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ESSAY 14 / Teil 2.2
Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung
Darstellung und Auswertung von Pressequellen
Studie zum Attac-Workshop "Semitismus/Nahost" am 14./15.02.2004 in Hannover
von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004
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2. Topoi des Semitismus/Nahostkonflikts:
2.1 Topoi und Ambivalenz der Nahostberichterstattung
2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich?
2.3 Definition und Relevanz des Antisemitismus
2.4 Der "Neue Antisemitismus"
    2.4.1 Topoi des "Neuer Antisemitismus"-Szenarios
    2.4.2 Aristoteles' Logik
    2.4.3 Gefühle der heterogenen Opfergruppe
2.5 Markierung und Selbstmarkierung
2.6 Der "Arabische/Islamische Antisemitismus"
    2.6.1 Terrorismus-Szenario
    2.6.2 Der Vernichtungs-Topos
    2.6.3 Arabische Wahrnehmung von Juden und Israel
    2.6.4 Im- und Export, Migranten und Islamisten
    2.6.5 Islamfreundliches Deutschland/ Muslime selber Schuld
2.7 Feindbild Islam/Araber
    2.7.1 Islamismus, Fundamentalismus, radikaler
    2.7.2 Feindbild und Islam/Araber
    2.7.3 Weitere Beispiele aus der Presse
2.8 Konsequenzen des Antisemitismusvorwurfs
    2.8.1 Erzieherische Maßnahmen
    2.8.2 Einschränkung von Freiheiten
    2.8.3 Ausschluss von Diskursteilnehmern
    2.8.4 Rechtfertigung von Gewalt
2.9 Die Rechts-Links-Dichotomie / Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.1 Die Rechts/Links-Dichotomie
    2.9.2 Vergleiche mit der Nazizeit
    2.9.3 Das Opfer-Täter-Stereotyp
    2.9.4 Das Problem der Historizität von Szenarien
    2.9.5 Das Problem der Kollektivverantwortung von Gruppen
2.10 Position des Zionismus
    2.10.1 Über Zionismuskritik
    2.10.2 "Ideologie"
2.11 Demokratiekritik
    2.11.1 Übertragung repressiver Strukturen
    2.11.2 Mangelndes Outgroup-Verhalten
    2.11.3 Fazit

<< Anschluss Teil 2.1
- Teil 2.2 Kritik an Israel nur bedingt möglich ? -

Elmar Altvater, Mitbegründer der Grünen und Impulsreferent beim Attac-Ratschlag in Aachen, schrieb am 25.10.03 in einer halböffentlichen Attacmail fünf Punkte zum Thema Semitismus/Nahost: "(1) Wegen unserer besonderen Geschichte müssen wir besonders vorsichtig mit unserer Kritik an Israel sein und können deshalb beispielsweise französische Erklärungen nicht einfach übernehmen; (2) das Existenzrecht Israels wird uneingeschränkt anerkannt und verteidigt. (3) Die Palästinenser haben ein Recht auf einen eigenen lebensfähigen Staat. (4) Kritik an der Politik Israels ist ebenso statthaft wie Kritik an den Taten der Palästinenser. Und nun (5): Die besondere Vorsicht kann uns in der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik nicht binden, insbesondere nicht durch solche Zuschreibungen wie in der 'Zeit', die selbst in die Nähe des Antisemitismus geraten, wenn der Autor offenbar vermutet, dass sich in der - doch von Medien wie der 'Zeit' erzeugten - öffentlichen Meinung hinter Wall Street und dem Kapitalisten ein Jude verstecke. In dieser Hinsicht ist die linke Aufklärung nicht erst seit Attac wesentlich weiter." (Siehe auch Teil 3 und Punkt 2.4.2).

Diese Aussagen haben innerhalb von Attac Kritik ausgelöst, denn die Punkte (1) und (4) scheinen einander zu widersprechen. Wie kann man Palästinenser und Israel gleichermaßen kritisieren, wenn man gleichzeitig besonders vorsichtig mit der Kritik an Israel sein soll? Und sind diese Aussagen von Herrn Altvater repräsentativ? Dazu einige Stellungnahmen aus der Presse, die deutlich machen, wie eng die Themenkomplexe "Kritik an Israel" und "Antisemitismus" beieinanderliegen und wie weit die Meinungen auseinandergehen. Da gibt es Beteuerungen der Normalität von Israelkritik wie hier...

"Das Recht auf Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ist unbestritten. Wer behauptet, es sei ein Tabu, diese Kritik zu äußern, verfälscht die Realität. Er benutzt das alte antisemitische Klischee vom Juden, der die öffentliche Meinung kontrolliert. Dabei weiß er, liest er und sieht, dass es das Tabu nicht gibt: Die israelische Politik wird in den deutschen Medien ausgesprochen kritisch begleitet." (FR 04.06.02).

Natürlich dürfe Scharon kritisiert werden, schreibt Jan Phillip Reemtsma in der FR vom 01.06.02, und das werde auch mehrheitlich getan.

... und Widerspruch zu dieser These mit dem Hinweis darauf, dass der Antisemitismus-Verdacht bzw. -Vorwurf eine solche Kritik erschwere und zum Teil auch verhindere:

"Wer, gar noch als Deutscher, sei er Politiker, Journalist oder Intellektueller, es wagt, die israelische Politik gegenüber den Palästinensern offen zu kritisieren, wer etwa fordert, die deutschen Waffenexporte nach Israel zu stoppen, der gerät hierzulande sofort unter Antisemitismus-Verdacht." (Freitag, 26.09.2003, "Seit wann ist Okkupation zu relativieren?", Michael Schneider)

"So leicht es einmal war, mit David zu sympathisieren, so schwer fällt es heute vielen, nun Goliath zu unterstützen, vor allem, wenn er so auftritt wie die israelische Armee in den Palästinensergebieten: schwer gepanzert, schwer bewaffnet und übermächtig." Und am Schluss: "Eine solche Inflation von Antisemitismusvorwürfen ist jedoch problematisch, nicht nur, weil sie sachlich nicht gerechtfertigt ist, sondern auch, weil sie eben deshalb entsprechend heftige Reaktionen auslöst." (NZZ 26.02.03, Ressort Inland, S. 16, "Wachsender Antisemitismus in der Schweiz? Ein Imageproblem des Staates Israel", Wolfgang Marx, Uni Zürich)

"Die Bewertung israelkritischer Meinungen als 'antisemitisch' ist skandalös - obwohl längst ein zentraler Bestandteil der offiziellen Meinungsproduktion. (...) Noch nie war die Politik einer israelischen Regierung so unpopulär wie die der Scharon-Leute. Und noch nie ist der Antisemitismus-Vorwurf an Gegner der israelischen Unterdrückungspolitik so massiv erhoben worden, wie das gegenwärtig der Fall ist." (jW 06.12.03, "Herrschaftsideologie Philosemitismus", Werner Pirker)

Über den Fall Honderich: "Die Debatte in der FR widerspiegelte den immer unerträglicher werdenden moralischen Konformismus. Es kamen nur Autoren zu Wort, die Brumliks Position teilten - weil eine Gegenposition sich ja nicht mehr auf der Ebene befände, auf der eine Erörterung des Nahost-Konfliktes zulässig sei." (jW 09.08.03, Wochenendbeilage, Zivilgesellschaftlicher Diskurs, "Der schwarze Kanal: Wenn Kritik an Israels Besatzungsmacht als 'Judenhaß' denunziert wird", Pirker)

Die Kritik an Israel beunruhige Juden und Israelis und sie werde auch missbraucht, betonen hingegen recht viele Quellen, wie z.B. die folgenden. Weiteres dazu unter 2.4.3:

"Nicht wenige Sympathisanten Israels und vor allem jüdische Bürger in europäischen Ländern sind (...) beunruhigt. Manche fragen, ob durch die pausenlose Medienpräsenz des Nahostkonflikts und durch die meist wenig vorteilhaften Bilder über die Einsätze schwer bewaffneter Truppen in den besetzten Gebieten nicht mehr oder weniger bewusst antiisraelische Emotionen geschürt, vielleicht sogar pauschale antisemitische Vorurteile verbreitet werden." (NZZ 27.12.03, "Kritik an Israel und Antisemitismus", R.M.)

"Die jüngsten Äußerungen aus London und Paris, die den israelisch-palästinensischen Konflikt und vor allem Israels umstrittene Antiterrormaßnahmen als Hauptursache für den in der arabischen Welt wachsenden Unmut sehen, haben nicht gerade vertrauensbildend gewirkt. Immer stärker macht sich seit der Militäroperation in Dschenin und dem Vorwurf, es habe dort ein Massaker gegeben, in Jerusalem das Gefühl breit, von der Welt nicht verstanden zu werden und auf sich allein gestellt zu sein." (taz 10.04.03, S.12, "Israelis und Palästinenser sind international gefährlich isoliert. Europa muss Vertrauen bilden", Susanne Knaul)

"Es bildete sich gerade während des letzten Jahres eine Mehrheitsmeinung unter den Juden Europas heraus, die in deutlichem Gegensatz zur Mehrheitsmeinung des restlichen Europa stand: Man mochte mit der amerikanischen Regierung und der Art der Kriegsführung nicht immer einverstanden sein, aber noch weniger einverstanden war man mit dem damit einhergehenden Antiamerikanismus; man mochte die Regierung Sharon nicht lieben, aber noch weniger die um sich greifenden antiisraelischen Sentiments." (NZZ 07.06.03, "Kein Adieu. Europa und das Judentum", Michael Brenner)

"Wenn der Präventivschlag zur Vergeltung wird. Täglich berichten die deutschen Medien über den Nahostkonflikt - und schüren dabei, meinen einige, Antisemitismus" (FR, 02.07.03, Schlagzeile, Antje Kraschinski)

"Was mich an Herrn Westerwelle und seiner Verteidigungsstrategie stört, ist, dass er offenbar nicht ahnt, wie gefährlich mit diesem Thema gezündelt werden kann. Der Antisemitismus ist eine Art kollektiver Gedächtniskrankheit. Es fehlt so jegliches Sich-Hineindenken in die Ängste der Juden hierzulande." (Historiker Julius Schoeps, Spiegel Online 11.06.02)

"Hat der Fall des Demagogen Möllemann nicht schlagend bewiesen, dass Kritik an israelischer Politik lediglich ein Deckmantel für Antisemitismus ist?" (taz-Beilage des "peace com", 07.06.02, "Engagement für den Frieden in Israel und Palästina", Micha Brumlik)

Es gibt daher in der deutschen Öffentlichkeit Bekenntnisse zur Solidarität mit Israel und zur Notwendigkeit einer solchen Solidarität:

"Israel ist kein Staat wie jeder andere, sondern ein Staat, dessen Existenzrecht darauf basiert, wenn nötig als Asyl zu dienen, für all jene, die verfolgt werden, weil sie Juden sind. Solange Antisemitismus existiert, muss auch Israel als Judenstaat existieren." (taz, 02.08.03, S.11, "Israels neues Ehegesetz vertreibt ganze Bevölkerungsgruppen. Praktizierter Rassismus", Knaul)

"Kai Diekmann, Chefredakteur und Herausgeber der bei Axel Springer erscheinenden Bild-Zeitung, fand gestern Abend beim Medientag der Deutsch-Israelischen Woche in der Handelskammer klare Worte. ‚Wer die Verantwortung aus der Geschichte ernst und annimmt, darf nicht schweigen zum täglichen Terror gegen Israel', betonte er in seinem Vortrag mit dem Thema: ‚Uneingeschränkte Solidarität - Warum Massenmedien politisch sein müssen'. Natürlich, so Diekmann, müsse eine Zeitung ausgewogen berichten. Leider würde in Deutschland aber ein fester Standpunkt oft mit Intoleranz und Rechthaberei, fehlende Grundsätze mit Liberalität und Großmut verwechselt." (WELT 21.03.03, "Irak-Konflikt: Solidarität mit Israel und den USA", gs) , siehe auch BILD 13.12.03, S. 2, "Wie können wir Deutsche Israel helfen, Herr Scharon?" Exklusiv-Interview mit Israels Ministerpräsidenten, 2. Teil, Kai Diekmann und Sven Gösmann. Darin Zitat Scharon: "Europa muss viel mehr Druck auf die Palästinenser ausüben."

"Welt am Sonntag: Haben politische Überzeugungen eine Rolle bei Ihrem Engagement im TV-Markt gespielt? Saban: Ich bin kein Wähler in Deutschland. Ich werde mich also in keiner Weise politisch einmischen. Aber ich will sagen, dass grundsätzlich in Europa - und ich beziehe mich hier nicht auf spezielle Sender - der israelisch-arabische Konflikt einseitig dargestellt wird. Extrem einseitig." (WamS 10.08.03, "Was haben Sie vor, Herr Saban? Milliardär Haim Saban spricht über seinen Einstieg ins deutsche Fernsehgeschäft (...)" Interview Christian Bauschke, T. Heuzeroth, U. Porwollik)

"Deutschland muss eine Politik machen, die im Zweifelsfalle für die Belange Israels eintritt." (Angela Merkel, WELT 11.12.03, S.9, Forum, "Dokumentation: Deutschlands geschichtliche und gegenwärtige Verantwortung. Rede von Angela Merkel auf dem 5. Europäisch-Israelischen Dialog")

"Israel - Das Land steht für Unruhe, Angst, Bedrohung durch Terroranschläge. (...) 'Wir müssen den Israelis zeigen, dass wir hinter ihnen stehen', erklärte die Hamburger DIG-Vorsitzende Waltraut Rubien das Engagement des Vereins, und die Hamburger sollen erfahren, wie es ist mit dem Lachen, dem Leben und dem Lieben im Schatten des Terrors. ‚Wir fragen, wie viel Gewalt eine Gesellschaft ertragen kann.'" (WELT 14.03.03, "Alltag am Rande des Terrors. Deutsch-Israelische Woche", gs)

"Solch schonungslose Analyse der israelischen Siedlungspolitik verdient Respekt, aber sie blendet den historischen Kontext der Staatsgründung Israels aus, nämlich die unmittelbar vorausgegangene Ermordung und Verfolgung des europäischen Judentums." (www.aufbauonline.com/2003/issue13/5.html, 10.07.03, "Architektur als strategische Waffe. Die Ausstellung 'Territories' in den Berliner Kunst-Werken", Stefanie Oswalt)

Doch wird von anderer Seite betont, dass auch der Antisemitismusvorwurf missbraucht werden kann und zu einem erheblichen Maße wird:

"Der den Antisemitismus befördernde und keineswegs hemmende philosemitische Diskurs dient ausschließlich dem Zweck, den Imperialismus, als dessen Funktionsträger in Nahost sich der Zionismus vom Beginn seiner Existenz an empfohlen hat und dieser Aufgabe stets mit Bravour nachgekommen ist, zu rehabilitieren." (jW 06.12.03, "Herrschaftsideologie Philosemitismus", Pirker)

"Doch ist er (der Antisemitismus) gelegentlich schwer oder unmöglich zu diagnostizieren, weil manche israelische Regierungen am liebsten jede ausländische Kritik an ihrem Handeln als antisemitisch abtun." (ZEIT 06.06.02, S.24)

"Eine zentrale Frage in der neu aufgeflammten Antisemitismus-Debatte lautet: Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Kritik am Hardliner-Kurs der Regierung Sharon und antisemitischer Stimmungsmache? Die amerikanische Philosophin Judith Butler, die selber jüdischer Herkunft ist, hat sich vor einigen Monaten in einer vielbeachteten Antwort auf entsprechende Vorwürfe des Harvard-Präsidenten Lawrence Summers entschieden gegen leichtfertige Gleichsetzungen zur Wehr gesetzt. Wenn der Vorwurf des Antisemitismus dafür verwendet werde, die israelische Besetzungspolitik vorbehaltlos zu verteidigen, dann verliere dieser Vorwurf radikal an Glaubwürdigkeit - und zwar auch dort, wo er tatsächlich berechtigt sei, zum Beispiel bei rassistischer Agitation gegen Juden in Europa." (NZZ, 27.12.03, "Kritik an Israel und Antisemitismus", R.M.)

"In Israel (...) herrscht die Meinung vor, daß nicht nur Kritik am Zionismus, nicht nur Kritik an der israelischen Politik, sondern auch Kritik an einzelnen Maßnahmen Israels wie dem Bau des 'Sicherheitswalls' einer im Prinzip 'israelfeindlichen' und damit antisemitischen Haltung entspricht. Das ist eine verheerende, die jüdische Existenz bedrohende Position. (...) Daß die Scharon-Politik den Antisemitismus befördert, hat nicht nur ein Möllemann behauptet. Das hat unlängst auch der Börsenspekulant und Großfinanzier der internationalen Zivilgesellschaft, George Soros, des Antisemitismus sicher unverdächtig, so gesagt." (jW 17.11.03, "Sündenböcke. Israel macht Europäer mitverantwortlich", Pirker)

Über eine Veranstaltung in Berlin mit Konkret-Herausgeber Hermann L.Gremliza und dem Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte der Uni Tel Aviv Moshe Zuckermann berichtet Telepolis am 10.07.03. Man sieht hier deutlich, wie das Argument, dass der palästinensische Widerstand eine Folge der Lebensbedingungen unter der Besatzung ist, zum Antisemitismusvorwurf führen kann, selbst wenn es von Israelis hervorgebracht wird:

"Skeptischer als Zuckermann sieht Gremliza das friedenswillige Potential auf Seiten der Palästinenser. Der bekennende Nichtzionist insistierte darauf, dass der palästinensische Widerstand nicht primär eine Folge von Antisemitismus ist, sondern den unerträglichen Lebensbedingungen unter der palästinensischen (gemeint wohl "israelischen", A.H.) Besatzung zu erklären ist. Als er dann noch daran erinnerte, dass die Hamas in ihrer Entstehungsphase von den israelischen Behörden gegen die säkulare PLO unterstützt wurde, war bei einigen Hardcore-Antideutschen, die bedingungslose Solidarität mit der israelischen Regierung propagieren, die Geduld zu Ende. Einige rollten ein Transparent mit dem angeblichen Möllemannzitat: 'Man wird doch Israel noch kritisieren können' aus, um die Referenten in die rechte Ecke zu rücken. Ein jüdischer Überlebender des Naziregimes musste mehrere Anläufe machen, um überhaupt Gehör zu finden. So gründlich auch viele Anwesende die Antisemitismustheorien studiert haben mögen, mit der praktischen Umsetzung hapert es denn wohl doch." (www.telepolis.de, 10.07.03, "'Zweierlei Israel.' Von der Schwierigkeit einer Verständigung zwischen einem israelischen und einem deutschen Linken", Peter Nowak)

Wer entscheidet also, wann die Kritik gerechtfertigt ist? Und wer definiert es? Es gibt zahllose Äußerungen dazu, wie die beiden unten, jedoch kommt man damit nicht weit:

"Wenn man jedoch Israel herausgreift und all die anderen beiseite lässt, erweckt man den Eindruck, es gehe nur gegen Israels Politik - und das betrachte ich als antisemitisch. (...) Es ist doch ganz einfach: Wenn ich mein eigenes Kind besonders scharf tadele, heißt das nicht, dass ich es hasse. (...) Wenn jemand allerdings das Kind eines anderen herausgreift und dessen Verhalten immer wieder missbilligt, und wenn er bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gespräch auf dieses böse Kind bringt, obwohl es sich nicht anders verhält als jedes andere Kind in der Nachbarschaft auch - dann entsteht doch der Eindruck, dass es nicht nur um berechtigte Kritik geht. Die Äußerungen sind also Ausdruck eines ausgesuchten Hasses, der zeigt: Man will dieses Kind einfach nicht akzeptieren."(Michael Lerner, "Ein historischer Fehler", taz 28.02.03, S. 12)

Frage: "Wie schaffen Sie es, zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel zu unterscheiden?" Antwort: "Ich achte darauf, ob die Kritik legitim und begründet ist. Selbst wenn ich anderer Meinung bin. Und da stoßen Sie schon auf die absurdesten Meinungen. Einmal las ich in Frankreich im Nouvel Observateur folgende haarsträubende Geschichte: Die israelische Armee habe eine Einheit, die darauf spezialisiert sei, palästinensische Frauen zu schwängern - mit dem Ziel, dass die Frauen und die Kinder von ihrer eigenen Familie umgebracht werden müssten. So was berichtet eine seriöse Tageszeitung. In diesem Fall könnte ich tatsächlich sagen: Das ist Antisemitismus. Ich könnte aber auch sagen: Hier sind Ex-Kolonialisten voller Schuldgefühle am Werk, die sich noch immer am liebsten selbst bemitleiden. Es kommt auf den Kontext an." (FR 25.10.03, "'Sie sagen, ich bin ein antisemitischer Jude.' Der israelische Schriftsteller Etgar Keret über Besserwisser im Nahost-Konflikt, Neonazis in Budapest und sein Leben mit dem Terror")

Die Ambivalenz der Äußerungen in der Presse zu dem Thema, inwieweit Kritik an Israel geübt werden kann und darf, liegt weitgehend in der Relation zwischen Israel und (den) Juden. Zunächst einmal sind Juden nicht gleich Israelis: "Seltsam, dass jüdische Einwanderer in Deutschland wegen der Politik eines Landes behelligt werden, in dem sie nicht leben - Israel nämlich." (Werner Bergmann-Interview von Jan Feddersen zur Antisemitismus-Studie der EU, taz 02.12.03, S.4). Andererseits ist Israel nach Eigendefinition "der Judenstaat", und auch Institutionen wie der Zentralrat "der" Juden in Deutschland stehen in einem solidarischen Verhältnis zum offiziellen Israel. Dass die Repräsentation des Judentums in Deutschland ein Problem darstellt, zeigt diese Meldung: "Noch zu Beginn des Jahres schienen die Fronten verhärtet. Der Staatsvertrag wurde im Vier-Augen-Gespräch zwischen Spiegel und Bundeskanzler Schröder vereinbart, die liberalen Juden waren nicht eingebunden. Rabbiner Uri Regev, der Direktor der Weltunion, kritisierte in zwei Briefen an den Kanzler die 'Diskriminierung' der liberalen Gemeinden durch den Zentralrat. Die Religionsfreiheit sei gefährdet, wenn nur der Zentralrat an der Förderung teilhabe." (SZ 18.08.03, "Schwerer Nektar. Das deutsche Judentum steht vor einem Epochenwechsel", Alexander Kissler). Siehe zum Problem der Markierung Punkt 2.5.

Es besteht ein Konflikt über das Antisemitismus-Szenario, der in der deutschen Presse aus Sicht des Israel-Szenarios bewertet wird, wie hier von Werner Bergmann, der von einer "antisemitisch verzerrten medialen Berichterstattung" ausgeht, sicher kein Einzelfall:

"Speziell ist der Fall, wenn Israel ins Spiel kommt. Der Antisemitismusvorwurf wird - etwa wenn er vom israelischen Außenminister an die EU gerichtet wird - eher als Instrument zur Abwehr von Kritik wahrgenommen. Die Vorwürfe von Seiten jüdischer Organisationen etwa gegen eine antisemitisch verzerrte mediale Berichterstattung dringen kaum durch, da diese als Interessenpolitik (ab-)gewertet werden. Wer hier mit dem Vorwurf des Antisemitismus dennoch versucht, hier die allgemeine Norm des Anti-Antisemitismus zur Geltung zu bringen, riskiert Widerspruch." (taz 12.09.03, S. 12, taz-Debatte ,"Vom Nutzen des Skandals. Der Antisemitismus-Vorwurf prägt, von Walser über Möllemann bis Honderich, die Debatten. Dient das der Aufklärung? Oder regiert hier die Logik des Skandals? (3)", Werner Bergmann)

Auf der analytischen Ebene kommt der Mainstream-Diskurs aufgrund der unterschiedlichen Einschätzungen des Antisemitismus-Szenarios derzeit kaum weiter als zu vagen Aussagen wie: "Kritik am Zionismus kann legitim sein, und unter bestimmten Umständen ist sie auch nicht antisemitisch" (Michael Lerner, "Ein historischer Fehler", taz 28.02.03, S. 12). Oder: "Was aber noch aussteht, ist wohl eine grundsätzlichere Debatte - etwa um die Frage, wo die Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus verläuft." (taz 09.08.03, S. 15, "Eingerichtet im Schützengraben. Der Philosoph Ted Honderich anwortet auf Micha Brumliks Antisemitismus-Vorwurf - und fordert dessen Entlassung", Stefan Reinecke). Oder auch: "Die Grundfrage, welche Art von Kritik (an Israel) gerechtfertigt sei, ohne Gefahr zu laufen, Antisemit genannt zu werden, bleibt unbeantwortet." (jW 16.12.2003, Thema, "Scharons Hexenküche. Eine verwerfliche Studie über Antisemitismus in Europa", Thomas Immanuel Steinberg).

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