit es "keine Zweifel" mehr in der Zukunft gebe. Es würden "klare Trennlinien zu allem, was sich auch nur Rechtspopulismus nennen kann" gezogen. (SZ 31.05.02). Da sich niemand selbst so nennen würde, kommt man im Resultat auf: "Alles, was beliebige andere auch nur Rechtspopulismus nennen können." Und das ist sehr viel. Eine Distanzierung ist das nicht. Hier geschieht etwas anderes: Es entstehen neue Gruppen durch solche Leute, die einem Bekenntnis-Ritual folgen. Bei unklaren Begriffen wie diesen, die zudem noch als Kampfbegriffe verwendet werden können, ist ein Hinterfragen angebracht.

Viele Gruppen legen solche Bekenntnisse ab, hier als Beispiel der DKR (www.deutscher-koordinierungsrat.de): "Die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wenden sich 'entschieden' gegen 'alle Formen der Judenfeindschaft, religiösen Antijudaismus, rassistischen und politischen Antisemitismus sowie Antizionismus, Rechtsextremismus und seine Menschenverachtung, Diskriminierung von einzelnen und Gruppen aus religiösen, weltanschaulichen, politischen, sozialen und ethnischen Gründen, Intoleranz und Fanatismus.'" (www.deutscher-koordinierungsrat.de/de/displayItem.php?id=177, gesehen 11.06.03).

Was bedeutet das für den Diskurs? Was soll man mit Sätzen tun wie: "Bei Adorno unterliege 'nicht allein jede generelle Aussage über die Juden' dem Verdacht der 'antisemitischen Stereotype', sondern auch alle 'differenzierenden Aussagen', insofern sie vermeintlich jüdische Charakteristika absonderten." (SZ 23.09.03, "Typisch Adorno. Kann man nach Auschwitz noch über die Juden reden?" Volker Breidecker). Es scheint hier ein kritikfreier Raum zu entstehen, mit dem man Antisemitismusvorwürfe jeder Art rechtfertigen kann, auch solche, die z.B. propagandistisch sind, und auch solche, die Projektionen sind oder solche, die aus Überempfindlichkeiten entstehen - die man in unserer Gesellschaft allenorts findet - und die in keinem Verhältnis zur Schwere des Vorwurfs stehen. Die Einschränkung des Diskurses wird von manchen Autoren als Indiz dafür gesehen, dass notwendige Diskussionen - etwa über Terrorismus oder deutsche Geschichte - nicht angemessen geführt werden, wie hier in zwei Beispielen zu den Fällen Honderich und Möllemann:

"Jetzt, nachdem es post festum aus dem Raum des Öffentlichen verbannt wurde, hinterlässt es in der Debatte einen blinden Fleck. Nun kann nicht mehr überprüft werden, um was es wirklich geht. Das ist umso gravierender, als noch nirgends in dieser aufgewühlten Debatte geleistet wurde, die von Honderich vertretene Moraltheorie angemessen zu referieren." (Freitag 34, 15.08.03, "Blind. Linksbündig. Ted Honderich und die Verlagspolitik", Ulrich Müller-Schöll)

"In der Folge der Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen, woraus nur Teile in den Medien zitiert wurden und oft in falscher Reihenfolge, hat sich Möllemann dann tatsächlich verrannt. Deutlich wurde aber auch die Massivität dieses Vorwurfs, der ungeprüft geäußert werden kann und innerhalb von kürzester Zeit fleißigen Berichtens bereits zur Wahrheit mutiert. Anstatt sich der Frage zu stellen, ob die Äußerung antisemitisch war, entsteht eine Kampagne, die mehr davon zeugt, wie wund und unverstanden dieser Punkt unserer Geschichte immer noch ist als davon, dass jemand sich politisch inkorrekt verhielt. Das Gleiche wiederholte sich dann beim unglücklichen Flugblatt, das genauso wenig antisemitisch - ja nicht einmal antiisraelisch war - sondern lediglich den berechtigten Anstoß zur Prüfung von Finanzierungsundurchsichtigkeiten gab. In dem Blatt ist keine Rede davon, Israel seine Souveränität abzusprechen und ist damit nicht antiisraelisch. Antisemitisch ist es darum nicht, weil nicht die Juden kritisiert werden, sondern der Politiker Scharon und dessen undifferenzierter Verteidiger Michel Friedmann." (Sabine Schiffer, 13.06.03, "Möllemann: Opfer eines deutschen Tabus", siehe http://mitglied.lycos.de/palestine48/phpBB/viewtopic.php?p= 1068&highlight=&sid=10f24fbf3ac14a55bdfc2e7ed8fd78fc#1068)2

Anschluss Teil 2.4 >>


Fußnoten:

1: S.o., Teil 2.1 Anm. 4 (zurück)
2: Eine gute und ausführliche Darstellung von Alexander Boulerian: "Der Fall Jürgen W. Möllemann", www.nachrichten-analysen.de, gesehen 23.06.03. (zurück)
                                  hoch